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Ein Gott in drei Personen ?

Ein Gott in drei Personen ?

Vom Vater Jesu zum 'Mysterium' der Trinität.
Autor ist Prof. Dr. Karl-Heinz Ohlig, Saarbrücken - Institut für Katholische Theologie der Universität des Saarlandes, Lehrstuhl für Religionswissenschaft und Geschichte des Christentums.

Der katholische Prof. Ohlig greift das Thema neu auf und kommt in seiner Studie zu folgendem Resümee:
Religionswissenschaftliches Resümee und theologische Anfrage.

Jesus - Gottes ewiger Sohn?
Was der Religionswissenschaftler einfachhin konstatieren kann, bedeutet aber zugleich eine Anfrage an die Theologie nach der Legitimität eines solchen Konstrukts. Wenn es feststeht - und daran scheint kein Weg vorbeizuführen -, dass Jesus selbst nur vom Gott Israels, den er Vater nannte, und nichts von seiner eigenen späteren "Vergottung" wusste, mit welchem Recht kann dann eine Trinitätslehre normativ sein? Muss man sie nicht vielmehr als einen Inkulturationsvorgang, der nur innerhalb der damaligen Kontexte unausweichlich und wohl auch legitim war - weil anders das Christentum nicht lebbar war -, verstehen, also als eine kontingente, kontextuelle Komplizierung der jesuanischen Gottesvorstellung?
Darf man die wenigen neutestamentlichen Stellen, die Anstoß für eine spätere binitarische Reflexion gaben und die ihrerseits ganz deutlich ein neues Gedankengut einbringen, als bleibende Maßstäbe des christlichen Gottdenkens auswählen? Wie also ist eine Lehrentwicklung zu legitimieren, die eigentlich erst im zweiten Jahrhundert begann, erst im dritten die Wendung zu einer - gänzlich neuen - immanenten triadischen Aussage fand, im vierten Jahrhundert - mehr schlecht als recht - in Formeln gebracht und im lateinischen Westen wiederum eine gegenüber der bisherigen Geschichte andersartige Variante hervorgebracht hat? Wenn man die Trinitätslehre auf "Offenbarung" gründet, muss man auch sagen können, wo und auf welcher Stufe denn um alles in der Welt diese Offenbarung erfolgt sei: durch Jesus, durch neutestamentliche Aussagen, durch die Apologeten oder gar Origenes oder Augustinus?

Wie auch die einzelnen Etappen zu interpretieren sein mögen, so steht doch fest, dass die Trinitätslehre, wie sie sowohl im Osten wie - erst recht - im Westen am Ende "Dogma" wurde, keinerlei biblische Grundlage besitzt und auch keine "ununterbrochene Aufeinanderfolge" (continua successio) kennt. Die Behauptung einer Übereinstimmung der verschiedenen Gottesvorstellungen, die mittels der Anwendung des Schemas "implizit - explizit" gesucht würde, hat mit den Tatsachen nichts mehr zu tun. Auch helfen bloß verbale Vorschläge - etwa dass die immanente die ökonomische Trinität einfachhin sei - nicht weiter. Allmählich muss sich die Theologie den Fakten stellen.

Diese Folgerung ist keineswegs eine willkürliche Infragestellung der verbindlichen Lehre, sondern Resultat der historischen Gegebenheiten, die eben nicht anders waren. Die Geschichte der Trinitätslehre selbst ist ihrerseits eine Anfrage an die Theologie, wie sie mit ihren eigenen Normen und mit der behaupteten Kontinuität zum für das Christentum kanonischen Anfang umgehen will.



Zitat und Beitrag aus dem Internet:

Das Anliegen des Autors besteht gerade in einer historisch-kritschen Nachfrage, mit der er die Rückführung der systematischen Trinitätslehre auf ihre geschichtlichen Bedingungen unternimmt. Er untersucht, "wo die Wurzeln der trinitarischen Modifikation des Monotheismus" zu finden sind. Den Leser lädt er ein, den geschichtlichen Weg der Ausbildung der klassischen Trinitätslehre mitzugehen. Auf diesem Weg sollen die Motive der Trinitätsbildung in ihrem jeweiligen geschichtlichen Kontext aufgezeigt werden.

Karl-Heinz Ohlig bricht ein theologisches Tabu. Er zieht sich nicht, wie die meisten anderen Theologen, auf die Rede von einem unergründlichen Mysterium zurück, sondern fragt historisch-kritisch nach.

Karl-Heinz Ohlig versteht seine Studie ausdrücklich nicht als Erweiterung trinitarischer Spekulationen, die die altkirchlichen Begriffsbestimmungen lediglich neu interpretieren wollen. Seine Untersuchung steht auch außerhalb jener Bemühungen, die in der Trinitätsfrage primär ein Sprachproblem sehen. Das alles ist seine Sache nicht; er will mit diesem Buch die Dreifaltigkeitslehre nicht spekulativ erweitern, sondern von ihren geschichtlichen Voraussetzungen her, ihrer Entstehungsgeschichte, verstehbar machen. Wie ist die Trinitätslehre entstanden? Welche äußeren Bedingungen, welche philosophischen und religionsgeschichtlichen Voraussetzungen haben zu ihrer Formulierung beigetragen. Zitatende.

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1998/imp980504.html



In den nachfolgenden Ausführungen zitiere ich ausschnittweise einige Passagen aus: „Ein Gott in drei Personsen?“, ohne auf die Kontexte zu achten.

Der Weg zur Korrektur des dem Christentum mitgegebenen Monotheismus durch trinitarische Vorstellungen soll aber in der vorliegenden Untersuchung mittels Quellenmaterial so dokumentiert werden, dass der Leser den Gang der Entwicklung nachvollziehen und sich selbst ein Urteil bilden kann. Es geht nicht darum, den unzähligen Interpretationen noch eine weitere, die des Verfassers, hinzuzufügen. Die Geschichte selbst soll zu Wort kommen, so dass ihre einzelnen Stufen und die jeweiligen Motivationen sichtbar werden.

Den ersten Lehramtlichen Meilenstein setzte das erste ökumenische Konzil von Nizäa im Jahre 325, das die Gleichwesentlichkeit des Sohnes mit dem Vater definierte; das zweite ökumenische Konzil, das erste von Konstantinopel im Jahre 381, prädizierte auch dem Heiligen Geist göttliche Würde.

Auf eine seltsame Weise scheint der Kelch einer historischen Kritik ohne Folgen am Trinitätsdogma vorbeigegangen zu sein. Wie zu Zeiten der Scholastik und der Orthodoxien aller Spielarten werden die altkirchlichen Begriffsbestimmungen behandelt, als seien sie nicht hinterfragbar, sondern einfach nur positivistisch zu „setzen“ und dann mit dem Verstand systematisch zu vertiefen.

Solange hinter allen gescheiten Interpretationen und Einschränkungen eine dennoch real gedachte Dreiheit aufscheint, ist der Monotheismus . daran führt kein Weg vorbei – bedroht oder gar aufgegeben. Natürlich wird er bei den weitaus meisten Theologen verbal beibehalten, insofern sie sich mit Verve zu dem einen und sogar einfachen Gott bekennen. Was aber soll ein solches Bekenntnis noch beinhalten, wenn Vater, Sohn und Geist dennoch real unterschieden werden? Die gängige Antwort auf solche Bedenken ist der Hinweis auf den Geheimnischarakter der Trinitätslehre. Diese Offenbarung Gottes über seine Wirklichkeit sei halt dem menschlichen Verstand unzugänglich, ein Mysterium im eigentlichen Sinn, und so sei das Paradox von Einheit und Dreiheit im Glauben und eben unverstanden anzunehmen; jeder Versuch einer zureichenden Erklärung sei in sich schon Hybris und Unglaube. Wie aber, wenn der Blick auf die tatsächliche Geschichte des Trinitätsdogmas zeigen würde, dass die triadische Strukturierung des Gottesbegriffs eine durchaus menschliche und in allen ihren Etappen verstehbare und logische Kausalität in sich trüge? Wie denn, wenn nicht göttliche Offenbarung, sondern der eigentümliche Gang menschlicher Reflexionsgeschichte die trinitarische Konzeption hervorgebracht hätte?

Seltsamerweise wird kaum einmal gefragt, wie es denn dazu kommen konnte, dass sich der ererbte jüdische Monotheismus, den Jesus von Nazareth zweifellos teilte, im Christentum zu einer trinitarischen Auffassung verwandelte, wieso und mit welchem Recht das Christentum vom – angeblich doch normativen – Gottesverständnis Jesu und „der zwölf Apostel“ abgewichen ist. Zwar wird immer wieder beklagt, dass die Trinitätslehre – auf Grund ihrer Kompliziertheit – von den weitaus meisten Christen nur sehr defizient zur Kenntnis genommen werde. Ein Teil der Christen lebe, ohne das Dogma zu bestreiten, so als sei Gott unitarisch „einer“, die meisten aber seien wohl verkappte Tritheisten. Zwar würden sie, daraufhin befragt, mit Leidenschaft ihren Glauben an den einen hervorheben; in der Praxis aber wenden sie sich im Gebet, je nach Situation, an Vater, Sohn oder Geist wie an drei verschiedene Adressaten oder Subjekte.

Prinzipiell, und zunehmend polemisch betont, stand aber der Monotheismus im Mittelpunkt der jüdischen Frömmigkeit und Theologie und wurde auch von Jesus geteilt. Zwar kannte man auch dann noch eine gewisse Differenzierung zwischen Gott selbst (Jahwe) und seinem Handeln in Geschichte und Kosmos (Wort Jahwes, Geist Jahwes, Weisheit Jahwes). Diese Differenzierung aber blieb grundsätzlich in die Einheit Jahwes integriert, sie hatte nur funktionale Bedeutung, so dass der Monotheismus gewahrt wurde. Es ist also erklärungsbedürftig, wieso im Frühjudentum des zweiten und ersten vorchristlichen Jahrhunderts, in Spättexten des Neuen Testamentes und – mit Macht – in der christlichen Theologie seit dem zweiten Jahrhundert dieser dezidierte Monotheismus durch plurale Elemente ergänzt, korrigiert, bereichert wurde.

Die Synthese aus biblischem und hellenistischem Gott. Dies geschah in Kontexten, in denen das Frühjudentum durch hellenistische Einflüsse bestimmt war: bei Jesus selbst und in einem großen Teil des Neuen Testamentes ist deren Wirksamkeit geringer anzusetzen. Allein schon diese recht äußerliche Beobachtung mag darauf hinweisen, was durch eine genauere Analyse zur Gewissheit wird: Bini- oder trinitarische Vorstellungen bildeten sich dort, wo jüdischer Monotheismus und hellenistisches Gottesdenken zusammenkamen, wo jüdische Geschichtsorientierung und hellenistisch-kosmozentrisches Denken, wo die jüdische und die hellenistische Art, die Sinnfrage zu stellen und zu beantworten, also wo diese beiden soteriologischen Formen miteinander in Verbindung traten.

Was nun ist im Frühjudentum mit der Gottesvorstellung geschehen? Ganz offensichtlich kam es unter dem Einfluss hellenistischen Denkens dazu, Jahwe eine Transzendenz in griechischem Sinne zuzusprechen, die ihn mit Unveränderlichkeit des Seins, mit Nicht-Handeln, Einfachheit assoziierte. Das aber bedeutete, dass er nicht mehr, wie es der jüdischen Tradition entsprochen hätte, selbst als Weltschöpfer tätig werden und Herr bzw. Lenker der Geschichte Israels und der Völker sein konnte. Die Wahrnehmung dieser beiden mit Jahwe unlöslich verbundenen Funktionen bedurfte es nun minderer, von Jahwe abhängiger göttlicher Mittlergestalten. Anders gesagt: Die ökonomische Aktivitäten Gottes, die demiurgische und die heilsgeschichtliche, wurden im Frühjudentum – als Folge der Hellenisierung zwangsläufig – von dem gänzlich unveränderlichen und einen, also von Veränderung und Pluralität fernzuhaltender Gott getrennt und zu (minderen) göttlichen Hypostasen verselbstständigt,


Jesus und Gott. Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass Jesus den „Vater“, von dem er sich gesandt und zu dem er sich wohl in einem besonderen Verhältnis fühlte, anders als den monotheistischen Gott des Judentums verstanden hätte; die triadischen Vorstellungen des Frühjudentums scheinen ihm nicht bekannt gewesen zu sein. Dieser Konsens der neutestamentlichen Forschung muss hier nicht näher erläutert werden.
Aber der immer wieder zu hörende Rekurs auf ein Sohnschaftsverhältnis, das dann später zu Recht im binitarischen Sinn ausgelegt werden könnte, ist einfach falsch, weil er in den Texten keine Stütze findet und allem widerspricht, was wir von Jesus wissen. Zumindest ging das Sohnesverhältnis im Verhältnis Jesu nicht über das hinaus, was in der Tradition für ganz Israel, das als „Sohn“ bezeichnet wurde, oder für seinen König in Anspruch genommen wurde: Jesus repräsentiert in der Heilsgeschichte Gott so wie ein Sohn; er sah sich also in einer besonderen Weise Gott nahe. Es ist aber historisch widerlegbar, dass es damals ganz ungewöhnlich war, Gott einfach mit >Abba< anzusprechen oder als „Vater“. Anreden dieser Art waren im Frühjudentum verbreitet, und niemand käme auf die Idee, denen, die sie verwendeten, ein göttliches Sein zuzusprechen. So verrät die Vateranrede Jesu viel über die heilsgeschichtliche Bedeutung, die er für sich in Anspruch nimmt; sie ist aber keineswegs ein Hinweis auf binirtarische Vorstellungen.

Die Theologien der synoptischen Evangelien, die immerhin einen Hauptstrom der christlichen Theologiegeschichte bis in die neunziger Jahre des ersten Jahrhunderts repräsentieren, kennen keinerlei seinshafte Göttlichkeit Jesu und somit auch keine Notwendigkeit einer binitarischen Strukturierung Gottes, ebenso wenig einen göttlichen Geist, den sie von Gott schlechthin unterscheiden müssten.

Die Taufformel hatte sich also mittlerweile, bis zum Matthäusevangelium hin, triadisch modifiziert. Der Übergang aber von der Taufe auf den Namen Jesu zu einer triadischen Formel ist durchaus erklärbar: Solange das junge Christentum vorwiegend jüdische Glaubensgenossen in Palästina und in der Diaspora missionierte, war der Übertritt eines Juden zum Christentum sprachlich hinreichend dokumentiert, wenn er sich „auf den Namen Jesu“ taufen ließ. Wenn sich aber Heiden dem Christentum anschießen wollten, war diese Formel nicht mehr zureichend; sie mussten ihren ererbten Polytheismus aufgeben und sich zu dem einen Gott bekennen; der Übertritt zum Christentum schloss die Anerkennung Jesu, des Sohnes, ein; ebenso konnten sie ihre bisherigen Lebenspraktiken nicht fortführen und sollten Jesus nachfolgen, also entsprechend seinem Geist leben. Mit anderen Worten: Die Taufformel am Ende des Matthäusevangeliums spiegelt die Situation der Heidenmission und fasst kurz die drei zentralen Veränderungen zusammen, die für das Christwerden in diesem Umfeld kennzeichnend waren und deren Vermittlung wohl auch die wesentliche Ziele der Taufkatechese darstellen: Die trinitarische Taufformel lässt sich also sehr gut als Zusammenfassung der Taufkatechese begreifen.

Impulse durch die Gnosis. Die Auseinandersetzung des jungen Christentums mit der Gnosis war deswegen so schwierig, weil die hellenistischen Christen in weiten Teilen ähnlich dachten und empfanden wie die Gnostiker. So konnten sich gnostische Anschauungen im Christentum ausbreiten. Vor allem schien es einleuchtend, dass zwischen dem Gott schlechthin und der Welt eine Fülle göttlicher Emanationen vermitteln musste, so dass „Gott allein“ nicht zur Erklärung der Weltschöpfung – selbst wenn Christen sie nicht einem bösen Prinzip, sondern Gott zueigneten – und der Erlösung ausreichte; es musste weitere himmlische Gestalten geben.

Monarchianismus und Modalismus. In der vornizenischen Zeit gab es kirchliche Regionen, in denen das hellenistische Denken – trotz aller sprachlichen Übernahmen – noch nicht so tief internalisier war, dass Gott allein nicht zu Erklärung der Weltwirklichkeit zugereicht hätte und Jesus als inkarnierter Gott hätte angesehen werden müssen um ihn als den Heilsmittler rezipieren zu können. In diesem Kontext brauchte man – neben Gott schlechthin – keinen Logos als weltimmanentes Prinzip und als zweite Natur Jesu Christi. Der glaube an den einen Gott und an den von ihm erwählten Jesus genügte, um die Sache des Christentums zureichend auszusagen. Gott wurde hier als undifferenziert >einer< verstanden, er wurde monarchianisch aufgefaßt.