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Einer oder drei VII



Einer oder drei? (VII)[1]

Vom "Vater Jesu" zur Trinität
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1997/imp970509.html

Ein Defizit der Diskussion um die Trinität scheint es zu sein, daß die Ergebnisse historisch-kritischen Forschens in Bibel und Theologiegeschichte nicht genügend gewürdigt werden. Die ersten Ansätze bini- und trinitarischer Vorstellungen im hellenisierten Frühjudentum wurden in den bisherigen Folgen vorgestellt.
Die "Pluralisierung" des Gottesdenkens erwies sich als Produkt des Synkretismus von Judentum und Hellenismus. Das Neue Testament hat den Gott Israels und Vater Jesu verkündet und kennt keinerlei trinitarische Differenzierungen in Gott (auch die sogn. triadischen Formeln sind nicht trinitarisch zu verstehen). Lediglich in einigen wenigen Passagen wird Jesus eine Göttlichkeit zugesprochen, die Anlaß zu späterer binitarischer Reflexion geben konnte. Das Christentum brachte aber zwei neue Aktivitätsbereiche Gottes ein: Gott handelt in Jesus und wirkt in der Kirche. Vor allem die (hellenistische) Christologie wurde bald zu einem Anstoß für die Ausbildung einer Binitätslehre. Dennoch blieb es in einem Teil der judenchristlichen Schriften des 2. Jahrhunderts bei einem undifferenzierten Monotheismus, aber es wurden auch Motive der frühjüdischen Engellehre aufgegriffen. Die frühchristlichen Apologeten aber formulierten eine Logoslehre, die das Wort als eine von Gott unterschiedene, ihm untergeordnete Hypostase behauptete; lediglich im syrischen Raum blieb es weiterhin bei dem ererbten Monotheismus (Monarchianismus). Einen entscheidenden Anstoß für die Ausbildung der Trinitätslehre gab die christliche Gnosis im und seit dem 2. Jahrhundert.

Die Anfänge einer christlichen Binitäts (gelegentlich auch: Trinitäts)-Lehre im zweiten und frühen dritten Jahrhundert

(Vgl. die Abschnitte 1 bis 3.2.4 in den drei letzten Folgen)

3.2.5 Monotheismus und ökonomische "Trinität"

Irenäus von Lyon (+ um 202), kleinasiatischer Herkunft und griechisch schreibend, und Tertullian von Karthago, der wichtigste Repräsentant der sich bildenden lateinischen Theologie, repräsentieren eine neue Entwicklungsstufe in der Ausbildung trinitarischen Denkens vor und nach der Wende zum dritten Jahrhundert. "Neu" ist bei ihnen zum einen die feste Position des Heiligen Geistes, die sich einmal aus der Auseinandersetzung mit der Gnosis ergeben hatte, insofern sie deren ausufernden Emanationslehren auf das ökonomisch, also heilsgeschichtlich erforderliche Minimum reduzierten, dann aber aus der mittlerweile erfolgten Stabilisierung der wesentlichen Teile des neutestamentlichen Kanons[2], wodurch die - scheinbar - triadischen Stellen, insbesondere der Taufbefehl Mt 28,19, eine normative Kraft entfalteten. Ein weiterer "neuer" Entwicklungsschritt besteht darin, daß Irenäus und Tertullian die bisherigen aus der Tradition vorliegenden Begrifflichkeiten und Raster übernehmen und auf ihren systematischen Gehalt hin reflektieren. Sie greifen den biblischen Monotheismus und die Logosspekulation der Apologeten - erweitert um den Geist - auf und versuchen, sie zu verbinden. Im Ergebnis kombinieren sie einen innergöttlichen oder immanenten Monotheismus mit einer "ökonomischen" Trinität, die sich erst mit Schöpfung und Erlösung seit dem "Anfang" bildete.

Für Irenäus ist Gott eine absolute Einheit, fern aller Differenzierung[3]; gegen den gnostischen Dualismus ist er auch kosmischer Gott, "der alles umfaßt".[4] Zwar gibt es das Wort und den Geist in Gott, aber sie sind in ihm von Ewigkeit her[5] beschlossen und mit ihm identisch; Irenäus denkt in Bezug auf Gott monarchisch und kennt keine immanente Trinitätskonzeption.[6]

Wenn Karlmann Beyschlag dieses In-Gott-Sein von Sohn und Geist im Sinne einer "immerwährenden Koexistenz" deutet[7], verkennt er - wie auch die Übersetzung von Norbert Brox - die Intentionen des Irenäus.[8] Wie bei den Apologeten und auch in der Gnosis - vor Beginn der Emanationen - ist Gott, für sich selbst betrachtet, ganz einer, wobei sich der biblische Monotheismus mit dem griechischen Gedanken des einfachen Seins Gottes verbindet. Nach A. v. Harnack "will Irenäus die Bezeichnung _Logos_ nicht so verstanden wissen, als sei der Logos die innere Vernunft oder das gesprochene Wort Gottes: Gott ist ein einfaches Wesen ..."[9] Wie die Apologeten, aber gegen die Gnosis betont Irenäus das Schöpfersein Gottes und rückt somit die Schöpfung in die Nähe Gottes; hierbei sind soteriologische Motive maßgebend, die Einheit von Schöpfung und Gott nicht dualistisch zu zerstören. Gleichzeitig aber kann er - wie die Gnosis und der gesamte Hellenismus - nicht von göttlichen Zwischenwesen absehen. Vor allem aber ist Irenäus soteriologisch von der hellenistischen Vergöttlichungssehnsucht geprägt, weswegen er an der Inkarnation des Sohnes und der uns dadurch ermöglichten Vergöttlichung und - später - der Rekapitulation der Heilsgeschichte interessiert ist: "Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können ... Dazu nämlich ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohne, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindes Statt angenommen, zum Sohn Gottes werde."[10]

Irenäus muß also auf einer eigenständigen Funktion des Logos in Schöpfung und, für ihn wichtiger, in Offenbarung, Inkarnation und Rekapitulation - sowie des Geistes aus soteriologischen Gründen bestehen, und mit der gesamten hellenistischen Mentalität ist er überzeugt, daß Gott selbst seine Einfachheit nicht durch eigene Aktivitäten tangieren kann; er braucht dazu Logos und Geist. Diese aber sind, anders als die Emanationen der Gnosis, die im Widerspruch zu Gott in einer gewissen Eigenständigkeit schaffen und erlösen, "Hände Gottes"[11] - hier greift er ein Bild Philons auf[12] - und seine Werkzeuge[13] so daß er selbst durch sie Schöpfer und Erlöser ist: "Es gibt dagegen nur einen Gott, den Schöpfer, der über alle Hoheit, Macht, Herrschaft und Kraft ist (...). Er ist Vater, Gott, Schöpfer, Vollbringer und Werkmeister, der durch sich, das heißt durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel, Erde, Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat ... Durch sein Wort, das sein Sohn ist, durch ihn wird er offenbart und allen bekanntgemacht ..."[14]

Logos und Geist sind also mit Gott eins und vor dem "Anfang" nicht von ihm zu unterscheiden; erst danach treten sie - das seit Philo und Joh 1 übliche Schema - in eigenständiger Funktion und "Gestalt" in Erscheinung. So ist die Trinität gänzlich ökonomisch und subordinatianisch - Sohn und Geist sind mindere Formen des Gottseins - verstanden, eine Sache der Heilsgeschichte, während Gott selbst ungeschieden einer bleibt. Die Trinität verlagert Irenäus, wenn man so will, "nach außen", außerhalb Gottes selbst. Dort aber, in der Ökonomie, "braucht" Irenäus diese Hypostasen; für Schöpfung und - mehr noch - Offenbarung und Inkarnation sowie Wirken in der Kirche sind Sohn und Geist unverzichtbar, weil Gott selbst nicht unmittelbar, sondern nur mittels seiner "Hände" wirken kann.

Dennoch aber gewinnen Sohn und Geist in der Heilsgeschichte, und nur dort, göttliche Eigenschaft[15]; in der Epideixis schreibt Irenäus: "So ist der Vater Herr und der Sohn Herr und der Vater Gott und der Sohn Gott, denn das von Gott Geborene ist Gott. Und somit ist nach seinem Sein und nach der Kraft seines Wesens ein (einziger) Gott zu erkennen, nach der Heilsordnung unserer Erlösung ist er aber recht eigentlich sowohl Sohn als auch Vater."[16]

Auch hier noch wird bemerkbar, daß das Gewicht der Argumentation binitarisch ist; an anderen Stellen aber wird der Geist einbezogen. Deutlich aber wird die Koexistenz von Monarchianismus für Gott selbst und bini- bzw. trinitarischer Konzeption ökonomischer Art. Ungeklärt bleibt, wie von Sohn und Geist volles Gottsein ausgesagt werden kann, obwohl ihr Sondersein nur dem Bereich der Ökonomie zugehört.

Die Gotteslehre des Klemens von Alexandrien (+ um 215) ähnelt der des Irenäus, wenn sie auch andere Akzentsetzungen - Klemens greift mehr auf gnostische Motive zurück - kennt und weniger ausformuliert ist. Auch für ihn ist - wenn man so will - "Gott schlechthin" eines und einfach: "Auch von Teilen kann man bei Gott nicht reden; denn unteilbar ist das Eine und deshalb auch unendlich ... und demnach gestalt- und namenlos."[17] Hierbei steht bei Gott nicht seine biblische Personalität, sondern seine griechisch-kosmische Dimension im Vordergrund: er ist im platonischen Sinn "Eines ... oder das Gute oder Geist", er ist "das Unsichtbare und Unaussprechliche", "der »Abgrun[d]«, der - antignostisch - "das All umschlossen und gleichsam in seinen Schoß aufgenommen hat."_»
Von diesem "Einen" geht das Gotteswort aus[19], das er auch - angestoßen von der frühjüdischen Engellehre - "Engel" nennt[20], und es gibt auch noch "das Dritte", den Heiligen Geist.[21] Klemens ist - wie "die Apologeten und Philo ... Logostheologe"[22]. Auf ihm, der "die in Christus personifizierte göttliche Weltvernunft"[23] ist und "durch den Gott sichtbar gemacht und offenbart wird" und der in Jesus erschienen ist[24], liegt die Betonung; hierbei ist der Logos - antignostisch - als Weltgesetz in Übereinstimmung mit dem Vater.[25] Sein ökonomisch-trinitarisches Konzept sieht Klemens schon im Timaios Platons, von dem er meint, er sei "von den hebräischen Schriften beeinflußt", grundgelegt.[26] Auch Klemens kombiniert also einen immanent "monarchischen" Gottesbegriff mit einer ökonomischen Trinitätslehre.

Tertullian, der als erster den Begriff trinitas in die lateinische Theologie einführt[27], vertritt eine ganz ähnliche Gotteslehre, reflektiert diese aber systematischer als Irenäus und Klemens und bringt sie begrifflich auf den Punkt. Für ihn ist Gott selbst radikal einer und eins; zwar gibt es - von Ewigkeit her in ihm beschlossen - das Wort (und den Geist): "Und das Wort war bei Gott, und niemals ist es getrennt vom Vater oder ein anderer als der Vater, denn: Ich und der Vater sind eins."[28] Wie bei Philon und Justin ist der Logos also als identisch mit Gott betrachtet, so daß er vor dem "Anfang" monarchianisch gedacht ist.


Erst mit Beginn Ökonomie, mit der Schöpfung und den folgenden heilsgeschichtlichen Schritten entfaltet sich dann eine Trinität: "das Geheimnis der Ökonomie [oikonomiae sacramentum] legt die Einheit in eine Trinität [unitatem in trinitatem] aus ... [disponit], indem sie Vater, Sohn und Geist als drei bestimmt."[29] Und zwar handelt es sich dabei nach Tertullian um eine Substanz, die sich in "Grad", "Form" und "Erscheinung [species]" differenziert, "weil es ein Gott ist, aus dem diese Grade, Formen und Erscheinungen unter dem Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes abgeleitet werden."[30]

Sohn und Geist besitzen also nicht die ewige Vollkommenheit Gottes: Erst als das Wort bei der Schöpfung aus Gott hervorging, "machte es ihn zum Vater, indem es aus ihm hervorging als Sohn"[31]; mit dem Sohnsein begann also die separate Existenz des Wortes, und erst von da an ist der ewige Gott "Vater". So sind Sohn und Geist dem Vater subordiniert und seinsmäßig dem "Gott schlechthin" unterlegen: "Der Vater nämlich ist die ganze Substanz [tota substantia], der Sohn aber eine Ableitung des Ganzen und ein Teil [derivatio totius et portio] ... So ist also der Vater ein anderer als der Sohn, da er doch größer ist als der Sohn ..."[32]

Tertullian charakterisiert Vater, Sohn und Geist in ihrer Sonderheit mit einem Begriff, den er erstmals in die lateinische Theologie einführt: sie sind drei personae. Der Personbegriff[33] ist in seiner genaueren Bedeutung bei Tertullian umstritten; wahrscheinlich ist er im Sinne der "Rolle" zu verstehen, die ein Anwalt bei einem Prozeß "in persona" eines Betroffenen oder die ein Schauspieler übernimmt. Auf keinen Fall hat er die erst seit Boëthius (+ um 524) angestoßene Bedeutung von Subjektivität, darf also nicht im Sinne des modernen Personverständnisses aufgefaßt werden.[34] So ist persona eine übergreifende Bezeichnung der drei ökonomischen Funktionen, die Vater, Sohn und Geist wahrnehmen[35]: "Was auch immer also die Substanz des Wortes gewesen ist, ich nenne jene Person und nehme für sie den Namen des Sohnes in Anspruch und verteidige ... diesen als zweiten vom Vater her."[36]

Was bisher hinter den Versuchen, jüdisch-judenchristlichen Monotheismus mit dem griechischen Gott zusammenzudenken, als Motivation wirkte, wird von Tertullian also reflektiert: Daß dieser zweite (und dritte) Gott erforderlich ist, weil der - griechisch aufgefaßte - Gott nicht selber handeln kann und deswegen zum Zwecke der Weltkonstitution, der Leitung der Geschichte sowie, im Christentum zusätzlich, zum Zweck der Inkarnation in Jesus und der Heiligung, vermittelnder minderer göttlicher Hypostasen bedarf. Die Doppelung oder die Verdreifachung haben also ökonomische bzw. kulturbedingte soteriologische Ursachen und werden deswegen ganz bewußt dem Bereich der Heilsgeschichte zugeordnet, während Gott - für sich betrachtet - monarchianisch bleibt: "So ist die Trinität [trinitas], die durch aneinandergereihte und miteinander verknüpfte Stufen [gradus] vom Vater herkommt, einerseits der Monarchie in keiner Weise hinderlich und andererseits schützt sie den Status der Ökonomie."[37] Die Trinität ist eine mit einem Anfang in der Zeit verknüpfte, nach Tertullian sogar eine am Ende wieder vorübergehende Realität: Christus "übergibt ... dem Vater das Reich und geht wieder in den Vater ein", eine "eschatologische Selbstaufhebung der Trinität".[38]

Weniger reflektiert ist die binitarische Auffassung Hippolyts von Rom (+ 235), der gewissermaßen einmal mehr das Konzept der Apologeten wiedergibt: Der Logos ist vom Vater gezeugt "als innerliche Überlegung über das All". Separat vom Vater existierte er erst im "Moment des Hervorgehens aus dem Erzeuger, als ersterzeugter Laut". Auf Befehl des Vaters wurde er Grund des Alls und schuf alles zum Wohlgefallen des Vaters.[39]

3.2.6 Von der ökonomischen zur immanenten Trinität

Origenes brachte einen entscheidenden und bis zu ihm in dieser Klarheit nicht vollzogenen Schritt in der Entwicklung der Trinitätslehre. War diese bisher - entsprechend den Motiven für ihre Entstehung - ökonomisch umschrieben, so daß sie - recht und schlecht - mit dem grundlegenden Monotheismus bzw. Monarchianismus vereinbar blieb, so wird sie jetzt in Gott selbst hineinverlegt: der ökonomische wird zum gottimmanenten Subordinatianismus, die Einheit Gottes selbst ist zumindest bedroht.

Ausgangspunkt für die Überlegungen des Origenes war die Frage, inwiefern der Logos und der Geist wirklich Gott seien, wenn sie einen Anfang in der Zeit hatten, bzw. inwiefern von Gott ein ökonomisches Handeln ausgesagt werden könne, das nicht - wie er selbst - ewig ist. So folgerte er: "Wie kann man ferner meinen oder glauben, daß Gott Vater jemals auch nur den geringsten Augenblick ohne die Zeugung dieser Weisheit existiert habe ... Daher wissen wir, daß Gott beständig Vater seines eingeborenen Sohnes ist, der zwar aus ihm geboren ist ..., doch ohne jeden Anfang."[40] Der Vater ist also - wie soll es bei Gott anders sein - von Ewigkeit her Vater, und der Logos ist infolgedessen von Ewigkeit her Sohn. Die Zeugung ist "ewig und immerwährend".[41]

Dennoch aber kann sich Origenes nicht lösen von der tradierten ökonomischen Funktion von Sohn und Geist - der "raison d'être" für ihre Differenzierung von Gott selbst; Sohn und Geist vermitteln die Schöpfung und Erlösung. Jetzt aber müssen diese ökonomischen Funktionen in gleicher Weise "ewig" sein, ohne Anfang in der Zeit. Das ist der Grund dafür, daß die Schöpfung nach Origenes eine Stufe kennt, die dem konkreten Anfang der Weltwirklichkeit und Geschichte gegenüber präexistent ist, und eine zweite, die zeitlich ist.

Die präexistente Schöpfung ist eine Welt der Geister, deren Schöpfungsmittler der Logos ist, "während vom Geist als dem ersten vom Logos geschaffenen Wesen die transzendente pneumatische Engelwelt ausgeht."[42] Logos und Geist sind zwar Mittler vom Vater her, gehören aber selbst auch dieser präexistenten Schöpfung zu.[43] "Gottheit und Schöpfung schieben sich also im präexistenten Raum ineinander."[44] Die sichtbare Welt ist ihrerseits Folge eines präexistenten Sündenfalls der geschaffenen Geister - ein gnostisches Motiv -, wird aber selbst - antignostisch - nicht als schlecht, sondern als Chance zur Bewährung aufgefaßt.

Der Schritt zu einer immanenten Trinitätsauffassung ist hier zwar erstmals gegangen worden, aber es wird deutlich, daß das Erbe der ökonomischen Auffassung noch weiterhin wirkmächtig ist; Logos und Geist sind so eng mit ihren ökonomischen Funktionen zusammengedacht, daß letztere an der Transponierung der ersten in die Ewigkeit Gottes teilhaben.

Infolgedessen wird auch der sich aus der ökonomischen Trinitätsauffassung ergebende Subordinatianismus beibehalten - und in Gott selbst hinein verlegt. Der Vater ist weiterhin - oder sogar im Sinne neuplatonischer Tendenzen noch verstärkt - der Gott schlechthin, "der das All zusammenhält"[45]; er ist das Sein selbst[46] oder gar das Überseiende.[47] "Weniger weit als der Vater (wirkt) der Sohn, der nur zu den vernunftbegabten Geschöpfen hindurchdringt; denn er steht an zweiter Stelle nach dem Vater; noch weniger weit der heilige Geist, der nur bis zu den Heiligen hindurchdringt. Insofern ist also die Macht des Vaters größer als die des Sohnes und des heiligen Geistes; größer sodann die des Sohnes als die des heiligen Geistes."[48] Zwar betont Origenes, man dürfe "überhaupt nichts in der Trinität größer oder kleiner nennen", aber im nächsten Satz differenziert er dann doch wieder die besonderen Wirksamkeiten von Vater, Sohn und Geist.[49]

Die Argumentation des Origenes brachte sicherlich Bedenkenswertes zur Sprache: Der Gottesbegriff kann - richtig bedacht - nicht mit einem Anfang in der Zeit verbunden werden. Aber der einzig mögliche Weg, diese Unzuträglichkeiten aufzugeben - nämlich die Rückkehr zu dem einen Gott -, war für Origenes nicht gangbar. Auch er, der Alexandriner, bedurfte des weltimmanenten Logos und - christologisch - der Zwei-Naturen-Lehre, und so blieb ihm nur die Möglichkeit, die Dreiheit mitsamt ihren ökonomischen Begründungen und Folgen (Schöpfung, Erlösung in Jesus Christus[50]) in Gott hinein zu verlegen. Jetzt war die ökonomische Differenzierung eine innergöttliche Angelegenheit, wenn auch der Vater die ihm bisher monarchianisch zugedachten Assoziationen behielt. Daß dies - von der Präexistenz der geschaffenen Geister abgesehen - nicht als neue, vielleicht sogar vertiefte Unzulänglichkeit empfunden wurde, ist wohl nur aus den damaligen kulturgeschichtlichen Kontexten heraus zu begreifen: auch der gleichzeitig entstehende Neuplatonismus Plotins gliederte den Bereich des Göttlichen in drei Hypostasen: Das Eine (tò hén), den Geis (Nus) und die (Welt-) Seele (Psyché); durch Vermittlung der minderen Hypostasen Geist und Psyché konnte das Eine immanentes Prinzip des Kosmos sein und doch ganz einfach und überseiend bleiben.

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