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Die anthropologische Begründung der Christologie I


Die anthropologische Begründung der Christologie (II)
Karl-Heinz Ohlig

Entwurf einer Christologie „von unten“
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2005/imp050504.html

In der ersten Folge wurde dargelegt, dass es zwischen Anthropologie und Christologie eine tiefe Entsprechung geben muss, da das Christusbekenntnis seit 2000 Jahren in vielen Kulturen heimisch wurde; diese Entsprechung aber ist nicht so, dass es aus einer feststehenden Anthropologie hergeleitet werden könnte – es ist die Wahl einer der anthropologischen Möglichkeiten. Sie muss aber ihren Grund haben im christologischen Subjekt, in Jesus.
6. Das christologische Subjekt

Die christologische Begegnung mit Jesus provoziert dazu, sowohl die soteriologische Problematik wie auch deren Lösung in einer bestimmten Weise zu sehen und zu praktizieren. Das soll an einem dreifachen Aspekt kurz aufgezeigt werden.

(1) In der „Sache“ Jesu, d.h. in seiner Verkündigung wie in seinem Verhalten, wird deutlich, dass er die „letzte“ Bedrohtheit des Menschen vor Augen hat. Es gab z.Zt. Jesu viele Problematiken, die auch das Leben von Menschen zerstörten, z.B. die Sklavenfrage, die Römerherrschaft, die schlechte Situation der Frauen. Mit ihnen hat sich Jesus nicht befasst. Ihm ging es nur um die menschliche Sinnfrage in einem ganz zentralen, dadurch aber auch komplexitätsreduzierten Sinn.

Diese besteht für ihn auch, aber nicht primär in naturalen Daten (Krankheit, Tod), sondern entsprechend dem jüdischen Denken vor allem in der grundsätzlichen Korruption der Geschichte, „dieses Äons“, in der „Sünde“. Erst durch die geschichtliche Schuld verfehlt der Mensch sein Leben völlig („vor Gott“), über welche Tatsache der Selbstgerechte sich hinwegtäuschen will. Alle konkreten Problematiken reduziert Jesus in seiner Predigt auf diese fundamentale Aussage, die dem Kern der jüdischen Tradition entspricht.

Für den Menschen (im Leben Jesu genauer: den Juden) gilt es deswegen umzukehren. Diese Umkehr aber ist – anders als beim Täufer, von dem er sich wegen dieser Frage getrennt hat – nicht Bedingung für Heil, sondern dessen Folge. Das Heil selbst aber sieht Jesus in der bedingungslosen Liebe Gottes, die er zusagt; die Königsherrschaft Gottes ist in ihm angebrochen, alle sind zur Teilnahme eingeladen. Die Überwindung der schuldigen Existenz des Menschen geht von einer versöhnenden Wirklichkeit aus, die er mit dem vertrauenden Kinderwort Abba, Papa, anredet. Die Reduktion der soteriologischen Problematik auf die immer neue geschichtliche Schuld und „Armut“ des Menschen vor Gott entspricht die Reduktion der Sinnhoffnung auf die Sünderliebe Gottes und damit auf Rettung und Vergültigung der Geschichte. Dem Unterworfensein unter die dämonische Macht der Sünde entspricht die Hoffnung auf voraussetzungslose, geschenkte Zugehörigkeit zur Königsherrschaft Gottes (von Paulus in das Reden von Rechtfertigung und Gnade übersetzt, wobei er zwar nicht das Vokabular Jesu benutzt, aber seine „Sache“ durchaus zutreffend wiedergibt).

Diese fundamentale und „einfache“ Antithetik hat auch das Verhalten Jesu gegenüber seinen Zeitgenossen bestimmt. Er erkennt keine religiös begründeten sozialen Verdikte an – gegenüber Zöllnern, „Sündern“, „Dirnen“ – , sondern er sieht alle als Sünder und sagt dennoch allen Heil zu; er grenzt sich nur dort ab, wo anderen Heil abgesprochen wird.

Aus dieser Haltung folgen auch die ethischen Weisungen Jesu, die zwar „das Gesetz“ bestehenlassen, vor allem aber um die Imperative des Nicht-Richtens, des Siebenmal-siebzigmal-Verzeihens, der Friedfertigkeit, der Gottes- und Nächstenliebe usw. kreisen. Diese Gesichtspunkte machen den Kern der jesuanischen Botschaft aus: Wer auf diese Weise Hoffnung auf Gott haben darf, muss sich auch anderen gegenüber entsprechend verhalten. So wird das Liebesgebot zum hermeneutischen Schlüssel und Kriterium für das „Gesetz“.

Diese hier – sehr verkürzt – dargestellte „Sache Jesu“ kann Menschen dazu verhelfen, ihre eigenen Sinnfragen und -hoffnungen auf das „richtige“ Fundament zu stellen. Wer Jesus als Christus annimmt, wird – anthropologisch – verifizieren, dass Schuld (auch die „strukturelle Sünde“) Leben tatsächlich zunichte macht, dass Hass alles zerstört oder die Schuld der Banalität zur Verfremdung führt; und ebenso, dass voraussetzungslose Liebe, Barmherzigkeit, Verzeihen, Solidarität die tiefsten Sinnerfahrungen vermitteln.

(2) Das Leben Jesu ist in Bezug auf seine „Sache“ in geradezu optimaler Entsprechung verlaufen. Nach einer im historischen Dunkel liegenden Kindheit und Jugend tritt er für kurze Zeit öffentlich auf, betreibt mit großem Engagement seine Verkündigung und – wird hingerichtet. Obwohl oder weil er das Beste wollte, wird er getötet. Sein kurzes öffentliches Wirken repräsentiert in kulminativer Form, was „jeder Mensch“ mit seinem Leben im Grunde will und erfährt; jeder will das Beste aus seinem Leben machen, für sich und andere. Sein Tod in seiner extremen Sinnlosigkeit und Fürchterlichkeit stellt in „dichter“ Gestalt dar, wie auch wir unseren Tod erfahren, wenn er auch glücklicherweise meist nicht in dieser Dramatik eintritt; aber das ändert seine Sinnlosigkeit nur peripher. Leben und Tod Jesu erscheinen somit wie eine knappe geschichtliche Realsymbolik menschlicher Existenz überhaupt.

Was hier gemeint ist, lässt sich vielleicht durch hypothetische Vorstellungen verdeutlichen. Was wäre gewesen, wenn Jesus als „Oberhaupt“ einer palästinischen oder auch weitverbreiteten Kirche alt geworden und gestorben wäre? Wenn er sich bis zu seinem Tod mit den Quisquilien von Gemeindeproblemen hätte herumschlagen müssen? Oder wenn er durch einen Unglückfall ums Leben gekommen wäre? Seine „Sache“ wäre dadurch keineswegs geringer zu veranschlagen, aber sein Leben und Sterben wäre nicht mehr – in geschichtlicher Anschaulichkeit und Einfachheit – eine Darstellung menschlicher Existenz überhaupt. Der Tod wäre – wie so oft – einfach das unvermeidliche Ende gewesen, darüber hinaus aber hätte er keine Zeichenhaftigkeit besessen. Das Leben Jesu gehört, so wie es tatsächlich verlief, zur Symbolik seiner Sache dazu – in einer für ihn katastrophalen, für uns „glückhaften“ Konkretion.

Noch ein Zweites muss bedacht werden: Über die Deutung seines Todes durch Jesus selbst wissen wir nichts, wohl aber darüber, dass er seine „Sache“ auch angesichts des ihm bekannten Todesrisikos betrieben hat. Er ist sich der Gefahren bewusst gewesen, die er mit seiner Konfrontation in Jerusalem riskierte. Sein Verhalten zeigt, dass er seine „Sache“ nicht durch den eigenen geschichtlichen Erfolg definiert sah. Dies entspricht auch seiner gesamten Verkündigung, die gegenstandslos wäre, wenn aus ihr der den Tod übergreifende, der „transzendentale“ Aspekt weggenommen würde. Sein radikales soteriologisches Engagement an den Menschen und seine „letzte“ Hoffnung, trotz des Wissens um das unausweichliche geschichtliche Scheitern, realisiert in extremer und einfacher geschichtlicher Gestalt das, was Menschen auch sonst in ihrem Leben tun – tun müssen. Sie leben, „als hätte“ alles einen letzten Sinn, trotz des gewussten Scheiterns. Wir engagieren uns für Mitmenschen, Gesellschaft und Beruf, lieben Frau oder Mann und Kinder und Freunde und erfahren dabei „Sinn“, obwohl diese „anderen“ nicht „belangvoller“ sind – natural und geschichtlich – als wir selbst auch. Diese in der täglichen Praxis verborgene Wahrheit kann durch das Leben Jesu entdeckt werden.

Nv