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Jesus wollte keine Priester


Jesus wollte keine Priester
Prof. Herbert Haag

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1997/imp970802.html

Abschied von der Kleruskirche

Priestermangel, Gemeinden ohne Eucharistie, Zölibat, Frauenordination bezeichnen die Probleme, die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der Kirche bestimmen und über die unermüdlich diskutiert wird, freilich mit sehr bescheidenem Erfolg. Im Bistum Basel ist heute jede dritte Pfarrei ohne Pfarrer oder Gemeindeleiter, der Priester ist. Pfarreien, die einst vier Vikare hatten, haben wenn es gut geht, noch einen. Im Gegenzug sind in den letzten 50 Jahren die "Privilegien" der Priester, wenn ich es einmal so nennen darf, Stück um Stück beschnitten worden. Als ich anfangs der 40er Jahre meinen ersten Seelsorgeposten als Vikar antrat, mußte man die Priesterweihe empfangen haben, um den Erstkläßlern das Kreuzzeichen, das Vaterunser und die Zehn Gebote beizubringen. Das Ehegespräch vor der Trauung, den sogenannten "Brautunterricht", konnte nur ein zölibatärer Priester erteilen, der sich offenbar in der Ehe am besten auskannte. Daß gar ein "Laie" und obendrein eine Frau predigen würde, war völlig unvorstellbar.

All das ist heute zur Selbstverständlichkeit geworden. Als letzte Bastion ist dem Priester nur die Eucharistie verblieben. Stellte sich da nicht die Frage, ob nicht auch diese Bastion sturmreif ist? Damit wären alle anderen Fragen wie Zölibat und Frauenordination von selbst gelöst.

Um die Diskussion auf einen festen Grund zu stellen, müssen wir fragen, wie Jesus sich seine Gemeinde von Jüngern und Jüngerinnen vorstellte. Denn in den bisherigen Erörterungen wurde als gegeben vorausgesetzt, daß der Priesterstand ein unverzichtbares, weil strukturelles Element der Kirche ist. Kann ein Blick in das Neue Testament und besonders in die Evangelien dies bestätigen? Gewiß gibt es in der Kirche Einrichtungen, die sich nicht ausdrücklich auf das Evangelium berufen können und die trotzdem legitim sind, weil sie sich organisch aus den Anschauungen und Bedürfnissen der jeweiligen Zeit entwickelt haben (z.B. die Kindertaufe oder die Ohrenbeichte). Sie sind aber illegitim, wenn sie dem Geist des Evangeliums kraß widersprechen.

Das Priestertum der Kirche wurzelt im israelitisch-jüdischen Priestertum. Es unterscheidet sich von diesem am augenfälligsten dadurch, daß es keine blutigen Opfer darbringt. Das Judentum war zur Zeit Jesu streng hierarchisch gegliedert, und der Kult am Jerusalemer Tempel nahm darin eine dominierende Stellung ein.

An seiner Spitze stand der Hohepriester, dem die Durchführung des gesamten Kultes unterstand. Er war der einzige Sterbliche, der an einem Tag des Jahres, dem Versöhnungstag (jom kippur), den dunklen Hinterraum des Tempels, das "Allerheiligste", betreten durfte und damit der direkten Begegnung mit Jahwe gewürdigt wurde.
Dem Hohenpriester standen die "gewöhnlichen" Priester zur Seite. Sie durften den vorderen Tempelraum betreten, das "Heilige", wo sie zweimal täglich Weihrauch verbrannten. Im Vorhof der Priester, wo der Brandopferaltar stand, brachten sie die Tier- und Speiseopfer dar. Das blutige Tieropfer galt als das vornehmste aller Opfer. Davon gab es wieder zwei Arten. Entweder wurde das ganze Tier verbrannt (Rind, Schaf, Ziege, ein "Ganzbrand", holocaustum) oder nur seine edelsten Teile, das Übrige diente den Feiernden zum Mahl. Der Dienst der Priester war nicht hauptamtlich, sie übten einen zivilen Beruf aus, da sie nur zweimal jährlich eine Woche am Tempel präsent zu sein hatten.

Eine dritte Klasse des Tempelpersonals bildeten die Leviten. Ihnen oblag das ganze Umfeld des Kultus: Tür- und Ordnungsdienst, Gesang, Musik. Auch sie hatten ihre Dienstwochen wie die Priester. Es wird angenommen, daß täglich 300 Priester und 400 Leviten benötigt wurden, so daß mit insgesamt 7.200 Priestern und 9.600 Leviten gerechnet wird. [1]

Es bedarf keines Wortes, daß die im Tempel praktizierte Schlächterei in höchstem Maß unappetitlich war und einen entsetzlichen Gestank verursachte, der durch den Weihrauch neutralisiert wurde (wie noch heute in den stinkigen Gassen arabischer Städte). Insgesamt glich der Tempel mehr einem Schlachthaus als einem Bethaus.

Um dem blutigen Opferkult in Israel gerecht zu werden, haben wir ihn in den großen Zusammenhang der altorientalischen Kulturwelt zu stellen. In der Regel haben die Völker, die ein Land eroberten, weitgehend die Kultur des betreffenden Landes übernommen. Die bekannteste Ausnahme ist der Islam, der den von ihm eroberten Ländern seine Religion und Kultur aufzwang. Dem war nicht so, als die israelitischen Stämme, aus der Wüste kommend, sich im Land Kanaan (wie Palästina damals hieß) seßhaft machten. Sie übernahmen die Sprache der Kanaanäer, das Hebräische, in dem uns die meisten Schriften des Alten Testaments überliefert sind. Hebräisch ist nicht die Sprache, die die israelitischen Einwanderer mitbrachten, sondern jene, die sie sich im Land Kanaan zu eigen machten. Dasselbe gilt von der johannäisch-kanaanäischen Schrift.

Kein Wunder, daß auch das religiöse Brauchtum der Kanaanäer auf Israel zurückschlug. Mehrere jüdische Feste sind kanaanäischen Ursprungs. Ähnlich haben die israelitischen Stämme aus der Wüste keinen Opferkult mitgebracht. Sie haben von den Kanaanäern gelernt. [3] Der Prophet Amos fragt sein Volk herausfordernd:

"Habt ihr mir Schlacht- und Speiseopfer dargebracht in der Wüste vierzig Jahre lang?" (5,25).

Die Propheten hatten ein instinktives Gespür dafür, daß Gott keiner Opfer bedarf, um den Menschen seine Liebe zu schenken, ja daß es ihn in seiner Würde verletzt, wer meint, ihn durch ein geschlachtetes Rind oder Schaf gnädig stimmen zu können.

Der prophetische Protest gegen die Opfer hat sich wiederum in den Psalmen niedergeschlagen, etwa in Psalm 40 (V.7-9):

"Schlachtopfer und Speiseopfer gefallen dir nicht,
Brandopfer und Sündopfer forderst du nicht.
Deinen Willen zu tun, mein Gott, begehre ich,
und dein Gesetz trage ich in meinem Herzen."

Das Gottes würdige Opfer ist die Erfüllung seines Willens und die Hingabe des Herzens.

Und in Psalm 51, dem Psalm "Miserere", der zum klassischen Bußpsalm der Kirche geworden ist, bekennt der Fromme:

"Schlachtopfer begehrst du nicht,
und gäbe ich Brandopfer, sie gefielen dir nicht.
Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerbrochener Geist,
ein zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten."

Doch trotz all dieser Ermahnungen gewann der Opferkult im Tempel in der Zeit nach dem babylonischen Exil, also seit ungefähr 500 v.Chr. noch mehr an Gewicht in der älteren Epoche, und entsprechend wuchs auch die Macht der Priester. Das hing auch damit zusammen, daß das jüdäische Gebiet sehr klein geworden war und nur noch die Landgemeinden rund um die Stadt Jerusalem umfaßte. Der Tempel und der Kult waren das Einzige, was die Nation noch zusammenhielt. So mag es nicht erstaunen, daß wir statt einer Verminderung eine Vermehrung der blutigen Opfer feststellen. Wurde z.B. in der älteren Zeit das Brandopfer eines Tieres (Holocaust) nur am Morgen dargebracht, am Abend dagegen ein Speiseopfer, so haben wir jetzt ein Tier- und ein Speiseopfer am Morgen und am Abend (Lev 6,1-6). Dieser Opferbetrieb konnte unmöglich die Zustimmung Jesu finden, der in seiner Verkündigung bewußt auf die Predigt der alten Propheten zurückgriff.

Jesu Desinteresse am Opferkult

Nach dem Johannesevangelium zog Jesus fünfmal zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem hinauf: an drei Paschafesten (2,13.23; 6,4; 11,25; 12,1), an einem Laubhüttenfest (7,2) und an einem weiteren Fest (5,1). [2] Das scheint einen großen Eifer für den Tempel zu bekunden, ist aber in Wirklichkeit wenig. Denn jeder Mann - und das ist der Jude bis heute vom erfüllten 13. Lebensjahr an - war verpflichtet, dreimal im Jahr die Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen: Am Pascha-, am Wochen- und am Laubhüttenfest. Jesus scheint sich an diese Vorschrift nicht gehalten zu haben, zumindest wird es im Evangelium nicht erwähnt.

Mehr noch als wie oft Jesus zum Tempel zog interessiert uns, was er im Tempel tat. Zu unserer Überraschung hören wir nie, er habe sich an einem Tempelgottesdienst beteiligt. Insgesamt scheint sein Verhältnis zur Priesterschaft äußerst distanziert gewesen zu sein, und nichts deutet darauf hin, daß er an eine Fortsetzung des Priestertums in seiner Jüngerschaft dachte.

In sechsfacher Form wird uns im Evangelium Jesu Drohung über den bevorstehenden Untergang des Tempels überliefert, und wenn er ankündigt, er werde den zerstörten Tempel in drei Tagen wieder aufbauen (Mk 14,58, Joh 2,19), dann kann damit nur das absolute Ende des Jerusalemer Tempels und jedes irdischen Tempels überhaupt gemeint sein. Der Tempel, den Jesus an seine Stelle setzt, ist "nicht mit Händen gebaut", er ist von ganz anderer Wesensart. Für Jesus ist das Ende des Tempelkultes eine beschlossene Sache.

Auf die Frage der Samariterin, ob Gott auf dem Berg Garizim anzubeten sei (wo die Samariter ihren Kultort haben) oder in Jerusalem, erklärt Jesus, beides sei überholt, Gott wolle angebetet werden im Geist und in der Wahrheit (Joh 4,20-24).

Jesus unterstreicht das Gemeinte mit der Zeichenhandlung der Tempelaustreibung (Joh 2,13-22). Hier werden nicht nur Mißstände gebrandmarkt. Denn wer das vorgeschriebene Opfer darbringen wollte, mußte ja ein Tier kaufen, und um es zu kaufen, mußte er Geld wechseln. Wenn Jesus somit aus dem Vorhof der Heiden die Käufer und Verkäufer von Opfertieren hinauswirft und die Tische der Geldwechsler umstößt und das Geld ausschüttet, macht der damit den ganzen traditionellen Opferkult unmöglich, dann erklärt er diesen als erledigt. Die einzige gewalttätige Handlung, die die Evangelien Jesus zuschreiben, richtet sich gegen den Opferkult des Tempels. Damit ist aber auch der gesamten Priesterschaft das Ende angesagt.

Ihren tiefsten Grund aber hat Jesu ablehnende Haltung zum Opferkult des Tempels in seinem Gottesbild, das sich vom gängigen Gottesbild des Judentums seiner Zeit wesentlich unterschied. Nach dem Glauben des damaligen Judentums hatten die im Tempel dargebrachten Opfer die Kraft, Sünden zu tilgen und die Versöhnung mit Gott zu bewirken. Fast zur Ermüdung finden wir in den Anweisungen für die Darbringung des Sündopfertiers (Stier, Ziege, Schaf) (und die Sühnehandlung mit seinem Blut) die gleiche wiederkehrende Formel: "So erwirkt ihm der Priester Sühne für die Sünde, die er begangen hat, und es wird ihm vergeben" (Lev 4,20.26 usw.). Und eben diese Vorstellung und Praxis ist es, die Jesus verwirft: das System der Sündenvergebung durch Darbringung von Opfern.


Vielmehr tritt Jesus in die Fußstapfen seines Vorläufers Johannes des Täufers, der die Scharen zur Bußtaufe zu sich in die Wüste und an den Jordan rief. Er sah ein großes Gericht Gottes auf das Volk zukommen. Um dieses abzuwenden, forderte er die Menschen aber nicht auf, in den Tempel zu gehen und noch mehr Opfer darzubringen, sondern vor ihm ihre Sünden zu bekennen und durch "Umkehr", durch verändertes Verhalten Vergebung ihrer Sünden zu erlangen (vgl. Lk 2,7-14). Die Taufe des Johannes ist eine radikale Absage an Tempel, Opfer und Priesterschaft.

Diese Absage macht sich Jesus zu eigen, wenn auch er sich in die Zahl derer einreiht, die vor Johannes ihre Sünden bekennen und sich taufen lassen. Er überträgt diese Absage aber auch auf seine Jünger, wenn er sie auffordert, ihm nachzufolgen und seinen Weg zu gehen: "Kommt, folgt mir nach" (Mk 1,17 par.). Deshalb Jesu Distanz zum Tempel und zu seinem Kult. Um Gottes Verzeihen zu erlangen, bedarf es keiner Zeremonien. Es bedarf nur der Umkehr, wie Jesus vor allem im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt (Lk 15,11-32). Und das Umwerfende daran ist, daß nicht erst die Umkehr dem Sohn die Vergebung des Vaters verschafft, daß dieser ihm vielmehr längst verziehen hat, als er ihn in seine Arme schließt.

Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist für Jesus zutiefst persönlich.
Sie schließt jede priesterliche Vermittlung aus.
"Wenn du betest, so geh in deine Kammer und schließe die Tür zu und bete im Verborgenen zu deinem Vater. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten" (Mt 6,6).

Diese Hintansetzung des Kultes gegenüber der Sittlichkeit und Nächstenliebe durchzieht die ganze Bergpredigt. Denken wir vor allem an die Anweisung Jesu: "Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dich dabei erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort und vor dem Altar, geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe"
(Mt 5,32f).

Nicht das Opfer bewirkt die Versöhnung, im Gegenteil: zuerst kommt die Versöhnung und erst dann das Opfer. Dieses kann Gott nur gefallen, wenn die Versöhnung vorangeht und dazu bedarf es keines Opfers.
Die Wirkungslosigkeit und somit Überflüssigkeit der alten Opfer wird im Neuen Testament vor allem vom Hebräerbrief herausgestellt.

"Jeder Priester steht zwar täglich da und verrichtet den Gottesdienst und bringt immer wieder dieselben Opfer dar, die doch die Sünden niemals völlig hinwegnehmen können" (10,11). "Denn unmöglich kann Blut von Böcken und Stieren Sünden hinwegnehmen" (10,4). "Er aber hat, nachdem er ein einziges Opfer dargebracht hat, sich für immer zur Rechten Gottes gesetzt" (10,12).

Mit Jesu Kreuzestod werden alle weiteren Opfer hinfällig. Wenn aber der Neue Bund keine Opfer mehr kennt, benötigt er auch keine Priester.

Die Feindschaft der Priester

Daß Jesus sich damit die Priesterschaft des Tempels zum Erzfeind machen mußte. liegt auf der Hand. So werden in den Passionsberichten der Evangelien unter den Gegnern Jesu, die seine Festnahme, seine Auslieferung an die Römer und seine Hinrichtung betreiben, einmütig an erster Stelle die Hohenpriester genannt. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten sind es, die danach trachten, Jesus festzunehmen und zu töten (Mk 14,1 par.). Judas Iskariot geht zu den Hohenpriestern, um Jesus an sie zu verraten (Mk 14,10 par.). Mit einer Schar "von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten" kommt Judas, um Jesus festnehmen zu lassen (Mk 14,43 par.).

Einer der Jünger Jesu schlägt "nach dem Knecht des Hohenpriesters" (Mk 14,47 par.). So wird denn Jesus zuerst zum Hohenpriester geführt (Mk 14,53 par.). Der Hohepriester provoziert das Urteil des Hohen Rates, Jesus sei des Todes schuldig (Mk 14,63f par.). Petrus verleugnet Jesus vor einer Magd des Hohenpriesters (Mk 14,66ff par.). Die Hohenpriester und mit ihnen der ganze Hohe Rat liefern Jesus dem Pilatus aus (Mk 15,1 par.).

Vor ihm klagen ihn die Hohenpriester an (Mk 15,3 par.) und wiegeln das Volk auf, seine Kreuzigung zu fordern (Mk 15,11 par.). Die Hohenpriester verspotten den Gekreuzigten (Mk 15,31 par.). Und nach dem Matthäusevangelium waren es noch einmal die Hohenpriester, die sich an Pilatus wandten, um eine Grabwache zu erbitten (Mt 27,62-65), und die den Soldaten Geld gaben, damit sie aussagten, die Jünger Jesu hätten seinen Leichnam gestohlen (Mt 28,11-15).

So gilt es heute als opinio communis, daß die Priesterschaft des Tempels für den Tod Jesu verantwortlich ist. Und da sich diese aus der Partei der Sadduzäer rekrutierte, waren es die Sadduzäer und nicht die Pharisäer, die Jesus dem Kreuzestod auslieferten. [4]

So beharrlich sich die Evangelien über eine Teilnahme Jesu an der Tempelliturgie ausschweigen, so wichtig ist es ihnen zu vermelden, daß Jesus an einem Synagogengottesdienst, der ein reiner Wortgottesdienst war, teilnahm und sich daran aktiv beteiligte. Und um eben die Verkündigung des Wortes ging es ihm auch im Tempel. Noch und noch bezeugt die evangelische Überlieferung, er habe im Tempel gelehrt. "Er lehrte täglich im Tempel" (Lk 14,19). "Jesus ging hinauf in den Tempel und lehrte" (Joh 7,14), vgl. 7,28; 8,20). Denen, die ihn festnehmen, hält er entgegen: "Täglich war ich bei euch im Tempel und lehrte" (Mk 14,49). Vom Hohenpriester über seine Lehre befragt, erwidert er: "Ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt" (Joh 18,20). Deutlicher könnte Jesus sein Desinteresse am Opferkult nicht zum Ausdruck bringen. An dessen Stelle tritt für ihn die Verkündigung des Wortes. Damit hat Jesus das ganze jüdische Religionssystem aus den Angeln gehoben.

Wir können diese Haltung Jesu aber auch aus seiner Naherwartung nicht herauslösen. Jesus erwartet den Hereinbruch der Herrschaft Gottes als unmittelbar bevorstehend: "Wahrlich, ich sage euch: es sind einige der hier Stehenden, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes in Macht kommen sehen" (Mk 9,1). Wenn Jesus aber vom nahen Ende überzeugt war, mußte es ihm fernliegen, ein Kirchensystem, eine Kultordnung und eine Hierarchie aufzubauen oder auch nur vorauszusehen. Vielmehr hat Jesus die Weichen gestellt für ein völlig neues Verständnis von Kult und Gottesdienst: "Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer" - dieses Zitat aus Hosea (6,6), das sich ausgerechnet beim gesetzes- und opferfreudigen Matthäus zweimal findet (9,13; 12,7), kennzeichnet die Verschiebung von der Sphäre des Kultischen in die der Sittlichkeit, die Jesus vornimmt.

Paulus und die frühe Kirche als Zeugen

Ebenso haben für Paulus die Tempelopfer durch den Sühnetod Jesu ihre Funktion verloren (Röm 3,25). Das Opfer, das vom Christen erwartet wird, ist in der Kirche von ganz anderer Art:

"Ich ermahne euch, ... euren Leib als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer hinzugeben. Das sei euer wahrhaftiger Gottesdienst" (Röm 12,1).

Paulus setzt den christlichen Gottesdienst in betonten Gegensatz zum jüdischen. Die Christen sollen ihren Leib (nicht den Leib von Tieren) als lebendiges Opfer darbringen (statt toter Tiere). Die paulinische Aussage wird ergänzt und verdeutlicht durch eine Parallelstelle im 1. Petrusbrief, auf die wir zurückkommen werden.

Gottesdienst ist für Paulus freilich nicht nur die Hingabe des Leibes, vielmehr vor allem die Verkündigung des Evangeliums. Mit großem Nachdruck spricht der Apostel vom Gottesdienst des Evangeliums, den er vollzieht. Röm 1,9 erklärt er, er verrichte "mit seinem (eigenen) Geist" den Priesterdienst am Evangelium Christi. Noch bedeutsamer ist Röm 15,16. Hier sagt Paulus von sich, er vollziehe als Liturgie Christi Jesu "den Priesterdienst am Evangelium, damit die Darbringung der Völker Gott wohlgefällig werde". Hier wird die ganze jüdische Sprachweise förmlich auf den Kopf gestellt: Priesterdienst ist Verkündigung des Evangeliums. Die Opfergabe sind die Völker, die für das Evangelium gewonnen werden.

Herrenmahl am Herrentag

Gewiß hatte sich zur Zeit Jesu das Judentum längst an eine Form des Gottesdienstes gewöhnt, der ohne Tempel und Opfer auskam: den Wortgottesdienst der Synagoge. Um so mehr fällt auf, daß der urchristliche Gottesdienst von allem Anfang an kein bloßer Wortgottesdienst ist. Vielmehr spielt dabei das Mahl eine entscheidende Rolle, das der Synagogengottesdienst nicht kennt. Für diese Mahlzeiten wird der eigentümliche Ausdruck "Brotbrechen" gebraucht, der im profanen Griechisch kaum vorkommt, hingegen in den Evangelien einen typischen Gestus Jesu bezeichnet, sowohl in den Berichten über die Brotvermehrung (Mk 6.41-) als auch über das Abendmahl (Mk 14,22 par.) und über das Mahl Jesu mit den Jüngern in Emmaus (Lk 24,30).

In ihren Mahlgottesdiensten knüpft die Urgemeinde offensichtlich an die Mahlzeiten an, die Jesus besonders nach seiner Auferstehung mit den Jüngern hielt. Diese Mähler müssen in der Jüngerschaft Jesu einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Hier erfuhren sie am intensivsten die Gemeinschaft mit Jesus. An die Stelle der Gegenwart Jahwes im Tempel tritt jetzt die Gegenwart des auferstandenen Herrn. Er ist und bleibt, wenn auch jetzt unsichtbar, der Gastgeber. Er steht dem Mahl vor. Dabei ist zu bedenken, daß besonders für orientalisches Denken der Gastgeber seinen Gästen nicht nur Speise und Trank schenkt. Er schenkt ihnen vor allem seine Gegenwart und damit sich selbst.

Den christlichen Kirchen wäre - bis zum heutigen Tag - viel Gezänk erspart geblieben, hätten sie auf die Diskussion verzichtet, in welcher Weise Jesus in der Eucharistie gegenwärtig ist. Dies wird nie mit menschlichen Worten zu umschreiben sein. Könnten wir uns aber darauf einigen, daß wir schlicht und einfach mit ihm das Mahl halten, wie es seine Jünger taten, und daß er uns dabei seine Gegenwart schenkt, hätte aller Streit ein Ende. Was kann er uns mehr schenken als seine Gegenwart?

Der Zusammenhang zwischen Auferstehung und Herrenmahl wird besonders in der Petrusrede in Joppe hervorgehoben, wo Petrus sagt:

"Diesen Christus hat Gott am dritten Tage auferweckt und erscheinen lassen nicht vor allem Volk, sondern vor den vorherbestimmten Zeugen, vor uns, die wir nach seiner Auferstehung von den Toten mit ihm gegessen und getrunken haben."

(Apg 10,41)

Wie stark diese eucharistischen Mahlfeiern im Zeichen der Auferstehung stehen, zeigt auch der Wochentag, an dem sie begangen werden. Zwar hören wir in der Apostelgeschichte, man sei täglich in den Häusern zusammengekommen (2,46). Vorzugsweise aber geschieht dies am ersten Tag der Woche (Apg 20,7; 1 Kor 16,2), der auch "Herrentag" genannt wird (Offb 1,10; Apost. Väter, z.B. Did 14,1).

In bewußter Absetzung vom Judentum haben die ersten Christen den ersten Tag der Woche ausgesondert. Denn dies war der Tag, an dem Christus auferstand und den beim Mahl versammelten Jüngern erschien. So ist für sie jeder Herrentag ein Osterfest.

Eucharistie, aber ohne Priester

Diese christliche Mahlfeier wird uns außerhalb des Neuen Testaments erstmals in der "Lehre der Zwölf Apostel" (Didache, Anfang 2. Jh.) und vom Märtyrer Justin (Mitte 2. Jh.) bezeugt. In der Didache begegnen wir erstmals dem Wort eucharistia für den christlichen Mahlgottesdienst.

Dieser wird so beschrieben:
"Betreffs der Eucharistie. Sagt folgendermaßen Dank. Zuerst zum Becher: Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechts, den du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Zum Brot: Wir danken dir, unser Vater, für das Leben, das du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Und wie dies auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht ein Brot geworden ist, so soll deine Kirche zusammengebracht werden von allen Enden der Erde in dein Reich. Denn dein ist die Herrlichkeit und die Kraft in Ewigkeit" (9,1-4).

Aus dem ganzen Zusammenhang ist ersichtlich, daß die Versammelten ein richtiges Mahl halten, das aus Brot und Wein besteht und durch den Dank, der über Brot und Wein gesprochen wird, zur Eucharistie, zur Danksagung wird. Von einem Einsetzungsbericht ist freilich nicht die Rede, so wenig wie von einem Priester.

Um die Mitte des 2. Jahrhunderts beschreibt der Apologet und Märtyrer Justin den Gottesdienst nicht wesentlich anders (Apol. I,65-67). Indes fallen zwei Unterschiede auf. Der Eucharistiefeier geht nicht nur, wie in der Didache, ein Bußakt voraus, sondern ein Wortgottesdienst, in dem aus den Schriften der Apostel vorgelesen wird und der Vorsteher (proestös) eine Ansprache hält. Dann werden dem Vorsteher Brot und Becher mit Wein und Wasser gebracht, und dieser spricht darüber eine lange Danksagung. Offensichtlich steht der Gemeindeleiter der Feier vor, nicht aber ein Priester. Die Eucharistie ist Sache des Gemeindeleiters.

Warum also Priester?

Somit fragen wir uns, wie denn die Vorstellung aufkommen konnte, es bedürfe für die Feier der Eucharistie eines Priesters. Verschiedene Faktoren haben dazu beigetragen. Ohne Vollständigkeit anzustreben, seien deren drei hervorgehoben:

1. Die überlieferte Form der Einsetzungsworte in den Abendmahlsberichten,
2. der Einfluß (a) des 1. Klemensbriefes und (b) des Markionstreites,
3. die Vorwürfe, die vom römischen Staat gegen das Christentum wegen seiner
Kultlosigkeit erhoben wurden.

Beginnen wir mit den Einsetzungsberichten des Abendmahls. Sie haben Anlaß gegeben, die Eucharistie als Opfer zu verstehen. Die Rede vom Messopfer ist jedem Katholiken geläufig. Wenn aber Opfer, dann auch Priester.

Bekanntlich ist uns der Einsetzungsbericht in vier Varianten überliefert (Mt, Mk, Lk und Paulus in 1 Kor 11,23-26). Das macht es unmöglich, die authentischen Jesusworte mit Sicherheit zurückzugewinnen. Vielleicht herrscht in der heutigen Exegese Einmütigkeit darüber, daß wir es in den Abendmahlsberichten mit einer Kultätiologie zu tun haben, durch die der Brauch der Gemeinden begründet und erklärt werden soll. Mit anderen Worten: Dargestellt wird vielmehr die Mahlfeier der Gemeinde, von der auf das Abendmahl Jesu zurückgeschlossen wird (womit freilich die Geschichtlichkeit des Abendmahls Jesu nicht dahinfällt). Für unsere Frage von Bedeutung ist vor allem die Form des Brotwortes und des Becherwortes.

Das Brotwort überliefert Markus (14,22) in der Fassung:

"Während sie aßen, nahm er Brot, sprach den Lobpreis, brach es, gab es ihnen und sprach: Nehmt, das ist mein Leib."

Nichts hindert uns, dies als ursprüngliches Jesuswort zu nehmen. Dabei steht Leib für Leben. Jesus sagt: "Nehmt, das ist mein Leben", oder noch einfacher: "Das bin ich". Jesus versichert die Jünger seiner bleibenden Gemeinschaft über den Tod hinaus. Das Brot stiftet eine personale Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern und Jüngerinnen.

In der Praxis der Kirche blieb es aber nicht beim schlichten "Das ist mein Leib", wie es uns Markus als ältester Evangelist überliefert. Statt dessen finden wir bei Paulus:

"Dies ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis" (1 Kor 11,24), und bei Lukas:

"Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis" (22,19).

Wir sehen, daß die Gemeinde schon früh dazu überging, im brüderlichen Mahl des Todes Jesu zu gedenken. Dagegen war auch nichts einzuwenden. So wurde die Eucharistie zur memoria, zum Gedächtnis des Todes Jesu, und an diesem Verständnis halten die Protestanten bis heute fest. Auf katholischer Seite ging man aber noch einen Schritt weiter und machte die Eucharistie nicht nur zum Gedächtnis des Opfers Jesu. Vielmehr wurde die Eucharistie selbst zum Opfer. Die Rede vom Meßopfer ist uns allen geläufig.

Noch stärker als im Brotwort spiegelt sich das Denken der Gemeinde im Becherwort, bei dem Jesus nach Markus und Matthäus die Tischgenossen förmlich auffordert, sein Blut zu trinken. Hätte er dies getan, hätten diese voll Entsetzen fluchtartig den Abendmahlssaal verlassen. Denn Genuß von Blut ist für Juden und für Semiten insgesamt der größte Graus. In der griechisch-römischen Welt aber war die Vorstellung viel weniger anstößig als in der jüdischen. Die unstimmige Form des Kelchwortes zeigt sich auch darin, daß Blut keine Parallele zu Leib ist, sondern höchstens zu Fleisch. Denn zum Leib gehört ja schon das Blut. Am verhängnisvollsten aber mußte sich auswirken, daß Matthäus und Markus zum Wort vom Blut noch den Zusatz bringen: "das für viele vergossen wird", nach Mt überdies "zur Vergebung der Sünden", wodurch der Opfergedanke aufs höchste gesteigert wird, der in der ältesten Überlieferung völlig fehlte. Mit Recht wendet sich das heutige kirchliche Denken gegen das eucharistische Opferverständnis. Für das Aufkommen des kirchlichen Priestertums aber war dieses von entscheidendem Einfluß. Denn wo Opfer, da Priester. Ist jedoch die Eucharistie kein Opfer, bedarf es zu ihrem Vollzug auch keines Priesters.

Wegen all der Unstimmigkeiten, die das Becherwort nach sich zieht, neigt heutige Bibelwissenschaft zur Annahme, Jesus habe überhaupt nur das Brotwort gesprochen, das Becherwort aber sei Gemeindebildung.

Beginnendes Hierarchiedenken

Wir waren vorhin bei Mt-Evangelium stehen geblieben. Damit befinden wir uns schon in der Zeit zwischen 80 und 90, also gegen Ende des 1. Jh. Im 2. Jh. kommt ein neues Element hinzu: ein merkwürdiger Rückgriff auf die priesterliche Hierarchie des Alten Testaments.

Zu einem hierarchiefreundlichen Klima hat sicher der 1. Klemensbrief beigetragen. Am Ende des 1. Jahrhunderts war in der Kirche von Korinth eine Krise ausgebrochen. Es waren einige Presbyter (Älteste) ihres Amtes enthoben und durch jüngere ersetzt worden. Um den Streit aus der Welt zu schaffen, richtete die Gemeinde von Rom unaufgefordert ein Schreiben an die Gemeinde von Korinth. Dieses spricht immer in der Wir-Form, wird aber sicher zu Recht mit dem Namen des römischen Bischofs Klemens verbunden, der als der Verfasser gelten muß.

Der Konflikt von Korinth wird in einen größeren theologischen und moralischen Zusammenhang gestellt. In den Augen des Verfassers bilden der Alte Bund und das Christusgeschehen eine einziges große Heilsordnung. Die Kirche wurzelt im Alten Testament, und wenn der Verfasser auch einzelne Schriften des Neuen Testaments kennt, so ist für ihn doch die Bibel noch immer das Alte Testament. Auf dieses beruft er sich in einem fort. Um die Korinther davon zu überzeugen, daß Ordnung herrschen müsse, bezieht er sich auf die schon am Tempel von Jerusalem herrschende Kultordnung. Dort - sagt er, obwohl der Tempel schon längst nicht mehr besteht - "sind dem Hohenpriester eigene Verrichtungen übertragen, den Priestern ist ihr eigener Platz verordnet, und den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen. Der Laie ist an die Anordnungen für die Laien gebunden."

Zum ersten Mal erscheint hier der Begriff "Laie" in der christlichen Literatur. Obwohl der Verfasser gewiß nicht die am Tempel geltende Ordnung buchstäblich auf die christliche Gemeinde übertragen will, konnte bei dem hohen Ansehen des Schreibens - es wurde in manchen Kirchen noch längere Zeit beim Gottesdienst vorgelesen - der Verweis auf verschiedene Stufen der Hierarchie und die ihnen gegenüberstehenden Laien gewiß nicht ohne Wirkung bleiben.

Die Aufnahme alttestamentlicher Vorstellungen in die Kirche wurde weiterhin gefördert durch die Markion-Episode. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts stellte der kleinasiatische Reederssohn Markion der römischen Großkirche eine eigene Kirche entgegen. Seine Lehre gipfelte in einer leidenschaftlichen Verwerfung des Alten Testaments. Der Gott des Alten Testaments sei ein anderer als der Vater Jesu Christi. Deshalb müsse sich die Kirche vom Alten Testament lossagen. Sie tat es nicht. Statt der Alternative Altes oder Neues Testament entscheiden sie sich abstrichlos für beides: Altes und Neues Testament. Damit bekam das Alte Testament eine völlig neue Stellung in der Kirche. War es bisher die jüdische Bibel gewesen, die auf Christus hin gedeutet wurde, so war es fortan die christliche Bibel. Es soll uns nicht wundern, wenn dadurch das Alte Testament und seine Institutionen, samt Kult und Priestertum, ein neues Gewicht bekamen.

Kultfreudigkeit des römischen Staates

Schließlich wurde die Überhandnahme des Kultischen durch die Verfolgung der jungen Kirche seitens des römischen Staates entscheidend gefördert. Das Christentum breitete sich zwar in einem heidnischen, keineswegs aber in einem gottlosen Staat aus. Das Milieu, in dem die Botschaft Jesu verkündet wurde, war weithin religiös/kultisch geprägt. Nach Tacitus wurde der christliche Glaube als exitiabilis superstitio bezeichnet, als "verderblicher Aberglaube". Ja, die Christen werden sogar des Atheismus bezichtigt. Gemeint ist die Ablehnung der römischen Götterwelt und ihres Kultes. "Deos non colitis" lautet nach Tertullian der gegen die Christen erhobene vernichtende Vorwurf: "Ihr verehrt die Götter nicht". Und Tertullian führt dies näher aus: "Tempel verachten sie, als ob es Gräber wären; vor Götterbildern speien sie aus, verlachen die heiligen Opfer." Gegen den Vorwurf, keine Opfer darzubringen, verweisen Christen nun auf die Eucharistie, wodurch deren Opfercharakter herausgehoben wird, der, wie wir sahen, ursprünglich fehlte.


Der Sprung zur Kleruskirche

Trotz dieser durch mehrere Faktoren bedingten Rückbesinnung auf Kult und Opfer wird der Titel híereus, Priester, für die kirchlichen Amtsträger nicht nur im Neuen Testament, sondern während der ganzen ersten beiden Jahrhunderte vermieden. Eine Wende nehmen wir freilich schon in den Briefen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien wahr. Indes sind diese Briefe nicht, wie es die Überlieferung will, um 110 von Ignatius auf seiner Reise nach Rom zum Martyrium geschrieben. Vielmehr sind sie heute unwiderlegbar als Pseudepigraphen aus der Zeit zwischen 160 und 170 erwiesen. In diesen Briefen finden wir erstmals den monarchischen Episkopat und die Hierarchie von Bischof (immer in der Einzahl), Presbyterium und Diakonen. Der Bischof ist Haupt und Mitte der Ortskirche. Die Presbyter, die Ältesten, sind ihm unterstellt, die Diakone beiden. Dieser Hierarchie stehen die Gläubigen gegenüber, jedoch noch nicht als "Laienstand" einem "geistlichen Stand".

Die Amtsträger sind keine "Geistlichen". Zwar kommt unser Wort "Priester" vom griechischen Presbyter, "Ältester". Aber in den ersten beiden Jahrhunderten hat Presbyter noch diesen ursprünglichen Sinn, der nichts mit Priestertum zu tun hat. Und daß Jesus gar beim letzten Abendmahl die Zwölf zu Priestern geweiht habe, wie der gegenwärtige Papst es Jahr für Jahr in seinen Gründonnerstag-Briefen an alle Priester der Kirche behauptet, davon kann gar keine Rede sein. Nie hören wir ja nachher etwa davon, daß sie ihr Priesteramt ausgeübt hätten. Umgekehrt gehörte der Herrenbruder Jakobus, der erste Bischof von Jerusalem, nicht zum Kreis der Zwölf und war somit ein Laie.

Der entscheidende Wandel ereignet sich jedoch, gleichsam über Nacht, zu Beginn des 3. Jahrhunderts. Fortan gibt es in der Kirche zwei Stände, ordo und plebs, Geistliche und Laien, wie für die Kirche von Karthago Tertullian, für die römische Hippolyt, für Alexandrien Klemens und Origenes bezeugen.

Im Verlauf des 3. Jahrhunderts wird die Scheidung zwischen Klerus und Laien zur vollendeten Tatsache. Die Kirche wird zur Kleruskirche. Was Klerus und Laien trennt, ist die Liturgie. Sie erfordert eine Weihe. Bald aber - wir sehen dies bei Cyprian von Karthago - hat der Kleriker nicht nur eine liturgische Funktion, er ist schlechthin der Inhaber eines kirchlichen Amtes. Das Wortpaar clerus-plebs ist den Schriften des Cyprian geläufig. Wenn der Bischof (oder sein Presbyter) die Kirche betritt, hat das Volk sich zu erheben. Mehr und mehr werden die Laien zur Passivität verurteilt. In den sog. Pseudo-Klementinen (Anfang 3. Jahrhundert) wird die Kirche mit einem Schiff verglichen, dessen Steuermann Christus ist. Der Bischof ist der Untersteuermann, die Presbyter sind die Matrosen, die Diakone die Rudermeister, die Katecheten die Ordnungshüter und Platzanweiser. Die Gemeinde, das sind die Passagiere. Sie fahren nicht, sie werden gefahren, sie sind auf Gedeih und Verderb dem Können oder Nichtkönnen der Schiffsmannschaft ausgeliefert: das Bild der Kleruskirche, wie es sich durch die Jahrhunderte bis in unsere Tage durchgehalten hat. Am Anfang des 4. Jahrhunderts erschienen dann auch die ersten Forderungen nach Ehelosigkeit der Priester: man kann nicht zugleich den Leib Christi und den Leib einer Frau berühren. Damit wird das sakrale Verständnis des Priestertums perfekt.

Zurück zum Anfang!

Der gegenwärtige Notstand der Kirche bedeutet für diese einen ultimativen Appell, zu den Ursprüngen zurückzukehren. Zunehmend werden "Laien" zu Gemeindeleitern eingesetzt, das heißt zu nicht ordinierten Pfarrern. Früher wurde eine Pfarrei vom Bischof einem Priester übertragen. Heute werden Pfarrer per Zeitungsinserat gesucht. Einen Pfarrer zu finden ist heute ein wahres Kunststück. Steht ein Bischofssitz zur Disposition, stehen ein Dutzend Anwärter zur Verfügung. Das Handicap der nicht-ordinierten Gemeindeleiter ist jedoch, daß sie mit ihrer Gemeinde nicht Eucharistie feiern können, weil diese nach geltendem Recht und Verständnis der Kirche mit der Priesterweihe gekoppelt ist (und diese wiederum mit dem Zölibat). Damit stehen wir freilich vor einer völligen Aushöhlung des kirchlichen Amtes. Denn ein Gemeindeleiter ist von Amtes wegen nicht nur ermächtigt, sondern förmlich verpflichtet, mit seiner Gemeinde die Eucharistie zu vollziehen. Sollte, was 200 Jahre lang möglich war, nicht auch heute möglich sein, zumal wenn es sich vom Evangelium her eindeutig gebietet? Jesus wollte, sofern er überhaupt eine Kirche wollte, sicher keine hierarchisch strukturierte Kirche.

"Laßt euch nicht Rabbi nennen, laßt euch nicht Pater nennen, laßt euch nicht Lehramt nennen. Denn ihr alle seid Brüder", lautet seine Weisung (Mt 23,8-10).

Von allen Verirrungen, denen die Kirche im Verlauf ihrer Geschichte erlegen ist , war die Einrichtung von zwei "Ständen" die verhängnisvollste.

Daß alle Ämter Einrichtungen der Kirche sind und sich keines auf Jesus zurückführen läßt, wird heute mehr und mehr anerkannt. Wenn aber daraus geschlossen wird, daß somit alle Ämter zur Disposition der Kirche stehen: sie kann sie beibehalten, ändern und abschaffen, erhebt sich Widerspruch. Denn, so wird gesagt, die gegenwärtigen Strukturen der Kirche sind das Werk des Heiligen Geistes. Damit begeben wir uns nun freilich auf ein sehr gefährliches Glatteis. Wir wissen, wie groß die Versuchung schon immer war, Fehler und Fehlentwicklungen in der Kirche auf den Heiligen Geist abzuwälzen. Angenommen aber, der Heilige Geist habe diese Ämter tatsächlich gewollt, weil sie den damaligen Bedürfnissen entsprachen, so kann er heute auch deren Abschaffung wollen, weil sie den heutigen Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Wer das neutestamentliche Priestertum retten will, muß mehrere Schriften aus dem Neuen Testament herausstreichen, vor allem den Hebräerbrief. Dieser ist ein einziges leidenschaftliches Plädoyer gegen jede Fortsetzung des Priestertums. Jesus ist endgültig der letzte Priester. Nach ihm ist kein Priestertum mehr möglich.

Die katholische Kirche kann sich eine neue Verfassung geben, aber vermutlich bedürfen wir dafür eines neuen Konzils. Wir kommen mit der bisherigen Kleruskirche nicht mehr weiter. Vielmehr haben wir uns zurückzubesinnen auf jenes Schlüsselwort im 1. Petrusbrief, wir haben es vorhin schon kurz erwähnt:

"Laßt euch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus. ... Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, um die herrlichen Taten dessen zu verkünden, der euch aus der Finsternis gerufen hat in sein wunderbares Licht" (2,5.9).

Alle Gläubigen bilden eine große Priesterschaft, alle Gläubigen sind "Geistliche", alle haben in der Taufe eine Weihe empfangen, alle sind geweiht. Aber das Opfer, das sie darbringen, ist kein Kultopfer. Für ein solches ist in der Jüngerschaft Jesu kein Platz. Es ist das Opfer der Lippen, das Opfer des Lobes ("Ihr sollt die Großtaten dessen verkünden..."), das Opfer der Verkündigung des Evangeliums, und natürlich all die Opfer, die das Leben uns täglich abverlangt. Die Kraft dazu hat die christliche Gemeinde von jeher aus dem Abendmahl geschöpft. Ermächtigt, Eucharistie zu feiern, dürfte aber nicht länger der sein, der eine Weihe empfangen hat, vielmehr die Männer und Frauen, die von der Kirche dazu beauftragt sind. Was einmal in der Kirche möglich war, sollte auch heute möglich sein. Papst Johannes XXIII. hat der Welt ein Testament hinterlassen. Er hat es nicht geschrieben, sondern wenige Tage vor seinem Tod vor glaubwürdigen Zeugen gesprochen.

Am 24. Mai 1963 erklärte der Papst im Tor zur Ewigkeit:

"Der Augenblick ist gekommen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die von ihnen gebotenen Möglichkeiten zu ergreifen und in die Zukunft zu blicken."

Auf die gegenwärtige himmelschreiende Not der Kirche angewendet heißt dies: Der Augenblick ist gekommen, der Kleruskirche den Abschied zu geben.

Dr. Dr. Herbert Haag (82) ist Professor (em.), des Alten Testaments der Universität Tübingen. Die vorstehenden Ausführungen hat er beim Lesertreffen zum Jubiläum "30 Jahre imprimatur" am 3. Oktober 1997 in Trier vorgetragen. Red.



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[1] Vgl. R. Dussaud: Les origines cananéens du sacrifice israelite, Paris 1921
[2] Vgl. W. Bousset: Die Religion des Judentums im späthellenistischen Zeitalter, Tübingen 3.1926, 97ff.
[3] Vgl. Elliger: Leviticus, Tübingen 1966, 95.
[4] "Les prètres en chef et le grand prêtre, qui étaient Sadducéens, sont les responsables de la mort de Jésus" (J. Le Moyne, les Sadducéens, Paris 1972, 404). f&u