Homepage Roland Sinsel

Erlösung



Erlösung Ganzheitliche Heilungsprozesse in Jesus Christus
Einige Aspekte einer zeit- und kontextbezogenen christlichen Erlösungslehre

http://www.theologie-beitraege.de/erloesung.pdf

Vortrag bei der Jahreskonferenz der katholischen Religionslehrer/innen an
beruflichen Schulen der Diözese Augsburg am 11. April 1997 in
St. Ottilien1 - von Herbert Frohnhofen, Mainz

Vielleicht ist es auch Ihnen aufgefallen, meine sehr geehrten Damen und Herren: Als vor rund eineinhalb Jahren vor allem hier in Bayern der Streit um das Kruzifix im Klassenzimmer ausgefochten wurde, war zwar sehr viel von Kultur, Tradition und Gewohnheit die Rede, ausgesprochen selten hingegen war ein theologisches Argument zu hören. Warum eigentlich? Könnte es sein, daß selbst vielen Christen und Christinnen die mit dem Kreuz verbundene Erlösungsbotschaft zu wenig klar ist, um sie öffentlich in die Waagschale werfen zu können? Eine solche Vermutung wird gestützt durch eine Äußerung des Theologen VIKTOR HAHN, der bereits 1982 formulierte: "Die Glaubensaussage von der Erlösung des Menschen, gar der Welt, durch Jesu Tod und Auferstehung gilt heute weitgehend als typische theologische Leerformel, deren Bezug zu menschlicher Existenz nicht mehr erfahrbar erscheint." Auch heute, so meine persönliche Erfahrung, ruft die christliche Rede von Erlösung angesichts einer offensichtlich weitgehend unerlösten Welt beileibe nicht nur Nachdenklichkeit hervor, sondern trifft oftmals eher sogar auf zynisches Gelächter oder die Frage, ob man bitteschön denn noch ganz bei Trost sei. - Auf der anderen Seite steht die Tatsache, daß die Rede von der Erlösung durch Jesus Christus theologisch oftmals als >Quintessenz des christlichen Glaubens< überhaupt bezeichnet wird, ja daß - um es mit dem emeritierten Fundamentaltheologen DIETRICH WIEDERKEHR aus Luzern zu formulieren - (christliche) Theologie (im weiteren Sinne) selbst Soteriologie - also Erlösungslehre - ist. Dies bedeutet dann aber, daß der christliche Glaube insgesamt und wesentlich als eine bzw. die - in Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi gründende - Erlösungs- und Befreiungsbotschaft schlechthin verstanden werden kann, darf und muß.
Wenn nun aber die Rede von Erlösung für unseren Glauben so zentral ist, dann ist die offensichtliche Tatsache, daß selbst "Christen", wie der emeritierte Tübinger Dogmatiker PETER HÜNERMANN es formuliert hat,"nichts Rechtes zu antworten wissen auf die Frage, wovon sie eigentlich erlöst seien..., (nicht nur) ein nachdenklich stimmendes Faktum", sondern es fordert uns dazu heraus, zeit- und situationsgemäße Aussageweisen unseres Erlösungsglaubens zu suchen und zu entwickeln. Ansonsten besteht die Gefahr, daß nicht nur ein zentrales Lehrstück unseres Glaubens, sondern unser Glaube selbst weiteren Schaden in Bezug auf seine Glaubwürdigkeit in einer heute zu Recht sehr kritisch gewordenen Öffentlichkeit erleidet. Wie aber ansetzen, um einige sinnvolle Bemerkungen zur christlichen Erlösungslehre in unserem Kontext zu versuchen? Am Beginn steht eine kurze Vergewisserung darüber, in welchem Kontext wir heute mit der Frage nach Erlösung konfrontiert sind (I). Daran anschließend schauen wir auf das uns biblisch zugesagte und vollständig in Aussicht gestellte Heil (II). In einem dritten Abschnitt behandeln wir unterschiedliche Verständnisse und Interpretationen der Erlösung, wie sie historisch und gegenwärtig formuliert werden (III). Der vierte Abschnitt diskutiert die Frage, wie wir selbst an der Erlösungsbotschaft teilhaben können (IV), bevor einige Bemerkungen zur eschatologischen Dimension der Erlösung diese Ausführungen abschließen (V). Das Ganze freilich soll durch die bereits an dieser Stelle formulierte Ausgangsthese umgriffen sein: Wichtigstes Moment eines heutigen Erlösungsverständnisses scheint es mir zu sein, Erlösung und Befreiung in Jesus Christus als im gegenwärtigen, alltäglichen Leben erfahrbare ganzheitliche Heilungsprozesse zu begreifen und wiederzuentdecken.
I. Der Kontext jeder Erlösungsbotschaft: Erlösungsbedürftigkeit und -fähigkeit
Daß unsere Welt als ganze ebenso wie wir als Individuen einer wie immer gearteten Erlösung bedürftig sind, steht außer Frage. Zu vielfältig sind die täglichen Horrormeldungen über Kriege, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Massaker, Ökokatastrophen usw. einerseits wie unser tägliches Erleben von Mißgunst, Streit, Betrug, Mobbing, Mord, Ehebruch usw. andererseits.Fragwürdig ist für viele Zeitgenoss(inn)en deshalb heute allein, ob wir der Erlösung überhaupt fähig sind. Zeigt denn nicht die alltägliche Erfahrung, daß bei allem Mühen und Handeln, bei allem Predigen und Lehren, bei jedem vorbildhaften Verhalten sich letztlich das Böse und Gewalttätige, das Verletzende und Zerreißende doch wieder Bahn bricht und in allzu vielen Fällen offensichtlich auch die Oberhand behält? Bleibt deshalb letztlich nicht nur die Resignation, das sich Abfinden mit dieser so abscheulichen Welt, oder ggf. das zeitweise sich Einrichten in einer Nische des privaten Glückes und der Selbstzufriedenheit? In der Tat: Ein wohlfeiler Zynismus scheint sich in manchen Kreisen unseres Volkes breit zu machen; ein Zynismus, der dazu bereit scheint, sich abzufinden mit dem Elend dieser Welt, mit Ausbeutung und Vertreibung, mit Unterdrückung und Gewalttat, mit Ozonloch und Klimaveränderungen; und dies weil wir ja selbst - in der >Festung Europa< - zumeist noch auf der Sonnenseite dieser Weltgeschichte leben, das vielfache Elend zwar registrieren und uns medial tagtäglich vorführen, uns selbst aber oft hiervon vielfach nicht (mehr) betreffen lassen. Sollen wir also Wege der Veränderung nicht einmal mehr suchen und die Hoffnung auf eine ganzheitliche Vollendung der Welt lieber als gescheitert aufgeben? Ein solcher resignierender Zynismus ist zweifellos die regressivste aller möglichen Reaktionen auf das Elend in dieser Welt. Christlicher Glaube und christliches Hoffen hingegen gehen - wider die vielfältige tägliche Erfahrung - von der Fähigkeit und Möglichkeit unserer Erlösung aus. Zwar entspricht es (auch) seiner Perspektive, daß wir alle - und zwar als Täter und Opfer zugleich - abgrundtief in sündhafte, sprich strukturell gewalttätige, lebenschädigende und -vernichtende Strukturen eingebunden sind. Doch liegt ihm die Hoffnung, der Glaube, ja und in Ansätzen auch die Erfahrung zugrunde, daß diese abgrundtief verfahrene Situation nicht das letzte ist und das letzte bleiben muß. Christliches Glauben und Hoffen geht deshalb trotz all unserer täglichen Erfahrung davon aus, daß (1) diese Welt prinzipiell als gute gewollt und konzipiert ist, (2) ein Weg zu ihrer Erlösung anfanghaft bereits beschritten wurde sowie (3) ihre Vollendung irgendwann hoffentlich auch erreicht sein wird. Was aber ist das Heil für uns Menschen und die Welt?
II. Das uns von Gott zugesagte und eschatologisch vollständig in Aussicht gestellte Heil
Wenn nach Erlösung für den Menschen und die gesamte Schöpfung gefragt wird, muß zunächst die Frage im Mittelpunkt stehen, was eigentlich das Heil ist, auf das hin Erlösung erhofft wird. Dies scheint auf den ersten Blick allerdings eine überflüssige Frage zu sein. Ist uns nicht allen klar, was das Heil für uns wäre? Keine Kriege, keine Natur- und Ökokatastrophen, keine Krankheiten, keine Gewalttaten, kein Mord und kein Ehebruch; stattdessen Gesundheit und Wohlstand, intakte menschliche Beziehungen und Umwelt, langes Leben usw. Und doch: die biblische Botschaft macht uns darauf aufmerksam, daß nicht nur unser Heil selbst, sondern bereits das Wissen darum durch unsere Sünde und die hieraus sich ergebenden strukturellen individuellen und kollektiven Fehlorientierungen getrübt ist. Darum - so heißt es - wissen wir nicht einmal, worum wir in rechter Weise überhaupt beten sollen; doch der Geist Gottes nimmt sich unserer Schwachheit an und tritt selber für uns ein; er ist uns Beistand und lehrt uns, worin unser Heil wirklich besteht (vgl. Röm 8,26f; Joh 14,26). Erst mit dem Leben im Geiste Gottes, d.h. auch in der Gemeinschaft der im Geiste Gottes Lebenden werden mithin von uns selbst nicht durchschaute und durchschaubare Fehlorientierungen in unseren Lebenshaltungen und -strebungen bewußt und dann auch abgebaut, erst hierdurch erwächst in uns ein Bewußtsein um die tatsächlich heilsame Orientierung unseres Lebens.
1. Die biblische Sicht und Beschreibung unseres Heiles Biblisch wird betont, daß das Bestehen und Erleben eines Heilszustandes für die Menschen und die gesamte Schöpfung davon abhängig ist, daß die Menschen Jahwe als die >Quelle des Lebens< (Ps 36,10) anerkennen und seinen Weisungen folgen.Lohn dafür ist das (als sinnvoll und reichhaltig erlebte) Leben selbst, das Gottes Gnade ist (Dtn 30,19f; Ez 18,4-9). Wer in der Gemeinschaft mit Jahwe lebt, dem schenkt er ein erfülltes Leben, für das auch der Tod nicht Abbruch, sondern reifen Abschluß bedeutet (Ijob 5,26; Gen 25,8; 35,29). Das Lebensglück wird in der Gemeinschaft mit Gott gesehen, die auch der Tod nicht zerstören kann (Ps 73,23-28). Dies wird neutestamentlich durch die Betonung unseres heilvollen Lebens im Heiligen Geist Gottes unterstrichen, der uns durch Jesus Christus mitgeteilt worden ist. Dieser Geist Gottes ist es, der uns ein neues Gottesverhältnis schafft, der uns nicht zu Sklaven, sondern zu Söhnen und Töchtern Gottes macht (vgl. Röm 8,14-16), uns also - soweit wir dies nicht durch die Sünde selbst wieder zerstören - in so engem Kindschaftsverhältnis zu Gott leben läßt, wie es auch Jesus zuteil war. Hieraus resultiert dann - individuell - ein Selbstbewußtsein der eigene Freiheit und Würde sowie - kollektiv - ein Zustand der Gerechtigkeit, der gegenseitigen Liebe und Achtung, das sogenannte >Reich Gottes<. Alle übrigen, lebensnotwendigen Güter werden uns als Folge dieses Zustandes bzw. dieser Lebensorientierung mit hinzu gegeben.

2. Historische Verfälschung
Historisch hat es den christlichen Glauben schwer belastet und belastet ihn bis heute, daß seine Heils- und Hoffnungsperspektive vielfach - vor allem in weiten Teilen der Volksreligiosität - allein oder doch in einem sehr hohen Maße in ein imaginäres >Jenseits< projiziert worden ist. Diese Tatsache hat ja bekanntlich nicht nur zu extremer Heilsangst, magischem Sakramentenverständnis und schwunghaftem Ablaßhandel im Spätmittelalter geführt sowie damit u.a. zur Reformation und zur Spaltung der europäischen Kirchen; sondern sie hat zudem die Feuerbach' sche Christentumskritik provoziert, zum Marx' schen Diktum vom >Opium für das Volk< und damit zur Grundlage der Abwendung vieler >aufgeklärter< Mitteleuropäer vom christlichen Glauben überhaupt Anlaß gegeben. Vor allem aber hat sie Sinn und Bedeutung des christlichen Glaubens als ganzem für viele dramatisch und nachhaltig verdunkelt. Allzu schwer fällt es vielen deshalb noch heute, den christlichen Glauben als Heilsperspektive gerade für dieses konkrete und gegenwärtige Leben zu verstehen und zu vermitteln. Damit soll natürlich nicht die faktisch gegebene und schmerzlich bewußte Differenz zwischen gegenwärtigem Unheil und dem erst – von Gott - zu erwartenden zukünftigen Heil eingeebnet oder geleugnet werden.


3. Gegenwärtige Perspektiven und Fragen
Für die Menschen in unserem Land scheint es heute - auch aufgrund teilweise problematischer Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend - nicht immer leicht zu sein, zu verstehen, wie das biblisch in Aussicht gestellte Heil und der damit verbundene Auftrag, in der Gemeinschaft mit Gott resp. in seinem durch Jesus Christus vermittelten Geist zu leben, praktisch realisiert werden kann. Soll dies etwa heißen, so fragen viele, in erster Linie die Gebote und Verbote zu beachten, die die katholische Kirche (z. B. im Bereich der Sexualmoral) aufstellt und die nicht wenige Zeitgenoss(inn)en schon in ihrer Jugend eher als einschränkend und belastend denn als erlösend und befreiend erfahren haben? Oder soll dies heißen, sich einer streng monarchisch und klerikal organisierten Kirchenstruktur zu unterwerfen, in der für viele - nicht nur Frauen - oft der Eindruck entsteht, selbst nicht zu zählen, viel zu wenig Mitwirkungsmöglichkeiten zu haben und allein von >oben< regiert zu werden? Oder gibt es ganz andere Schwerpunkte dessen, was es heute heißen kann, in der Gemeinschaft mit Gott und seinem Geist zu leben? Anders gefragt: Womit soll und will der jüdisch-christliche Gott und das von ihm uns angebotene Heil heute in Verbindung gebracht werden? Eher mit der Vorstellung eines niederdrückenden Zwangssystems, gegen welches Menschen sich auf die Dauer auflehnen, wie es zuletzt die politischen Umbrüche in den osteuropäischen Staaten vor Augen geführt haben? Oder wäre dieser Gott nicht vielmehr zusammenzubringen mit unserem tief empfundenen Verlangen nach Gerechtigkeit und daraus resultierendem Frieden, mit Befreiung und Selbständigkeit, mit Kreativität und Phantasie, mit Selbstachtung und Hochschätzung der anderen? Nach der jesuanischen Verkündigung jedenfalls besteht das Heil des Menschen gerade nicht in einem sturen und zwanghaften Einhalten und Akzeptieren irgendwelcher - wenn auch angeblich gottgegebener - Normen und Herrschaftssysteme; sondern es besteht gerade darin, die uns von Gott - oft mittels anderer Menschen - geschenkte Liebe zu uns selbst, zu allen anderen Menschen sowie zur gesamten Schöpfung aufzugreifen, in uns wachsen und sie als Hauptmotivationslinie in unserem Leben wirksam werden zu lassen. Alles andere ergibt sich dann sekundär hieraus, wie es ja bereits AUGUSTINUS auf klassische Weise formuliert hat:"Liebe und tue was du willst!" Wie aber gelangen wir inmitten der geschilderten und tagtäglich erfahrenen Bedrängnisse unserer sündhaften und gewalttätigen Lebensverhältnisse zu einer solchen Lebenshaltung? Wie läßt sie sich gewinnen und in uns selbst wie in einer uns umgebenden Lebensgemeinschaft vielleicht sogar zu einer Lebenshaltungen und -strukturen prägenden Kraft stabilisieren? Was also schafft uns in dieser Weise >Erlösung< und >Befreiung< aus der sündhaften Verfallenheit unserer Lebenszusammenhänge und Individualität? Wiederum die Bibel sagt uns dazu: Es ist einzig und allein Gott selbst, der uns Heil und Erlösung schafft.

III. Gottes heilendes und befreiendes Handeln in der Geschichte
Wichtigstes Moment eines heutigen Verständnisses von Erlösung - dies wurde oben bereits angedeutet - ist es, dieselbe als längerfristig sich vollziehende, gottgewirkte, ganzheitliche Heilungs- und Befreiungsprozesse zu verstehen, die aufgrund ganz bestimmter, noch zu erläuternder Vorgaben allererst möglich werden. Theologiehistorisch ist dies keinesfalls selbstverständlich. Sowohl die westliche Tradition der römischen Kirche mit ihrer hierin sehr bestimmenden sogenannten >Satisfaktionstheorie< ANSELMS VON CANTERBURY (1033-1109) als auch die Tradition der östlichen Kirchen mit der darin vor allem die Inkarnation Gottes im Menschen Jesus Christus betonenden Sichtweise konzentrierten ihre soteriologischen Lehren massiv auf das Christus-, wenn nicht gar das Kreuzesgeschehen. Dabei blieben nicht nur das darüber hinausgehende Heilshandeln Gottes in der Geschichte sondern auch dessen heilende und befreiende Auswirkungen auf die Individuen wie auf die christliche bzw. menschliche Gemeinschaft oft signifikant unterbelichtet. Heutige Soteriologie wird demgegenüber zwar einerseits das für die Erlösung zentrale Geschehen im Christus- und Kreuzesereignis keinesfalls übergehen, darüberhinaus aber andererseits auch das Heilshandeln Gottes vor und außer Jesus Christus sowie unsere sogenannte >Aneignung<, d.h. die Auswirkungen des göttlichen Heilshandelns an uns selbst, ausführlicher zu beschreiben suchen, um hierdurch nicht zuletzt der Gefahr - traditionell sehr verbreiteter - magischer Vorstellungen von Erlösungszusammenhängen zu begegnen. Auch hierzu können wesentliche Aspekte durch den Blick auf Bibel und Theologiegeschichte gewonnen werden.

1. Biblische Perspektiven
a. Erstes Testament
Auch aus biblischer Perspektive ist Erlösung nämlich kein punktuelles, den Menschen magisch in seinen Bann ziehendes Ereignis; sondern Erlösung und Befreiung vollziehen sich prozeßhaft in der konkreten Lebensgeschichte. Vor allem das Volk Israel erzählt von seiner Geschichte als einem zentralen Erfahrungsfeld Jahwes und seines befreienden Wirkens. Besonders hervorgehoben wird hierbei bekanntlich Jahwes Einlösung seines Versprechens, sein Volk aus dem Frondienst in Ägypten herauszuführen, von der Sklavenarbeit zu befreien und mit ausgestrecktem Arm zu lösen (Ex 6,6). Die von der Moseschar im 13. Jh. vC. erlebte Herausführung aus der Knechtschaft Ägyptens wird vom tämmeverband Israels als Grunderfahrung des erlösenden Handelns Jahwes übernommen und in Erinnerung gehalten. Jahwe erhält aufgrund dieses seines erlösenden Handelns den auch in späterer Zeit vielfach verwendeten, im semitischen Sprachraum aber singulären, und aus dem juristischen Sprachkontext stammenden Beinamen >go´el Israel<, d.h. Erlöser bzw. Befreier Israels.Mit dieser Grunderfahrung der Befreiung wird der Dekalog begründet sowie die Weisung Jahwes, niemand zu unterdrücken oder zu übervorteilen, sondern stattdessen auf vielfältige Weise auch selbst zum go´el zu werden: "Denke daran, daß du Sklave gewesen bist in Ägypten und daß Jahwe, dein Gott, dich von dort befreit hat" (Dtn 24,17f; 15,12-15). Wenn Israel aber dieses Leitbild nicht (immer) zu verwirklichen imstande ist, dann soll es wenigstens jedes siebte und jedes fünfzigste Jahr Jahwe, seinem Herrn, >weihen und deshalb Befreiung ausrufen im Lande für alle< (Lev 25,10). Hiermit ist gemeint, daß Schulden erlassen und Sklaven freigelassen werden sollen. Das bedeutet, daß die durch materielle Not entstandenen Abhängigkeitsverhältnisse unter den Menschen gelöst und eine neue Unabhängigkeit, Gerechtigkeit und Freiheit geschaffen werden soll. Auch wenn an später formulierten Stellen, etwa in den Klageliedern (3,58) oder Psalmen (103,4; 130,7; 119,154) durchaus die individuelle Bitte um Erlösung etwa aus Krankheit, Sünde oder Todesgefahr im Gebet Gott vorgetragen wird, ist die erbetene Erlösung selbst eine solche, die sich im Hier und Jetzt und in der Gemeinschaft der Mitmenschen, vor allem auch nicht gegen diese, vollzieht. Dies bedeutet insgesamt: Es gibt kein individuelles oder gruppenegoistisches Heil Jahwes, das auf der Unterdrückung anderer aufgebaut sein könnte, sondern das Heil Jahwes ist vorrangig das Heil des ganzen Volkes und deshalb immer zuerst die Entlassung aus Armut und Unterdrückung. Deshalb formuliert der jüdische Philosoph GERSHOM SCHOLEM: "Das Judentum hat... stets an einem Begriff von Erlösung festgehalten, der sie als einen Vorgang auffaßte, welcher sich in der Öffentlichkeit vollzieht, auf dem Schauplatz der Geschichte und im Medium der Gemeinschaft, kurz, der sich entscheidend in der Welt des Sichtbaren vollzieht und ohne solche Erscheinung im Sichtbaren nicht gedacht werden kann."Für Israel droht Unheil aber nicht nur von außen, sondern es sitzt zugleich tief im Innern des Menschen. Das gestörte Verhältnis zu Gott zeigt sich in einer Störung der von Gott gegebenen äußeren Lebensordnung, d.h. in einer strukturell sündhaften Lebenssituation. Deshalb ist sowohl die Beseitigung der Störungsquelle als auch der Störungen innerhalb der gemeinschaftlichen Lebensordnung durch Sühne notwendig. Dies geschieht im sog. Sündenbockritus. Sühne ist dabei eine von Gott geschenkte Möglichkeit der Vergebung und des Neuanfangs. Erlösung und Heil sind nach Israels Erfahrung und Überzeugung Gabe Gottes: Frucht seiner Zuwendung, seines rettenden Kommens, seines helfenden Daseins und Herrwerdens. Die Erwartung Israels ist deshalb nicht in erster Linie auf menschliche Heilbringer gerichtet, sondern auf Gottes rettendes Kommen selbst. Aus der Tatsache nun, daß Israel allmählich lernt, daß nicht Macht und Gewalt die Mittel sind, mit denen Jahwe in dieser Welt gegenwärtig sein und herrschen will, wird später die prophetisch-messianische Hoffnung8 auf ein völlig neues, gewaltloses Idealkönigtum geboren, das sich vollständig als Instrument der Heilsherrschaft Jahwes erweisen soll.
Die messianische Idee entsteht also als kritisch-utopisches Gegenbild zu den realen Machtverhältnissen. Schon die Propheten sprechen von einer zukünftigen Herrschergestalt, durch die Jahwe ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens heraufführen werde, also vom Anbrechen einer >messianischen< Zeit im weitesten Sinne. Er wird statt mit Waffen nach Gerechtigkeit und Treue handeln, statt nach Augenschein und Einflüsterungen zugunsten der Armen richten sowie aufkommende Gewalt (statt mit eisernem Stab wie in Ps 2,9) mit dem >Stab seines Mundes< überwinden. Das Ende der Gewalt wird so total, die Verwandlung der Welt so umfassend sein, daß selbst die einander feindlichen Lebewesen miteinander in einem paradiesisch-kosmischen Frieden leben und nichts Böses mehr getan wird. Und zwar weil dieser Herrscher den Geist und damit die Erkenntnis Gottes um sich her ausbreiten wird (Jes 11, 6-9). Zusammenfassend erklärt hierzu HANS KESSLER: "Erlösung meint... Befreiung im realen, leibhaftigen, sozialen, ökonomischen Sinn, betrifft also nicht nur die Innerlichkeit oder - dies zunächst sogar überhaupt nicht - das Jenseits."


b. Zweites Testament: Errettung der Menschheit und Schöpfung durch Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi
"Erlösung des Menschen ist für den Christen Erlösung durch Jesus Christus... Dieser Satz gehört in die Mitte seines Glaubens.
Aber was das genauer besagt, und eventuell auch nicht, das ist nicht leicht zu sagen"
Im Zweiten Testament findet sich das griechische Wort für >Erlösung<: lytrosis und sein Wortfeld nur selten, viel häufiger hingegen der Ausdruck >soteria< (= Rettung) und sein Wortfeld; dieser aber steht z.B. im wichtigen Hymnus des Zacharias in deutlicher Parallelität zu >lytrosis<, so daß beide Ausdrücke als austauschbar erscheinen (vgl. Lk 1,68f). Vor allem die Synoptiker beschreibendie gesamte Verkündigung und Lebenspraxis Jesu als befreiend, heilend und erlösend.11 Heilsbedeutsam ist hier nicht die einfache Existenz Jesu, sein bloßes Kommen in die Welt, oder allein sein Leiden und Sterben, sondern es ist - wie auch Petrus dies verkündigt (Apg 10,34-43) - der gesamte Weg, den er gegangen ist, "angefangen in Galiläa", wie er "Gutes tuend und heilend umherzog", bis er schließlich "an den Pfahl gehängt", von Gott aber auferweckt wurde. Im Rahmen dieser umfassenden Interpretation des erlösenden und befreienden Lebens und Wirkens Jesu Christi ist sein Leiden und Sterben eingebettet in sein gesamtes Leben, Sterben und Auferstehen. Angesprochen wird deshalb von den Synoptikern zunächst das Zentralthema des gesamten Verkündigens Jesu, die heilvoll nahegekommene >Gottesherrschaft< bzw. das >Reich Gottes<, d.h. eine Lebenssituation der Gerechtigkeit und des daraus resultierenden Friedens, in der die Macht des Bösen gebrochen und die niedergedrückte und verunstaltete Schöpfung in eine neue Heilszeit geführt wird. Für alle, die sich der Zusage Jesu öffnen, erweist sich seine Botschaft als heilshaft, als Angebot, aus unbedingtem Angenommensein zu leben und von der tiefsitzenden Angst um sich selbst befreit zu sein. Jesu Taten zeigen sehr deutlich, daß die anbrechende Herrschaft der Güte Gottes nicht nur den seelischen Bereich des einzelnen, sondern auch die Leiblichkeit und Gemeinschaft der Menschen betrifft. Das wird besonders sichtbar in Jesu
Krankenheilungen, in seiner anstoßerregenden Zuwendung zu den >notorischen Sündern< und auch in seinem Jüngerkreis, der selbst Feinde - Zöllner und Zelot - versöhnend zusammenführt (Mk 2,14; Lk 6,15). Im Umkreis Jesu werden so die neuen Verhaltensweisen, von denen Jesus spricht (z.B. Mt 5-7), bereits möglich und wirklich, wird versöhntes, gewalt- und angstfreies Miteinander anfanghaft realisiert. Mit seiner Botschaft von Gott und seinem ihr entsprechenden Verhalten gerät Jesus allerdings in Gegensatz zu den maßgeblichen Kreisen seines Volkes. Der entscheidende Anstoß, den Jesus erregt, liegt freilich nicht in seinem Handeln an sich, sondern in dem damit verknüpften Anspruch, im Namen und anstelle Gottes so zu handeln. Mehr noch: Jesus wendet sich nicht nur im Namen Gottes den Ausgegrenzten zu, sondern er bestreitet im Namen Gottes die aufgemachte Unterscheidung zwischen Gerechten und Sündern selbst und will das Gesetz in seinem ursprünglichen Sinn verstanden und erfüllt wissen. Der Konflikt spitzt sich zu, als Jesus von Galiläa nach Jerusalem kommt und nun direkt mit den dort dominierenden Sadduzäern und oberen Priestern zu tun bekommt. Von ihnen wird Jesus als Gefahr für die mühsam aufrechterhaltene Ordnung und ihre eigene Macht betrachtet (vgl. Mk 11,15-18). Wegen der scharfen Ablehnung durch die Jerusalemer Autoritäten mußte Jesus mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Todes rechnen (vgl. Lk 13,34).12 Diese Möglichkeit dürfte sich spätestens am letzten Abend zur Gewißheit verdichtet haben. So belegt denn auch der - unbestritten authentische - eschatologische Ausblick beim Abschiedsmahl (Mk 14,25: "Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.") Jesu unmittelbare Erwartung des Todes und seine Bereitschaft, diesen auf sich zu nehmen. Mk 14, 25 par zeigt ferner, daß Jesus trotz dieser Tatsache an der Gültigkeit seiner Botschaft festgehalten hat. Jesus hat also seinen Märtyrertod mit seiner Sendung verbunden und diesen bewußt auf sich genommen. Das Osterbekenntnis beinhaltet, daß Gott sich mit dem Heilbringeranspruch, den Jesus für sein Wirken und vielleicht auch für sein Sterben erhoben hat, identifiziert und damit auch Jesu Tod als heilsbedeutsambestätigt. Vielleicht hat daraufhin schon die Urgemeinde den Tod Jesu als vergebendes Sühnegeschehen (für Israel) verstanden. Ausgeprägt aber ist diese Sicht des Todes Jesu bei den griechischsprechende Judenchristen um Stephanus und die Sieben (Apg 6), die nach der Ermordung des Stephanus aus Jerusalem nach Antiochien abwandern mußten (Apg 8,1; 11,19) und sich verstärkt der Heidenmission zuwandten. Sie führten die tora- und tempelkultkritische Praxis Jesu fort (Apg 6,13f), die einen Anlaß für sein Sterben geboten hatte. Der Tod Jesu, der somit kein zufälliges, von seiner Botschaft abzutrennendes Ereignis sein konnte, wurde nun unter Zuhilfenahme von Jes 53 als der stellvertretend Sühne wirkende Tod des Gerechten verstanden, ohne daß dabei der Gedanke eines kultischen Opfers eine Rolle spielte. Besonders von Paulus werden das heilwirkende Sterben des Christus und seine Auferweckung aus dem Tod in Bekenntnisformeln miteinander verbunden und als die überlieferten
>Hauptstücke des Evangeliums< bezeichnet. Das Leiden und der Tod Jesu, so läßt sich resümierend sagen, sind auf seinem Weg also zunächst nicht ein positives, sondern ein negatives Geschehen. Das unter streicht in der genannten Petruspredigt auch die Kontrastformel: "Gott aber...". Diejenigen, die Jesus töteten, so heißt es, schienen seinen Lebensweg zu zerstören; Gott aber durchkreuzte ihr Handeln. Er blieb der Gott "mit ihm". Durch diesen Weg aber und weil Gott bei ihm geblieben ist, ist Jesus für uns der Wegführergeworden. In der Weggemeinschaft mit diesem Christus liegt auch unser Heil, unsere Erlösung und Befreiung. Leiden und Tod Jesu sind demnach nichts unmittelbar Positives oder gar von Gott Gewolltes, sondern sie stehen im Zusammenhang mit der Erlösungs- und Befreiungsbotschaft Jesu Christi und sind hier die notwendige Konsequenz, mit der Jesus für seine Botschaft einsteht. Sein Tod ist somit ein Märtyrertod inbezug auf sein eigenes Bekenntnis zum Gott der unüberbietbaren und gewaltlosen Liebe. "Jesus", so sagt G. BAUDLER, ">mußte< sterben, nicht weil Gott es wollte, sondern weil die Menschen in ihrem Verhaftetsein in Angst und Gewaltfaszination in der befreienden Gottesbotschaft Jesu eine Lästerung sahen und den Tod über ihn brachten."14 Jesus wird, wie es die Offenbarung des Johannes ausdrückt (5,9c), zum gewaltsam zu Tode gebrachten Opferlamm, das durch seinen Tod reiche Frucht gebracht und das neue Gottesvolk geschaffen hat.
Nun enthält bereits das Zweite Testament aber auch einige Textstellen, die später zu großen und folgenreichen Mißverständnissen Anlaß gegeben haben. Der Hebräerbrief etwa interpretiert den Tod Jesu als das einmalige große Opfer, das Gott ein für allemal versöhnt hat und in einem neuen Bund den Menschen mit Gott verbindet. Diese Aussage hat mit einigen ähnlichen aus den paulinischen Schriften eine Interpretationsgeschichte unserer Erlösung durch Jesus Christus eingeleitet, die aus heutiger Sicht als vereinseitigend, ja teilweise drchaus auch die Botschaft Jesu verfälschend angesehen werden muß. Hiermit wollen wir uns im folgenden Abschnitt beschäftigen.

2. Historische Vereinseitigungen und Unterschlagungen
Theologiehistorisch ist aus heutiger Sicht problematisch, daß das erlösende und heilbringende Handeln Gottes streckenweise nahezu vollständig auf das heilbringende Handeln Gottes in Jesus Christus reduziert worden ist. Nicht zuletzt hierdurch, das sei am Rande erwähnt, entstand wohl weitgehend jene verfälschende Vereinseitung, die heute mit dem Stichwort (exklusivistischer oder inklusivistischer) >Absolutheitsanspruch des Christentum< benannt wird.16 Dieser wurde bekanntlich bereits ansatzweise korrigiert durch das II. Vatikanum, welches davon sprach, daß auch andere Religionen >einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet<; noch weiter gehen freilich die inzwischen auch in Deutschland vieldiskutierten sogenannten >pluralistischen Religionstheologien<, die infragestellen, daß Jesus Christus - auch aus christlicher Perspektive - notwendigerweise als einzige mögliche Inkarnation Gottes angesehen werden muß. Doch selbst Gottes paradigmatisches Erlösungshandeln in Jesus Christus wurde theologiehistorisch auf einige - nicht selten mit exklusivistischem Anspruch vorgetragene - Deutungsmuster konzentriert und damit verkürzt.
In den östlichen Kirchen zunächst wurde von Beginn an das besondere Erlösungshandeln Gottes in Jesus Christus in der Menschwerdung des Gottessohnes, in der Inkarnation Gottes im Menschen gesehen (vgl. auch die Christologie des Joh-Ev.). Vor dem Hintergrund der vor allem mittelplatonischen Philosophie, in der das Unheil des leib-seelisch-geistigen Menschen gerade in seiner großen Distanz vom rein geistigen Gott bzw. Göttlichen gesehen wurde, wurde das erlösende Handeln Gottes gerade in dem Schaffen einer neuen Verbindung zwischen Gott und Mensch gesehen, in der Inkarnation des tatsächlichen Gottes im tatsächlichen Menschen Jesus. Deshalb bekanntlich die besondere Betonung, daß Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis. Nun ist dies zweifellos ein wichtiges und tragfähiges Modell für den auf Jesus Christus bezogenen Erlösungsglauben. Problematisch wird es nur, wenn Gottes Erlösungshandeln zum einen hierauf verkürzt wird, zum anderen überdies mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus schon alles geleistet scheint. Nicht allein das Weihnachtsgeheimnis, sprich: die Inkarnation selbst, ist das für den Menschen Heilbringende; dann hätte Jesus bereits wenige Stunden nach seiner Geburt seine Mission erfüllt und wieder sterben können; sondern es ist die Tatsache, daß der in dem Menschen Jesus inkarnierte Logos Gottes sich dann in dem heilvollen und befreienden Leben Jesu, in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen ausfaltet und uns ansichtig und vorbildhaft wird, wie es vor allem ja das Joh.-Evangelium entfaltet. Auch das weitere, wiederum vor allem in den östlichen Kirchen favorisierte und entfaltete Verständnis von Erlösung, welche dadurch geschehe, daß der Mensch durch Jesus Christus vergöttlicht werde, weil in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist (so das sogenannte >Tauschmotiv<, das vor allem von Athanasius propagiert wurde) bzw. daß wir durch den göttlichen Erzieher Jesus Christus (Klemens von Alexandrien) selbst als christliche Gnostiker in göttliche Höhen aufsteigen könnten, besagen Plausibles, sind aber ohne nähere Erklärung mißverständlich. Nicht die Vergöttlichung durch Jesus Christus resp. seine entsprechende Erziehung ist allein das Erlösende, sondern die Art und Weise dieser Vergöttlichung, die durch das von ihm vorgelebte und ermöglichte Leben geschieht. Die dritte theologiegeschichtlich bedeutsame Akzentsetzung und weithin auch Verengung des Erlösungsverständnis geschah in der lateinisch-westlichen Kirche, bezieht sich vor allem auf das Leiden und Sterben Jesu, das Kreuz und wird - berechtigt oder nicht, sei hier dahingestellt - vielfach als Satisfaktionstheorie< bezeichnet und mit dem Namen ANSELM VON CANTERBURY (+ 1109) in Verbindung gebracht. Für den Duisburger systematischen Theologen FRANZ-JOSEF NOCKE stellt sich diese Erlösungsvorstellung

"im Vulgärbewußtsein", wie er sagt, so dar: "Der durch die Sünde der Menschen beleidigte Gott mußte durch ein Opfer von unendlichem Wert versöhnt werden. Deshalb mußte der Gott-Mensch Jesus Christus am Kreuz sterben, um die Menschen vom Zorn Gottes (und damit von der ewigen Verdammnis) zu befreien und ihnen den Zugang zur ewigen Seligkeit zu eröffnen."... "Ungenügen", so NOCKE weiter, "löste diese Vorstellung aus wegen des von ihr unterstellten Gottesbildes (pointiert formuliert: Mußte Gott Blut sehen, um vergeben zu können?), wegen der Gefahr, im Leiden einen immanenten Sinn zu suchen und infolgedessen auf den Einsatz gegen menschliches Elend eher lähmend zu wirken, vor allem aber, weil diese Vorstellungen zum gegenwärtigen Relevanzverlust der christlichen Verkündigung beizutragen scheinen."
Die Inkarnation steht bei diesem Schema allein im Dienst des Kreuzesopfers.
Überspitzt formuliert: Jesus hätte nicht befreiend und heilend verkündigen zu brauchen; um uns von unserer Sündenschuld zu erlösen, hätte es gereicht, pünktlich zum Leiden und Sterben in Jerusalem zu erscheinen. Seine Lebensjahre zuvor hätte er mit Herumhängen und Kartenspielen vergammeln können. Hintergrund dieses verkürzten Erlösungsverständnisses ist das stark ethisch und rechtlich bestimmte römische Denken. Man erfährt sich von Gott geschieden durch seine eigene Schuld. Schuld verlangt nach Bestrafung oder (hier durch Jesus an unserer Stelle) freiwillig geleisteter Genugtuung. Nur so kann die gerechte Ordnung wiederhergestellt werden. Jesus nimmt den Menschen gewissermaßen ab, was sie eigentlich hätten selbst als Gottes Strafe für ihre Sünden erleiden müssen.19 Nicht ganz frei von dieser Art teilweise verkürzter Sicht unserer Erlösung scheint übrigens bis heute vieles in unseren liturgischen Texten.
Beispiele:
"Preise Zunge, und verkünde den erhabnen Waffengang;
auf das Kreuz, das Siegeszeichen,singe den Triumphgesang.
Singe, wie der Welt Erlöser starb und dennoch Sieg errang...
Gottes Plan, uns zu erlösen, hat verlangt die Opfertat,
und des Vaters ew´ge Weisheit macht zuschanden den Verrat
und verlieh barmherzig Heilung, wo der Feind verwundet hat....
Als nach dreißig Erdenjahren für den Herrn die Stunde kam,
daß er unsres Heiles wegen Tod und Leiden auf sich nahm,
wurde er erhöht am Kreuze, dargebracht als Gotteslamm..."
(aus dem Hymnus zur Lesehore in der Karwoche, Stundenbuch.
II. Band: Fastenzeit und Osterzeit, Einsiedeln u.a. 1978, 177f)
"...Du allein warst wert, zu tragen aller Sünden Lösegeld,
du, die Planke, die uns rettet aus dem Schiffbruch dieser Welt..."
(aus dem Hymnus zur Laudes in der Karwoche, Stundenbuch.
II. Band: Fastenzeit und Osterzeit, Einsiedeln u.a. 1978, 178f)
"Du bist hinaufgezogen nach Jerusalem, um für uns zu leiden und so in
deine Herrlichkeit einzugehen"
(Fürbitte in den Laudes am Dienstag in der Karwoche, Stundenbuch.
II. Band: Fastenzeit und Osterzeit, Einsiedeln 1978, 195)

Angefragt werden solche verkürzten Erlösungsdarstellungen heute vor allem durch die Befreiungstheologie, die feministische Theologie, den jüdischen Glauben und die psychoanalytisch orientierte Theologie EUGEN DREWERMANNS. Ohne daß hier diskutiert werden kann, inwiefern durch obiges Verständnisschema die Satisfaktionstheorie Anselms von Canterbury20 überhaupt richtig wiedergegeben wird, soll hier lediglich darauf hingewiesen werden, daß es auch theologiegeschichtlich wichtige Ergänzungen zu diesen verkürzenden Verständnissen der Erlösung durch Jesus Christus gegeben hat,
welche leider weithin in Vergessenheit geraten und teilweise erst heute wiederentdeckt werden. Eine dieser Ergänzungen ist etwa das Verständnis Jesu als eines herausgehobenen Apothekers und vor allem Arztes.21 Hierdurch, so erläutert der bekannte Kirchenhistoriker ADOLF VON HARNACK:"erscheint Jesus als der, der er wirklich gewesen ist, als der Heiland, der die Armen und Kranken zu sich ruft, das zerstoßene Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. So kennen wir ihn aus den Evangelien, dieses Bild hält unsere Seele fest. Er spricht nicht viel von der Krankheit, sondern er heilt sie. Er erklärt nicht, daß die Krankheit gesund sei, sondern er nennt sie beim rechten Namen, aber er erbarmt sich ihrer. Nichts von Sentimentalität oder Raffinement findet sich bei ihm, auch keine feinen Distinctionen und Sophismen, daß die Gesunden eigentlich die Kranken seien und die Kranken die Gesunden. Aber er sieht Scharen von Kranken um sich, er zieht sie an sich, und er hat den Trieb zu helfen. Leibes- und Seelenkrankheiten unterscheidet er nicht streng - er nimmt sie als die verschiedenen Äußerungen des einen großen Leidens der Menschheit." Auch wenn die Jesus-Worte des Zweiten Testamentes nirgends ausdrücklich sein Selbstverständnis als Arzt bekunden, wird diese Interpretation Jesu bei vielen Kirchenvätern bedeutsam. Sie ist für die Kirchenväter auch deshalb besonders naheliegend, weil innerhalb des jüdischen Glaubens Krankheit in erster Linie als Folge (persönlich mehr oder weniger deutlich zurechenbarer) Sünde betrachtet wird.23 Bedeutsam ist aber, daß die jesuanische Verkündigung diesen sehr engen Kausalzusammenhang nicht gelten läßt, sondern stattdessen auf die Heilung schaut und Heilung schafft, die als Zeichen des Anbruchs der Gottesherrschaft gedeutet wird (Joh 9,1-3). Die Tatsache freilich, daß mit dem Anbruch der Gottesherrschaft auch nach der jesuanischen Verkündigung die Krankheit ihr Ende findet, macht deutlich, daß Krankheit sehr wohl auch in dieser Tradition als Folge der Sünde, nicht jedoch im Sinne einer unbedingt persönlich zurechenbaren Sünde, sondern eher als Folge des sündigen Zusammenhangs gedeutet wird, in dem die Menschen leben. Wichtig ist überdies, daß im Zusammenhang des Zweiten Testamentes in Bezug auf die Heilungen durch Jesus nicht eigens zwischen körperlichen und seelischen Erkrankungen unterschieden wird. Ganz im Gegensatz etwa zu den apokryphen Schriften, in denen oftmals gemäß des platonischen Dualismus einer Hochschätzung des geistig- seelischen sowie einer Geringschätzung des körperlich-materiellen Bereiches Jesus gegenüber den gewöhnlichen Ärzten, die (nur) den Körper behandeln, als höher stehender >Seelenarzt< stilisiert wird, verkündigt die frühe Kirche Jesus Christus als den ganzheitlich orientierten Heiler, dessen Heilung die Befreiung von der Sünde mit einschließt.24 Hierbei spielt bekanntlich die Gegenüberstellung Jesu mit der in der griechischen Welt großes Ansehen genießenden Gestalt des Asklepios eine herausragende Rolle.
Die bereits zahlreiche apokryphe Schriften prägende einseitige und damit verfälschende Interpretation Jesu Christi als eines bloßen - allein das Individuum heilend betreffenden - Seelenarztes bekommt im Mittelalter allerdings neue Nahrung. Gewissermaßen als Ausgleich für eine besondere Betonung des ontologisch verstandenen Gott-Seins Jesu Christi in der scholastischen Theologie wächst hier eine auf die individuelle Frömmigkeit konzentrierte Sichtweise Jesu als eines Seelenarztes, die etwa in dem klassischen >Buch von der Nachfolge Christi< des THOMAS VON KEMPEN faßbar wird. Zusammenfassend formuliert der Medizinhistoriker HEINRICH SCHIPPERGES hierzu sehr treffend:
"Von Augustinus wird diese lebendige Tradition (des Christus Medicus) auf die Jahrhunderte des Mittelalters weitergeleitet, an deren Ende dann die Überlieferung zunehmend verblaßt und der Topos vom Christus Medicus schließlich nur noch als bloße Metapher dient, um das seelentröstende Tun des Heilands zu verdeutlichen." Auch damit geschieht also eine neue Vereinseitigung des erlösenden Wirkens Gottes bzw. Jesus Christi.

3. Und heute? Wie sprechen wir von Erlösung?
a. Reduzierte Erlösung? Das Anliegen der Befreiungstheologie
Es ist eine der bedeutsamen Errungenschaften der sogenannten Befreiungstheologie, wesentlich dazu beigetragen zu haben, daß auch in der europäischen Theologie die zuvor sehr verbreitete, vorrangig, wenn nicht stellenweise gar ausschließlich, individualistisch und jenseitig orientierte Sicht von Erlösung überwunden werden konnte. Sie stellt dem eine umfassendere, biblisch fundierte Sicht von Erlösung gegenüber, die auch die politische, kulturelle und soziale Befreiung mit einbezieht; und es ist verständlich, daß dies im Kontext der traditionellen europäischen Kirchen, bis hin zu lehramtlichen Verlautbarungen, zunächst auf breiten Widerstand stieß. Der hergebrachte Begriff der Erlösung, so hatte vor allem GUSTAVO GUTIERREZ in seinem zentralen Werk >Theologie der Befreiung< aus dem Jahre 1971 argumentiert, habe - im Gegensatz zur biblischen Botschaft - den Nebenton der Weltflucht. Er enthalte lediglich zwei Komponenten: zum einen die gegenwärtige Vergebung der Sünden, die mehr das Innere des einzelnen Menschen betrifft, sowie zum anderen die überirdische Vollendung im Jenseits. Er sei stark bestimmt von der unbiblischen dualistischen Aufspaltung Materie -Geist, Zeit - Ewigkeit, Profangeschichte - Heilsgeschichte. Der Preis hierfür sei die Tatsache, daß die soziale, politische, wirtschaftliche und materielle Welt, die doch auch zu Gottes Schöpfung gehören, aus der Erlösung herausfallen. Eine bloß innere und jenseitig orientierte Erlösung drohe dann zur Rechtfertigung der irdischen Ungerechtigkeit mißbraucht zu werden. Doch Jesus habe kein rein innerlich-jenseitiges Heil gebracht, sondern ein Heil, das Menschen - anfanghaft im Hier und Jetzt - bis in ihre Leiblichkeit und in ihre Sozialität hinein heilmache. Mit ihrem Begriff der >Befreiung< will die Befreiungstheologie der dualistischen Aufspaltung von rein religiöser Erlösung und bloß politisch-sozialer Befreiung entgegenwirken und unterscheidet deshalb drei Ebenen der Befreiung: (1) die sozial-politische Befreiung unterdrückter Bevölkerungsmehrheiten aus der Situation von Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Gewalt; (2) die geschichtliche Befreiung von dem, was Menschen daran hindert, aktives Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu werden; sowie (3) die durch Christus im Glauben eröffnete Befreiung von der Sünde, d.h. dem gebrochenen Verhältnis zu Gott (als der letzten Ursache jeder menschlichen Entzweiung, Ungerechtigkeit und Unterdrückung), zu einem Leben in liebender Gemeinschaft mit Gott und allen Menschen. Diese drei Ebenen sind wohl zu unterscheiden, aber nicht zu trennen, da sie sich gegenseitig durchdringen und voneinander abhängig sind.

Vor allem der Frankfurter Theologe HANS KESSLER hat in einigen Schriften sehr deutlich herausgearbeitet, daß der gegen die Befreiungstheologie zumeist von traditionellen Kreisen in Europa erhobene Vorwurf einer >Reduzierung der Erlösung auf eine allein durch menschliche Kräfte zu bewerkstelligende sozial-politische Befreiung< öllig verfehlt ist, ja daß, im Gegenteil, gerade die in der europäischen Theologie historisch gewachsenen Verengungen aufgebrochen werden müssen, um zu einem umfassenderen, ganzheitlicheren Verständnis von Erlösung zu kommen.Dies hat dann in der Tat den Blick dafür geöffnet, auch andere - bei uns teilweise in Vergessenheit geratene Dimensionen - göttlichen Heilwirkens wiederzuentdecken und im Kontext heutigen Denkens und Sprechens zu reformulieren. Besonders bedeutsam wurden hierbei bis jetzt die Rede von der >Erlösung in der menschlichen Freiheitsgeschichte < sowie vom >Heil in gerechter Beziehung<. Darüberhinaus ist der heute nurmehr schwer verständlichen Rede vom >stellvertretenden Sühneleiden< Jesu Christi sowie unserer Erlösung durch das Kreuz Jesu Christi hier Aufmerksamkeit zu schenken.

b. Erlösung und Freiheitsgeschichte
Der an der Universität Münster lehrende systematische Theologe THOMAS PRÖPPER hat mit seiner sehr bekannt gewordenen Dissertation >Erlösungsglaube und Freiheitsgeschichte< wesentlich dazu beigetragen, den traditionellen christlichen Erlösungsglauben mit dem europäisch-neuzeitlichen reinheitsbewußtsein zu vermitteln. Aus dem klaren Wissen darum, daß einerseits eine "Theologie der Erlösung... ohne Vermittlung und Auseinandersetzung mit der philosophischen Anthropologie und den Human- und Gesellschaftswissenschaften heute weder angemessen vertretbar noch hinreichend verständlich" ist, andererseits aber "das Schicksal der Neuzeit, die Entzweiung von Erlösungsglaube und Befreiungsgeschichte, nun die Kirchen selbst einzuholen droht", macht Pröpper den "Vorschlag, den christlichen Glauben an Erlösung in bezug auf das (philosophisch-anthropologische) Freiheitsthema zu explizieren".Das durch die Erlösung von Gott geschenkte Heil kann dann verstanden werden als die Freiheit von der Sünde als des individuellen und gesellschaftlichen Fernseins von Gott, als die Fähigkeit zu wollen, was Gottes ist und mir durch das Gewissen gegeben ist, als die Aufhebung der Entzweiung mit uns selbst sowie als die Freiheit vom (seelischen) Tod in der Überwindung der das Dasein lähmenden und die Liebe hindernden Angst. Weil nun , so Pröpper wieder, "jedes zwischenmenschliche Verhalten, wo es wirklich glückt und sich fähig erweist, unbedingte Anerkennung erfahren zu lassen, bereits davon lebt, daß es das, was es darstellt und realisiert, schon voraussetzt", bedürfen wir der geschichtlichen Selbstoffenbarung Gottes als Liebe und Freiheit in Jesus Christus, durch die "der menschlichen Freiheit überhaupt erst ihre absolute Bestimmung eröffnet und schon auf menschliche Weise anschaulich... (geworden ist), was Gott an ihm selber vollendet und für alle zur Verheißung gemacht hat. So wurde die endliche und gefährdete Liebe der Menschen in Gott selber begründet und durch ihn ermächtigt, sein schöpferisches Ja schon jetzt füreinander in Anspruch zu nehmen."
Um es nochmals anders zu formulieren: Nach dieser Darlegung geschieht also Erlösung für den Menschen dadurch, daß ihm in Jesus Christus gezeigt wird, wie gottgemäßes, heilvolles Leben in dieser Welt aussieht und daß dieses im Tod und darüberhinaus den Menschen trägt, ihn also das gesamte Geschehen seines Lebens und Sterbens als sinnvoll erscheinen läßt. Erlösung im Sinne des christlichen Glaubens bedeutet dann nicht die Aufgabe der Freiheit und eine entsprechende Unterordnung unter den Willen Gottes bzw. Jesu Christi; sondern Erlösung im Sinne Jesu Christi meint gerade die Befreiung des Menschen zu sich selbst, das Einswerden mit sich selbst, oder, um es mit heute üblichen Schlagworten zu sagen: Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit.
Thomas Pröpper formuliert dann in seinem Werk durchaus auch eine Reserve gegen die Verwendung des Ausdrucks >Erlösung< für das Christusgeschehen, und zwar mit der Begründung, daß "sich Jesu einzigartige Bedeutung in der Wiederherstellung eines verlorenen Zustands so wenig (erschöpfe), daß sie im Rahmen einer bloßen Restitutionstheologie gar nicht angemessen zum Ausdruck gebracht werden könnte. Denn er... (habe) ja, durch die Inanspruchnahme von Gottes endgültigem Willen und seine Vergegenwärtigung als Liebe, der menschlichen Freiheit überhaupt erst ihre absolute Bestimmung eröffnet und schon auf menschliche Weise anschaulich werden lassen, was Gott an ihm selber vollendet und für alle zur Verheißung gemacht hat."Pröpper nimmt damit einen bereits in der mittelalterlichen Theologie ausgefochtenen Streit wieder auf: nämlich die Fragestellung, ob Jesu Leben, Sterben und Auferstehen für die Menschen >lediglich< die Wiederherstellung des >paradiesischen< Zustandes initiiert und in Aussicht gestellt oder aber den Menschen ein noch darüberhinausgehendes Mehr gebracht hat. Diese Fragestellung ist m.E. dahingehend zu beantworten, daß hinsichtlich der Nähe zu Gott tatsächlich >nur< eine Wiederherstellung des als ursprünglich (d.h. für den paradiesischen Zustand) angenommenen unmittelbaren Verhältnisses erfolgte; näher als unmittelbar ist eben nicht möglich. Aufgrund der Tatsache aber, daß die Menschen in ihrer nachparadiesischen Situation durch die Negativität der Sünde bereits hindurchgegangen sind, ist ihnen durch das Christusgeschehen insofern ein Mehr gegeben ist, als ihnen nun die >Erkenntnis von Gut und Böse< gegeben ist, d.h. ihnen die Größe, Bedeutung und Notwendigkeit eines engen Verhältnisses zu Gott viel deutlicher vor Augen steht oder zumindest stehen kann.

c. Heil in gerechter Beziehung
Der Versuch einer Rekonstruktion des christlichen Erlösungsglaubens unter dem Stichwort >Heil in gerechter Beziehung< hat seinen Entstehungszusammenhang in der feministischen Theologie.35 Grundlegend ist hier eine - wenn auch oft unausdrückliche - Wiederaufnahme des oben kurz beschriebenen Christus-medicus-Motivs. Im Ausgang von der Erfahrung, daß gerade Frauen in der Vergangenheit der Erlösungsweg Jesu Christi eher als ein Weg des Leidens und der Selbstaufgabe denn als eine Weise der Identitätsfindung verkündet wurde, problematisiert z.B. MARY GREY die Frage, inwieweit es für Frauen überhaupt Erlösung geben könne und welche Rolle in diesem Zusammenhang der Mann Jesus Christus zu spielen vermöge. Erlösend, so sagt Mary Grey, wäre es für Frauen, nicht mehr Unterdrückung und Selbstaufgabe erleiden zu müssen, sondern ein Leben in Gerechtigkeit und Selbstfindung führen zu können. Erst dann könne Gottes kreativ-heilende Energie alle Frauen umfassen und sie dazu ermächtigen, selbst >Macht-in-Beziehung<, d.i. die Leidenschaft für das Schaffen von
Gerechtigkeit, zu leben. Jesus von Nazareth dürfe dann nicht mehr als der einsame Held verstanden und gelehrt werden, dessen Opfertod ein für allemal die Erlösung geschaffen habe, uns damit zur Passivität verdamme und die Geschichte zum Stillstand bringe. Vielmehr liege seine heilwirkende Bedeutung darin, daß er selbst ganz in die erlösende Macht-in-Beziehung Gottes eingebunden sei und diese sein eigener Lebensgrund sei, den er dann auch an seine Mitmenschen weitergebe: "Jesus, der ganz Mensch und nur Mensch ist ..., ist der fleischgewordene Sohn Gottes, weil er die Macht-in-Beziehung vergegenwärtigt und als heilende Energie verfügbar macht". Das für die Menschen "tatsächlich Erlösende ist (dann), daß Jesus jene, die ihm begegneten, ermächtigt, ihre eigene Macht-in-Beziehung in Anspruch zu nehmen".Mit großem Schwergewicht, aber durchaus im Einklang mit anderen Darstellungen heutiger Christologie bzw. Soteriologie wird dabei der "Akzent auf die erlösende Qualität des Lebens Jesu und nicht (allein) auf seine Kreuzigung gelegt. Sein Tod kann jetzt als unvermeidliche Konsequenz seiner Konfrontation mit korrupten Machtstrukturen verstanden werden, welche die Verwandlung von Beziehungen durch das messianische Ereignis nicht tolerieren konnten. Jesus starb nicht ..., damit seine NachfolgerInnen gleich ihm gekreuzigt würden, sondern um der Kreuzigung ein Ende zu setzen."
Leiden und Sterben Jesu sind damit letzte Aufgipfelung und Konsequenz seines Lebens, seiner Botschaft: buchstäblich - wie wir es hier früher auch schon sagten - ein Martyrium inbezug auf seine eigene Verkündigungsbotschaft. Eine solche Konzeption von Erlösung und Befreiung des Menschen hat natürlich die heute vor allem in der Psychologie herausgearbeitete Notwendigkeit und Bedeutung von Beziehungen für den Menschen für sich. Sie ist jedoch wesentlich darauf verwiesen, auch dieQualität der Beziehung genauer zu beschreiben, die für den Menschen heilbringend wirkt. Hierbei hat sie notwendigerweise zurückzukommen auf das Leben Jesu selbst sowie außerdem auf den durch ihn vermittelten Geist Gottes unter den Menschen.

d. Stellvertretendes Sühneleiden Jesu Christi?
"In der Dimension des Heilsvollzuges scheint mir... der Begriff der Stellvertretung ein mindestens mißverständlicher Begriff zu sein, den man ohne Schaden vermeiden kann."Angesichts solch gravierender Veränderungen und Neuakzentuierungen im heutigen Verständnis von Erlösung stellt sich natürlich die Frage, ob in diesem Zusammenhang von einem >stellvertretenden Sühneleiden< Jesu Christi, wie es vor allem im Zusammenhang der sog. Satisfaktionstheorie betont worden ist, überhaupt noch sinnvoll gesprochen werden kann. Denn, so fragt MARY GREY mit Recht, bedeutet nicht ein solches Denken, daß die "ganze Aufmerksamkeit... dem Helden und seinen Leistungen – in diesem Falle Jesus von Nazaret und seinem Opfertod (gilt?). Anstatt alle unsere Kräfte in den Kampf für Gerechtigkeit und Frieden einzubringen, konzentrieren wir uns auf das, was der Held für uns getan hat oder tun wird. Er ist verantwortlich und initiativ, nicht wir. Gleichzeitig wird alles auf ein vergangenes Ereignis bezogen. Erlösung ist geschehen und zwar ein für alle Mal und alles, was wir tun müssen, ist deren Verdienst für unsere Zeit in Anspruch zu nehmen. Das Christusereignis wird zum Mittelpunkt einer Geschichte, die völlig linear verläuft. Im Grunde bringt Christus die Geschichte zum Stillstand, insofern ihre ganze Bedeutung vorherbestimmt scheint, und das Erlösungsereignis zum hermeneutischen Schlüssel für Vergangenheit und Zukunft wird... Alle Versuche, Jesus zum Resümee der Menschheit, zum Paradigma einer erlösten Menschheit zu machen, leiden am selben Problem, nämlich daran, daß sie keinen Raum offenhalten für den geschichtlichen Beitrag von irgend jemand anderem. Sie verschließen sich damit der Dynamik des Geschichtsprozesses." Über die hier angesprochene Problematik ist in den vergangenen Jahren intensiv nachgedacht worden. Dabei hat der Bonner Systematiker KARL-HEINZ MENKE darauf hingewiesen, daß in Bezug auf Jesu Erlösungstat nicht von einer >ersetzenden Stellvertretung< gesprochen werden könne, sondern daß >Stellvertretung< hier meine, "daß jemand durch Selbsthingabe und Selbsteinsatz einem anderen die >Stelle< für dessen eigenes Dasein eröffnet und ihn so freisetzt im Selbstsein". Dies bedeute, daß "ein >eigentlicher< Stellvertreter >den Anderen< als anderen ermöglicht und ihn deshalb nicht >ersetzt<, sondern >setzt<." Ausführlicher noch erklärt KARL LEHMANN4"Ebenso wie die alttestamentliche Sühne nicht da etwas vergeben will, wo der Mensch selbst wiedergutmachen kann, ist auch Jesus Christus kein Ersatzmann, der all das vollzieht, was der Mensch zwar tun kann, aber nicht tut oder sogar nicht tun will. So nimmt >Stellvertretung< dem Menschen den personalen Selbstvollzug nicht ab und übergeht auch nicht die Würde des menschlichen Partners, vielmehr schafft sie erst einmal den Raum, d.h. eröffnet eine Stelle, wo der Mensch grundsätzlich wieder ja sagen kann zu Gott und zum Mitmenschen. In diesem Sinne ermöglicht die Stellvertretung Jesu Christi >für uns< eine neue Freiheit, aber sie ist nicht ihr Ersatz." In diesen Texten freilich ist keine inhaltliche Differenz mehr auszumachen zu dem, was MARY GREY über unsere >Ermächtigung< durch Jesus Christus formuliert hat (s.o.). In aus menschlicher Perspektive unheilbar verfahrener, durch die strukturell gewordene Sünde bis auf den Boden niedergedrückter Lebenssituation bringt Jesu Weise des Lebens und Sterbens für uns eine neue Perspektive, eine neue Heilsmöglichkeit, eine neue Chance. Diese wirkt für uns jedoch nicht mittels eines Automatismus oder eben einer >ersetzenden Stellvertretung<, die uns zu parasitären Zuschauern machen würde, sondern wir werden mit hineingenommen in den erst begonnenen und längst nicht vollendeten Prozeß der heilwirkenden und Erlösung schaffenden Liebe Gottes. Wie aber werden wir zu solch nutzbringenden Werkzeugen in diesem Prozeß, wie - um es klassisch zu formulieren - geschieht unsere >Aneignung des erlösenden Handelns Jesu Christi<?


IV. Unsere >Aneignung der Erlösung<: Geschehenlassen und
Mitwirken an ganzheitlichen Heilungsprozessen im Geiste Jesu Christi

1. Erfahrung des unbedingten Angenommenseins durch Jesus Christus: der Glaube
Erste und grundlegende Bedingung für das Erfahren und Geschehenlassen von Erlösung im christlichen Verständnis ist die Erfahrung des unbedingten Angenommenseins durch Gott in Jesus Christus: der Glaube. Dieser läßt sich zum einen, und zwar von seinem Erfahrungskontext her, verstehen, "als eine bestimmte - in Jesus Christus gründende - kommunikative Praxis, in der und durch die die gegenseitige Erfahrung unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins mitgeteilt und gemacht wird". Er läßt sich in einem zweiten Schritt verstehen als die durch diese gewonnene Erfahrung im Menschen stabilisierte Haltung, aus diesem Bewußtsein des unbedingten Angenommenseins zu leben, ja sein gesamtes Leben zu gestalten. Dies kann natürlich von niemand gefordert oder gemacht werden, sondern ist einzigartiges Geschenk Gottes selbst, das denjenigen Menschen zuteil wird, denen aufgrund der Vermittlung durch andere Menschen ihre Annahme durch Gott spür- und erlebbar wird. Jesus Christus als die besondere Selbstoffenbarung der Liebe Gottes hat hierbei insofern herausragende Bedeutung, als er unmittelbar - sowie heute noch immer wieder mittelbar - für Menschen zum Anstoß einer solchen kommunikativen Praxis geworden ist und wird. Bereits biblisch wird ja dargestellt, wie Jesus den ihm Nachfolgenden Anteil an seiner intimen Gottesbeziehung gibt (Lk 11,2). Anders als er müssen sie dabei allerdings erst >werden wie die Kinder< (Mt 18,3), d.h. ihre durch die Sünde gewirkte Trennung von Gott überwinden (lassen). Glaubensvertrauen entsteht dann, wenn Jesus sich Menschen zuwendet, sie anblickt (Mk 3,5.34; 8,33), mit ihnen redet und umgeht, kurz die oben genannte, Liebe und Menschenwürde schaffende kommunikative Praxis wirksam werden läßt. Dies entfacht bei den Zuhörenden Vertrauen und öffnet sie für Gottes heilendes Wirken. Darum heißt es mehrfach abschließend: "Dein Glaube hat dich gerettet" (Mk 5,34; 10,52). Solches von Jesus ermöglichtes Glauben macht frei von lähmenden Blockierungen und befreit von dem - aus der tiefsitzenden Angst um sich selbst entspringenden - krampfhaften Bemühen, dem eigenen Leben Bestätigung, Gehalt, Sinn und Sicherung selbst zu geben, sei es durch Besitz- und Geltungsstreben oder durch gesetzliche Religiosität. Wo immer solche Liebe und Würde schaffende kommunikative Praxis geschieht, geschieht allerdings nicht Herstellung, sondern Darstellung der Liebe Gottes.45 Hergestellt werden kann diese von keinem Menschen, nicht einmal von Jesus selbst. Die jeweilige Praxis bleibt deshalb - ausdrücklich oder unausdrücklich - immer rückbezogen auf den universalen Heilswillen Gottes sowie - für Christ(inn)en - auf Jesus Christus, den >Urheber und Vollender des Glaubens< (Hebr 12,2), in dem uns alles geschenkt wird (Röm 8,32).

2. Das Erkennen der (eigenen) Sünde: Gewaltanschauung
Erst durch das Hineingenommenwerden in die Sphäre der Liebe Gottes, in jene kommunikative Praxis, die für uns Glaube ist und entstehen läßt, werden wir aufmerksam und sensibel für die Sünde in der Welt. Dies hört sich zunächst seltsam an. Wir alle wissen doch (vermeintlich), was Sünde ist: Wir haben die zehn Gebote, wir haben die Lehre der Kirche, wir haben die Moraltheologie und was nicht sonst noch alles. Da müßten wir doch genau wissen, was Sünde ist. Nein: Ohne Glauben wissen wir einzig, was Moral ist. Und die Moral ist wechselhaft: ausgesprochen verschieden in verschiedenen Gesellschaften, in verschiedenen Zeiten - auch in der Kirchengeschichte -, in verschiedenen Gruppen und Altersstufen, bei verschiedenen Individuen. Die Moral ist relativ, und deshalb relativ nichtssagend, unwichtig. Mit dem Ausdruck >Sünde< hingegen ist sehr viel Grundlegenderes, Wichtigeres gemeint. Dieser Ausdruck nämlich markiert die Tatsache, daß wir erst angesichts der erfahrenen Liebe Gottes, also im Glauben und durch den Glauben, unser individuelles wie kollektives Zurückbleiben hinter dieser Liebe in Vergangenheit und Gegenwart erkennen. Erst angesichts der Liebe Gottes wird uns deutlich, wie sehr wir selbst in kleinen wie in großen Taten, zumeist jedoch in Unterlassungen, hinter dieser Liebe zurückbleiben, ja je mehr wir von der Liebe Gottes erfahren, desto deutlicher erkennen wir unsere Sünde, unsere immer noch bestehende Trennung von dieser Liebe. Gerade der Glaube ist es also, der uns selbst für die uns tagtäglich gegenseitig zugefügten kleinen und großen Gewalttätigkeiten sensibel macht, der uns zur >Gewaltanschauung< im Kreuz Christi wie in den vielen anderen Kreuzigungen in unserer Welt führt.

3. Die hieraus resultierende Erlösung
Spezifischer Gewinn der Anschauung unserer eigenen Gewalttätigkeiten ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, angesichts der immer größeren Liebe Gottes und unserem Zurückbleiben dahinter uns selbst nicht mehr als gut, die anderen aber als schlecht kategorisieren zu müssen. Das schier unendliche Sündenbockverhalten, das uns kulturell bis in die letzten Zipfel unseres Herzens eingeschrieben zu sein scheint, hat ein für allemal ausgedient. Wir alle sind die Nachkommen Kains und brauchen uns vor niemand zu erheben. Jesus selbst ist, wie RENE GIRARD und RAYMUND SCHWAGER dies ausführlich beschrieben haben, uns ein für allemal zum Sündenbock für die Menschen geworden.
Wir selbst werden von ihm angenommen, auch und gerade obwohl wir die größten Sünder sind. Unsere - teilweise uns auch selbst zugefügten und von uns selbst zu verantwortenden - Wunden und Verletzungen können wir dann im Glauben annehmen und uns gegenseitig zeigen. Wir sind dadurch erlöst davon, vor unserer eigenen Schuld und Verletzung immer wieder davonlaufen zu müssen, wie es biblisch als Folge der Ursünde so eindrücklich geschildert wird. Wir sind erlöst davon, wegen unserer Schuld unser Gesicht vor dem Mitmenschen verbergen und dadurch einsam werden, welches inzwischen ja ein weit verbreitetes Leiden in unserer Gesellschaft geworden ist. Wir können einander gegenüber uns wieder nackt zeigen, wie die Bibel unser offenes Verhältnis zueinander in Bezug auf die Situation vor dem Sündenfall formuliert. Wir sind erlöst davon, uns selbst - ggf. mit Hilfe der Herabwürdigung anderer und auf deren Kosten - Wert, Einmaligkeit und Bedeutung erarbeiten und schaffen zu müssen, weil wir sie unentgeltlich von Gott in Jesus Christus und seinen NachfolgerInnen immer schon geschenkt bekommen haben. Wir sind erlöst davon, uns das einmalige und nicht austauschbare Sein, das wir uns als tiefste Glückserwartung so sehr wünschen, selbst verdienen und herstellen zu müssen.

4. Die Weitergabe der Erlösung
"Wäre ich so bereit und fände Gott soweit Raum in mir, wie in unserem Herrn Jesus Christus, er würde mich ebenso völlig mit seiner Flut erfüllen.
Denn der Heilige Geist kann sich nicht enthalten, in all das zu fließen,
wo er Raum findet, und soweit, wie er Raum findet"
Wo nun Menschen sich in die Dimension der göttlichen Liebe auf diese Weise hineinnehmen lassen und aus dem daraus resultierenden Erlösungsbewußtsein leben, werden sie selbst zu einem fruchtbaren und nützlichen Acker für Gottes heilendes Wirken in der Welt. So sehr uns also einerseits die Erlösung und Befreiung von der Sünde, d. h. von der Trennung von Gott, unverdientes und nicht herstellbares Geschenk ist, so sehr wird sie andererseits für und durch uns nur wirksam, insoweit wir uns ihr öffnen und ihr positives Wirken - etwa in der Anschauung unserer eigenen Sünde - auch geschehen lassen. Dies erfordert von uns die Bereitschaft, uns von der Liebe Gottes durchwirken und - in einem sicherlich schmerzhaften Prozeß der Aufgabe von Gewohntem, Sicherem, Nützlichem usw. - auf Gott hin jederzeit auch verändern zu lassen. Wichtig ist, daß es hierbei im vorhinein keinerlei Sicherheit über die Art des Weges geben kann, den uns eine solche Offenheit und Bereitschaft abfordert. Ja das Offensein für die erlösende Liebe Gottes bedeutet gerade, nicht die eigenen, die selbstgezimmerten Vorstellungen über die für uns wichtigen und notwendigen Lebensinhalte und -wege in den Mittelpunkt stellen, sondern es bedeutet, uns grundsätzlich in all unseren Entscheidungen auf den im Geiste Gottes erfahrenen Weg und seine Ziele mit uns einzulassen. Dies kann und muß dazu führen, daß wir jedes ängstliche uns Anklammern an bestimmte Menschen, Orte, Tätigkeiten, Konsumgewohnheiten usw. aufgeben und stattdessen unser Leben ganz in die Hand dessen geben, der es im Geiste seiner Liebe umschmelzen und für das Reich Gottes fruchtbar machen möchte. Just in diesem - sicher auch schmerzhaften - Prozeß erfahren wir aber die Erlösung von der Abhängigkeit von vielen Einzelheiten und Kleinigkeiten in unserem Leben, erfahren wir Erlösung und Befreiung. Im sozialen Bereich bedeutet die Annahme und Weitergabe der Erlösung bzw. des Glaubens, d.h. der >kommunikativen Praxis, in der und durch die die gegenseitige Erfahrung unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins mitgeteilt und gemacht wird<, natürlich die Aufhebung von Lebens- und Wirtschaftsweisen, die die Menschenwürde unterdrücken bzw. auch der nichtmenschlichen Schöpfung nicht die ihr angemessene Würde zukommen lassen. Unmittelbare Konsequenz und nicht - wie manchmal unangemessen verkündigt wird - bloß ethische Forderung eines wirklichen Glaubens ist deshalb auch die gesellschaftliche und ökologische Befreiung in all ihren Dimensionen. Das sogenannte Böse, gegen das wir in unserem alltäglichen Lebenszusammenhang uns oft abzuschirmen, es auszugrenzen und zu bekämpfen suchen, erweist sich aus der größeren Perspektive der göttlichen Liebe dann zunehmend als - wie Augustinus es bereits gesagt hat - Mangel an Vollkommenheit. Wir brauchen es - in und außer uns - immer weniger auszugrenzen und abzuspalten und können es mehr und mehr - so schwer es uns teilweise fällt - als von Gott in Jesus Christus in und außer uns tatsächlich Angenommenes und damit in Gutes zu Verwandelndes auch selbst annehmen.


V. Zukünftigkeit unseres Heiles: die eschatologische Dimension der Erlösung
"Wenn man... die endgültige Erlösung sich nur denkt als Ergebnis von ein bißchen biedermeierischer Moral, von einer nur formal und juristisch gedachten Sündenvergebung und einem Kommen zur Anschauung Gottes, bei der man die radikalen Veränderungen auch nicht bedenkt, die der Mensch notwendig erleidet, dann ist solche Entmythologisierung (etwa der Begriffe >Hölle<, >Himmel<, >Fegefeuer<) doch eine nur bedingt einleuchtende Sache."Angesichts unserer Sündhaftigkeit, die darin besteht, uns immer wieder gegen das Heilsangebot Gottes zu verschließen und uns demgegenüber doch an unseren eigenen Sicherheiten, Vorstellungen und Heilsplänen festzuklammern, bleibt unsere >Aneignung der in Jesus Christus geschehenen Erlösung<, unser tatsächliches Heilwerden in Gott stets unvollkommen und ist auch vor Rückschlägen nicht gefeit. Dies hat zur Folge, daß Erlösung - wenn überhaupt - in dieser Welt bestenfalls in allmählich fortschreitenden und stets rückschlag- gefährdeten ganzheitlichen Heilungsprozessen vonstatten gehen kann. Wo immer solche Heilungsprozesse - im politischen, gesellschaftlichen, partnerschaftlichen Bereich - zeitweise und punktuell gelingen, haben sie aufmunternden, anstachelnden, neue Kraft, Hoffnung und Zuversicht vermittelnden Charakter; wo immer freilich solche Prozesse durch sündhaftes Verhalten Rückschläge erleiden oder gar vollständig mißlingen, hat diese Tatsache niederdrückende, Hoffnung nehmende, Haß erzeugende und damit neues Unheil provozierende Konsequenzen. Bereits biblisch wird in dieser Situation darauf verwiesen, daß das Volk Israel von sich aus gar nicht umzukehren vermag (Hos 5,4; Jer 13,23). Daher muß Gott die Wende schaffen: "Ich will ihre Abtrünnigkeit heilen, aus freier Gnade will ich sie (wieder) lieben" (Hos 14,5). Im Exil wird dies zur Zusage: "Ich habe deine Frevel weggefegt wie eine Wolke und wie einen Nebel deine Sünden; kehre wieder zu mir, denn ich erlöse dich" (Jes 44,22), und: "Ich gebe euch ein neues Herz, und einen neuen Geist bringe ich in euer Inneres" (Ez 36, 26), so daß sie aus eigenem inneren Antrieb Gottes Willen tun. Das bedeutet: Die ohne Voraussetzung einer Buße geschenkte Vergebung und das ins menschliche Herz gesenkte neue Gottesverhältnis sind eigentlich das Heil.
Nach der Exilskatastrophe verheißen einige Propheten eine universale Erlösung durch das universale Herrwerden Jahwes, das Recht und Gerechtigkeit, Befreiung und Aufrichtung für die Armen und Gedrückten bringen soll (Jes 61; Jer 23,5f; Ps 72). Es wird zum Einschmelzen der Waffen und zum Frieden unter den Völkern führen (Mi 4,1-4; Jes 2,2-5; 25,6-12). Die Erde aber soll über das ebensnotwendige hinaus überreiche Frucht bringen (Joel 2,19.24; 3,18; Jes 29,17; 32,15), so daß die tägliche Sorge ein Ende hat. Im Übergang von der späten Prophetie zur frühen Apokalyptik (ca. 5.-2. Jh. vC.) nimmt die Heilshoffnung kosmische Ausmaße an: Jahwe wird >einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen< (Jes 65,17; 66,22), wo es kein Wehklagen mehr gibt (Jes 65,19f), wo Mensch und Tier friedlich zusammenleben (vgl. Jes 11,6- 9; 65,17-25): Die gesamte Schöpfung wird also in die Erlösung einbezogen (vgl. Jes 35).56 Heil und Erlösung werden nach wie vor irdisch-geschichtlich erwartet, sprengen aber das von den irdischen Voraussetzungen her Verwirklichbare bei weitem, so daß es in gesteigertem Maße als unerschwinglich und wunderbar erscheint. Dies drückt sich vollends darin aus, daß die Erlösungshoffnung die Überwindung des Todes in Betracht zu ziehen beginnt: Wenn Jahwe sich als der eine und einzige Herr (Dtn 6,4) über Himmel und Erde erweisen soll, dann - so ist der Glaube - muß er auch mit der Realität des Todes fertig werden. Der Sieg über den Tod (Jes 25,8), die Rettung auch der Toten und ihre Teilhabe am endgültigen Heil (Jes 26,19; Dan 12,1- 4; Ps 22,28-30 u.a.) sind deshalb folgerichtige Entfaltung des Glaubens an Jahwe, an seine unbegrenzte Schöpfungsmacht und seinen verläßlichen Heilswillen. Für uns Heutige haben diese Zukunftshoffnungen - wie die in Jesus Christus geschehene einmalige Liebestat Gottes - die Funktion, unsere eigene Hoffnung und Zuversicht stets neu aufzurichten und aufrechtzuerhalten. Trotz all unserer Sündhaftigkeit und unseres immer wieder auftretenden Scheiterns können wir im Blick auf den in völliger Sündlosigkeit solidarisch mit uns Verbrechern in den Tod gegangenen Jesus immer wieder die Hoffnung haben, daß Gott auch uns in diesem Scheitern nicht beläßt und uns einen neuen Anfang ermöglicht. Nur im Blick auf das gesamte Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi können wir also neue Hoffnung gewinnen, daß auch unser sündhaftes Leben vor Gott nicht verloren sein wird, sondern dereinst aufgehoben sein wird in der unendlichen Liebe Gottes.