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Einer oder drei VI

http://www.imprimatur-vatikan.de/1997/imp970403.html
Karl-Heinz Ohlig
Einer oder drei? (VI)

Vom "Vater Jesu" zur Trinität
Ein Defizit der Diskussion um die Trinität scheint es zu sein, daß die Ergebnisse historisch-kritischen Forschens in Bibel und Theologiegeschichte nicht genügend gewürdigt werden. Die ersten Ansätze bini- und trinitarischer Vorstellungen im hellenisierten Frühjudentum wurden in den bisherigen Folgen vorgestellt. Die "Pluralisierung" des Gottesdenkens erwies sich als Produkt des Synkretismus von Judentum und Hellenismus. Das Neue Testament hat den Gott Israels und Vater Jesu verkündet und kennt keinerlei trinitarische Differenzierungen in Gott (auch die sogn. triadischen Formeln sind nicht trinitarisch zu verstehen). Lediglich in einigen wenigen Passagen wird Jesus eine Göttlichkeit zugesprochen, die Anlaß zu späterer binitarischer Reflexion geben konnte. Das Christentum brachte aber zwei neue Aktivitätsbereiche Gottes ein: Gott handelt in Jesus und wirkt in der Kirche. Vor allem die (hellenistische) Christologie wurde bald zu einem Anstoß für die Ausbildung einer Binitätslehre. Dennoch blieb es in einem Teil der judenchristlichen Schriften des 2. Jahrhunderts bei einem undifferenzierten Monotheismus, aber es wurden auch Motive der frühjüdischen Engellehre aufgegriffen.
Die frühchristlichen Apologeten aber formulierten eine Logoslehre, die das Wort als eine von Gott unterschiedene, ihm untergeordnete Hypostase behauptete; lediglich im syrischen Raum blieb es weiterhin bei dem ererbten Monotheismus (Monarchianismus).
Die Anfänge einer christlichen Tinitäts- (gelegentlich auch: Trinitäts)-Lehre im zweiten und frühen dritten Jahrhundert
(Vgl. die Abschnitte 1 bis 3.2.3 in den beiden letzten Folgen)
3.2.4 Entscheidende Impulse durch die Gnosis
Schon vor der Zeitenwende entstand im Mittelmeerraum eine neue religiöse Strömung, die sich parallel mit dem Christentum ausbreitete und mit - und teilweise: in - ihm koexistierte: Die Gnosis, der zufolge Erlösung durch "Erkennen" (Gnosis) geschieht, durch die Erkenntnis, "wo wir waren, wohin wir geworfen sind, wohin wir eilen, wovon wir erlöst worden sind, was Geburt ist, was Wiedergeburt."[2] Lange Zeit war diese Religion nur als eine innerchristliche Häresie bekannt. Erst in diesem Jahrhundert entdeckte man, daß sie in weiteren Ausprägungen vorliegt und als ein spezifisches Daseinsverständnis der Spätantike zu begreifen ist, das sich mit unterschiedlichen religiösen Traditionen verbunden und deren Mythenmaterial zum Ausdruck der eigenen Auffassungen benutzt hat. Diese These wird auch durch das nichtchristliche Corpus Hermeticum, eine Schriftensammlung, deren zentrale Figur der griechische Gott Hermes ist, und die Funde von Nag Hammadi [3] bestätigt. Seitdem hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß es sich bei der Gnosis um eine eigenständige spätantike Religion handelt, die sich zwar, parasitär[4], fremder religiöser Traditionen bedient, auch unterschiedliche Organisationsformen ausbildet, aber dennoch eine Einheit darstellt. Grundlegend ist eine negative Wertung der konkreten Wirklichkeit, ein Weltpessimismus; der Mensch sieht sich als Fremder in diese Welt hineingeworfen. Daß er an ihr leidet, zeigt aber, daß er im Grunde auf eine andere, bessere Wirklichkeit angelegt ist und diese in sich trägt. So ist er in sich gespalten und schwankt zwischen gut und böse.
Diese ethische Alternative aber wird in der Wirklichkeit der Welt und des Menschen begründet und so zu einem seinshaften Dualismus: "Dualistisch ist das Gottesbild: Dem oberen, überweltlichen, geistigen und guten Gott, seinem Bereich (dem Pleroma) und dessen Bewohnerschaft (Äonen) auf der einen Seite stehen der unfähige, unwissende Weltschöpfer (Demiurg) und sein Anhang (Archonten, Planetengeister und andere), die Materie, der Kosmos und die Menschenwelt auf der anderen gegenüber ... Die Welt ist für die Gnostiker also Produkt von Mißgeschick und Schwäche. Der obere Gott hat sie nicht zu verantworten."[5]
Die Entstehung der Weltwirklichkeit ist Resultat einer Reihe von Emanationen, an deren Anfang entweder - so die gemäßigten Richtungen - der grundlegend eine und gute Gott stand; eine der aus ihm hervorgegangenen minderen Gestalten wandte sich aber - durch Verblendung, Irrtum und Sünde - von seinem Ursprung ab und verkörpert jetzt das böse Gegenprinzip. Es gibt auch radikalere Formen der Gnosis, in denen das Gegenprinzip nicht eine Emanation ist, sondern gleichursprünglich wie der gute Gott. Das böse Prinzip - oder der Gegengott - wird gemäß den gnostischen Mythen zum Weltschöpfer, zum Demiurgen. Er "erschafft" alles, indem er Geistiges und Lichtvolles mit Materiellem und Dunklem vermischt; die menschlichen Seelen werden von ihm in die Materie verbannt.
Weil der gute Gott einer Welt, in der Gutes, Geistiges, Lichtvolles mit Bösem, Materiellem und Finsterem verbunden waren, gegenüberstand und er selbst mit ihr, um sich nicht selbst zu beflecken, keinen Kontakt haben durfte, dachte man sich zwischen Gott und Welt einen Bereich des Pleroma, der "Fülle", geistiger Zwischenwesen, die sich in komplizierten Reihungen - hier gibt es eine große Zahl phantastischer Mythen - von Gott herleiten. Einer der Äonen übernimmt dann die Aufgabe, den in die Menschenleiber verstreuten und dem Irrtum verfallenen Seelen das Wissen um die wahren Zusammenhänge zu bringen. Diese Erlösergestalt ist in den christlichen Varianten Jesus Christus.
Die Auseinandersetzung des jungen Christentums mit der Gnosis war deswegen so schwierig, weil die hellenistischen Christen in weiten Teilen ähnlich dachten und empfanden wie die Gnostiker. So konnten sich gnostische Anschauungen im Christentum ausbreiten. Vor allem schien es einleuchtend, daß zwischen dem Gott schlechthin und der Welt eine Fülle "göttlicher" Emanationen vermitteln mußte, so daß "Gott allein" nicht zur Erklärung der Weltschöpfung - selbst wenn Christen sie nicht einem bösen Prinzip, sondern Gott zueigneten - und der Erlösung ausreichte; es mußte weitere himmlische Gestalten geben.
Einige Beispiele sollen dieses Denken verdeutlichen:
Beispiel 1: Die Oden Salomos
Die Oden Salomos ("Salomo" steht für Jesus Christus), die im ersten Viertel des zweiten Jahrhunderts - also noch zu "neutestamentlichen Zeiten" - entstanden sind, sind eine Art christlich-gnostisches Liederbuch; Anlaß zu seiner Entstehung waren wahrscheinlich Kol 3,16 und Eph 5,19, wo von "Psalmen, Hymnen und geistlichen Gesängen" der Christen die Rede ist. In vielen der 42 Lieder geht es um die Gnosis und Worte der Wahrheit, die aus der himmlischen Welt herabfließen. Der "Mund des Herrn (ist) das wahre Wort ... und das Tor seines Lichts. Und der Höchste gab es seinen Äonen ... Denn die Schnelligkeit des Wortes ist unerzählbar ... Und die Äonen redeten durch es (sc. das Wort), einer zum anderen. Denn die Zeltwohnung des Wortes (vgl. Joh 1,14) ist der Mensch[ensohn], und seine (sc. des Wortes) Wahrheit ist die Liebe."[6] Ganz selbstverständlich ist die Gnosis von Gott her vermittelt durch die Äonen, und das Wort wohnte im Menschensohn.
Ähnliche Gedanken finden sich in Ode 19, die auch den Geist miteinbezieht: "Der Becher der Milch nahte sich mir, und ich trank ihn in der Süße der Milde des Herrn. Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken wurde, der Vater, und die ihn melkte, die Geistesmacht der Heiligkeit." Einige Verse weiter heißt es mit Anspielung auf die Inkarnation dann: "Es empfing der Schoß der Jungfrau, und sie wurde schwanger und gebar. Und Mutter wurde die Jungfrau in großer Liebe und hatte Wehen und gebar einen Sohn."[7] Oder: "Der Vater der Gnosis ist das Wort der Gnosis. Er, der Sophia (Weisheit, Verf.) geschaffen hat, ist weiser als seine Werke ... Weil er ist, ist er unvergänglich, das Pleroma der Äonen ist ihr Vater. Er gewährte ihm, daß er denen erschiene, die sein sind, damit sie den erkannten, der sie erschuf."[8]
Die Oden Salomos kennen keinen grundsätzlichen Dualismus; auch die Schöpfung ist Werk Gottes. Zwischen ihm und der Welt steht aber eine Fülle von Äonen, zu denen auch Wort und Geist bzw. Sophia gehören. Ohne sie kann weder die Weltwirklichkeit noch die Erlösung aus Lüge und Irrtum erklärt werden. Wenn Jesus wirklich der Erlöser ist, muß er - das ist selbstverständlich - die Inkarnation einer himmlischen Hypostase sein.
Beispiel 2: Die Valentinianische Gnosis
Diese Denkstrukturen sind noch deutlicher ausgeprägt z.B. in der Valentinianischen Gnosis, deren System der Bischof Irenäus von Lyon (um 202) in seiner Schrift "Gegen die Häresien" schildert. In ihren Mythen zählten sie eine Fülle von Emanationen auf: Aus einer "unnennbaren Dyas (Zweiheit)" emanierte eine zweite Dyas, die wieder als Frucht den "Logos und Zoe (Leben), Anthropos und Ekklesia" hervorbrachte. Aus Logos und Zoe emanierten "zehn Kräfte" usf. "Christos ist aber nicht von den Äonen im Pleroma emaniert worden, sondern von der aus dem (Pleroma) ausgeschlossenen Mutter", und das "heilige Pneuma ist von der Aletheia emaniert worden". So geht das weiter.
"Von Jesus sagt er (Valentin, Verf.) einmal, er sei von dem von ihrer Mutter getrennten (Äon) emaniert worden."[9] Erlösung ist auch hier nur denkbar als Verlautbarung von Wissen aus dem Zwischenreich des Pleroma, durch die Vermittlung von aus Gott emanierten minderen Hypostasen.
Beispiel 3: Das Evangelium der Wahrheit
Das System des "Evangeliums der Wahrheit" (2./3. Jh.) "sieht so aus: Der oberste Gott ist der Vater der Wahrheit, der nicht entstanden ist, sondern anfanglos ist. Sein Aufenthaltsort ist das Pleroma. Der Vater bringt seinen Sohn Logos hervor, der auch Jesus Christus und Heiland genannt wird. Danach schafft der Vater das All, die Äonen. Sie alle sind im Pleroma ... Nur der Logos kennt den Vater. Die Äonen können den Vater nur durch Vermittlung des Logos erkennen. Da die Äonen aber von sich aus nach dem Vater suchen und ihn nicht finden, geraten sie in Unruhe, Angst und Schrecken. Ihre Erkenntnisfähigkeit wird gelähmt ... Es entsteht die Planê, der Irrtum, der den Vater nicht kennt. Der Irrtum bringt die Materie hervor und bildet aus ihr die irdische Welt und den Körper des ersten Menschen ... In der unteren Welt herrschen Neid und Streit ... Von der Wirklichkeit des Vaters aus gesehen ist die ganze untere Welt ein Nichts, nur Schein ... Dieser Mangel wird vom Logos am Ende der Zeit beseitigt. Er kommt aus dem Peroma in die obere Welt der Äonen und offenbart den Äonen, deren Gestalt er annimmt, die Kenntnis des Vaters. Dann steigt er als Jesus Christus und Erlöser in die untere Welt herab, nimmt einen Leib aus Fleisch an ... Der Irrtum, der Herrscher der unteren Welt, fühlt sich durch ihn bedroht, und man schlägt ihn als Kreuz, so daß er 'für viele' stirbt. Er zieht danach seine Unvergänglichkeit an und kehrt ins Pleroma zurück ..."[10]

Im Text des "Evangelium der Wahrheit" wird von Gott und dem Logos erzählt:
"Das Evangelium der Wahrheit ist Jubel für diejenigen, welche die Gnade vom Vater der Wahrheit empfangen haben, daß sie ihn erkennen durch die Kraft des Wortes (Logos), das aus dem Pleroma gekommen ist: das, welches im Denken und im Nus (Verstand, Verf.) des Vaters war - das ist der, den man >Heiland< nennt - ... Das ist das Evangelium ..., das er den Vollkommenen ... offenbart hat, das geheime Mysterium, Jesus Christus; durch diesen hat er diejenigen erleuchtet, die durch das Vergessen in der Finsternis sind ... Deshalb zürnte ihm die Planê (=der Irrtum), sie verfolgte ihn.... Man nagelte ihn ans Kreuz ... Nachdem er den Mangel gefüllt (=behoben) hatte, löste er die äußere Erscheinung auf. Seine äußere Erscheinung ist die Welt, in der er gedient hatte ..."[11]
Beispiel 4: Die Pistis Sophia
Die koptische Pistis Sophia bietet Texte, die aus der Zeit der späteren Gnosis im 3. Jahrhundert stammen. Im ersten Teil unterhält sich der auferstandene Christus zwölf Jahre nach seinem Tod mit Maria und mit Johannes; inhaltlich geht es um den "Fall und die Erlösung der Pistis Sophia, einer der vielen Gestalten der gnostischen Erlösungswelt".[12]
"Der auferstandene Jesus spricht zu seinen Jüngern
7. >> ... Und als ich mich zur Welt (...) aufgemacht hatte, kam ich in die Mitte der Archonten (...) der Sphaera (...) und hatte die Gestalt des Gabriel, des Engels (...) der Äonen (...); und nicht haben mich die Archonten (...) der Äonen (...) erkannt, sondern (...) sie dachten, daß ich der Engel (...) Gabriel wäre. Es geschah nun, als ich in die Mitte der Archonten (...) der Äonen (...) gekommen war, blickte ich herab auf die Welt (...) der Menschheit, auf Befehl (...) des ersten Mysteriums (...). Ich fand Elisabet, die Mutter Johannes' des Täufers, bevor sie ihn empfangen hatte, und ich säte eine Kraft in sie ... Jene Kraft nun befindet sich in dem Körper (...) des Johannes ...
8. ... Es geschah nun darnach, da blickte ich auf Befehl (...) des ersten Mysteriums (...) auf die Welt der Menschheit hinab und fand Maria, welche 'meine Mutter' gemäß (...) dem materiellen (...) Körper (...) genannt wird; ich sprach mit ihr in (...) der Gestalt (...) des Gabriel, und als sie sich in die Höhe nach mir gewandt hatte, stieß ich in sie hinein die erste Kraft, welche ich von der Barbelo[13] genommen hatte ... Und an der Stelle der Seele (...) stieß ich in sie hinein die Kraft, welche ich von dem großen Zebaot, dem Guten (...) ... genommen habe...<<."
In Abschnitt 61 ist auch noch vom Geist die Rede, den Maria wegen seiner Ähnlichkeit mit Jesus für ein Gespenst hielt und ans Bett fesselte. Als Jesus mit Joseph und Maria wieder ins Haus zurückkam, "fanden (wir, so erzählt Maria, Verf.) den Geist (...) an das Bett gebunden. Und wir schauten dich (Jesus, Verf.) und ihn an und fanden dich ihm gleichend; und es wurde der an das Bett Gebundene befreit, er umarmte dich und küßte dich, auch du küßtest ihn, und ihr wurdet eins ..."[14]
Die Vielfalt der gnostischen Hypostasen, von denen eine dann - in den christlichen Versionen - in Jesus inkarniert, ist beinahe unübersehbar. Dennoch gibt es bei ihnen auch eine gewisse Vorliebe für die Zahl drei: "Immer wieder begegnet uns vor allem die Drei. Sie ist ja Ausdruck der Mehrzahl ... Oft geht man ... von der paganen Vorstellung von Gott-Vater, Gott-Mutter und göttlichem Kind aus."[15] A. Böhlig zählt im folgenden eine Reihe von gnostischen Texten auf, in denen unterschiedliche göttliche Dreiheiten hervorgehoben sind[16], und schlußfolgert: "von da aus ist es nur noch ein Schritt zur Trinität Gott - Sohn - Geist."[17]
Die gnostischen Texte mit ihren Konstruktionen himmlischer Emanationen, die zwischen Gott und der Welt vermitteln, erscheinen uns heute abstrus. Ihre Verbreitung in der hellenistischen Gesellschaft rund um das Mittelmeer aber mag zeigen, daß sie der damaligen Mentalität entsprachen. Man hielt es für selbstverständlich, daß bei Annahme des letzten guten Prinzips, Gottes, weder er selbst die böse Welt schaffen noch die Erlösung bewirken konnte. Es schien logisch zwingend zu sein, solche mindere göttliche Zwischenwesen anzunehmen, um die Realität der Welt und die Hoffnungen der Menschen auf Erlösung erklären zu können.
Diese Denkraster wurden auch von vielen Christen geteilt, weswegen sich die Gnosis in der Kirche weit verbreiten konnte.
Die schließlich siegreiche theologische Bekämpfung der Gnosis richtete sich auf zwei Ziele: Zum einen entfaltete der biblische Schöpfungsgedanke mit der Zeit sein Wirkung, nach dem die Welt von Gott selbst geschaffen und zunächst - vor der Sünde des Menschen - gut war; abgelehnt wurde ein ontologischer oder kosmischer Dualismus zu Gunsten eines ethischen (das Böse ist Folge der Tat des Menschen). Dies konnte allerdings nicht verhindern, daß er latent weiterwirkte und im Christentum - oft bis heute - die "irdischen Dinge", der Leib, die Frau, die Sexualität, Besitz und eigene Selbstbestimmung des Lebens als minderwertig ansgesehen wurden; der "vollkommene" Christ sollte "geistlich" leben, idealtypisch verkörpert in dem seit dem 3. Jahrhundert aus eben diesen Motiven entstehenden Mönchtum mit seinem Verzicht auf Sexualität, Besitz und eigenen Willen.
Zum anderen bekämpften kirchliche Theologen die abstruse Vielfalt der himmlische Hypostasen und der erklärten diese für >Mythologie<. Als Beispiel mag Irenäus dienen, der sich in seinen Büchern "Gegen die Häresien" - gemeint sind vor allem die Gnostiker - über diese sogar lustig macht: "Auweh, auweh! Den Jammerruf muß man ausstoßen bei solcher Namenbilderei und solcher Frechheit, mit der er (ein namentlich nicht genannter Gnostiker, Verf.), ohne rot zu werden, für seine Lügenmärchen die Namen ausgesucht hat."[18]
Irenäus polemisiert gegen die Gnostiker, die z.B. aus dem Johannesprolog herauslesen, daß acht Emanationen (eine Ogdoas) aus Gott erfolgt seien, indem sie dort vorkommende Begriffe ("Anfang", "Wort", "Leben" usf.) zu je eigenen Hypostasen machen.[19] Er insistiert darauf, daß Johannes nur von einem Logos rede, der aus dem Vater hervorgegangen und in Jesus Christus inkarniert sei.[20] "So begreift doch, ihr Toren, daß Jesus ... und niemand sonst der Logos Gottes ist ... Wenn der Logos des Vaters, der hinabstieg, auch der ist, der hinaufstieg (...) ..., dann hat Johannes nicht von einem anderen und auch nicht von einer Ogdoas geredet."[21]
Oder:
"Da der Geist also ... herabgekommen ist und der Sohn Gottes, ... der auch Wort (Logos) des Vaters ist, als die Zeit sich erfüllte (...), in einem Menschen Fleisch geworden ist, ... (daher) sind alle Lehren derer als Lügen erledigt, die Odgoaden (Achtheiten), Tetraden (Vierheiten) und (andere) Scheingrößen erfunden und sich Unterteilungen ausgedacht haben."[22]
Die Argumentation geht also gegen die Ausuferungen der Hypostasierungen, die die Gnostiker vornahmen, nicht aber gegen die Grundidee als solche: Irenäus reduziert lediglich die Zahl auf den Logos (und den Geist). Der Raster aber, daß es zur Erklärung von Schöpfung und Erlösung nicht genügt, auf Gott hinzuweisen, sondern göttlicher Mittlergestalten bedarf, gilt auch für ihn. "Die Kritik des Irenäus läuft also lediglich darauf hinaus, die von dem Vatergott ausgehende Vielheit der göttlichen Äonen auf einen, aus dem Vater erzeugten göttlichen Logos-Sohn zu reduzieren, der in dem irdischen Jesus Fleisch wird. Diese Reduktion erfolgt innerhalb des gleichen, als gemeinsam vorausgesetzten und anerkannten Grundschemas."[23]
Diese Beobachtung gilt auch für die anderen "frühkatholischen" Schriftsteller, die nach der Wende zum 3. Jahrhundert ihre Vorstellungen über Gott und Schöpfung/Erlösung in den Auseinandersetzungen mit der Gnosis entfalteten: für Tertullian im Westen, Klemens und Origenes von Alexandrien im Osten der damaligen Kirche. In ihren Vorstellungen wird die Gnosis nicht überwunden, sondern lediglich "verchristlicht" durch die Ablehnung eines prinzipiellen Dualismus (nicht aber eines dualistischen Lebensgefühls) und durch Beschränkung der Hypostasen zwischen Gott und Welt auf die Zahl zwei: den Logos/Sohn und den Geist.
So ist die gnostische Mentalität, die der Sache nach das Denken und Empfinden des Hellenismus dieser Zeit in zugespitzter Weise, aber exemplarisch verdeutlicht, ein wichtiges Motiv dafür, daß sich das christliche Gottesdenken trinitarisch verfestigte. Der eine gute Gott allein konnte das Zustandekommen von Schöpfung und Erlösung nicht erklären; (mindestens) Logos/Sohn (und Geist) waren zur Lösung dieser Frage unverzichtbar.