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An welchen Gott glauben die Christen 3

Hellenisierung des Christentums
An welchen Gott glauben wir Christen? (III)
Karl-Heinz Ohlig

http://www.imprimatur-trier.de/2012/imp120803.html

Der eine Jahwe und „Vater Jesu“ und der trinitarische Gott [1]

In der vorletzten Folge (imprimatur 45, Heft 4/5, 173-177) wurde dargelegt, dass die christlichen Gottesvorstellungen unklar sind. Historisch ist das Christentum auf der Basis des Judentums entstanden, das damals Jahwe als den einzigen Gott verehrte. Diesen Glauben teilte auch Jesus, der nichts von einer Trinität oder auch seinem eigenen Gottsein wusste. So auch die frühen Schriften des Neuen Testaments, z.B. die synoptischen Evangelien. Erst in Spätschriften des Neuen Testaments findet sich der Glaube an Jesus als menschgewordenen Gott. In der letzten Folge (imprimatur 45, Heft 7, 287-290) wurde erläutert, dass die Ausbildung einer Binitäts- oder Trinitätslehre sowie einer Zwei-Naturen-Christologie in hellenistisch geprägten Gebieten erfolgte. Hier mussten zum einen die alttestamentlichen Vorstellungen von Gott, der allein die Welt erschaffen und in der Heilsgeschichte gesprochen hat, mit der griechischen Gottesvorstellung, die Gott als immanentes Prinzip der Welt und deren einen Grund sieht, der von keiner Veränderung betroffen ist („der unbewegte Beweger“) und selbst nicht handeln kann, verbunden werden. Dies war möglich durch eine Delegation von Schöpfung und Heilshandeln an mindere göttliche Instanzen, die diese Aufgabe übernahmen, so dass Gott selbst davon unberührt blieb. In der Rezeption Jesu wurde Jesus eine Funktion zugesprochen, die der griechischen Heilshoffnung einer Vergöttlichung der Menschen entsprach. Gott wurde in ihm Mensch, damit wir göttlich oder Gott werden. Beide neuen Entwicklungen sind also Folge der Inkulturation des bis dahin jüdisch-semitischen Christentums im hellenistischen Raum.

1. Die ökonomische (heilsgeschichtliche) Bini- oder Trinität

Schon in den Spätschriften des Neuen Testaments (Johannesevangelium, Deutero-Paulinen) ist der Umbruch der christlichen Theologie eingeleitet. Er wird fortgesetzt in der Theologie der sogn. Apologeten, während parallel bei den sogn. Apostolischen Vätern noch weithin die ursprüngliche Gotteslehre und Christologie vertreten wird. Als Beispiel mag hier der wichtigste dieser Apologeten dienen: Justin (gest. um 165), der „Philosoph und Martyrer“. Für ihn ist Jesus Gott, aber natürlich nicht Gott schlechthin; denn „niemand, ... der nur ein bisschen Verstand besitzt, (wird) zu erklären wagen, der Schöpfer und Vater des Weltalls habe alles, was über dem Himmel ist, verlassen und sei in einem kleinen Winkel der Erde (d.h. in Bethlehem) erschienen.[2]“ Gott selbst ist also - im griechischen Sinn – unveränderlich und einfach. Zum Zweck der Weltschöpfung und der Inkarnation in Jesus erzeugte Gott „im Anfang“ (Gen 1,1: „Im Anfang schuf Gott ....“) „aus sich eine vernünftige Kraft“[3] , die Justin im Anschluss an den Johannesprolog und Philon von Alexandrien (vgl. die letzte Folge) als Logos („Wort“) bezeichnet. Dieser Logos ist von minderer Göttlichkeit, so dass er handeln kann. Als separate Größe gibt es ihn erst seit „dem Anfang“, so dass seitdem bei Gott eine „Mehrzahl“[4] ist, „und es ist der Erzeugte der Zahl nach ein anderer als der Erzeuger“[5]. Der Logos ist „unter dem Weltschöpfer ein anderer Gott und Herr“[6] , er steht also in Sein und Rang unter Gott schlechthin.

Ähnliche Vorstellungen finden sich bei den anderen Apologeten, und seitdem ist mit Gott die Zahl zwei verbunden: Vor dem „Anfang“ aber war Gott noch „allein“[7] , der Logos ist „des Vaters erstgeborenes Werk“[8].

Seitdem gehört eine Binität von ewigem Gott und – seit dem „Anfang“ – seines nicht so umfangreich göttlichen Logos/Sohnes (gelegentlich wird auch noch der Geist genannt, der aber keine Rolle spielt) zum festen Bestandteil der Theologie im hellenistischen Raum. Diese Vorstellungen werden von den dann folgenden sogn. frühkatholischen Schriftstellern aufgegriffen und systematisch vertieft und weiter entwickelt.

Für Irenäus von Lyon (gest. um 202) sind der Logos und der Geist die „Hände Gottes“[9] und seine Werkzeuge[10] zum Zweck der Welterschaffung und Inkarnation. Vor dem „Anfang“ sind sie nicht von Gott zu unterscheiden, seit dem „Anfang“ aber gibt es sie, weil anders Schöpfung und Erlösung nicht denkbar sind. So ist bei Irenäus eine Trinitätslehre heilsgeschichlicher („ökonomischer“) Art gegeben. Gott selbst ist – von Ewigkeit her – unitarisch (monarchianisch), erst seit dem „Anfang“ wird er trinitarisch gedacht.

Ähnlich denkt auch Klemens von Alexandrien (gest. um 215). Gott selbst war von Ewigkeit her allein und unitarisch vorgestellt („Eines“, „das Unsichtbare und Unaussprechliche“, der „Abgrund“)[11]. Die Trinität ist eine heilsgeschichtliche Größe. So auch bei Tertullian (gest. nach 220). Wie er schreibt, ist die Trinität „einerseits der Monarchie (also der unitarischen Gottesvorstellung, Verf.) in keine Weise hinderlich und anderseits schützt sie den Status der Ökonomie“ (d.h. der Heilsgeschichte)[12] . Der ewige Gott wurde erst durch den Hervorgang des Wortes zu Beginn der Schöpfung und seitdem zum „Vater“[13].

2. Die Verlegung der Trinität in Gott selbst hinein

Die bisherige Auffassung von der Trinität sah sie als eine Größe, die es erst seit Anfang der Schöpfung gibt. Konsequent waren der Logos und der Geist (wenn von ihm die Rede war) mindere Gottheiten – und mussten es auch sein, um handeln zu können.

Daran störte sich der alexandrinische Theologe Origenes (gest. 253/254): Zum Gottsein gehört immer die Eigenschaft der Ewigkeit. So polemisiert er gegen die heilsgeschichtliche Auffassung von der Trinität und verlagerte sie in die Ewigkeit Gottes hinein: „Wie kann man ferner meinen oder glauben, dass Gott Vater jemals auch nur den geringsten Augenblick ohne die Zeugung dieser Weisheit existiert habe ... Daher wissen wir, dass Gott beständig Vater seines eingeborenen Sohnes ist, der zwar aus ihm geboren ist ..., aber ohne jeden Anfang. So muss man also glauben, dass die Weisheit außerhalb jeden Anfangs ... gezeugt ist.[14]“ Die Zeugung ist „ewig und immerwährend“[15].

Die Trinität gab es also schon immer in Gott, wenn Origenes auch noch an der ererbten Auffassung von der minderen Göttlichkeit des Logos und Geistes – jetzt aber in Gott – festhielt: „Weniger weit als der Vater (wirkt) der Sohn ...; noch weniger weit der heilige Geist ... Insofern ist also die Macht des Vaters größer als die des Sohnes und des heiligen Geistes; größer sodann die des Sohnes als die des heiligen Geistes.[16]“

Im Grunde kann man von einer Trinitätslehre im heutigen Verständnis erst seit Origenes, also seit der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts, sprechen. Allerdings war auch diese noch problematisch, weil Origenes in der Trinität eine dreifache Seinsfülle kannte, so dass die Einfachheit und Einheit Gottes nicht gegeben war. Etwas überspitzt formuliert, war aus dem heilsgeschichtlichen Tritheismus ein innergöttlicher Tritheismus geworden. Diese Defizite wurden in der Folgezeit diskutiert. Dieser Weg ist recht kompliziert und soll nur in einigen wesentlichen Aspekten angesprochen werden.

3. Der Weg zur heutigen Trinitätslehre

Einen ersten Schritt brachte das erste Ökumenische Konzil von Nizäa im Jahre 325. Einberufen und geleitet von Kaiser Konstantin sollte es die Lehre des Arius, dass der Logos einen zeitlichen Anfang hatte und Geschöpf war, verurteilt werden. In seinem Glaubensbekenntnis lehrte es dann, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, aus Gott „gezeugt, nicht geschaffen“ und „Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott“ ist. Und dann folgt eine Einfügung, die wahrscheinlich Konstantin durchgesetzt hatte: der Sohn ist „gleichen Wesens (homo-úsios) mit dem Vater“. Vom heiligen Geist wird nichts Näheres ausgeführt, es heißt nur: „(Wir glauben) an den Heiligen Geist“.

Von jetzt an war es in der Kirche des Kaisers verpflichtend zu glauben, dass der Sohn gleichen Wesens mit dem Vater ist, eine Geschöpflichkeit oder mindere Göttlichkeit des Logos sind ausgeschlossen.

Zwar zeigen die Diskussionen nach dem Konzil, dass nicht alles geklärt war. Immerhin scheint das Glaubensbekenntnis von Vater und Sohn wie von Zweien zu sprechen: von Gott dem Vater auf der einen Seite und von dem Sohn, Gott aus Gott, Licht aus Licht auf der anderen Seite. Waren sie nun zahlenmäßig identischen Wesens oder einander nur gleich oder ähnlich, eben wie Vater und Sohn. Erst im 4. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Meinung durch, dass homo-úsios im Sinn von „wesensselbig“ (und nicht: „gleichen Wesens“) zu verstehen sei.

Es gab bald ein weiteres Problem: Über den heiligen Geist war bisher kaum diskutiert worden, er wurde öfters mitgenannt, so auch vom Konzil von Nizäa. Nach dem Konzil gab es einige Theologen, die die Göttlichkeit des Geistes bestritten. Diese Diskussionen wurden dann im 4. Jahrhundert durch drei Theologen aus Kappadokien in der heutigen Türkei (die drei Kappadokier), vor allem von Basilius von Cäsarea (gest. 379), beendet. Neben anderen Gründen – seiner Wertschätzung des Mönchtums, in dessen Spiritualität der heilige Geist eine große Rolle spielte – war für Basilius vor allem die Taufformel ein „Beweis“, dass auch der heilige Geist Gott ist. Jetzt, nachdem die Gleichwesentlichkeit des Sohnes definiert war, erschien es unmöglich, neben Vater und Sohn im gleichen Atemzug ein Geschöpf zu nennen. Der heilige Geist musste ebenfalls Gott sein.

Diese Auffassung wurde vom Ersten Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 festgeschrieben. Zwar wurde der Heilige Geist noch nicht als „gleichen Wesens“ bezeichnet, aber ihm wurden – in Erweiterung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa – Attribute des Gottseins zugeschrieben: „Und (wir glauben) an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der vom Vater ausgeht, der mit dem Vater und dem Sohn zusammen verehrt und verherrlicht wird.“

Jetzt erst, im Jahre 381, ist in einem kirchenamtlichen Dokument die Trinitätslehre zu glauben vorgeschrieben.

4. Die terminologisch-theologische Lösung


Bisher wurden in der Theologie zur Umschreibung der Trinität unterschiedliche Begriffe wechselseitig gebraucht. Hier wollte Basilius ein klare Sprache schaffen: er verwendete den Begriff Wesen (usia) in einer mehr allgemeinen Bedeutung, „wie z.B. das Wort Mensch“. Wenn wir aber von Einzelnen reden, wie z.B. von „Petrus, ... Andreas, Johannes oder Jakobus“, sollten wir das Wort Hypostase (hypóstasis) benutzen. So sei in Gott von „der Gemeinsamkeit ... die Rede mit Bezug auf die Wesenheit; die Hypostase aber bringt die Eigentümlichkeiten des einzelnen (gemeint: Vater, Sohn und Geist) zum Ausdruck.[17]“

Dieser Vorschlag, der durchaus noch Probleme macht (inwiefern sind Vater, Sohn und Geist Einzelne, die sich von den anderen unterscheiden? Wie steht es dann um die Einheit und Einfachheit Gottes?), setzte sich in der Folgezeit durch: In Gott gibt es („nur“) die eine und selbige Wesenheit, aber die drei Hypostasen Vater, Sohn und Geist.

Obwohl auch in dieser Formel vieles noch unklar ist, gilt sie seitdem (man war der Diskussionen müde) als verbindliche und erschöpfende Umschreibung der kirchlichen Trinitätslehre. Allerdings wurde diese Formel – aber das soll hier nicht mehr diskutiert werden – in der westlichen lateinischen Kirche noch einmal verändert. Weil der Begriff Hypostase (lateinisch. substantia) missverständlich war, wurde er seit Augustinus durch den Begriff Person ersetzt: ein Gott in drei Personen.

5. Resümee

Sieht man sich diese – hier nur kurz skizzierte – Entwicklung der Trinitätslehre an, wird zunächst einmal der doch recht lange Weg deutlich, bis es zu einem – selbst auch noch einmal problematischen – Abschluss kam. Diese Lehre wird erkennbar als eine Folge kulturgeschichtlicher Vermittlungsprozesse. Wäre das Christentum, kaum entstanden, nicht im Hellenismus heimisch geworden, hätte es wohl die ihm von Anfang an mitgegebene unitarische Gottesvorstellung und eine Christologie ohne zweite Natur beibehalten; es hätte keinen Grund gegeben, sie zu korrigieren. Aber die Missionierung der hellenistischen Welt war anders nicht möglich und machte diese Entwicklung zwangsläufig.

Seitdem haben Kirche und Theologie mit der Schwierigkeit umzugehen, wie das Problem von beizubehaltendem unitarischem Monotheismus und der hellenistischen Trinitätslehre, die auch von der lateinischen Kirche übernommen wurde, zu lösen sei. Wie passen die Eins und Drei zueinander? Ein zweites Problem besteht darin zu erklären, wieso eine trinitarische Gotteslehre, die erst so spät und nur in den vom Hellenismus geprägten Teilen des Christentums gebildet wurde, für immer verbindlich sein soll.