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Einführung in die Theologie


Einführung in die Theologie

Von Prof. Hans Graß
Textauszug (Ab Seite 61)

Keine Dogmatik, ob sie nun am Modell der Glaubenslehre oder an dem der Dogmatik als Offenbarungslehre orientiert ist, kann davon absehen, daß ihr bestimmte Voraussetzungen vorgegeben sind. Sieht man davon ab, ob sie mehr vom Willen zur Kirchlichkeit getragen ist oder mehr von dem Willen zu einer freieren Haltung, so ist auf jeden Fall die konfessionelle Prägung der Dogmatik eine solche Vorgegebenheit. Diese konfessionelle Prägung ist der katholischen Dogmatik vorgegeben durch die Bindung an einen bestimmten, von der Kirche festgelegten Dogmenbestand und durch die Verpflichtung, welche die katholische Dogmatik gegenüber dem offiziellen Lehramt der katholischen Kirche hat. Beide Bedingungen, bestehen für die evangelische Dogmatik so nicht, denn das Lehramt wird nach evangelischer Auffassung von der Theologie selbst wahrgenommen, und die evangelischen Bekenntnisse können nicht den Rang verpflichtender Dogmen haben. Dennoch wird eine evangelische Dogmatik sich an den Grundintentionen der Reformation orientieren. Gott und Mensch und den Weg des Menschen zum Heil in ihrem Lichte sehen, Wort und Glaube in den Vordergrund stellen und nicht Kirche und Sakramente, die Gemeinschaft der Gläubigen und nicht die hierarchische Institution, die Freiheit eines Christenmenschen und nicht die Verpflichtung gegenüber kirchlichen Geboten.
Der Einwand, daß die evangelische Dogmatik einen anderen unfehlbaren Meister habe, nämlich die Heilige Schrift, kann jedenfalls in der Form nicht akzeptiert werden, daß die Schrift als inspiriertes heiliges Buch zum Lehrgesetz würde. Die Frage, was schriftgemäß ist, was die Mitte der Schrift ist, bedarf nicht nur der immer neuen Bestimmung, sondern es muß auch strikt darauf geachtet werden, daß die Schrift Zeugnis von einem Geschehen ist, dem Handeln Gottes in Christus für uns Menschen, und daß dieses Geschehen das letztlich Verbindliche für den Glauben ist, nicht die Schrift selbst. Es sollte in der evangelischen Dogmatik sich auch ein Schriftgebrauch durchsetzen, der nicht mehr mit einzelnen Bibelstellen arbeitet, sondern die Theologie der biblischen Schriftsteller, welche das eigene Verständnis dieses Geschehens in gebührender Weise geltend macht. Daß das biblische Zeugnis auch die Züge seiner, der damaligen Zeit an sich trägt und deshalb der Übersetzung bedarf, sollte einem modernen Dogmatiker selbstverständlich sein. Weiter auf Seite 68.
Bei der Entfaltung der christlichen Botschaft setzte ich unter der Überschrift „Gott in Christo“ sofort mit der Christologie ein. Eine besonders behandelte Gotteslehre gibt es in dem ganzen Werk nicht, Gott wird immer nur in Relation gesehen, als Gott in Christus, als Gott in seinem Verhältnis zum Menschen als Sünder und Geschöpf, als Gott im Geschehen der Versöhnung. Darum gibt es weder eine Lehre von Gottes Eigenschaften noch eine Trinitätslehre.
In der Anthropologie ist die Sündenlehre der Schöpfungslehre vorangestellt, um von dem alten heilsgeschichtlichen Schema loszukommen und darzutun, daß der Mensch Geschöpf und Sünder zugleich ist. Frage des Heiligen Geistes wird kritisch, ich könnte auch sagen entmythologisierend behandelt, was auch durch die kritische Haltung zur Trinitätsspekulation ermöglicht ist. Weiter auf Seite 71.
Ich selbst fühle mich einer kritischen Theologie verpflichtet, zumal ich, wie Eberling nicht nur von Luther, sondern auch von Bultmann etwas gelernt habe. Gegen Barth und mit vielen anderen Theologen bin ich der Meinung, daß der Mensch, seine Fragen und seine Situation in der dogmatischen Theologie eine eigene und zwar starke Berücksichtigung verdienen, daß man in der Christologie von unten bei Jesus von Nazareth anzusetzen habe und nicht beim ewigen Gottessohn des trinitarischen Dogmas, daß man die Bibelkritik und die durch sie herausgearbeitete Differenziertheit des biblischen Zeugnisses voll zu berücksichtigen habe, daß weder die Religion noch die Philosophie aus der Theologie herauszuhalten seien, und daß Schleiermacher und Bultmann weitgehend Recht haben, wenn sie das in religiöser und existenzieller Begegnung Erfahrbare leitend sein lassen für die Aussagen über Gott, Christus und das von ihnen geschenkte Heil. Damit sind einer spekulativen Gotteslehre und Christologie, welche meinen, in die innergöttliche Geheimnisse eindringen zu können, der Boden entzogen. Zugleich aber bleibt das Gegenüber gewahrt, in dem der an uns und für uns handelnde Gott zum hörenden, verstehenden, glaubenden oder auch dem Glauben sich versagenden Menschen steht.