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Einer oder drei VII

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1998/imp980403.html
Karl-Heinz Ohlig
Einer oder drei? (XII)

Vom "Vater Jesu" zur Trinität
In den bisherigen Folgen wurden die Wurzeln der Trinitätslehre im Frühjudentum erörtert, die Aussagen des Neuen Testaments vorgestellt, die Entstehung, Entwicklung und spachliche Fixierung der Trinitätslehre vom 2. bis zum 4. Jahrhundert analysiert. Die lateinische Theologie hatte an der Ausbildung der Trinitätslehre keinen Anteill, sie war mehr an dem einen Gott interessiert, übernahm aber die östlichen Einigungsformeln. Diese reflektierte vor allem Augustinus, dem es darum ging, die Einheit Gottes deutlich herauszustellen, dennoch aber irgendeine Form von Dreiheit aufrechtzuerhalten; zu ihrer Umschreibung verwendete er den Relationsbegriff. Gegen seine eigenen Intentionen griff Augustinus aber auf eine neuplatonische Umschreibung des Geistes als "Band" zurück und lehrte ihn als "Band der Liebe", worauf wohl die westliche Vorstellung von einem Hervorgang des Geistes aus dem Vater und dem Sohn (filioque) zurückgeht und die Trinität wie eine Gemeinschaft von drei Subjekten erscheinen kann.

7. Die Verfestigung der westlichen Trinitätsauffassungen im Mittelalter

Die trinitarischen Vorstellungen des Mittelalters sollen hier nur in ihren grundlegenden Strukturen aufgezeigt werden. Eine Darstellung der Auffassungen einzelner Epochen oder Theologen würde sehr viel Raum erfordern, umfaßt das Mittelalter doch eine Zeit von mehr als tausend Jahren, und wenn man - wie es wohl dem Denkansatz nach richtig wäre - auch noch die antike lateinische Theologie dazurechnet, noch einige Jahrhunderte mehr.

7.1 Die Sicherheit der Formelsprache und der Sieg der trinitarischen Etymologie

Es entsprach der lateinischen Mentalität wie der beginnenden scholastischen Methode, die Glaubensaussagen auf scheinbar eindeutige Formeln und Definitionen zu stützen. Diesem Bedürfnis kam ein Glaubensbekenntnis entgegen, das vielleicht um 500, wohl in Gallien, entstanden ist und später fälschlich Athanasius zugeschrieben wurde: das Symbolum Quicumque bzw. Athanasianum. Im ganzen Mittelalter, aber auch bei den Reformatoren - die Anglikanische Kirche verwendet es heute noch in der Liturgie - und auch in der Russischen Kirche wurde es hoch geschätzt.

In ihm heißt es: "Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit. Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes. Aber Vater und Sohn und Heiliger Geist haben nur Eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Majestät ... Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch sind es nicht drei Ewige, sondern Ein Ewiger ... So ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr, und doch sind es nicht drei Herren, sondern nur Ein Herr ... so verbietet uns ... der katholische Glaube, drei Götter oder Herren anzuznehmen." Dann folgt eine Erklärung der ewigen trinitarischen Eigentümlichkeiten von der etymologischen Bedeutung der entsprechenden Symbolbegriffe her, wobei für den Geist das filioque gelehrt wird: "Der Vater ist von niemandem gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt. Der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht, noch geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt, sondern hervorgehend ..." .

Auch in Spanien wurde diese Formelsprache sowie die immanent-etymologische Trini-tätsinterpretation und das filioque etabliert. Eine Synode, die im Jahr 675 - als elfte Kirchenversammlung dieser Region - in Toledo stattfand, verabschiedete ein Glaubensbekenntnis, in dem die Einheit Gottes, vergleichbar dem Symbolum Quicumque, herausgestellt wird: "Wir bekennen und glauben, daß die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit ..., der eine Gott, von Natur aus ein Wesen, eine Herrlichkeit und Kraft besitzt".
Danach wird die Dreiheit von ihren Symbolbegriffen her erläutert: "Wir bekennen, daß der Vater nicht gezeugt, nicht geschaffen, sondern ungezeugt ist ... Wir bekennen auch den Sohn, der aus dem Wesen des Vaters ohne Anfang vor der Zeit geboren und doch nicht geschaffen wurde. Denn nie war der Vater ohne den Sohn, nie der Sohn ohne den Vater. Und doch ist nicht der Vater vom Sohn, so wie der Sohn vom Vater ...
Wir glauben auch, daß der Heilige Geist, die dritte Person in der Dreifaltigkeit, ein und derselbe Gott mit dem Vater und dem Sohn ist: eines Wesens und auch einer Natur. Aber er ist nicht gezeugt noch geschaffen, sondern geht von beiden hervor und ist beider Geist ... er geht zugleich von beiden aus, da er als die Liebe oder die Heiligkeit beider angesehen werden muß".

Noch deutlicher werden die Begriffe Vater, Sohn und Geist gegen Ende des Symbols zur Erklärung der ewigen Trinität genutzt: "Obwohl also diese drei eins sind, dieses Eine drei ist, bleibt doch jeder Person ihre Eigentümlichkeit. Dem Vater kommt Ewigkeit ohne Geburt zu, dem Sohn Ewigkeit mit Geburt, dem Heiligen Geist Hervorgang ohne Geburt mit der Ewigkeit ..."

Diese "klare" Formelsprache findet sich auch bei Theologen dieser Zeit, die die bisherigen begrifflichen Ergebnisse systematisch zusammenfassen und im Mittelalter hoch geschätzt wurden, vor allem Maximus Confessor (+662) und Johannes von Damaskus (+750). Letzterer stellt die etymologische Auslegung der Begriffe Vater, Sohn und Geist auch explizit heraus: Der Vater ist von Ewigkeit her Vater und war nie ohne Sohn: "Denn ohne Sohn könnte er nicht Vater heißen (Hervorhebung vom Verf.). War er einmal ohne Sohn, dann war er nicht Vater" . Als östlicher Theologe lehrt er allerdings den Hervorgang des Geistes nur aus dem Vater und spricht von dem "Ineinander der Hypostasen", von ihrer Perichorese.

Diese Beispiele mögen genügen. Diese Formelsprache wurde von jetzt an Gemeingut des abendländischen Christentums bis heute. Sie selbst wurde seither weder in Frage gestellt noch weiterentwickelt, sondern lediglich unterschiedlich interpretiert.

Nur wenige Schriften der antiken Theologen zur Trinität - außer vor allem die des Augustinus - waren dem Mittelalter zunächst bekannt. Über lange Zeitstrecken hinweg wurden lediglich einzelne Sätze zu sogenannten Catenensammlungen zusammengestellt, und erst sei der "Karolingischen Renaissance" wurden einige griechische Ganzschriften ins Lateinische übersetzt. Infolgedessen wußte man nur relativ wenig über die Etappen und Motive für die Entstehung der tradierten Definitionen; man kannte lediglich die Formeln.

Damit war eine zweifache Möglichkeit eröffnet: Zum einen konnte sich so eine Interpretation der Formeln entfalten, die diese im Licht der eigenen soteriologischen Interessen auffaßte (vgl. das folgende Kapitel), zum anderen bestand die Gefahr, ältere trinitarische Aussagen wie die von der una essentia und den tres personae von späteren Begriffsdefinitionen, z.B. von der Persondefinition des Boëthius her, zu bestimmen und auf diese Weise ihren ursprünglichen Inhalt mißzuverstehen (vgl. das übernächste Kapitel).

7.2 Die "drei - ich weiß nicht was" oder: das Interesse an dem einen Gott

Der lateinische Westen kannte ein soteriologisches Interesse an dem einen Gott. Dieses wird dort deutlich, wo trotz der jetzt geltenden Dreipersonalität Gottes dennoch davon gesprochen wird, daß es in ihm nur ein Erkennen, einen Willen, eine Energeia, d.h. ein Tätigkeitsprinzip, und ein Handeln nach außen gibt.

Dies betonen nicht nur der das Mittelalter prägende Augustinus, sondern auch andere Theologen und Synoden im Frühmittelalter. Eine Synode, die im Jahr 649 im Lateran stattfand und als erste den Subsistenzbegriff als Übersetzung für die griechische hypóstasis benutzte, hebt die "eine und dieselbe Gottheit" hervor und betont die "eine Natur, Wesenheit, ..., Wille, Wirken".

Auch gibt es Schwierigkeiten mit der Verwendung des trinitarischen Personbegriffs. Anselm von Caterbury (+1109) geht zwar fraglos vom trinitarischen Dogma aus: "Siehe, es leuchtet ein, daß es jedem Menschen frommt, an eine unaussprechliche dreifache Einheit und eine Dreiheit zu glauben". Aber dann fügt er hinzu:
"Und zwar an >eine< Dreiheit wegen der einen Wesenheit, >dreifach< aber und >Dreiheit< wegen der drei - ich weiß nicht was." Hier macht sich seine Verlegenheit bemerkbar, der Dreiheit einen Begriff zuzuordnen. Danach geht er auf die tradierte Begrifflichkeit ein - "wenn ich sagen würde: ... drei Personen" -: "Denn man darf sie (die Drei, Verf.) nicht für drei Personen halten, weil mehrere Personen alle so gesondert voneinander bestehen, daß es notwendig so viele Substanzen gibt, als Personen sind; was man bei mehreren Menschen erkennt, die so viele für sich bestehende Substanzen (sind), als Personen sind. Wie es daher in der Höchsten Wesenheit nicht mehrere Substanzen gibt, so auch nicht mehrere Personen". Dennoch aber will er, der mit seinem Intellekt den Glauben, die fides, nicht in Frage zu stellen, sondern "nur" tiefer zu erkennen sucht, sich dem normativen Sprachgebrauch fügen. Aber bemerkbar ist seine Unzufriedenheit mit dieser Terminologie und sein Inter-esse daran, die Einheit Gotttes zu bewahren.

Auch Petrus Lombardus (+1160) zitiert in seinem Sentenzenbuch recht breit die Bedenken des Augustinus gegen den Personbegriff - vertritt aber in der Christologie einen radikalen Monopersonalismus -, und auch Thomas von Aquin geht intensiv auf die Schwierigkeiten ein : Der Begriff sei nicht biblisch, - als Übersetzung des griechischen prósopon - von den Masken in den Theaterspielen hergeleitet, seine Gleichsetzung mit hypóstasis problematisch usf. Andererseits aber sieht er das "Glaubensbekenntnis des Athanasius", das Symbolum Quicumque , als normativ an und rekurriert einfachhin darauf, daß "Person" in der Anwendung auf die göttliche Person etwas anderes als im allgemeinen Verständnis sei. Hinsichtlich der Trinität diene sie der Bezeichnung von Ursprungsbeziehungen (relationes originis). "Die Relation ist aber im göttlichen (Bereich) nicht wie ein Akzidenz, das irgendeinem Träger anhaftet, aufzufassen; vielmehr ist sie subsistierend, wie auch das göttliche Wesen subsistiert" .


Das Problem, inwiefern diese subsistierenden Relationen die Einfachheit Gottes nicht aufheben, beantwortet Thomas mit Verbalismen: "Göttliche Person bezeichnet nämlich die Beziehung (relatio) als für sich bestehend ..., wenn auch das in göttlicher Natur Bestehende nichts anderes ist als die göttliche Natur selbst" . Immerhin gelingt es Thomas, ein "Personenverständnis, das über eine Orientierung an Selbstbewußtsein und Selbstbesitz hinauskommt", zu formulieren; seine Theologie ist in diesem Punkt wesentlich differenzierter und problembewußter als die der meisten anderen. Aber eine Lösung bietet auch er nicht.

Zwar bleibt auch in der neuen Wendung der Begriff Person für ihn noch ungeliebt, aber er kann ihn wenigstens als "angemessen" - die Thomas´sche Minimalqualifizierung - erklären: "Danach läßt sich nun Folgendes sagen: Die Bedeutung des Namens Person war vor den falschen Aufstellungen der Irrlehrer noch nicht erkannt; deshalb war auch der Name Person nur im Gebrauch wie einer der anderen beziehungslos gebrauchten Namen. Nachher aber ist der Name Person soweit angeglichen worden, daß er für einen beziehungshaften gelten konnte, und zwar aus der Angemessenheit seiner Bezeichnung heraus, so daß er ebendies, daß er als Beziehungsname gilt, nicht nur aus dem Gebrauch hat, sondern aus seiner Bedeutung". Das heißt nichts anderes, als daß der Begriff so lange "umdefiniert" werden muß, bis er in seiner relationalen Interpretation wenigstens als angemessen betrachtet werden kann.

Leider aber vertrat Thomas in der Christologie ein Konzept, das dem Menschen Jesus keine menschliche Person zusprach, weil offensichtlich die Person des Verbum dann als eine zweite Person auf der gleichen Ebene wie die des Menschen aufgefaßt wurde: "Nun verbinden sich aber gerade bei allen anderen Menschen Leib und Seele, um für sich (per se) zu bestehen (und eine Person zu
bilden, Verf.), im Gegensatz zu Christus, wo sie sich vereinigen, um von einer höheren Person getragen zu werden. Deshalb entsteht in Christus aus Leib und Seele kein neuer Träger Seiner menschlichen Natur, sondern beide zusammen gehen in eine Person ein, die schon vorher bestand". Damit konterkariert Thomas im Grunde seine eigenen Differenzierungen bezüglich der göttlichen Personen; diese sind doch so menschenanalog gedacht, daß die des Verbum nicht mit einer Person
Jesu hätte koexistieren können.

Mehr zu sagen, war zu dieser Zeit wohl nicht möglich. Die Formeln selbst konnten nicht mehr beiseite geschoben und durch andere Begrifflichkeiten - aber man wußte offensichtlich auch keine besseren - ersetzt werden. Von irgendeiner "Drei - ich weiß nicht was" mußte gesprochen werden. Da weder das historische Material zugänglich noch schon historisch-kritisch zu denken möglich war, also auch niemand ahnen konnte, was mit der Drei gemeint war und warum es sie gab, blieb man bei der tradierten Redeweise.

Noch deutlicher wird die real empfundene Funktionslosigkeit der Dreiheit dort, wo sie nicht unmittelbar selbst thematisiert und pflichtgemäß scholastisch diskutiert wird, aber ihrer ursprünglichen Entstehungsgeschichte und -motivation nach in besonderer Weise hätte zur Sprache kommen müssen: in der Christologie. In diesem Bereich zeigt sich oft: In der mittelalterlichen (und auch neuzeitlichen) Theologie, der es soteriologisch vor allem um die Erlösung von unseren Sünden bzw. um die Rechtfertigung geht, steht der deus incarnatus im Mittelpunkt : Jesus Christus hat uns am Kreuz von unseren Sünden erlöst bzw. gerechtfertigt, weil er sowohl Mensch wie Gott war, unsere Sünde auf sich nehmen und doch nicht von ihr erfaßt werden, an unserer Stelle leiden und auch - weil er Gott war - Genugtuung leisten konnte. Auch die faktische Zuwendung der Rechtfertigung durch die Gnade an die einzelnen Menschen wird meist weniger als eine spezifische Tätigkeit des Geistes reflektiert denn als ewiger prädestinierender Ratschluß Gottes, der rettet, wen er will. Die Zueignung von Inkarnation und Heiligung an eigene Hypostasen wurde zwar beibehalten, war aber für den eigenen Glauben nicht zentral.

So läßt sich folgern, daß das Trinitätsdogma zwar bewahrt, bekannt und mit aller begrifflichen Mühe scholastisch reflektiert wurde, aber es spielte - zumindest unter dieser Hinsicht - soteriologisch keine Rolle; das Christentum hätte für viele Theologen auch in seinen zentralen Lehren "funktioniert", wenn Gott als undifferenziert einer vorgestellt wor-den wäre. Die Trinitätslehre bewegte nichts und niemanden, und die Dreiheit der Personen bzw. - für den einfachen Gläubigen ohnehin unverständlich - der Relationen ließ Ratlosigkeit zurück.

7.3.2 Der "Jubel selbstloser Liebe"

Die aus neuplatonischen Wurzeln von den Eusebianern übernommene Vorstellung, eine dritte Hypostase - der Geist - gehe von der ersten und zweiten Hypostase aus und verbinde sie, war von Augustinus aufgegriffen worden, woraus sich das filioque der lateinischen Trinitätslehre herleitet. Ebenso fand Augustinus schon die eusebianische Lehre, daß der Geist unter den Gläubigen ein Band der Liebe sei, in einer neunizenischen Bedeutungsverschiebung vor, der zufolge diese Liebe göttlich-immanent interpretiert wurde; so war für ihn der Geist das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn.[1]

Diese westliche Erweiterung der aus der östlichen Theologie übernommenen Trinitätslehre setzte sich im Frühen Mittelalter zunehmend durch und findet sich schon in dem vermutlich um 500 in Gallien entstandenen Symbolum Quicumque.[2] Auch in Spanien wurde das filioque sehr früh schon rezipiert: auf der ersten Synode von Toledo (475?), der dritten (589), vierten (633), sechsten (638) und, wie ausgeführt[3], elften Synode von Toledo (675).[4] Ebenfalls in Spanien scheint das filioque erstmals in das dem Ersten Konzil von Konstantinopel zugeschriebene[5] Glaubensbekenntnis eingefügt und während der Messe gebetet worden zu sein. Auch Karl der Große "ließ es ... in seiner Aachener Kapelle nach dem Evangelium beten"[6]. Obwohl es auch Widerstände gegen diese Praxis gab, konnte sich das filioque durchsetzen und wurde im Jahr 1.054 zur theologischen Begründung des Schismas zwischen Ost- und Westkirche. Gelegentlich wurde die Funktion des Geistes, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, auch in amtlichen Dokumenten darüberhinaus als die "Liebe ... beider" umschrieben.[7]

Der europäischen Theologie waren somit Vorgaben gemacht, hinter die sie nicht mehr zurückkonnte - und -wollte. Gerade das filioque und die Aussage vom Geist als "Band der Liebe" zwischen Vater und Sohn eröffnete eine Möglichkeit, die gesamte Trinität unter Absehung von allen heilsgeschichtlichen Funktionen - die östliche Lehre von einem Hervorgehen des Geistes vom Vater durch den Sohn lenkte beinahe notwendig den Blick auf die ökonomische Zielsetzung des "Vorgangs" - ausschließlich immanent zu verstehen und dieser immanenten Konzeption einen plausiblen Sinn zu geben.

In welche Richtung die Argumentation ging, sollen zwei Beispiele deutlich machen: Der schon erwähnte frühscholastische Theologe Richard von St. Viktor[8] führt die Trinität geradezu anschaulich auf die Liebe zurück: "Da so viele Gründe uns keine Ausflucht mehr gestatten, müssen wir einräumen: jede Person in der Gottheit ist so großmütig, daß sie keinerlei Schätze, keinerlei Freuden unmitgeteilt für sich haben will. Und weil Gott so mächtig ist, ... muß man folgern, daß die Dreifaltigkeit der göttlichen Personen schlechthin notwendig ist ... Wäre ein Gott nur eine Person, dann hätte sie niemanden, dem sie die Reichtümer ihrer Größe mitteilen könnte. Und hinwieder wäre sie auf ewig des süßen Glücks beraubt, mit dem innige Liebe sie hätte bereichern können. Wenn aber die volle Güte dem höchst guten Gott nicht gestattet, seine Schätze geizig zurückzubehalten, so gestattet die volle Seligkeit dem ganz seligen Gott auch nicht, sie zu entbehren, und zur Verherrlichung seiner Majestät erfreut er sich ebensosehr daran, sie großmütig zu verschwenden wie in ihrem Genusse zu sein. Daraus ersiehst du von neuem, wie unmöglich es ist, daß in Gott eine Person der Gemeinschaft der anderen entbehre. Gesetzt aber, es wäre nur ein Mitgenosse da, dann könnte Gott zwar seinen herrlichen Reichtum verschenken, hätte aber niemanden, dem er das Entzücken restloser Liebe mitteilen könnte. Es gibt aber gerade nichts Erfreulicheres, nichts Herzerquickenderes als den Jubel selbstloser Liebe. Solchen Jubel müßte einer, der im Empfang der ihm zuteilgewordenen Liebe keinen Mitgenossen hätte, einsam erfahren. So kann also die Kommunion in der Liebe nur stattfinden, wenn drei Personen da sind".[9]

Drastischer läßt sich die Notwendigkeit der Dreiheit in Gott nicht mehr begründen. Herbert Vorgrimler merkt zurecht an: "Augustinus hatte den Gedanken angedeutet, aber wegen der Gefahr des Tritheismus nicht weitergeführt." Wenn er aber meint, der Ansatz des Richard sei "der erste originelle seit Augustinus"[10], ist das wohl zu weitgehend; denn im Grunde war diese Ausfaltung der augustin´schen Wendung zu erwarten, sobald die drei göttlichen Personen in Analogie zu drei menschlichen Subjekten aufgefaßt wurden und die theologischen Hemmungen bezüglich der Einheit Gottes entfielen. Die Vorstellungen des Richard sind weniger originell denn undifferenziert und volkstümlich.

Jedenfalls erscheint jetzt die Trinität nicht mehr als eine aporetische oder wenigstens schwer zu deutende Vorstellung. Diese Trinität ist äußerst plausibel, läßt keine Fragen zurück und erklärt alles gänzlich immanent und logisch; zudem ist sie - liebenswert.

Bonaventura (+1274) machte sich diese Argumentationen zu eigen und verstärkte sie noch; durch ihn wurden sie in die Theologie der Franziskaner, eine der beiden - neben der der Dominikaner - großen theologischen Schulen des Hochmittelalters, aufgenommen. In seinem "Pilgerbuch der Seele zu Gott" schreibt er: "Denn >> vom Guten sagen wir, daß es sich mitteile<<. Also teilt sich das höchste Gut auf die vollkommenste Weise mit. Die höchste Selbstmitteilung muß aber wirklich und innerlich, substantiell und persönlich, naturhaft und willensmäßig, frei und notwendig, fehlerlos und vollkommen sein. Wenn also in dem höchsten Gut nicht von Ewigkeit her ein wirklicher und wesensgleicher Hervorgang statthätte und es nicht durch Zeugung und Hauchung eine dem Hervorbringenden gleicherhabene Hypostase gäbe - ein ewiges Mitprinzip des ewigen Prinzips -, also einen Geliebten und Mitgeliebten, einen Gezeugten und Gehauchten, nämlich Vater, Sohn und Geist, dann wäre es nicht das höchste Gut ..." Im folgenden meint Bonaventura, dadurch sei "die Dreieinigkeit des Vaters, Sohnes und Hl. Geistes notwendig gegeben."[11]


Richard und Bonaventura leiten also die trinitarische Struktur Gottes zwingend aus dem Satz ab, daß das Gute sich selbst mitteilen oder verschwenden müsse ("bonum est diffusivum sui"[12]); darüberhinaus wenden sie populäre Vorstellungen über die zwischenmenschliche Liebe nach dem Modell einer Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kind sowie von der Minimalform jeglicher Gemeinschaft (tres faciunt collegium) auf die -vorgegebenen - göttlichen Personen an. Abendländische Stereotypen von einer idealen Existenzweise - wer möchte hierzulande schon (anders wäre es z.B. in fern-östlichen religiösen Zusammenhängen) gerne in dauernder Einsamkeit leben? - werden in Gott hineinprojiziert. Man konnte so verfahren, weil sich die Anwendung des Personbegriffs im Sinne des Boëthius etabliert hatte und die westliche Erweiterung des trinitarischen Dogmas um das filioque und die Lehre vom Geist als "Band der Liebe" hierfür die Basis geschaffen hatten. Wenn es sich bei diesem Entwurf auch nicht um eine originelle, sondern eher um eine trivialisierte und die Spannung zwischen Einheit und Dreiheit überspielende Variante handelt, so ist doch, wenn man so will, im Endergebnis eine völlig neue Form der Trinitätslehre entstanden. Ohne irgend-einen Bezug zur Heilsgeschichte, aus dem mittels Hypostasierung der wichtigsten ökonomischen Funktionen die Trinitätslehre resultierte, wird die Trinität jetzt gänzlich immanent plausibel gemacht; der aporetische Status der Lehre, der sich seit Origenes aus der Verlagerung von der Ökonomie zur Immanenz zunächst ergeben hatte, ist damit beendet. Wieso es in Gott drei Personen gibt - ja: geben muß -, liegt jetzt auf der Hand.

Diese Personen konnten jetzt - noch abgesehen von ihren näheren Definitionen - auch nicht mehr anders als in Analogie zu drei menschlichen Subjekten und Subjektivitäten aufgefaßt werden: Genosse und Mitgenossen, Liebender, Geliebter und Mitgeliebter - Begriffe dieser Art ließen keinen anderen Schluß mehr zu. Daß diese Drei die Einheit Gottes nicht aufheben sollen, wurde (und wird) zwar verbal vehement bekannt, führt(e) aber keineswegs zu einer Korrektur oder auch nur Problematisierung dieses Ansatzes.