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Ein Rückschritt im ökumenischen Gespräch


Ein Rückschritt im ökumenischen Gespräch
Die Glaubenskongregation gibt „Antworten zu einigen
Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/mainframe.html

Die Kongregation für die Glaubenslehre, deren Präfekt Joseph Kardinal Ratzinger bis zu seiner Wahl zum Papst war – der jetzige Präfekt heißt William Kardinal Lerada –, hat am 29.06.07 ein wahrlich kurzes Papier, mit Billigung des Papstes, veröffentlicht. Auf fünf Seiten, mehr als eine Seite Anmerkungen mitgerechnet, werden nach einer kurzen Einleitung fünf Fragen gestellt und jeweils mit wenigen Zeilen beantwortet.
In der Einleitung wird – wohl als Anlass für die Erklärung – von „neuen Beiträgen“ gesprochen, „die nicht immer frei sind von irrigen Interpretationen“; deswegen sollen einzelne römische Schreiben zum Thema seit 1973 in einigen Punkten verdeutlicht werden.
In der ersten Frage, ob das Zweite Vatikanische Konzil die vorausgehende Lehre über die Kirche verändert habe, wird gesagt: „Was war, das ist geblieben“. Die zweite Frage will die Bedeutung der Konzilsaussage, dass „die Kirche Christi in der katholischen Kirche ,subsistiert’ “, erläutern. Den „noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ stehenden Gemeinschaften wird – immerhin – bescheinigt, dass in ihnen Heiligung und Wahrheit zu finden seien. „Das Wort ,subsistiert’ wird hingegen nur der katholischen Kirche allein zugeschrieben“. Zum dritten wird gefragt, warum es ,subsistiert’ statt einfach ,ist’ heißt. Aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird zitiert, dass die „getrennten Kirchen (so noch im Konzil, Verf.) und Gemeinschaften, auch wenn sie ... mit ... Mängeln behaftet sind, keineswegs ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heils“ sind. ,Subsistiert’ soll also – im Unterschied zu einem einfachen ,ist’ – diese Möglichkeit sprachlich berücksichtigen.
In der vierten Frage geht es um die getrennten „Ostkirchen“, die „Kirchen“ genannt werden. Das ist so, weil sie die Sakramente und die apostolische Sukzession besitzen. Weil sie aber das Papsttum nicht anerkennen, sind sie nur als „Teil- oder Ortskirchen“ zu betrachten; ihr „Teilkirchesein (leidet) ... unter einem Mangel“. Fünftens wird gefragt, warum den „Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind“, der „Titel ,Kirche’ nicht zukommt.“ Antwort: Weil sie „die apostolische Sukzession im Weihesakrament“ nicht besitzen, also kein „sakramentales Priestertum“. So können sie „nicht ‚Kirchen’ im eigentlichen Sinn genannt werden.“
Die Frage-Antwort-Form erinnert an das Vorgehen von Katechismen (für die Einfältigen und Kinder), und dem entsprechen auch die Inhalte. Die Antworten stützen sich auf Binnenverweise: einige Sätze des Zweiten Vatikanischen Konzils, aus päpstlichen Ansprachen oder Dokumenten, aus Papieren der Glaubenskongregation; weder die Bibel noch größere Zusammenhänge werden reflektiert. So sind die schlichten Antworten nur auf die römische Binnentradition gestützt, auf jüngere römische Verlautbarungen.
Sinn und Zweck des Dokuments liegen nicht offen zutage. Warum z.B. glaubte der Vatikan, dieses Papier jetzt schreiben zu müssen? Es lässt sich nur erkennen, dass alle Versuche, die evangelischen Kirchen als gleichwertige Gesprächspartner anzuerkennen, unterbunden werden sollen. Hatte sich doch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch in der katholischen Theologie die Tendenz verbreitet, diese ohne weitere Einschränkungen als „Kirchen Jesu Christi“ anzuerkennen, zumal ja alle Kirchen, wahrhaftig auch die katholische, „Mängel“ vorweisen können.
Dies soll nun nicht mehr sein dürfen. Warum? Zum einen, weil die Glaubenskongregation überzeugt ist, nur die katholische Kirche sei dies. Hierbei wird im Grunde zunächst eine Selbstverständlichkeit polemisch ausgesprochen, die zu jedem interreligiösen und interkonfessionellen Dialog gehört: Jeder muslimische Gesprächspartner wird den Islam für die allerbeste Religion bei Allah halten, katholische Gesprächspartner ihre eigene Kirche – sonst könnten sie ja wechseln –, und ich nehme an, dass auch z.B. Bischof Huber die Kirchen der Reformation für evangeliumsgemäßer hält als die katholische Kirche. Wer nicht in der eigenen Tradition lebt und diese, wenigstens prinzipiell, bejaht, muss gar nicht erst diskutieren. Aber diese Ausgangsüberzeugung allen anderen entgegenzuhalten, wird ein Gespräch von vorneherein verhindern, und das scheint die Absicht zu sein.
Allerdings ist diese Überzeugung, die bei allen Gesprächspartnern vorausgesetzt werden kann, nun doch durch die geschichtlichen Entwicklungen einigermaßen modifiziert und sollte in ihrer Absolutheit abgemildert sein. Immerhin liegt die historische Kontingenz der je eigenen Traditionen und Positionen offen zutage, und in allen Kirchen sollte sich darüber hinaus auch das Bewusstsein verbreitet haben, nicht nur kontingente Verwirklichungen des Christlichen anbieten zu können, sondern auch viel Versagen und Schuld mitzuschleppen und auch die konfessionelle Spaltung der Christenheit mitverschuldet zu haben. Damit müsste die Bereitschaft verbunden sein, im Spiegel der je anderen eigene Schwächen sehen und so bei den anderen auch vieles lernen zu können. Eine christliche Einheit als bloße Übernahme aller „fremden“ Überzeugungen ist illusorisch, und für die Forderung nach einer einfachen „Rückkehr“ der je anderen fehlt auf Grund der Geschichte die moralische Legitimation.
Für die eigene Richtigkeit der katholischen Kirche als Kirche werden in dem Dokument, wie ausgeführt, nur Verweise auf die kurzzeitige römische Tradition genannt. Aber selbst wenn sich das Dokument die Mühe gemacht hätte, weiter in die Vergangenheit, bis in die Reformationszeit, zurückzugreifen, hätte sie ihre Position vielfältig belegen können: wahre Kirche ist nur die katholische Kirche. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass der Rückgriff auf Tradition allein jede Lernfähigkeit ausschließt. Natürlich war es seit der Reformation üblich, die Protestanten als Häretiker zu betrachten und ihre Gemeinschaften eben auch als häretische Gruppierungen. Umgekehrt war der Papst, z.B. für Martin Luther, wie schon für die Franziskanerspiritualen des Spätmittelalters, der Antichrist, die Katholiken Anhänger einer nicht jesuanischen oder nicht paulinischen Werkgerechtigkeit. Sollen wir bei diesen fünfhundert Jahre alten Überzeugungen stehen bleiben? Insofern führen die Versuche nicht weiter, diese Vorstellungen und die darauf basierenden rechtlichen Formulierungen penibel zu erklären; sie müssen, wie z.B. im Beitrag des Kirchenrechtlers Winfried Aymans in der FAZ, zu einem negativen Resümee führen.[1]
Es geht ja gar nicht darum, die verschiedenen Kirchen organisatorisch und in allen Detailfragen der Lehrtradition zu vereinen. Vielmehr würde als ökumenische Zielsetzung ausreichen – und das wäre das Entscheidende –, sich gegenseitig wie in der Kirche der ersten drei Jahrhunderte als wenigstens prinzipiell legitime Versuche zur Nachfolge Jesu und zur Evangeliumsverkündung anzuerkennen, den Primat des Christlichen vor seinen konfessionellen Konkretionen zu sehen. Dann könnte jede kirchliche Variante ihre spezifischen Traditionen weiterpflegen, aber im praktizierten Wissen darum, z.B. bei Abendmahlsgemeinschaften, dass im Grundlegenden Einheit besteht. Dies würde auch einzelne „Unterscheidungslehren“ nicht unberührt lassen und mit der Zeit auch zu gegenseitigen Korrekturen führen.
Dafür, dass die Kirche Jesu Christi (nur) in der römisch-katholischen Kirche subsistiert[2] , werden in dem römischen Dokument ausschließlich institutionelle und sakrale Gründe angeführt: Nur sie besitzt „die apostolische Sukzession im Weihesakrament“. Die „Ostkirchen“ kommen ein wenig besser weg als die evangelischen Kirchen: sie besitzen ebenfalls die genannte apostolische Sukzession, aber es fehlt ihnen die Anerkennung des Papsttums, so dass auch sie „unter einem Mangel“ leiden. Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen können aber wegen des Fehlens der apostolischen Sukzession und des sakralen Weihecharakters nicht Kirchen im eigentlichen Sinn genannt werden.
Theologisch ist diese Begründung, gelinde gesagt, sehr „mager“. Gehören zum Kirche-Jesu-Christi-Sein nicht wichtigere Aspekte als die Amtsfrage, z.B. die Nachfolge Jesu, die Evangeliumsgemäßheit der Predigt, die fundamentale Gemeinschaft im Namen Jesu („Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, bin ich mitten unter ihnen“) usf.? Die Beschränkung der Kriterien auf die apostolische Sukzession, deren Bedeutung erst im antignostischen Kampf gegen Ende des zweiten Jahrhunderts im lateinischen Westen wichtig wurde, und das Verweisen auf das – nicht-neutestamentliche – „Weihesakrament“ gehen am Zentrum dessen, was Kirche Jesu Christi theologisch ausmacht, vorbei bzw. sind christlich peripher.
Neben diesem theologischen Mangel gibt es auch ein nicht weg zu diskutierendes historisches Argumentationsdefizit: Die Glaubenskongregation zitiert das Zweite Vatikanische Konzil: „Christus hat eine einzige Kirche ‚hier auf Erden ... verfasst’ und sie als ‚sichtbare Gemeinschaft’ gestiftet“. Historisch lässt sich diese fromme Aussage aber nicht erhärten. Auch gemäß vielen katholischen Exegeten hat sich Jesus in seinem Leben ausschließlich zum Volk Israel gesandt gefühlt und erhob den Anspruch, dieses und seine zwölf Stämme zu reformieren. Die Gründung einer Kirche aus Juden und Heiden – die Aufnahme von Heiden wird im Neuen Testament nicht in einem Wort Jesu, sondern mit einer Vision des Petrus (Apg 10) begründet – kam nicht in seinen Blick, auch weil er von der Naherwartung geprägt war. Ebenso haben sich die frühen Christengemeinden zunächst als jüdische Reformgruppen verstanden. Die Trennung vom Judentum war ein allmählicher und schmerzvoller Vorgang, der sich in den Evangelien und bei Paulus spiegelt. Jesus hat also die Kirche, historisch betrachtet, nicht gegründet, so sehr sie – nachjesuanisch – entstanden ist als weiterführende Konsequenz seines Lebens und insofern „Kirche Jesu Christi“ ist.

Aus diesem Grunde hat Jesus die Kirche auch nicht „verfasst“, also ihr eine Struktur und institutionelle Regeln vorgegeben. Wenn der Zwölferkreis, wofür vieles spricht, in das Leben Jesu zurückreicht, soll er symbolisch seinen Anspruch auf eine Reform aller zwölf Stämme repräsentieren und ist nicht als Grundlegung eines kirchlichen Amtes zu verstehen. Missionare, also Apostel, gab es erst nach dem Tod Jesu, nur der spät schreibende Lukas nennt schon „die Zwölf“ Apostel und will den Begriff auf sie (und Paulus) beschränken.
Die Ausbildung kirchlicher Leitungsämter lässt sich erst, in Ansätzen, in den Spätschriften des Neuen Testaments erkennen, als die Gemeinden anfingen, von der Naherwartung Abschied zu nehmen und sich „in der Zeit“ einzurichten. Weil für die Konstruktion dieser Ämter keine Weisungen Jesu oder der „Apostel“ vorlagen, orientierte man sich an einem wohlbekannten Modell, wie es in den Synagogengemeinden rund um das Mittelmeer, aus denen die Christengemeinden hervorgegangen waren, gegeben war: Diese wurden von einem Gremium von „Presbytern“ (Ältesten) geleitet. Auch die Christengemeinden, noch lange Zeit eine Art von Hausgemeinden, wurden bald von Presbytern, also angesehenen Männern (und Frauen), geleitet, und weil der Ausdruck „Älteste“ in der hellenistischen Umwelt missverständlich war, nannte man sie auch einfach –gleichbedeutend – Episkopen (Aufseher). In einigen dieser Spätschriften, nicht in allen (so lehnt z.B. das Matthäusevangelium jegliche Amtsansprüche ab und postuliert eine „bruderschaftliche Gemeinde“, das „pneumatische“ Johannesevangelium ist an diesen Fragen uninteressiert), findet sich diese gremiale Form der Gemeindeleitung durch Presbyter/Episkopen. Diese wurden nicht sakral verstanden; wohl bewusst vermeidet das Neue Testament für sie das Wort hiereús (sacerdos, „Priester“ im kultischen Sinn).
Erst in nachneutestamentlicher Zeit bildet sich, zunächst in Syrien und Kleinasien, der sogn. Monespiskopat aus, die Leitung der Gemeinden durch einen einzelnen Episkopen, den Sprecher und Leiter des Gremiums der Presbyter. Diese Leitungsstruktur – der Bischof als Leiter, „unter ihm“ die Presbyter und Diakone – setzte sich erst bis gegen Ende des zweiten Jahrhunderts im ganzen Mittelmeerraum durch. In Rom dauerte es bis weit in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts, bis die dortige kollektive Gemeindeleitung durch die bischöfliche ersetzt wurde; vorher gab es in Rom keinen Bischof. Und erst der römische Bischof Damasus I. hat um 380 als erster für sich den Anspruch erhoben, Petrus in seinem Primat beerbt zu haben.
Das bedeutet aber auch, dass die (nicht nur) von der Glaubenskongregation hervorgehobene Apostolische Sukzession weder für das kirchliche Amt generell noch für das römische Bischofsamt im Besonderen gegeben ist. Diese Sukzession setzte erst mit der Etablierung dieser Strukturen ein, einer „ununterbrochenen Kette von Handauflegungen von den Aposteln her“ fehlen in den Anfängen mehr als einhundert Jahre, im Fall des Primats fast vierhundert Jahre. So ist die Sukzession also nicht erstmals durch die Kirchen der Reformation unterbrochen worden. Mit ihr lässt sich historisch nicht argumentieren. Karl Rahner war daher schon vor einigen Jahrzehnten der Meinung, man müsse die Apostolische Sukzession neu verstehen: als Sukzession der Christen in Glaube, Hoffnung und Liebe, und in dieser Sukzession stehen natürlich auch die Kirchen der Reformation.
Auch gab es lange Zeit keine „verfasste“, also institutionalisierte communio der Christenheit. Erst nach dem Ende der Verfolgungszeiten und mit der sogn. Konstantinischen Wende konnte die Kirche erstmals als ganze wahrgenommen werden. Jetzt übernahmen die christlichen römischen Kaiser die Aufgabe, die Kirche zu repräsentieren. Sie beriefen und leiteten die ökumenischen Konzilien der christlichen Antike. Erst im Verlauf des Mittelalters konnten im lateinischen Westen mit der Zeit die römischen Bischöfe diese Funktionen übernehmen.
Die Geschichte zeigt also, dass über Ausmaß und Formen einer institutionalisierten communio der Christen noch diskutiert werden muss und auch kann. Es gibt keine Vorgabe, die mit dem historischen Anspruch einer von Anfang an gegebenen Tradition auftreten könnte.

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