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Paulus und Jesus


Paulus und Jesus

Universität Duisburg-Essen, Fachgebiet Evangelische Theologie

Bornkamm, Günther, (1905-): Paulus. 234-244
http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/lit-Bornkamm1.htm

SCHLUSS: Paulus und Jesus
Es ist das Verdienst der protestantischen Forschung zu Beginn dieses Jahrhunderts, daß sie den Vergleich zwischen Jesus und Paulus, wenn auch mit problematischer Antwort, unter die theologisch-sachliche Frage nach dem Verhältnis beider zueinander, ja unter die Frage nach dem Wesen des Christentums überhaupt gerückt hat. Sie verglich beide also nicht einfach als Gestalten der Geschichte, in diesem Fall der Religionsgeschichte, etwa in der Art, wie schon im hellenistischen Altertum Plutarch von Chaironea (ca. 45-125 n. Chr.; fast noch ein Zeitgenosse des Paulus) in seinem klassischen Werk Bioi Paralleloi (Biographienpaare) je zwei Heroen, Staatsmänner, Feldherrn, Redner usw. der griechischen und römischen Antike konfrontierte. Eine derartige Betrachtungsweise ist bekanntlich bis heute beliebt und wird ebenso auf Denker, Künstler, aber auch auf Religionsstifter, Reformatoren und andere Gestalten der Kirchengeschichte angewendet. Sie kann ohne Zweifel das Verständnis bedeutender Männer der Geschichte fördern und das Urteil über die größeren und geringeren Leistungen der jeweils Verglichenen schärfen. In unserem Fall bliebe ein solcher Versuch jedoch im Vorfeld der von Jesus und Paulus vertretenen Sache und würde den Zugang zu ihr eher verstellen als eröffnen. Ihre Zuordnung und ihr Verhältnis zueinander kämen dabei nicht in den Blick.

Das Ergebnis der kritischen protestantischen Forschung war freilich überwiegend negativ. Sie zeigte vor allem die tiefgreifende Kluft zwischen beiden auf und endete darin, daß nicht der historische Jesus, der bei aller seiner Eigenart aus den Voraussetzungen des Judentums verstanden sein will, sondern im eigentlichen Sinn erst Paulus das Christentum begründet und zu einer Erlösungsreligion gemacht habe, zwar auch unter deutlichem Einfluß jüdischer Denkweise, vor allem aber orientalischheidnischer Anschauungen und Mythen, wie sie zumal in den hellenistischen Mysterienreligionen verbreitet waren. Was an diesen Erkenntnissen richtig oder auch korrekturbedürftig ist, soll hier nicht im einzelnen diskutiert werden. Auch auf eine eingehende Auseinandersetzung mit den theologischen Positionen unserer Väter, die sie auf Grund ihrer religionsgeschichtlichen Forschung vertraten, sei hier verzichtet. Die Strenge, mit der die meisten von ihnen sich in kritischer Freiheit gegenüber der kirchlich-dogmatischen Tradition auf ihr historisches Handwerk beschränkten, hat entscheidend dazu beigetragen, die Frage nach der geschichtlichen Notwendigkeit, vielleicht gar der inneren Legitimität oder auch nach dem Verhängnis und Verfall in der Entwicklung von Jesus zu Paulus in aller Schärfe zu profilieren. Ausgetragen wurden diese Fragen der theologischen Forschung damals nicht nur in Gelehrtenstuben, sondern erreichten auch die breiteste Laienöffentlichkeit. Seitdem ist die viel
umstrittene Parole: »Zurück zu Jesus - weg von Paulus« nicht mehr zur Ruhe gekommen. Mag sie zeitweise wieder abgeklungen und zu einer reinen Theologen - Angelegenheit geworden sein, zumindest unterirdisch hat sie weitergeschwelt, ist zur oft nicht mehr ausgesprochenen, aber heimlichen Grenzbezeichnung der an christliche Traditionen noch Gebundenen und Christentumsfremden und -feindlichen und gerade in jüngster Zeit wieder zum offenen Kampfruf geworden.

Die Frage nach der Einschätzung des Paulus und seiner Botschaft ist freilich uralt. Schon zu seinen Lebzeiten galt er, wie wir sahen, seinen Gegnern als illegitimer Apostel und Verfälscher der christlichen Botschaft. Auch in der weiteren Geschichte der frühen Kirche ist das Urteil über ihn höchst zwiespältig. Noch über eine geraume Zeit hat sich seine strikte Verwerfung als Gegenspieler des Petrus und des Herrenbruders Jakobus auf seiten des Judenchristentums gehalten, ja man scheute in diesen Kreisen nicht davor zurück, ihn mit Simon Magus, dem Haupt aller Ketzerei, gleichzusetzen (Pseudo-Clementinen). Zwar fehlt es seit dem Ende des ersten Jahrhunderts nicht an einigen kirchlichen Autoren, die ihn hoch verehrten und seine Briefe zitierten (1. Clemensbrief, Ignatius von Antiochien, Polykarp). Sonst aber sind es sehr bald gerade die Gnostiker und Sektenhäupter, vor allem Marcion, die ihn für sich in Anspruch nahmen und damit für die Kirche suspekt machten. Er wird darum über Jahrzehnte totgeschwiegen oder aber wie in dem gefälschten 2. Petrusbrief (Mitte des 2. Jahrhunderts) zwar als »lieber Bruder«, aber doch nur mit Vorbehalt erwähnt, weil infolge der Schwerverständlichkeit seiner Briefe »ungebildete und ungefestigte Leute« seine Lehre »zu ihrem eigenen Verderben verdreht haben« (2Petr 3,15 f.). Auch da, wo man ihn wie in der Apostelgeschichte als großen Missionar feierte oder in den Pastoralbriefen das Erbe des Apostels zu bewahren suchte und auch sonst in der altkirchlichen Literatur die Verehrung für ihn laut wird, geht die Entwicklung der Theologie doch in völlig andere Bahnen, ehe er eindeutig und endgültig - wie immer auch domestiziert und modifiziert - von der Großkirche den Häretikern abgerungen und für sie selbst mit Beschlag belegt wurde.

Seit dem vorigen Jahrhundert ist die erklärte Feindschaft gegen Paulus in der Auseinandersetzung zwischen dem Christentum und seinen Gegnern jedoch wieder offen in zahlreichen Stimmen laut geworden, zumeist noch verbunden mit einer - wenn auch durchaus antikirchlichen - Verehrung für die Person Jesu. So bei P. de Lagarde, dem Vorkämpfer einer »deutschen Religion« und »nationalen Kirche<, der die verhängnisvolle Entwicklung des Christentums darauf zurückführt, »daß ein völlig Unberufener (Paulus) Einfluß auf die Kirche erhielt«. Grimmiger noch und mit eindrucksvollerer Kraft hat F. Nietzsche in seinem »Antichrist« die ganze Geschichte des Christentums als die einer »unaufhaltsamen Korruption« zusammengefaßt: »Im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. Das >Evangelium< starb am Kreuz. Was von diesem Augenblick an >Evangelium< heißt, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine >schlimme Botschaft<, ein Dysangelium«. »Der >frohen Botschaft< folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus.« Er hat diesen Prozeß »mit dem Logiker-Zynismus eines Rabbiners« bereits zu Ende geführt. In ihm »verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum >frohen Botschafter<, das Genie im Haß ... Was hat dieser Dysangelist alles dem Hasse zum Opfer gebracht! Vor allem den Erlöser: Er schlug ihn an sein Kreuz. Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums. - Nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Haß begriff, was allein er brauchen konnte.« Es würde nicht schwer fallen, aus der weiteren Literatur den Chor dieser Stimmen durch die Namen geringerer Geister zu vermehren bis hin zu A. Rosenbergs peinlich erinnerlichem »Mythus des 20. Jahrhunderts«.

In neuester Zeit ist die Parole »Jesus - nicht Paulus« geradezu zu einer Kurzformel geworden, mit der in der neu entfachten Kontroversdiskussion zwischen Judentum und Christentum sich die beide trennende Scheidelinie in knappster Weise markieren läßt. Daß dieses Glaubensgespräch seit dem Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder in Gang gekommen ist, und zwar gerade auch dank der Initiative von jüdischer Seite, ist gewiß alles andere eher als selbstverständlich angesichts des Schuldanteils an den unsäglichen Leiden des jüdischen Volkes, den die christlichen Kirchen durch eine fast Jahrtausende alte Geschichte mit auf sich geladen haben, auch wenn der Ausbruch des grauenhaften Judenhasses in den vergangenen Jahrzehnten seine Triebkräfte gewiß nicht nur aus »christlicher« Tradition, sondern zugleich aus vielen anderen dunklen a-christlichen und antichristlichen Gründen gesogen hat. Beide, Juden und Christen, wurden darum ja auch, als die Maske fiel, unter dem wilden Angriff gegen den Glauben, der - seltsam genug - sie verbindet und scheidet, wenn auch völlig unvergleichbar im Ausmaß, zu Gefährten desselben Pariaschicksals. Auf diesem Grund ist das noch erst fragmentarische Gespräch erwachsen unter der von M. Buber in einem seiner letzten Bücher ausgesprochenen Hoffnung, daß beide sich einander Ungesagtes zu sagen und eine kaum vorstellbare Hilfe zu leisten hätten.

Die Probleme dieser jüngsten Gesprächsphase sind hier nicht im einzelnen zu erörtern. Doch ist ihr Hauptkennzeichen offensichtlich dies, daß in ihr die Vertreter des Judentums (M. Buber, L. Baeck, H. J. Schoeps, Schalom ben-Chorin u. a.) Jesus als einen der großen jüdischen Propheten und ihren Bruder, wenn auch nicht als den Messias bezeichnen, während Paulus einem illegitimen, apokalyptischen und hellenisierten Judentum, erst recht aber heidnischen, griechisch-orientalischen Mythen und Anschauungen zum Opfer gefallen sei und damit für den verhängnisvollen Gegensatz von Judentum und Christentum und die gegenüber Jesu eigener Predigt und dem echten Judentum verfremdete Lehrtradition der Kirche die eigentliche Verantwortung trage. Dabei werden viele bekannte Argumente von einst, wenn auch jetzt im einzelnen variiert und unter völlig gewandelten Voraussetzungen, von neuem ins Feld geführt: die Abrogation von Gesetz und Beschneidung; die Pervertierung des Glaubens Jesu in einen Glauben an Jesus Christus; die Proklamation der in ihm schon gegenwärtigen eschatologischen Heilszeit, die durch alle Erfahrungen in Welt und Geschichte täglich widerlegt wird, und somit die Preisgabe der Hoffnung Israels; schließlich die Lösung des einzelnen aus dem bergenden Schoß von Volk, Geschichte und Welt, ja deren Nichtanerkennung als Schöpfung und ihre Dämonisierung.

Der jüdische Hintergrund der paulinischen Theologie und die eifernde Liebe des Apostels für sein Volk wird dabei nicht bestritten, aber statt einer »Rejudaisierung« der Botschaft Jesu, die man ihm früher zum Vorwurf machte, wird ihm jetzt das Ausbrechen aus den im Judentum streng bewahrten Grenzen vorgehalten; dies hat ihn um der Heiden willen zum Opfer eines heidnischen Synkretismus werden lassen.


Neuestens ist E. Bloch (»Atheismus im Christentum«, 1968) zu diesem Chor gestoßen, freilich nicht als Verfechter des Gottesglaubens, sondern als sein leidenschaftlicher Bestreiter. Auch er mit der Bibel, ja unter intensiver Berufung auf den »Rebellen und Erzketzer« Jesus, als Anwalt der in beiden Testamenten noch kaum entdeckten subversiven Kräfte, die zugunsten des Menschen und der Welt sich gegen »Jahwe« und die priesterlich gehüteten theokratischen Traditionen und Ordnungen aufbäumen; als dezidiert atheistischer Wortführer der dieser Welt geltenden apokalyptischen Utopie im Sinne von K. Marx ebenso genial in manchen seiner Formulierungen und in dem Gespür für den eschatologischen Grundzug in Jesu Predigt vom nahenden Gottesreich wie gewalttätig in Konzeption und Interpretation. Wie zu erwarten werden hier, nicht gerade mit dem jüdischen Denkern wie L. Baeck und M. Buber eigenen Maß und ihrer Weisheit, um so mehr mit der den marxistischen Philosophen kennzeichnenden Maßlosigkeit und unter grotesken Verzerrungen die Kübel des Zorns über Paulus ausgegossen: über seine archaische Vorstellung eines molochhaften Gottes, der das Opfer seines eigenen Sohnes fordert, um das Sündengebet der Menschheit zu tilgen; über den Ersatz der sozial gefährlichen apokalyptischen Erwartungen Jesu durch eine illusionäre, in Innerlichkeit und Jenseitigkeit abgedrängte, zugleich kultischsakramentale Heilsgegenwart mit Hilfe seiner Opfertodtheorie und einem heidnischen Naturmythen entlehnten Auferstehungsmysterium. Jesu Reichsbotschaft sei damit neutralisiert, ihrer Kraft beraubt. Im Zeichen des Kreuzes werden die Gläubigen nunmehr nur noch zur Geduld, Geduld und zumal zum Gehorsam gegen die Obrigkeit aufgerufen - das Ganze ein »Christentum«, in dem die Eschatologie an ihrer Quelle »gedrosselt« sei, das im Jammertal dieser Welt sich eingerichtet und mit ihren politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen unter dem »merkwürdigen Mischaspekt von Vergänglichkeit und Unveränderlichkeit« seinen Frieden geschlossen hat. »Der Wille zum Auszug oder Einbruch ins Reich« sei durch den Konservativismus des Paulus gebrochen, der »Menschensohn« nun durch den »Sohn Gottes« abgelöst und so durch Paulus eine heidnische, zuletzt gar byzantinische Kyrios- und »Hoftheologie um, über, gegen Jesus« inauguriert.

So etwa stellt sich die Lage dar, in der heute die Frage Jesus - Paulus erneut aufgebrochen ist. Es wäre ebenso unmöglich wie aussichtslos, im Rahmen dieses Schlußkapitels noch einmal eine detaillierte apologetische Erörterung der zuletzt genannten, aber auch der zuvor aufgezählten Einwände und Angriffe gegen Paulus versuchen zu wollen. Wenn die in diesem Buch gegebene Darstellung nicht bereits wenigstens einige der gegen den Apostel ins Feld geführten Argumente entkräftet und notorische Verzeichnungen zurechtgerückt hat, käme eine solche apologetische Bemühung jetzt ohnehin zu spät. In jedem Fall sollte die nicht zur Ruhe kommende Polemik gegen Paulus, ob maßvoll oder vergröbert, die von ihm selbst geweckte Unruhe kräftig wachhalten und die Befremdlichkeit der urchristlichen Botschaft überhaupt und zumal des paulinischen »Wortes vom Kreuz«, »den Juden ein Skandalon und den Griechen eine Torheit« (l Kor 1,23), und damit das Odium, dem das Evangelium in jedem Fall ständig ausgesetzt bleibt, heilsam zu Bewußtsein bringen. Diese Polemik zeigt allerdings, daß der Glaube unbeweisbar ist und die Christusbotschaft ihre Gründe in sich selbst trägt, nicht von außen bezieht. Alles liegt an der Frage, auf die für Paulus wie für die Urchristenheit der Gekreuzigte und Auferstandene selbst die Antwort war - die Frage nach der Bedeutung der Gestalt und Geschichte Jesu Christi als der ein für allemal gültigen Tat Gottes, die über die Welt und über uns entschieden hat und entscheidet.

Mit dieser dezidiert nachösterlichen Formulierung ist, wie sofort deutlich wird, nur noch einmal mehr die umstrittene Differenz zwischen Verkündigung und Wirken des irdischen Jesus und der Christusbotschaft der späteren Gemeinde fixiert, von der wir im Eingang unserer Darstellung der paulinischen Theologie bereits gesprochen haben. Es ist durchaus sachgemäß, daß die Pauluskritik von jeher auf dieser Differenz insistiert und von hier aus die Frage nach Legitimität und Illegitimität des christlichen Glaubens überhaupt beständig von neuem gestellt wird. Der Glaube selbst kann in seiner Begründung und Rechtfertigung nirgend anderswo seinen Standort suchen als dort, wo ihm sein Recht von seiten des Unglaubens bestritten wird. Der Unterschied zwischen Jesu Botschaft und dem Kerygma der späteren Gemeinde ist in der Tat evident, auch wenn bereits die in den Evangelien gesammelte und verarbeitete Jesusüberlieferung Spuren genug dafür aufweist, daß man nachträglich im Rückblick kerygmatische Züge in die Verkündigung des irdischen Jesus eingetragen hat.

Als ein verhängnisvoller Abfall- und Pervertierungsprozeß muß dieser Wandel sich zwangsläufig für eine Betrachtung darstellen, die sich primär und ausschließlich an einem zeitlosen Ideen- und Gedankengut in Jesu Verkündigung und der seiner späteren Zeugen orientiert. Doch scheitert eine solche Denkweise, so selbstverständlich und geboten sie uns aus langer Tradition erscheinen mag, schon am »historischen« Jesus. Denn auch in seiner revolutionären Kritik an den herrschenden Traditionen, sowie an der Lehre und Frömmigkeitspraxis seines Volkes steht Jesus nach dem Gedankengut seiner Predigt dem, was schon in der Botschaft der Propheten vor ihm und der weisheitlichen Überlieferung des späteren Judentums seinen Niederschlag gefunden hat, viel näher, als man lange Zeit glaubte. Diese völlig richtige Erkenntnis hat die Vertreter des modernen Judentums veranlaßt, nicht ohne Grund Jesus als Propheten ihres eigenen Volkes für sich in Anspruch zu nehmen. Die Tatsache, daß Jesus vor allem mit Johannes dem Täufer engstens zusammengehört, dessen Botschaft, Vollmacht und Bedeutung Jesus selbst, ohne ihn zum bloßen »Vorläufer« zu degradieren, in mehreren seiner Worte ausdrücklich anerkannte, hat das Matthäusevangelium durchaus sachgemäß in der wortgleichen Zusammenfassung der Botschaft beider zum Ausdruck gebracht (vgl. Mt 3,2 mit 4,17). Sie zeigt, daß beide, der Täufer und Jesus, auch und gerade in der Ankündigung der nahe herbeigekommenen Gottesherrschaft und im Aufruf zur Umkehr übereinstimmen. Für diese Botschaft aber hat schon der Täufer keineswegs nur entrüstete Ablehnung erfahren, vielmehr das Ohr seines Volkes gefunden. Sie allein hätte gewiß auch Jesus nicht Todfeindschaft und Kreuz eingetragen. Wohl aber hat sich offenkundig diese Feindschaft daran entzündet, daß in ihm selbst, seinem Wort und Handeln heute schon und jetzt die Zeit des Heils und Gerichts anbrechen soll. Schon ist der Stärkere da, der die Macht des Satans vernichtet und ihm seine Beute entreißt (Mk 3,27); schon gilt: »Wenn ich mit dem Finger Gottes Dämonen austreibe, so ist ja die Herrschaft Gottes schon zu euch gelangt« (Lk 11,20). Die Botschaft, daß Weltende und Gottesreich nahe seien, ließ sich, wie die spätjüdische Apokalyptik beweist, in großen theologischen Konzeptionen verarbeiten und hat keinen ihrer Vertreter in Verruf gebracht. Auch Begriff und Lehre von einem gnädigen Gott ließ sich in der Theologie des zeitgenössischen Judentums sehr wohl unterbringen. Aber daß es unter dem Wort und Wirken Jesu Wirklichkeit sein und gelten sollte: »Kind, dir sind deine Sünden vergeben« (Mk 2,5), diese von keiner priesterlichen und schriftgelehrten Autorität mehr getragene und gesicherte »Vollmacht« war Blasphemie. Die nicht mehr nur gepredigte, sondern voll- zogene, wahrhaft revolutionäre Infragestellung aller geheiligten Traditionen und Ordnungen, die Aufsprengung aller Grenzen zwischen Rein und Unrein, Gerechten und Ungerechten, die Proklamation dieses »Heute« und »Jetzt« unter dem weltenwendenden eschatologischen Horizont des nahenden Gottesreiches rief Jesu Gegner auf den Plan und hat ihm das Verdikt des Empörers eingetragen (das hat mit der ihm eigenen Vehemenz E. Bloch wie wenige zur Sprache gebracht, wenn auch in gewaltsamer Verzerrung atheistisch-utopisch interpretiert).

Für Jesu Feinde war aus diesem Hier und Heute sehr schnell ein unwiderrufliches Gestern und Dort geworden, eine Episode, ein ärgerlicher Zwischenfall für Juden und Römer, keiner Frage mehr wert. Eine bittere Frage aber für Jesu jünger, wie die Geschichte der Emmausjünger zeigt (Lk 24,13 ff.): das Ende einer Hoffnung, das Vergehen einer Sternstunde ihres Volkes. Gekommen war nicht die Erlösung Israels, sondern die Welt und der unerbittliche Gang ihrer Geschichte waren geblieben. In dieser Erfahrung war für sie Ostern, der gekreuzigte, auferstandene und gegenwärtige Herr selbst die Antwort.

In welchen christologischen Hoheitsnamen das in den Bekenntnissen der späteren Gemeinde seinen Ausdruck fand, die Stufen und Schritte, in denen Jesu Predigt und Geschichte sich zur nachösterlichen Christusbotschaft, in die er selbst eingegangen und zu ihrem Grund und Inhalt geworden war, wandelte, ist hier nicht des näheren zu erörtern. Das gilt auch für die zureichenden oder anfechtbaren, zeitbedingten und uns heute kaum noch verständlichen, aber auch für die durchaus sachgemäßen, unaufgebbaren Vorstellungen und Kategorien des Denkens, in denen der urchristliche Glaube sich sehr verschieden aussprach und entfaltete, auch wenn sie in jedem Fall ständig neuer Übersetzung und Interpretation bedürfen. Geschichte und Botschaft des Paulus haben gezeigt, aber auch die Geschichte der Theologie zeigt es bis heute, wie sehr Paulus als Interpret des urchristlichen Kerygma an diesem Prozeß des Verstehens Anteil hatte, aber auch wie er selbst in und mit seiner Theologie Auslegung und Aneignung immer neu herausforderte. Die Fragen nach dem rechten Verständnis des Heilsgeschehens, vor die er sich gestellt sah und die er selbst für die Zukunft weckte, sind nicht zur Ruhe gekommen, und schrecklich zu denken, sie kämen zur Ruhe. So ist es kein Wunder und nur gut, daß er bis heute in dem Feuer kritischer Auseinandersetzungen steht und hoffentlich bleiben wird.


Recht und Sinn eines Vergleiches der Verkündigung Jesu und der Botschaft des Paulus sind mit dem bisher Gesagten nicht bestritten. Doch wird ein solcher Vergleich jetzt nicht mehr nur fragen, ob und inwiefern in der Botschaft des Apostels gleiches Gedankengut wie in Jesu Predigt wiederkehrt und aufbewahrt ist. Von vornherein und durchgängig will vielmehr der geschichtliche Standort und die durch das Ende Jesu am Kreuz und die Gegenwart des lebendigen Herrn im Geist heraufgeführte neue Zeit- und Weltsituation bedacht werden, die Paulus wie keiner vor und nach ihm im Urchristentum durchreflektiert und entfaltet hat. Bei aller so bedingten Verschiedenheit von Inhalt, Denkweise und Sprache stimmt die Botschaft beider darin überein, daß sie auf den Menschen und seine Welt zielt, d. h.: auf Mensch und Welt vor Gott und das Verhalten Gottes zur Welt.

In der paulinischen Botschaft wird dabei der Mensch nicht einfach als ein moralisches Scheusal verstanden, so wenig wie die Welt schlechthin gnostisch-dualistisch als Teufelsreich abqualifiziert wird. Gegenüber derlei Tendenzen, die dem Apostel von seiten seiner enthusiastischen Gegner reichlich begegneten, verteidigte gerade er sie als Gottes mit dem Menschen, seiner Geschichte, seiner Gegenwart und Zukunft auf Gedeih und Verderben verbundene Schöpfung. Wohl aber weiß Paulus, daß der Mensch »gottlos« (asebes) ist, ohne doch Gott loszuwerden, von ihm zum Leben gerufen und doch zum wirklichen Leben vor ihm nicht fähig. Das sagt nach Paulus das ebenso wie in Jesu Predigt im Liebesgebot zusammengefaßte Gesetz allen, auch und gerade denen, die durch »Werke« oder »Weisheit« durchzustoßen vermeinen. Erst recht aber sagt seine Botschaft, daß Gott diesen Menschen nicht preisgegeben, sondern gefunden und befreit hat im Glauben, unter Verzicht auf eigene Größe und »Ruhm« und ohne zuvor Bedingungen zu stellen und Vorleistungen zu fordern, und seien es die bestimmter Überzeugungen über die Existenz Gottes und eine jüdische oder christliche Weltanschauung.

Von hier aus wird deutlich, daß die paulinische Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade in Jesu Zuwendung zu den Gottlosen und Verlorenen ihre Entsprechung hat. Hier wie dort geht es dabei nicht um einen Gottesbegriff, die Idee des vergebenden Gottes, sondern um Ausrichtung und Vergegenwärtigung - in des Wortes voller Bedeutung von dem, was jetzt geschieht und was die Stunde geschlagen hat: die Herrschaft Gottes »schon in eurer Mitte« (Lk 17,20); »die Fülle der Zeit« (Gal 4,4). In Jesu Verkündigung und Wirken wie für Paulus bedeutet das Heil Befreiung als Ereignis und Wunder. Die Menschen, die Jesus umgeben und ihm begegnen, sind in aller ihrer Verschiedenheit gleichermaßen durch eine abgründige Unfreiheit gekennzeichnet: in Krankheit, Besessenheit, Schuld, aber auch als Gefangene ihrer religiösen Konventionen und Traditionen, ihrer Frömmigkeit und Zukunftsträume. Wo immer Jesus ihnen begegnet, wird diese ihre Unfreiheit erst eigentlich offenbar, und wo er sein Wort spricht und seine Taten vollbringt, geschieht die Befreiung von der Last ihrer Vergangenheit wie von der Zukunft, auf die sich ihr Sorgen und Eifern richtet. So ist die nahende Gottesherrschaft - auf Erden, nicht in einem jenseits (hier hat E. Bloch völlig recht!) - schon im Anbrechen. Die eigentlich Bedrohten und Verlorenen sind darum auch in Jesu Botschaft die »Frommen«, die der Umkehr nicht bedürfen, der Pharisäer im Tempel (Lk 18,9 ff.), der murrende ältere Bruder des verlorenen Sohnes (Lk 15), die Arbeiter im Weinberg, die das größere Maß geleisteter Arbeit und damit den höheren Anspruch auf Verdienst ihrem Herrn vorrechnen (Mt 20, 1 ff.).

Paulus hat an diese und ähnliche Worte des irdischen Jesus nicht unmittelbar angeknüpft. Alles deutet sogar darauf, daß er sie nicht einmal gekannt hat. Man darf getrost die vielen vielleicht überraschend und paradox erscheinende Behauptung aussprechen, daß trotz der fast 2000 Jahre Abstand wir heute aller Wahrscheinlichkeit nach mehr über den geschichtlichen Jesus wissen, als Paulus von ihm wußte. Gleichwohl hat er auf Grund dessen, was er von ihm wußte, seines Todes am Kreuz und seiner Auferstehung, das befreiende Werk Christi ausgerufen und ihn selbst als das bestätigende »ja und Amen« der göttlichen Verheißungen verstanden (2Kor 1, 17ff.). Jesus in seiner Zuwendung zu den Sündern und Zöllnern und Paulus in seiner Botschaft und seinem missionarischen Wirken unter den Heiden haben damit gleicherweise die Schranken der Leistungen und vermeintlichen Privilegien durchbrochen.

Nach der Botschaft beider, Jesus und Paulus, ist die »Freiheit der Söhne Gottes« noch verborgen; die Vollendung steht noch aus. Ihrer beider Predigt ist darum von dem Aufruf zum Wachen, Bereitsein zu Leiden und Anfechtung durchzogen. Wachen und Bereitschaft aber nicht ins Ungewisse, auch nicht im Entwurf auf eine apokalyptische Utopie, in einer Hoffnung, die der Mensch »noch am Grabe aufrichtet«, sondern im Lichte des mit Jesus Christus angebrochenen neuen Tages.

Nach allem Gesagten sollte es kaum eines Wortes darüber bedürfen, daß Paulus von Grund auf mißverstanden ist mit dem oft gehörten Vorwurf, er habe sich mit seiner Theologie zwischen Jesus und die Christenheit gedrängt und durch seine »komplizierte« Heilslehre eine neue Schranke zwischen Gott und Mensch aufgerichtet. Der Autor des Epheserbriefes hat die Intentionen der paulinischen Botschaft sachgemäßer verstanden'. Sie zielt auf nichts anderes als die Verkündigung, daß Christus »die Scheidemauer des Zaunes (zwischen Gott und Mensch, aber auch Juden und Heiden) niedergerissen hat« (Eph 2,14).

Es wäre ein Trug zu meinen, daß in den hier ausgesprochenen Gedanken Paulus und seine Theologie einfach und lückenlos aufgingen. Es bleibt genug und übergenug an seiner Gestalt und Theologie dunkel und rätselhaft. Man mag dies oder das nennen und in den Vordergrund rücken: viele seiner traditions- und zeitbedingten Vorstellungen in seiner Lehre von Gesetz und Heil; die Befremdlichkeit seiner unerfüllt gebliebenen Naherwartung; sein oft in Abgründe vordringendes theologisches Denken; seine hier und da ans Artistische, um nicht zu sagen Abstruse grenzende Schriftauslegung (auch hier ist er freilich ein Sohn seiner Zeit). Dazu die höchst unbequemen Züge seiner Menschlichkeit: die harte, jähe und unerbittliche Entschlossenheit seiner Entscheidungen; die Leidenschaft seiner Ausbrüche in seinen Briefen; die wahrscheinlich mehr als einmal ungerechte Beurteilung seiner Gegner; der Sturm seines Vorwärtsdrängens; die phantastisch anmutende Weite seiner Ziele und was dergleichen mehr ist. Größe und Grenze gerade dieses Apostels liegen wie nur je hart beieinander. Mit seinen Ecken und Kanten sprengt er Klischee und Rahmen jedes Heiligenbildes. Nichts anderes aber wird in alledem sichtbar als die Wahrheit seines eigenen Wortes: »Wir haben aber diesen Schatz in tönernen Gefäßen« (2Kor 4,7). Eins ist so wahr wie das andere: in tönernen Gefäßen - den Schatz.