Homepage Roland Sinsel

Gottesfragen im Christentum


Gottesfragen im Christentum
Herbert Vorgrimler
http://www.lebendigeszeugnis.de/1994/219945.htm

Es darf hier vorausgesetzt werden, daß es in christlichen Kreisen Elemente eines stabilen Gottesbildes gibt, die nahezu konsensfähig sind. Theologisch Interessierte werden allerdings feststellen, daß so gut wie nichts selbstverständlich ist und daß allenthalben Diskussionen innerhalb der Glaubenswilligen und bereiten aufbrechen. Zusammenfassend seien einige dieser Brennpunkte herausgegriffen.
Die junge Kirche, die sich in einem tragischen Prozeß aus dem religiösen Verband Israels löste, ohne jedoch jemals von dem für alle Zeiten gültigen jüdischen Glaubensgrund loszukommen, hielt selbstverständlich am Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott der Vorfahren fest. Dennoch setzte sie in "triadischen Formeln" das göttliche Wort und den Geist neben den Vater der Schöpfer des Himmels und der Erde wurde ja schon in Israel als Vater angerufen ; sie wandte auf das Wort und den Geist das göttliche "Kyrios"Prädikat an, ohne sich um das genauere Verhältnis der Drei zu kümmern. Das damit entstandene Problem ist bis zur Gegenwart nicht ausgestanden. Es war durch die Versuche zu synodalen Lösungen mit der Einführung der Begriffe "Hypostasen" und "Personen" eher noch verschlimmert worden. So gibt es durchaus auch heute noch Theologen, die Gottes ewige Dreieinigkeit als ideale Kommunikationsgemeinschaft ansehen, die ohne Bedenken von drei "Subjekten" in Gott sprechen, die Bescheid wissen über ein innergöttliches Liebesgespräch oder aber über ein radikal einschneidendes Drama in Gott. Sie verwenden dabei oft Voraussetzungen aus der menschlichen Erfahrungswirklichkeit, ohne sich nach der Berechtigung einer Übertragung menschlicher Gegebenheiten auf Gott weitere Gedanken zu machen. So gehen manche aus von der biblischen "Definition" Gottes, nach der Gott Liebe ist (1 Joh 4,16), und erklären, jede Liebe verlange zwei personale Pole, Ich und Du, und so müsse es auch bei Gott sein, da sonst Gott in schrecklicher Einsamkeit und Selbstliebe gedacht werden müsse. Den Heiligen Geist bringen sie dabei ein wenig künstlich als das Wir dieser beiden Subjekte unter, als eigene subjektgewordene Liebe. Daß bei derartigen, weit verbreiteten Spekulationen, die sich in etwas hineintasten, was in Gottes Offenbarung verborgen blieb, die Einzigkeit Gottes, das monotheistische Bekenntnis Israels, das das Credo Jesu war (Mk 12,29), geopfert wird, scheint kein sonderliches Problem darzustellen.1
Karl Rahners Vorschlag, die innergöttliche Mannigfaltigkeit ohne vorwitzige

1) Ein kritischer Überblick hierzu findet sich bei H. Vorgrimler, Theologische Gotteslehre, Düsseldorf 31992.

Besserwisserei als die ewigen Möglichkeiten Gottes, sich transzendent im Geist und geschichtlich im Wort an das Nichtgöttliche mitzuteilen, zu verstehen, leuchtet zwar in seiner Zurückhaltung und in seiner sorgsamen Bewahrung des Monotheismus ein, erfreut sich aber keineswegs einer mehrheitlichen Zustimmung.
Die biblischen Redeweisen von Gott zeichnen einen erwählenden, fürsorglichen, eifersüchtigen, kämpferischen, kurz am Geschick des für immer auserwählten Volkes Israel und am Schicksal der Menschheit brennend interessierten Gott, der von menschenähnlichen Leidenschaften erschüttert ist, von Treue wie von Zorn geprägt, bei dem jedoch das Erbarmen in "liebender Selbstbeschränkung" (Erich Zenger zu Hos 11,8f.) siegt.
In der Begegnung der jungen Kirche mit dem Griechentum drangen Züge des griechischen Gottesdenkens in dieses Erbe ein, die sich kaum mit ihm versöhnen lassen. Aus dem unbedingt Treuen wurde der Unveränderliche, aus dem vielschichtig Handelnden der absolut Einfache und Unbewegte, aus dem machtvoll die Schöpfung auf den ewigen Sabbat hin Lenkenden der Allmächtige, aus dem tief Getroffenen und Mitleidenden der Leidenslose. Die Veränderungen können nicht sämtlich aufgezählt werden.2
Aber nicht genug der Probleme. Die noch immer um volle Gleichberechtigung in den christlichen Kirchen kämpfenden Frauen weisen in der Feministischen Theologie darauf hin, daß die traditionelle Gottesrede patriarchalisch deformiert sei (Herr, König, Mächtiger, Allherrscher, Vater, Kriegsherr usw., der sich ganz überwiegend um Söhne kümmert und Söhne anredet), und daß weibliche und mütterliche Züge Gottes konsequent übersehen würden.
Zu allem Unglück taucht auch in der Gegenwart, nicht zuletzt bei Religionspädagogen, aber auch bei manchen Feministinnen, jenes antisemitische Klischee auf, das sich nicht scheut, den dunklen "Rachegott vom Sinai", den Gott unerbittlicher Gerechtigkeit, gegen den erbarmungsvollen Vater Jesu auszuspielen. Namentlich Erich Zenger hat das Verdienst, in seinen Veröffentlichungen diese Zerstörungen der authentischen Gottestradition mit ihren verheerenden Folgen für die Erzeugung von Pogromstimmungen gegen die Juden anzuprangern.3
Gutgemeinte (psycho-)therapeutische Bemühungen, die Religion von unbegriffenen Ängsten zu befreien, entschuldigen jene folgenschwere historische Ignoranz nicht, die keine Ahnung mehr davon hat, wie heftig sich die frühe Kirche gegen den Irrlehrer Markion und seinen Kampf gegen den Gott des Alten Testaments gewehrt

2) Textzeugnisse zu dieser Begegnung sind gesammelt in: H. Vorgrimler, Gotteslehre, 2 Bände (Texte zur Theologie, Dogmatik 2), Graz 1989.
3) E. Zenger, Das Erste Testament, Düsseldorf 1991; ders., Am Fuß des Sinai. Gottesbilder des Ersten Testaments, Düsseldorf 1993. In Vorbereitung ist das 3. Psalmenbuch mit dem Titel: E. Zenger, Der Gott der Rache, Freiburg i. Br. 1994.

hat. Eine "antijudaistische" Grundstimmung äußert sich aber bis zur Gegenwart auch in den Gottestexten nicht weniger katholischer Dogmatiker, die den Juden Jesus noch immer nicht ernst nehmen.
Diese Hinweise mögen genügen für den Nachweis, wie vieles im Bereich dessen, was man "christliches Gottesbild" nennen kann, in Bewegung geraten, ungeklärt oder heftig umstritten ist. Aber es gibt im Unterschied zu diesen gleichsam "binnenchristlichen" Problemen Gesichtspunkte, die das überlieferte Gottesdenken noch viel radikaler in Frage stellen.
1. Grenzen: Gotteswort im Menschenwort
Welchen Gott glauben, verehren und verkünden Christen eigentlich? Viele werden heutzutage ohne weiteres antworten: Den Gott absoluten und bedingungslosen Erbarmens. Haben sie denn recht damit? Es gibt viele gegenläufige Texte allein innerhalb des Neuen Testaments. In der Bergpredigt - um ein einziges Textbeispiel anzuführen - findet sich im Anschluß an die Seligpreisungen (Mt 5,3-12) und an Impulse an die Adresse der Jünger (Mt 5,13-16) jenes Bekenntnis Jesu zur jüdischen Tora, das ihn als gesetzestreuen Juden zeigt, der innerhalb der Diskussionen frommer Juden um die richtige Gesetzesinterpretation seine eigene Radikalisierung der Tora vorträgt (Mt 5,17-20). Diese Tora-Auslegung durch Jesus enthält ein Gottesbild, verbunden mit schwerwiegenden Folgerungen, das in christlichen Kreisen mit einem seltsamen Unernst übergangen wird. Wie sähe eine Existenz glaubender Menschen aus, die sich nicht um Gesundheit, Kleidung, Nahrung kümmern? Wer sucht nicht Arbeit, spart nicht Geld, sichert sich nicht durch eine Krankenkasse ab? Wer sorgt im Ernst sich nicht um den morgigen Tag? Wer verläßt sich darauf, daß sein himmlischer Vater ihn ernährt (vgl. Mt 6,25-34)?4 Was wäre - zum Beispiel im Zug der so sehr empfohlenen Neu-Evangelisierung - nichtglaubenden Menschen zu antworten, die Christen daraufhin befragten, wie ernst sie dieses Gottesbild nähmen?
Wer hat nicht schon irgendwann einmal in seinem Leben dem Satz vertraut: "Denn jeder, der bittet, empfängt" (Mt 7,8)? Wer hat sich noch nicht geängstigt und eingeschüchtert gefühlt durch die Drohungen, der schwache, für Verführungen so anfällige Menschenleib werde in die ewige Hölle geworfen werden (Mt 5,27-30)?' Und wer fühlte sich noch nie überfordert durch Jesu Aufruf: "Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Mt 5,48)?
Die Fragestellungen sind nicht neu, und Kierkegaard war nicht der erste, der sie aufgeworfen hat. Aber sie sind von neuer Aktualität, weil im Zeichen sowohl des

4) Zu solchen Drohungen und ihrem biblischen Hintergrund: H. Vorgrimler, Geschichte der Hölle, München 1993.

Glaubensschwundes und der Kirchenverdrossenheit als auch ständiger Neugier an "jenseitigen" Dingen Nichtglaubende an solchen christlichen Elementartexten Anstoß nehmen5 und Christen die Antwort schuldig bleiben. Und wo sie eine solche versuchen, verbessern sie die Situation nicht.
Eine auch von evangelischen Christen hochgeschätzte Auskunft verweist auf das Kreuz Jesu Christi als das Ende allen menschlichen Suchens nach göttlichem Erbarmen. Die neuere Theologie hat sich - noch nicht überall - angewöhnt, auf das Mißverständnis der eingebürgerten Sühneauffassung hinzuweisen, als habe Jesus der in ihrer göttlichen Ehre zutiefst gekränkten Majestät des himmlischen Vaters blutige Genugtuung geleistet und den Unversöhnten durch sein Lebensopfer mit der Menschheit versöhnt. Es wird gegen diese Mißdeutung darauf hingewiesen, daß nach neutestamentlichem Zeugnis die Versöhnungsinitiative von Gott dem Vater ausgegangen sei. So sagt Paulus im Römerbrief: "Ihn (Jesus) hat Gott hingestellt als ein Sühneopfer durch den Glauben in seinem Blut zur Erweisung seiner Gerechtigkeit, weil die vorhergeschehenen Sünden unter der Langmut Gottes ungestraft geblieben waren, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, damit er selbst gerecht sei und den gerecht spreche, der aus dem Glauben an Jesus ist" (3,25f.). Wird dadurch das Beharren Gottes auf dem Blut Jesu gemildert? Christen dürfen sich nicht wundern, wenn fragende Zeitgenossen dieses Gottesbild als nicht konkurrenzfähig mit der Sanftmut des Buddha bezeichnen.
Von einer anderen, aber damit verwandten Fragerichtung her kommt die katholische Dogmatik in vergleichbare Aporien. Nach ihr kann ein Mensch von sich aus nicht das Geringste dazu beitragen, in der Gnade Gottes und damit vor Gott gerechtfertigt zu sein, noch nicht einmal den guten Willen. Und wenn ein Mensch durch Gottes zuvorkommende Gnade dazu befreit ist, vor Gott gut zu sein und Gutes zu vollbringen, dann kann er ohne Gottes besondere Gnadenhilfe in dieser positiven Qualität nicht verharren.6 Wenn nach dieser - für Katholiken verbindlichen - Lehre Gottes wirksame Gnade es bewirkt, daß ein Mensch Gutes und Gelingendes zustandebringt, warum hat dann ein Sünder, also ein Mensch, der sich in fundamentaler Entscheidung Gott verweigert, diese wirksame Gnade nicht? Der Theologie ist es nicht gelungen, Zutreffendes über das allerletzte Verhältnis von Gottes Gnade und menschlicher Freiheit zu sagen. So umkreist das theologische und religiöse Denken Gottes Güte und Gerechtigkeit, ohne zu einer Antwort zu finden. Von "außen" her gesehen erscheint ein Mensch hilflos dem Wollen oder Nichtwollen Gottes ausgeliefert.

Aus der Glaubenstradition bieten sich hier zwei Gedankengänge an, die freilich nur

5) Vgl. z. B. F. Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Reinbek 1992.
6) Zu nennen ist hier besonders das Konzil von Trient, Lehrsätze über die Rechtfertigung von 1547, Neuner-Roos Nr. 819-851.

die Grenzen des menschlichen Denkens und Sprechens erkennen lassen und nichts an Gott selber erhellen.
Das tiefsinnigste Erbe des Gottesdenkens ist in der sog. negativen Theologie erhalten. Sie weiß um Gott, umkreist Gott und vermag doch nur zu sagen, was Gott nicht ist. Der bedeutende spätmittelalterliche Theologe Nikolaus von Kues (+ 1464) erreichte in seinem Denken einen unerklärlichen Punkt: den Zusammenfall der Gegensätze. An sich legten die Menschheitserfahrungen mit Gott es nahe, in Gott das Zusammentreffen von Gegensätzlichem, z. B. von Gerechtigkeit und Güte, anzunehmen. Aber Nikolaus von Kues wies darauf hin, daß das wahrhaft Göttliche erst jenseits des Zusammenfalls der Gegensätze denkerisch erahnt und im Gebet angesprochen werden könne:
"Daraus erfahre ich, daß ich in die Dunkelheit eintreten muß, den Zusammenfall der Gegensätze (coincidentiam oppositorum) über alle Fassungsvermögen des Verstandes hinaus zugestehen und die Wahrheit dort suchen muß, wo mir die Unmöglichkeit entgegentritt; über dieser Unmöglichkeit, die über jedem, auch dem höchsten Vernunftaufstieg hinaus liegt, wenn ich zu dem gelangt bin, das für alle Vernunft unerkannt ist, und von dem jede Vernunft meint, es sei von der Wahrheit am weitesten entfernt, finde ich Dich. Dort bist Du, mein Gott, der Du die absolute Notwendigkeit bist. ( ... ) Ich habe den Ort gefunden, in dem man Dich unverhüllt zu finden vermag. Er ist umgeben von dem Zusammenfall der Gegensätze. Dieser ist die Mauer des Paradieses, in dem Du wohnst. Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist. Überwindet man ihn nicht, so öffnet sich nicht der Eingang. Jenseits des Zusammenfalls der Gegensätze vermag man Dich zu sehen; diesseits aber nicht. "7
Während in der Theologie nachdenkliche und bekümmerte Stimmen auf die Unentbehrlichkeit "negativen" Gottesdenkens hinweisen,8 pflegt die kirchliche Praxis weithin eine unbekümmerte, oft kumpelhafte oder gefühlsselige Gottesrede, die man nicht anders denn als bodenlos leichtfertig bezeichnen kann. Dabei wurde allen, die sich beruflich mit Gott befassen, der zweite hier relevante Gedankengang frühzeitig nahegebracht, der Grundsatz der Analogie jeder Gottesrede. Er geht davon aus, daß alle Aussagen über Gott der menschlichen Erfahrungswelt entnommen sind: Gott ist gütig, Gott ist gerecht ... Weil es sich aber um göttliche und nicht um menschliche Oualitäten und Prädikate handelt, ist mit solchen Aussagen zwar etwas Wahres, noch viel mehr
aber Unwahres gesagt: "Denn von Schöpfer und Geschöpf kann keine Ähnlichkeit ausgesagt werden, ohne daß sie eine größere Unähnlichkeit zwischen beiden einschlösse" (Viertes Laterankonzil im Jahre 1215).9

7) Nikolaus von Kiies, De visione Dei - Die Gottes-Schau: Philos.-theol. Schriften Bd. III, Wien 1967, 133. Zur negativen Theologie bei Nikolaus: H. Vorgrimler, Gotteslehre Bd. II, Graz 1989, 82-88.
8) J. B. Metz, Lob der negativen Theologie: M. Lutz-Bachmann (Hg.), Und dennoch ist von Gott zu reden, FS f. H. Vorgrimler, Freiburg i. Br. 1994, 304-310.
9) Neuner-Roos Nr. 280,

Welcher Verkünder des Satzes "Gott ist die Liebe" sagt seinen Zuhörern, daß Liebe, von Gott ausgesagt, mit der romantischen Liebe unter Menschen eine so viel größere Unähnlichkeit hat? Auch die Gottesaussagen der Bibel geschehen in Menschenworten und sind daher analog; auch die Bibel läßt auf jeder Seite die Grenzen erkennen, an die menschliches Denken und Reden von Gott unerbittlich stößt.
2. Leiden an Gott
Noch einmal: Viele werden sagen, der Gott des christlichen Glaubens sei ein Gott des absoluten und bedingungslosen Erbarmens. Dagegen spricht das Leiden seiner Kreaturen. Es läßt sich, wenn man größere gedankliche Ausführungen vermeiden will, auf zwei Komplexe zurückführen, auf die menschliche Freiheit und auf den Tod. Von diesen beiden wurde der erste im Zusammenhang mit der Dominanz der göttlichen Gnade schon berührt. Warum hat Gott geschöpfliche Freiheit gewollt, aus der das moralisch Böse entsteht, ein Mensch dem andern unbeschreibliche Leiden zufügen kann, aber auch ein Mensch sich selber zugrundezurichten vermag? Warum hindert Gott den Mißbrauch dieser Freiheit nicht, wenn er doch mit dem Eingriff seiner wirksamen Gnade einen Menschen zum Verharren im Guten zu bewegen vermag? Niemand weiß eine Antwort auf dieses Warum. Wo die Theologie überhaupt sensibel für diese klagende Frage ist, verweist sie auf Verheißungen, deren Einlösung in ferner Zukunft liegt: Daß Gott eines Tages den Opfern des und der Bösen Gerechtigkeit verschaffen werde. Schon die Johannesapokalypse des Neuen Testaments griff zu diesem Hoffnungsausblick der jüdischen Apokalyptik, daß am Ende, weil Gott Gott sei, die Henker nicht über die Opfer triumphieren würden. Das Miterleben der alltäglichen Gewalttätigkeit mag sich mit diesen Aussichten nicht trösten und kommt schon gar nicht mit demjenigen zurecht, dessen schöpferische Macht die zur Gewalttat fähige menschliche Freiheit allererst ermöglicht hat.
Unbeantwortet bleibt auch die Frage nach dem Tod. "Wer hat den Tod erfunden?", fragte einst Alfred Döblin. Die Bibel bietet eine Dreierreihe von Antworten an. Die sehr alte Schöpfungserzählung des Jahwisten, die natürlich nicht historisch verstanden werden will, als habe einmal ein Paradies existiert, sondern die einen unheilen Zustand der Menschheit erklären will, läßt Gott zum ersten Menschen sagen: "Von allen Bäumen im Garten darfst du essen; nur von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn sobald du davon issest, mußt du sterben" (Gen 2,16f.). In historisierender Interpretation erklärt Paulus in einem seiner unvollendet gebliebenen Sätze: "Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod auf alle Menschen überging auf Grund der Tatsache, daß alle sündigten -" (Röm 5,12). Häufig wurde gegen diese Sicht eingewandt, daß die alle Menschen treffende Strafe in keinem proportionalen Verhältnis zur Schuld stehe, ganz abgesehen von einer evident ungerechten Kollektivbestrafung. Das Ende dieser Ansicht, der Tod sei die Strafe für die Sünde, bewirkten die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, daß bereits beim Auftreten des nichtmenschlichen Lebendigen in der evolutiv konzipierten Schöpfung der Tod mit einprogrammiert gewesen sei und daß beim Zugrundegehen der ersten Menschen kein qualitativer Bruch gegenüber dem Ende der äffischen Primaten ersichtlich sei. Bibelwissenschaftler helfen sich heute mit der Auskunft, das Neue Testament verwende den Begriff Tod polysem, und außer dem biologischen Exitus komme auch die Zerstörung des Gottesverhältnisses und damit ein unseliges Ende des Lebensschicksals als Bedeutung des Wortes "Tod" in Betracht."10
In einer anderen biblischen Sicht ist der Tod etwas Natürliches, also mit der Schöpfung gegeben. Schon die Genesis läßt bei der Erzählung von Gottes Strafe wegen der Übertretung des Gebotes erkennen, daß die Todesdrohung nicht ausgeführt wurde und daß das Sterben ohnedies erfolgt wäre: "Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde kehrst, von der du gekommen bist; denn Erde bist du, und zur Erde mußt du zurück" (Gen 3,19). Das Erste Testament enthält vielfältige Klagen über die Bitterkeit des Sterbenmüssens und die Flüchtigkeit des Menschenlebens, das wie die Blume unter der Hitze der Sonne welkt und vergeht.
Schließlich aber heißt es auch im Ersten Testament: "Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude an dem Untergang der Lebenden" (Weish 1,13). Wer aber soll den Tod "gemacht" haben, wenn nicht der Schöpfer des Himmels und der Erde, der biblisch als Herr über Leben und Tod gepriesen wird?
Die Art und Weise, wie das Leben auf dem Planeten Generation um Generation "abgeräumt" wird, mit Instrumentarien wie Krebs und AIDS, ist grenzenlos brutal. Dabei hilft die in der kirchlichen Verkündigung vorgetragene Ansicht, Gott selber kenne die Not des Sterbenmüssens, da er sie in Jesus selber habe durchmachen müssen, wenig, weil sie die Frage, warum ein des Todes Mächtiger sich überhaupt mit dem Tod abfinde, nicht beantwortet. Auch des Paulus Meinung: "Denn ich halte dafür, daß die Leiden der jetzigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll" (Röm 8,18) ist keine Antwort. Sie steht bedenklich an der Grenze zum Zynischen, wenn die Todesnot "nichts bedeuten" soll.
Die Überlegung ist damit mitten in der Theodizeeproblematik, der Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel und der Leiden in der Welt. Das Leiden

10) Vgl. z. B. J. Kremer: G. Greshake - J. Kremer, Resurrectio mortuorum, Darmstadt 1986, 7-161.

ist, wie Georg Büchner einmal feststellte, der Felsen des Atheismus. Nur die wenigsten haben ihrem Ringen mit Gott und der schließlichen Absage an ihn auch öffentlichen Ausdruck verliehen. Zahllose haben sich aus dem Glauben an einen Gott, der sich schweigend mit dem Leiden abfindet, verabschiedet.
Die Theologie hat auf die Theodizeefrage keine Antwort. Sie hat wohl in dieser und jener Hinsicht Konsequenzen für ihre Rede gezogen. So sind die Überlegungen, das Leiden diene zur Erprobung menschlicher Standhaftigkeit, die sich zu bewähren habe, zur Läuterung oder zur Strafe - wobei angesichts der Ungeheuerlichkeit des Todes die Unterscheidung von Schuldigen und Unschuldigen sehr relativ ist -, als Antworten verworfen wurden.
Auch Hinweise auf Wunder werden nicht mehr in apologetischer Absicht vorgebracht, vielmehr hat sich das Wunderverständnis (wenigstens im allgemeinen) grundlegend verändert. Wunder als Außerkraftsetzungen von Naturgesetzen werfen hinsichtlich des Gottesverständnisses mehr Fragen auf als dem Glauben zuträglich ist. Wenn Gott Kanonen zum Schweigen bringen, aufeinanderzurasende Züge stoppen könnte, warum begnügt er sich mit ein paar Demonstrativwundern in Wallfahrtsorten? Wenn er Jesus von den Toten erweckt hat, was beweist, daß es sich über das Privileg Jesu hinaus um eine Verheißung für alle Menschen handelt? Wenn Jesus wirklich Tote auferweckt haben sollte, wie die Evangelien berichten, wäre dann die Aussicht, zweimal sterben zu müssen, etwas, das zum Glauben ermutigen könnte? Oder ist das Wunderbare in der Schöpfung nicht viel eher in der Fähigkeit der Menschen zur Selbsttranszendenz zu sehen, kraft derer sie "mehr" zu bewirken vermögen als das Normale, etwa in jener unglaublichen Energie des Glaubens, der Krebs und Tuberkulose zum Verschwinden bringt (während verlorene Gliedmaßen nicht wieder wunderbar ersetzt werden können)? Wenn an solchen Beobachtungen Wahres ist, pflegt dann die kirchliche Sprache nicht einen allzu sorglosen Umgang mit dem Begriff des "Allmächtigen"? Ein Disput in der Zeitschrift "Theologie und Philosophie"11 hat vor einigen Jahren darauf hingewiesen, daß das beinahe konsensfähige Gottesbild der Christen von drei festen Sätzen geprägt ist: 1) Gott existiert, 2) Gott ist überaus gütig, 3) Gott ist allmächtig. Mit logischer Unerbittlichkeit ergab die Diskussion (trotz der Einwände von Jörg Splett), daß sich die drei Sätze widerspruchsfrei nicht vereinbaren lassen. Also müsse einer geopfert werden . . . Wenn angesichts der unzähligen unerhörten Gebete, des stetigen Schweigens Gottes, der entsetzlichen Leiden der Kreaturen Gottes Allmacht dasjenige sein sollte, was am unwahrscheinlichsten ist, dann wird von daher freilich die traditionelle Gottesrede zutiefst in Frage gestellt. Ist es dann sinnvoll, Gott um Hilfe bei


11) Vgl. N. Hoerster, Zur Unlösbarkeit des Theodizee-Problems: Theologie und Philosophie 60 (1985), 400-409; J. Splett, Und zu Lösungsversuchen durch Unterbietung: ebd., 410-417.

Hunger, Epidemien und Dürrekatastrophen anzurufen? Ist von Gott "mehr" zu erwarten als leise, werbende Impulse des Geistes und innere Ermutigungen?
Aus Erfahrungen und Fragen dieser Art hat sich bei vielen Menschen die Überzeugung von der Unbrauchbarkeit Gottes ergeben. Gott leistet nicht dasjenige, was "man" sich von ihm verspricht, und nicht dasjenige, von dem die Kirchen in ihrer Verkündigung sagen, daß er es jedenfalls leiste. Und so verabschieden sich viele von diesem Gott.
Für die Theologie ist ein solcher Abschied eine Kurzschlußhandlung. Zu vieles - zu viele Erfahrungen des Guten, des Schönen, des Stimmigen, des Gefügten - spricht dagegen, den Satz "Gott existiert" einfach zu streichen. Was bleibt, sind nicht triumphale Bejahungen, sondern die Erfahrungen, Gott zu vermissen, ihn zu entbehren, oder, wie Johann Baptist Metz sagt: das Leiden an Gott.12 Die Theologie hat in vieler Hinsicht keine Antworten mehr. Indem sie aber das Leiden an Gott artikuliert - und mit vielen biblischen Betern gemeinsam das Leiden an Gott vorträgt -, hält sie Gottes Stelle bei den Menschen offen.
3. Wort - "Gott"
Zu dem, was die Theologie nicht wissen kann, gehört die Verhaltensweise Gottes "jenseits" des Todes eines Menschen. In ihrer Vergangenheit legte sie sich auf die Meinung fest, das Leben eines Menschen vor dem Tod stehe im Zeichen der gnädigen Güte Gottes, vom Moment des Todes an aber herrsche unerbittliche, vergeltende Gerechtigkeit.13 In der Tat aber kann niemand wissen, wie sich Gottes über alle menschlichen Spekulationen unendlich erhabene Souveränität verhalten wird. Die Versuche, aus den unterschiedlichen biblischen Gotteszeugnissen so etwas wie ein stimmiges Gottesbild zu konstruieren, sind gescheitert. Notwendig wäre auch beim Umgang mit der Bibel eine "negative Hermeneutik", die auf die Grenzen jeder Aussage und auf das Mehrdeutige jedes Begriffs sorgsam achten müßte. Das Ergebnis wäre ein Bekenntnis zu umfassendem Nichtwissen, zu großer "Armut im Geiste".
Aber Gott wäre nicht verschwunden, weil er als das "unsagbare heilige Geheimnis" (Karl Rahner) neue Gegenwart gewinnen würde. Der Verlust dieses Geheimnisses würde die Menschheit in eine selbstmörderische Banalisierung führen. Würde der einzelne Mensch nicht mehr in seiner Herkunft aus einem unsagbaren Geheimnis und in seinem Unterwegssein zu dem Ziel des unsagbaren Geheimnisses gesehen, würde er nicht mehr für unverfügbar gehalten, gerade wegen seiner unendlichen

12) J. B. Metz, Theologie als Theodizee?: W. Oelmüller (Hg.), Theodizee - Gott vor Gericht?, München 1990, 103-118,
besonders 116ff.
13) Ein verspätetes Echo dieses Wissens findet sich noch im neuen "Katechismus der katholischen Kirche" von 1992, Ziff. 393.

Offenheit auf den geheimnisvollen Gott hin, dann müßte er jeder jeweils gesellschaftlich üblichen Kosten-Nutzen-Rechnung zum Opfer fallen.
"Dieses Wort 'Gott' ist da. Es kommt aus jenen Ursprüngen, aus denen der Mensch selbst herkommt, man kann sein Ende nur mit dem Tod des Menschen als solchen zusammen denken, es kann noch eine Geschichte haben, deren Gestaltwandel wir uns nicht im voraus denken können, gerade weil es selbst die unverfügbare, ungeplante Zukunft offenhält. Es ist die Öffnung in das unbegreifliche Geheimnis. Es überanstrengt uns, es mag uns gereizt machen ob der Ruhestörung in einem Dasein, das den Frieden des Übersichtlichen, Klaren, Geplanten haben will. Es ist immer dem Vorwurf Wittgensteins ausgesetzt, der befiehlt, man solle über das schweigen, worüber man nicht klar reden könne, der aber - indem er diese Maxime ausspricht - sie verletzt. Das Wort selbst stimmt, richtig verstanden, dieser Maxime zu, denn es ist ja selbst das letzte Wort vor dem anbetend verstummenden Schweigen gegenüber dem unsagbaren Geheimnis, freilich das Wort, das gesprochen werden muß als Ende alles Redens, soll nicht statt Schweigens in Anbetung jener Tod folgen, in dem der Mensch zum findigen Tier oder zum ewig verlorenen Sünder würde."14
Angesichts grassierender Wortinflation: Anbetung Gottes im Schweigen.

14) K. Rahner, Meditation über das Wort "Gott": Wer ist das eigentlich - Gott?, hg. von H. J. Schultz, München 1969, 21.

Die Seiten der Online-Ausgabe wurden mit größter Sorgfalt erstellt.
Sie können aus der Online-Ausgabe ohne Bedenken zitieren.
Jegliche Gewährleistung ist jedoch ausgeschlossen.
Bei Unstimmigkeiten wenden sie sich bitte an die Redaktion.