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Die Verwerfung von Heiden und Juden in der Bibel


Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 177-187

Die Verwerfungen von »Heiden« und »Juden« in der Bibel stellen eine Herausforderung dar, die mit entschiedenen Mitteln beantwortet werden muß

Ein anderes schwerwiegendes Problem stellen für alle Kirchen die im. Kanon enthaltenen Verwerfungsurteile dar. Sie betreffen im jüdischen Teil der Bibel »andere Völker« oder »Heiden« und im rein christlichen Teil der Bibel vor allem Juden, aber auch »Heiden«. Daniel}. Goldhagen hat im Oktober 2002 bei der Präsentation seines Buches »Die katholische Kirche und der Holocaust«52 folgende Ansicht vertreten: Während Nichtchristen »das tragische Problem der christlichen Bibel benennen dürfen - daß ein Buch, das zu so viel Gutem anregt, weiterhin so viele Vorurteile verbreitet -, muß die Lösung des Problems aus den Reihen der Kirche und der Christen selbst kommen.« Im Rahmen dessen, was ich hier behandelt habe, kann die Lösung des Problems innerhalb des christlichen Teils der Bibel nur in einer Revision des Bibeltextes bestehen. Sie müßte von einer Kommission erarbeitet werden und wenigstens die krassesten Antijudaismen einklammern. In dieser Kommission müßten auch Juden vertreten sein. Mit »Einklammerung« meine ich, daß zumindest auf die Verlesung solcher Textstellen in Gottesdiensten verzichtet wird Denkbar wäre für mich aber auch, sie aus einer revidierten Textfassung herauszunehmen und in einen »Apparat« unter dem Text zu verweisen. Das entspräche der gängigen Praxis bei wissenschaftlichen griechischen Ausgaben des Neuen Testamentes, die unter dem fortlaufenden Text einen »Apparat« mit Textvarianten und Textergänzungen enthalten. Sie verzeichnen Handschriften, die von der Exegese aufgrund einer Abwägung historischer Fakten als jeweils - gegenüber der abgedruckten Fassung - spätere Varianten eingestuft worden sind. Die von mir vorgeschlagene Einklammerung würde nun allerdings aufgrund einer neuen theologischen Beurteilung zustande kommen. Ganz aus der gedruckten Fassung dürften diese Antijudaismen aber nicht verschwinden, weil sie als historische Dokumente folgenden Generationen verständlich machen können, aus welchen - eben auch biblischen - Quellen sich der Antijudaismus genährt hat, und daß Heilige Schriften nicht dagegen gefeit sind, haßsäenden und todbringenden Vorurteilen zu folgen.
Es gibt aber auch Gründe, die jüdischen Gesprächspartner im Jüdisch-christlichen Dialog zu fragen, oh sie Daniel Goldhagens Anfrage an das Neue Testament und die Kirchen nicht prinzipiell zu verstehen und auch auf Verwerfungen anderer Völker und Andersgläubiger in der jüdischen Bibel zu beziehen vermögen. Damit meine ich Überlieferungen, die in geschichtlicher Perspektive betrachtet, einen Haß des judischen Gottes auf Nicht-Juden verkündet und - nach den einleuchtenden Thesen von Jan Assmann - den Haß der Verworfenen hervorgerufen haben. Bei dem Problem Monotheismus und Gewalt gehe es »ebenso um das Erleiden wie um das Ausüben von Gewalt ... Ebenso steht es mit dem Haß.« Assmann bezieht seine Monotheismus-Kritik nicht auf den Monotheismus als Idee, sondern darauf, daß dieses religiöse Konzept in direkter Verbindung mit Gewalt durchgesetzt worden ist. Er geht zwar nicht davon aus, daß die großen Massaker tatsächlich in der im jüdischen Teil der Bibel erzählten Form stattgefunden haben. Aber zu Recht findet Assmann »keinerlei historischen oder theologischen Erkenntnisgewinn darin, diese den biblischen Texten eingeschriebene Semantik der Gewalt leugnen zu wollen. Monotheismus ist Theoklasmus. So sieht er sich selbst, so stellt er sich in den biblischen Texten dar, und so hat er sich historisch ausgewirkt.« Assmanns Folgerung stimme ich zu: »Wir sollten uns lieber darüber Gedanken machen, wie wir mit dieser Semantik der Gewalt umgehen, als sie einfach abzustreiten und den Monotheismus als die Religion einer universalen Bruderliebe zu verklären.«" Da es sich bei den angesprochenen Überlieferungen um Teile der jüdischen Bibel handelt, sollten die Kirchen darüber das Gespräch mit den Juden suchen. Weil das »Alte Testament« aber auch Teü der christlichen Bibel ist, wäre es denkbar, solche Identifikationen Gottes mit physischer und psychischer Gewaltanwendung gegen andere Völker und Andersgläubige aus einer revidierten Fassung innerhalb der christlichen Bibel im oben angesprochenen Sinn »einzuklammern«. Würden die Christen mit der angeregten »Einklammerung« jedenfalls im eigenen Bereich beginnen könnten sie Juden und auch Muslimen ein Beispiel geben, eine – natürlich ebenfalls - schmerzhafte Relecture ihrer heiligen Schriften zugunsten der Einsicht zu erwägen, daß alle heiligen Schriften zur universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes gehören.


Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 179-181

Die Leidensgeschichte der Menschheit verlangt Entwürfe für den einen »Himmel« und die eine Erde und nicht die Reproduktion alter Partialweiten

Ich teile die Ansicht nicht mehr, daß es die Aufgabe der neutestamentlichen Exegese sei, »die kanonisch gewordenen Schriften als diejenigen auszulegen, die für das Christentum in aller historischen Relativität Orientierung und bleibender Maßstab sind.« Richtig ist, den Kanon als eine entscheidende »Etappe innerhalb des historischen Prozesses der Herausbildung des Christentums« anzusehen. Aber richtig ist eben auch, die Herausbildung des Christentums als nur eine Gedächtnisspur in der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes zu begreifen. Daß die neutestamentlichen Schriften die Aufgabe hätten, für das Christentum aller Zeiten »Orientierung und bleibender Maßstab« zu sein, kann schon angesichts ihrer pluralistischen Verfassung nicht einleuchten. Das Neue Testament ist als reflektierte Wahrnehmung der Begegnung von Gott und Mensch zu verstehen, wie sie in der Jesus-Christus-Geschichte erzählt worden ist. Was wir von dieser Wahrnehmung und Reflexion heute noch lesen können, gibt uns einen Einblick in eine ungefähr Jahre dauernde mündliche und schriftliche Kommunikation des Evangeliums. Darin ist das Neue Testament eine unersetzbare Urkunde und Heilige Schrift. Wenn aber diese Dokumente als Maßstab für das Christentum generell angesehen werden sollen, heißt das, die Art, in der das Evangelium damals kommuniziert und reflektiert worden ist, selbst zum Evangelium zu machen. Sie wird dadurch nicht nur mit der Jesus-Christus-Geschichte selbst gleichgesetzt, sondern auch aus ihrem konkreten Ort in der Geschichte herausgenommen. Beides aber kann nicht länger die Aufgabe von Theologie sein. Die sehe ich eher darin, das Evangelium von seinen Kommunikationsformen zu unterscheiden und einen Entwurf zu riskieren, der ernst damit macht, daß Jesus Christus die Gottesvorstellungen der Vergangenheit als neuer Gott abgelöst hat. Als modellhaft dafür können wir die Zug um Zug vor sich gehende Ablösung des Evangeliums der unbedingten Liebe Gottes von nationalreligiösen und anderen ethnozentrischen Verengungen ansehen, die sich im christlichen Teil der Bibel erkennen läßt. Zu dieser Ablösung gehört vor allem die Absage an tödliche Gewalt als Mittel eines »Heilshandelns« Gottes. Die Evangelien zeigen, wie schwer es den Anhängern Jesu gefallen ist, die nationalreligiösen jüdischen Messias-Hoffnungen, die sie auf Jesus übertragen hatten, zu ändern - also umzuschreiben, penn sehr viele Juden hatten wohl, wie Judas, darauf gehofft, mit Jesus die römische Besatzungsmacht vertreiben zu können. Doch sie mußten bald erkennen, daß er nicht dieser nationale Befreier sein wollte. Sie mußten mit ansehen, wie er sich ohne jeden Widerstand gefangen nehmen und verhöhnen ließ, und waren von seinem gewaltlosen Auftreten bitter enttäuscht5". Ja, auch für Jesus selbst hat Gott im Schweigen zu seiner Hinrichtung am Kreuz ein anderes Gesicht als erwartet gezeigt (Mt 27,46): er hat sich von ihm verlassen gefühlt. Um so weniger konnten seine Jüngerinnen und Jünger Gott mit diesem Tod in Verbindung bringen; deshalb sind sie Karfreitag geflohen (Mt 26,56) oder haben Jesus verleugnet wie Petrus (Mt 26,69-75). Erst der Auferstandene hat die Verstörten und Versprengten wieder gesammelt, hinter den aus Angst verschlossenen Türen hervorgeholt (Joh 20,19-23). Von ihm lernen sie, die Gedächtnisspuren der Enttäuschung umzuschreiben, Gottes neues Gesicht wahrzunehmen: Er hat die Gewalt gegen Jesus nicht wieder mit Gewalt verhindert, weil er ihr selbst abgeschworen hat. Seine wirkliche Macht hat er nicht in der Gegengewalt, sondern in der Auferstehung Jesu gezeigt. Das ist in der Tat ein neuer Gott.
Ein theologischer Entwurf, der die Christologie in diesem Sinn konsequent weiterführt, sprengt die Grenzen des Kanons von innen, obwohl die Richtung in der Christologie des Johannesevangeliums bereits angelegt ist. Dieser Entwurf muß die Begegnung von Gott und Menschen, wie sie in der Jesus-Christus-Geschichte erzählt worden ist, aber auch im Horizont der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes erinnern, wie sie nur zusammen mit anderen Religionen zu finden ist. Dabei sollen die anderen Überlieferungen nicht christlich vereinnahmt werden, also nicht christologisierend ausgelegt werden wie bisher. Vielmehr geht es darum, die Geschichte ernst zu nehmen, durch deren Verlauf wir (überwiegend) christlich und andere anders Gläubige geworden sind. Wenn wir nun aber unsere eigenen mit fremden Überlieferungen zusammen auf uns beziehen wollen, müssen wir sie mit unserer Biographie in Verbindung bringen, mit unseren bisherigen Glaubenserfahrungen zusammen erinnern. Und die haben nun einmal mit der Jesus-Christus-Geschichte zu tun. Von ihr können wir nicht absehen, ohne unsererseits so zu tun, als könnten wir die Geschichte überspringen. Lassen wir es in dem neu in Gang gesetzten Erinnerungsprozeß dazu kommen, daß sich unsere Gedächtnisspur mit zumindest einer anderen verbindet, können wir davon ausgehen, daß sich beide gegenseitig auszulegen beginnen und durch beide hindurch ein »Gesicht« Gottes

wahrnehmbar wird, das uns bisher verborgen geblieben ist.


Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 181-185

Was Bibel und christlicher Glaube mit Wahrheit zu tun haben. Thesen

Aufweiche Weise haben dann aber Bibel und christlicher Glaube mit Wahrheit zu tun? Ich formuliere dazu eine Thesenreihe.
• Der jüdisch-christliche Doppelkanon ist die uns vertraute Gedächtnisspur in der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes, aber nicht die einzige. Primär ist in dieser ganzen Geschichte, daß Menschen bezeugen, Gott begegnet zu sein. Entsprechend bezieht sich die grundlegende Bindung des Glaubens auf Gott selbst »und nicht auf das Christentum oder irgendein anderes Glaubenssystem. Die religiösen Erfahrungen der Menschen bezeugen, daß die Begegnungen mit Gott über die Schaffung und Schließung aller Kanons hinausgehen. Die Begegnungen mit dem einen Gott liegen vor aller schriftlichen Bezeugung. Ihr Kriterium ist Authentizität, nicht Wahrheit. Sie stellen einen prinzipiellen Vorbehalt gegen alle Formen der Selbstabschließung von Textkanons und Religionsgemeinschaften gegeneinander dar.
• In den jüdisch-christlichen Gedächtnisspuren und in ihrer systematischen Erinnerung sind während der ganzen Kirchengeschichte kulturelle Einflüsse wirksam gewesen, die die Wahmehmungs- und literarische Erinnerungsgestalt beeinflußt haben. Die Verästelungen der Theologien und Kirchentümer, die im biblischen Pluralismus angelegt sind, sind ebenfalls nicht ohne die kulturellen Anteile zu denken, die das selbstbezogene Erinnern geleitet haben. Sie können sich als bewußte Kriterien, aber auch als eher im Unbewußten wirksame implizite Axiome, zeigen.
• Es gibt keine Theologie, die in dem Sinn "reine Theologie« wäre, daß sie vom jeweiligen Zuschnitt des kulturellen Gedächtnisses unabhängig von Gott reden könnte. Denn die Wahrheit dieses Redens von Gott wird nicht durch gedankliche Schärfe und Systematik allein, sondern zuerst durch die Wahrnehmungen von Menschen wahr, die Gott in ihren konkreten Lebensbezügen und ihrer kulturellen Heimat begegnet sind.
• Der interreligiöse Doppelkanon Bibel verbindet die ursprünglich ägyptische, dann auch jüdische Gedächtnisspur des Monotheismus mit einem Kapitel der Wahrnehmungsgeschichte Gottes, das durch die Gestalt des irdischen und auferstandenen Jesus Christus bestimmt wird. Zu dem mit ihm unlösbar verbundenen Evangelium gehören sieben Grundaussagen: l. Das Verhältnis Jesu zu Gott gründet in der Geisteskindschaft Jesu. In diese Kindschaft zu Gott werden auch die Christen durch den Geist Gottes (in der Taufe) hineingeführt. Das Verhältnis Jesu Christi zu uns gründet in Gottes Liebe, die in Jesu Menschsein, in seiner Hinwendung zu den Menschen, in seinem Standhalten gegenüber der Bedrohung mit dem Tod und in der Auferstehung Gestalt annimmt. Das mit der Hinrichtung Jesu verbundene Sühnopfer- und Erlösungsdenken Ist davon" als ein unspezifisches Deutungsmuster abzuheben. Das Evangelium von Jesus Christus überwindet die im jüdischen Monotheismus angelegte kategoriale Unterscheidung zwischen Juden und Heiden. Durch Gottes Liebe steht allen Menschen der Zugang zu ihm offen! Das Evangelium von Jesus Christus ist, wie die Verbindung von Semitischem und Hellenistischem im 1. Jahrhundert zeigt, kulturüberschreitend angelegt. Es vermag deshalb auch heute neue Glaubenserfahrungen zu integrieren und feiert diese Grenzüberschreitungen programmatisch am Pfingstfest (Apg2). Das Evangelium von Jesus Christus befreit die Gottesbeziehung von völkischer und nationaler Bindung, weil sie allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und ihren bisherigen religiösen Bindungen in der Geisteskindschaft eine direkte Gottesbeziehung anbietet; Das Evangelium von Jesus Christus bezeugt das Christentum als therapeutische Religion. Es verbindet Heil und Heilung untrennbar. Das Evangelium Jesu Christi wird auch in einer Bildersprache angemessen kommuniziert, wie sie sich vor allem im ägyptisch-hellenistischen Bereich bewährt hat.
• Wahrheit hat einen festen Zusammenhang mit Wahrnehmungen und selbstbezogener Erinnerungsarbeit: sie wird in denen wahr, die sie erreicht. Wahrheit »gibt es« nicht ohne den Beziehungsaspekt. Das gilt, obwohl Wahres in der reflektierenden Erinnerungsarbeit und der dabei entstehenden Sprachgestalt sehr abstrakt erscheinen kann. Wahrheit läßt sich zurückführen auf Wahrnehmungen, kann also nur sagen, was der Geist Gottes zuvor schon wahr gemacht hat, indem er wahrzunehmende Zusammenhänge hergestellt hat. Verabsolutierend und beziehungslos von »der Wahrheit« zu reden, entspricht nicht dem Eigentlichen des Wirklichen, dem Geist.
• Die Glaubenswahrheit, daß Jesus Christus eine neue, integrationsfähige Wahrnehmungsgestalt Gottes ist, wird in der Christentumsgeschichte bis heute von den meisten Christen nur in der persönlichen Glaubensbeziehung zu Jesus (Christus) verifiziert. Die dogmatischen Festlegungen dieser Wahrheit und insbesondere Aussagen über das interne Verhältnis Jesu Christi zu Gott (Vater) und zum Heiligen Geist fallen je nach der kulturellen und religiösen Herkunft sehr unterschiedlich aus. Bedauerlicherweise hat die Kirche immer wieder versucht, in ihrem Geltungsbereich den auf Änderungen drängenden Druck außer Kraft zu setzen, der von der sich wandelnden Gestalt des kulturellen Gedächtnisses ausgeht. Die Zersplitterung der Kirchentümer, die sich über Jahrhunderte hin dann doch vollzogen hat, zeigt, daß diese Strategie nur sehr bruchstückhaft aufgegangen ist. Denn die unsichtbare Religion des kulturellen Gedächtnisses läßt sich nicht von Dogmen außer Kraft setzen. Die ungeheure Wut, mit der die Kirche ihre Ketzer verfolgt hat, spiegelt diese Wahrheit auf ihre Weise.
• Dadurch, daß sich das Christentum in sehr unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen entwickelt hat, hat sich eine spirituelle Vielfalt herausbilden und auf die konfessionelle Vielfalt bis heute einwirken können. Sie wäre verloren gegangen, wenn es - ganz hypothetisch gedacht - zu einer uniformen Weltkirche und zu einer von ihr monokulturell dominierten Weltgesellschaft gekommen wäre. Die Dankbarkeit für diese Vielfalt schließt allerdings zweierlei ein: Die volle gegenseitige Gleichstellung der Kirchen untereinander aus der Erkenntnis heraus, daß Glaubenswahrheit perspektivisch geprägte Wahrheit ist; und die ungehinderte Möglichkeit, die Kirchenzugehörigkeit zu wechseln, wenn die Spiritualität einer anderen Konfession einem Menschen eher zusagt ah seine bisherige.
• Glaubenswahrheiten werden allein dadurch, daß ein Mensch in eine Religionsgemeinschaft hinein geboren und erzogen wird, nicht wahr oder gültig. Aber ohne die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft {»sichtbaren Religion«) können Menschen keinen Zugang zu den spirituellen Schätzen und rituellen Praxen finden, die in den unterschiedlichen Gedächtnisspuren der Wahrnehmungsgeschichte Gottes auf der Erde aufbewahrt werden. Obwohl Religionen denen, die sich auf sie einlassen, durch ihre Riten und Schriften einen Zugang zur Wahrheit eröffnen können, darf nicht übersehen werden, daß andere Religionen andere Zugänge vermitteln. Für alle Zeit fertige Wahrheiten bietet keine Religion.. Das hat sehr früh der Vorsokratiker Xenophanes von Kolophon (570 bis 475 v.Chr.) formuliert: »Die Götter haben den Sterblichen durchaus nicht von Anfan an alles enthüllt, sondern erst nach und nach finden diese suchend das Bessere.« Ähnlich klingt, was Jesus seinen Jüngern Im Johannesevangelium sagt: »Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch m die ganze Wahrheit leiten.« (16,12f.)
• Solange die unterschiedlichen Kulturen mit geographisch relativ geschlossenen Regionen auf der Erde verbunden gewesen sind, war es wegen der kulturellen Kohärenz auch wenig sinnvoll, diesen Rahmen verlassen zu wollen. Dadurch wäre die Fähigkeit zur religiösen Kommunikation erheblich eingeschränkt oder unmöglich gemacht worden (von anderen Sanktionen ganz zu schweigen). Doch die kulturelle Kommunikation auf der Erde geht - wenn auch oft im Schlepptau von Wirtschaft und Politik und dadurch zur Uneigentlichkeit verzerrt - voran und entwickelt sogar gewisse, die Völkergemeinschaft verbindende Standards. Zu ihnen zählen die Menschenrechte einschließlich der Rechte von Frauen und Kindern und Minderheiten - wenn auch leider oft nur auf dem Papier - und eine gemeinsame Verantwortung für das Weltkulturerbe, und anderes. Damit verbunden wird sich auch so etwas wie eine wachsende »Schnittmenge« aus bislang inkohärenten Teilstrukturen des kulturellen Gedächtnisses bilden und als unsichtbare Religion die Sozialstrukturen aufeinander zubewegen. Die »Erklärung zum Weltethos«, von Hans Küng und Karl-Josef Kuschet initiiert, zielt in diese Richtung. Doch wird auch dieser Prozeß niemals dahin führen, daß eine kulturuniforme Weltgesellschaft zustande käme. Aber so viel muß möglich werden: daß nicht nur der Konfessions-, sondern auch der Religion s Wechsel mit Respekt begleitet werden wird. Wobei jeder für sich selbst wissen muß, ob und wie er die Balance zwischen kultureller und konfessorischer Kohärenz zustande bekommt und hält.
• Das Evangelium von Jesus Christus lädt dazu ein, Gott und Welt zu unterscheiden, aber zugleich zusammenzudenken. Gerade deshalb sind die Texte und ihre Auslegung kein Selbstzweck. Denn Texte sind literarische, jeweils spezifisch zeit- und kulturbezogene Erinnerungsgestalten unmittelbarer Erfahrung. Und die will heute wie damals im Gespräch von Zeitgenossen besprochen und gemeinsam gefunden werden. Die Wahrheit der christlichen Überlieferungen wird sich für die Menschen daran erweisen, ob sie ihnen helfen, ihr »autobiographisches Gedächtnis« neu zu strukturieren. Deswegen liegt es nahe, daß wir in Zukunft mit in dieses Gespräch aufnehmen, was Menschen heute von Gott wahrnehmen - einschließlich solcher Wahrnehmungen, die Theologen als »Kraut und Rüben« erscheinen, weil sie keiner traditionellen Systematik folgen oder gar nur Fragen sind. Aber was wie »Kraut und Rüben«, also wie ein wahlloses Durcheinander, aussieht, hat trotzdem eine innere Syntax; und die müssen wir erst einmal verstehen, ehe wir das Ganze beurteilen können.

• Jede »Antwort bleibt nur als Antwort in Kraft, solange sie im Fragen verwurzelt ist«. In der Bibel sind in großer Variation Antworten auf Fragen gegeben worden, die sich damals gestellt haben. Die Briefliteratur des Neuen Testamentes ist dafür genauso beredt wie die Evangelien, die auf die Frage geantwortet haben, wer denn Jesus für den Glauben sei. Das große Problem des Kanons ist, daß er viele der uns heute umtreibenden Fragen gar nicht oder nur höchst mittelbar zu beantworten vermag, weil es sie damals noch gar nicht gab. Zu sagen, die Bibel habe alle Fragen der Menschheit beantwortet, ist ungeschichtlich und lieblos gegenüber den heute lebenden Menschen.
• In beiden Teilen der Bibel enthaltene Verwerfungen von Völkern und Religionen oder Andersgläubigen sind eine überaus belastende Hypothek für Juden und Christen innerhalb der Kultur- und Religionsgeschichte geworden - nicht zuletzt in ihrem Verhältnis zueinander, Daß solche Verwerfungen auch bei anderen Religionen zu finden sind, erhöht ihren Anspruch auf Glaubwürdigkeit in keiner Weise, sondern mindert ihn eher noch weiter, weil Jesus Christus Gott als den unbedingt Liebenden offenbar gemacht hat. Die vielen Verfluchungen und Verwerfungen belegen ja doch zuerst, daß die Religionen über lange Zeit hin nicht in der Lage gewesen sind, ihre Verantwortung für den Frieden zu erkennen und wahrzunehmen. Mit der Sprache der Gewalt verbundene Verwerfungen kann ich jedenfalls nicht als Teil der Wahrheit Gottes ansehen, denn sie drücken nicht die Liehe Gottes aus, sondern widersprechen ihr.
•, Obwohl eine Reihe von Partien der Bibel heute zumindest von liturgischer und pädagogischer Praxis »ausgeklammert« werden müssen, ist die Bibel weiterhin Heilige Schrift. Sie steht in dieser Würde und Funktion neben den heiligen Schriften bzw. Kanons anderer Religionen.. Allerdings wird die Bibel, genau^ genommen, erst dadurch geheiligt, zur heiligen Schrift, daß sie Menschen zum Glauben hilft, ihnen die vertrauensvolle Gottesbeziehung vermittelt. Wenn ein Buch sich als heilig und kostbar erweist, schließt es sich aber nicht in sich selbst ab. Es will von seinen Leserinnen und Lesern in ihrer jeweiligen Gegenwarten zu Ende erzählt« und das heißt auch; weitergeschrieben werden können.
• Niemand ist daran gehindert, auch andere religiöse Überlieferungen als biblische heilig zu nennen, sofern sie ihn dem Heiligen nähergebracht haben. Er kann Gott preisen dafür, daß es sie gibt, und sie mit aller Ehrfurcht und Dankbarkeit anderen gegenüber mit eigenen Worten zu Ende erzählen. Denn »heilig« ist ein Gottesprädikat und weist auch in der Verbindung mit einer Schrift nicht auf diese selbst, sondern auf Gott.

Auzug aus: Notwendige Abschiede, von Klaus-Peter Jörns - Seite 186-187

Der Abschied Jesu und die Zukunft der Wahrheit

Dogmen werden von Offenbarungsreligionen, mit dem Anspruch tradiert, absolute, in sich geschlossene und daher unbezweifelbare Wahrheit zu sein. Sie verbreiten den Anspruch, die ganze Wahrheit oder zumindest die für Menschen erreichbare Wahrheit ganz zu kennen. Die Einsicht, daß Dogmen zeitbedingte Antworten auf zeitbedingte Fragen gegeben haben und daher notwendig vorläufige Aussagen sind, paßt in dieses Konzept nicht. Denn es akzeptiert ja die geschichtlichen Bedingungen unserer Wahrnehmungen nicht. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einen Aspekt der Rede Jesu Christi näher zu beachten, die im Johannesevangelium die »Abschiedsreden Jesu« einleitet (16,3-15). Denn den Jüngern, die von der Aussicht auf das Alleingelassenwerden deprimiert sind, sagt er, er werde jetzt zu dem gehen, der ihn gesandt habe. Er wisse, daß sie traurig sind, aber er sage ihnen »die Wahrheit«. Und die Wahrheit laute: Dieser Abschied ist notwendig, »ist gut für euch ... Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand (Paraklet) nicht zu euch kommen; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. ... Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten ... auch das Zukünftige wird er euch verkündigen.« Anders gesagt: Ihn, Jesus Christus, nicht gehen lassen zu wollen, bedeutete, an der Nabelschnur des Lehrer-Jünger-Verhältnisses bleiben zu wollen. Das aber hätte beide in eine tödliche Verklammerung mit der gemeinsam erlebten Vergangenheit geführt und alle kommenden Menschen von ihnen kategorial abgeschnitten. Indem Jesus Christus »geht«, vertreibt er sie aus dem Quasi-Paradies der idealen Ursprungsszene heraus und hinein ins wirkliche Leben in der nun beginnenden Zeit der Kirche. Die Parallele zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies ist eklatant.
Der bei Johannes redende Jesus Christus zerstört die irrige Annahme, die Ursprungsszene hätte uns einen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit eröffnet, wären wir »dabei« gewesen. Denn auch in der Unmittelbarkeit der um Jesus versammelten Jüngerschar war die Wahrheit nicht unmittelbar greifbar. Die »ganze Wahrheit« stand für die Jünger Jesu während ihres kurzen gemeinsamen Weges75 aus, weil der Tod und die Auferstehung Jesu noch ausstanden und vor allem die Situation noch nicht da war, auf die Jesus nur vorausdeuten konnte: die Zeit ohne seine leibhaftige Gegenwart. Und als sie ohne den irdischen Jesus waren, standen für jeden von ihnen der eigene Tod und die erhoffte eigene Auferstehung aus, also auch wieder das »Zukünftige«. Aber der »Geist der Wahrheit«, der »Tröster«, so verheißt ihnen Jesus, werde sie inmitten der notwendigen Abschiede leiten. Denn der verheißene Geist »bringt neue, lebendige Offenbarung - auch über das hinaus, was Jesus in der Vergangenheit gesagt hat.« Er wird die Christen »die ganze Wahrheit lehren«. Und dazu gehört: Er wird auch »das Zukünftige verkündigen« (Joh 16,13) - eine Aufgabe, die fortwährend nötig ist, weil die Wahrheit mit dem sich wandelnden Leben ihre Gestalt verändert.
Lebenswahrheit, das heißt: Wahrheit, die für das ganze Leben und seine Veränderungen bis in das Sterben hinein reicht, durch alle Abschiede, Anomien und Neuanfänge hindurch, läßt sich in keinem Heute vorwegnehmen. Sie muß in allen Stationen von Leben erst gefunden und gelebt werden. Sie wird prozeßhaft wahr. Und damit wird das offene Feld Leben angesprochen, das vom Geist bewegt wird. Der »Geist der Wahrheit« soll Menschen in der Nachfolge Jesu Christi befähigen - so können wir der Rede entnehmen -, in der neuen Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes im Geist selbständig zu leben und dadurch den Auftrag des Auferstandenen zu erfüllen: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.« (Joh 20,21) Die ganze Wahrheit ist in diesem Leben nicht zu haben, denn sie schließt die Auferstehung ein. Die ganze Wahrheit wartet also auf der Rückseite des letzten Abschiedes im irdischen Leben. Sie gehört zu dem, was Menschen wahrnehmen sollen - wenn »das Vollkommene kommen« wird (l. Kor 13,10). Wahr-Nehmen und Wahr-Werden gehören im tiefsten zusammen. »Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts (mehr) fragen« (Joh 16,23). Bis dahin aber bleibt es beim Fragen nach der ganzen Wahrheit, bleibt auch die Wahrheit von Glaubensaussagen immer eine bedingte Wahrheit. Und das bedeutet, daß Glauben s aus sage n einerseits historischer und theologischer Kritik und andererseits der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit ausgesetzt bleiben. Daran ändert auch eine kirchliche Dogmatisierung nichts.

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