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Was heißt: Gott hat einen Sohn?


„CREDO“
Das Apostolische Glaubensbekenntnis Zeitgenossen erklärt

Von Prof. Hans Küng

Was heißt: Gott hat einen Sohn? (Seite 81 bis 87)

Gerade nicht von Jesu Geburt, sondern von Jesu Tod ist auszugehen, wenn man verstehen will, warum Jesu Jünger dazu kamen, ihn als Gottes Sohn zu verkünden. Der Sterbensruf Jesu »Mein Gott, mein Gott, warum hast zu mich verlassen?« (Mk 15,34) wird schon im Lukasevangelium ins Positive gewendet mit dem Psalmwort: »Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist« (Ps 31,6; Lk 23,46). Vollends bei Johannes,: »Es ist vollbracht!« (19,30). Ja, dieses eine war von Anfang an die felsenfeste Überzeugung der ersten Christusgemeinde, die sich wie der Apostel Paulus auf Erfahrungen berief: Dieser Gekreuzigte ist nicht ins Nichts gefallen, sondern ist aus der vorläufigen, vergänglichen, unbeständigen Wirklichkeit in das wahre, ewige Leben Gottes eingegangen. Er lebt — wie immer zu erklären. Und auch hier gilt: Kein »über-natürlicher« Eingriff eines Deus ex machina, wie wir noch sehen werden, muß damit gemeint sein, sondern wie bei Lukas mit »in deine Hände« oder wie im Johannesevangelium mit der »Erhöhung« angedeutet, das »natürliche« Hineinsterben und Aufgenommenwerden aus dem Tod in die eigentliche, wahre Wirklichkeit: ein Endzustand jedenfalls ohne alles Leiden.

Dem Apostolikum entsprechend werde ich über Kreuz und Auferweckung eigens zu handeln und dann auch den jüdischen Kontext der Geschichte Jesu stärker einzubeziehen haben. Hier an dieser Stelle geht es zunächst nur um die Erklärung des Titels »Sohn Gottes«, und dafür ist nach heutiger neutestamentlicher Exegese grundlegend: Jesus hat sich nie Gott genannt, im Gegenteil: »Warum nennst du mich gut? Niemand ist. gut als Gott allein« (Mk 10,18). Erst nach seinem Tod, als man aufgrund bestimmter österlicher Erfahrungen, Visionen und Auditionen, glauben durfte, daß er nicht in Leid und Tod geblieben, sondern in Gottes ewiges Leben aufgenommen, durch Gott zu Gott »erhöht« worden war, hat die glaubende Gemeinde angefangen, den Titel »Sohn« oder »Sohn Gottes« für Jesus zu gebrauchen.

Warum? Dies dürfte (und hier schließt sich der Kreis, und wir kehren zu unserem Ausgangspunkt in den Evangelien zurück) auch für manche Juden damals durchaus nachvollziehbar gewesen sein:

— Erstens erinnerte man sich, aus welcher innigen Gotteserfahrung, Gottverbundenheit und Gottesunmittelbarkeit heraus der Nazarener gelebt, verkündet und gehandelt hat: wie er Gott als den Vater aller Menschen anzusehen gelehrt (»Vater unser«) und ihn selber Vater genannt hat (»Abba, lieber Vater«). Es gab also für Juden, die Jesus nachfolgten, einen sachlichen Grund und eine innere Logik dafür, daß er, der Gott »Vater« genannt hatte, von seinen gläubigen Anhängern dann auch ausdrücklich der »Sohn« genannt wurde. Nicht wie früher der König Israels, den es schon so lange nicht mehr gab; sondern er, der erwartete und gekommene Messias, war jetzt in einzigartiger Weise Gottes Sohn.

— Zweitens begann man die messianisch verstandenen Lieder des Psalters zu Ehren des vom Tod Erweckten zu singen, besonders die Thronbesteigungspsalmen. Die Erhöhung zu Gott konnte man sich als Jude damals leicht in Analogie zur Thronbesteigung eben des israelitischen Königs denken. Wie dieser — wahrscheinlich in Anlehnung an altorientalische Königsideologie — im Moment seiner Thronbesteigung zum »Sohn Gottes« eingesetzt wurde, so jetzt auch der Gekreuzigte durch seine Auferweckung und Erhöhung.

Besonders dürfte es Psalm 110, in welchem König David seinen zukünftigen »Sohn«, der zugleich sein »Herr« war, besang, gewesen sein, der immer wieder gesungen und zitiert wurde: »Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten!« (Vers 1). Denn dieser Vers beantwortete den jüdischen Anhängern Jesu die brennende Frage nach dem »Ort« und der Funktion des Auferweckten (Martin Henge120): Wo ist der Auferstandene jetzt? Man konnte antworten: Beim Vater, »zur Rechten des Vaters«: nicht in einer Wesensgemeinschaft, wohl aber in einer »Throngemeinschaft« mit dem Vater, so daß Gottesreich und Messiasreich faktisch identisch werden: »Die Einsetzung des gekreuzigten Messias Jesus als des >Sohnes< beim Vater >durch die Auferweckung von den Toten< gehört so doch wohl zur ältesten, allen Verkündigern gemeinsamen Botschaft, mit der die >Messiasboten< ihr eigenes Volk zur Umkehr und zum Glauben an den gekreuzigten und von Gott auferweckten und zu seiner Rechten erhöhten >Messias Israels< aufriefen.«

Und in der Tat: In Psalm 2,7 — einem Thronbesteigungsritual — wird der Messias-König sogar ausdrücklich als »Sohn« angesprochen: »Mein Sohn bist du; ich habe dich heute gezeugt.« Wohl zu beachten: »Zeugung« ist hier Synonym für Inthronisierung, Erhöhung. Von einer physisch-sexuellen Zeugung wie beim ägyptischen Gott-König und bei hellenistischen Göttersöhnen oder auch von einer meta-physischen Zeugung im Sinne der späteren hellenistisch-ontologischen Trinitätslehre gibt es, wie in der Hebräischen Bibel so auch im Neuen Testament, keine Spur !

Deshalb kann es dann in einem der ältesten Glaubensbekenntnisse (wohl schon vorpaulinisch) zur Einleitung des Römerbriefes heißen: Jesus Christus wurde »eingesetzt zum Sohne Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten« (Röm 1,4). Deshalb kann in der Apostelgeschichte dieser Thronbesteigungspsalm 2 aufgegriffen und jetzt auf Jesus angewendet werden: »Er (Gott) sprach zu mir (nach Ps 2,7 zum König, zum Gesalbten, nach Apg 13,33 aber zu Jesus): >Mein Sohn bist du; ich habe dich heute gezeugt.<« Und warum kann dies alles geschehen? Weil hier im Neuen Testament noch gut jüdisch gedacht wird: »Gezeugt« als König, »gezeugt« als Gesalbter (= Messias, Christus) heißt eben nichts anderes als eingesetzt als Stellvertreter und Sohn. Und mit dem »heute« (im Psalm der Tag der Thronbesteigung) ist in der Apostelgeschichte eindeutig nicht etwa Weihnachten, sondern Ostern gemeint, also nicht das Fest der Niederkunft, der Menschwerdung, der »Inkarnation«, sondern der Tag der Auferweckung, der Erhöhung Jesu zu Gott, Ostern, das Hauptfest der Christenheit.

Was also ist ursprünglich jüdisch und so auch neutestamentlich mit der Gottessohnschaft gemeint? Was immer später von hellenistischen Konzilien mit hellenistischen Begriffen in dieser Sache definiert wurde: Im Neuen Testament ist ohne Frage nicht eine Abkunft, sondern die Einsetzung in eine Rechts- und Machtstellung im hebräisch-alttestamentlichen Sinne gemeint. Nicht eine physische Gottessohnschaft, wie in den hellenistischen Mythen und wie von Juden und Muslimen bis heute oft angenommen und zu Recht verworfen, sondern eine Erwählung und Bevollmächtigung Jesu durch Gott, ganz im Sinn der Hebräischen Bibel, wo bisweilen auch das Volk Israel kollektiv »Sohn Gottes« genannt werden kann. Gegen ein solches Verständnis von Gottessohnschaft war vom jüdischen Ein-Gott-Glauben her kaum Grundsätzliches einzuwenden; sonst hätte es die jüdische Urgemeinde auch gewiß nicht vertreten. Würde die Gottessohnschaft auch heute wieder in ihrem ursprünglichen Verständnis vertreten, so bräuchte, scheint es, auch heute vom jüdischen oder islamischen Monotheismus her wenig Grundsätzliches eingewendet zu werden.

Doch manche Zeitgenossen werden nicht überzeugt sein: »Die Idee einer Menschwerdung Gottes ist ja nun doch bestimmt unjüdisch, um nicht zu sagen: widersinnig?«

11. Der Sinn von Inkarnation

Es ist keine Frage: Mit der Zeit trat neben die ursprüngliche von unten her gedachte Erhöhungschristologie eine von oben herkommende Inkarnationschristologie. Paulus spricht noch von einer »Sendung« des Gottessohnes, aber schon Johannes von einer »Fleischwerdung« des Gotteswortes — beide indessen sprechen nicht von der Sendung/Fleischwerdung Gottes, des Vaters, selbst,- sondern von der Sendung seines Sohnes, von der Fleischwerdung seines Wortes! Wie muß man an das verstehen? Sind damit schon alle Brücken zum Judentum abgebrochen, wie manche meinen?

Mein Tübinger Kollege Karl-Josef Kuschel hat in seiner großen Studie zur Präexistenz-Christologie »Geboren vor aller Zeit?« überzeugend herauszustellen vermocht, daß die paulinischen Aussagen von der Sendung des Gottessohnes keine Präexistenz Christi als mythologisch verstandenes Himmelswesen voraussetzen, sondern ebenfalls vor jüdischem Hintergrund gesehen werden müssen, im Kontext der Propheten-Tradition nämlich: »Die Metapher >Sendung< (der prophetischen Tradition entlehnt)«, sagt er, »bringt dabei die Überzeugung zum Ausdruck, daß Jesu Person und Werk nicht innergeschichtlichen Ursprungs sind, sondern sich ganz Gottes Initiative verdanken.«" »Die Bekenntnisse des Paulus beziehen sich auf Ursprung, Herkunft und Gegenwart Christi aus Gott und in Gott, nicht aber auf eine zeitlich isolierte vorweltliche >Existenz< ... Für Paulus ist Christus die gekreuzigte Weisheit Gottes in Person, nicht die personifizierte präexistente Weisheit.«"

Ähnliches ist zu sagen vom Johannesevangelium. Auch in diesem späten, vierten Evangelium werden Gott und sein Gesandter klar unterschieden: »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott zu erkennen und Jesus Chris, den du gesandt hast« (Joh 17,3). Oder: »Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott« (Joh 20,17). Nein, auch dieses Evangelium entwickelt keine spekulative metaphysische Christologie -herausgerissen aus dem jüdischen Wurzelboden -, sondern vertritt eine mit der Welt des Judenchristentums noch durchaus verbundene Christologie, in der es um Sendung und Offenbarung geht, in der freilich die (unmythologisch verstandene) Präexistenzaussage eine verstärkte Bedeutung bekommt. Solche Präexistenzaussagen aber haben keinen spekulativen Wert, keine selbständige theologische Bedeutung, sondern eine eng begrenzte »Funktion«: Sie stehen im Dienst der Offenbarung und Erlösung Gottes durch den gesandten Sohn: »Johannes fragt nicht nach dem metaphysischen Wesen und Sein des präexistenten Christus; ihm geht es nicht um die Erkenntnis, daß es vor der Inkarnation zwei präexitente göttliche Personen gegeben habe, die in der einen göttlichen Natur verbunden seien.« Was also wollte Johannes positiv? »Die Bekenntnisaussage steht im Vordergrund: der Mensch Jesus von Nazareth ist der Logos Göttes in Person. Er ist es gerade als sterblicher Mensch; er ist es aber nur für die, die bereit sind, in seinem Wort Gottes Wort, in seiner Praxis Gottes Taten, in seinem Weg Gottes Geschichte, in seinem Kreuz Gottes Mitleiden vertrauend zu glauben.«"


Also doch »Menschwerdung« des Sohnes Gottes? Gewiß: Die Kategorie »Menschwerdung« ist jüdischem und ursprünglich judenchristlichem Denken fremd und entstammt der hellenistischen Welt. Und doch kann auch dieses Wort vom jüdischen Kontext her richtig verstanden werden. Denn alles wird falsch, wenn man sich bei der Menschwerdung auf das »punctum mathematicum« oder »mysticum« der Empfängnis (»Mariä Verkündigung«) oder Geburt Jesu (»Weihnachten«) fixiert. Im Kontext der Geschichte des Juden Jesus muß das griechische Vorstellungsmodell »Inkarnation« gewissermaßen geerdet werden. Tut man dies, so wird - wie angedeutet - Menschwerdung nur vom ganzen Leben und Sterben und neuen Leben Jesu her richtig verstanden.

Was also heißt dann Menschwerdung? Menschwerdung heißt: In diesem Menschen haben Gottes Wort, Wille, Liebe menschliche Gestalt angenommen. In all seinem Reden und Verkündigen, in seinem ganzen Verhalten, Geschick, in seiner ganzen Person hat der Mensch Jesus gerade nicht als Gottes »Nebenbuhler« (»zweiter Gott«) gewirkt. Vielmehr hat er des einen Gottes Wort und Willen verkündet, manifestiert, geoffenbart. So könnte vielleicht auch in jüdischem Kontext die Aussage gewagt werden: Er, in dem sich nach den Zeugnissen Wort und Tat, Lehre und Leben, Sein und Handeln völlig decken, ist in menschlicher Gestalt Gottes »Wort«, Gottes »Wille«, Gottes »Bild«, Gottes »Sohn«. Um eine Einheit Jesu mit Gott geht es hier, gewiß. Aber selbst nach den christologischen Konzilien geht es nicht um eine »Vermischung« und »Beigesellung«, wie Juden und Muslime fürchten, sondern - so nach dem Neuen Testament - um eine Einheit des »Thrones«, des Erkennens, des Wollens, des Handelns Jesu mit Gott, um eine Einheit des Offenbarens Gottes mit und durch Jesus. »Wer mich sieht«, so nach dem Johannesevangelium, »sieht den Vater« (Joh 14,9).

In diesem ursprünglichen Sinn ist Jesus von Nazaret das Fleisch gewordene Wort, Gottes Logos in Person, Gottes Weisheit in menschlicher Gestalt, und in diesem Sinn kann es auch der zeitgenössische Christ am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrtausends bekennen: »Credo, ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn«.i