Homepage Roland Sinsel

Fronleichnam: Worum geht's hier eigentlich ?


Fronleichnam: Worum geht’s hier eigentlich ?

Gesprächsauszug
TV Diskussion am Fronleichnamstag
Bibelwissenschaftler Prof. Herbert Haag

Deg: War der Tod Jesu am Kreuz notwendig?
Haag: Nein er war nicht notwendig, er ist gestorben für die Wahrheit die er verkündet hat, die er z.B. in der Bergpredigt zum Ausdruck bringt. Zu dieser Wahrheit gehört eben auch, dass Gott keine Opfer will, und dass er das Opfer überhaupt ablehnt, dass Gott ganz andere Maßstäbe hat, als man sie damals im Judentum hatte.
Deg: Das heißt Jesus hat sich unbeliebt gemacht mit dieser Wahrheit?
Haag: Ja, im höchsten Maß unbeliebt, vor allem hat er ja den Untergang des Tempels vorausgesagt, und er hat sich unbeliebt gemacht bei der Priesterschaft.
Deg: Wollten diese seinen Tod?
Haag: Sie wollten seinen Tod.
Deg: Heißt das aber nicht wieder umgedreht, wenn ich das zuende denke, dieses antisemitische Gut im Christentum, dass dann doch wieder die Juden, Schuld haben am Tod Christi?
Haag: Nicht die Juden, eine ganz bestimmte Gruppe innerhalb des damaligen Judentums.
Deg: Die Römer nicht?
Haag: Der einzige Mann der damals eine Todesstrafe aussprechen konnte war der römische Stadthalter, der römische Prokurator, der damals Pontius Pilatus hieß, der war der einzige Mann im ganzen Land, der einen Menschen zum Tode verurteilen konnte, denn den Juden stand die Vollstreckung der Todesstrafe nicht zu. Wenn sie also Jesus loswerden wollten, konnten sie das nur über Pilatus. Damit ist Pilatus nicht von Schuld freigesprochen, er hat schließlich das Urteil ausgesprochen und vollziehen lassen, aber nicht ohne Betreiben einer jüdischen Clique.
Deg: Und am Abend vor seinem Tode hat Jesus das Abschiedsmahl gefeiert und damit kommen wir zurück zu dem Stichwort Eucharistie, Abschiedsmahl da heißt es, das ist mein Leib für euch hingegeben, das ist mein Blut für euch geopfert. Wie ist es denn, man kann diese biblischen Worte ja auch sehr unterschiedlich interpretieren, sie werden ja protestantisch, sie werden lutherisch, kalvinistisch, katholisch jeweils anders interpretiert, und alle sagen es hat etwas anderes auf sich, mal ist Jesus richtig real da, mal ist es symbolisch.
Haag: Sie werden nicht nur unterschiedlich interpretiert, sie werden auch unterschiedlich überliefert. Wir haben sie in vierfacher Fassung im Neuen Testament. Wie Jesus diese Worte wirklich gesprochen hat, wissen wir nicht, weil wir sie eben in vier verschiedenen Fassungen im Neuen Testament vorfinden, aber der letzte Sinn ist ganz einfach, ich schenke mich euch. Für orientalisches Denken, und auch bei uns, wenn ich mir Gäste einlade zu einem Abendessen, setze ich ihnen ja nicht nur Speise und Trank vor, ich bin der Gastgeber, ich schenke ihnen meine Gegenwart zu aller erst, ich lade sie ein, dass wir zusammen sind. Und dass ich ihnen meine Gegenwart schenken kann, dieser Gedanke war im damaligen Judentum viel stärker, wie überhaupt bei den Orientalen viel stärker als bei uns. Der Gastgeben gibt den Gästen nicht nur Speise und Trank, er schenkt ihnen seine Gegenwart.
Deg: Gut, aber wie ist es dann bei dem wiederholten Geschehen dieses Schenkens, wenn ich in den Gottesdienst gehe, da heißt es ja z.B. im katholischen Gottesdienst, dass in der Oblate in dem Schluck Wein wirklich und real Leib und Blut Christi da ist, muss ich das wirklich glauben, wenn ich ein guter Katholik sein wollte. Müsste ich das dann glauben?
Haag: Nein, das ist natürlich viel zu stark, und gerade das Fronleichnamsfest zeigt das ja, viel zu stak materialisiert worden. In dem Jesus, der vorher der sichtbare Gastgeber war, ist jetzt der unsichtbare Gastgeber, es ist der auferstandene Christus, der hier gegenwärtig ist, in dieser Feier in diesem Mahl gegenwärtig ist als Gastgeber. Und als Gastgeber nun nicht nur Speise und Trank schenkt, sondern vor allem seine Gegenwart. Also in diesem Brot und in diesem Kelch schenkt er uns seine Gegenwart. Und wenn nun Katholiken oder Protestanten, oder wer immer es sein mag, sich darauf endlich einigen könnten, über alle theologischen Diskussionen hinweg – im Abendmahl schenkt uns Jesus seine Gegenwart, was kann er uns mehr schenken als seine Gegenwart, dann wären wir uns ja alle einig.
Deg: Aber dann sagen die Katholiken, wenn das Abendmahl zu ende ist, dann ist der Herr Jesus ja immer noch drin in dieser Oblate, die Protestanten sagen
nein da ist nichts mehr.
Haag: Hier wird eben im katholischen Raum zu sehr vermaterialisiert, es ist das Brot das uns von Jesus zum Abendmahl gereicht wurde. Das von dem noch etwas übrig geblieben ist, darüber zu diskutieren, wieweit uns Jesus noch gegenwärtig ist, in diesem übrig gebliebenen Brot, das ist doch völlig müßig.
Deg: Dieses Geheimnisvolle um die Eucharistie, ist doch etwas was sehr viel zu tun hat mit dem Kirchenverständnis und auch etwas mit dem Amtsverständnis von Kirche; in der Katholischen Kirche zumindest, und Fronleichnam ist ja ein katholisches Fest, und ein Stück weit auch ein antiökumenisches Fest. In der katholischen Kirche ist es ja so, dass nur der katholische Priester befugt ist, diese Einsetzungsworte zu sprechen, das ein Geschehen ist, das der Priesterkaste vorbehalten ist. Ist das im Sinne Jesu?
Haag: Niemals kann das im Sinne Jesus sein. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das Fronleichnamsfest im dreizehnten Jahrhundert eingeführt wurde. Es war die Zeit der großen Theologen – Thomas von Aquin, Albert der Große, Bonaventura. Da wurden die größten Theologen von damals eingeladen liturgische Texte herzustellen – und zwar Thomas von Aquin und Bonaventura. Beide sollten vor dem Paps Texte vortragen, als erster las Thomas von Aquin seine Texte vor und während er das tat, soll Bonaventura seine Texte eingerollt haben und gesagt haben, es sei nicht mehr nötig, dass er seine Texte vortrage, die von Thomas von Aquin seien so großartig.
Es sind auch großartige Texte, aber sie spiegeln natürlich die Theologie von damals, die des dreizehnten Jahrhunderts.
So hat er das Opfer eingesetzt – dessen Vollzug er übertragen wollte – allein den Priestern, zunächst für sich zu nehmen und dann auch den anderen.
Deg: Spätestens an dieser Stelle, wenn ich Sie richtig verstanden habe, hat die Verfälschung stattgefunden. Ist es so, dass Jesus wirklich wollte, dass dieser Vollzug dieser Priesterkaste vorbehalten war, oder warum hat sich diese Priester- und Klerikerkaste so darauf gestürzt um sich damit ein Stück abzusetzen?
Haag: In dem eben von Ihnen zitierten Vers ist alles falsch was Thomas von Aquin schreibt. So hat er dieses Opfer eingesetzt – es ist kein Opfer, die Eucharistie ist kein Opfer, und dass er allein den Priestern vorbehalten wissen wollte, es zu tun, es für sich zu nehmen, und dann auch noch den übrigen, den Laien zu geben, die immerhin 90 % der Kirche ausmachen. Jesus wusste ja nichts von Priester er wollte ja keine Priester in seiner Jüngerschaft.
Deg: Wir haben vor 10 Tagen am Pfingstfest schon einmal miteinander gesprochen, da haben Sie am Schluss des Gespräches gesagt: Jesus wollte keine Kirche, jetzt sagen Sie: Jesus wollte auch keine Priesterschaft, ist damit nicht aus biblischer Sicht der heutigen Kirche das Fundament entzogen?
Haag: Ja, weitestgehend ist ihr das Fundament entzogen, d.h. die Kirche ist kein Werk Jesu, sondern ein Werk ihrer selbst. Alle Ämter, die es heute in der Kirche gibt, die sich im laufe der Geschichte entwickelt haben, herausgebildet haben, sind Schöpfungen, sind Einrichtungen der Kirche. Die kirchlichen Ämter sind nicht von Jesus eingesetzt worden, sondern die Kirche hat sie selbst geschaffen, muss sie deshalb auch selbst reformieren.
Deg: Also, nichts ist da in dem Sinne von Gott und muss so bleiben?
Haag: Vor allem ist nichts von Jesus, Jesus wollte keine Hierarchie.
Deg: Bis zum Papsttum?
Haag: Nein, er sagt ja, wenn einer von euch der Erste sein will, sei er der Diener aller, lasst euch nicht Rabbi nennen, lasst euch nicht Lehrer nennen, ihr alle seid Brüder, das war sein Konzept seiner Jüngerschaft – Ihr alle seid Brüder. Aber im laufe der Zeit, die Kirche ist gewachsen, sie hatte sich über die ganze damalige Welt ausgebreitet; eine große Organisation braucht Ämter, so braucht auch die Kirche Ämter. Aber, der Eucharistie haben mindestens zweihundert Jahre lang Laien vorgestanden. Menschen die also nicht eine Weihe empfangen hatten. Erst im vierten und fünften Jahrhundert kommt die Vorstellung auf, es bedürfe für die Feier der Eucharistie einer Weihe.
Deg: Also der übliche Trick, wo Ämter sind, gibt es später auch die Legimitation
dafür.
Haag: Ja
Deg: Aber noch einmal, wenn Sie sagen, in den ersten zweihundert Jahren hat es geklappt, auch ohne dass es geweihte Priester gab, das würde doch bedeuten, wenn ich mir die heutige Situation der Kirche ansehe bzw. auch die Priesternot der kath. Kirche, dass im Grunde auch Laien der Eucharistie vorstehen könnten und dieses Geschehen in der Gemeinde anstoßen könnten.
Haag: Das sieht heute theoretisch jeder ein, aber es wird nicht zugegeben und die Bischöfe dürfen es nicht zugeben, weil es gegen die offizielle Lehre der Kirche verstößt.
Deg: Die aber wiederum ihre eigene Lehre, und nicht Gottes Lehre ist, wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Haag: Ja, nicht Gottes Lehre, sondern ihre eigene Lehre, das hat sich mit der Zeit herausgebildet und ich sagte schon, was Thomas von Aquin im dreizehnten Jahrhundert sagte: Jesus wollte die Feier des Opfers allein den Priestern anvertrauen, die davon nehmen sollen und dann den anderen geben.
Das ist eine Theologie die wir heute einfach nicht mehr unterschreiben können.
Deg: Herr Prof. Haag zum Ende des Gespräches würde ich ganz gerne kommen auf ein Buchtitel, ein Buch von Ihnen, d.h. „Mein Weg mit der Kirche“, mehr als acht Jahrzehnte, Ihr Weg mit der Kirche.
Wenn Sie sich jetzt das anschauen, was Sie eben entwickelt haben, frag ich natürlich nach dieser Endmystifizierung von Kirche. Worum geht es da überhaupt noch bei Kirche. Was ist Ihnen nach acht Jahrzehnten überhaupt noch wichtig, von der Sie eben gesagt haben, dass sie eine sehr menschliche Institution ist.

Haag: Die Aufgabe der Kirche ist das Evangelium Jesu zu verkünden. Hätte es die Kirche nicht gegeben, wäre sie nicht entstanden, wäre vermutliche die Botschaft Jesu untergegangen. Es ist das große Verdienst der Kirche, dass sie uns die Evangelien und überhaupt die heilige Schrift aufbewahrt, sozusagen gerettet hat, aber leider müssen wir auch feststellen, dass sie selber, auch in ihrem offiziellen Tun, nicht immer in Übereinstimmung mit dem Evangelium steht, dass deswegen eben auch immer wieder die Kirche, Luther hat damals der Kirche seiner Zeit vorgeworfen, sie sei von dem Evangelium Jesu abgewichen; auch die heutige Kirche weicht in machen Dingen vom Evangelium Jesu ab.
Deg: Dann könnte man das Fronleichnamfest ja vielleicht auch im besten Sinne des Wortes interpretieren als ein Fest sich zurückzubesinnen, auf das worum es eigentlich geht.
Haag: Das ist richtig.
Deg: Herr Prof. Haag, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.