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Christliche Glaubenslehre I - Die Selbstbekundung


Die Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus.
Christliche Glaubenslehre I (Ab Seite 79)

Die christliche Kirche ist sich darin einig, daß die entscheidende Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus geschehen ist. Es wurde bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht, daß Gott sich nicht nur hier bekundet. Wer keine Selbstbekundung Gottes außer in Christus annehmen will, muß zusehen, wie er mit der alttestamentlichen Offenbarung zurechtkommt. Daß eine christologische Interpretation des Alten Testamentes hier keine Lösung ist, sondern eine Gewaltsamkeit, sollte selbstverständlich sein. Aber so gewiß Gott sich nicht nur in Jesus Christus kundgetan hat, so hat er es doch in ihm in entscheidender und letztgültiger Weise getan. Warum in ihm in besonderer, in einzigartiger Weise, wird später noch zu erwägen sein. Zunächst muß versucht werden, den Grundansatz der Christologie, denn um diese handelt es sich jetzt, zu erfassen. Dazu bedarf es folgender Feststellung.
1. Wenn wir von der Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus sprechen, dann bringen wir damit zum Ausdruck, daß dieser Jesus Christus nicht als eine für sich bestehende geschichtliche oder auch mythologische Gestalt zu betrachten ist, sondern daß er als Gesandter Gottes, als Künder Gottes, oder wie man in alter und neuer Theologie gesagt hat, als Wort Gottes verstanden werden muß. Wie das genauer zu verstehen ist, muß noch erörtert werden. Es ist jedoch nicht möglich, bei Jesus Christus von Gott zu abstrahieren und ihn als eine Gestalt anzustehen, die mit Gott nichts zu tun hat oder mit der Gott nichts zu tun hat. Ohne Gott ist auch Jesus Christus nichts, jedenfalls ist er keine Gegenstand theologischen Interesses. Zwar kann man darüber durchaus streiten, in welcher Weise man theologisch Jesus Christus mit Gott in Verbindung bringen will, oder auch Gott mit Jesus Christus. Aber wo eine solche Verbindung nicht erkannt oder anerkannt wird, ist Jesus Christus verkannt. Eine atheistische Christologie, eine Christologie auf der Basis eines wirklichen Todes Gottes, nicht nur eines verborgenen, abwesenden Gottes, ist theologisch unmöglich. Wenn man Jesus noch so sehr als Inbegriff wahrer Menschlichkeit, oder als großer Menschheitsbeglücker – Prädikate, mit denen man besser Vorsichtig umgehen sollte -, so ist Jesus doch mißverstanden, wenn in seiner wahren Menschlichkeit nicht irgendwie kundtut, wenn das Glück nicht als von Gott geschenktes Glück verstanden werden kann. Zwar ist es in gewisser Weise richtig, wenn gesagt wird, wie Gott wirklich ist, verstehen wir erst in Jesus Christus; aber zugleich gilt, daß wir Jesus Christus nicht wirklich verstehen, wenn wir ihn nicht in Gott verstehen. Gott war in Christo (2. Kor. 5,19) Ich bin von ihm her und er hat mich gesandt. (Joh. 7,29 b), wie immer diese beiden Worte des Paulus und des Johannesevangeliums im Zusammenhang ihrer Kontexte auszulegen sind, sie markieren jedenfalls, was für jede Theologie und Christologie unaufgebbar ist, die Relation zwischen Jesus und Gott.
2. Wenn wir von der Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus sprechen, dann meinen wir damit tatsächlich Jesus Christus, nicht irgend ein Gebilde theologischer oder mythologischer Phantasie. Wir konstruieren diesen Jesus Christus nicht, sondern halten uns an das, was von Jesus von Nazareth überliefert ist. Dieser Jesus von Nazareth ist eine Erscheinung in der Geschichte, und wenn diese Erscheinung und Überlieferung von ihr auch viele Probleme aufgibt, so muß grundsätzlich zunächst erst einmal festgehalten werden, daß es um diesen Jesus von Nazareth geht, der vor fast 2000 Jahren gelebt und gewirkt hat und am Kreuz gestorben ist. Von diesem Jesus von Nazareth sind in allem, was der christliche Glaube später von ihm gesagt und bekannt hat, doch noch erkennbar die Grundzüge seiner Verkündigung, die Grundzüge seines Handelns und Verhaltens und die Grundzüge seines Schicksals, die besonders seinen Ausgang betreffen. Wenn Gott in Christo war, dann muß es möglich sein, in diesen Grundzügen etwas davon sichtbar zu machen, ohne daß das „Gott in Christo“ schon in diesen Grundzügen einen erschöpfenden Ausdruck findet. Wir versuchen also eine Christologie von unten her, nehmen den Ansatz bei Jesus, seinem Wirken und seinem Geschick, nicht beim christologischen Dogma, wie es die Kirche in ihren verschiedenen Bekenntnissen von den Zeiten der alten Kirche bis hin zur Reformation und der Altprotestantischen Orthodoxie formuliert hat. In letzter Zeit hat Karl Barth den Ansatz bei seiner hohen Christologie genommen, indem er diese in der Trinitätslehre verankerte, welche bereits die Prolegomena seiner Dogmatik maßgebend bestimmt. Wie nehmen den christologischen Ansatz auch nicht einfach beim neutestamentlichen Christuszeugnis, wie Rudolf Bultmann das grundsätzlich tut, aber ebenso, wenn auch sehr viel biblizistischer Martin Kähler. Wir fragen in der Tat hinter das neutestamentliche Kerygma, da ja ein sehr differenziertes und keineswegs einhelliges Kerygma ist, zurück nach Jesus von Nazareth selbst. Dennoch nehmen wir den Ansatz nicht einfach beim historischen Jesus, sondern betrachten diesen Jesus, sein Wirken und sein Geschick unter der Voraussetzung, daß Gott sich ihm kundgetan hat. Insofern verbindet sich der Ansatz von unten mit einem Ansatz von oben, der sich jedoch noch freihält von Setzungen des christologischen Dogmas der Kirche und den zum Teil recht plerophoren Formeln des Christuskerygmas des Neuen Testamentes, das zwar Christus nur ganz selten als Gott bezeichnet – am deutlichsten Joh. 1,1 und 20,28- aber ihm immerhin verschiedentlich die Schöpfermittlerschaft zuschreibt, Joh 1,3; 1. Kor 8,6; Kol 1,16 f; Hebr 1,2; Apk 3,14. Denn, wie gesagt, ohne Gott mit Jesus von Nazareth in Beziehung zu setzen ist keine sinnvolle theologische und christologische Aussage über ihn möglich. Andererseits darf diese Inbeziehungsetzung nicht sofort in den Formen und Formeln einer ausgebildeten Christologie geschehen. Christologien sind Interpretationen des Christusgeschehens sie dürfen und müssen als solche auf ihre Angemessenheit geprüft werden. Die Kriterien für diese Überprüfung müssen noch erarbeitet werden, die Überprüfung selbst ist jedoch unabweisbar und zwar schon deshalb, weil wir im Neuen Testament verschiedene Interpretationen haben und weil die Christologie, die da in der alten Kirche sich durchgesetzt hat, weder mit der neutestamentlichen Christologie identisch ist, noch ohne weiteres als legitime Konsequenz der neutestamentlichen Botschaft angesehen werden kann. Schließlich muß auch bedacht werden, daß Christus für uns bedeutsam sein und werden soll und daß das nur geschehen kann, wenn die christologische Aussage nicht völlig an uns vorbeigeht. Zwar wird heute etwas viel und vorschnell von unverstandenen und unverstehbaren Formeln geredet. Vieles erschließt sich, wenn man sich um das Verstehen ernsthaft bemüht. Dennoch ist das Verstehen ein Kriterium, das nicht beiseite geschoben werden darf. Der Christus für uns ist zwar kein Christus, den wir uns zurecht machen dürfen, schon daß er der geschichtliche Jesus von Nazareth ist, läßt das nicht zu. Aber wenn er nicht mehr der Christus für uns zu werden vermag, dann ist er für uns wertlos geworden und keine noch so starken und plerophoren christologischen Formeln vermögen ihm dann Wert zu verleihen.
3. Aber woher nehmen wir das Recht, diesen Jesus von Nazareth in Beziehung zu Gott zu setzen? Hier ist auf folgendes hinzuweisen. Jesus hat selbst das Bewußtsein gehabt und den Anspruch erhoben, im Namen und Auftrag Gottes zu reden und zu handeln. Darauf wird gleich noch näher einzugehen sein. Zwar ist dieser Anspruch von Jesusgegnern bestritten worden. Aber sie bestritten ihn ihrerseits im Namen Gottes. Nicht Gott stand ihnen in Frage, sondern die Berufung Jesu auf Gott. Das ist etwas anderes, als wenn man es ablehnt, Jesus in Beziehung zu Gott zu sehen und ihn rein als innerweltliche Größe betrachten will, sei es als einen der Großen der Weltgeschichte, oder als Schwärmer, der einer Illusion anhängt. Wem Gott keine Illusion ist, der muß sich mit dem Anspruch Jesus im Auftrag Gottes zu handeln, jedenfalls ernster auseinandersetzen und fragen, ob hier nicht mehr ist als Mose. – Sodann ist das Neue Testament durchweg der Überzeugung, daß dieser Jesus mit Gott zusammen gehört, daß wir es hier mit Gottes Gesandten zu tun haben. Das Urchristentum hat diese Überzeugung nicht ohne Anfechtung gewonnen. Der schmähliche Tod Jesu am Kreuz ließ seinen Anspruch als fraglich erscheinen. Die Überzeugung mußte aus der Anfechtung heraus neu gewonnen werden. Aber nachdem das bei den Uraposteln geschehen war, ganz gleich wie dieser Vorgang näher zu denken ist, hat das Urchristentum unentwegt diese Überzeugung zum Ausdruck gebracht. Es hat keine Gottesvorstellung mehr vertreten, abgesehen von Jesus von Nazareth wie die Juden das taten; und es hat von Jesus von Nazareth nicht mehr gesprochen, ohne ihn in Beziehung zu Gott zu setzten. Dasselbe gilt von der Verkündigung der Kirche. Schließlich gilt auch von uns, daß Jesus von Nazareth unter uns lebendig ist, sofern er in Beziehung zu Gott gesehen wird. Nur als Mitmensch und Bruder, als Lehrer der Moral oder als humanes Vorbild, als Menschheitsbeglücker oder als Künder einer Zukunftsträchtigen Utopie hat er keinen Bestand. Mitmenschen, humane Vorbilder, Beglücker der Menschheit gibt es in mannigfachen Ausfertigungen und Güteklassen. Warum sollen wir uns da an einem orientieren, der vor fast 2000 Jahren lebte und dessen Bild unter diesen Aspekten viel weniger deutlich und ansprechend ist als daß mancher neuerer Repräsentanten. Nur wenn dieses Bild in besonderer Weise ein Spiegel Gottes ist, wenn Gott nicht ausgeblendet ist, dessen Zeuge er ist, nur dann ist er für uns, für die Menschheit von bleibendem Wert. Natürlich läßt sich weder mit seinem Anspruch, noch mit dem durchgängigen Zeugnis des Neuen Testaments und der Kirche, noch mit der Erfahrung seiner bleibenden Bedeutung die Gottgesandtheit Jesu >beweisen<. Doch kann das gesagt werden, daß Jesus ohne eine Relation auf Gott, genauer gesagt, ohne seine Relation auf Gott, daß Jesus als bloßer Mensch, Mitmensch und Bruder unter absehen oder gar gleichzeitiger Leugnung Gottes für uns wertlos ist. Es ist in diesem Falle nur eine Frage der Zeit, wann er dem totgesagten Gott in das Grab folgen wird. Wenn die von uns abgelehnte Behauptung, daß Gott nur in Christus zu erkennen ist, in letzter Zeit dahingehend radikalisiert worden ist, daß nur noch Christus und nicht mehr Gott zu erkennen ist, wenn die Christologie von der Theologie gelöst wird, und zur bloßen Jesulogie herabgesetzt wird, dann ist die Christologie mit der Theologie an ihr Ende gekommen. (weiter ab Seite 117)