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Die Stellung des AT in Theologie und Kirche


Die Stellung des Alten Testaments in Theologie und Kirche

Christliche Glaubenslehre II Ab Seite 92)

Das Alte Testament stellt insofern ein besonderes Problem dar, als es das Christusgeschehen, welches die zentrale Botschaft des Neuen Testaments ist, nicht bezeugt. Auf eine christologische Deutung sollte man endgültig verzichten. Andererseits wäre es natürlich abwegig, das Alte Testament beiseite zu schieben, während man zugleich den nichtchristlichen Religionen zugesteht, daß in ihnen eine Bezeugung Gottes stattfindet. Die christliche Kirche und Theologie haben stets am Alten Testament festgehalten. Marcions Ablehnung des Alten Testaments wurde von der Kirche verworfen; neuere Versuche bei Schleiermacher, Harnack und Hirsch, das Alte Testament beiseite zu schieben, konnten sich nicht durchsetzen. (Vgl. Schleiermacher, G12 § 131; 132, 2-3; Kurze Darstellung ed. H. Scholz 2. Aufl. § 115 und bes. 1. Aufl. 33 f § 3 u. 4 bei Scholz 47 f:; Harnack, Marcion, 1921, 248 ff.; E. Hirsch, Das A. T. und die Predigt des Evangeliums 1936). Man wird eher von einer wachsenden Bedeutung des Alten Testaments in der Theologie des letzten halben Jahrhunderts sprechen können. Die Frage ist, wie die Geltung des Alten Testaments zu begründen ist. Unzureichend ist die Begründung, daß das Alte Testament die Bibel Jesu und des Urchristentums gewesen ist und deshalb auch uns als Heilige Schrift zu gelten habe. Jesus hat zwar offensichtlich mit dem Judentum seiner Zeit das Alte Testament als Schrift anerkannt, aber er hat auch Kritik am atl. Gesetz ,geübt. (Vgl. die Antithesen der Bergpredigt Mt 5,21 ff und Jesu Stellung zum Sabbathgebot und zu den Reinheitsvorschriften.) Das Urchristentum hat auch in seinem hellenistischen Zweig das Alte Testament übernommen, hat es sich aber angeeignet mit Hilfe von Typologie und Allegorese. Diese Methode kann von uns nicht mehr wiederholt werden. Alle diesbezüglichen Stellen im Neuen Testament sind für uns zwar Zeugnisse urchristlicher Theologie, aber keine authentischen Interpretationen des Alten Testaments. Obgleich das Urchristentum wahrscheinlich nur eine begrenzte Zahl alttestamentlicher Texte für seinen »Schriftbeweis« gebraucht hat, hat es weder das Bedürfnis noch die Ermächtigung empfunden, den alttestamentlichen Kanon, der erst in neutestamentlicher Zeit sich endgültig zu schließen begann, zu korrigieren. Mit dem Golde übernahm man die Spreu. Mit Hilfe der Allegorese konnte man auch ihr Goldglanz verleihen.
Unzureichend ist auch die Begründung, daß man das Neue Testament ohne das Alte nicht verstehen könne. Gewiß ist die Kenntnis des Alten wichtig für die Erkenntnis des Neuen, dieses ist ganz durchsetzt von alttestamentlichem Gedankengut. Aber dasselbe gilt im erheblichen Maße vom spätjüdischen und rabbinischen Schrifttum, von Qumran, von hellenistischen und gnostischen Texten. Sie sind ebenfalls eine Hilfe für das Verständnis des Neuen Testaments, ja sie enthalten nicht selten die näheren Parallelen, weil sie zeitlich dem Neuen Testament näher stehen. Wohl läßt sich mit dem eben genannten Argument das Recht und die Notwendigkeit einer alttestamentlichen Wissenschaft begründen, aber sie kann dann nur den Charakter einer Hilfswissenschaft zur neutestamentlichen Wissenschaft haben, ihre Konzentration speziell auf das AT wäre willkürlich. Eine eigentlich theologische und kirchliche Relevanz des AT wäre damit noch nicht gegeben.
Zwei seit langem gebräuchliche Schemata für das Verhältnis des Alten zum Neuen Testament sind das Schema vom Gesetz und Evangelium und besonders das von Verheißung und Erfüllung. Die Anwendung des Schemas Gesetz und Evangelium befriedigt schon insofern nicht, als das Alte Testament neben dem Gesetz auch Verheißung und Heilsbotschaft enthält. Die alttestamentliche Wissenschaft hat neuerdings sogar hervorgehoben, daß die Verheißung und Erwählung dem Gesetz nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich vorgeordnet ist. Vor allem aber - darauf hat schon Luther hingewiesen - ist das alttestamentliche Gesetz zunächst einmal das Israel gegebene Gesetz. (Vgl. H. Bornkamm: Luther u. d. AT, 104 ff und die dort angegebenen Stellen.) Daß das jüdische Zeremonialgesetz uns nichts angeht, ist selbstverständlich. Die eigentlich sittlichen Forderungen, wie sie der von jüdischen Zügen befreite Dekalog (vgl. Luthers Katechismustext mit Ex 20,1-17), aber auch Propheten wie Amos verkündigen, sind keine spezifisch alttestamentlichen Forderungen. Luther rechnete sie zum natürlichen Gesetz, das nicht nur Israel, sondern auch den Heiden bekannt ist. (Vgl. Röm 2,14 f - Bultmann: GV I 320 f.) Für die Bedeutung des Alten Testaments läßt sich aus der Gesetzesfrage nur soviel gewinnen, daß in seinem Gesetz Elemente enthalten sind, welche das Wissen um die alle Menschen verpflichtenden sittlichen Forderungen wirksam wachhalten. Dabei lehren sie diese Forderungen als Gottes-Gebot verstehen. Es ist jedoch nicht möglich, alles, was im Alten Testament unter Gottes Gebot läuft, als sittliche Forderungen an uns zu verstehen. Wichtiger als das Schema Gesetz und Evangelium ist seit jeher das von Verheißung und Erfüllung. Es ist in der Form des Weissagungsbeweises, in dem bestimmte Stellen des AT, die sogenannten messianischen Weissagungen, auf Christus bezogen werden, restlos antiquiert, was nicht auszuschließen braucht, daß man hie und da noch einen liturgischen Gebrauch davon macht. Theologisch jedenfalls kann nichts darauf aufgebaut werden. Nun hat man das Schema Verheißung und Erfüllung allerdings mannigfaltig abgewandelt. Das geschah schon in der Foederaltheologie der reformierten Orthodoxie, setzte sich fort in Hofmanns heilsgeschichtlicher Theologie, welche in der Geschichte des Alten Bundes eine stufenförmige Selbstoffenbarung Gottes sehen wollte. Bei Hoffmann geschieht Weissagung nicht bloß in Worten, sondern auch in Tatra und Begebnissen und erstreckt sich über das Ganze der heiligen Geschichte. Auch die Erfüllung geschieht nicht erst am Ende, sondern jede Stufe dieser Geschichte enthält das eine Heil, aber keine das ganze. Selbst das in Christus erschienene Heil bedarf noch der eschatologischen Vollendung. - Die moderne Theologie der Heilsgeschichte will die grundlegenden Erweise der Gottheit Jahwes in seinen Geschichtstaten finden. (Pannenberg: Offbg . als Geschichte, 15.91.) Dabei verwirklicht sich die Offenbarung recht eigentlich im Geschick Jesu von Nazareth (103) und vollendet sich am Ende der Geschichte (95), doch muß das Christusgeschehen als Glied der Geschichte Gottes mit Israel gesehen werden (107). Uns interessiert hier nicht die Ausweitung der Heilsgeschichte zur Universalgeschichte und die eigentümliche Spannung, die bei Pannenberg zwischen der indirekten Offenbarung in den Geschichtstaten (91) und ihrem Offenbarsein für jeden, der Augen hat zu sehen (98), besteht. Es geht vielmehr um den Zusammenhang, in dem in dieser heilsgeschichtlichen Theologie die alttestamentliche Offenbarung mit der Christusoffenbarung und in ihrer eigenen Kontinuität gesehen wird. (Pannenberg: Heilsgeschehen und Geschichte, KuD 1959, 229.)
Besonders eng hat Karl Barth das Alte und das Neue Testament miteinander verbunden. Dabei spielt der Bundesgedanke eine maßgebende Rolle. Wird das Alte Testament zunächst als das Zeugnis der echten Erwartung der Offenbarung bezeichnet (KI) I 2,77) und der alttestamentliche Bund als Offenbarung in der Erwartung charakterisiert, wobei sich der Bund in mehrere Bünde zerlegt, von denen jeder an seinem Ort und in seiner Weise in dieselbe Richtung weist (89 f), so drängt Barth doch alsbald darüber hinaus. Gewiß, er betont, daß das leidende Israel, der leidende Prophet, der leidende Gerechte nicht Christus ist; doch bilden sie den leidenden und gekreuzigten Christus bereits vor. Ohne diese Relation auf Christus wäre das Alte Testament eine jüdische Abstraktion (97 f). Aber auch das genügt Barth noch nicht. Er meint, wo man ohne Einschränkung und Abzug den Christus erwarte, da habe man ihn bereits und zwar ganz. »Die Väter hatten Christus, den ganzen Christus« (102). Auch die eschatologische Linie im AT wird von Barth stark betont. Die an das Volk, das Land, den Tempel, die Herrschaft Gottes, das Gericht, den König geknüpften Erwartungen weisen voraus auf den Messias, das wahre Israel, das Reich (105-109). Es gibt eine Präexistenz der Kirche in Israel, der allerdings der Widerspruch Israels gegen seine Bestimmung korrespondiert (II 2,234). Die Schöpfung wird dem Bundesgedanken eingeordnet, sie »ist die Erstellung des Raumes für die Geschichte des Gnadenbundes« (III 1,46), der äußere Grund des Bundes (103), wie der Bund der innere Grund der Schöpfung ist (258). Ist doch die Geschichte dieses Bundes das Ziel der Schöpfung (44). Barth nimmt den Begriff der Heilsgeschichte auf, sie ist die eigentliche Geschichte, der Bund der Gnade ist ihr Thema (63 f). Die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und Mensch ist dann die Versöhnung in Christus (IV 1,22). Dieser erfüllte Bund ist die Mitte, von der aus der ganze Umkreis von der Schöpfung bis zu den letzten Dingen zu sehen ist, ja nur von hier aus richtig gesehen werden kann (IV 1,1). Von dem in Christus erfüllten Bunde her ist die Schöpfung zu begreifen sowie die ganze alttestamentliche Heilsgeschichte, die die Voraussetzung der Versöhnung ist (22-35). Mit Hilfe des Bundesgedankens, der typologischen Analogie, einer entsprechend verstandenen alttestamentlichen Erwartung, ja mit der Annahme der Präsenz Christi bei den Vätern bindet Barth Altes und Neues Testament aufs engste zusammen, ohne den Unterschied völlig aufzuheben. Das Alte Testament soll ganz von Christus her verstanden werden, ohne das wäre es eine jüdische Abstraktion. Anderseits wird mit dem Bundesgedanken die ganze Heilsgeschichte einer alttestamentlichen Konzeption unterworfen. Eine Eigenständigkeit wird dem Alten Testament nicht zugestanden, eine Erforschung von seinen eigenen Voraussetzungen aus abgelehnt (12,98).
Während bei Barth alles von Christus her gesehen wird, denkt Moltmann in seiner »Theologie der Hoffnung« von der alttestamentlichen Verheißung aus. Der alttestamentliche Gott sei der Gott des Exodus, der Gott feit Futurum als Seinsbeschaffenheit (25). Israels Religion ist Verheißungs- und Erwartungsreligion, seine Geschichte Verheißungsgeschichte, in der die Erfüllung verheißener Zukunft erwartet wird (85 ff). Verheißungen und Geschichte machen dabei einen Wandlungsprozeß durch, in welchem die Überlieferungstraditionen der Verheißungen und die Geschichtserfahrungen zur Neufassung der Verheißung dienten, wobei die weitere Zukunft stets dem verheißenden Gott überlassen wurde (100). Auf dem Boden des israelitischen Verheißungsglaubens entstand die prophetische Eschatologie (113), die zu Endvisionen vom kommenden, nie geschauten neuen Heil führte (116). Damit ist der Übergang zur Apokalyptik gegeben, in der nicht nur die ganze Geschichte, sondern der Kosmos in die Zukunftserwartung einbezogen wird. Trotz mancher Einschränkungen (120 f) sieht Moltmann doch in der Apokalyptik die legitime Erbin der israelitischen Verheißungs- und Erwartungsreligion (124). Von hier aus wird ziemlich nahtlos der Übergang zum Neuen Testament gewonnen. Der Gott, der sich in Jesus offenbart, müsse als der Gott des Alten Testaments, als der Gott des Exodus und der Verheißung, als der Gott mit Futurum als Seinsbeschaffenheit bedacht werden (127). Das Evangelium habe in der Verheißungsgeschichte des Alten Testaments seine unaufgebbare Voraussetzung, es ist im letzten eschatologischen Sinn dieser Verheißungen sogar mit ihnen identisch (133). Auch die Christologie muß die Dimension der Zukunft Christi als konstitutives Element ansehen (126). Die Präzisierung der Zukunft als Zukunft Christi ist der Hauptunterschied zur alttestamentlich jüdischen Erwartung (174). Mit Betonung hebt Moltmann die Bedeutung der Auferstehung Christi hervor (150). Aber dieses Geschehene soll nur im Modus der Verheißungen verstanden werden (172, 162 f), es gehört in den speziellen Horizont der prophetischen und apokalyptischen Erwartungen (174), es ist Vorschein und Antizipation des Zukünftigen (163.148). Auf dieses Zukünftige ist nach Moltmann die ganze neutestamentliche Frömmigkeit ausgerichtet. Gegen die Gegenwärtigkeit des Heils wird heftig polemisiert als gegen eine hellenistische, kultisch sakramentale und enthusiastische Entfremdung (143 f). - Moltmann verkennt, daß das Verdienst des hellenistischen und paulinischen Christentums gerade darin besteht, daß man das Schwergewicht vom kommenden auf den gekommenen und gegenwärtigen Christus verschob. Aber auch für die Urgemeinde wird man keine ausschließliche Ausrichtung auf den Kommenden annehmen dürfen, sonst wäre das Sammeln der Jesustradition schwer verständlich. Gerade die Evangelien sprechen trotz apokalyptischer Elemente gegen die völlige Dominanz des Kommenden; sonst hätte man an ihrer Stelle Apokalypsen verfassen müssen, während durch sie die Wirksamkeit und das Geschick Jesu in den Mittelpunkt rückten. In seinem Gekommensein sah man die Erfüllung, und Paulus sieht es nicht viel anders an (Gal 4,4). Es widerspricht im Grunde dem Selbstverständnis des ganzen Neuen Testaments, wenn die eigentliche Wende ins Eschaton verlegt und die erste Ankunft Christi zu einer intensivierten Verheißung herabgestuft wird. In diesem Falle wäre das Neue Testament nur eine Fortsetzung des Alten. Aber auch die Sicht des Alten Testaments bei Moltmann scheint mir recht einseitig zu sein. Mag die-Erwartungs- und Verheißungslinie auch stärker sein, als man bisher angenommen hat, so läßt sie sich doch kaum so eindeutig durchziehen. Schon daß die Eschatologie verhältnismäßig spät in Israel auftaucht und auch die späte Literatur (z. B. die Weisheitsliteratur) nicht beherrscht, daß noch zu Jesu Zeit die Sadduzäer neben den Pharisäern standen, macht bedenklich; ganz abgesehen davon, ob es sinnvoll ist, AT und NT mit Hilfe der Apokalyptik zu verklammern. - Beide Versuche, das Verhältnis von AT und NT zu bestimmen, der christologische Karl Barths und der futurologische J. Moltmanns, vermögen nicht zu befriedigen; Barth nicht, weil er das Alte Testament nicht mehr als altes hören und aus seinen Voraussetzungen verstehen läßt; Moltmanns nicht, weil er das Neue Testament nicht wirklich als neues verstehen kann, sondern es gleichsam als Extrawagen in den alttestamentlichen Zug einfügt, der auch nicht so eindeutig in die Richtung fährt, die Moltmann ihm geben will.

Wie aber steht es überhaupt mit dem Schema Verheißung und Erfüllung? Das Hauptproblem ist meines Erachtens nicht, die Entsprechungen zwischen den alttestamentlichen Verheißungen und der neutestamentlichen Erfüllung zu finden. Freilich auch das ist schon schwierig genug, werden doch bei Worten, Geschehnissen, Einrichtungen, geschichtlichen Bewegungen, sofern sich überhaupt weiterreichende Erwartungen mit ihnen verbinden, diese Erwartungen oft nicht erfüllt, sondern von der neutestamentlichen Botschaft in ganz anderer Weise beantwortet. Wer meint, das Alte Testament laufe einlinig oder auch nur in seiner Hauptlinie auf Christus zu, der verkennt, daß es in ihm auch eine Gegenlinie gibt, die im Judentum endet, das Jesus verwarf. (Vgl. P. Althaus: Wahrheit I, 230-240). Das gilt für weite Partien alttestamentlicher Gesetzlichkeit, für die Übersteigerung des Erwählungsgedankens, wie sie in falschen Herrschaftsansprüchen des auserwählten Volkes zum Ausdruck kommt z. B. Jes 14,2; 45,14; 49,23; 60,6 ff; das zeigt sich in Unschulds- und Rachepsalmen wie Ps 5,5-13; 17,3-15; 18,21-25; 38-51; 26,1-12; 44,18-23; 109; 137,8-9; im Vergeltungsglauben, dem das irdische Ergehen als Lohn oder Strafe erscheint, da ihm die Hoffnung auf einen jenseitigen Ausgleich noch nicht offensteht. Auch die Messiasvorstellungen des Alten Testaments und des Spätjudentums laufen nicht eindeutig auf die Erfüllung in Jesus Christus zu. Christus ist auch des Messias Ende.
Aber nehmen wir nun die Züge des Alten Testaments, von denen man sagen kann, daß sie auf das Neue hinführen, so liegt die Hauptschwierigkeit des Schemas Verheißung und Erfüllung darin, daß mit der Erfüllung der Verheißung die Verheißung selbst antiquiert ist. »Nicht mehr jene Verheißungen, sondern ihre Erfüllung bildet nunmehr den Grund des Glaubens« (W. Elert: Chr. Glaube, 188). Man kann sich zwar an dem Gedanken erbauen, daß schon die alttestamentlichen Väter in der Zeit der Erwartung der Offenbarung Gottes teilhaftig geworden sind, daß Gott selbst seine endgültige Offenbarung in Christus in einer Vorgeschichte vorbereitet hat. Man kann diese Vorgeschichte in Verbindung setzen mit der Bezeugung Gottes in den nichtchristlichen Religionen und sie von dieser gebührend und stark abheben. Aber nachdem die Erfüllung geschehen ist, gilt es, sich an sie zu halten und nicht bei der Vorbereitung zu verharren. Die These vom vorausweisenden Charakter des Alten Testaments vermag seine bleibende Verbindlichkeit gerade nicht zu sichern. Dabei ist es gleichgültig, wie die Vorausverweisungen im einzelnen gefaßt werden, ob als vorbereitende Bundschließungen, als bewegte Verheißungsgeschichte, als typologische Vorbildungen in Personen (z. B. Adam, Melchisedek, Mose, David) oder »Ämtern« (Prophet, Priester, König), in Ereignissen, Handlungen, Einrichtungen kultischer Art oder ganz einfach als messianische Weissagungen. Ist das Verheißene erschienen, so sind alle Vorausverweisungen überholt. Sie hätten allenfalls für thoragläubige Juden einen Sinn, aber es ist doch sehr zweifelhaft, ob diese sich heute noch durch solchen »Weissagungsbeweis« überzeugen ließen.
Muß also das Alte Testament preisgegeben oder in die Bücher eingereiht werden, die zwar gut und nützlich zu lesen, aber der Heiligen Schrift nicht gleichzusetzen sind, die, wenn es um unseren Glauben geht, entbehrlich sind?
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die Geltung des Alten Testaments zu begründen. Wir sagten bereits, daß die Kirche, als sie das alte Testament übernahm, nicht mehr das' ihr Passende auswählen konnte. Man kann die Sache aber auch einmal anders herum ansehen. Sie brauchte in ihrem Schrifttum bestimmte Themen nicht mehr besonders zu akzentuieren, weil sie ihr in ihrer Schrift, dem Alten Testament, sowieso gegeben waren. Natürlich war das kein überlegter oder geplanter Vorgang. Wir wissen auch nicht genauer, in welcher Weise und in welchem Umfang in der Urchristenheit das Alte Testament gelesen wurde und seinen Einfluß ausüben konnte; wahrscheinlich geschah es in Anlehnung an die synagogale Praxis. Als Marcion in der Mitte des 2. Jahrhunderts das Alte Testament abschaffen wollte, setzte sich die Kirche entschieden zur Wehr. Möglicherweise läßt die Auseinandersetzung mit dem Marcionitismus noch erkennen, worum es der Kirche letzten Endes beim Alten Testament ging. Marcion hatte mit dem Alten Testament den Schöpfergott und die Schöpfung disqualifiziert. Die Kirche hat diese drei Größen miteinander verteidigt und damit mehr oder weniger instinktiv sichtbar gemacht, worin der, besondere Wert des Alten Testaments für den christlichen Glauben liegt. Es lohnt sich, über den geschichtlichen Anlaß hinaus über diese Frage noch etwas nachzudenken. So richtig es ist, wenn die heutige alttestamentliche Wissenschaft den Israel erwählenden Gott besonders herausstellt, so darf im Gesamtzeugnis des Alten Testaments der Schöpfergott doch nicht vergessen werden. Zudem wird der erwählende Gott immer deutlicher als Herr der Geschichte überhaupt verstanden. Als Herr der Geschichte und der Welt ist er gegenwärtig, sie sind seine Geschichte und seine Welt; diese können nie so im Argen liegen, daß sie lebens- und weltverneinden Mächten anheimfallen. Das welt- und lebensbejahende Alte Testament ist ein Gegengewicht gegen das Apokalyptische, das nur auf den neuen Äon hinauswill, es ist auch ein Gegengewicht gegen manche verwandten Tendenzen im Christentum. Der Einwand, daß die Apokalyptik eine neue Erde wolle, also etwas durchaus Reales, kann, wenn man die Apokalyptik nicht säkularisiert hat, doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie die bestehende Welt und damit jegliche innerweltliche und geschichtliche Zukunft verneint. Im Alten Testament findet sich dagegen eine Hochschätzung des Natürlichen, des Leiblichen, des Diesseitigen, eine Weltoffenheit, die unwillkürlich ein Gegengewicht gegen asketische und weltflüchtige Tendenzen bildet. - Sodann hat der strenge alttestamentliche Monotheismus, der sich freilich selbst erst im Alten Testament durchsetzen mußte, den Glauben der Kirche geprägt. Es war nicht möglich, daß Christus als zweite Gottheit neben Gott trat oder gar Gott verdrängte. Noch die Trinitätslehre will die Einheit Gottes wahren. Das Alte Testament ist das monotheistische Gewissen der Kirche. Es sperrt sich auch heute gegen einen Antitheismus, der Gott abschaffen, für tot erklären möchte, und sich mit einem wie immer verstandenen Christus behelfen möchte, der schließlich zum bloßen Repräsentanten von Mitmenschlichkeit absinkt. Dabei ist das alttestamentliche Gottesbild ein überaus lebensvolles Bild, Äußerungen der Liebe, des Zorns, der Leidenschaft, der Geduld, der Reue Gottes werden berichtet. Das Bild trägt nicht nur helle, sondern auch dunkle, rätselhafte Züge. Dieses oft anthropomorphe Bild sperrt sich am stärksten gegen einen unlebendigen, abstrakten Gottesbegriff alter und neuerer Philosophen, gegen die mystische Identifikation mit dem Urgrund oder Seinsgrund. Es bildet trotz seiner Mängel den notwendigen Hintergrund des sich in Christus offenbarenden Gottes, den wir mit Christus unseren Vater nennen. - Wichtig ist auch das alttestamentliche Verständnis des Menschen und der Geschichte. Es ist schon von Bedeutung, daß wir es im Alten Testament mit einer Geschichte zu tun haben, die etwa tausend Jahre umfaßt, nach dem Selbstverständnis des Alten Testaments noch viel mehr, während der zeitliche Hintergrund des Neuen Testaments nur 100 Jahre sind. Das eine Mal handelt es sich um eine Volksgeschichte, in die auch die Völkergeschichte hineinspielt, das andere Mal um eine kleine Schar erst von Anhängern Jesu, dann von Gemeinden, die nur durch die Größe ihres Meisters und die Mission eines Paulus davor bewahrt wurden, eine Art Sekte zu werden. Vereinfacht gesagt, der Lebensraum des Alten Testaments ist weiter als der des Neuen Testaments, so gewiß das Neue Testament in die letzte entscheidende Tiefe des Lebens führt. Welch eine Fülle von Haltungen und Schicksalen von Menschen und Menschengruppen in den verschiedensten Situationen und Verhältnissen bietet das Alte Testament; wie geht es menschlich zu in diesem Buch. Da spielt Politisches und Soziales eine Rolle, bei den Propheten und anderswo, da gibt es Kriege, Siege, Niederlagen, Hunger, Verbannung, aber auch gute Zeiten; da begegnet uns das Auf und Ab einer dramatisch bewegten Geschichte, da geht es um das Zusammenleben in einem Volk und um die Frage der Gerechtigkeit; da spricht der Psalmist von der Vergänglichkeit (Ps 90), Hiob klagt Gott an in seinem Leid, da klingt die Lebensweisheit und die Resignation aus den Sprüchen und dem Prediger. Und bei all dem ist Gott mit im Spiel, all das vollzieht sich coram Deo. - Es soll nicht behauptet werden, daß das alles, wie es hier geschehen, gesehen und dargestellt ist im Alten Testament, für uns maßgebend oder vorbildlich sein könnte. Es liegen schließlich zweieinhalbtausend Jahre zwischen uns und dieser Zeit, und wir sind nicht Israel. Die Übersetzungsaufgabe vom Damals ins Heute ist groß, vielleicht größer als beim Neuen Testament. Aber wenn man bedenkt, daß die Kirche ohne das Alte Testament diesen weiten Lebensraum weniger bedächte, daß sie nur mit dem Neuen Testament in der Hand eventuell bei den Jüngern, den Gläubigen, der Gemeinde stehen bliebe, bei ihren Aufgaben und Diensten, daß das Getriebe der Welt und der Geschichte weitgehend draußen bliebe, daß Anklage gegen Gott, Leiden unter der Vergänglichkeit des Daseins und der Güter dieser Welt, trotz Mk 15,34; Mt 6,19-21; Lk 12,16-21 so nicht erklängen, dann ist man dankbar dafür, daß auch das Alte Testament in der Kirche in Geltung steht. Das gilt erst recht im Blick auf den Schöpfergott des Alten Testaments, den lebendigen Herrn der Geschichte und der Menschen, den das Neue Testament durchaus bejaht, der aber doch hinter dem in Christus erlösenden Gott zurücktritt. - Eins der wichtigsten Bücher des Alten Testaments ist seit alters der Psalter. Er ist das Gebetsbuch der Kirche. Schon im 'Neuen Testament wird sein Gebrauch erwähnt (Kol 3,16; Eph 5,19; 1. Kor 14,15? Jak 5,13?). Selbst wenn mit den Psalmen andere Lobgesänge und geistliche Lieder gemeint sind, so sind

doch viele Lieder und Gebete von den Psalmen geprägt. Es wäre einseitig, nur Psalmen singen zu wollen wie das klassische Reformiertentum; es ist nicht möglich, die Psalmen uneingeschränkt zu übernehmen. Viele Psalmen enthalten Aussagen, die wir nicht nachsprechen, nicht nachbeten können. Darum sind mit Recht die Eingangspsalmen unserer Liturgien aus Psalmenstücken zusammengefügt. Aber die Kirche wäre ärmer, wenn sie dieses biblische Gebetsbuch nicht hätte. Innerhalb des biblischen Kanons gibt es nichts Vergleichbares.
Das Gesagte möge genügen, um den Wert des Alten Testaments herauszustellen. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, ob alle Einzelheiten des Gesagten sich halten lassen. Darüber mögen die Fachleute befinden. Es ging vielmehr darum, darzutun, daß das Alte Testament eine notwendige Ergänzung des Neuen ist. Ich möchte deshalb meine Auffassung des Alten Testaments einfach als »Ergänzungshypothese« bezeichnen. Dabei bleibt das durchaus in Geltung, was oben über die Gegenlinie im Alten Testament gesagt wurde. Wir dürfen und müssen auswählen im Alten Testament, aber nun nicht vor allem das, aus dem man notfalls mit einiger Anstrengung oder Gewaltsamkeit einen Hinweis auf Christus herausexegesieren kann, nicht in erster Linie die Verheißung, die durch die Erfüllung überholt ist, sondern das, was das Alte Testament über das Neue hinaus auch noch sagt. Das darf zwar dem im Neuen Gesagten nicht widersprechen, aber es darf es ergänzen. Das Alte Testament ist ein Gegengewicht gegen eine christologische, ekklesiologische, auch anthropologische Engführung. Ohne es dem Neuen Testament gleichzustellen, muß das in seinem theologischen und kirchlichen Gebrauch zum Ausdruck kommen.
Im Grunde wird mit dieser Ergänzungshypothese das gerechtfertigt, was im praktischen Gebrauch des Alten Testaments in der Verkündigung der Kirche weithin geschieht. Jeder Prediger weiß, daß es Situationen und Aufgaben gibt, für die ein alttestamentlicher Text besonders geeignet ist, geschichtliche Situationen, Aufgaben von öffentlichem Interesse, aber auch seelsorgerliche Situationen, in denen eine notvolle Anfechtung etwa mit einem Psalmwort artikuliert werden kann. Gut, wenn er sein Altes Testament so kennt, daß er hier recht zu wählen vermag. Denn wählen muß er, mehr als im Neuen Testament, und übersetzen, interpretieren muß er vielfach ebenfalls. Aber er soll und braucht nicht jedem Text eine christologische Nase zu drehen. Denn das alttestamentliche Wort hat ein eigenes Recht und Gewicht in der Kirche, und vermag auch ohne Allegorese noch zu uns zu sprechen.