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Theologie und Kritik


Das Christuszeugnis der Schrift und die Einheit der Kirche

Von Prof. Hans Graß
Textauszug (Seite 171-173)

Die Kirche hat sich nun freilich nicht damit begnügt, daß ihr mannigfaches und zum Teil widersprüchliches Christuszeugnis letztlich doch den einen Herren und das in ihm geschenkte Heil meint, sondern hat versucht, in langen und zeitweise erbitterten Auseinandersetzungen eine einheitliche Christologie zu schaffen. An die stelle von mannigfaltigen meist Christologischen Bekenntnisformeln, die wir zum Teil noch aus dem Neuen Testament erheben können, trat im Westen die dreigliedrige Glaubensregel des Apostolikums, dem das um 140 entstandene altrömische Taufbekenntnis zugrunde liegt. Das Nicäische Glaubensbekenntnis entstand erst im 4. Jahrhundert im Zusammenhang mit den christologischen Streitigkeiten. Das Konzil von Nicäa (325) das die Gottgleichheit des Sohnes festlegte, und das Konzil von Chalcedon (451), das die Zweinaturenlehre formulierte, haben die christologischen Grunddogmen der Kirche fixiert, die auch von der Reformation übernommen wurden. Luther schrieb in den Schmalkaldischen Artikeln: “Diese Artikel sind in keinem Zank noch Streit, weil wir zu beiden Teilen dieselbigen gläuben und bekennen.“ Die alte Kirche hat aber noch etwas anderes getan, etwas das in Spannung steht zur christologischen Einheitsformeln und dem kirchlichen Einheitsdogma. Sie hat den Kanon der Heilige Schrift ausgebildet und damit das mannigfache Christuszeugnis der apostolischen Zeit in die Kirche eingebracht. Zwar wurde manches relativ alte Schrifttum nicht aufgenommen und damit apokryph, aber das Aufgenommene wurde nicht mehr umgeschrieben und redigiert im Sinn des späteren Dogmas; es vermochte so in seiner Ursprünglichkeit in Verkündigung und Theologie der Kirche mehr oder weniger wirksam zu bleiben. Die Frage ist nun, wie sich beides zueinander verhält, das christologische Dogma und das Christuszeugnis der Schrift. Zweifellos sah man beides lange Zeit im Einklang miteinander. Das Dogma galt als die legitime Auslegung, die notwendige Entfaltung oder die rechte Abgrenzung und Sicherung des Christuszeugnisses der Schrift. Erst die neuere kritische Theologie urteilt hier anders - allerdings nicht durchweg. Unter den heutigen evangelischen Theologen sieht Karl Barth Dogma und Schrift im wesentlichen im Einklang; noch stärker dürfte das in der katholischen Theologie der Fall sein. Doch hat zum Beispiel Karl Rahner in seinem Gedenkaufsatz zum Konzil von Chalcedon gefordert, daß chalcedonische Dogma und die darauf gründete Schulchristologie durch den Reichtum der Schrift zu erweitern und vor allem das Menschsein Jesu stärker zu berücksichtigen. Auch an den statischontologischen Kategorien der dogmatischen Christologie wird Kritik geübt; es wird eine Soteriologie bemängelt, die sich am satisfaktorischen und meritorischen Wert des Werkes Christi genügen läßt und die Gnadenlehre nicht christologisch zu durchdringen vermag. Allerdings dürfte es für die katholische Theologie kaum möglich sein, in der Frage Schrift und Dogma über ein „sowohl als auch“ hinauszugehen.
Anders steht es in der evangelischen Theologie. Hier hat man vom Dogma weg zur Schrift zurückgefragt und sucht angesichts der Mannigfaltigkeit des neutestamentlichen Christuszeugnisses den Einheitspunkt nicht im Dogma, sondern fragt nach dem zurück, den dieses Zeugnis umkreist; von ihm möchte man in neuer, dem heute in angemessener Weise Zeugnis geben. Zum Abstandnehmen vom Dogma weiß man sich durch die Erkenntnis berechtigt, daß das neue Testament eben Christuszeugnis und nicht christologisches Dogma enthält, das viele seiner christologischen Aussagen nicht dogmatischen, sondern doxologischen Charakter haben, das heißt, sie wollen nicht exakt lehren über Christus, sondern seine Bedeutung bekennend und dankend preisen. Weiter hat man erkannt, daß das neue Testament nirgends oder bestenfalls an ganz wenigen Stellen von der Gottheit Christi im Sinn des späteren Dogmas spricht, daß es aber auch nicht sinnvoll ist, hier von Subordinatianismus zu reden, nach dem Sohn dem Vater nicht wesensgleich ist. Denn das Neue Testament vergleicht nicht zwei Seinsweisen, die des Vaters und des Sohnes, miteinander, sondern es geht ihm um die Funktion Jesu Christi als des gottgesandten Offenbarers und Vollstreckers des Heilswillens Gottes. In dieser Funktion ist er ganz Gott untertan zugleich ist er der, in dem sich Gott ganz offenbart (vergl. Joh. 4,34; 14,9). Vor allem ist man sich auch des Gesprächscharakters der neutestamentlichen Christologie bewußt geworden, sowohl in dem Sinn, daß die Urchristenheit von verschiedenen Voraussetzungen her und aus verschiedenen Situationen heraus das Gespräch unter sich geführt hat, wie auch in dem Sinn, daß sie ständig das Gespräch mit einer religiös und geistig sehr differenzierten Umwelt zu führen hatte und von da aus auch Sprache und Vorstellung empfing.