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Christsein


CHRISTSEIN
Von Prof. Hans Küng

Inhalt:
a) Der Christus des Dogmas?
b) Der Name und Begriff „Fleischwerdung“
c) Wahrer Gott und wahrer Mensch
Der Christus des Dogmas ? (Ab Seite 121 - 125)
Es soll hier nicht etwa der Eindruck erweckt werden, es sei an diesen Bildern, Theologien, Auffassungen, Erfahrungen von Jesus alles gleich wichtig oder gleich richtig, oder gar, es sei dies alles nicht richtig oder nicht wichtig. Es soll nur deutlich gemacht werden, daß man anscheinend doch nicht so einfach und naiv aus der christlichen Frömmigkeit, Literatur, Kunst, Tradition als bekannt voraussetzen kann, was sich hinter dem Namen Christi verbirgt. Zu viele verschiedene und wenn möglich noch retouchierte Fotografien von der einen und selben Person erschweren die Detektivarbeit. Und Detektivarbeit - eine oft äußerst spannende und anspannende Entdeckungsarbeit - ist christliche Theologie immer wieder zu einem recht erheblichen Teil. Gerade dem aber würde wohl der eine oder andere Theologe widersprechen. Was es bezüglich dieser Person zu entdecken gäbe, sei ein für alle Male entdeckt worden, und Privatdetektive seien hier nicht gefragt. Es gehe hier um mehr als die christliche Frömmigkeit, Erfahrung, Literatur, Kunst, Tradition. Es gehe um die Lehre der Kirche. Genauer: die offizielle Lehre des kirchlichen Lehramts . Der wahre Christus sei der Christus der Kirche. Hier gelte, wenn auch vielleicht nicht das »Roma locuta«, so doch das »Conciliis Iocutis« : was nämlich die ökumenischen Kirchenversammlungen zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert gegen Häresien von rechts und links ausgesprochen, definiert, abgegrenzt haben. Wer also wäre danach der wahre Christus? Jedenfalls auch nach den Konzilien nicht einfach: Gott. Zwar ist »Jesus = Gott« - unter dem Einfluß eines unpädagogisch einsetzenden, oberflächlichen Religionsunterrichtes, einer überhöhenden Liturgie und Kunst - leider sehr oft die Antwort von Gläubigen und (deswegen) Ungläubigen. Und wie oft erlebt man es, daß ein Kind auf den Kruzifixus zeigt und sagt: „Gelt, da hängt der liebe Gott am Kreuz!“ Aber sosehr es sich hier um Auswirkungen kirchlicher Lehrdefinitionen handelt, die Jesu Göttlichkeit betonen, es sind Mißverständnisse: die so wohl durchdachte und abgesicherte Lehre der alten Konzilien in nicht mehr zu verantwortender Verdünnung, Verflachung, Simplifizierung, ja häretischer Einseitigkeit. »Gott in Menschengestalt«: das ist Monophysitismus. »Gott leidend am Kreuz«: das ist Patripassianismus. Kein altes Konzil identifizierte je einfach Jesus und Gott, wie sich dann etwas später die Germanen vom Gott Wotan zum Gott Jesus bekehrten und aus demselben Grund Jesus in dem fränkisch-römischen Confiteor der Messe fehlt und in anderen Gebeten ohne Bezug zum Vater direkt angesprochen wird. Aber schon nach dem ersten ökumenischen Konzil von Nikaia (325 in der kaiserlichen Sommerresidenz ) ist Jesus nur gleichwesentlich mit dem Vater«. Und nach dem ausbalancierenden Konzil von Chalkedon (451 bei Konstantinopel) ist er »gleichwesentlich mit uns Menschen«: Eine Person (= eine göttliche Hypostase), in welcher unvermischt und unveränderlich und zugleich ungeteilt und ungetrennt zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche, vereint sind . Dies ist die klassische Antwort von der »hypostatischen Union«, vom Gottmenschen, wie sie seither in ungezählten theologischen Textbüchern und Katechismen der verschiedenen Kirchen des Ostens und Westens wiederholt wird. Und trotzdem: ist es so einfach? Am Anfang haben die ökumenischen Konzilien, wie Athanasios, der führende Kopf in Nikaia bezeugt, keine Satzunfehlbarkeit in Anspruch genommen. Diese ehrwürdige konziliare Geschichte ist nicht ohne Schwankungen und zum Teil auch Widersprüche. Wenigstens wenn man Nikaia I und II, Ephesos I und II, Konstantinopel I, II, III, IV nicht nur aus den theologischen Schulbüchern kennt. Und gerade das große Konzil von Chalkedon war auch der Anlaß zur ersten großen bleibenden, noch heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen den chalkedonischen Kirchen und anderen, die sich auf das vorausgegangene Konzil von Ephesos beriefen. Chalkedon hatte denn auch die Frage keineswegs auf die Dauer gelöst. Wenige Jahre nachher brach mit ungewöhnlicher Heftigkeit der Streit um die in Chalkedon ausgeklammerte zentrale Frage aus, ob Christus, beziehungsweise Gott überhaupt leiden könne. Und dieser »patri-passianische, theo-paschitische Streit« beherrschte von da an das ganze 6. Jahrhundert und ging im 7. Jahrhundert in den »mono-theletischen« Streit« über ein Wille oder zwei Willen in Christus, ein göttlicher und ein menschlicher? Das Problem liegt für uns heute noch tiefer. Nur zu oft erblickt man hinter dem Christusbild der Konzilien das unbewegliche, affektlose Antlitz des Gottes Platons, der nicht leiden kann, vermehrt um einige Züge der stoischen Ethik. Die Namen jener Konzilien zeigen, daß es sich ausnahmslos um griechische Konzilien handelt. Der Christus aber war nicht in Griechenland geboren worden. Es handelt sich also bei diesen Konzilien wie bei der Theologie, die dahintersteht, um eine fortgesetzte Übersetzungsarbeit: Die ganze sogenannte Zwei-Naturen-Lehre ist eine in hellenistischer Sprache und Begrifflichkeit formulierte Interpretation dessen, was dieser Jesus Christus eigentlich bedeutet! Die Wichtigkeit dieser Lehre sei nicht verkleinert. Sie hat Geschichte gemacht. Sie drückt eine echte Kontinuität des christlichen Glaubens aus und liefert bedeutsame Leitlinien für die gesamte Diskussion und auch für jede künftige Interpretation. Aber andererseits dürfte auch nicht der Eindruck aufkommen, als ob die Botschaft von Christus heute nur mit Hilfe dieser damals unvermeidlichen, aber ungenügenden griechischen Kategorien, nur mit Hilfe der chalkedonischen Zwei-Naturen-Lehre, nur mit Hilfe also der sogenannten klassischen Christologie ausgesagt werden könnte oder dürfte. Was soll ein Jude, Chinese, Japaner oder Afrikaner, was aber auch der heutige durchschnittliche Europäer oder Amerikaner mit jenen griechischen Chiffren anfangen? Schon die neueren katholischen wie evangelischen christologischen Lösungsversuche unseres Jahrhunderts weisen weit über Chalkedon hinaus. Und das Neue Testament selbst ist unendlich viel reicher. Die chalkedonische Formel muß darnach, nach einem berühmten Wort Karl Rahners, mehr als Anfang denn als Ende gesehen werden. Nur kurz sei zusammengefaßt, aus welchen Wurzeln die verschiedenen Einwände gegen die traditionelle Lösung der christologischen Frage - zwei Naturen in einer (göttl.) Person - erwachsen.
a) Die Zwei-Naturen-Lehre wird mit ihren von der hellenistischen Sprache und Geistigkeit geprägten Worten und Vorstellungen jedenfalls heute nicht mehr verstanden. Sie wird denn auch in der praktischen Verkündigung tunlichst umgangen.
b) Die Zwei-Naturen-Lehre hatte schon damals nach dem Zeugnis der nachchalkedonischen
Dogmengeschichte die Schwierigkeiten nicht gelöst. Sie hat vielmehr in immer neue logische Aporien hineingeführt.
c) Die Zwei-Naturen-Lehre ist gerade nach der Auffassung vieler Exegeten keineswegs identisch mit der ursprünglichen Christusbotschaft des Neuen Testaments: Manche sehen sie als Verlagerung oder teilweise gar Verfälschung der ursprünglichen Christusbotschaft, andere als zumindest nicht ihre einzig mögliche lnterpretation.
Durchaus ähnliche Einwende ließen sich freilich auch gegen die traditionellprotestantische, von Calvin ausgestaltete und später von der katholischen Theologie übernommene Drei-Ämter-Lehre machen: Daß Jesus gerade Prophet, Priester und König sei ist das in so verkürzter Systematik im Neuen Testament begründet? Und sollen gerade diese drei Titel für den Menschen unserer säkularisierten Gesellschaft noch verständlich sein ? Gewiß: Der christlichen Tradition in Frömmigkeit, Literatur, Kunst, Theologie und Dogma ist zu verdanken, daß die Erinnerung an diesen Christus lebendig bIieb, daß er seIber nicht zu einem Monument der Vergangenheit wurde, sondern sich immer wieder neu als Faktor der Gegenwart erwies. Ohne die Kontinuität der Glaubensgemeinschaft - etwa nur mit einem Buch - gäbe es keine lebendige Christusbotschaft und keinen lebendigen Christusglauben. Jede Generation machte sich die alte Erinnerung an ihn in neuer Gestalt zu eigen. Und kein Theologe wird ungestraft die große Tradition vernachlässigen. Es hat Sinn, daß noch heute die Glaubensbekenntnisse der alten Konzilien - gleichzeitig abbreviative Zusammenfassungen wie defensive Abgrenzungen - in Ehre gehalten werden. Sie sind nicht nur Antiquitäten und Kuriositäten. Sie sind Zeichen der Beständigkeit des durch die Jahrhunderte sich wandelnden christlichen Glaubens. Es ist später auf sie zurückzukommen. Doch zugleich ist nicht zu übersehen: Diese große Tradition ist von überraschender Komplexheit. Sehr verschieden, kontrastvoll, oft disparat und widersprüchlich sind die Zeugnisse vom einen und selben Christus. Und Wahrheit und Dichtung bedürfen gerade in diesem Zentrum theologischer Sichtung. Auch traditionell gesinnte Theologen müssen zugeben: Alles in dieser Tradition kann nicht gIeich wahr sein, alles kann nicht gIeichzeitig wahr sein. Auch die große konziliare Tradition stellt also die Frage: Welcher Christus ist der wahre Christus ? Und gerade wer eine dann als exklusiv orthodox erklärte christologische Tradition in Theologie und Frömmigkeit kultiviert, wird sich fragen müssen, ob nun gerade dieser, vielleicht in einer sehr schönen Kirche einquartierte, hospitalisierte, domestizierte »orthodoxe« Christus der wahre Christus ist. Denn nicht nur Staub, auch zu viel Gold kann die wahre Gestalt verdecken. Christliche Botschaft will verständlich machen, was Jesus Christus für den Menschen heute bedeutet, ist. Wird aber dieser Christus für den Menschen heute wirklich verständIich, wenn man einfach dogmatisch von einer etablierten Trinitätslehre ausgeht? Wenn man schlicht die Gottheit Jesu, eine Präexistenz des Sohnes voraussetzt, um dann nur noch zu fragen, wie dieser Gottessohn eine Menschennatur mit sich verbinden, annehmen konnte, wobei Kreuz und Auferstehung vielfach nur noch als eine aus der »Menschwerdung« sich ergebende Konsequenz erscheinen? Wenn man den Titel Gottessohn einseitig favorisiert, Jesu Menschlichkeit möglichst verdrängt und ihm das menschliche Personsein abspricht? Wenn

man Jesus mehr als Gottheit anbetet, statt ihm irdisch-menschlich nachzufolgen? Wäre es
den neutestamentlichen Zeugnissen und dem mehr geschichtlichen Denken des heutigen Menschen nicht vielleicht angemessener, wie die ersten Jünger vom wirklichen Menschen Jesus, seiner geschichtlichen Botschaft und Erscheinung, seinem Leben und Geschick, seiner geschichtlichen Wirklichkeit und geschichtlichen Wirkung auszugehen, um nach dieses Menschen Jesus Verhältnis zu Gott, seiner Einheit mit dem Vater zu fragen ? Also kurz: weniger auf klassische Manier eine ChristoIogie spekulativ oder dogmatisch »von oben«, sondern, ohne die Legitimität der alten Christologie zu bestreiten, eine dem heutigen Menschen mehr entsprechende geschichtliche Christologie »von unten«: vom konkreten geschichtlichen Jesus her ?

Der Name und Begriff „Fleischwerdung“ (428 - 430)

„Menschwerdung“ drängt sich vom Johannesprolog her mächtig auf. Hier und hier allein findet sich im Neuen Testament jene Idee des von Ewigkeit bei Gott und als Gott, in Gottes Wesenheit vorausexistierenden göttlichen „Logos“ oder „Wortes“ das schon nach der jüdischen Weisheitsliteratur (und vorchristlichen Gnosis) personhaft und vorzeitlich bei der Weltschöpfung zugegen war und bei den Menschen eine Stätte fand. Das dann in Philons Spekulation als Gottes erstgeborener Sohn und zweiter Gott, als Gottes Abbild und Urbild der Dinge, als Organ göttliche Person und Offenbarung erscheint. Das schließlich im Johannesprolog als göttliche Person „Fleisch“ wird für die Menschen: Jesu Menschwerdung als Gottes Offenbarung in der Welt.
Aber schon in den paulinischen und deuteropaulinischen Schriften zeichnen sich nicht wenige Aussagen zur Menschwerdung des Gottessohnes ab, die bekenntnishaft oder hymnisch gefaßt sind und weithin auf bereits vorpaulinisches Formelgut zurückgehen dürften. Die früheste Aussage ist jener von Paulus erweiterte vorpaulinische Hymnus im Philipperbrief von Jesus Christus, der in Gottes Gestalt war und es nicht für einen Raub hielt, mit Gott zu sein, sondern sich selbst entäußerte, indem er Knechtsgestalt annahm und den Menschen ähnlich wurde: der Erscheinung nach wie ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Menschwerdung also verstanden als Entäußerung und Erniedrigung: zur Begründung christlicher Liebe und Selbstlosigkeit.
Freilich, unbedenklich ist die vom Menschwerdungsgedanken ausgehende Entwicklung keineswegs. Oder läßt sich übersehen, daß es durch eine vermehrte Konzentration auf die Menschwerdung in der christlichen Theologie und Frömmigkeit schon früh zu einer Akzentverlagerung, die von der ursprünglichen Botschaft nicht gedeckt war und die auch heute ein Verständnis der christlichen Botschaft erheblich erschwert? Eine Akzentverlagerung von Tod und Auferweckung auf ewige Präexistenz und Menschwerdung: der Mensch Jesus von Nazareth im Schatten des Gottessohnes?
In der Tat läßt sich nicht bestreiten, daß die ursprüngliche, von unten ansetzende und in Tod u Auferweckung zentrierte Erhöhungschristologie (Erhöhung des menschlichen Messias zum Sohn Gottes) faktisch immer mehr überholt wurde durch eine oben einsetzende Inkarnationschristologie: Menschwerdung des Gottessohnes, dessen Entäußerung und Erniedrigung freilich Voraussetzung für die Erhöhung ist. Man kann auch sagen: Die aufsteigende Aszendenz - Christologie, für welche die Gottessohnschaft alttestamentlich eine Erwählung und Annahme an Sohnes Statt (in Erhöhung, Taufe, Geburt) bedeutet, wurde ergänzt oder gar ersetzt durch eine herabsteigende Dezendenz - Christologie. Für sie bedeutet die Gottessohnschaft eine immer genauer in hellenistischen Begriffen und Vorstellungen zu umschreibende - seinshafte Zeugung höherer Art. Es geht jetzt weniger um die alttestamentlich verstandene Rechts und Machtstellung Jesu Christi, sondern um seine hellenistisch verstandene Abkunft. Es geht weniger um die Funktion als um das Wesen. Begriffe wie Wesen, Natur, Substanz, Hypothese, Person, Union sollten eine wachsende Bedeutung bekommen. Gottessohn meint somit für die hellenistischen Hörer nicht mehr nur den Sachwalter, Bevollmächtigten, Sprecher, Platzhalter und Stellvertreter Gottes, sondern ganz selbstverständlich eine göttliches Wesen, das kraft seiner göttlichen Natur von der menschlichen Sphäre unterschieden ist. Ein übermenschliches Wesen göttlichen Ursprungs und göttlicher Kraft! Ein Wesen, das bei Gott von Ewigkeit vorausexistiert, aber in der Fülle der Zeit eine menschliche Gestalt annimmt und im Menschen Jesu erscheint. Zweierlei ist somit mit Gottessohn in einem gesagt: die Unterscheidung von Gott, dem Vater (Gehorsam, Unterordnung), und die Identifizierung mit Gott, dem Vater (Einheit mit Gott, Göttlichkeit).Auf diese Einheit mit Gott - jetzt nicht mehr in geschichtlichen und personalen, sondern in Seinskategorien umschrieben - wird nun aber immer mehr und oft einseitig Gewicht gelegt. Freilich meint im Neuen Testament selbst der Terminus Gott praktisch immer den Vater. Doch sowohl die Übertragung des Gottessohnnamens wie auch schon des göttlichen Kyriosnamens (Herr Jesus) mußten im hellenistischen Raum die Übertragung göttlicher Eigenschaften auf Jesus mit sich bringen, mußte ein Nachdenken über seine Göttlichkeit Herrschaftsstellung, Würde, Wesenheit, kurz seine Göttlichkeit zur Folge haben. Jene früheste, noch sehr vage und unentwickelte Aussage über Jesu Präexistenz und Menschwerdung im Philipper-Hymnus läßt die bereits sichtbar werden. Doch ist man hier offensichtlich weniger am Gottsein Jesu interessiert als vielmehr am Geschehen, das in Jesus von Gott her in Gang gekommen ist. Bei Paulus selber wird Jesus zur Absetzung von den vielen Herren und Göttern „der Herr“ genannt und dieses Herrsein schon für sein vorweltliches Sein behauptet. Im Zusammenhang der Weltschöpfung werden an einer Stelle „der Herr“ (Jesus) und „Gott“ (der Vater) einander sehr nahegerückt. Gott selber wird im Neuen Testament weniger „Herr“ genannt, das ist nun im allgemeinen der Name für Jesus. Umgekehrt aber wird Jesus kaum einmal direkt „Gott“ genannt, von Paulus selbst überhaupt nie. Bis in den Wortgebrauch hinein ist man also durchaus an einer Unterscheidung interessiert. Von einer Menschwerdung Gottes selbst ist im Neuen Testament nirgendwo die Rede. Deutlich werden erst im Johannesevangelium, im Ausruf des ungläubigen Thomas „Mein Herr und mein Gott“, diese beiden gewichtigsten Prädikationen zusammen auf Jesus übertragen. Außerhalb des Johannesevangeliums wird Jesus nur in wenigen, durchweg späten, hellenistisch beeinflußten Ausnahmefällen direkt als „Gott“ bezeichnet.

Wahrer Gott und wahrer Mensch (Weiter Seite 435) - 437)

Bevor wir zur Deutung des Verhältnisses von Gott und Jesus einige weitere zusammenfassende Bestimmungen wagen, erscheint eine Reflexion über die Vorstellung der Präexistenz, also des Vorausexistierens des Gottessohnes in Gottes Ewigkeit vor seiner Menschwerdung, angebracht. Gerade dieser Gedanke ist heute schwierig zu vollziehen. Damals gerade umgekehrt - und nur so wird man diese theologische Idee überhaupt verstehen - lag der Gedanke in der Luft. Nicht nur die jüdische und insbesondere Philons Spekulation über Gottes ewige Weisheit fördert ihn. Auch die apokalyptische Vorstellungen vom kommenden, bei Gott schon verborgen existierenden Menschensohn und die rabbinische Gedanken über die Vorausexistenz der Tora, des Paradieses, des Messiasnamens. Schließlich die gnostischen Menschenseelen, die der göttliche Urmensch sammelt, aus der Materie erlöst und in die Welt Gottes zurückgeführt. Allerdings ist gerade in diesem letzten Punkt die Rekonstruktion möglicher gnostischer Vorstellungen schwierig, da in den gnostischen Texten ein christlicher Einfluß nicht ausgeschlossen werden kann. (Weiter Seite 436)
Warum also hat man schon in neutestamentlicher Zeit theologische Folgerungen für ein Vorausexistieren des Gottessohnes in Gottes Ewigkeit gezogen? Nicht um über Gott und die Welt gescheit zu spekulieren. Sondern um den einzigartigen Anspruch diese gekreuzigten und doch lebendigen Jesus sichtbar zu machen und für die christliche Praxis zu begründen. Die mythischen Vorstellungen der damaligen Zeit von einer vorzeitig-jenseitigen himmlischen Existenz eines von Gott abgegleiteten Wesens, von einer Göttergeschichte zwischen zwei (oder gar drei) Gottwesen, können nicht mehr die unseren sein. Worauf aber die damaligen Vorstellungen eigentlich zielen, ist gewiß auch im heutigen sehr verschiedenen Erfahrungshorizont zu beachten.
Was für ein Interesse steckt hinter den Präexistenzvorstellungen? Es soll bildhaft zum Ausdruck gebracht werden, daß die Beziehung zwischen Gott und Jesus nicht erst nachträglich und gleichsam zufällig entstanden ist, sondern von vornherein gegeben und in Gott selbst grundgelegt ist. Auch wenn wir das heute anders ausdrücken, so darf dieses Anliegen doch nicht verlorengehen. Folgende Momente an der uns heute schwierig nachzuvollziehenden Präexistenz wären zu überlegen.
Es gibt von Ewigkeit keinen anderen Gott als den, der sich in Jesus manifestiert hat: Das Gesicht, das er in Jesus gezeigt hat, ist wirklich sein wahres und einziges Gesicht. Er ist kein Gott mit einem Janus-Gesicht. Er ist schon im Alten Testament kein anderer Gott als im Neuen. Er ist kein Gott des Rätsels, keine Sphinx. Es gibt hinter dem Vater der Verlorenen nicht noch irgendeinen unheimlichen mystischen Abgrund, wie ihn die Gnosis vermutet. Es gibt auch nicht den Gott eines unerforschlichen dunklen Ratschlusses, wie ihn die doppelte Prädestinationslehre Calvins voraussetzte. Nein, von Anbeginn ist Gott so und wird er auch immer so sein, wie er in Jesus offenbar geworden ist. Sein Sein und Handeln ist von Anfang an, so könnte man im nachherein formulieren, christologisch geprägt.
Weil es keinen anderen Gott gibt als den in Jesus offenbarten, hat Jesus von diesem universalen Gott her selber eine universale Bedeutung; Wenn Gott den Menschen außerhalb der Christusverkündigung begegnet, was nicht dogmatisch ausgeschlossen werden kann, begegnet ihnen der eine wahre Gott. Auch wenn die Menschen sein Antlitz nicht erkennen und er für sie der „unbekannte Gott“ ist, so ist es doch in Wirklichkeit der Gott mit dem Antlitz Jesu: der Gott, der ihnen im Sinn und Geist Jesus begegnet.