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Einer oder drei XIII

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1998/imp980504.html
Karl-Heinz Ohlig
Einer oder drei? (XIII und Schluß)

Vom "Vater Jesu" zur Trinität
In den bisherigen Folgen wurden die Wurzeln der Trinitätslehre im Frühjudentum erörtert, die Aussagen des Neuen Testaments vorgestellt, die Entstehung, Entwicklung und spachliche Fixierung der Trinitätslehre vom 2. bis zum 4. Jahrhundert analysiert. Die lateinische Theologie hatte an der Ausbildung der Trinitätslehre keinen Anteill, sie war mehr an dem einen Gott interessiert, übernahm aber die östlichen Einigungsformeln. Diese reflektierte vor allem Augustinus, dem es darum ging, die Einheit Gottes deutlich herauszustellen, dennoch aber irgendeine Form von Dreiheit aufrechtzuerhalten; zu ihrer Umschreibung verwendete er den Relationsbegriff. Gegen seine eigenen Intentionen griff Augustinus aber auf eine neuplatonische Umschreibung des Geistes als "Band" zurück und lehrte ihn als "Band der Liebe", worauf wohl die westliche Vorstellung von einem Hervorgang des Geistes aus dem Vater und dem Sohn (filioque) zurückgeht und die Trinität wie eine Gemeinschaft von drei Subjekten erscheinen kann. Diese Linien wurden im Mittelalter noch weiter ausgezogen, so daß die Trinität bei einigen Theologen als eine ewige Liebesgemeinschaft dargestellt wird.
9. Vom Monotheismus zur innergöttlichen Liebesgemeinschaft
9.1 Die kontextuelle Bedingtheit des trinitarischen Dogmas
Jesus selbst stand in der Tradition des jüdischen Monotheismus, näherhin des palästinischen Frühjudentums. Sein Denken und Handeln richtete er auf diesen einen Gott aus, von dem er sich gesandt und dem er sich nahe fühlte, so daß er ihn - wiederum frühjüdischer Praxis folgend - Vater nannte.
Es ist erklärungsbedürftig, wie und warum dieser grundlegende Monotheismus seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert bini- und trinitarisch "angereichert" wurde. Dies wäre relativ einfach, wenn die normativen Urkunden des Christentums, vor allem das bald so genannte Neue Testament, eine solche Lehrentfaltung nahegelegt hätten. Dem ist aber nicht so. Das Neue Testament kennt allenfalls an einigen wenigen Stellen den Einbruch hellenistisch-christologischen Denkens, in dem Jesus als göttlich oder sogar als inkarnierter Logos erscheint; diese Passagen sind somit potentielle Ansatzpunkte für eine Binitätslehre. Vom Geist wird ähnliches nicht ausgeführt. In den weitaus überwiegenden Teilen des Neuen Testaments aber ist Jesus der Beauftragte Gottes, eschatologischer Mensch, der nach seinem Tod zu Gott erhöht wurde. Die sporadischen triadischen Formeln sind keineswegs im Sinne einer "impliziten" Trinitätskonzeption aufzufassen.
Diese Sachverhalte werden in der späteren Trinitätstheologie bis heute weithin einfach übersehen oder, wenn das darin gegebene Problem einmal thematisiert wird, durch interpretative Klimmzüge umgedeutet. Dabei war diese Schwierigkeit seit längerem bekannt. Schon im vierten Jahrhundert schrieb Gregor von Nazianz: "Das Alte Testament hat den Vater deutlich verkündet, den Sohn (dagegen) auf eine schwer zu erkennende Weise. Das Neue hat den Sohn offenbart und die Gottheit des Heiligen Geistes nur versteckt angedeutet. Jetzt wohnt der Geist unter uns und offenbart sich deutlicher. Als die Gottheit des Vaters noch nicht anerkannt war, wäre es nicht klug gewesen, offen die des Sohns zu verkünden. Und als die Gottheit des Sohns noch nicht angenommen war, konnte man nicht - ich spreche allzu kühn - (den Menschen) noch den Heiligen Geist dazu aufbürden."[1]
Immerhin ist Gregor, dem Kenner der Bibel, der Sachverhalt bewußt; es verwundert jedoch nicht, daß er, der Trinitätstheologe, die trinitarischen Defizite der Bibel im Licht der späteren Theologie "bewältigt". Erstaunlicher ist dies schon in der gegenwärtigen Theologie, die durch das Purgatorium der Aufklärung und des historisch-kritischen Denkens gegangen sein sollte, die exegetische Literatur und auch die Untersuchungen zur Geschichte der Entwicklung der Trinitätslehre hervorbringt und kennt. Auch hier begegnet der Versuch, das Neue Testament und die Überlieferung von dem späteren Formelgut her zu interpretieren und damit ihre ansonsten behauptete kritische Funktion nicht ernstzunehmen.
Läßt man sich aber auf die historischen Tatsachen ein, dann ist man gezwungen festzustellen: Trinitätsvorstellungen bildeten sich im Christentum erst seit dem 2. Jahrhundert aus, die "eigentliche" immanente Trinitätslehre erst im 3. Jahrhundert. Hierbei waren kulturelle Mentalitäten wirksam, die diese Entwicklung - dies zeigt auch ein Blick auf vergleichbare frühjüdische Tendenzen - hervorbringen mußten. Darüber hinaus gab es auch mehr "zufällige" Faktoren, die einzelne Aspekte der Trinitätsgeschichte prägten.
9.1.1 Kulturgeschichtliche Zwangsläufigkeiten
Die Trinitätsvorstellung ist eine "Weiterentwicklung" des in der jüdischen Religion entstandenen und vom Christentum beerbten Monotheismus. Dieser hat sich in einem langen religionsgeschichtlichen Prozeß herausgebildet. Nach der Übernahme Jahwes aus außerisraelitischen Herkünften wandelte sich dieser Gott vom Berg- und Vulkangott, Stammes- und Wegegott zum nationalen Gott Israels und schließlich zur universal und einzig geltenden Größe. Zwar blieb Jahwe dabei ein Gott der Geschichte: er stand an ihrem Anfang, übte über sie die Königsherrschaft aus und bewirkte ihre Zukunft - zunächst die der Sippen, dann die des Volkes, schließlich - mit dem Aufkommen eschatologischen Denkens - aller Völker in einem neuen Äon und - nach der Ausbildung der Auferstehungshoffnung im Frühjudentum - auch die der einzelnen Frommen und bald aller Menschen.
Die hebräische Sprache kannte für Jahwe nicht den Gattungsbegriff "Gott"; weil Jahwe ganz als der geschichtlich handelnde "Gegenüber", als personenanalog, empfunden wurde, bestand offensichtlich kein Bedarf, einen solchen Begriff auszubilden. Später allerdings gab es ein Äquivalent, Elohim, das Jahwe als Inbegriff aller (kanaanäischen) Els charakterisierte, dann aber - so in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments - mit theós, "Gott", übertragen wurde.
Diese griechische Übersetzung bezeichnete Jahwe also als zur Gattung Gott gehörig, und wenn er auch als der einzige dieser Gattung aufgefaßt wurde, war jetzt zum einen die Möglichkeit gegeben, sich wenigstens theoretisch auch noch andere dieser Gattung vorzustellen, zum anderen war eine Unterscheidung zwischen einem "Wesen" Gottes und dessen Realisierung in einer oder in mehreren "Konkretionen" (Hypostasen) möglich geworden - eine der Grundlagen der späteren trinitarischen Entwicklung.
Mit dem Begriff Gott verband der Hellenismus eine Reihe von Assoziationen, die dann auch von den hellenisierten Juden internalisiert wurden: Gott ist der letzte und eine Grund des Kosmos und so auch des Menschen, also immanentes Prinzip, er (oder besser: es) ist all-mächtig, all-wissend, ewig, zum Handeln unfähig: er ist einer (eines), unveränderlich und somit zum unmittelbaren Kontakt mit der Pluralität und Veränderlichkeit nicht imstande.
Wie dargestellt, brachte die Hellenisierung der Juden in der Diaspora einen Synkretismus aus Monotheismus und griechischem Gottesbegriff. In ihrer neuen kulturellen Prägung "brauchten" diese Menschen beide Vorstellungsreihen, um für ihre Art, Welt und Geschichte zu problematisieren und die Sinnfrage zu stellen, eine "Lösung" zu finden.
Jahwe wurde das höchste, einfache und unveränderliche Sein, das selbst nicht mehr unmittelbar die Vermittlung zur Welt - in der Schöpfung - und zur Geschichte - im heilsökonomischen Handeln - wahrnehmen konnte. Zugleich blieb er die Wirklichkeit, die der Welt - als der ganz andere in der Diastase von Schöpfer und Kreatur - gegenüberstand und auch deswegen nicht selbst Prinzip der kreatürlichen Realität werden konnte, dennoch aber Schöpfung und Heil in Gang setzt.
So lag es nahe oder war sogar zwingend, unter und neben ihm andere Hypostasen göttlicher Art anzunehmen, die das ökonomische Vermittlungsgeschäft, also Demiurgie und heilsgeschichtliches Handeln, wahrnehmen konnten. Diese mußten Gott ganz nahe stehen oder selbst göttlich sein, damit Gott selbst der blieb, der hinter allem steht, sie konnten aber nicht im gleichen (absoluten) Sinne göttlich sein, weil sie eine Affinität zur Pluralität und zur Veränderung haben mußten.
Im Frühjudentum übernahmen diese Funktion: zunehmend die Weisheit, zwei Engel als "Hände Gottes" oder der aus der hellenistischen Philosophie und näherhin wohl der Stoa übernommene Logos, das die Welt zuinnerst konstituierende Prinzip. Wie diese Hypostasen auch hießen und welchen religiösen Traditionen sie auch entnommen waren, "benötigt" wurden sie zur Erklärung der Ökonomie; der Sache nach stellen sie Hypostasierungen der ökononischen Funktionen Gottes dar. In den triadischen Auffassungen wurde jede der Funktionen, Demiurgie und Wirken in der Geschichte, je für sich hypostasiert, in den binitarischen Konzepten gab es nur eine Hypostasierrung des ökonomischen Handelns generell, so daß Weisheit oder Logos dann für beide Aspekte zuständig waren. In beiden Varianten beginnt jedenfalls ihr Dasein erst "im Anfang". Damals wurden sie von Gott geschaffen oder traten aus ihm hervor, womit zugleich die Möglichkeit gegeben war - zumindest für die Weisheit und den Logos -, sie vorher in Gott selbst hineinzunehmen als lediglich andere Bezeichnungen Gottes (und dort, wo dies reflek-tiert wurde - wie bei Tertullian -, sie auch nach Abschluß der Ökonomie wieder in Gott hineinzuintegrieren).
Dieses Gottesdenken fand im Judentum wegen der "Repalästinisierung" seit dem späteren ersten Jahrhundert keine Fortsetzung, wurde dann aber von den Diasporajudenchristen und erst recht von den "Heidenchristen" wieder aufgegriffen und sogar von letzteren, denen der jüdische und jesuanische Monotheismus ihrer eigenen Tradition nach fremd war, noch vehementer vertreten. Eine zusätzliche Motivation in diese Richtung ergab sich mit der Ausbildung einer hellenistischen Christologie, derzufolge Jesus als Christus zwischen der Welt des Unendlichen und des Endlichen, zwischen Gott und Mensch, vermitteln sollte und deswegen beiden Bereichen angehören mußte. Jesus konnte in diesem Verstehen nur dann als der Heilsmittler angeeignet werden, wenn er göttlich oder sogar der inkarnierte Gott war.

Hierfür gab es zaghafte Anklänge an nur wenigen Stellen des Neuen Testaments, das trotz seiner Abfassung durch Diasporajudenchristen über weiteste Teile keine Präexistenzchristologie kennt. Die Anstöße durch diese Passagen waren keineswegs so prägend, daß sie z.B. in der Literatur der "Apostolischen Väter" oder im syrischen Christentum beherrschend wurden. Durch die hellenistischen Apologeten aber wurden sie aufgegriffen, ausgefeilt und mit der seit Philo vorliegenden Auffassung von Gott und seinem Logos verknüpft; eine Binitätsauffassung war entstanden, die zum Zwecke der Erklärung von Welt-schöpfung und Heilshandeln Gottes, vor allem in Jesus Christus, unter diesen kulturellen Kontexten unvermeidlich war. Gelegentlich wurde - hier gaben (mißverstandene) triadische Formeln des Neuen Testaments den Anstoß - am Rande auch der Geist erwähnt.
Daß sich die Bini- bzw. Trinitätslehre - außer zunächst in der syrischen und in der lateinischen Kirche - schließlich etablieren konnte, hat seinen Grund in der hellenistischen Mentalität der Kaiserzeit, die sich paradigmatisch in der Gnosis artikulierte, aber auch die christlich-hellenisti-schen Gemeinden erfaßt hatte, in denen die Gnosis weithin Fuß fassen konnte.
Für dieses Denken war es selbstverständlich und einleuchtend, daß es zwischen dem guten und einfachen Gott des Lichtes und der von Bösem und Materie geprägten Welt eine Fülle von vermittelnden Hypostasen geben mußte; anders schien der Zusammenhang von Gott und Welt rational nicht erklärbar.
Auf diesem Hintergrund war es zu erwarten, daß auch Christen diese Überzeugung teilten, und es ist schon als eine beachtliche kritische Leistung der theologischen Schriftsteller am Ende des zweiten und am Anfang des dritten Jahrhunderts anzusehen, daß sie die ausufernden gnostischen Emanationen auf die Zahl von zwei aus Gott hervorgegangenen Hypostasen beschränkten. Eine darüber hinausgehende Kritik war damals noch nicht möglich; sie hätte zur Voraussetzung gehabt, die Bedingungen des eigenen Denkens in einer Art von Metareflexion zu hinterfragen. So etwas ist Zeitgenossen kaum möglich.
Der "ewige Monotheismus"
Immerhin setzte diese Reduktion auf Wort und Geist die zeitgenössischen Theologen in die Lage, das Gottesdenken, das sie von den Apologeten übernommen hatten, auf seine Aussagen und vor allem seine Vereinbarkeit mit dem Monotheismus zu reflektieren. Irenäus und vor allem Tertullian lehrten jetzt mit aller Deutlichkeit einen ewigen Monotheismus, der aber seit "dem Anfang" ökonomisch um Sohn und Geist erweitert wurde: Zu Zwecken der Weltschöpfung und der Erlösung - Offenbarung an die "Väter", Inkarnation in Jesus und Heiligung - bedurfte Gott seiner "Hände" (Irenäus); die Erweiterung des Monotheismus zur Trinität ist eine Sache der Heilsgeschichte, die den ewigen Monotheismus nicht bedrohen sollte.
Auch die nächste Stufe der Trinitätsspekulation ist kulturgeschichtlich bedingt: die erstmalige Verlagerung der triadischen Hypostasen aus der Heilsgeschichte in "Gott selbst" hinein, also die Entstehung einer "immanenten" Trinitätsauffassung in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Das geistige Rüstzeug dazu lieferte der Neuplatonismus, der drei göttliche Abstufungen kennt - das Eine (to hen), den Geist (ho nous) und die (Welt-) Seele (ho nous)-, die von dem schlechthin einfachen Einen zur Vielfalt des Kosmos hin vermitteln, selber aber der Sphäre des Göttlichen angehören.
In diesem Kontext sind die Reflexionen des Origenes zu sehen: Er erkennt, daß zum Gottesbegriff für Sohn und Geist gehört, daß es sie nicht erst seit "dem Anfang" gibt; sie sind von Ewigkeit her mit dem Vater in der göttlichen Sphäre anzusiedeln, wenn auch Sohn und Geist - auch das legte der Neuplatonismus nahe - mindere Formen des Göttlichen darstellen, ein innergöttlicher Subordinatianismus. Weil aber Wort und Geist in der Tradition ganz eng mit ihren ökonomischen Funktionen verknüpft sind, konnte Origenes sie davon (noch) nicht lösen. Auch hier bot ihm der Neuplatonismus Raster an. Er verlegte Schöpfung und Christologie in die Präexistenz; die erste - rein geistige - Schöpfung wie auch die Verbindung der Seele Jesu mit dem Logos spielte sich innerhalb des göttlichen Bereichs ab. Die zweite Schöpfung und auch die Inkarnation erfolgten erst auf Grund eines ebenso vorzeitlichen Sündenfalls, zum Zwecke der Läuterung der Seelen - auch das ist ein neuplatonisches Motiv.
Gott - vor dem Anfang triadisch
Seitdem aber gibt es erstmals eine immanente Trinität, Gott ist schon vor "dem Anfang" triadisch strukturiert. Auf dieser neuen Stufe verlief von jetzt an die Diskussion. Zur Stabilisierung dieses "Qualitätssprungs" trug - ungewollt - Arius bei. Auch er teilte die Meinung des Origenes, daß zum wirklichen Gottsein die Ewigkeit gehöre.
Aber von seiner syrisch-theologischen Herkunft her zog er daraus den umgekehrten Schluß: Also gibt es nur den einen und selben Gott. Der Logos, der vor der Schöpfung nicht war, ist eben deswegen nicht Gott, sondern Geschöpf. Daß Arius überhaupt, aus christologischen Motiven, an einem präexistenten Logos, der in Jesus inkarnierte, festhielt, lag an seiner Rücksichtnahme auf die soteriologischen Interessen seiner Gemeinde in Alexandrien. Seine Gegner, die durch das Konzil von Nizäa zunächst siegreich waren, mußten deswegen das umfassende Gottsein des Sohnes verteidigen. Diese Zielsetzung führte dazu, nicht nur seine Zeitlichkeit, sondern auch eine gattungsmäßige Minderausstattung, also einen innergöttlichen Subordinatianismus, zu bestreiten; Ergebnis war das homo-úsios, die Lehre von der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater.
Was diese denn nun wirklich bedeutet, blieb noch längere Zeit umstritten, und es gab die verschiedensten Interpretationen. Zugleich regte sich Widerstand gegen die Nennung des Geistes, der bisher nur am Rande mitdiskutiert worden war, auf gleicher Ebene, wahrscheinlich aus Kreisen, die vom Monotheismus wenigstens diese weitere Komplizierung abwenden wollten. Noch Gregor von Nyssa empfand es ja so, daß der Theologie mit dem Geist eine Art Last >aufgebürdet< wurde.[2] Aber das nizenische homo-úsios für den Sohn ließ es jetzt nicht mehr zu, den im Taufbefehl an dritter Stelle genannten Geist geschöpflich aufzufassen; bald wurde es auch formell auf den Geist ausgedehnt.
Die von Basilius vorgeschlagene Formel von der einen usía und den drei Hypostasen oder prósopa war in dieser Situation eine logische begriffliche Zusammenfassung des Diskussionsstandes. Sie ist der sprachliche Abschluß und zugleich die Fixierung einer Komplizierung des christlichen Monotheismus durch die Einwirkung des Hellenismus. Dabei zeigt die Geschichte, daß die Entstehung einer Binitätsauffassung kulturgeschichtlich unausweichlich war, die Hereinnahme des Geistes zwar durchaus passend, aber nicht zwingend war; hier gaben die triadischen Formeln des Neuen Testaments, die auf neue Weise gelesen wurden, den Ausschlag.
Ebenso ist das lange Festhalten der syrischen und der lateinischen Kirche an einem Monarchianismus Resultat ihrer kulturellen Prägung. Sie "brauchten" - aus unterschiedlichen Gründen - keine seinshaften Hypostasierungen der ökonomischen Funktionen. In der stärker geschichtlich orientierten syrischen Tradition "genügte" der eine Gott, der die Welt erschaffen, zu den "Vätern" gesprochen, Jesus auf eine besondere Weise erwählt hat und die Christen heiligt. Die lateinische Kirche sah in Gott stärker den einen rechtsetzenden Willen, der für die impietas der Menschen Strafe auferlegt und durch den Kreuzestod des gerechten Jesus versöhnt wird.
Schließlich aber übernahmen beide Kirchen die griechischen Konsensformeln. Auch das ist von den damaligen Kontexten her plausibel: Wenn es in der Großkirche eine Einigung geben konnte - und sie war ekklesiologisch gefordert -, war sie nur auf der Ebene des dominierenden hellenistisch-christlichen Denkens möglich, weil auch Westsyrer und Lateiner hellenisiert waren, wenn auch nicht so tiefreichend, daß ihre eigenen Motivationen völlig verdrängt worden wären. So läßt sich erkennen, daß z.B. Theodor von Mopsuestia, der bedeutendste syrische Theologe, zwar die trinitarische und christologische Formelsprache übernimmt, ihr aber einen monarchianischen und bewährungschristologischen Sinn zu geben sucht. Und ebenso stellt Augustinus, trotz autoritativer Hinnahme der aus dem Osten tradierten Definitionen, in der Gottesfrage sehr stark den Gedanken der Einheit und in der Christologie die Rechtfertigung heraus.
Als Bilanz ergibt sich also, daß die trinitarische Komplizierung des dem Christentum als Erbe und Vorgabe mitgegebenen jüdischen Monotheismus ein Produkt kulturgeschichtlicher Gegebenheiten und der daraus resultierenden soteriologischen Bedürfnisse ist. Nichts an dieser Geschichte ist unverstehbar oder ein "Geheimnis", auch nicht die, wenigstens in der differenzierteren Theologie, sich ergebenden Aporien. Letztere dokumentieren vielmehr, daß ein damaliger Theologe zwar keine Chance hatte, aus seinen normativen Traditionen "auszusteigen" bzw. - historisch-kritisch - deren Kontingenz zu erkennen, aber doch, in ihnen stehend, die Problematik einer Vermittlung von Einheit und Dreiheit sensibel wahrnahm und darauf zu reagieren suchte. Lediglich dann gab es keine Schwierigkeiten, wenn eine Tradition monarchianisch war, sei es undifferenziert oder in "dynamischer" oder "modalistischer" Interpretation, oder wenn in simplifizierender Weise tritheistisch gedacht wurde.
9.1.2 Zwei historische "Zufälligkeiten" und ihre Auswirkungen
Die Übernahme der östlichen Trinitätsentwicklung im lateinischen Westen lag, wie dargelegt, in der kulturgeschichtlichen Konsequenz seiner Einbettung in die hellenistische Gesamtkultur; ebenso ist es verständlich, daß er innerhalb dieses Konzepts zunächst, und teilweise auch bleibend, den Schwerpunkt auf die Einheit Gottes legte.
Darüber hinaus sind zwei, wenn man so sagen darf, historische "Zufälligkeiten" von Bedeutung, die schließlich eine gegenüber der östlichen Theologie neue und dort auf Ablehnung stoßende Trinitätskonzeption zur Folge hatten: die Geschichte des Personbegriffs auf der einen und die Lehre vom Geist als "Band der Liebe" sowie von seinem Ausgehen vom Vater und vom Sohn auf der anderen Seite.

Hierbei gilt die Kennzeichnung als "zufällig" natürlich nur dafür, daß diese beiden Motive überhaupt ins Spiel kamen, nicht aber für ihre weitere Entfaltung. Daß Tertullian sowohl zur Charakterisierung der Dreiheit in Gott wie des Einheitspunktes zwischen göttlicher und menschlicher Natur Jesu Christi den Personbegriff einführte, ergab sich aus keinerlei Zwangsläufigkeiten. Einhundertfünfzig Jahre lang fristete dieser Begriff dann ein Schattendasein, bis ihn Augustinus wieder aufgriff. Zwar mochte auch er ihn nicht, aber er schien ihm unanstößiger zu sein als alle anderen lateinischen Äquivalente für das griechische Wort hypóstasis. Weder für Tertullian noch für Augustinus hatte persona schon die spätere Konnotation in Richtung auf Individualität eines geistigen Seienden. Aber immerhin schien zur Zeit des Augustinus diese Deutung schon ein wenig nähergerückt zu sein.[3] Dennoch aber konnte er noch sagen: "Der Mensch (Jesus, Verf.) kommt zu Gott hinzu und es entsteht eine Person" ("accedit homo deo et fit una persona")[4]. Die christologische persona ist also Produkt der Einigung von Gott - nicht: Verbum - und Mensch; sie ist nicht die ewige persona des Verbum, die zusätzlich zu ihrer göttlichen Natur eine menschliche angenommen hat. "Person" hat also für ihn noch nicht den Sinn der Definition des Boëthius, und der Sache nach erklärt Augustinus sie ja auch mittels des Relationsbegriffs, in der Absicht, Gottes einfaches Sein nicht zu pluralisieren.
Vor allem im Zuge der christologischen Diskussion nach Chalkedon, dessen Symbol bald immer mehr in kyrill'scher Interpretation (der sogenannte Neuchalkedonismus) verstanden wurde, suchte man nach einem beschreibbaren Einheitspunkt in Jesus Christus, der nicht natural sein durfte, da ja gemäß dem Symbol von Chalkedon die Naturen "unvermischt", wenn auch "ungetrennt" zusammenkommen. Eine Lösung wurde im Osten mittels der Vorstellung von einer Energeia (Monenergetismus), einem Willen (Monotheletismus) oder mittels der An- und Enhypostasielehre gesucht[5]; auch Boëthius wollte anhand des Personbegriffs einen Einheitspunkt umschreiben, der nicht natural war - die individua substantia rationa(bi)lis naturae.
Alle diese Denkmodelle zielen also in die gleiche Richtung. Daß im lateinischen Westen gerade die Person im Sinne von Individualität in den Vordergrund gestellt wurde, hat wohl auch kulturgeschichtliche Gründe, war man hier doch weniger vom allgemeinen, idealen Sein fasziniert, als auf die Praxis und das Konkrete ausgerichtet. Nicht zufällig wurde im Westen die erste Autobiographie der Weltliteratur geschrieben, die Confessiones des Augustinus.
Die Definition des Boëthius machte Karriere und wurde auch in der Trinitätstheologie immer beherrschender, so daß vielfach die Vorstellung von drei Subjekten mit je eigenem Selbstbewußtsein in Gott verbreitet war; dennoch aber wurde dieser Raster hin und wieder in der hohen Theologie durch einen Rückgriff auf die relationale Begrifflichkeit des Augustinus problematisiert.
Aber auch letztere war seit dem Mittelalter verändert und mit konkreten "Inhalten" assoziiert durch eine Unbedachtsamkeit des Augustinus, der ein neuplatonisches Motiv - in neunizenischer Vermittlung durch die Eusebianer[6] - von der dritten Hypostase, dem Geist, als "Band" und als "Liebe" zwischen Vater und Sohn übernommen hatte, woraus auch das westliche filioque resultierte.
Bei Theologen, denen sowohl die starke Sorge um die Einheit Gottes wie auch ein Problembewußtsein fehlte, das dem des Augustinus nahekam, wurde daraus, in Verbindung mit der Entwicklung des "modernen" Personbegriffs, seit der Frühscholastik die These, daß es in Gott drei in Liebe miteinander verbundene Subjekte gebe. Damit war erstmals, also seit dem 12. Jahrhundert, die Trinität völlig "suffizient" immanent erklärt und sogar, wie man meinte, "notwendig".
9.2 Religionswissenschaftliches Resümee und theologische Anfrage
Religionswissenschaftlich betrachtet ist die Trinitätslehre erwachsen aus dem Synkretismus von Judentum und Christentum mit dem Hellenismus und der daraus folgenden Addition von jüdischem und christlichem Monotheismus mit dem hellenistischen Monismus. Gott konnte somit zugleich der personenanalog anzusprechende Adressat der Christen sein wie auch, durch Vermittlung des Logos, immanentes Schöpfungsprinzip und "Subjekt" der Offenbarung, Inkarnation und Heiligung. Die Erweiterung dieser "Doppelung" zur Trinität lag kulturgeschichtlich durchaus nahe, war aber im wesentlichen eine Konsequenz, die man später aus den triadischen Formeln des Neuen Testaments, vor allem aus dem Taufbefehl, zog.
Die Zusammenfügung dieser beiden entgegengesetzten Gottesvorstellungen wurde dadurch erleichtert, daß der monotheistische Gott im hellenistischen Christentum ganz von selbst mit seinshaften und gattungsmäßigen Zügen versehen wurde, die ihm seiner Herkunft aus der Tradition Israels nach fremd waren, zugleich aber auch der Logos durch seine Inkarnation in Jesus "persönliche" Färbung annahm. Diese "Erleichterung" trug aber dazu bei, daß das ökonomisch-trinitarische Reden nicht selten in die Nähe eines Polytheismus - eines Bi- oder Tritheismus - kam. Um dem entgegenzuwirken, mußte die Verlagerung der zweiten und dritten Hypostase in Gott selbst hinein und dann die Lehre von dem einen Wesen geschaffen werden. Im Ergebnis erscheint so die Trinitätslehre als ein Versuch, Monotheismus, Monismus und Polytheismus zu verbinden, also alle wichtigen weltreligiösen und hochkulturellen Gottesvorstellungen. Tendenziell aber ging es den meisten Theologen bei diesem Unternehmen, das zeigt die Geschichte, darum, den Monotheismus dabei als den zentralen Aspekt des Gottesglaubens festzuhalten, so unvollkommen das im einzelnen auch gelungen sein mag.
Vielleicht erklärt sich die Faszination der Trinitätslehre daraus, daß sie die Vorzüge all der genannten Gottesvorstellungen - auf eine spannungsreiche Weise - zu verbinden sucht: die Wärme und das Hoffnungspotential, das der Monotheismus erweckt, die rationale Plausibilität eines letzten immanenten Prinzips sowie die kommunikative und soziale Lebendigkeit des Polytheismus. Schon Gregor von Nyssa war der Meinung, daß die Trinitätslehre "die Mitte zwischen beiden Meinungen", zwischen Polytheismus und jüdischem Monotheismus darstelle - den hellenistischen Monismus identifizierte er wohl mit dem Monotheismus -: "Behalten wir aus der jüdischen Lehre die Einheit der Natur, aus der heidnischen aber bloß die Unterscheidung der Personen, so ist auf beiden Seiten die Gottlosigkeit durch die entsprechenden Heilmitttel geheilt".[7]
Jesus - Gottes ewiger Sohn?
Was der Religionswissenschaftler einfachhin konstatieren kann, bedeutet aber zugleich eine Anfrage an die Theologie nach der Legitimität eines solchen Konstrukts.
> Wenn es feststeht - und daran scheint kein Weg vorbeizuführen -, daß Jesus selbst nur vom Gott Israels, den er Vater nannte, und nichts von seiner eigenen späteren "Vergottung" wußte, mit welchem Recht kann dann eine Trinitätslehre normativ sein? Muß man sie nicht vielmehr als einen Inkulturationsvorgang, der nur innerhalb der damaligen Kontexte unausweichlich und wohl auch legitim war - weil anders das Christentum nicht lebbar war -, verstehen, also als eine kontingente, kontextuelle Komplizierung der jesuanischen Gottesvorstellung?
Darf man die wenigen neutestamentlichen Stellen, die Anstoß für eine spätere binitarische Reflexion gaben und die ihrerseits ganz deutlich ein neues Gedankengut einbringen, als bleibende Maßstäbe des christlichen Gottdenkens auswählen? Wie also ist eine Lehrentwicklung zu legitimieren, die eigentlich erst im zweiten Jahrhundert begann, erst im dritten die Wendung zu einer - gänzlich neuen - immanenten triadischen Aussage fand, im vierten Jahrhundert - mehr schlecht als recht - in Formeln gebracht und im lateinischen Westen wiederum eine gegenüber der bisherigen Geschichte andersartige Variante ervorgebracht hat? Wenn man die Trinitätslehre auf "Offenbarung" gründet, muß man auch sagen können, wo und auf welcher Stufe denn um alles in der Welt diese Offenbarung erfolgt sei: durch Jesus, durch neutestamentliche Aussagen, durch die Apologeten oder gar Origenes oder Augustinus?
Wie auch die einzelnen Etappen zu interpretieren sein mögen, so steht doch fest, daß die Trinitätslehre, wie sie sowohl im Osten wie - erst recht - im Westen am Ende "Dogma" wurde, keinerlei biblische Grundlage besitzt und auch keine "ununter-brochene Aufeinanderfolge" (continua successio) kennt. Die Behauptung einer Übereinstimmung der verschiedenen Gottesvorstellungen, die mittels der Anwendung des Schemas "implizit - explizit" gesucht würde, hat mit den Tatsachen nichts mehr zu tun. Auch helfen bloß verbale Vorschläge - etwa daß die immanente die ökonomische Trinität einfachhin sei - nicht weiter. Allmählich muß sich die Theologie den Fakten stellen.
Diese Folgerung ist keineswegs eine willkürliche Infragestellung der verbindlichen Lehre, sondern Resultat der historischen Gegebenheiten, die eben nicht anders waren. Die Geschichte der Trinitätslehre selbst ist ihrerseits eine Anfrage an die Theologie, wie sie mit ihren eigenen Normen und mit der behaupteten Kontinuität zum für das Christentum kanonischen Anfang umgehen will.
(Schluß. Die Artikelfolge wird in leicht geänderter Fassung in Kürze als Buch veröffentlicht.)
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