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Wenn das Alte nicht mehr trägt


„Wenn das Alte nicht mehr trägt“
Vortrag von Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns
in der Michaelskirche in Waiblingen am 20.3.2005, Teil 1

Wenn das Alte nicht mehr trägt – was dann? Wie oft mag das in der über 500jährigen Geschichte dieser Kirche gefragt worden sein! Sehr bald am Anfang hat es immerhin die Reformation gegeben, die manche alte Glaubensvorstellung buchstäblich weggefegt hat. Aber über die Wege, die aus einem unhaltbar gewordenen Zustand der Kirche dann jeweils herausführen sollten, hat es damals wie heute sicher sehr unterschiedliche Vorstellungen und auch Auseinandersetzungen gegeben. Denn obwohl es die Bibel, Konzilsbeschlüsse, Glaubensbekenntnisse, Bekenntnisschriften und Katechismen in großer Zahl gibt, hat sich die Ansicht darüber, was das eigentliche Zentrum des Glaubens ist, nicht wirklich festschreiben lassen. In der Kirchengeschichte hat man mal Weihnachten, mal Karfreitag, mal Ostern und mal auch Pfingsten als dieses Zentrum angesehen. Lange genug schien es so, als seien Karfreitag der evangelische und Ostern der katholische Feiertag – bis man dann wieder begriffen hatte, daß beide unlösbar zusammengehören.
Was ist, wenn das Alte nicht mehr trägt? Wenn es überall innerhalb der alten Glaubensvorstellungen „Stolpersteine“ gibt, die uns eher am Glauben hindern, als ihn zu fördern? Dann muß der Glaube seine Lebendigkeit dadurch erweisen, daß er sich wandelt! Dann muß es eine Metamorphose geben, wie sie die Schmetterlinge uns vormachen, wenn sie sich vom Kriechtier, der Raupe, über die Verpuppung schließlich zum fliegenden Schmetterling verändern. Darum habe ich den Schmetterling auf die Einbanddecke meines neuen Buches „Notwendige Abschiede“ setzen lassen. Denn der Schmetterling wandelt sich nicht beliebig. Er folgt einem Bild von sich, in das er durch die Verwandlungen seiner Gestalt hineinwächst. „Imago“ nennen die Biologen dieses innere Bild.
Wie sich der Schmetterling in seine Imago hinein wandelt und dazu den Kokon, das erstarrte Gehäuse seiner Verpuppungszeit, verlassen muß, so durchleben auch wir Menschen geschichtlich und individuell große Metamorphosen. Wenn die Bibel von der Vertreibung aus dem Paradies spricht, dann nennt sie die größte Metamorphose, die die Menschheit als ganze durchgemacht hat: heraus aus einer Geborgenheit im göttlichen Paradies, die sehr an unseren menschlichen Embryonalzustand im Mutterleib erinnert. Denn Adam und Eva waren noch keine Menschen wie wir, die tagtäglich Gut und Böse unterscheiden können und unterscheiden müssen, um miteinander einigermaßen in Frieden zu leben. Um Mensch zu werden, wie wir Menschen sind, mußten sie heraus und mündig werden, das heißt:
Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernehmen, Liebe und Haß, Glück und Unglück erleben, und ihre Sterblichkeit akzeptieren lernen, die allen Geschöpfen Gottes gemeinsam ist. Die Mündigkeit war also die Imago, die die paradiesische Menschheit in sich trug: sie sollten Gottes Gegenüber werden und sich die Schöpfung mit den anderen Geschöpfen teilen.
Als Jesus Christus gekommen ist, hat er uns sein Leben als das neue Bild vom Menschen, unsere wahre Imago, vor Augen gestellt, in das wir in der Verbindung mit ihm hineinwachsen können. Wie er sich getragen gefühlt hat von der unbedingten und unverlierbaren Liebe Gottes, so können auch wir uns von ihr tragen lassen und frei sein im Glauben. Ja: Frei sein im Glauben – das ist unser Lebensziel! Daß wir uns als geliebte Kinder Gottes erkennen, darum geht es. Und dazu müssen wir die alten Verpuppungen des Glaubens buchstäblich liegen lassen und einen großen Wandel vollziehen: Weg vom Gehorsamsglauben und hin zum Vertrauen in Gottes Liebe; weg von einem auf Lehrsätze konzentrierten Glauben, der eigentlich ein Für-wahr-Halten ist, und hin zu einem Glauben, der die Gottesbeziehung lebt und darin geborgen ist; weg von der Idee, zwischen Gott und Menschen herrsche eine Art angeborene Feindschaft, und hin zum Glauben daran, daß Gott mit uns ist, weil er weiß, wie schwer das Leben ist und wie sehr wir Hilfe brauchen, um es in Würde bestehen zu können. Als Stichwort kann uns dabei leiten, was uns kaum noch vom Inhalt her verständlich ist: Das Wort „Liturgie“. Denn leitourgia heißt im Griechischen „etwas, was den Menschen dient“ (wörtlich: „die Sache des Volkes betreiben“). Insofern sind auch Liturgien eigentlich als Imago gemeint: in ihnen muß erkennbar werden, was es mit dem Leben, mit uns, auf sich hat, woran wir uns orientieren können. Eine Liturgie verdient also nur dann ihren Namen, wenn sie dem Leben dient, sich als lebensdienlich erweist. Alle religiösen Gesetze haben hier ihr Kriterium, den Maßstab, an dem sie sich messen lassen müssen: am Maßstab der Lebensdienlichkeit. Das hat Jesu Christus eingeführt, als er am Beispiel der jüdischen Sabbatgebote gesagt hat: Der Mensch ist nicht für die Erfüllung der Sabbatgebote da, sondern der Sabbat ist als Wohltat für die Menschen da (Markus 2,27). Da ist die Rede von der Liebe Gottes auf den Punkt gebracht.
Nun haben aber Religionen und Kulturen zum Teil sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, von Gott und vom Menschen, insbesondere von den Rollen, die Mann und Frau nebeneinander haben, von dem, was zu den eigenen Werten gehört. Und weil alle Menschen ihre gewohnten Vorstellungen mit einblenden in das, was sie alltäglich wahrnehmen und beurteilen, haben die allerersten Christen Jesus schon sehr unterschiedlich wahrgenommen.
Ich halte es für den größten Schatz, den das Neue Testament birgt, daß es uns keine genormte Jesus-Gestalt überliefert, sondern vier sehr unterschiedliche Evangelien nebeneinander gestellt und überliefert hat. Die Botschaft, die darin steckt, ist eindeutig: Es gibt kein verpflichtendes Muster, nach dem wir uns Jesu vorzustellen hätten. Wer Jesus ist, können Menschen nur sagen, wenn sie es in der Sprache und in Anknüpfung an diejenigen Vorstellungen sagen, in denen sie aufgewachsen sind – gerade dann, wenn Jesus von ihnen abgewichen ist, weil er Neues gebracht hat. Und dann stellen wir auf einmal fest, daß zum Beispiel das Johannesevangelium kein Vaterunser überliefert, keine Gleichnisse Jesu kennt (obwohl sie uns doch so wichtig sind), kein Abendmahl als Ritual berichtet. Im Johannesevangelium, und nur in ihm, ist Jesus Christus Gott, ausdrücklich Gott (20,28). Und deshalb weist er nicht mehr mit Gleichnissen auf Gott oder das Himmelreich Gottes, sondern auf sich selbst. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Er sagt: Ich. Und trotzdem ist das Johannesevangelium als christliches Evangelium anerkannt worden. Christlicher Glaube – heißt das – ist das Dach für eine Vielfalt von Glaubensvorstellungen, die sich mit Jesus Christus verbinden ließen und heute verbinden lassen. Und das Kriterium ist dabei: Ob der Glaube dem Leben dient, ob er Gottes unbedingte Liebe zu seiner Schöpfung bezeugt. Dieses Kriterium – sagen nämlich alle Evangelien – hat Gott bestätigt, indem der als Gotteslästerer und Hochverräter hingerichtete Jesus von den Toten auferstanden ist. Da hat Gott die Leben schaffende Kraft seiner Liebe bewiesen.
Allen Religionen muß dieses Kriterium in Zukunft vor Augen stehen, an diesem Grundsatz Jesu werden sie sich messen lassen müssen – die jüdische genauso wie die islamische, die buddhistische genauso wie die hinduistische und - die christliche. Auch was Wahrheit ist, wird daran zu prüfen sein, ob es dem Leben dient, so, wie Jesus das Gesetz seiner eigenen jüdischen Religion daran geprüft hat. In dieser Weise müssen wir das religiöse Gedächtnis der Menschheit in Zukunft kritisch betrachten. Dazu gehört, daß wir aus der Geschichte lernen. Eine der Einsichten, die mich dabei am meisten belastet, betrifft die Tatsache, wie sehr alle Religionen Gott in die schreckliche Geschichte verwickelt haben, die durch Gewalt und Gegengewalt geschrieben worden ist. Die Geschichte der Kriege ist eine Geschichte der von Religionen und Konfessionen unterstützten und gesegneten Kriege gewesen – bis heute, wie der Irakkrieg zeigt. Das ist Grund zur Scham. Denn es offenbart, wie sehr wir Gläubigen in der Geschichte dem Prinzip des Ethnozentrismus gehuldigt haben: Wir, wir, wir sind die Wichtigsten, Besten, Größten – und natürlich von Gott Erwählten und Geliebten. Das haben die alten Ägypter schon geglaubt, die Juden haben es übernommen, und von ihnen wiederum die Christen. Auf Gottes Schoß sitzen wollten alle – und alle anderen mußten an die Katzentische der Geschichte. Aber es kann doch nicht mehr wahr sein, daß Wahrheit damit zu tun haben soll, wo man geboren worden ist. Nicht dadurch wird doch eine Religion oder Konfession wahr, daß ich in sie hineingeboren worden bin, weil meine Eltern eben Christen, evangelisch oder katholisch, und andere anders waren. Mit solchen, geschichtlich gesehen, Kindereien, muß Schluß sein. Wir müssen uns alle dem Kriterium stellen, das der Menschheit und der übrigen Geschöpfe Wohl und Wehe an die erste Stelle stellt: dem Kriterium der Lebensdienlichkeit.
Alle Religionen gehören zu dem, was Gott mit der Menschheit vorgehabt hat. Sonst hätte er sie nicht zugelassen. Diese Aussage kann niemand widerlegen. Alle Religionen gehören zu einer „universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes“, wie ich das nenne. Keine kann einen Besitzanspruch auf die Wahrheit oder gar auf Gott selbst erheben. Und keine der Religionen, auch die unsere nicht, dürfen sich mehr gebärden, als gehörten ihnen die Gläubigen. Durch Jesus wissen wir – das ist der Beitrag, den wir zur Religionsgeschichte leisten – daß alle Menschen unmittelbar zu Gott sind, weil Gott sie als seine Kinder liebt. Aber auch die anderen Geschöpfe sind beseelt wie wir, haben eine bleibende Beziehung zu ihrem Schöpfer.

Das schließt ein neues Verhältnis zu den Tieren ein. Albert Schweitzer hat davon gesprochen, daß der Umgang der Europäer und Angloeuropäer mit den Tieren „die geistige Krankheit unserer Zeit“ offenbare. Er hatte Recht. Denn in der BSE-Krise ist nicht der „Rinderwahnsinn“ herausgekommen, sondern menschlicher Wahnsinn, der meinte, wir könnten vegetarisch lebenden Tieren ihre eigenen Artgenossen, zu Mehl gerieben, als Futter vorsetzen. Die Schlußfolgerung daraus ist, daß wir die Ehrfurcht vor dem Leben und also die eigene Schöpfungswürde der Tiere wieder achten lernen. Dazu gehört, daß wir unsere Schuld eingestehen, die wir auf uns laden, wenn wir Tiere töten, um sie uns einzuverleiben.

Dem Leben dient auch, daß wir unsere Sterblichkeit als etwas Geschöpfliches anerkennen. Der Tod ist nicht der „Sünde Sold“, kein Strafverhängnis. Sondern nur dadurch, daß wir eine begrenzte Lebenszeit haben, gewinnen all unsere Entscheidungen im Leben die Bedeutung, die sie haben. Kultur gibt es nur, weil es unsere Endlichkeit gibt. Gott ist mit uns, ja, er leidet mit uns und hat den Tod durch die Auferstehung durchbrochen. Denn unser Leben drängt auf einen Gestaltwandel hin, wie ihn Jesus vorgelebt hat. Darin ist er unsere Imago geworden. Nicht das grenzenlose Leben ist Inhalt unseres Glaubens, sondern das begrenzte Leben, dessen Grenze, der Tod, zum Tor wird, an dem das Leben eine neue Gestalt gewinnt. Wenn wir dies glauben, treten wir in die Nachfolge Jesu ein, der Gottes unbedingte Liebe verkündet und gelebt hat. Wir werden frei im Glauben, können heraus aus einem Glaubensverständnis, das uns in Dogmen festsetzen will, und uns der Zukunft des Lebens zuwenden. Denn auf sie zielt die unbedingte und unbegrenzte Liebe Gottes. Mit diesem Glauben können wir auch eintreten in das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, zu dem wir nach der Überzeugung der frühen Reformation durch die Taufe ordiniert worden sind. Ja, wir alle sind Priesterinnen und Priester der allen Menschen und Geschöpfen geltenden Liebe Gottes. Das ist unsere Würde.d