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Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen



"Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen"

Rudolf Bultmann:
http://www.sandammeer.at/rezensionen/urchristentum-bultmann.htm

In den Rahmen der jüdischen Religion gehört auch die Verkündigung Jesu. Jesus war kein "Christ", sondern ein Jude, und seine Predigt bewegt sich im Anschauungskreis und in der Begriffswelt des Judentums, auch wo sie im Gegensatz gegen die traditionelle jüdische Religion steht. (Rudolf Bultmann)

Es geht um dich selber

Mögen auch die Gotteshäuser in unseren Tagen veröden und gerade noch zu festlichen Anlässen sich mit gläubigem Volke füllen, so ist dieser unser Erdteil "Europa" immer noch als "christliches Abendland" etikettiert, und seine Bewohner sind und bleiben Geschöpfe einer spezifisch christlichen Prägung, die gegen Ende der Antike aus einem reichhaltigen Erbe jüdischer und hellenistischer Herkunft emporgewachsen ist. Diese kulturelle Hinterlassenschaft zu erfassen und zu begreifen heißt den Geist des christlichen Abendlandes zu verstehen, welcher im 19. Jahrhundert zur globalen Leitkultur aufgestiegen ist und bis in die Gegenwart hinein unser aller Denken und Empfinden wesentlich gestaltet. Und um dieses Verständnis - ein Selbstverständnis - zu fördern, hat Rudolf Bultmann (1884-1976) sein erstmals 1949 bei Artemis & Winkler verlegtes Buch - eigentlich einen Klassiker seiner Literaturgattung - geschrieben, wobei es ihm dezidiert nicht um die Apologetik einer dominierenden Weltanschauung geht, die sich - im Sinne eines Hegelschen Geschichtsverständnisses - zum Weltgeist erhebt, sondern das Verständnis gegenwärtiger Existenz aus dem Begreifen von Geschichte ist die zentrale Absicht seiner Interpretation urchristlicher Seinsentfaltung. - Oder mit anderen Worten: tua res agitur, es geht um dich selber.

Das alttestamentliche Erbe

"Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und kann eure Feiern nicht riechen! ... Eure Prozessionen und Feiertage hass' ich von Herzen, sie sind mir eine Last geworden. Ich bin's müde, sie zu ertragen. ... Auch wenn ihr noch so viel betet, so höre ich euch nicht! Eure Hände sind ja voll Blut! Wascht euch rein! Schafft die Bosheit eurer Taten mir fort aus den Augen! Hört auf zu freveln! Lernt Gutes tun und sucht nach Recht!" (Jes. I, II-I7). - Heiliger Zorn prasselt aus dem Munde des Propheten auf eine zur rituellen Frömmigkeit erschlaffte Glaubenspraxis. "Alles ist eitel!", klagt der prophetische Protest und wendet sich mit seinem Begriff von Recht und Gerechtigkeit in rückwärts gewendeter Manier gegen die Organisationsformen moderner Staatlichkeit, die dem patriarchalisch-aristokratischen Ideal der Königsherrschaft Gottes entgegenstehen. Freilich müsste diese utopische Forderung der Rückkehr zur alten nomadischen Volksordnung an der Wirklichkeit einer sesshaften Hochkultur und ihrer staatlichen Autorität rasch scheitern, würde nicht eben diese staatliche Selbstständigkeit Israels von mächtigeren Reichen (Perser, Ptolemäer, Seleukiden, Römer) zerbrochen und unterjocht werden, somit nicht mehr zur Verprobung des prophetischen Zorns verfügbar sein. Gebeugt unter fremde Hoheit überlebt der Geist prophetischer Utopie im Erwählungsbewusstsein des Volkes Israel und gerät schließlich in Widerstreit zur strengen Gesetzesfrömmigkeit der Schriftgelehrten, welche an Stelle des weltlichen Staates eine - von den Besatzern meist tolerierte - Theokratie errichten.

Die Verkündigung Jesu

Für Bultmann steht außer Zweifel, dass die Verkündigung Jesu in der Tat ein großer Protest gegen die jüdische Gesetzlichkeit ist; in ihr erneuert sich unter veränderten Bedingungen der Protest der alten Propheten gegen die offizielle israelitische Religion, wie sie im gesetzlichen Ritualismus der herrschenden Schriftgelehrtenstände (Sadduzäer und Pharisäer) erfahrbar wird. Durch Jesus erfährt die jüdische Religion in der Tat eine ungeahnte Radikalisierung. Die Antithesen der Bergpredigt (Matth. 5, 21-48) stellen dem herrschenden Gesetzeskult den Willen Gottes gegenüber: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ward ... Ich aber sage euch ...!" Ab nun genügt es nicht mehr, sich einfach nur an Gesetze zu halten, die den Charakter von Konzessionen an die Lebenspraxis haben und deren Lückenhaftigkeit dem Einzelnen Verhaltensfreiräume zugesteht, wo es sich nach Lust und Laune sündigen lässt. Gott fordert jetzt, nach der Auffassung Jesu, den ganzen Willen des Menschen und kennt keine Ermäßigung. Nicht nur Totschlag, Ehebruch und Meineid, die das Gesetz erfassen kann, sind vor Gott verboten, sondern schon Zorn und Scheltwort, böse Lust und Unwahrhaftigkeit. Die von Jesus und seinen Jüngern mit besonderem Nachdruck agitierte Liebesforderung überbietet jede Rechtsforderung; sie kennt nicht Grenze noch Einschränkung und ist in ihrer ethischen Rigorosität selbst noch dem Feinde gegenüber gefordert. Sinnlos sind bloße Reinheitsgebote, denn was ist äußerliche Korrektheit schon wert, wenn sie mit unreinem Willen Hand in Hand gehen kann. Pragmatische Regelungen durch das Alte Testament werden ausgehebelt, weil nur "mit Rücksicht auf eure Herzenshärtigkeit" zugestanden. Bloße kultische und rituelle Forderungen, wenn auch alttestamentlich geboten, werden dem von Gott verfügten Gebot der Nächstenliebe ("Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst") untergeordnet und schon einmal außer Kraft gesetzt. Und das gilt nicht nur für die berüchtigte Sabbathruhe, an der es nach strenger Gesetzesauslegung verboten ist Kranke zu heilen, oder für die Bestimmung Ehebrecherinnen zu steinigen. So muss sich auch der Reiche sagen lassen, dass seine bisher genügende Gebotserfüllung ungenügend ist, da er nicht imstande ist, alles hinzugeben (Mark. 10, 20-22).

Apokalyptische Phantasie und nahe Gottesherrschaft

Kein Zweifel! Jesus ist Apokalyptiker und befindet sich in der Erwartung des nahen Weltendes, worin er sich offenkundig täuscht. Interessant dazu Bultmanns Gedanke, dass prophetisches Bewusstsein offenbar stets Gottes Gericht in der nächsten Zeit erwartet, weil für den Propheten die souveräne Majestät Gottes und die Unbedingtheit seines Willens so gewaltig ist, dass dem gegenüber die Welt in die Nichtigkeit versinkt und am Ende zu sein scheint. Interessant auch: Jesus ruft nicht zum Glauben an seine Person und proklamiert sich nicht etwa als den Messias. Er weist vielmehr auf diesen, den "Menschen", als den Kommenden hin als auf einen Anderen. Er in seiner Person verkörpert die Entscheidungsforderung; denn sein Wort ruft zur Entscheidung für die hereinbrechende Gottesherrschaft. Sein Anspruch, dass sich an der Stellung zu ihm und seinem Wort das Schicksal des Menschen entscheidet, ist nach ihm in der christlichen Gemeinde in der Form bejaht worden, dass sie in seiner Person den Messias sah. Was jedoch nach Bultmann nicht der Intention Jesu Christi entspricht.

Das griechische Erbe in Differenz zum Judentum

Von überragender Bedeutung für die Geisteswelt des frühen Christentums muss wohl die griechische Weltanschauung gewesen sein; beginnend bei der griechischen Mythologie, über die Vorsokratiker, die griechische Hochklassik (Sokrates, Platon, Aristoteles) bis zum Hellenismus, in dem das der Polis verhaftete griechische Denken universell wird. Bultmann ist sich dieses Umstands sehr wohl bewusst und unterzieht diesen Themenkreis einer umfassenden Betrachtung, wobei fundamentale Unterschiede zwischen griechischem und jüdischem Denken herausgearbeitet werden. So verkörpern die olympischen Götter nicht die Mächte des Unheimlichen, des in überweltliche Ferne Entrückten, sondern die geistigen Kräfte von Sinn und Maß, Ordnung und Recht und Schönheit. Sie sind Repräsentanten und Hüter der natürlichen Ordnungen der menschlichen Gemeinschaft, die sich spezifisch in der Polis konstituiert. In der Polis individualisiert sich der Grieche, dessen Lebensziel die Veredelung der eigenen Person ist. Ein wahrlich künstlerisches Motiv, das sich selbst zum Inhalt seines Lebenswerkes hat. Der Grieche strebt nach der Verwirklichung von Idealen, und der Eros ist es, der ihn beherrscht und ihn auf den Weg zur Schau des Schönen, des "Guten", treibt. Alles Erkenntnisstreben ist nichts Anderes als der Eros, der zum "Guten" strebt. Im Unterschied dazu fehlt dem israelitischen Menschen des Alten Testaments jegliche Reflexion auf die Möglichkeit individueller Selbstentfaltung. Der Mensch wird nicht wie im Griechentum als Kunstwerk gesehen, das nach einem Idealbilde zu formen ist. Die orientalische Terminologie menschlicher Ethik gibt kein Idealbild des Menschen, sondern bestimmt lediglich, wie der Mensch den an ihn in der Gemeinschaft gestellten Ansprüchen genügen soll als ein ehrlicher, zuverlässiger und unbescholtener Mann. Der Mensch ist ein Massenwesen, Volksgenosse, und der Sünder isoliert sich von der Volksgemeinschaft und von Gott. Das Ideal der Persönlichkeit fehlt ebenso, wie es keine bildende Kunst gibt, welche den Menschen in seiner Einzigartigkeit darstellt. Es gibt keine literarische Gattung des Bios, weshalb weder von Mose noch von den Propheten eine Biografie überliefert ist. Auch Jesus bleibt als historische Person letztlich gestaltlos.

Der Hellenismus

Die Zeitumstände (Vernichtung der judenchristlichen Gemeinde Jerusalems durch den römischen Feldherrn Titus im Jahre 70 n. Chr.) wie auch die historisch außerordentlich mächtige Wirkkraft hellenistischen Denkens führten zu einer Prägung des noch jungen Christentums im Geiste der Stoa und der Gnosis. Bultmann führt mit viel Liebe zum Detail die Grundzüge der Stoa und der Gnosis aus, deren Faszination solcherart wohl auch auf den Leser überspringt. Zwar beinhaltet etwa auch die Stoa Unvereinbarkeiten mit der christlichen Heilslehre, etwa wenn sie den Kosmos als ein beseeltes Lebewesen, als Gottheit selbst denkt; beziehungsweise diese Gottheit als "allgemeines Naturgesetz", als "den Kosmos durchherrschende Vorsehung" begreift, deren Walten im Ganzen und Einzelnen aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit nachgewiesen werden kann, doch finden sich davon abgesehen Annäherungen ethischer Natur. So ist man unwillkürlich an spätere Entwürfe christlicher Mystik erinnert, wenn die Stoa vor allem danach strebt den Menschen frei zu machen von allen Affekten, die ihn den "fremden Dingen" in der Welt verhaften. Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut, Amt und Würde - alles ist für den Weisen nur Stoff, um seine sittliche Kraft, seine geistige Freiheit zu bewähren. Er zieht sich auf sich selbst zurück und erkennt in der Klarheit seines Denkens das göttliche Weltgesetz, das er doch nicht ändern kann; in das er sich einfügt. Zumindest diese Geste des sich Entledigens aller Weltverhaftung und des Einsseins mit Gott wird man Jahrhunderte später auch in der Lehre eines Meister Eckhart wieder antreffen. Denn für den Stoiker wie für den Christen gilt, sich nicht im Getriebe der Welt zu verlieren. Und auch Paulus empfiehlt ein dialektisches Verhältnis der Teilnahme bei innerer Distanz: "Die, welche Frauen haben, sollen sein, als hätten sie keine, und die da kaufen, als behielten sie nicht und die von dieser Welt Gebrauch machen, als hätten sie nichts davon" (I. Kor. 7; 29-31). Den Vernunftkult der Stoa - Vorstellung einer autonomen Vernunft - teilt Paulus freilich nicht, denn der Christ erlöst sich nicht kraft eigenen Vernunftstrebens, sondern vermittels Hingabe an die göttliche Gnade. Auch der Pantheismus der Stoa (alles Sein ist vom göttlichen Weltlogos durchwirkt) spießt sich grundsätzlich mit der christlichen Vorstellung eines transzendenten Gottes, wenn auch eine tollkühne Auslegung des göttlichen Weltlogos als "Heiliger Geist" nicht ganz abwegig wäre und in Analogien gedacht werden könnte. Doch wo bleibt in der Stoa der transzendente Gott?


Die Gnosis

Die "akute Hellenisierung" des Christentums bleibt schließlich der Gnosis (griech.: Erkenntnis) überlassen, einer spekulativ-mystischen Strömung, die als eigenständiges religionsgeschichtliches Phänomen zu erachten ist. Sie unterscheidet zwischen einer "himmlischen Lichtwelt" und einem dämonischen "Chaos der Finsternis", dem alles Irdische zugeordnet ist. Auch des Menschen Leib ist in der Gnosis dem Reich der Finsternis zugedacht. In seinem eigentlichen innersten Selbst ist der Mensch jedoch Teil einer himmlischen Lichtgestalt (des Urmenschen), die in grauer Vorzeit in die Gewalt der dämonischen Mächte der Finsternis geriet. Ein präexistenter Lichtfunke glimmt also in ihm, eingekerkert in einen Leib, welcher der Welt satanischer Stofflichkeit angehört, die in ihrem Bestreben der "himmlischen Lichtwelt" gleich zu werden, mit teuflischer Finte Lichtfunken zu erraffen sucht. Würde es gelingen, den Dämonen der Finsternis diese errafften Lichtelemente wieder zu entziehen, so würde ihre künstliche Welt - und das heißt eben unsere Welt, der Kosmos - wieder ins Chaos zurücksinken. Die Finsternis bliebe sodann sich selbst überlassen und hätte darin ihr Gericht. Die Befreiung aus der Fremdlingschaft auf Erden (der Gefangenschaft im Leibe) kann allerdings nur als Erlösung kommen, zugesichert durch ein verkündigtes Wort, vermittels einer Botschaft aus der jenseitigen Lichtwelt. Faktisch organisieren sich die Gnostiker in Mysteriengemeinden, in denen nicht nur die Formeln überliefert werden, derer das Ich für den Aufstieg zum strahlenden Licht bedarf, sondern auch Sakramente (Taufen und heilige Mahlzeiten) gespendet werden, die das Selbst reinigen und kräftigen.

Der Leser mag nun schon die signifikante Nähe zum Begriff christlicher Erlösungspraxis ahnen, vertraute Bilder vom Sündenfall, Erlösung, Himmelfahrt und Sakramentsgnade stellen sich ein, und Bultmann führt auch in der Folge anhand einer Mehrzahl konkreter Textbeispiele den Nachweis, wie der Apostel Paulus und vor allem der Evangelist Johannes weitgehend im Geiste der Gnosis verfahren. Jesu Person und Werk wird von den Urchristen mit den Begriffen des gnostischen Erlösungsmythos interpretiert: Er ist eine göttliche Gestalt der himmlischen Lichtwelt, der Sohn des Höchsten, der vom Vater herabgesandt wird, in Menschengestalt verhüllt, und durch sein Werk die Erlösung bringt. Tod und Auferstehung Christi sind ein kosmisches Ereignis, durch welches dem "Alten" ein Ende gemacht und das Neue heraufgeführt worden ist (2. Kor. 5, 17). Am konsequentesten ist die Erlöserrolle Jesu im Johannesevangelium in der gnostischen Begrifflichkeit ausgeprägt: Jesus ist der präexistente Gottessohn, Gottes vor aller Zeit mit ihm existierendes "Wort". Er ist von Gott gesandt, in die Welt geschickt, um als das "Licht der Welt" die Blinden sehend zu machen, die "Sehenden" aber zu blenden (Joh. 9, 39).

Für Bultmann ist es augenscheinlich, dass die Begriffe des gnostischen Erlösungsmythos von der christlichen Gemeinde übernommen wurden. Bei Paulus verquickt sich die gnostische Vorstellungsweise noch mit der jüdischen Apokalyptik, er hält an dem Hoffnungsbild der Totenauferstehung und dem großen Gericht fest. Der Evangelist Johannes hingegen beschreibt die Erlösung radikal als gegenwärtigen Vorgang: "Das aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt kam ..."

Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen warnt Bultmann jedoch davor, das Urchristentum nun kurzschlüssig mit dem gnostischen Erlösungsmythos in Eins zu setzen, denn bei aller augenfälligen Verwandtschaft zeigen sich doch nicht unbeachtliche Unterschiede etwa betreffend das Menschenbild, oder den Begriff des Pneuma (Geist). Wo für den Christen die entschiedene Hinwendung zur Gnade Gottes wesentlich ist, kann die Gnosis nur durch kosmogonische Belehrung, durch den Mythos vom Urmenschen und vom Schicksal des Lichtfunkens, des Selbst, deutlich machen. Der Christ wird durch seine Glaubensentscheidung erlöst, der Gnostiker durch seine Natur, den ihm einwohnenden Lichtfunken. Das Neue Testament versteht das menschliche Sein als ein wesenhaft geschichtliches, während es in der Gnosis in den Kategorien naturhaften Seins verstanden wird.

Abschließend bleibt in diesem Zusammenhang noch anzumerken, dass in der Geschichte des Christentums immer wieder gnostische Strömungen auftraten (Albigenser, Spiritualen, Theosophie, Anthroposophie), die von der römisch-katholischen Amtskirche als "gefährliche Ketzerei" bekämpft wurden. Die Gefahr des Gnostizismus bestehe in der von allen befugten Glaubensautoritäten losgelösten individualisierten Wahrheitssuche und in der verblendenden Einsicht in die Göttlichkeit des eigenen Selbst. Soweit die Auffassung klerikaler Glaubenswächter.

Eine Geistesgeschichte des Urchristentums

Wie aus den vorangehenden Ausführungen bereits zu erahnen war, hat Bultmann keine Sozialgeschichte sondern eine Geistesgeschichte des Urchristentums geschrieben. Historische Geschehnisse, wie etwa die - in der Legende gemeinhin dramatisierten - Christenverfolgungen oder die wohl doch eher machtpolitisch erwogene Einsetzung des Christentums zum Staatskult im römischen Reich, fehlen fast völlig und werden - wenn überhaupt - nur ganz beiläufig erwähnt, aber keineswegs abgehandelt. Bultmann legt seinen Akzent auf die Interpretation religionsgeschichtlicher Fakten geistiger Natur, Geistesströmungen, die für sich selber walten und nicht primär an virtuosen Einzelschicksalen und singulären Geschehnissen festgemacht werden. Sein Buch ist somit eine betont sachliche Wesensschau urchristlicher Identität im Spannungsfeld jüdischer und hellenistischer Spiritualität. Eine wichtige Ergänzung zu der meist doch eher sozialgeschichtlich gehaltenen und nebenbei an Personen von Märtyrern, Heiligen, Theologen und Herrschern sowie deren Launen, strategischen Schachzügen und Kriegsabenteuern ausgerichteten Geschichtsschreibung zum Phänomen Urchristentum. Eine Geistesgeschichte des frühen Christentums also, überreich der faszinierenden Details und voll der überraschenden Einsichten in eine uns fremde Welt, die doch so vertraut ist, weil sie in und durch uns fortbesteht.
Es geht um dich selber. (Harald Schulz; 02/2003)



Rudolf Bultmann: "Das Urchristentum"
Patmos, 2000. 259 Seiten.
ISBN 3-4916-9015-3.
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