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Das Johannesevangelium


"Das Evangelium des Johannes"
Kritisch-exegetischer Kommentar von Rudolf Bultmann.

Dagegen scheint die im Judentum, ja schon im AT, begegnende Gestalt der Weisheit mit der Gestalt des Logos im Joh. Prolog verwandt zu sein. Von ihr ist im mythologischer Sprache als von einer göttlichen Gestalt die Rede, und sie hat einen Mythos, von dem die Überlieferung wenigstens Fragmente enthält. Sie ist präexistent und ist Gottes Genossin bei der Schöpfung. Sie sucht Wohnung auf Erden unter den Menschen, wird aber abgewiesen; sie kommt in ihr Eigentum, aber die Ihren nehmen sie nicht auf. So kehrt sie in die himmlische Welt zurück und weilt dort verborgen. Wohl sucht man sie jetzt, aber niemand findet den Weg zu ihr. Nur einzelnen Frommen offenbart sie sich und macht sie zu Freunden Gottes und Propheten. Der Selbständigkeit dieser Gestalt entspricht es, dass sie absolut „die Weisheit“ genannt wird. Es kann in der Tat nicht zweifelhaft sein, dass zwischen dem jüdischen Weisheitsmythos und dem Joh. Prolog ein Zusammenhang besteht. Aber dieser Zusammenhang kann nicht der sein, dass die jüdische Spekulation die Quelle für den Prolog ist. Denn abgesehen davon, dass der Logosname des Prologs dann noch eine besondere Erklärung verlangen würde; der Weisheitsmythos ist im Judentum gar nicht als solcher lebendig gewesen; er ist in ihm nur mythologisch-poetische Einkleidung der Lehre vom Gesetz gewesen. Auf die Thora wurde übertragen, was der Mythos von der Weisheit erzählte: Die Thora ist präexistent; sie war Gottes Schöpfungsplan und Werkzeug; in Israel hat die Weisheit, die im Gesetz gewissermaßen inkarniert ist, ihre von Gott bereitete Wohnung gefunden. Aber der Weisheitsmythos hat auch gar nicht im AT bzw. in Israel seinen Ursprung, sondern kann nur aus heidnischer Mythologie stammen; die Israelitische Weisheitsdichtung hat sich des Mythos bemächtigt und ihn entmythologisiert. Der Weisheitsmythos ist aber nur eine Variante des Offenbarer-Mythos, der in der hellenistischen und gnostischen Literatur verbreitet ist; und die Verwandtschaft des Joh-Prologs mit der jüdischen Weisheitsspekulation beruht darauf, dass beide auf die gleiche Tradition als ihre Quelle zurückgehen.
Diese Tradition ist weit verzweigt und infolge ihrer Kombination mit verschiedenen Mythologemen und Philosophemen schwer entwirrbar. Es kommt indessen für das Verständnis des Joh. Prologs nicht darauf an, die ganze Tradition zu analysieren und zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen; es genügt zu erkennen, dass die mythologische Gestalt des Logos ihren Sitz in einem ganz bestimmten Weltverständnis, eben dem gnostischen hat.

In den christlich gnostischen Systemen ist der menschgewordene Erlöser mit Jesus identifiziert worden. Indessen ist der Gedanke der "Menschwerdung des Erlösers" nicht etwa aus dem Christentum in die Gnosis gedrungen, sondern ist ursprünglich gnostisch; er ist vielmehr schon sehr früh vom Christentum übernommen und für die Christologie fruchtbar gemacht worden.

In der Sprache der gnostischen Mythologie redet der Joh-Prolog bzw. seine Quelle, und sein Logos ist jenes Zwischenwesen, das eine zugleich kosmologische und soteriologische Gestalt ist, jenes Gottwesen, das, von Uranfang her beim Vater existierend, um der Erlösung der Menschen willen Mensch ward. Dieser Satz wird dadurch bestätigt werden, dass der Evglist auch weiterhin die Gestalt Jesu und sein Wirken in der Begrifflichkeit der gnostischen Mythologie zur Darstellung bringt.

Der Evglist ist nicht der erste gewesen, der diese Mythologie in die christliche Verkündigung und Theologie aufgenommen hat. Vorausgegangen ist schon Paulus, der die eschatologisch-soteriologische Bedeutung Christi mehrfach in der Begrifflichkeit des Anthroposmythos expliziert, wenn bei ihm auch der Titel Logos fehlt. In größerem Umfang ist die gnostische Mythologie in der deuteropaulinischen Literatur der Christologie und Soteriologie dienstbar gemacht (Kol und Eph). Die ausdrückliche Identifikation Christi mit dem Logos ist von Ignatius, unabhängig von Joh, vollzogen. Es bleibt nur noch zu fragen, welchem Typus der Gnosis die vom Evglisten verwendete Quelle zugehört.
Sie gehört in den Kreis der frühen orientalischen Gnosis.