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Gott unser Ein und Alles


Gott, unser Ein und Alles?

Der katholische Gelehrte Prof. Herbert Vorgrimler
stellt das Dreifaltigkeitsdogma in Frage.
Dürfen wir anders glauben als Jesus?
Was hat christliches Heimatrecht?

Veröffentlicht von Peter Rosien

Haben wir Christen drei Götter? Vater. Sohn und Heiliger Geist? Oder sind die Mitglieder der Dreifaltigkeit nur symbolische Gestalten? Stehen sie also für "Seinsweisen« des einen Gottes, so dass man eher von Dreieinigkeit sprechen sollte? Das Neue Testament gibt auf dieses Fragen keine eindeutige Antwort. Zum einen wird die Dreifaltigkeit an mehreren Stellen angeführt. Die Betonung liegt dabei eher auf drei eigenständigen Subjekten. Besondere die Gottheit Jesu Christi wird immer wieder glaubend bezeugt. Zum anderen ist der historisch-kritische Befund in den Evangelien ebenso deutlich: Jesus versteht sich nirgends als »inkarnierter Gott«, der nach seinem Tod zur Rechten des Vatergottes sitzen wird. Für gläubige Juden, wie Jesus einer war. wäre das. damals wie heute, eine undenkbare Vorstellung.
Gleichwohl hat sich die Trinitätslehre in den Kirchen durchgesetzt. Kein Gottesdienst, der nicht im »Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" beginnt. Kein Gesangbuch und keine Liturgie, in denen die Dreifaltigkeit nicht immer neu beschworen wird. Kein Zweifel: Das Christentum hat seine Identität in der Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes gefunden Mit ihr ist der Brückenschlag vom semitischen Eingottglauben zum griechischen Vielgötterglauben gelungen. Und mit dieser Lehre erst konnte der christliche Glaube sein geschichtliches Kernland, Europa, erobern. Kein Zweifel aber auch: Mit dieser Lehre ist das Christentum heute dabei, seine Identität in Europa wieder zu verlieren. Die Dreifaltigkeit Gottes ist den meisten Christen seit langem unverständlich geworden, eine inhaltsleere Formel. Sie sperrt sich gegen jeden Erfahrungszugang. Das hat mit dazu beigetragen, dass der christliche Glaube in unseren Tagen verdunstet. Er macht bis weit ins Kirchenvolk hinein einer Spiritualität Platz, die sich auf interreligiöse Versatzstücke stützt. Die Amtskirchen haben darüber längst die Kontrolle verloren. Das ist unter Religionssoziologen weithin unstrittig.
Was also nützt eine christliche Identität, in der sich die übergroße Mehrheit der Gläubigen nicht mehr finden kann? Alle denkerischen Höchstleistungen. die Trinitätslehre in unser heutiges Weltbild zu übertragen, sie spirituell wieder bewohnbar zu machen, fruchten nichts. Sie bewirken das Gegenteil: Theologie ist so kompliziert geworden, dass Laien fast nichts mehr verstehen. Selbst den Fachleuten kommt sie nicht mehr geheuer vor. Der Salzburger Theologe Clemens Sedmak, Jahrgang 1971, sagt es drastisch: »Uns ist die Theologie abhanden gekommen, not with a bang, but with a whimper (nicht mit einem Knall, sondern sang- und klanglos).» Sedmak benennt die Folgen: »Die Theologie ist aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden « An den Universitäten fristet sie ein Dasein als »Orchideen-Fach« (C. Sedmak. "Theologie in Publik-Forum 9/2003)nach theologischer Zeit«, Grünewald. Siehe auch: Buch des Monats.
In dieser Situation legt einer der großen alten Männer der katholischen Theologie ein kleines revolutionäres Buch vor, das die Trinitätslehre faktisch ins Museum stellt, obwohl der Autor sie nur »neu sagen« will. Herbert Vorgrimler, Schüler und Nachfolger Karl Rahners auf dessen Lehrstuhl in Münster, sagt, die Dreieinigkeitslehre, wie er sie nennt, bedrohe heute den »Glauben an den einen Gott« mehr, als sie ihn fördere.
Der Dogmatikprofessor im Ruhestand argumentiert dabei allerdings so vorsichtig, dass man in dem 120-Seiten-Bändchen "Gott« (Aschendorff Verlag. 2003) schon genau hinsehen muss, manchmal nur implizit aus bestimmten Wendungen folgern kann, was das »Revolutionäre« denn ist. Aber es ist da: Vorgrimler führt drei Gründe an für seine kritische Durchleuchtung der Trinitätslehre:
Immer wieder gibt es Christen, die einer ausgesprochenen Dreigötter-Lehre huldigen. Drei göttliche Personen, die in ihrem Zusammenspiel das große heilsgeschichtliche Drama der Welterlösung bewirken Unter Dogmatikern geschieht dies besonders im Gefolge der Geschichtsphilosophie Hegels mit ihrer Drei-Stufen-Evolution des Weltgeistes. Vorgrimler demonstriert das konkret an der Theologie des evangelischen Dogmatikers Jürgen Moltmann.
Jesus hielt sich nicht für Gott. Mit diesem Hinweis knüpft Vorgrimler an die wilde neutestamentliche Debatte der siebziger Jahre an, die eine Brücke vom Verkündiger Jesus zum verkündigten Gottessohn Christus suchte - und nicht fand. Seither gibt es die Alternative: Glauben wie Jesus oder Glauben an Jesus, den Christus. Mit dieser Alternative wollten die Kirchen nicht leben. So haben ihre Dogmatiker das Problem einfach überrannt. Sie haben sich keinen Deut um die historisch-kritische Forschung geschert. Darin haben sie ganze Pfarrer-Generationen geprägt, die das Historisch-Kritische der Bibelauslegung gerade mal fürs Examen rekapituliert zu haben schienen. Ausnahmen unter den Theologen wie EugenDrewermanne Eugen Biser, Walter Hollenweger und manche Kontemplationsmystiker wurden ausgegrenzt oder totgeschwiegen.
Jetzt scheint eine Rückbesinnung einzusetzen: Dürfen Christen anders glauben als Jesus?, fragt der Dogmatiker Vorgrimler. Für ihn ist es keine Frage. Bei Jesus stand ausschließlich Gott im Mittelpunkt des Evangeliums: »Höre, Israel, unser Gott ist ein einziger. Und du sollst deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft « So lautet das jüdische Credo. Vorgrimler: »Dieses (Gottesbekenntnis zu dem einen und einzigen Gott trug Jesus als das erste Gebot vor, verbunden mit dem zweiten, das ihm gleich sei, den Nächsten zu lieben, wie sich selbst.«

Und die Erlösung? Ist sie nicht der eigentliche Gehalt der Dreifaltigkeitslehre? Jesus aber, da ist sich Vorgrimler mit vielen Exegeten einig, kommt ohne diese Lehre aus. Für Jesus geschieht Erlösung, indem der Einzelne zu Gott umkehrt, indem er sich Gott vertrauensvoll überlässt wie ein Kind und sich darin offen hält für die Nöte der Mitmenschen. Das war Jesu Verkündigung des anbrechenden Gottesreiches Das war seine Heilsbotschaft, seine frohe Botschaft. Sie hat er in begnadeter Gottesgegenwärtigkeit vorgelebt; für sie ist er in den Tod gegangen. Und darin verstand er sich, so sagt Vorgrimler, als von Gott beglaubigter »Bote und Mittler« dieser Botschaft, als »unser verlässlicher Bruder und Freund". Somit: Erlösung und Heil geschehen direkt zwischen Gott und Mensch als Annahme der bedingungslosen Bejahung, so der Autor, durch »das unbegreifliche, allzeit gegenwärtige Geheimnis, das wir Gott nennen«.
Paulus dagegen, als frühester Autor neutestamentlicher Schriften, entfaltet eine
»dualistisch-theistische Grundstruktur der christlichen Theologie« (Willigis Jäger). Seither beten wir zu zwei Göttern, dem Vater und dem Sohn Christus, die zusammen mit dem Heiligen Geist eine postulierte Einheit bilden. Dies spricht Vorgrimler allerdings so nicht aus. Paulus selbst hat diese Aufspaltung des einen jüdischen Gottes durch seine Christus Mystik zu überwinden gesucht »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Galaterbrief 2,20). Und viele Christen können ihm darin heute durchaus nachfolgen. Gleichwohl: Als lebendiges Erbe hat sich diese Mystik nicht durchgesetzt.
Hinzu kommt die düstere Lehre vom Opfer- und Sühnetod Jesu, die Paulus handfest entfaltete; für ihn war sie das Erlösungswerk Christi. Vorgrimler hält dies für eine »spätere Hilfskonstruktion«. Jesus selbst habe den Opfergedanken mit den Worten des Propheten Hosea abgelehnt: »Geht und lernt, was das beißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer« (Matthäus 9, 13).
Als dritten Grund für die Ablösung der überkommenen Trinitätslehre führt Vorgrimler an, dass sie heute auf »wirkliche Fragen keine Antwort« gibt, dass sie als Sprachspiel verbraucht und zerschlissen ist und »nichts mehr sagende Formeln« bereithält. Die alte pastorale Rede, der zufolge man das »Geheimnis der Dreifaltigkeit« nicht verstehen könne, sondern es einfach glauben müsse, hält Vorgrimler für eine Zumutung. Mit Rahner besteht er darauf, dass »das Alte neu gesagt« werden müsse. Leider führt er zu diesem Programm nur ein weitschweifig formuliertes Bekenntnis seines Lehrers an. Insgesamt argumentiert er eben sehr vorsichtig, versteckt Kritik oft hinter konventionellen Formulierungen, sichert selbst der alten Lehre wie auch der Sühneopfervorstellung «nach wie vor Heimat recht in der Kirche« zu.
Das aber wird der geistig spirituellen Situation der Gegenwart nicht gerecht. Leben wir doch, wie Jörg Zink es einmal analysierte, »in einer Epoche des Übergangs, die so wichtig und einschneidend ist, wie es die Erfindung der Landwirtschaft in der Jungsteinzeit war, wie es der Aufstieg des Christentums während der Zeit des Untergangs des Römischen Reiches war ... Zudem ist der heutige Übergang von der Neuzeit in eine noch unbenannte Epoche dramatischer, als je ein anderer Umbruch gewesen ist, weil er ungleich plötzlicher abläuft. Für unser Fach heißt das, von einem vergangenen Muster von Theologie weiterzugehen zu einem neuen, indem wir uns erst suchend bewegen.«
Nicht minder drastisch hat das kürzlich Johannes Röser, Chefredakteur von Christ in der Gegenwart, auf den Punkt gebracht. Jede Kirchenreform brauche heute zunächst die Glaubensreform. Diese verlange einen »Paradigmen Wechsel, eine Neugestaltung der Verstehensmodelle des Glaubens in Liturgie, Gottesrede. Gebet,Sprache Gebet, Sprache...und das alles so, dass es vor den Erkenntnissen der Natur und Humanwissenschaften, der modernen Welterfahrung Bestand hat Gegenüber der Reform, die uns fordert, war der spannungsgeladene Übertritt des Christentums von Jerusalem nach Athen ein Kinderspiel.«
Ganz versteckt bietet Vorgrimler schon eine Antwort, seine Antwort, auf diese Herausforderung an. Es ist die Mystik des »Gott in mir«, die schon sein Lehrer Karl Rahner mit dem seither ständig zitierten Wort beschwor, der Christ der Zukunft werde "Mystiker sein, oder gar nicht«. Zustimmend zitiert Vorgrimler den spätmittelalterlichen Mystiker Nikolaus von Kues. Kardinal seines Zeichens, der Gott nur noch hinter dem »Tor des Verstandesgeistes« und »jenseits des Zusammenfalls der Gegensätze« zu sehen vermochte. Auch bei Augustinus findet der Münsteraner Dogmatiker Worte, die die alte Trinitätslehre in der Tiefe auflösen: «Ich wäre gar nicht, wenndu, mein Gott, nicht wärest in mir. Oder nein, ich wäre nicht, wenn ich nicht wäre in dir, aus dem alles, durch den alles, in dem alles ist.«

Vorgrimler weicht der prinzipiellen Frage nach dem Verhältnis von Glaubenslehre und Mystik aus. Dabei scheint es tatsächlich die Mystik zu sein, welche heute die Theologie neu beleben kann. Ein anderes christlich auffüllbares und attraktives Modell von Religiosität ist weit und breit nicht zu sehen. Mystik wird dem manifesten Bedürfnis nach Erfahrbarkeit Gottes gerecht, im Zusammenspiel von Kontemplation und Aktion Und es ist durchaus angebracht, mit J. B. Metz Jesus als »Gottesmystiker« zu verstehen. War für ihn doch Gott das Ein und Alles seines Lebens und jeder einzelnen Seele. So verstanden, haben wir Christen nicht drei Götter, sondern sechs Milliarden Mal ein und denselben Gott, als »Seelenfunken« in jedem Menschen, wie Meister Eckhart sagt. Noch eindringlicher und paradox zugleich: »Du bist mein«, sagt der Gott aller Menschen bei Jesaja - und er meint dich. Diese Vereinnahmung des Einzelnen gilt dann aber auch anders herum, im Sinne eines: »Ich bin nur für dich da. verlass dich auf mich.« Dies ist das Paradox des »Holon- (griechisch: ganz). Der eine Gott spiegelt sich in unendlich vielen Seelen, jeweils voll und ganz ein und derselbe.
Mystik allerdings hat in unseren Kirchen noch kaum ein Heimatrecht. Dieses bieten sie aber nach wie vor der inhaltsentleerten Trinitätslehre und selbst der Sühnetod-Theologie. Damit begeben sich die Kirchen großer Chancen einer »Neuevangelisierung« des entchristlichten Europas.