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Es geht um eine tragfähige Gottesbeziehung


Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 38 - 42

Es geht um eine tragfähige Gottesbeziehung und den Lebensbezug des Glaubens

Die Krise der Kirchen in unserer Gesellschaft hat zwar auch mit der Zahl derer zu tun, die aus ihnen ausgetreten sind und den Kirchen finanzielle Probleme beschert haben, Geldnot zwingt, darüber nachzudenken, wo die verminderten Kräfte am besten eingesetzt werden sollen. Doch dringlicher stehen wohl inhaltliche Fragen an, die - wie Unternehmensberater den Kirchen sagen - das »Produkt« betreffen, das sie anbieten. Warum wird es, jedenfalls aufs Ganze gesehen, so schlecht angenommen? Und wenn im katholischen Bereich immer häufiger Ausländer, teils aus nichteuropäischen Ländern und Kulturbereichen kommend, als Priester einspringen müssen, führt auch das zu dem Eindruck, daß diese Kirche in der eigenen Gesellschaft nicht mehr besonders tief verwurzelt ist. Sie erscheint eher wie ein global player der Wirtschaft, der von einer fernen Zentrale aus die einzelnen Niederlassungen lenkt. Nachwuchs sorgen haben aber inzwischen auch wieder evangelische Landeskirchen in Deutschland, nachdem sie lange nicht gewußt haben, wie sie die Pfarramtskandidaten unterbringen sollten. Viele junge Pfarrerinnen und Pfarrer sind deshalb dem Rat gefolgt, in anderen Ländern eine Stelle zu suchen. Nun aber werben die Kirchen wieder unter Abiturientinnen und Abiturienten für das Studium der Theologie. Dabei tun sie gut daran, den Akzent auf inhaltliche Aspekte zu setzen und Krisensignale nicht zu verschweigen. Denn wer sich zum Theologiestudium entscheidet, ist ja bis zum Studienbeginn ein ganz »normaler« Gläubiger und hat teil an den Krisen, die alle anderen gläubigen Menschen auch durchmachen.
Die eigentlichen Probleme hängen damit zusammen, daß der christliche Glaube im Bewußtsein der Menschen wieder mit Religion ganz allgemein in Verbindung gebracht wird. Er wird also nicht mehr kategorial von anderen Religionen unterschieden und kann deshalb auch keinen besonderen Schutz mehr vor Kritik beanspruchen. Die Zeiten, in denen sich Kirche und Theologie durch die (Selbst-) Einstufung des christlichen Glaubens als eigenes und unvergleichliches Genus davor meinten schützen zu können, in die allgemeine Religionsgeschichte eingeordnet und im Blick auf ihre Entstehung, ihre jetzige Gestalt und die sie formierenden Dogmen kritisch befragt zu werden, ist vorbei. Deshalb setzt das Interesse derer, die sich über die Zukunft von Glauben und Kirche Gedanken machen, zu Recht beim Stichwort Religion an. Und dabei gerät immer mehr in den Blick, daß Religion - anders als in der Theologie, in der die Frage nach Gott lange Zeit alles Denken dominiert hat - mit leben in Verbindung steht. Wir müssen uns also bei der Suche nach Wegen, die aus der Krise der Kirchen herausführen, mit dem Verhältnis von Religion und Leben beschäftigen.
Die meisten Menschen, die für einen Glauben offen sind, fühlen sich nicht wie Kinder im Haus, für die feststeht, daß sie das Glaubens System der Vorväter übernehmen werden und es nur noch lernen müssen. Denn »übernehmen« hieße, sich in das überlieferte System hineinfinden und dann seine Glaubenssätze für wahr halten zu müssen. Aber genau dies, das Fürwahrhalten von Glaubensinhalten und Dogmen, stellt eine Art von Religiosität dar, die denen, die heute nach einer glaubwürdigen Religion suchen, eher fremd ist. Ihnen geht es zumeist nicht um Inhalte oder objektive Wahrheiten, nicht mehr um Definitionen, die früher so wichtig waren, daß sie Kirchen spalten und Kriege auslösen konnten, ja, deren Leugnung mit dem Tod bestraft worden ist. Sie zweifeln verständlicherweise daran, daß Gott einen Menschen danach beurteilen könnte, ob ein Mensch in eine christliche oder muslimische oder buddhistische Familie hinein geboren und dann in deren Glauben erzogen worden ist. Sie fragen vielmehr, ob der Glaube ihnen hilft, leben und sterben zu können, und binden Wahrheit an Lebens- und Sterbeerfahrungen von Menschen. Die meisten Laien sind den Verfechtern eines geschlossenen Systems Religion weit überlegen, weil sie auf diesem Lebensbezug des Glaubens bestehen.
Wo es um Gott geht, geht es immer mehr Menschen um eine Beziehung zu ihm: um eine Lebensbeziehung, die alle anderen Beziehungen übersteigt -und alle anderen trägt oder zumindest aushallen läßt. Eine Kirche, die die Suche nach dieser Beziehung zu Gott gering achtet, verschärft ihre eigene Glaubwürdigkeitskrise. Denn von einem ihnen zugewandten Gott nehmen Menschen auch Gebote, Grenzziehungen, an. Wenn nach Umfrageergebnissen nur noch rund ein Zehntel der Deutschen an Gott als Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist glaubt16, aber knapp 40 %'' - nach anderen Erhebungen sind es sogar etwas mehr als die Hälfte - sich von einem Schutzengel begleitet wissen, kommt heraus, welcher Wandel mittlerweile stattgefunden hat. Im Schutzengel ist vielen der ferne Gott so, wie sie ihn suchen: nah, zugewandt, liebevoll. Durch ihn finden sie Trost, Geborgenheit und Schutz selbst in schweren Zeiten. Auch Evangelische lassen, wie eine Berliner Umfrage ergab, ihre Kinder vor allem deshalb taufen, weil sie auf göttlichen Schutz hoffen. Aus demselben Grund bringen auch viele, die nicht zur Kirche gehören, ihre Kinder zur Taufe.
Wer darin einen Rückfall ins Heidentum sieht, wird dem, was sich zeigt, nicht gerecht. Richtiger wäre es, solche Erscheinungen von innen her zu verstehen- Und dann zeigt sich, daß die Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz mit dem Lebensgefühl zu tun hat. Offenbar fühlen sich Menschen in dieser Welt trotz aller Sicherungen, die ihnen geboten werden und die sie nutzen, im Grunde nicht sicher. Was fehlt, ist eine von den Krisen und Katastrophen, Verlusten und Abschieden nicht zu erschütternde Beziehung. Deshalb umschreiben viele -vor allem evangelische - Christen das traditionelle Wort Heil inzwischen mit Geborgenheit". Aber auch Eugen Biser hat geurteilt, der Gott Jesu Christi führe den Menschen durch seine Liebe »in das Paradies seiner primordialen Geborgenheit, in der er die unüberbietbare Antwort auf seine Sinnfrage findet. Für den Glauben aber heißt das, daß sich damit eine neue Dimension auftut, zu der sich der Gegenstandsglaube wie die Fassade zum Innenraum verhält. Erst mit dem Eintritt in diesen Innenraum erwacht der Glaube definitiv zu sich selbst. Darauf zielt das bekannte Rahner-Wort, daß der Christ der Zukunft ein Mystiker oder überhaupt nicht mehr sein werde.«'
Zu solch einer Gottesbeziehung gehört es, daß sie die großen Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Lebens in sich aufzunehmen vermag. Was ich meine, drückt auch das im neuen »Evangelischen Gesangbuch« abgedruckte Gedicht von Dietrich Bonhoeffer aus, das er 1944 im Gefängnis geschrieben hatte und in dem es im Refrain heißt: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.« Wer sich von einem als Person geglaubten Gott geliebt weiß, wird in dieser Liebe seine Herkunft und Zukunft übrigens genauso umschlossen sehen wie jemand, der sein Leben mystisch mit Energien verbunden weiß, die das All durchwalten. Reden beide offen darüber, was ihnen ihre unterschiedlichen Formen von Glauben bedeuten - wie das etwa auf Kirchentagen möglich ist -, können sie bald sehen, wie nah sie sich sind, obwohl sie nicht dieselbe religiöse Sprache sprechen. Würde aber der eine ausschließlich von seinem Katechismus her reden und der andere nur von namenlosen Erfahrungen her, fanden sie kaum einen gemeinsamen Nenner.
Ob die Kirchen von der neuen Suche nach einer Gottes- oder allgemeiner: Transzendenzbeziehung profitieren werden, hängt aber nicht zuletzt davon ab, wie ernst sie Lebensgefühl und religiöse Erfahrungen von Menschen nehmen werden, die zu den etablierten Religionsgemeinschaften und ihrem Glaubenssystem weder eine innere noch eine intellektuelle Beziehung haben. Dabei ist es erst einmal unwichtig, ob solche Distanz entstanden ist, weil diese Menschen ohne religiöse Erziehung aufgewachsen oder weil sie innerhalb der Kirchen Fremde geblieben sind und sich irgendwann von ihnen abgewandt haben. Am Umgang mit solcher ungenormten Religiosität, die sich zum Teil ohne religiöse Sprache oder ganz einfach fremd, ungewohnt äußert, wird sich erweisen, ob die Kirchen bei Jesus Christus wirklich gelernt haben. Er hat das Wichtigste seiner Botschaft in Gleichnissen und Bildworten geäußert, die aus dem Leben stammten, und dadurch, daß er die Probleme und Leiden der Menschen durch die Art , seines Umgangs mit ihnen ernst genommen hat. Darum hat seine Botschaft, ja, er selbst, bis heute immer wieder Menschen in ihren konkreten Lebensbezügen erreichen können. Jesus Christus ist kein Gott für religiöse Spezialisten. Entsprechend haben auch glaubwürdige Bekenntnisse immer einen Erfahrungsgrund im eigenen Leben. Wenn Glaube mit dem Alltagsleben nichts zu tun hat, wird er als Hülle abgesprengt, wenn die erste Lebenskrise da ist.
Sekten und okkulte Zirkel führen bei uns eine Randexistenz. Anders ist es mit der esoterischen Literatur. Sie hat sich aber nur deshalb ausbreiten können, weil Kirche und Theologie mehr und mehr der Tendenz erlegen sind, Glauben mit dem Fürwahrhalten von Inhalten gleichzusetzen. Daß mit der Gottesbeziehung im Grunde immer eine Beziehung zum Universum und auch zu den in Gottes Liebe geborgenen Toten verbunden ist, ist dabei lange aus dem Blick geraten. Dasselbe gilt für die Beziehung der einzelnen Menschen zu sich selbst, also für den inneren Menschen und seine religiösen Erfahrungen. Insofern ist die esoterische »Welle« Antwort auf eine Theologie, die sich freiwillig in die Gefangenschaft eines intellektuellen und ganz am «Wort« orientierten Glaubens begeben und die Mystik vergessen hatte. Und dies, obwohl in Wahrheit die geistigen Dimensionen - wie Glaube, Liebe und Hoffnung - unser Leben bestimmen. Die Bibel weiß viel davon zu sagen, wie geistige Kräfte Raum- und Zeitgrenzen überwinden können. Und die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens, die Botschaft von der Auferstehung, spricht gar von der Transformation des sterblichen Lebens in eine andere Dimension von Sein.

Ob wir es aber wollen oder nicht: Religion ist am Anfang des 21. Jahrhunderts noch auf eine - bei uns jedenfalls - ganz unerwartete Weise »zurückgekehrt: durch eine – wiederum bei uns jedenfalls – von den meisten schon für überholt gehaltene Verbindung mit Politik.


Auszug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 60-66

Die Grundthese:
Lebendiger Glaube ist sich wandelnder Glaube

Glaubensvorstellungen gehören zum Leben der Menschen. Sie entwickeln sich, wie die Religionswissenschaft zeigt, aus vielfältigen Wurzeln außerhalb und innerhalb des Menschen. Sie haben mit Glaubenserfahrungen zu tun und wandeln sich, wenn Menschen neue Glaubenserfahrungen machen. Doch auch dann kommt es unausweichlich zu Krisen, wenn sich ein traditioneller Glaube nicht mehr mit einem veränderten Lebens-, Welt- und Gottesverständnis verbinden läßt und ihm buchstäblich aufgezwungen werden muß.
Glaube meint dabei in unserer Kultur einerseits ein zusammenhängendes System von Glaubensvorstellungen, die sich auf Überlieferungen in einer Heiligen Schrift (Doppelkanon Bibel, Buddhas Reden, Koran etc.) und deren offiziell anerkannte Auslegungen (etwa durch Konzilien, Dogmen, Bekenntnisschriften, Kommentarwerke, theologische Lehrtexte) berufen. Der christliche oder der islamische, buddhistische, hinduistische etc. Glaube, aber auch der evangelische oder der römisch-katholische Glaube als Untergruppen des christlichen Glaubens, gehören zu diesem Verständnis von Glauben. Glaube meint auf dieser Ebene einen «überindividuellen Zusammenhang von Glaubens- und Wertvorstellungen. Ihm korrespondieren bestimmte ethische Handlungsmuster. Wir sprechen dann - um nun näher beim christlichen Bereich zu bleiben - statt vom Glauben auch vom Christentum oder der christlichen Religion.
Mit dem Bisherigen haben wir die über individuelle Form von Glauben angesprochen, wie sie eine konkrete Religion oder Konfession vertritt. Diese ist aber zu unterscheiden von dem, was ein einzelner Mensch in ganz eigener Ausprägung tatsächlich glaubt. In diesen individuellen oder auch persönlichen Glauben fließt die offizielle Glaubens Überlieferung durch die religiöse Erziehung und Bildung eines Menschen zwar ein. Aber diese Gestalt des Glaubens wird im Laufe eines Lebens immer mehr durch das geformt, was ein Mensch von dieser Überlieferung in einem bestimmten Milieu für sich selbst tatsächlich übernommen oder aufgrund seiner Erfahrungen und seiner geistig-kulturellen Entwicklung auch verworfen oder zumindest umgeformt hat. Und schließlich wirken sich in unserem Zeitalter auch immer stärker Einflüsse aus, die von außerhalb des eigenen kulturellen Rahmens stammen und uns durch unterschiedliche Medien - aber nicht zuletzt auch durch Reisen - vermittelt worden sind. Die Autonomie der einzelnen Menschen in Glaubensdingen ist im 20. Jahrhundert ständig gewachsen. Parallel dazu hat die Angst, dafür - sei es von kirchlichen Autoritäten, sei es von einem kommenden Gericht Gottes - belangt zu werden, immer mehr abgenommen. Das belegen empirische Untersuchungen, und das wird auch durch die wellenartig genutzte bürgerliche Freiheit zum Kirchenaustritt unterstrichen. Und es zeigt sich auch darin, daß Kirchenmitglieder offen davon reden, welche traditionellen Glaubensinhalte ihnen Probleme machen oder welche sie sogar rundweg ablehnen, auch wenn sie deshalb noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind. Doch auch diejenigen, so müssen wir ergänzen, die zu keiner Religionsgemeinschaft gehören und trotzdem an Gott oder ein höheres Wesen glauben, haben eine individuelle Form von Glauben. Was diese Formen von Glauben mit Religion zu tun haben, wird uns später noch beschäftigen müssen.
Wenn wir über Abweichungen von einer Glaubensnorm sprechen, müssen wir uns allerdings noch einmal vor Augen halten, daß der überlieferte Glaube einer Religion oder auch Konfession, die sich auf eine Heilige Schrift stützen, zu keiner Zeit in allen Punkten identisch gewesen ist mit dem, was einzelne Menschen geglaubt haben. Die seit Jahrhunderten geschehende Auslegung etwa der Bibel durch Juden und Christen oder des Koran durch Muslime versucht ja, die Überlieferung den sich wandelnden gesellschaftlichen, kulturellen und theologischen Gegebenheiten anzupassen, um konkrete Anweisungen für Glauben und Handeln in der jeweiligen Jetztzeit geben zu können. Ja, es gäbe das System aus Heiliger Schrift, gelehrter Schriftauslegung und gottesdienstlicher Predigt gar nicht, wenn der überindividuelle Glaube einer konkreten Religion und der Glaube der einzelnen von vornherein und unter Absehen von jeder Individualität und geschichtlichen Situation deckungsgleich wären.
In den Religionen wie auch in den Gesellschaften hat sich vielmehr über die Jahrhunderte hin ein unaufhaltsamer Prozeß der Ausdifferenzierung vollzogen. Ja, daß es überhaupt zur Verschriftlichung von Überlieferungen in Heiligen Schriften gekommen ist, kann schon als Beleg dafür gewertet werden, daß eine zu weitgehende Verzweigung während der mündlichen Überlieferungsphase eingegrenzt bzw. überschaubar gehalten werden sollte. Denn die Gefahr bestand, daß die Konturen der allen Verzweigungen zugrunde liegenden Überlieferung verwischt werden könnten. Es ist Aufgabe eines Kanons heiliger Schriften wie des jüdischen und des christlichen Kanons, solche Konturen in Texten zu zeichnen. Die Entscheidung darüber, welche Schriften aufgenommen und welche ausgeschlossen wurden, haben immer zugleich Umfang und theologische Grenzen eines Kanons markiert. Hält man das koptische Thomas-Evangelium neben die vier biblischen Evangelien, so wird schnell klar, was ich meine: Das Thomas-Evangelium ist eine reine Spruch Sammlung und bietet keinen biographischen Aufriß des Lebens Jesu wie vor allem Matthäus und Lukas, keine Verbindung von Lebensweg (einschließlich Tod und Auferstehung), Reden und Handlungen Jesu, wie sie für die biblischen Evangelien von zentraler Bedeutung ist. Denn das Thomasevangelium entfaltet und belegt zuallererst eine - gnostische - Lehre. Es macht deutlich, daß die Erkenntnis (gr. gnosis), um die es geht, von Jesus als göttliches Geheimnis offenbart worden ist.
Obwohl die kirchlich akzeptierte christliche Überlieferung im Kanon des Neuen Testaments fixiert worden ist, enthält er immer noch viele Verzweigungen und derartig viel Uneinheitliches, daß es nicht gelingt, allein durch das Lesen eine »Mitte« zu finden. Weil das so ist, haben Dogmen und - auf protestantischer Seite - sogenannte »Bekenntnisschriften« die Aufgabe übernommen, eine solche »Mitte der Schrift« zu formulieren. Sie versuchen, den Glauben der Gläubigen auf das zu lenken, was in den Augen der Kirchen am (überindividuellen) Glauben verbindlich ist. Doch Dogmen und Bekenntnisschriften können diese Funktion, auszuwählen und Bestimmtes für verbindlich zu erklären, weder zeitunabhängig noch unabhängig von menschlichen Fragestellungen erfüllen. Erstens verdanken sie selbst sich nur der Tatsache, daß in bestimmten Zeiten Fragen oder gar Streitigkeiten aufgekommen waren, die entschieden werden mußten, um eine einheitliche kirchliche oder konfessionelle Linie zu finden. Und zweitens hören solche Fragen niemals auf. Sie entstehen immer wieder, weil sich das Welt- und Selbstverständnis der Menschen ständig wandelt. Weil das so ist, sind die großen Glaubensentscheidungen der kirchlichen Konzilien genauso wie die Bekenntnisschriften und Katechismen ihrerseits inzwischen längst Teil der christlichen Tradition geworden. Ihre Funktion, zeitgenössische Glaubensprobleme zu lösen und eine für die Bibelleser leicht erkennbare Mitte der Schrift zu bezeichnen, haben sie entsprechend eingebüßt. Sie sind statt dessen de facto selbst in den Rang kanonischer heiliger Texte aufgestiegen - und bedürfen heute nicht nur der Auslegung, sondern auch theologischer Kritik.
Für die einzelnen Gläubigen gehören also heute nicht nur die Bibel, sondern auch Dogmen und Bekenntnisschriften zu einem riesigen Archiv von Überlieferungen, in denen sich ihnen das Christentum präsentiert. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrer kommen in ihrer Ausbildung - sieht man auf das Ganze kirchlicher Überlieferungen, das heißt auf ihre Ausdifferenzierung in alle geschichtlichen Kirchentümer hinein - verständlicherweise über exemplarische Streifzüge durch jenes Riesenarchiv nicht hinaus. Ein gut angelegtes Studium ist in der Theologie wie in allen anderen Fächern deshalb eines, das die Komplexität der Entwicklungslinien drastisch zu reduzieren und zugleich eine Mitte des Faches im Auge zu behalten hilft. Wie und wo diese Mitte gesucht wird, wird heute wie früher aber keinesfalls nur von theologischer Systematik, sondern auch von Lebensinteressen entschieden, die die Menschen im Alltag ihrer Zeit bewegen. Ihnen wird dieses Buch auf unterschiedlichen Ebenen nachgehen.
Der einleitende Satz, daß Glaubens Vorstellungen zum Leben der Menschen hinzugehören, muß also ergänzt werden um eine weitere Aussage: Auch daß sich Glaubens Vorstellungen wandeln, gehört zum Leben der Menschen hinzu. Solcher Wandel ist für die Gläubigen immer mit schwierigen Um- und Abbrüchen und darum auch mit Abschieden verbunden. Das war früher genauso wie heute. Jene Entwicklung etwa, die im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt dazu geführt hat, daß es fortan christliche Glaubensgemeinschaften neben anderen gegeben hat, ist auf ihrer Rückseite mit Prozessen verbunden gewesen, in denen von jüdischen, griechischen, ägyptischen, römischen und anderen in der hellenistischen Welt lebendigen Glaubens Vorstellungen zu christlichen hinübergewechselt werden mußte. Denn da, wo Jesus Christus als zentrale Gestalt in den Glauben eingezogen ist, mußten die überlieferten Glaubens Vorstellungen so verändert werden, daß sie dem neuen Christusglauben nicht im Wege waren. Nirgends hat es dabei totale Neuanfänge, sondern immer neue Verschmelzungsprozesse gegeben.
Das galt nicht nur für »judenchristliche« - also aus dem Judentum entstandene christliche - Gemeinden, sondern auch für sogenannte »heidenchristliche« Gemeinden. Damit sind Christen gemeint, die aus nichtjüdischen Religionen der Antike kamen. Obwohl sie, religionswissenschaftlich betrachtet, Gläubige wie die Anhänger aller Religionen einschließlich des Judentums und Christentums waren, hat die Kirche sie als Heiden tituliert und damit zu Gläubigen zweiter Klasse gemacht. Denn sie wollte und will noch immer der Bibel und den an sie gebundenen Religionen einen prinzipiellen Vorrang sichern, weil sie nur die Bibel als Offenbarungsquelle anerkennt. Infolge dieser Perspektivveränderung sind dann allerdings Fakten in Vergessenheit geraten, die nicht hätten vergessen werden

hätten vergessen werden dürfen und unbedingt wieder erinnert werden müssen. Zu ihne
rechne ich vor allen anderen, daß therapeutische Kulte - wie der griechische Asklepioskult und der ägyptische Isis-Osiris-Horus-Kult - einen tiefgreifenden Einfluß auf das sich herausbildende frühe Christentum und insbesondere die Darstellung des »Heilandes« Jesus gehabt haben. So stammt der Titel und Nimbus des Heilandes (soter) Jesus aus dem griechisch-hellenistischen Bereich.
Daß die Jesus-Überlieferung von diesen Einflüssen nicht nur irgendwie betroffen, sondern wirklich umgeschmolzen - und das heißt: verändert - worden ist, versteht sich von selbst, wenn wir einen anderen großen Umschmelzungsprozeß mit ins Auge fassen. Auch von ihm wird in der christlichen Theologie kaum mit dem notwendigen Ernst gesprochen. Ich meine jenen sprachlichen Transformationsprozeß, in den die Jesus-Überlieferungen schon unmittelbar nach ihrer Entstehung hineingeraten sind. Denn Jesus und seine ersten Anhänger (»Jünger«) sprachen den in seiner Heimat Galiläa üblichen Dialekt des Aramäischen. Die schriftliche Überlieferung der Jesus-Tradition (»Neues Testament«) ist aber bereits auf Griechisch verfaßt worden. Und dies, obwohl zwischen Jesu Tod (ca. 30 n. Chr.) und den ersten Briefen des Apostels Paulus (ca. 60 n.Chr.) nur ungefähr dreißig Jahre gelegen haben! In dieser Frist hat also nicht nur der Wechsel von mündlicher zu schriftlicher Überlieferung stattgefunden, sondern auch ein kultureller Quantensprung: vom Aramäischen der galiläischen Provinz hinein in die damalige Weltsprache Griechisch (Koine). Von einem Quantensprung zu reden, liegt nahe, weil die unterschiedlichen Sprachen ja keine beliebig austauschbaren Medien sind, sondern das Denken der sie jeweils benutzenden Menschen in erheblichem Maße prägen. Denn Sprachen hängen mit den kulturellen Überlieferungen zusammen, in denen sie literarisch auf vielfältige Weise Gestalt angenommen haben. Und wo immer sie gesprochen und geschrieben werden, vermitteln sie das kulturelle Gedächtnis mit, zu dem sie gehören. Ein wesentlicher Teil davon sind die spezifischen religiösen Denkmuster, die in dieser Kultur entstanden sind. Deshalb haben beispielsweise Christen, die früher Anhänger des therapeutischen Gottes Asklepios gewesen waren, Jesus Christus in vielem anders gesehen und verstanden als Christen, die aus einem jüdisch-religiösen Hintergrund kamen.
Was ich meine, können wir in der Geschichte auch dort finden, wo Herrscher nach Eroberungskriegen plötzlich in fremden Kulturen anerkannt werden wollten. Dazu mußten sie die Titel und Hofzeremonien übernehmen, die in den eroberten Gebieten üblich waren und die Autorität des Herrschers ausdrückten. So hat sich Alexander der Große in Ägypten zum Pharao einsetzen lassen und damit formell auch die Rolle übernommen, die der Pharao als Vermittler zwischen Göttern und Menschen hatte. Und in Persien mußte er als Huldigungsform die Proskynese einführen. Das aber hat viele Makedonier und Griechen gegen ihn eingenommen, daß sich Menschen im Hofzeremoniell nun vor ihm flach auf den Boden legen mußten.
Solche Transformationen sind je nachdem, in welchem religiösen und kulturellen Umfeld sie stattgefunden haben, und je nachdem, wie stark die Bindung daran gewesen ist, im Ergebnis sehr unterschiedlich ausgefallen. Davon zeugt bis heute die Tatsache, daß wir im Neuen Testament nebeneinander vier Evangelien haben, die vor allem in ihrem Jesus- Verständnis eigenständige Wege gehen. Außerhalb des neutestamentlichen Kanons sind noch eine Reihe anderer Evangelien überliefert worden. Sie spielen heute allerdings in den Kirchen keine Rolle mehr. Trotzdem bleibt wahr: Der Kanon des Neuen Testaments hat sich durch ein vielfältiges Transformationsgeschehen hindurch aus Vorchristlichem und originär Christlichem entwickelt. Er belegt, daß die Christus -Gläubigen und ihre untereinander differierenden Glaubens Vorstellungen tiefgreifende Krisen durchgemacht haben. Deshalb zeigt der neutestamentliche Kanon im Rückblick eine komplementäre Verbindung von »Pluralität und Einheit im Urchristentum«.
Doch auch nach dem Abschluß des Kanons ist die Religionsgeschichte des Christentums in all ihren Verästelungen weitergegangen- Insbesondere die Geschichte der Kirchenspaltungen, durch die zum Beispiel die orthodoxen und die protestantischen Kirchen entstanden sind, gibt von diesem Transformationsprozeß bis heute beredtes Zeugnis - auch wenn es aufgrund des Anspruchs kirchlicher Autoritäten manchem so scheinen mag, als sei die Jetztgestalt kirchlicher Dogmatik immer schon da, und darüber hinaus als Summe von Glaubenswahrheiten immer schon verbindlich gewesen. In Wahrheit spiegelt jede christlich-kirchliche Dogmatik, wann immer sie auch formuliert worden ist, den vorläufigen - und das heißt zeitgenössischen - Endpunkt einer in vielen Linien vor sich gegangenen Entwicklung, die im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt begonnen und tiefe Krisen durchlaufen hat. Und wenn sie lebendige Dogmatik bleibt, wird sie auch weiter durch tiefe Krisen hindurchgehen. Sie wird und muß sich dabei weiter wandeln.
Krise heißt dem griechischen Ursprung nach Scheidung, Trennung, und hat einerseits mit Streit und Kampf und andererseits mit kritischer Beurteilung und Auswahl zu tun. Kritik, ja, Streit und Auswahl werden immer wieder nötig, weil traditionelle und neue Vorstellungen von Gott und Welt von jeder Generation untersucht bzw. entwickelt und daraufhin beurteilt werden müssen, ob sie (noch) nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Deshalb gehören Krise und Abschied genauso zusammen wie Krise und Neubesinnung auf das Wesentliche. Diesem doppelten Zusammenhang nachzugehen, ist Aufgabe jeder Theologie. Sie tut damit prinzipiell dasselbe, was Paulus einst der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth als bleibende Aufgabe zugewiesen hat: Die Versammlung der gläubigen Christinnen und Christen sollte unmittelbar im Gottesdienst beurteilen, ob die von »Propheten« in ihrer Mitte gehaltenen Predigten ihrem Glauben entsprachen oder mehr. Wir können uns dieses Beurteilen so vorstellen, daß Zustimmung durch ein biblisch geläufiges Amen ausgedrückt worden ist.
Es mutet sehr merkwürdig an und spricht zugleich eine deutliche Sprache, wenn christliche Predigerinnen und Prediger heutzutage auf der Kanzel ihre eigene Predigt mit - dem im Grunde nach wie vor positiv beurteilenden - Amen beschließen. Paulus vertraute darauf, daß der Heilige Geist die Gemeinde zum Urteil befähige. Und man kann davon ausgehen, daß die institutionalisierte Beurteilung der Predigt durch die Gemeinde das Ihre dazu beigetragen hat, daß die Gemeindemitglieder sich ihrer Aufgabe bewußt gewesen sind und sich ihre Mündigkeit im Glaubensurteil erhalten haben. Von dieser großartigen und sehr ernsthaften Praxis ist leider wenig bis gar nichts übriggeblieben. Und selbst die Urteilsfähigkeit der Theologinnen und Theologen, ja, ihre Pflicht zu beurteilen, wird durch kirchliches Reglement erheblich eingeschränkt und durch die latente Drohung, gravierende Abweichungen von der dogmatischen Norm mit einem Lehrzuchtverfahren zu beantworten, untergraben. Im Grunde wird damit aber das Vertrauen auf das freie Wirken des Heiligen Geistes eingeschränkt. Da liegt das eigentliche, das schwerwiegende, Problem. Die Annahme, daß diese Strategie die Kirche vor schmerzhaften Abschieden bewahren soll, hat sich auf Dauer immer als ein - oft folgenschwerer - Irrtum erwiesen.
Wir haben längst begriffen, daß Trauerarbeit zum Menschsein hinzugehört. Trauer suchen wir nicht, sondern Trauer findet uns, wenn wir Abschied nehmen müssen - von Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind, genauso wie von liebgewordenen Orten, Gewohnheiten, Vorstellungen und Dingen. Aber Abschied und Trauer sind ein Tribut, den wir dem Leben zollen, nicht dem Tod. Denn sie sind der Wegzoll, den wir geben, um mit eigenen und fremden Erfahrungen zu uns selbst finden und, so verwandelt, durch immer neue Tore des Lebens gehen zu können. Es geht um Lebenserfahrung, Reife, Erwachsenwerden und darum, daß wir lernen, uns selbst zu verantworten.
Alles Trauern ist mit Schmerzen verbunden, und darum versuchen wir gerne, der Trauer auszuweichen. Und doch ist Trauern lebensnotwendig. Unsere Seele wird krank, wenn wir Trauer verweigern, um die Schmerzen der Trauerarbeit nicht durchleben zu müssen. Was für unsere Seele gilt, gut auch für unsere Theologie und Kirche. Nur, wenn wir bereit sind, Abschied zu nehmen, können wir uns den Anforderungen zuwenden, die sich heute stellen, können wir die Welt wahrnehmen, wie sie jetzt ist. Und dann können wir auch die vergeblichen Versuche aufgeben, vertraute Vorstellungen von Leben, Welt und Gott als für alle Zeit gütig ausgeben zu wollen. Und erst dann können wir die Fragen der Jüngeren wirklich hören, die einmal ohne uns leben werden, und müssen ihnen nicht unterstellen, sie würden von genau denselben Fragen bewegt wie wir oder gar unsere Vorfahren. Und wir können anfangen, unseren Eltern und übrigen Vorfahren zuzugestehen, daß sie so gelebt, gedacht und geglaubt haben, wie wir es von ihnen kennengelernt und doch nicht bruchlos übernommen haben. Leben ist im Wandel lebendig, ist ein Werden. Doch zum Werden gehört auch Vergehen. »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.« (Joh 12,24) Das Aramäische der Muttersprache Jesu hat »sterben« müssen, damit die Christus-Botschaft in der damaligen Weltsprache Griechisch »viel Fruchte tragen, sich in der Mittelmeerwelt ausbreiten konnte. Der Abschied vom Aramäischen hat aber auch die Denkstrukturen verändert, in denen »das Evangelium« nun verbreitet und reflektiert worden ist. Viele dogmatische Streitigkeiten, die innerhalb der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ausgetragen worden sind, hängen mit dem Sprach- und Kulturtransfer zusammen. Was sich damals vollzogen hat, vollzieht sich auch heute im Ansatz wieder, wenn es zu kulturellen Verschiebungen kommt. Auch dann gilt, daß kein Stadium dieses permanenten Prozesses als Endstadium angesehen und mit der Wahrheit gleichgesetzt werden darf. Es sieht so aus, daß auch vieles vom gut gehüteten Bestand unserer dogmatisierten Überlieferungen zurückgelassen werden muß, damit sich der christliche Glaube heute entfalten kann. Unter diesem Aspekt wird Theologie ganz entschieden konstruktive Arbeit sein müssen.