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Der lebende Jesus und die sterbende Kirche


Nachkirchliches Christentum
Der lebende Jesus und die sterbende Kirche (Ab Seite 184)
Rupert Lay, ordentlicher Professor für Philosophie und Jesuitenpater, hält weltweit Seminare für Manager.

Aus dem Klappentext:
»Christentum ist für die meisten Europäer eine Angelegenheit, die eher in Museen besichtigt werden sollte, denn konkrete Lebenspraxis bestimmt ...
Dabei ist der Grundsatz des Christentums ebenso einfach wie leicht verständlich: Liebe ist nicht das Problem, sondern ist seine Lösung.«
Dieser neunte bei ECON verlegte Lay -Titel knüpft an die ersten beiden Bände an, also an »Philosophie für Manager« und »Ethik für Manager«. In einer zunehmend orientierungslos werdenden Welt gibt Deutschlands führender Moralphilosoph aus der Sicht eines engagierten, aber durchaus kritischen Christen Anregungen, unser berufliches und privates Leben festen sittlichen Normen —hier denen eines modern verstandenen Christentums — auszusetzen. Man muß kein »Kirchenchrist« sein, um diesen Wertmaßstäben zu genügen. Aber gerade auch im Widerspruch dazu kann ein Fundament gelegt werden, das eine neue Sicherheit im Handeln gibt. Das Buch versteht sich als eine undogmatische Auseinandersetzung mit zweitausend Jahre alten Werten, die es neu zu entdecken gilt.

Die Bergpredigt
Wir haben schon häufig aus dieser »Bergpredigt« zitiert. Sie ist vermutlich ein zusammenhängender Text der Logiensammlung. Da sie das Grundgesetz des Christentums darstellt (wenn auch keineswegs der meisten christlichen Kirchen), seien hier ihre wichtigsten Themen vorgestellt:
a) Die acht Seligpreisungen (Mt 5, 3-12).
1) »Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. « »Armut« meint hier keineswegs die materielle Armut, sondern die Einstellung, die einen Menschen nichts von sich selbst, sondern alles vom Göttlichen erwarten läßt. Arm ist der, der sich nicht im Besitz ewiger Wahrheiten wähnt, sondern darum weiß, daß alles Wissen nur Wissen im Vorübergang ist. Arm ist der, der von nichts besessen wird. Das Wort »selig« ist heute veraltet. Gemeint ist »glücklich« in dem Sinn, daß Leben glückt. Das »Himmelreich« meint das Eingehen in das Göttliche, in dem allein Wahrheit und Realität ist. Man würde also besser übersetzen: »Glücklich sind Menschen, die von nichts besessen werden, denn sie werden eingehen in das Göttliche.«
2) >Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. « Die Parallelstelle im Lukasevangelium lautet: »Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen« (Lk 6, 21). Und das Johannesevangelium schreibt: »Ihr werdet trauern . . . , aber euer Herz wird sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude« (16, 20-22). Wie Hans Deidenbach zu Recht wahrnahm, könnte man sich hier verwundert die Augen reiben und sich an die »Vier edlen Wahrheiten« Buddhas erinnert fühlen. Trauer ist hier nicht selbstzwecklich gemeint, sondern notwendige Durchgangsstufe für einen Menschen, der (etwa unter einem Verlust) leidet. Trauer ist Abschiednehmen von Illusionen, von Liebgewordenem. Wer noch trauern kann, noch Abschiedsschmerz erleben und zu Ende leben kann, bei dem wird das Trauern und das Schmerzen einmal enden und sich in Freude wandeln. Geschehenlassen können, ohne zu trauern, zuschauen können, daß nicht ich leide, sondern daß »es in mir leidet«, ist ein wichtiger Schritt hin zur Freude. Nicht einer hemmungslos-ausgelassenen Freude, sondern zugelassener Freude. Horst Eberhard Richter hat einem Buch den Titel gegeben: »Wer nicht leiden kann, muß hassen«. Auch hier ist Leiden sicher nicht selbstzwecklich gemeint. Aber man muß es annehmen, zulassen, durchleben können, um nicht destruktiver Aggressivität zu verfallen oder zu resignieren.

3)»Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. « Das griechische praos bedeutet neben sanftmütig auch milde, gelassen, gleichmütig, wohlwollend. Das Wort »Sanftmut« ist in Verruf gekommen, denn es könnte meinen: mit sich alles machen lassen. Es meint vielmehr: »den Mut sänftigen«. »Mut« (muot) bedeutet im Mittelhochdeutschen soviel wie »kraftvoll streben«. »Sanftmütig« meint also »kraftvolles Streben sänftigen«. Die ökumenische Bibelübersetzung beschreibt das Gemeinte etwas grell mit »keine Gewalt anwenden«. Es ist sicherlich richtig, daß das Evangelium sich hier gegen jede Einstellung richtet, die zu einer gewalttätigen Landnahme führen könnte. Über solche gewalttätigen Landnahmen etwa sind der erste und der dritte (der heutige) Judenstaat entstanden. Auch »Land erben« ist schlecht übersetzt. Es geht vielmehr über ein »Besitzen der Erde«. Und in diesem Licht betrachtet, kann man unschwer die dritte Seligpreisung ökologisch interpretieren: »Glücklich sind die Menschen, die sich in ihrem Können mäßigen, denn ihnen wird die Erde gehören« - nicht aber denen, die sie im vollen Ausspielen ihres Könnens zugrunde richten.

4)»Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. « »Die Gerechtigkeit« meint nicht dasselbe wie unser Wort »Gerechtigkeit«, sondern meint Teilhabe an der Gottheit durch den Glauben an sie. Gerecht ist also der Gerechtfertigte. Gerechtigkeit im biblischen Sinne ist keine Tugend wie im Umgangssprachlichen, sondern die Folge göttlichen Handelns. Im Judentum rechtfertigt Gott, indem er richtet; im Christentum rechtfertigt Gott, wenn er Menschen in das Gottesreich ruft. Wer sich also ganz auf das Gottesreich hin orientiert, der wird auch in dieses Reich gelangen. Dazu gehört als notwendige Bedingung, zu werden wie ein Kind (d. h., die Kindwelt-Werte - etwa die Fähigkeit, immer wieder umzudenken und zu lieben - zu kultivieren und nicht die der Erwachsenenwelt).
5) »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.« Das Wort »Barmherzigkeit« hat einen Bedeutungswandel mitgemacht. Das althochdeutsche (ir-)barmen wurde in der Übersetzung der beiden Wortteile von »miseri-cordia« zu »arma-herzi«, ein Herz haben für . . . Gemeint sind die Menschen, die sich ihrer eigenen und anderer Schwäche und der Folgen daraus erbarmen und sich und anderen verzeihen. Die Seligpreisung sagt, daß ein Mensch, der aus dieser Einstellung handelt, selbst Erbarmen finden wird. Der Samariter, der jenem Juden half, der auf dem Weg herunter nach Jericho unter die Räuber fiel, war barmherzig, denn er war in der Lage, sich allen Menschen zum Nächsten zu machen.
6) »Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. « »Herz« bedeutet die Einheit gebende Mitte unseres Menschseins. In ihm begegnen sich Emotionalität, Sozialität und Rationalität. Reinen Herzens ist ein Mensch, der aus dieser Mitte heraus lebt und »rein« ist (in dem Sinne, wie Jesus von Reinheit im Gegensatz zur Unreinheit spricht). Wer aus solcher Mitte heraus lebt, wird das Göttliche erfahren, das eben in dieser »reinen Mitte« wohnt. Das lateinische »meditari« (meditieren) bedeutet in schlechter, aber erhellender Etymologie: »In medium ire et ex medio ire« (= in die eigene Mitte hineingehen, um aus der eigenen Mitte heraus zu leben). Wer reinen Herzens regelmäßig in seine eigene Mitte hineingeht und sich so von allem, was nicht Mitte ist, ablöst und befreit, der kann das Göttliche in den Dingen, die Gotthaltigkeit der Welt erfahren. Das reine Herz sieht dann die Dinge, wie sie sind, nicht auf Grund uns immer wieder täuschender Sinneserkenntnis, sondern durch unmittelbare Wahrnehmung. Sie allein ist in der Lage, Welt erkennend und liebend zu rekonstruieren (im Gegensatz zu Konstruktion von Selbst und Welt durch die Alltagsaktivitäten unseres kognitiven Systems).
7) »Selig, die Frieden schaffen, denn sie werden Söhne Gottes genannt.« »Friede« ist hier nicht im Sinne der Umgangssprache als Friede zwischen den Völkern, zwischen Ehepartnern, zwischen Nachbarn gemeint, ist Jesus doch nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Mt 10, 34 f.). Und das Johannesevangelium betont: »Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht« (14, 27). Gemeint ist also der innere Friede, der Friede des Herzens. Der innere Friede, verbunden mit dem Bemühen zu möglichst biophiler Lebensorganisation, die jede destruktive Aggressivität, jede aktive Intoleranz, jedes moralische Verurteilen ausschließt. Sie wird auch äußeren Frieden schaffen. Es ist ein fataler Irrtum unserer Zeit, Menschen könnten äußeren Frieden schaffen, ohne daß zuvor der innere Friede in ihnen gefestigt wäre. Die Instrumente des Friedensschaffens, wie sie etwa die UNO bereitstellt, sind denkbar wenig geeignet, ihr Ziel zu erreichen.
8) »Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich. « Mitunter wird der Satz so gelesen, daß die Menschen, die sich um menschliche Gerechtigkeit mühen, dafür mit dem Himmel belohnt werden. Das aber ist hier nicht gemeint. Das »willen« (gr. heneken) in »um der Gerechtigkeit willen« sollte man nicht wirkursächlich, sondern zielursächlich verstehen: »Wir werden verfolgt, damit wir gerecht werden« (und nicht: »Wir werden verfolgt, weil wir gerecht sind«).‘ »Gerechtigkeit« bedeutet — wie gesagt — Orientierung auf das Gottesreich. Wir werden also verfolgt, damit wir uns hin aufs Gottesreich orientieren. Solange wir unser Denken, Fühlen und Wollen noch nicht darauf ausgerichtet haben, sehen wir noch nicht die Dinge mit dem Herzen, so wie sie sind, sondern bilden uns bloß Konstrukte der Dinge. Das aber wird unvermeidbar zu Widerstandserfahrungen — vor allem der sozialen Umwelt — führen. Diese Widerstände erlauben es uns, unsere Konstrukte zu korrigieren. Wir sollten also dankbar sein für solche Verfolgungen. Insofern wir kaum jemals unsere Konstrukte realitätsdicht konstruieren (das ist erst möglich, wenn wir wie Kinder, im Gottesreich wieder mit den Augen und den Ohren des Herzens zu sehen und zu hören gelernt haben), ist Verfolgung und damit Leiden unausweichlich. Auch hier kann man sich wieder der ersten edlen Wahrheit des Buddhismus erinnern. Wie wir konkret mit unseren Verfolgern umgehen sollen, zeigt uns die Bergpredigt in zwei Fällen:

• »Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge; Zahn um Zahn (171).

171 Das Evangelium beruft sich hier auf das »mosaische Gesetz«: »Ist weiterer Schaden entstanden, dann mußt du geben: Leben für Leben, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme« (Ex 21, 24 f.). »Wenn jemand einen Stammesgenossen verletzt hat, soll man ihm antun, was er getan hat: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn« (Lev 24, 19 f.). »Und du sollst kein Mitleid aufsteigen lassen: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß« (Deut 19, 21). Das ist die Lex talionis (das Gesetz von der Wiedervergeltung), die sich im Kodex Hammurabi und in den assyrischen Gesetzen wiederfindet. Da sie eine Strafe verhängt, die dem angerichteten Schaden entspricht, versucht sie, der Rache Grenzen zu setzen. Das Gesetz der Blutrache wurde in Israel im Laufe der Zeit etwas gemildert. Der go‘el, der Bluträcher, konnte sich mit Loskauf begnügen.

Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand« (Mt 5, 38). Jesus setzt damit die Lex talionis (das Gesetz der Wiedervergeltung) außer Kraft. Nicht gemeint ist, daß man ungerechte Angriffe nicht mit geeigneten Maßnahmen abwehren dürfe, noch weniger, daß man nicht die Übel in der Welt bekämpfen solle. Gemeint ist vielmehr, daß ein Mensch, der sich immer wieder gedanklich oder in Worten mit dem Bösen beschäftigt, das man ihm tatsächlich oder vermeintlich angetan hat, statt dem Schädiger zu verzeihen und positiv von ihm zu denken, das Böse in sich selbst einpflanzt und böse wird. Hier aktualisieren sich die Forderungen Jesu vom Umdenken und vom Nicht-Richten. Wer lange in den Gefühlen des Hasses, der Rache oder der Verbitterung verharrt, behandelt sich selbst und mittelbar auch andere nekrophil. Psychoanalytisch wäre es wünschenswert, diese Emotionen durch Loslassen, Freiwerden (so daß man nicht von ihnen besessen wird) zu relativieren. Kann man gar, etwa geführt durch Meditationen, sich selbst als Hassender, Auf-Rache-Sinnender beobachten, wird man vermutlich bald über sich selbst lächeln lernen. Mir geht es gelegentlich beim Autofahren so: Ein rücksichtsloser Fahrer biegt etwa aus einer Nebenstraße auf eine Bundesstraße ein und zwingt mich zur Vollbremsung. Ich werde wütend und sinne auf Rache. Ich habe mir in solchen und ähnlichen Situationen angewöhnt, die aggressiven Emotionen, die mich zu beherrschen drohen, dem kleinen Jungen, der ich einmal war und immer noch bin, zuzuordnen. Ich beobachte ihn in seiner Wut und gehe mit ihm um, wie ein kluger Vater mit seinem fünfjährigen wütenden Sohn umgeht: die Sache ernst nehmen, aber nicht tragisch. Ich beobachte den Bengel, hüte mich aber sehr wohl davor, seinem Begehren nachzukommen, ihm meine Erwachsenenstrategien zur Verfügung zu stellen. Und wenn er nach zehn Minuten immer noch wütend ist, sage ich ihm einigermaßen energisch: »Jetzt reicht‘s« — und fast immer funktioniert es.
• »Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen,(172)

172 Das Gebot, den Feind zu hassen, steht so nicht in den heiligen Schriften der Juden. Es ist daran zu denken, daß das sprachlich arme Aramäische meint: »Du sollst deinen Feind nicht lieben. « Der Text, der dem von Jesus vorgestellten Hassensgebot am nächsten kommt, lautet: »Gib dem Guten, nicht aber dem Bösen« (Sir 12, 4). Im Gegensatz zu diesem »Gebot« stehen vor allen Dingen Texte aus dem Buch der Sprichwörter: »Freu dich nicht über den Sturz deines Feindes, dein Herz juble nicht, wenn er strauchelt, damit nicht der Herr es sieht und mißbilligt« (24, 17f.). »Hat dein Feind Hunger, so gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihnen zu trinken; so sammelst du glühend Kohlen auf dein Haupt, und der Herr wird es dir vergelten. (25,21 f.)

ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen« (Mt 5, 43). Das Gebot der Feindes-liebe verwendet das griechische »agapao«, das nicht eigentlich »Lieben« bedeutet, sondern »Hochachten«, »Gernhaben«. Ei ist also nicht gemeint, dem Feind Gefühle der Liebe entgegenzubringen. Wir sollen eine ähnliche Einstellung haben wie Gott: Denn der läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte wie Ungerechte (Mt 5, 45), behandelt also alle Menschen gleich. Das Gebot der Feindesliebe gebietet uns also, unsere Hochachtung nicht davon abhängig zu machen, ob jemand unser Freund oder unser Feind ist.
Soviel über das Umgehen mit Verfolgern und Feinden. Dabei ist durchaus auch daran zu denken, daß wir, wenn wir im Sinne psychoanalytischer Theorie vor den Ansprüchen unseres Über-Ich versagt haben, oft unbewußt unsere eigenen Verfolger, Ankläger, Feinde und Richter werden. Haben wir nicht gelernt, sinnvoll im Sinne der Bergpredigt mit unseren Verfolgern und Feinden umzugehen, werden wir uns selbst hassen, verachten und bestrafen. Wir werden sehr bald neurotische Symptome ausbilden oder andere Formen der Selbstbestrafung bis hin zur Todesstrafe finden. Zu solchen Strafen gehören etwa alle lebensmindernden Abhängigkeiten wie die von Nikotin, von Alkohol, von zu schnellem Autofahren, von Arbeit.

b) Salz der Erde und Licht der Welt (Mt 6.13-16)

»Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr. Es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. « Hier wird deutlich, daß die Bergpredigt keineswegs den Rückzug in die private Innerlichkeit fordert.‘ Das Markusevangelium fügt noch an: »Habt Salz in euch, und haltet Frieden untereinander« (9, 50). Wer aber ist »Salz der Erde«? Sicherlich sind damit die Menschen gemeint, die auf die Vollendung des Gottesreichs hin leben, Menschen, die in den Seligpreisungen »glücklich« genannt werden. Offenbar ist Jesus der Meinung, daß schon wenige dieser Menschen ausreichen, um die Erde zu salzen, ihr den Geschmack des Göttlichen zu geben. Wer nicht den Geist der Seligpreisungen zu leben versucht, ist dumm (»schal« ist eine Fehlübersetzung). Das Salzsein und die Beachtung der Seligpreisungen stehen zueinander in dialektischer Beziehung. Das eine kann nicht sein ohne das andere. Hier wird auch deutlich, daß sich die Seligpreisungen nicht auf spätere Weltzustände beziehen, sondern auf ganz normales Christsein heute. In besonderer Weise wären die Kirchen verpflichtet, Salz der Erde zu sein. Das sind sie aber nur, wenn sie in ihren führenden Mitgliedern die Seligpreisungen jetzt und heute ernsthaft zu realisieren versuchten — und nicht auf ihr Gelten im vollendeten Gottesreich verweisen würden.»Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berge liegt, kann nicht im Verborgenen bleiben . . . So soll euer Licht leuchten, damit die Menschen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. « »Werke« meint die in der Bergpredigt genannten Einstellungs- und die daraus resultierenden Verhaltensweisen. Jesus stellt hier klar, daß das Verhalten von Christen sich erhebbar von dem von Nicht-Christen abheben muß. Ist Christsein nicht mehr bemerkbar, ist es zu einer rein innerlichen Sache geworden, ist es gestorben: gestorben in den Herzen von Menschen, gestorben im Zentrum der Kirchen. Menschen, die von der Bergpredigt erfaßt wurden, leuchten. Sie sind das Licht der Welt. In aller Dunkelheit des Widergöttlichen scheint in ihnen und durch sie das Göttliche in dieser Welt. Nicht selten wirken sie auf andere sehr überzeugend. Licht sollen wir sein für andere. Können wir das, ohne vom Göttlichen erleuchtet zu sein? Nicht der Fortschritt der Technik bringt mehr Menschlichkeit, sondern das Licht. »Licht« ist ein Name des Göttlichen. Im Prolog zum Johannesevangelium heißt es: »Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt« (1, 9).

c) Die Erfüllung des Gesetzes (Mt 5 , 17-20)
»Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen . . . Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. « Will Jesus damit den alten jüdischen Legalismus ins Gottesreich hinüberretten? Das ist ganz sicher nicht der Fall. Er verpflichtet weder sich noch seine Jünger, den 613 Geboten der Thora und ihren zahlreichen Auslegungen zu folgen. So hält er sich etwa nicht an das Sabbatgebot und die Vorschriften über Unreinheit. Was meint also die Formel »Gesetz und Propheten« bei Jesus? Er selbst sagt es uns: Es ist die berühmte »Goldene Regel«, die in allen großen Religionen vorkommt und durchaus als die formale Norm angesehen werden kann, die sich unter verschiedenen Umständen sehr verschieden material auslegen kann. (174)

174 Formal ist eine Norm, wenn sie in verschiedenen Situationen material verschieden ausgelegt werden kann. Was in einer Situation normgerecht ist, kann in einer anderen normwidrig sein. Wenn ich erwarte, daß mich die Polizei beim Falschparken erwischt, sollte ich nicht andere beim Falschparken erwischen wollen. Wenn ich dagegen erwarte, daß andere mein Anliegen verstehen, dann sollte auch ich mich mühen, ihr Anliegen zu verstehen. Die Gebote der Thora sind nahezu ausschließlich materiale Normen. Solche Normen gelten unabhängig von den Umständen. So sind etwa die »Zehn Gebote« solche materiale Normen. Der Nachteil solcher materialer Normen ist, daß sie den Handelnden aus seiner Verantwortung entlassen. Folgt er der Norm, trägt der Normengeber (etwa Gott) die Schuld für die Handlungsfolgen. Nach jüdischer Vorstellung ist der »gerecht«, der allen materialen Normen folgt. Die Goldene Regel (oder auch die Biophilie-Maxime, welche durchaus der Goldenen Regel gehorcht) ist eine formale Norm, die den Handelnden nie aus seiner Verantwortung für die Folgen seiner Handlung entläßt. Er muß in jedem Einzelfall die mit zumutbarem Aufwand erkennbaren positiven wie negativen Folgen seines Handelns oder Unterlassens gegeneinander abwägen.


Sie lautet: »Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen«(175)
175 Sollte ein Mensch ein sehr negatives Menschenbild (etwa des Typs »Jeder ist sich selbst der Nächste!«) haben, wird man statt der positiven die sprichwörtliche negative Formulierung der Goldenen Regel wählen: »Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu. « Da wir Menschen nur an zweiter Stelle von unserem verantworteten Handeln gesteuert werden, sondern es uns geht wie Paulus, der klagt: »Denn nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde« (Röm 7,19 f.). Wir würden heute nicht von einer innewohnenden Sünde sprechen, sondern von unbewußten Prozessen und Mechanismen. Auch in diesem Fall wäre es wohl angemessener, die negative Form der Goldenen Regel zu wählen. Übrigens ist die Überzeugung, die Goldene Regel enthalte das ganze Gesetz und die Propheten keineswegs eine Erkenntnis Jesu. So berichtet die rabbinische Literatur von einem Präsidenten des Sanhedrin, Hillel dem Alten, daß er 20 Jahre v. Chr. einem konversionswilligen Menschen die Goldene Regel als die Summe der Thora bezeichnet: »Was dir verhaßt ist, tue keinem anderen! Das ist das ganze Gesetz. Alles andere ist nur Kommentar« (K. 0. Schmidt, Die Goldene Regel [3. Aufl.], München (Eichen) 1985, 65). Hillel verwendet also die negative Formel.

und Jesus fährt fort: »Darin besteht das Gesetz und die Propheten« (Mt 7, 12). Die Goldene Regel wird von Jesus keineswegs moralisierend-fordernd vorgestellt. Man kann sie als eine psychologisch gut begründete Regel verstehen, die Sozialverträglichkeit zwischenmenschlichen Verhaltens optimiert. Interessant ist, daß die Goldene Regel sich nur auf die Mitmenschen bezieht. Möchte man sie als moralische Regel lesen, müßte man zugleich feststellen, daß es keine »Sünden wider Gott« gäbe. Selbst das dritte Gebot, das von der Sabbatruhe, wäre nur insoweit moralisch verbindlich, als es Sozialverträglichkeit optimiert. Insofern in ihr Gott nicht vorkommt, ist sie a-theistisch. Sie gilt für alle Menschen aller Glaubensüberzeugungen, jeder Rasse und jeder Kultur. Auch das »zweite Gebot«: »Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt 22, 39), formuliert wenigstens einen Aspekt der Goldenen Regel. Es ist seine alttestamentarische Gestalt (Lev 19, 18).
Jetzt wird auch deutlich, warum Jesus den Schriftgelehrten und Pharisäern mangelnde Gerechtigkeit vorwirft. Sie versuchen, den materialen Normen der Thora möglichst exakt zu folgen, beachten dabei aber nicht die formale Goldene Regel und verhalten sich so sozialunverträglich: »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und laßt das Wichtigste im Gesetze außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue«
(Mt 23, 23). Es hat in den christlichen Kirchen nie an Versuchen gefehlt, mit einer Vielzahl materialer Normen Menschen zu disziplinieren. Und keineswegs ist der Maßstab dieser Normen die Goldene Regel (was man etwa von den Zehn Geboten durchaus sagen kann). Selbst Paulus, der sich mitunter weit von den etwa im Markusevangelium tradierten Vorstellungen Jesu entfernt, kann nicht umhin, heftig gegen den Legalismus zu polemisieren: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und laßt euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft (des Gesetzes) auflegen!« (Gal 5, 1).

d) Von der Versöhnung (Mt 5, 21-26)
»Ihr habt gehört, daß zu den Alten (im fünften mosaischen Gebot) gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. « Sechsmal verwendet Jesus in den folgenden Versen der Bergpredigt die Redewendung: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist . . . , ich aber sage euch . . .« Immer wieder kommt es ihm darauf an zu zeigen, daß sozialunverträglichem Handeln eine sozialunverträgliche Einstellung zugrunde liegt. Und die gilt es zu beheben. Wir Menschen sind zu schwache Wesen, als daß wir dauerhaft gegen unsere Einstellungen und Orientierungen handeln könnten. Also gilt es diese zu korrigieren. Es gilt die Ursachen zu beheben, wenn man die Wirkungen vermeiden will. So ist auch das »Dem-Gericht-verfallen-Sein« keine juristische Aussage, sondern eher eine psychologische. Wer seinem Mitmenschen dauerhaft zürnt, wird vor das Gericht des eigenen Unbewußten gestellt. Fixieren wir uns auf das Böse, das uns andere tatsächlich oder vermeintlich angetan haben, bleiben wir darauf fixiert. »Unsere Gedanken, Gefühle und Vorstellungen wirken unvermeidlich wie ein Bumerang auf uns selbst zurück. «1‘ Wir erhalten das Böse in unserem Unbewußten, und hier kann es sein böses Spiel treiben bis hin zum neurotischen Ende.
»Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. «
Sicherlich liegt es Jesus fern zu moralisieren. Also darf auch dieser Text nicht moralisierend gelesen werden, sondern muß als eine Aufforderung verstanden werden, sich sozialverträglich zu verhalten. Eigentümlich wirkt der Text, daß nicht der zur Versöhnung gerufen wird, der etwas gegen einen anderen hat, ihm etwa zürnt, sondern genau umgekehrt: Der soll sich versöhnen, gegen den ein anderer etwas hat (ihm etwa zürnt). Die Umkehr der beiden Passagen dieses Abschnitts werden dann leicht verständlich, wenn man dahinter die Regel sieht: Es ist gleichgültig, wer etwa mit dem Zürnen angefangen hat. Ein Streit um die Schuld des Anfangs führt zu nichts. Ob ich oder ein anderer mit dem Streiten begann, sozialverträglich ist es, zumindest Versöhnung zu versuchen. An einem sozialen Konflikt, der sich stets als Kommunikationsstörung vorstellt, sind stets beide Partner beteiligt. Befreiung geschieht nur durch Vergebung. Gegnerschaft kann unvermeidbar sein. Aber im guten Denken über den Gegner verliert sie ihre nekrophile Funktion.

e) Vom Ehebruch (Mt 5, 27-30)
»Ihr habt gehört, daß (im sechsten und zehnten mosaischen Gebot) gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch, wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen. « Wieder will Jesus nicht moralisieren, sondern an einem weiteren Beispiel aufzeigen, daß eine mit starken Emotionen besetzte Vorstellung einer Handlung dieselben psychischen Wirkungen hat wie die Handlung selbst. Das Unbewußte verarbeitet beides in recht ähnlicher Weise — und zwar lebensmindernd. »Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg. Es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengeht, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. « Wenn dich also eine bestimmte Sicht der Dinge zum Bösen (zum sozialunverträglichen Handeln und Verhalten) verführt, dann gib diese unbedingt auf, wenn du das Gottesreich nicht verfehlen willst. Ändern wir die Sichtweise (dynamisieren wir also unsere Konstrukte), so können wir uns von lebensmindernden Einstellungen befreien. Es ist sehr notwendig, gelegentlich die eigenen Routinen zu sehen und auf ihre Biophilie hin zu überprüfen. Die Routine mit ihren Selbstverständlichkeiten kann zu einer üblen Falle werden.

f) Von der Ehescheidung (Mt 5, 31f.)
»Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entläßt, muß ihr eine Scheidungsurkunde geben (Dt 24, 1). Ich aber sage euch, wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht (genauer: der Prostitution) vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. « Ehebruch ist nach mosaischem Gesetz nicht etwa ein sexuelles Vergehen, sondern nach der älteren (eloistischen) Fassung der Zehn Gebote ein klares Eigentumsdelikt: Das zehnte Gebot lautet: »Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven, seinem Rind, seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört« (Ex 20, 17). Auch zur Zeit Jesu war eine Frau noch nahezu hilflos der Willkür ihres Mannes ausgeliefert. Diese Einstellung will Jesus ändern. Frauen sind den Männern gleichwertige Wesen und nicht etwa Eigentum der Männer. Jesus hat zu Frauen, die ihn während seiner Wanderpredigerzeit begleiteten, ein recht unbefangenes Verhältnis. Auch die samaritanische Frau am Jakobsbrunnen behandelte er durchaus als ihm gleichwertig. Was er mit keinem seiner Apostel je tat: Er führt mit ihr ein theologisches Gespräch. Solange wir nicht in Konflikten den Partner als uns gleichwertig wahrnehmen und die »Schuld« vorwiegend beim anderen suchen, werden wir niemals zu einer biophilen Lebenseinstellung finden. Das Entlassen einer Frau steht für das Fortlaufen vor Problemen. Wer flüchtet und nicht standhält, wird kaum jemals sein soziales Leben reich entfalten können.

g) Vom Schwören (Mt 5, 33-36)
»Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: sollst keinen Meineid schwören (d. h. den Namen Golf, nicht mißbrauchen), und du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht . . . Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. « Auch hier geht es nicht um Handeln, sondern um Einstellungen. Jesus fordert Menschen auf, authentisch zu sein. Wer schwört, versucht, seine angezweifelte oder nicht wahrgenommene Authentizität zu kompensieren. Authentizität ist mehr als Wahrhaftigkeit, schließt diese aber ein. Authentisch handelt und verhält sich ein Mensch, der weiß, wer er ist, der seinem Stern folgt. Er setzt sein Selbstkonstrukt dauernder Bewährung aus. Es wird ihm helfen, um sich herum ein biophiles Feld aufzubauen. Er wird nicht auf den Einfall kommen, sein Ja oder sein Nein zu beeiden. Wenn man ihm nicht glaubt, dann eben nicht.

h) Vom Almosen geben (Mt 6, 1-4)
»Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen, sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten . . . Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. « Nicht selten handeln Menschen nach den Regeln: »Tue Gutes und sprich darüber!« und noch ärger: »Tue Gutes und sorge dafür, daß andere Menschen darüber sprechen! « Nicht nur Menschen handeln nach solchen Regeln, sondern auch Unternehmen, Staaten, Kirchen, getreu dem Motto: Was nutzt es mir, Gutes im verborgenen zu tun? Es ist das reiner Aufwand, dem kein Ertrag entgegensteht. Die Maxime, gegen die Jesus hier angeht, läßt sich vielleicht so formulieren: »Versuche, mit einem Minimum an sozialem, emotionalem, zeitlichem, finanziellem Aufwand ein Maximum an sozialem Ertrag (Anerkennung, Ansehen, Einfluß) zu erwirtschaften. Menschen, die bewußt oder unbewußt ihr Leben nach diesem ökonomischen Prinzip ausrichten, können nicht mehr ohne Zwecke handeln. Alles muß einen Nutzen bringen. Ihnen ist das Kindsein mit dessen Werten verlorengegangen: Kinder spielen, lieben noch zwecklos, einfach um zu spielen oder um zu lieben. Ein verzwecklichtes Leben ist jedoch ein armes Leben, weil ein Mensch, der solch ein Leben lebt, von den Zwecken seines Handelns — und das heißt immer: aus zweiter Hand — gelebt wird.

Das öffentliche Almosen-Geben wirkt fast immer recht herablassend. Der, der öffentlich Almosen gibt, übt in gewissem Sinn Herrschaft über den Empfänger aus. Da Jesus aber von der Gleichwertigkeit aller Menschen, der guten wie der bösen, ausgeht, sollte ihm ein solches Wort fremd sein. Und in der Tat ist »Almosen« eine Fehlübersetzung. In der ursprünglichen Bedeutung meint das griechische »eleemosyne« Barmherzigkeit. In Laufe der Zeit wandelte sich seine Bedeutung hin zum herablassenden Geben. Diese um ihrer selbst willen schenkende Barmherzigkeit setzt eine Einstellung zum Eigentum voraus, die sicherlich auch heute noch nicht sehr verbreitet ist: Wir sind vor dem Anspruch des Göttlichen nur Verwalter unseres Eigentums. Wer Almosen gibt, setzt aber meist voraus, er sei Herr seines Eigentums. In mancherlei Gleichnissen macht Jesus deutlich, daß wir im materiellen Eigentum nur von Gott zugeteiltes Gut verwalten. Und wenn wir barmherzig sind, werden wir das uns anvertraute Gut mit Bedürftigen teilen — einfach um des Teilens willen und nicht, um einen für uns günstigen Zweck zu erreichen.
Der Text »Dein Vater wird es dir vergelten« kann ebenfalls zu Mißverständnissen führen. Gemeint ist hier sicherlich nicht eine Vergeltung nach dem Tode. Das griechische »apodidemi« bedeutet »zurückgeben«. Wichtige alte Handschriften fügen noch hinzu: »en to phanero« (sichtbar, vor aller Augen). Diese Deutung, daß Gott das in Barmherzigkeit selbstzwecklich Gegebene schon in diesem Leben wieder zurückgeben wird, paßte jedoch, wie H. Deidenbach‘ vermutet, nicht in den supranaturalistischen Kontext mancher ekklesialer Interessen. Wie ist es denn mit der zweckfreien Barmherzigkeit bestellt? Menschen sterben in den Drittweltländern vor Hunger und vergiften sich durch das Trinken verdorbenen Wassers. Und die Länder der ersten Welt schauen voller Betroffenheit zu. Die Betroffenheit ist der Ersatz fürs Handeln geworden, die Spende die Entschuldung des eigenen Gewissens. Zwar versprach die BRD einmal, 0,7% des BSP an Entwicklungshilfe zu zahlen. Unter der Führung zweier sich christlich nennender Parteien wurde daraus kaum die Hälfte. Die Produktion vieler Drittweltländer wird von der EU, aber auch von Japan und den USA durch hohe Zölle abgeblockt, so daß sie nicht die lebensnotwendigen Devisen erwirtschaften können. Wo bleibt da die Weisheit, daß nur derjenige, der gibt, auch erhalten wird? Es kommt dabei nicht darauf an, wieviel wir hergeben, sondem auf die rechte Gesinnung, wie folgende uns vom Markusevangelium (12, 41-44) berichtete Geschichte zeigt: Jesus saß einmal in der Nähe des Opferkastens im Tempel. Viele Reiche kamen und gaben viel. Dann aber kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Diese arme Witwe hat mehr in den Opferstock hineingeworfen als alle anderen, denn sie haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. «
Das tatsächliche, von egoistischen Zwecken freie Weggeben von etwas ist nicht nur für den Empfänger, sondern auch für den Geber von zentraler Bedeutung. Es ist die leichteste Form des Loslassens. Im barmherzigen zweckfreien Hergeben kann das von Jesus so sehr geforderte Loslassen eingeübt werden. Man kann durchaus zu Recht bezweifeln, daß ein Mensch, der nicht von materiellem Besitz loslassen kann, erst recht nicht von seinem geistigen und von sich selbst frei werden kann. Das Umdenken, die metanoia, wird ihm kaum gelingen.

i) Vom rechten Beten (Mt 6, 5-15)
»Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden . . . Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. « In der Tat hat Jesus niemals in der Öffentlichkeit gebetet (sieht man einmal von einem möglichen Gebet am Kreuz ab), sondern er ging immer ganz allein auf Berge, um zu beten. Sicherlich kann man den Text auch als Aufforderung lesen, nicht in der Öffentlichkeit oder in Gruppen zu beten. Zudem mag er jedoch auch den Sinn haben, der von einer zunächst nicht naheliegenden Bedeutung von »Verborgen« ausgeht.‘ Das »Verborgen« mag das eigene Innere bedeuten. Bete zu dem in dir verborgenen Göttlichen. Es wird dir in dieser Verborgenheit erwidern. Das jedenfalls ist die Erfahrung der Mystiker: Das Göttliche ist in mir verborgen und sonst nirgends. Nur hier kann ich ihm begegnen. Wer so betet, dem wird das Göttliche in ihm, für alle erkennbar, zurückgegeben.
Über die Problematik des Bittgebets haben wir schon gehandelt und bedacht, was es heißt, daß das Göttliche in uns weiß, was wir benötigen, ohne daß wir ihm das sagen müssen. Beten ist also nicht an erster Stelle ein Bitten, sondern ein Dem-Göttlichen-in-uns-Begegnen. Und dieses Göttliche ist von uns nicht manipulierbar. Es führt und lenkt uns, wenn wir uns ihm überlassen, stets auf rechtem Weg. Eine realistische Interpretation des Bittgebets führt notwendig in das Theodizee-Dilemma: Entweder ist Gott gut, dann erhört er unser Beten und schafft alle Not, um deren Beseitigung wir bitten, weg, oder aber es gibt keinen guten Gott. In allen drei semitischen Großreligionen besteht die Gefahr, das Göttliche so sehr zu personalisieren, daß wir es für manipulierbar halten und nicht um alles wissend. Die Vorstellung eines Gottes, der nur gut ist, wenn man ihn darum bittet, ist absurd. Es ist blasphemisch, wenn man sich Gott als eine ins Gigantische vergrößerte quasimenschliche Person vorstellt. Das Personsein des Göttlichen erschöpft sich — wie gesagt — darin, daß wir zu ihm du sagen dürfen. Jedes von dem Göttlichen gemachte Bild ist eher falsch als richtig. Das Bittgebet hat einzig die Funktion, die erste Seligpreisung für uns realistisch zu machen: die Anerkenntnis unserer eigenen Ohnmacht und Leere.
Völlig unsinnig ist die Vorstellung, das Göttliche in uns kompensiere auf unsere Bitte hin unser eigenes Versagen. Wenn jemand schlecht studiert hat, wird das Bittgebet, das Examen zu bestehen, wenig helfen. Die Erkenntnis, daß es von uns Menschen abhängt, was wir mit uns, mit unseren Mitmenschen und mit unserer Erde machen, kann und darf nicht durch die Vorstellung magischer Kräfte des Bittgebets verdunkelt werden. Nicht wenige Menschen wenden sich enttäuscht von Religionen ab, weil ihre Bittgebete selten oder nie erhört wurden. Hier liegt in der Verkündigung der Jesusbotschaft noch vieles im argen.
Wie aber sollen wir beten? Offenbar ist das Gebet, welches Jesus seine Jünger lehrt, mehr als eine Abfolge von Bitten, es ist die gebetete Zusammenfassung der Bergpredigt:

• » Unser Vater im Himmel«:
Das Wort »Vater« kann leicht mißverstanden werden. Wie schon gesagt, projizieren wir unvermeidlich in dieses Wort die Erfahrungen mit dem eigenen Vater und sehen so Gott in gewisser Analogie zum eigenen Vater. »Vater« meint hier aber etwas anderes. Es ist die Bezeichnung für das Göttliche, aus dem heraus wir unser Leben in allen seinen Dimensionen erhielten, und der Hinweis darauf, daß wir Anteil haben an seiner göttlichen Natur (2 Petr 1, 4). Der »Vater« lieh uns etwas von seinem Leben, und wir werden ihm diese Leihgabe im Tod zurückgeben. In ihm leben wir, und er lebt in uns. Das Wort »unser« in »unser Vater« zeugt von der Einheit aller Menschen aller Zeiten vor dem Göttlichen. Alle Menschen haben denselben Vater. Das aber bedeutet, daß alle Menschen eine reale Einheit bilden. Die Einheit muß nicht erst hergestellt werden, sie ist schon vorhanden. Und diese vorhandene Einheit gilt es bewußtzumachen. Es ist das sicherlich nicht die Einheit im Sinne einer Organtheorie, nachdem die Menschheit einen Leib bildet und die Einzelnen nur Organe dieses Organismus bilden, wie Paulus im Römerbrief (12, 4 f.) nahezulegen scheint, sondern die Einheit der Menschen, die in das Göttliche, das bestimmt ist durch den Prozeß Liebender—Geliebter—Liebe, hineingenommen worden sind. In diesem Sinne sind alle Menschen für alle verantwortlich. Wir müssen mit Menschen und Natur so umgehen, daß wir in Gegenwart wie in Zukunft Leben von Menschen eher mehren denn mindern. Die Verantwortung für die Zukunft scheint uns abhanden gekommen zu sein, wenn es uns nur in der Gegenwart gutgeht. Staatsverschuldung und Umweltverschmutzung, Ressourcenvergeudung und Überbevölkerung der Erde scheinen nekrophile Vorgaben an das Zukünftig zu sein. Das »unser« in »unser Vater« verpflichtet uns jedoch —nicht im Sinne einer moralisierenden Verpflichtung, sondern einer ontologischen Selbstverständlichkeit. Das »unser« ist sogar auf die ganze Welt, als Schöpfung verstanden, zu beziehen, denn auch sie entstammt dem Göttlichen. Die Einheit des Kosmos ist nicht nur Überzeugung der meisten Religionen, sondern auch der Physik, wenn sie annimmt, daß alles in der Welt durch virtuelle Feldquanten miteinander verbunden ist. Dann aber bedeutet »unser« auch, daß wir das Gebet als Gebet der ganzen Schöpfung sprechen und uns im Beten verpflichten, uns als Hüter dieser Schöpfung zu verhalten.

•»Dein Name werde geheiligt«:
Nach jüdischer Auffassung ist der Name eines Menschen der Mensch selbst. Verfüge ich über einen Namen, verfüge ich auch über den Menschen, der diesen Namen trägt. Auf die Frage nach dem Namen des ihn Sendenden antwortet Gott dem Mose: »Ich-bin-da«. (180)
180 Der hebräische Text (‚ehje ‚ascher ‚ehje) bedeutet eher »Ich bin, was ich bin« (das käme einer Verweigerung einer Antwort auf die Frage nach dem Namen gleich). Er kann aber auch bedeuten: » Ich bin der, der ist«, dann wäre die im Text vorgestellte Bedeutung stimmig.

»So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin-da hat mich zu euch gesandt . . . Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen« (Ex 3, 14 f.). Paulus nimmt in seiner Rede auf dem Areopag diesen Namen wieder auf, wenn er sagt: »In ihn leben wir, bewegen wir uns und sind wir« (Apg 17, 28). Das »Dein Name werde geheiligt« nimmt ein göttliches Gebot aus dem Buch Ezechiel auf: »Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen« (36, 23). Was meint »Heiligen«? Das mittelhochdeutsche »heilet« bezeichnet »(der Gottheit) gehörig«. Ich denke, daß kein Name mehr entheiligt wurde als der Name des Göttlichen: »Gott«. In seinem Namen geschahen die größten Scheußlichkeiten, die Menschen anderen antaten und noch antun. Nicht nur die Kreuzzüge wurden »im Namen Gottes« geführt, auch die auf Hiroshima abgeworfene Atombombe war von christlichen Pfarrern »im Namen Gottes« gesegnet worden. Es kommt darauf an, der Bitte um Heiligung des göttlichen Namens, insofern sie eine Einstellung bewirken soll, auch Taten folgen zu lassen. Die wichtigste ist sicherlich, den Namen des Göttlichen nicht zu entheiligen. Nicht zufällig heißt das zweite mosaische Gebot: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen« (Ex 20, 7).


•»Dein Reich komme«:
Nach dem schon erwähnten Zeugnis des Lukasevangeliums ist das Reich Gottes schon unter (»entos«) uns. Warum sollen wir dann noch um sein Kommen beten? Wir beten um die allgemeine Erfahrbarkeit seines Reiches. Wir erleben das Kommen und Gehen aller möglicher »Reiche« — nicht aber das des Göttlichen. Alle unsere Konstrukte stammen aus den Erfahrungen unserer individuellen wie kollektiven Vergangenheit. Und beide liefern Elemente für unser Konstrukt »Reich«. Jedes Konstrukt »Reich« ist also stets »unser Reich«. »Unser Reich« ist immer ein Reich der Vergangenheit. Das Reich des Göttlichen jedoch ist immer ein Reich der Zukunft. Es ist gar »die absolute Zukunft«. Die Bitte um »dein Reich« bedeutet also wieder einmal die Bitte um die Aufhebung unserer Konstrukte, die Bitte, Realität zu erfahren, die nur das Herz sehen kann. An anderer Stelle merkt die Bergpredigt an: »Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt . . . , denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles braucht. Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben« (Mt 6, 25, 32 f.). Es ist sehr wichtig, daß wir erkennen, daß alle unsere Konstrukte von »Reich« heidnisch-gottlos sind. Die Aufgabe dieser Konstrukte vom »Reich«, das unser Leben schützt und für unser Wohlergehen sorgt, ist Jesus wichtig. Unsere Sorge soll vor allem dem Reich Gottes gelten, d. h. nicht meinem Reich, sondern dem realen Reich, das nur mein Herz sieht, abgelöst von allen individuellen und kollektiven Erfahrungen, die unser Unbewußtes speichert. Die Heiden kümmern sich zuerst um die Wirkungen (Leben, Versorgung), Christen sollten sich zuerst um die Ur-Sache (das Göttliche und sein Reich) kümmern. Sein Reich kann aber nur unter uns werden, wenn es gelingt, radikal umzudenken, von unseren liebgewordenen Vorstellungen und Vorurteilen zu lassen, uns ihrer zu entleeren und sie in ihrer Relativität zu erkennen. Denn »Gottesreich« bedeutet die Umwertung nahezu aller Werte der Erwachsenenwelt und die Aufwertung der Werte der Kindwelt.

• »Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf der Erde«:
Hier kommt es wieder auf die Entgegensetzung: »unser Wollen« und »dein Wille« an. »Unser Wollen« gründet in unseren Konstrukten, also in der individuellen und in Sozialisationsprozessen übernommenen kollektiven Vergangenheit. »Dein Wille« richtet sich aber auf das Zukünftige, von dem wir, in unseren Konstrukten gefangen, nicht die geringste Ahnung haben. Erst wenn es uns gelingt, unser Selbstkonstrukt zu transzendieren, werden wir in diesem »Jenseits des Ich« das lebende Wollen des Göttlichen begreifen — erfahren, wie etwas sein soll. Manchen Menschen vermittelt das »Dein Wille geschehe« ein Gefühl tiefer Geborgenheit. Es könne ihnen ja letztlich nichts Arges geschehen, wenn Gottes Wille geschähe. Dennoch kann Jesus das nicht gemeint haben. Denn obwohl Milliarden von Menschen das »Dein Wille geschehe« beteten, hat sich die Menge von Unheil unter uns Menschen eher gemehrt als gemindert. Vielmehr ist es das Wollen des Göttlichen, daß wir uns auf die Vollendung des Gottesreiches zubewegen und daß wir von seinem Angebot, im schon bestehenden Gottesreich, das ergreifen, was wir ergreifen wollen. Das Angebot Gottes bezieht sich auf alles, was wir zu unserem (emotionalen, sozialen, physischen) Leben benötigen. Und er weiß, was wir brauchen, ehe wir ihn darum bitten (Mt 6, 8). In den Gleichnissen von Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) und vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32) zeigt Jesus deutlich, daß das Göttliche uns alles gewährt, was wir brauchen, wenn wir es ergreifen, ohne alles Bitten. Das »wie im Himmel, so auf der Erde « meint einfach »immer und überall«. Ob man aus diesem Text folgern kann, daß Jesus die um 100 vor Christus vermutlich zur hermetischen (fälschlich dem Hermes Trismegistos zugeschriebenen) Literatur gehörende »Rabula smaragdina,« gekannt hat, mag etwas kühn sein. In dieser Schrift steht als zweite These der Satz: »Das, was unten ist, und das, was oben ist; und das, was oben ist, ist gleich dem, was unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges. « Richtig aber ist, daß Jesus mit »wie im Himmel, also auch auf Erden« eine Bezeichnung verwendet, die »alles« umschließt.

•»Gib uns heute das Brot, das wir brauchen«:
»Brot« steht hier für alles, was wir im Leben benötigen. Das »unser« verweist auf den sozialen (und nicht egozentrischen) Charakter aller Inhalte der Bergpredigt. Die Bitte erinnert stark an die Erzählung vom Manna in der Wüste. »Da sprach der Herr zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.« Und es regnete Manna. Jeder sammelte davon soviel wie er für sich und seine Familie benötigte. Aber nur für einen Tag (außer am Vortag des Sabbat). Verboten war, mehr zu sammeln (Ex 17, 4-31). Gott gab dem Volk heute das Brot, das es an diesem Tag brauchte. Die Bitte um das Brot ist die einzige, scheinbar profane Bitte des Gebets. Und dennoch widerspricht es unseren Gewohnheiten. Wir sind gewohnt, selbst dafür zu sorgen, daß wir das zum Leben Nötige erwerben und darüber frei verfügen können. Andererseits legt die Parallele zum Manna-Geschehen den Hinweis nahe, nur für den Tag zu sorgen. »Sorgt euch also nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen« (Mt 6, 34). Das ist schon weniger profan. Das Johannesevangelium läßt Jesus einmal sagen:
»Der Ich-bin-da ist das Brot des Lebens« (J 6, 32-35).(183)
183 Diese Übersetzung fügt sich jedenfalls hervorragend dem Kontext ein: >Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater (der Ich-bin-da) gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vorn Himmel herab und gibt der Welt das Leben. Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot. Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens« (J 6, 32-35). Das «Ich bin« läßt sehr wohl an die Offenbarung des Namens des Göttlichen, die dem Mose gegeben wurde, denken: Ich bin der: »Ich bin«.
Dann handelt es sich hier keineswegs um eine profane Bitte, sondern um die nach der täglichen Begegnung mit dem Göttlichen, das uns - in sich - Kraft und alles andere schenkt, wir zum Leben benötigen.

•»Und erlaß uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern erlassen haben«.
Und Jesus fügt erläuternd hinzu: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen verzeiht, dann wird euer himmlischer Vater auch euch verzeihen. Wenn ihr aber den Menschen nicht verzeiht, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht verzeihen« (Mt 6, 14 f.). Solange wir also in unseren Herzen Gedanken der Rache, der Vergeltung, des Hasses tragen, vergiften wir uns selbst, und das Göttliche in uns kann uns nicht verzeihen. Es geht also auch hier wieder um ein Loslassen von sich selbst. Nur der kann verzeihen, der sich nicht in den Mittelpunkt der Welt stellt, sondern um seine eigene Schwäche weiß, der weiß, daß er Sachverhalte nicht wahrnimmt, wie sie sind, sondern nur als selbsterzeugte Konstrukte. Erlassen wir aber anderen ihre Schuld, wenn sie denn schon tatsächlich an uns schuldig geworden sein sollten, dann wird das Göttliche in uns auch uns alles das erlassen, was uns vielleicht an anderen hat schuldig werden lassen. Verzeihen heißt nicht vergessen. Verzeihung bedeutet vielmehr, eine fremde Handlung oder Unterlassung so in die Beziehung zu integrieren, daß sie ihre Schuld-Bedeutung verliert. Mir wird das Göttliche meine Schuld nur erlassen, wenn ich zu meiner Schuld stehe und sie nicht abwehre. Wehre ich sie ab, kann sie nur scheinbar durch stets nekrophile Selbstbestrafung gesühnt werden. Das Verbot, zu richten, gehört hierher. Richten ist das Gegenteil von Verzeihen. Es versucht auf nekrophile Weise, ein Schuldverhältnis zu Ende zu bringen.

• » Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen«:
Es scheint paradox zu sein, dem Göttlichen unterstellen zu wollen, es könne uns in Versuchung führen. Der griechische Text nennt »peirasmos« . Das kann neben »Versuchung« auch »Erprobung« oder »Prüfung mit offenem Ausgang« bedeuten. Die Erprobung kann auch etwas Positives sein. Eine Chance bieten, sich zu bewähren, neue Erfahrungen zu sammeln. Solange wir noch nicht »Meister«, sondern allenfalls »Jünger« sind, können solche Erprobungen sehr sinnvoll sein. Unter der Chiffre der Versuchung in der Wüste wird Jesus selbst der Erprobung unterzogen. Er wird versucht, Steine in Brot zu wandeln, sich von den Zinnen des Tempels zu stürzen und das Böse anzubeten, um »alle Reiche dieser Welt mit ihrer Pracht« zu erhalten« (Mt 4, 1-10). Jesus wird dreimal vor die Entscheidung gestellt, sich entweder der sichtbaren Welt außerhalb des Selbst hinzugeben oder dem Göttlichen in sich. Dreimal entscheidet er sich für das letztere. Offensichtlich ist das Böse, das Jesus versucht, nicht eine Instanz im Außen, sondern in ihm selbst, die er durch die Erprobungen zum Schweigen bringt. Die Bitte, nicht auf die Probe gestellt zu werden, ist durchaus verständlich, wenn sie auch keineswegs immer erhört wird. Das Böse in uns ist nicht so endgültig überwunden, wie es Jesus in sich überwand. So läßt denn auch das Johannesevangelium Jesus beten: »Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir . . . Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen . . . Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet . . . Ich bitte dich nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst« (J 17, 11-15). Damit wird schon deutlich, daß das »Führe uns nicht in Versuchung« und das »Bewahre uns vor dem Bösen« eng zusammengehören. Konrad Adenauer mag nicht ganz unrichtig gedacht haben, wenn er diese Bitte des Vaterunser so betete: »Und führe uns auch in der Versuchung«, selbst wenn ihm seine theologischen Freunde vom Gegenteil zu überzeugen versuchten.


j) Über das Fasten im Verborgenen (Mt 6, 16-18)
»Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler ... Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, daß du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und der Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. « Ein drittes Mal fordert die Bergpredigt ein Verhalten im Verborgenen ein. Nach dem Almosengeben und dem Beten ist es des Fasten. Die Regel, die allen drei Aufforderungen zugrunde liegt, ist dieselbe: Es kommt nicht primär auf das äußere Tun an, sondern auf eine innere Haltung, die zum äußeren Tun führt. Jesus selbst hält nicht sehr viel vom Fasten: »Der Menschensohn ist gekommen, er ißt und trinkt, darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder« (Mt 11, 19). Jesus war also alles andere als ein Asket. Auch seine Jünger fasteten offenbar in der Ausbildungszeit zu Meistern nicht: »Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und fragten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten?« (Mt 9, 14). Auch Buddha erkannte nach langen Jahren der Askese, daß sie nicht zur Erleuchtung führt. Seine Freunde beschuldigten ihn mit ganz ähnlichen Worten wie die Juden Jesus.
Das soll aber nicht heißen, daß Jesus dem Fasten keinerlei Wirkung zugesprochen habe: Ein Mann trat auf Jesus zu mit seinem epileptischen Sohn (damals als dämonische Besessenheit diagnostiziert). Seine Jünger konnten ihn nicht heilen. Jesus heilte ihn. Und als die Jünger ihn fragten, wie das denn möglich sei, antwortete er ihnen: »Diese Art (von Dämonen) kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden« (Lk 9, 29). Dabei ist noch anzumerken, daß das »Fasten« nur bei wenigen relativ späten Textzeugnissen erwähnt wird. Fasten ist, wenn es keine therapeutische Funktion hat oder das Meditieren erleichtern soll, allenfalls
dann hilfreich, wenn es als eine Art bewußten Verzichtens auf etwas, das man haben könnte, verstanden wird. Detailvorschriften, ob und wann man fasten solle oder nicht, gehörten zu den materialen Normen. Diese sind, wie gesagt, der Bergpredigt fremd. Wenn das Fasten hilfreich ist, die Goldene Regel zu erfüllen, soll es geschehen, wenn nicht, ist es überflüssig, wenn nicht gar schädlich. Es ist etwa immer dann (religiös) schädlich, wenn ein Mensch sich anderen, seines Fastens willen, überlegen fühlt oder mit seinem Fasten seine religiöse Qualität belegen will.
Das Christentum, als die von Jesus gestiftete Religion, kennt solche Vorschriften nicht. Das soll nicht heißen, daß das nachkonstantinische Christentum nicht solche materialen Normen einführte. Dazu gehört der von Kaiser Konstantin zur Ehrung seines Sonnengottes eingeführte »Sonntag«, an dem die Soldaten nicht arbeiten sollten. Jahrhunderte später wurde daraus — in Analogie zum jüdischen Sabbat —die allgemeine materiale Norm der »Sonntagsheiligung«.

k) Vom Schätzesammeln (Mt 6, 19-21)
»Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.« Es gibt Menschen, die durch das Anhäufen materieller Werte (Immobilien, Edelmetalle, Geld, Wertpapiere) glauben, sie könnten auf diese Weise in Sicherheit leben. Sie werden vom Haben gehabt. Im Kontext des Mammon-Dienstes wurde schon darüber gehandelt. Hier erhält die Feststellung, es sei unmöglich, zwei Herren zu dienen, die Formulierung: »Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. « Schätze des Himmels sind die Schätze des Herzens. Jesus fordert eine klare Entscheidung: Suchen wir unser Heil in den Vorgegebenheiten des Sichtbaren oder in den Einstellungen de* Herzens?
Manche Menschen sitzen zwischen beiden Stühlen - und das ist nicht nur unbequem, sondern auch nekrophil: Es schadet der psychischen und der sozialen Gesundheit. Wer sein Leben nach der Theorie organisiert, nach der immer das Schlimmste eintreffe, wird versuchen, das Schlimmste durch Ansammeln äußerer Sicherheiten zu vermeiden -zugleich aber um das Unvermeidbare des Argen wissen. Jesus weiß darum, daß es schwer ist für manche Menschen, auf das Haben zu verzichten, um nicht im Herzen arm und hart zu werden.
Besorgt mahnt er deshalb: »Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist schmal, und nur einige finden es. « Die Jünger Jesu mußten sich einer wohl mehrjährigen Lehre unterziehen, um Meister werden zu können: »Jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein« (Lk 6, 40). Wer aber ist Meister? Auf die Frage, warum er stets in Gleichnissen rede, antwortet Jesus nach dem Matthäusevangelium, daß es den meisten Menschen nicht gegeben sei, die Geheimnisse des Gottesreiches zu erkennen, und er deshalb in Gleichnissen reden müsse. »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu erkennen« (Mt 13, 10-13). Meister ist also der, dem die »Geheimnisse des Gottesreichs anvertraut sind« (Mk 4, 11). Er hat die Bergpredigt verstanden, ohne daß sie ihm in Gleichnissen erläutert werden müßte. Der Weg, den die Bergpredigt weist, ist schmal - und nur wenige finden ihn. Die meisten werden ihr Christsein aus den Gleichnissen begründen.
Übrigens bestanden nicht einmal die Apostel die eigentliche »Meisterprüfung«. Sie flohen nach der Gefangennahme Jesu. Daß der Lieblingsjünger Johannes nicht geflohen sein soll, dürfte eine Erfindung der Verfasser des Johannesevangeliums sein. Auch Petrus wird ausdrücklich getadelt, weil er auf die Ankündigung Jesu, er werde in Jerusalem sterben, protestiert. Er habe die Geheimnisse des Himmelreiches noch nicht verstanden, sondern: »Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen« (Mt 16, 23). Der schmale Weg der Bergpredigt, der ein totales Umdenken, weg von allen Werten der Erwachsenenwelt fordert, ist sicherlich für wenige gangbar. Die Metanoia tatsächlich zu leben und sich an nichts festzuhalten außer an der Goldenen Regel, das ist schwer.
Und noch einmal warnt Jesus: »Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen« (Mt 7, 15 f.). Diese Unterscheidungsregel ist vergleichsweise einfach anzuwenden. Nur der Lehrer, der auch das praktiziert, was er lehrt, bringt gute Frucht hervor. Tut er es nicht, sind seine Früchte schlecht. Jede Theorie, ohne die Möglichkeit, sie an der Praxis zu bewähren, ist unbrauchbar. Die biophile Lebenspraxis ist der Beweis für die Stimmigkeit einer Lehre. Es gibt keine Patentrezepte - etwa nur eine einzige Ausdeutung einer Lehre. Aber jede Ausdeutung wird sich an der Realisierung der Biophilie-Maxime messen lassen müssen. In unseren Tagen, da die Esoterik ihre modrigen Blüten treibt, ist der Markt voller solcher Rezepte, glücklich zu werden. Es wimmelt nur so von falschen Propheten. Die Begegnung mit dem Fremden ist attraktiv, kann auch zum besseren Verstehen des Anderen und so zur Toleranz führen. Doch läßt sich einem kulturellen Wertesystem nicht ein anderes überstülpen. In der Gestalt des Fremden, des Unbekannten, des Neuen können sich reißende Wölfe einschleichen, gegen die wir keine Abwehrinstrumente entwickeln konnten. Wenn Jesus die Kindwerte einfordert, dann fordert er auch transkulturelle Werte ein, denn die Werte der Kindwelt dürften bei allen Menschen aller Zeiten recht ähnlich sein. Ähnliches gilt auch für die Ablehnung der Werte der Erwachsenenwelt.
Wer aber geht den rechten Weg? »Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters erfüllt« (Mt 7, 21). Nicht Lippenbekenntnisse führen weiter, sondern nur die innere Einstellung, dem Wollen des Göttlichen zu folgen, führt ans Ziel. Das Wollen des Göttlichen ist die Entfaltung des eigenen und fremden Lebens, denn das Leben ist das Göttliche. »Ich bin das Leben«, sagte Jesus einmal von sich selbst (J 14, 6).
Es ist ein wichtiger Unterschied zwischen Hören und Tun. Jesus beendet die Bergpredigt mit den Worten: »Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute . . . Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute« (Mt 7, 24-26). Tun und Hören gehören also eng zusammen. Wer tut, ohne zuvor gehört zu haben, gleicht einem Menschen, für den seine Aktivitäten eigenwertig sind. Meist weiß er nicht, wer er eigentlich ist, wenn er nicht aktiv ist. Das Verhaltensmuster ist neurotisch, weil solche zwanghaften Aktivitäten niemals zum erwünschten Ziel führen: herauszufinden, wer man denn eigentlich sei.
Ebenso sinnlos ist das Hören ohne das Tun. Alle religiösen Erfahrungen nutzen nichts, wenn sie sich nicht im Tun ausweisen. Die Jesusbotschaft gilt es zunächst zu hören, dann kommt es darauf an, sie zu verstehen, und endlich wird nur der Christ werden können, der ernsthaft versucht, sein Leben nach dem Verstandenen einzurichten.
Die Bergpredigt als das Grundgesetz des Christentums sprach selbst Mahatma Gandhi stark an. »Wenn ich dann nur die Bergpredigt vor Augen hätte und meine eigene Deutung davon, würde ich nicht zögern zu sagen: 0 ja, ich bin ein Christ. « Das aber wäre mißverständlich, weil »vieles, das als Christentum gilt, meiner Meinung nach eine Verneinung der Bergpredigt ist. Bitte achten sie sorgfältig auf meine Worte. Im Augenblick rede ich nicht speziell über christliches Handeln. Ich rede über christliches Glauben, über das Christentum, wie es im Westen verstanden wird. Ich bin mir peinlich bewußt, daß Handeln überall dem Glauben zu kurz gerät... Ich stelle meine fundamentalen Schwierigkeiten hinsichtlich der Erscheinungsgestalt des Christentums in der Welt und in der Formulierung christlicher Lehren vor sie hin.