Homepage Roland Sinsel

Mehr Leben, bitte



„Mehr Leben, bitte !"

http://www.kirchenkreis-muenden.de/Nachr_2010/N01_T02.pdf
„Mehr Leben, bitte! Jesus und der christliche Glaube im 21. Jahrhundert“ –
Nachschrift des Vortrags von Klaus – Peter Jörns im Rahmen des Theologischen Aschermittwoch im Kirchenkreis Münden, Gimte 20.2.2010

I. Um etwas über das Leben und Jesus sagen zu können, muss zunächst die Hermeneutik
dargelegt werden, mit der die Erkenntnisse gewonnen werden. Ich muss begründen können, woher meine Erkenntnisse stammen. Ich muss darlegen können, mit welchen Vorstellungen ich frage und denke.
Lange Zeit galt in der Theologie, dass die biblischen Texte einander gegenseitig auslegen.
„Wir haben heute Erkenntnisse und Erfahrungen“, die diesen hermeneutischen Grundsatz als den theologisch letztlich einzig wichtigen infrage stellen.
Historisch – kritisch müssen wir heute feststellen: Die „Religion“ hat nicht mit der Bibel
angefangen. Die biblischen Vorstellungen und Geschichten sind „eingebettet in die größere Religionsgeschichte“. 85 % der Themen teilt Israel mit seiner Umwelt (Ägypten,
Mesopotamien, Griechenland). Sie wurden in den biblischen Schriften (und entspr. in den
anderen Völkern / Religionen) umgestaltet „je nach den eigenen Gotteserfahrungen“.
Die Mittelmeerwelt war eine „große Erzählgemeinschaft“:
Beispiele:
Maria & Jesus - Isis & Horusknabe auf dem Schoß (Ägypten)
Der Heiland Jesus, der von den Toten auferwecken konnte - Asklepios (der
jüdische Messias war kein Heiler, eher ein Kronprätendent)
Motive aus Genesis stammen aus Mesopotamien und sind jüdisch umgestaltet
(7 – Tage – Schema, Sabbat).
Mose war ein Ägypter in der Tradition Echnatons (Ein-Gott-Glaube).
Die Erwählungsvorstellung geht auf ägyptische und griechische Vorbilder
zurück = „antiker Standard“: Gott als Kriegsherr.
„Das muss man einfach als Theologe heute einbeziehen, dass die Stoffe gewandert sind und Geschichte haben.“
Wir müssen fragen: „Ist das mein Gottesbild? Ist das Rede von Gott, die zu dem passt,
was wir von Jesu Rede von Gott wissen?“
Wir können heute nicht redlich Theologie treiben, ohne die Wirkungsgeschichte m i t z u
bedenken, die bestimmte Bibeltexte und eine bestimmte Auslegung möglich gemacht und
entfaltet haben: Kriege im Namen Gottes und „Gott mit uns“ gegen einander ... Das konnte geschehen, weil nicht auf Jesus gehört wurde, sondern stattdessen Jesus „irgendwelchen Interessen der Völker untergeordnet worden ist“.
Das wird uns im 21. Jhdt. noch mehr bewegen als schon im 20. Jhdt. „Da muss umgesteuert werden.“ Hilfe finden wir bei dem Jesus, der mit Gewalt nichts am Hut hatte und Gott nicht mit Gewalt in Verbindung gebracht hat. „Wir müssen aus der Geschichte lernen“ „Welche Traditionen haben sich als lebensdienlich erwiesen und welche als eher lebensfeindlich?“
„Jede Religion muss sich das fragen“. Die Erwählungsvorstellung z. B. war nicht
lebensdienlich ...bis heute ...
Wir glauben in den monotheistischen Religionen an einen Gott; und alle nehmen Gott aus
ihren unterschiedlichen Kulturen heraus wahr. „Die Wahrheit schlechthin gibt es (für uns)
nicht, sondern Zugänge zur Wahrheit.“ Das zeigt sich an unserer Bibel selbst: Die vier
Evangelien im NT unterscheiden sich gewaltig. Die Väter des Kanons waren klug genug, die unterschiedlichen (Lebens-) Wahrnehmungen von Jesus neben einander stehen zu lassen:
Das Johev z. B. überliefert kein Jesus – Gleichnis, weil es nicht von Jesus weg auf das
Gottesreich verweisen möchte, sondern auf Jesus, der sagt: „Ich und der Vater sind eins“;
„wer mich sieht, sieht den Vater“. „Mein Herr und mein Gott“ (Thomas): „Das hätte die
Gemeinde von Markus als die pure Ketzerei angesehen“.
Was sind denn unsere verschiedenen Zugänge zu Jesus heute? Welche Rolle spielt denn
Jesus eigentlich für uns? Da muss jeder persönlich Zeugnis ablegen aus eigener
Lebenserfahrung heraus. Allein Verweise auf die biblischen Texte helfen da nicht weiter.
Jeder steht mit dem eigenen Leben dafür ein. „Wer will denn „second hand“ leben? Wir
müssen doch selber leben, beten, den Glauben in die eigene Sprache kriegen.“ „Und wenn wir uns hinter kultischen Vorstellungen von vor 2 oder 3 Tausend Jahren verstecken, kriegen wir das nie hin. Wir haben diese Kulte nicht mehr. Wir haben manche Symbole von damals; aber ob die tragen, ist doch erst die Frage.“

II. „Wer ist denn Jesus für uns?“
a. Jesus hat von der Liebe Gottes nicht nur unter der Vorstellung von Gnade geredet,
wie wir das Wort zu verstehen gewohnt sind . „Die Liebe, von der Jesus im Blick auf Gott
redet“ lässt sich am Gleichnis vom so genannten „verlorenen Sohn“ (Lk 15) erläutern:

Der verlorene Sohn war nie verloren, weil der Vater ihn nie verloren gegeben hat und
immer geliebt hat.

Er hat seine unbedingte Liebe von nichts abhängig gemacht. „Einfach Liebe“,
„kein Grund“, einfach so: Der Sohn kann wiederkommen ...
Des Vaters Liebe wird mit 5 Verben betont: läuft ihm entgegen, umarmt ihn, küsst ihn.

„Er war verloren und ist wieder gefunden worden. Er war tot und ist wieder lebendig
geworden!“ = „Auferstehung mitten im Leben“: ganz elementar:„Tod“ ist, wenn man mit
einem nichts mehr zu tun haben will“ (du bist für mich Luft). Auferstehung: Der Mensch
ist wieder Mensch = das „Wiederhineinfinden in verlorene Lebensbeziehungen“. Das
geschieht auch im Tode. Die Gottesbeziehung wird durch den Tod nicht zerrissen.

Der Sohn war „weg“, aber nie so weit weg, dass er nicht hätte wieder in die
Gottesbeziehung kommen können.

Jesus: Nicht „wenn du ...“ bist du geliebt, sondern: „Du bist mir um deines Lebens willen,
um deiner selbst willen lieb“.
„Der Jesus hat begriffen: Das Leben der Menschen ist schwer. .. Und als Gott Adam und Eva aus dem Paradies herauskomplimentiert hat, da sagt er den merkwürdigen Satz ‚Nun ist der Mensch geworden wie unsereiner, dass er unterscheiden kann gut und böse’.“ Das kann und das muss der Mensch seitdem und muss diese Unterscheidungen „alltäglich bewähren“.
„Als Jesus die Menschen sieht, da sagt er ‚sie sind mühselig und beladen’ und ruft sie zu sich – das ist sein Heilandsruf – ‚kommt her, ihr Mühseligen und Beladenen; ich will euch
erquicken’. Ja, das ist doch Erquickung, von einem Gott zu hören, der einen ohne
Bedingungen liebt ..., der will, dass man lebt und der dann dieses grandiose Gleichnis
erzählen lässt von den Arbeitern im Weinberg ...Ist das (Verhalten des Verwalters des
Weinbergs) gerecht? Nein, das begründet sich nur aus der Liebe zum Leben.
Jeder soll leben können.“
Wollen die (die auf dem gerechten Lohn für 12 Stunden im Vergleich zu dem für 1 Stunde) bestehen, „12 x leben“? Die Folgen einer solchen Lebens- und Geisteshaltung zeigen sich gerade an den internationalen Finanzmärkten ... Wenn das Gesetz Gottes im Sinne einer vergleichenden (messenden) Gerechtigkeit missbraucht wird, werden Menschen daran scheitern.
Jesus: „Kein Paragraf im Gesetz ist um seiner selbst willen da. Jedes Gesetz soll dem Leben dienen. „Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern Gott macht den Feiertag für den Menschen“.
„Wenn die Gesetze sich verselbständigen, wenden sie sich gegen das Leben.“ Genau das
hat Jesus zurückgewiesen.
b. „Weil diese Liebe die Grundordnung im Reich Gottes ist, ist für Jesus eins das Zentrale,
was mitten im Vaterunser steht: Die Vergebung.“
Nicht mehr das Messen gilt als das oberste, sondern die Vergebung als das Tiefste soll das oberste sein. „Vater vergib uns, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ...“
Wo man begreift, dass jeder dem/der anderen irgendetwas im Leben schuldig bleibt, dass wir nie alles geben können, Fehler machen müssen, um zu lernen ..., dass keiner perfekt sein muss, wenn man das begriffen hat, dann wird man die Vergebung gerne als eine
Grundordnung übernehmen ... und deswegen habe ich vorgeschlagen, die Liturgie so zu
ändern, dass die Lossprechung von der Schuld in die Mitte der Gemeinde zieht, so dass z.B. wie hier die Menschen einander gegenüber stehen, einander anschauen und dann die eine Seite beginnt ... und die andere Seite gebeten wird: ‚Vergebt uns im Namen Gottes unsere Schuld - und die anderen sprechen sie los und dann vice versa. (umgekehrt)
Das ist etwas anderes als die Gegenüberstellung von Amt (Pfarrer/in) und Gemeinde. Das
muss in die Gemeinde rein und entspricht der von Jesus den Menschen gegebenen
Vollmacht. „Vergeben zu können, dieses Gottesamt in die eigene Vollmacht bekommen:
Das ist die andere Revolution, die Jesus eingeführt hat, dass er die Vergebung völlig
vom Kult gelöst hat.“
Über Jahrhunderte vorher in Jerusalem wurde Sühne als an das Blutvergießen gebunden
verkündigt. Jesus löst die Vergebung raus aus dem Kult und gibt sie in die Vollmacht von
Fischern und Handwerkern, Männern und Frauen und fängt damit den Himmel an.
Das haben die natürlich nicht schön gefunden, die die Ämter hatten. Man braucht Ämter; aber die Vergebung muss gelebt werden von allen, die leben und kompetent sind für das Leben.
„Vergebung gehört in unsere Mitte. An dem Punkt ist die Reformation hängen geblieben im 16. Jhdt. und es wird Zeit, dass wir diese Schritte zuende gehen.“
Wo nun die unbedingte Liebe und Vergebung vom lebenden Jesus zum Standard des neuen Lebens gemacht worden ist, sagen Sie mir bitte, wo jetzt noch ein Sühnegedanke Platz haben soll bei diesem Jesus? ... Es gibt ihn (bei Jesus) nicht.
„Die Abendmahlsworte haben, indem sie auf ‚Blut’ zu sprechen kommen, auf Sühnegedanken im Hintergrund nichts mehr mit dem zu tun wie Jesus mit den Seinen das (letzte) Mahl gefeiert hat.“
Das war ein jüdisches Passahmahl. Dieses hat nichts mit Sündenvergebung zu tun. „Es feiert die Lebensgaben Gottes: Brot, Wein, Kräuter und dann die jüdische Heilsgeschichte in ausgewählten Erzählungen.“
In der Didache (der Zwölf-Apostel-Lehre, Ende 1. Jhdt.) wird das Abendmahl genau nach
diesem Muster gefeiert „ohne jeden Bezug auf Jesu Tod“: „Wir danken dir, unser Vater, für das Leben, das du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht.“
Geworden ist bei uns eine Übernahme der Opferterminologie und der Opferpraxis aus dem Tempel in Jerusalem in etwas hinein, das mit Jesus verbunden wurde, aber mit ihm nichts zu tun hat: „Der neue Bund“ („in meinem Blut“) kann Jesus nicht gesagt haben; denn er benutzt das Wort „Bund“ sonst überhaupt nicht.

Woher kommt dann aber der Wortlaut unserer Abendmahlsüberlieferung?
Ein paar Spuren:

„Das Blut sei vergossen worden“ = Vergangenheitsform im Munde des lebenden Jesus?

Am Blutvergießen ist Jesus nicht gestorben.

Das Blutvergießen kommt aus dem Opferkult: 2. Mose 24,8 (Mose schlachtet beim
Bundesfest! die Tiere, fängt das Blut auf in einer Schüssel, hebt die Schüssel hoch und
sagt dem Volk: „Dies ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen
hat.“). Diese Vorstellung ist bei MK und MT in die Abendmahlsüberlieferung kombiniert
mit dem „vergossen für viele“.

Wie konnte diese Vorstellung in die Überlieferung von Jesus hereinwandern?
Die ersten Christen waren Juden. Sie hatten (bis 70) teil am jüdischen Kult. Mit der
Zerstörung des Tempels (im Jahr 70) fiel der Versöhnungstag (jom kippur) mit seinem
Versöhnungs- (Sühne-) Ritual fort. Nach dem Grundsatz „Vergebung ohne Blutvergießen ist nicht möglich“ (Hebr. 9,22) wurde der Tod Jesu nun als das besondere Opfer zur Vergebung der Sünden (vgl. Hebr. u.a.) verstanden (s. im ff.).
Jesus aber hat ein Ende mit dieser Vorstellung gemacht. Die Vergebung lebt aus der Liebe
Gottes ohne eine solche Bedingung.
Woher also stammt die Vorstellung vom Sühnetod Jesu; und warum ist z.B. Paulus so
wichtig, dass Wein (und Brot) zum „Gedenken an mich“ (Jesus) genommen werden sollen
und dass die Jünger mit diesem Essen und Trinken den „Tod des Herrn verkündigen“?
In einer jüdischen Schrift im 1. nachchristl. Jahrhundert (4. Makk., B.V.) wird die Vorstellung entwickelt vom für das Volk stellvertretend sühnenden Märtyrertod eines Gerechten, der für die Einhaltung der Torah gestorben ist. Historischer Hintergrund ist die Entweihung des Tempels vor der Zeit der Makkabäer. Dadurch wurde der Kult in Jerusalem ein paar Jahre ausgesetzt; und es entwickelte sich die Vorstellung vom Sühne stiftenden Tod des Gerechten.
Auch Paulus hat Christus als Märtyrer verstanden. In Phil 2: „Er war gehorsam bis zum Tode am Kreuz ...“
Die Märtyrertradition, die zeitlich nach Jesus mit Jesu eigener Verkündigung verknüpft wurde, hat Jesu Verkündigung zwangsläufig in den Hintergrund gedrängt und wirkt wie eine vorgeschaltete Linse.
Dabei war die so. Tempelreinigung Jesu „ein Frontalangriff gegen den Opferkult des
Tempels“, bei dem das Heil letztlich durch Opfer (8000 Tiere in der Woche) erkauft werden musste.

III. Entscheidungsfrage
Wir müssen uns im 21. Jhdt. entscheiden, welcher Linie wir folgen. Auch die Vorstellung des Hebräerbriefs, nach dem Jesus „Ein für alle Mal“ geopfert wurde (und nun keine Opfer mehr nötig sind und sein sollen), bedient dieselbe Logik, als ob Gott das Opfer gewollt und gebraucht habe.
Abendmahl aber hat mit „Eucharistie“ (Danksagung) zu tun, mit den Lebensgaben Gottes. In diese Richtung sollten wir die Abendmahlsliturgie verändern.

Aus der Diskussion:
ich merke: Ich selbst bin auf Vergebung angewiesen. – Antwort: a. Nur Matthäus hat das
„zur Vergebung der Sünden“ dazu gesetzt. Ich will nicht bestreiten, dass das Abendmahl auch mit der jetzigen Liturgie Menschen zur Vergebung führt; aber welches Gottesbild steckt eigentlich dahinter? Die Betonung des Kreuzes ist doch keine Verstärkung, eher eine Zurücknahme des Glaubens an die unbedingte Liebe Gottes. Jesus wollte nicht, dass
die Menschen, statt für sich selbst bei Gott einzustehen, Tiere oder sonst wen als
vermittelnde Instanzen (als Opfer) einschalten. Jesus wollte die unmittelbare
Beziehung Gott – Mensch. Jeremia 31 / der „neue Bund“ meint die unmittelbare
Beziehung. Das ist eine „Grundweichenstellung: Liebe kann sich in „Hingabe“ zeigen;
aber die Hingabe begründet nicht die Liebe, sondern ist eine Folge der Liebe.“
b. (Traumatische) Verletzungen müssen in einer (manchmal langen) Heilungsgeschichte geheilt werden. Ein Wort, eine Erfahrung reicht da nicht. Solche Menschen können nicht vergeben. Da hilft nur Zeit.

Aber steht das nicht alles in der Bibel? Wir sind doch damit groß geworden. Nun
kommen Sie und bringen alles durcheinander. Da habe ich ein Problem. U. a. – Jesus
hat für uns gelebt und ist natürlich auch für uns gestorben; aber der Tod steht nicht für
sich, sondern ist Konsequenz seines Lebens. Ja, überall finden sie die Sühne –
Tradition, in den Abendmahlsworten vielleicht noch am wenigsten, aber in Röm 3,25f
(Gott hat ihn = Jesus zum „hilasterion“ = Sühnopfer hingestellt), im 1. Joh usw.
Paulus ist vom Auferstandenen überrascht worden. Der Christus saß ihm im Nacken,
hatte aber für einen gesetzesfrommen Juden wie Paulus einen furchtbaren Makel:
Er war als Verbrecher von der römischen Justiz gekreuzigt worden und das mit dem
Schein des Rechtes, das damals galt. Daraus musste Paulus als neuer Anhänger und
Missionar des Christus Jesus etwas Positives machen. „Das war seine Lebensaufgabe.“
Das Leben Jesu kommt bei Paulus darum gar nicht vor. Kreuzestod und Auferstehung
sind die Fixpunkte der paulinischen Auffassung von Jesus Christus.
„Das ist das Geheimnis: Paulus hat diesen Tod in ein Heilsereignis verwandelt; und
das tat er, indem er Anleihen nahm a. beim Kult (für uns gestorben),
b. beim Märtyrerkult (Gedächtnismahl. Durch das Gedächtnis kommt die Sühne den
Gedenkenden zugute), c. Rückgriff auf den leidenden Gottesknecht (Jes. 53, vgl. = Lukas). Diese Bezüge ermöglichen die Interpretation: „Was so aussieht wie Schande,
ist in Wahrheit ein Heilsereignis. Das ist die ganze Intensität der paulinischen Theologie. ..
Das ist seine Tat als Missionar ... Jesus ist das nicht gerecht geworden.“

Paulus hat (zudem) die Last des Gesetzes loswerden wollen. (Die Verwendung von
Kultmetaphern z.B. in Röm 3,25f. ermöglichte es Paulus, das Gesetz in paradoxer
Weise zugleich stehen zu lassen – als Gericht Gottes – und aufzuheben – weil
Christus als Sühnopfer dem Gesetz Genüge getan hat, B.V.).
Wir brauchen aber zur Erklärung des Zusammenhangs von Liebe und Leiden keine
Sühne–Metaphern mehr.
Die deutsche Sprache weist in anderer Weise auf den Zusammenhang hin: Lieb haben
und leiden gehören im Deutschen zusammen: Wer jemanden liebt, kann ihn / sie auch
(er)leiden. Jedenfalls ist die Liebe das Erste, das Fundament einer Beziehung, und das
Leiden-Können ist die Folge. Niemand musste oder muss sterben, damit eine Beziehung
stabil ist. Denn Liebe hofft, glaubt und erträgt alles - wie Paulus richtig geschrieben hat
(1. Kor 13).

Auch Johannes 1,29 (und seine Verwendung im Abendmahl) hat nichts mit dem Tod
Jesu zu tun. Jesus trägt die „Sünde des Kosmos“ (nicht: die „Sünden der Menschen“)
weg, die nach darin besteht, dass die Welt, die doch Jesus gehört, ihn nicht aufnahm:
„Die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Mit der Inkarnation macht sich Gott uneindeutig. Jesus hatte keinen Pass bei sich mit
dem Eintrag „Himmlische Behörde – dies ist er“. Dass Jesus der Sohn Gottes war, ließ
sich nur im Umgang, in Beziehung zu ihm erfahren. Jesus hatte allein eine „spirituelle
Autorität“. „Wir wollen das Ganze legalisieren und niet- und nagelfest machen (fixieren,
cruzi-fixus, B.V.) und betrügen uns damit um das, was wir wirklich brauchen: den
Geist, der uns bewegt.“ „Wenn wir den (Geist) nicht haben in der Gottesbeziehung,
dann taugt die gar nichts.“ „Es muss (der Glaube als Beziehung zu Gott im Geist) doch
tragen im Leben und im Sterben.“ „Jesus sah die Menschen und hat gesehen: Sie sind
mühselig und beladen bzw. wie eine Herde von Schafen, die keinen Hirten haben.“
„Da versucht er zu sammeln, indem er aufs Herz zielt, nicht auf Kult, nicht auf
Formulierungen .. es geht um das Glauben in die Liebe Gottes, sich darauf einzulassen.
Dann kann man leben und dann kann man sterben.“ Darum geht es: Aus der Gottesbeziehung heraus leben und sterben zu lernen. Das kann man nicht von selbst.

„Darum ist Jesus das Lamm Gottes, das die Ablehnung hat tragen müssen, das ist
gemeint.“ Das Lamm Gottes erträgt die Sünde der Welt, dass die Menschen Jesus so
nicht haben wollten. Sie wollten eher ihre fromme Leistung honoriert haben. Und „wir
wollen Abstand haben zu den anderen Ekels, die sich nicht ordentlich benehmen ...“
„Genau das ist der Widerspruch, an dem Jesus zerbrechen musste; aber Gott hat ihn
auferweckt – und das ist die ganze Geschichte.“ Und deswegen ist diese Geschichte
und das Erzählen dieser Geschichte so unersetzlich wichtig. Ein Glaube an Formeln
nützt gar nichts .. Jesus ist selbst das Gottesgleichnis. Ob Jesus Gott ist, das ist eine
dogmatische Frage. Wen interessiert das im Leben und im Sterben? Aber die Frage,
ob Jesus etwas von Gott gebracht hat, was mein Herz erfreut, was mich erquickt, was
mir Mut gibt, zur Wahrheit zu stehen, was mir Mut gibt, auch mal Prügel einzustecken
– das ist, was ich brauche.

Warum kommen wir erst heute auf diese Sicht? Warum hat in der Kirchengeschichte
die Idee der bedingten Liebe so lange favorisiert? Und haben wir in den Gemeinden zu
wenig ehrliche hermeneutische Arbeit geleistet? – Menschen wollen Zeichen
(Beweise). Die Zeichenforderung (JohEv) aber ist die Versuchung des Unglaubens
(J.legt die Versuchungsgeschichte Mt 4 aus dazu ...). Die wirkliche Autorität liegt nicht im
mirakolösen Zeichen (das auf sich selbst zeigt: „mit Mirakeln können Sie nicht leben
und sterben“) oder in dogmatischen Formeln (reden „über“ Gott), sondern in de
gelebten Gottesbeziehung, die dann vom Zeichen bezeugt werden kann. – Ich
brauche einen Gott, der mir leben und sterben hilft. Die spannende Frage ist heute:
Kriegen wir es hin, dass wir wieder lernen, eine Wirklichkeit zu glauben ...in der Gott
und wir miteinander zu tun haben? Da gibt es heute Brücken zwischen Geistverständnis
und Quantenphysik. Das muss heute weiter gedacht und gelehrt werden, auch in den Schulen, „damit wir wieder in der Welt zuhause sind und im Glauben auch“.

Sie zitieren doch auch Bibel gegen Bibel – Ja, aber über das selbstreferentielle
Verfahren hinaus möchte ich sachkritisch reden und mitarbeiten an einem Kanon aus
den Kanons aller Religionen und Philosophien (z.B. Sophokles Antigone: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da“). Der Glaube macht uns frei, nicht ängstlich.


Disput H.D mit K.-P.J. am Schluss des Abends:
H.D.: Für mich ist die Liebe Gottes und das Kreuz kein Widerspruch.
Gott nutzt den Kreuzestod.
K.-P.J.: Was hat der elende Tod am Kreuz mit Gottes Liebe zu tun?
H.D.: Da stirbt der Sohn Gottes!
K.P.J.: Warum?
H.D.: Gott braucht den Tod Jesu nicht; aber wir brauchen ihn.
K.-P.J.: Ich brauche den nicht. Ich bin auch nicht Gottes Feind.
H.D. : Das meine ich mit Irrweg (auf dem Sie sind). Sie blenden Paulus aus.
K.-P.J.: Paulus ist Paulus, nicht mein Weg. Wie kriegen Sie es hin, dass Sie die
unbedingte Liebe Gottes mit diesem Mord zusammen bringen?
H.D.: ... Lösegeld für viele (Mk 10,45) Wie verstehen Sie das denn?
K.-P.J.: Mk 10,45b ist späterer Zusatz
H.D.: Nein, Wort von Jesus.

Nachschrift von Bernd Vogel o