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Die Herrschaft des erhöhten Herrn


Die Herrschaft des erhöhten Herren.

Christliche Glaubenslehre I (Ab Seite 138)

Jesus, der in einzigartiger Weise der Auserwählte und Gesandte Gottes zur Durchführung seines Heilswillens war, ist auch im Tode von Gott nicht verlassen worden. Gott hat sich zu ihm bekannt. Das war der Sinn der Auferweckung oder Erhöhung Christi. Wenn diese Erhöhung nicht eine bloße Vokabel sein soll, dann bezeichnet sie einen Hingang zum Vater und ein Sein bei Gott. Wie aber ist dieses Sein bei Gott näher zu bestimmen? Für eine funktionale Christologie bestehen hier gewisse Schwierigkeiten, denn für sie liegt ja die Einzigartigkeit Christi zunächst einmal in seiner Funktion, wie er sie hier auf Erden als der Gesandte Gottes ausgeübt hat. Diese Funktion wäre jedoch eine begrenzte, wenn er seit seinem Hingang zum Vater keine Funktion mehr hätte. Es wäre dann nicht mehr der lebendige Herr, zu dem die Botschaft des Neuen Testaments und der christliche Glaube in seiner ganzen Geschichte sich bekennt. Er käme dann auf der Stufe eines Propheten zu stehen, der nach Erfüllung seines Auftrags in die Ruhe Gottes eingegangen ist. Sein Leben bei Gott könnte nur unter gleichzeitigem Verzicht auf die christliche Hoffnung bestritten werden Aber auch wenn man sein Leben bei Gott bejaht, würde Christus zu einem Christus mortuus für uns werden, wenn nicht geklärt wird, welche Funktion er heute noch an uns ausübt, in welcher Weise und durch welche Medien er sich heute als der lebendige Herr erweist. Es geht dabei vor allem um drei Fragen:
l. um die Näherbestimmung des erhöhten Herrn selbst, 2. um seine Herrschaftsweise und 3. um seinen Herrschaftsbereich.
Alle 3 Fragen ergänzen einander. Was zunächst das subjektiv des Tuns, den erhöhten Herrn anbetrifft, so blieben diese völlig unanschaulich, wenn man nicht darauf den Ton legt, daß es der Herr ist, den wir aus den Evangelien als den irdischen Herrn kennen.
A. Ritschl konnte das zu gespritzt so formulieren, daß die Formeln des zur Rechten Gottes erhöhten Christos für uns entweder inhaltslos ist, weil Christus als Erhöhter für uns direkt verborgen ist, oder den Anlaß zu aller möglichen Schwärmerei abgeben, wenn man die Fortsetzung der Funktionen des erhöhten Christus nicht danach beurteile, was man als deren Inhalt in seiner geschichtlichen Lebenserscheinung erkennt. Wir lassen es jetzt dahin gestellt, ob es ausreicht, wenn Ritschl das Wirken Christi in statu exaltationis des als Ausdruck der permanenten Wirkung seiner geschichtlichen Erscheinung vorgestellt wissen will. Richtig ist jedenfalls, daß die Vorstellung des gegenwärtigen lebendigen Herrn ihre Konzeption durch den in seiner geschichtlichen Erscheinung offenbaren Herren erhält. Möglicherweise ist das sogar der letzte Sinn jener mythologischen Vorstellung vom himmlischen Fleische oder Leibe Christi, die in der altprothestantlichen Christologie und Abendmahlslehre eine große Rolle spielt. In der urchristlichen Verkündigung wurde dem Anliegen der Konkretion des erhöhten Herren dadurch Rechnung getragen, daß in den Evangelien die Grundzüge seiner geschichtlichen Erscheinung nicht nur festgehalten, sondern zum Gegenstand der Verkündigung gemacht worden. Es ist nicht nur so, daß in den Evangelien das Bild des irdischen Herrn vom Glauben an den auferstanden und lebendigen Herren her gezeichnet wurde; sondern es gilt auch das Umgekehrte: Durch die Evangelien wird der erhöhte, gegenwärtige Herr konkretisiert, vergeschichtlicht, er bekommt, um es mal so auszudrücken, Fleisch und Blut. Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, daß rein zeitlich gesehen nach Paulus, der schreiben konnte, daß er Christus dem Fleisch nach nicht mehr kenne (2. Kor. 5,16), nach einem Christentum, daß pneumatische Erfahrungen mit dem erhöhten Herren hatte oder das, wie wahrscheinlich das älteste Urchristentum, auf den kommenden Herren ausgerichtet war, Evangelien geschrieben wurden, die sich breit und ausführlich mit den irdischen Herren befaßten. Dadurch wurde verhindert, daß die Christusfrömmigkeit enthusiastisch und die Christus Theologie rein spekulativ wurde. Zwar hat man auch Wert auf die Entmächtigung der Mächte und Gewalten durch den erhöhten Herren gelegt (Phil. 2,9; 1. Kor 15,24; Kol. 2,15; Eph. 1,21). Aber auf das Gesamtzeugnis des Neuen Testaments gesehen wurde der erhöhte Herr fest mit seiner irdischen Erscheinungsweise verbunden, mit seinem Leben und Wirken, seinem Leiden und Sterben. Der erhöhte Herr war Jesus von Nazareth. Wenn die Kirche heute in ihrer Verkündung die Evangelien Texte ausgelegt, und ein großer Teil ihrer Verkündung vollzieht sich ja in der Auslegung dieser Texte, dann bezeugt sie den lebendigen erhöhten Herrn in der Gestalt des irdischen. Ja selbst für die Texte des apostolischen Kerygmas leihen die Evangelien unwillkürlich Farben. Das heißt: das Zeugnis vom gegenwärtigen lebendigen Herrn vollzieht sich nicht zuletzt in der immer erneuten Vergegenwärtigung der geschichtlichen Gestalt Jesu. Die Näherbestimmung der Person des erhöhten Herrn, der an uns handelt, kann nur heißen: Es ist der Herr, den wir als Jesus von Nazareth kennen.
Bei der zweiten Frage, ging es um die Herrschaftsweise des erhöhten Herren. Wir wiesen soeben schon darauf hin, daß an bestimmten Stellen des NT die Entmächtigung der Mächte als Funktion des erhöhten Herren angesehen wird. An anderen Stellen spielt der Gedanke der Intercessio eine Rolle (Hebr 7,25; 9,24; Röm 8,34; 1. Joh 2,1) Aber die eigentliche Wirkungsweise des erhöhten Herrn geschieht in der Botschaft des Evangeliums und in der durch diese Botschaft gesammelten Gemeinde. Daß das auch im NT so ist, kann man sich am besten an Paulus klarmachen. In den Präskripten seiner Briefe bezeichnet er sich als Apostel und Knecht Jesu Christi Röm 1,1; 1. Kor 1,1; 2. Kor 1,1; Gal 1,1; Phil 1,1; 1. Kor 4,1. Durch Jesus Christus hat er Gnade und Apostelamt unter den Heiden empfangen Röm 1,5; Christus hat ihn gesandt, das Evangelium zu predigen 1.Kor 1,17; er muß es tun, wehe wenn er es nicht täte 1. Kor 9,16. An Christi Statt bittet er: lasset euch versöhnen mit Gott 2. Kor 5,20. Christus redet in ihm 2. Kor 13,3; vgl. Gal 4,14; 1. Thess 1,6. Er hat ihm Macht gegeben zur Auferbauung, nicht zur Zerstörung 2. Kor 10,8; 13,10. Er wirkt durch ihn, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Tat in der ganzen Ökumene Röm 15,18 f. An seiner Botschaft scheiden sich deshalb die Geister 1. Kor 1,18.23f; 2. Kor 2,15 f; 4,3; Gal 1,6 ff. Aber er predigt nicht sich selbst, sondern Jesus Christus als den Herren 2. Kor 4,5. Weil Christus im Wort des Apostels gegenwärtig ist und handelt – und zwar nicht nur in seinem Wort, sondern im Wort derer, die ihn verkündigen, Phil 1,15 ff; 1. Kor 3,5 ff, 4,1 f. 16,10; 1. Thess 1,8; Gal 2,8 – deshalb ist es nicht nötig, Christus vom Himmel herab oder von den Toten heraufzuholen. Sondern das Wort ist dir nahe, das gepredigte Wort Röm 10,6-8. Gerettet wird, wer den Namen des Herrn anruft. Aber anrufen kann man ihn nur, wenn man an ihn gläubig geworden ist, und glauben kann man nur, wenn man von ihm gehört hat. Das Hören aber ist auf die Predigt angewiesen. Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt sind? Röm 10,14 f. Die Predigt kommt durch das Wort Christi V. 17. Der im Wort gegenwärtige Herr ist der Autor seiner Verkündigung, in dem er seine Verkündiger sendet und in ihrem Wort handelt. Es ist der lebendige erhöhte Herr, denn ist Christus nicht auferweckt worden, so ist die Predigt leer, leer ist auch der Glaube, 1. Kor 15,14.
Bei Paulus ist ganz offenkundig, daß der erhöhte Herr sich in der Verkündigung vergegenwärtigt, wie sie vom Apostel selbst, aber auch von anderen Verkündigern ausgeübt wird als missionarische Verkündigung, aber auch als Verkündigung in der Gemeinde. Das Zungenreden wird von Paulus zurückgedrängt zugunsten verständlicher Rede, welche der Erbauung, der Ermahnung und Tröstung dient, 1. Kor. 14. Die Reihenfolge der Ämter in der Gemeinde ist: Apostel, Propheten, Lehrer, dann kommen die diakonischen Dienste und zum Schluß die Zungenredner, 1. Kor 12,28-30. Nicht erst für Luther ist es kennzeichnend, daß Christus im Wort zu uns kommt. Schon Paulus kann als Theologe des Worts bezeichnet werden, wenn auch vielleicht nicht in so betonter Weise wie Luther. Daneben steht der Gedanke von dem im Mahl gegenwärtigen Christus. Man kann nicht am Tisch des Herrn Anteil haben und am Tisch der Dämonen 1. Kor 10,21 f; 11,20.27 ff. In der Taufe sind die Gläubigen auf Christus getauft worden, haben Christus angezogen Gal 3,27. In der Kirche ist Christus gegenwärtig, in ihren Gottesdiensten wird er angerufen 1. Kor 1,2, sie kann als sein Leib bezeichnet werden 1. Kor 12,27; 10,27; 10,16 b; Röm 12,5. – Auch der Geist, der in den Gläubigen wohnt und ihr Verhalten bestimmt, kann sowohl als Geist Gottes wie als Geist Christi bezeichnet werden Röm 8,9 f. Es kommt in unserem Zusammenhang jetzt nicht darauf an, welche Vorstellungen und Gedanken bei Paulus und im übrigen Neuen Testament mit dem Abendmahl, der Taufe, der Kirche und ihren Gliedern verbunden sind. Sie sind von einer beträchtlichen Mannigfaltigkeit. Es ging um die Vergegenwärtigung des erhöhten Christus. Sie geschieht in der missionarischen und gemeindlichen Verkündigung, im Wort, in Taufe und Mahl, sie geschieht in der Gemeinde, ergreift die Gläubigen und bestimmt ihr Verhalten. Es handelt sich um ein Geschehen, das verifizierbar ist, das sich hier und jetzt unter uns ereignet und unsere Wirklichkeit zu bestimmen vermag. Natürlich ist außerhalb des Glaubens dieses Geschehen nicht als Wirkungsweise des Herrn erkennbar bzw. der Unglaube erkennt nicht an, daß hier der Herr am Werk ist. Aber der Glaube, nach dem Handeln des erhöhten Herrn gefragt, erfährt und sieht hier sein Handeln, im Christuszeugnis der Gemeinde, in Wort und Sakrament, im missionarischen aber auch im diakonischen Dienst. Auch im Leben des einzelnen Christen vermag Christus Gestalt zu gewinnen. Er kann als lebensbestimmende Macht erfahren werden in der Gewißheit der Vergebung der Sünde, in der dankbaren Freude und der Freiheit der Kinder Gottes, in der Geduld, in Trübsal und Leiden, in der Kraft zum Entschluß, das Gute zu tun und es, wenn auch bruchstückhaft, zu verwirklichen. Wo Christus so Gestalt gewinnt in den Gläubigen , da können dann diese ihrerseits auch wieder anderen zum Zeugnis seiner lebendigen Gegenwart werden. Denn Christus bezeugt sich als der lebendige Herr nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Wirkungen, die von diesem Wort ausgehen, sowohl in der vom Wort geschaffenen und durch dasselbe erhaltenen Kirche, wie auch im Leben des einzelnen, sofern es von ihm ergriffen und gestaltet wird. Das Wort ist dabei das grundlegende Medium seines Tuns, durch das alles andere sein Leben empfängt. Weder die Kirche noch der einzelne haben das Leben ohne das Wort aus sich selbst oder unter Umgehung der Christusbotschaft auf geheimnisvolle Weise von ihm selbst. Hier, bei der Begegnungsweise gibt es kein Zurück. Er gilt nämlich in dem Sinn, daß es uns versagt ist, über das Kerygma und seinen Wirkungsbereich hinaus in die himmlischen Geheimnisse der Seinsweise und der Wirkungsweisen des erhöhten Herrn bei Gott eindringen zu wollen. Die Frage, wo er zu finden ist und was seine Funktion sei, ist schlicht dahingehend zu beantworten, daß wir uns zu halten haben an das, was durch Wort und Sakrament, in der Kirche und bei Menschen, die von ihm ergriffen sind, unter uns geschieht.

Allerdings darf das Wort nun nicht einfach an die Stelle des lebendigen Herrn gesetzt werden, in dem Sinne, daß man auf diesen Herrn überhaupt verzichtet und nur noch das Wort gelten läßt. Ein solcher Verzicht scheint bei R. Bultmann vorzuliegen, wenn er davon spricht, daß Christus in das Kerygma hinein auferstanden ist. Da wo sonst nach christlicher Lehre der lebendige erhöhte Herr steht, steht bei ihm das sich je und je ereignende Kerygma – Richtig ist an dieser Anschauung, daß es keinen Zugang gibt zu ihm als im Wort; bzw. das Wort und die von ihm ausgehenden Wirkungen sind allein das Medium, durch das er heute an uns und unter uns handelt. Im Wort setzt sich seine Funktion, die er als der irdische Herr als Gesandter Gottes ausgeübt hat und die in dieser Form mit seinem Hingang zum Vater beendet ist, fort. Aber das Wort ist nicht einfach mit ihm identisch, sondern es ist Mittel seines Handelns an uns. Erst recht gilt das von der Kirche. Wenn die Kirche im Neuen Testament und weiter dann in der Tradition Leib Christi genannt wird, dann muß zum mindesten hervorgehoben werden, daß sie der Leib, er aber das Haupt dieses Leibes ist. Es darf keine Gleichsetzung von Christus und Kirche stattfinden, sie darf nicht als der fortlebende Christus verstanden werden. Dieses Verständnis wird teilweise in der katholischen Theologie vertreten und erhält dort noch eine besondere Zuspitzung, wenn die institutionelle römische Kirche mit dem Papst an der Spitze den Anspruch erhebt, der fortlebende Christus zu sein. Dagegen ist mit aller Schärfe geltend zu machen, daß Christus „im Himmel“ ist, sitzend zur rechten Gottes, und die Kirche auf Erden ist; er ist ihr Herr und sie ist seine Dienerin, seine oft fehlsame Dienerin. Aber genauso wie die Kirche nicht mit ihm identifiziert werden darf, darf auch das Wort nicht einfach mit ihm identifiziert werden. Er ist im Wort gegenwärtig, wenn das Wort geschieht und die Herzen trifft, aber abgesehen von diesem sich Ereignen des Wortes ist er ihm transzendent, in der Verborgenheit seines Seins beim Vater.
Im Betroffenwerden vom Wort begegnet er uns, und es gibt kein Zurück hinter das Wort oder Vorbei am Wort zur unmittelbaren Kontaktaufnahme mit dem erhöhten Herrn, sei es in ekstatischen oder mystischen Erlebnissen, sei es auf spelulativ-theologischem Weg, auf dem wir seine himmlische Seinsweise zu erforschen und in sie eindringen suchen. Auch für das Wort hat er sich vorbehalten, wann und wo er in ihm begegnen will. Er ist auch hier nicht einfach da und verfügbar. Aber gerade weil im je und je sich ereignenden Wort, in dem die Herzen treffenden und sie überwindenden Wort lebendig Gegenwart des Herrn geschieht, kann der lebendige Herr nicht einfach mit dem Wort identifiziert werden. Denn das würde bedeuten, daß er sich in eine Fülle von Akten auflöste und aufhörte zu sein. Er hat ein Sein für sich beim Vater; das wird mit den mythologischen Ausdrücken >Sitzend zur Rechten Gottes, sitzend auf dem himmlischen Thron< angezeigt, ohne daß solche Ausdrücke dogmatisiert werden können. Dies Sein bei Gott ist ein Arcanum, das anerkannt werden muß, aber nicht erforscht werden kann, Wir sind an seine Vergegenwärtigung in seinem Wort und seinen Wirkungen gewiesen.
Damit ist nun aber in gewisser Weise auch schon die dritte Frage nach dem Herrschaftsbereich des erhöhten Herrn beantwortet. Die altprotestantische Dogmatik unterschied beim königlichen Amt Christi ein regnum potentia, ein regnum gratiae und ein regnum gloriae Dabei wollen wir davon absehen, daß sie von ihrem christologischen Ansatz her Christus die königliche Würde als dem ewigen Gottessohn von Ewigkeit her zuschriebe, die menschliche Natur Christi seit der Menschwerdung wenigsten grundsätzlich an dieser königlichen Würde partizipieren ließ und ihn dann vom Moment der Erhöhung an in den vollen Genuß seiner königlichen Herrschaft eintreten ließ. Entscheidend ist auch für die altprotestantische Dogmatik das, worauf wir uns allein konzentriert haben, die Herrschaft Christi im Stande der Erhöhung, also die Frage, in welcher Weise er jetzt der Herr sei. Für diese gegenwärtige Herrschaft scheidet das regnum gloriae noch aus, weil damit die eschatologisch Herrschaft Christi gemeint ist, in der seine Gewalt aller Welt offenbar wird, den Gläubigen zum Triumph, den Ungläubigen und Widersachern zur Beschämung und zum Gericht. Das jedenfalls war mit dem regnum gloriae in der altprotestantischen Dogmatik gemeint. Wir können uns hier also auf die beiden anderen Herrschaftsweisen, das regnum gratiae und das regnum potentiae beschränken. Das regnum gratiae übt Christus aus durch das Wort und Sakrament, um durch sie seine Kirche zu bauen und zu mehren, ihren Gliedern und durch sie allen Menschen den Segen des Evangeliums zukommen zu lassen, sie aber auch unter die Zucht des Wortes Gottes zu nehmen. Es ist das Reich der geistigen Wirkungen Christi durch das Evangelium. Im regnum potentiae dagegen ist er der Herr über alle Kreaturen der Welt, die sichtbaren und die unsichtbaren, die verständigen und die unverständigen, sprachlosen. Das Medium seiner Herrschaft ist nicht das Wort des Evangeliums in der Kirche und durch die Kirche, sondern er regiert unmittelbar kraft göttlicher Vollmacht, so wie Gott die Welt regiert und erhält, straft und Milde über sie walten läßt.
Wenn wir betont haben, daß Christus durch das Wort seine Herrschaft über uns ausübt und daß es für uns kein Zurück hinter das Wort gibt, kein Eindringen in das Arcanum seines Seins beim Vater, dann ist damit gegeben, daß wir uns ganz auf das regnum gratiae beschränken müssen, dagegen nichts über ein regnum potentiae aussagen können. Wir stimmen darin mit Schleiermacher überein, der ebenfalls das königliche Amt Christi auf das regnum gratiae beschrankt hat. Seine königliche Macht, sagt Schleiermacher, schaltet nicht unmittelbar über die Dinge dieser Welt und ordnet sie. Daher bleibt nur das eine Reich der Gnade übrig als wahres Reich Christi, welches nun auch das einzige ist, wovon das Bewußtsein in unseren frommen Gemütszuständen wirklich vorkommt, und wovon wir auch allein, weil unser wirklicher Glaube darauf gerichtet sein muß, einer leitenden Erkenntnis bedürfen. Eine Macht Christi über die Welt kann nur vom Reich der Gnade ausgehen – vermöge der Wirksamkeit des in der Kirche beständig gültigen, von Christo gegebenen Gebots der Verkündigung. Wenn Schleiermacher sagt, daß wir allein vom Reich der Gnade ein Bewußtsein in unseren frommen Gemütszuständen haben, dann drückt er damit auf seine Weise aus, daß das regnum potentiae Christi unserer Erkenntnis entzogen ist. Ja noch mehr, es ist nicht nur unserer Erkenntnis entzogen, sondern es läßt sich, wie ebenfalls Schleiermacher bemerkt hat, gar nicht so ohne weiteres mit der Funktion, die sonst Christus ausübt, nämlich der Offenbarer und Heilbringer Gottes zu sein, vereinigen. Als Heilbringer Gottes sucht er Menschenherzen zu gewinnen, daß sie mit innerer Zustimmung ihm dienen. Darum ist sein Herrschaftsbereich die Gemeinde der Gläubigen, die im freiwilligen Glaubensgehorsam ihm nachfolgt. Gewiß strahlen von diesem Herrschaftsbereich nun Lebenskräfte in die Welt aus, denn die Gemeinde und die Christen sind nicht nur in der Welt, sondern sie sind zur Wirksamkeit in der Welt berufen. Sie wollen nicht nur sein Wort verkündigen, sondern auch dem nächsten dienen, dem Schwachen helfen, dem Unrecht wehren, der Wahrheit die Ehre geben, im gesellschaftlichen, politschen und sozialen Leben im Sinn der Gerechtigkeit wirksam werden. Insofern beschränkt sich das Regnum gratiae nicht auf den Bereich der Kirche oder gar nur der Frömmigkeit der Herzen. Aber wenn sich das regnum gratiae Christi in dieser Weise durch lebendige Gemeinde und Christen in der Welt auswirkt, dann ist das noch kein regnum potentiae Christi. Die Vorstellung vom regnum potentiae besagt, daß der Herr nicht auf der Basis freiwilliger Anerkennung und durch das Medium derer, die innerlich an ihn gebunden sind, regiert, sondern unmittelbar kraft göttlicher Vollmacht, und daß sein Regiment alles umfaßt, was da ist, die Gehorsamen und die Ungehorsamen, ja auch das außerordentliche Sein.
Nun weiß ich sehr wohl, daß es in der heutigen evangelischen Theologie starke Strömungen gibt, welche den Herrschaftsbereich Christi über die ganze Welt gerade im Sinne des regnum potentiae geltend machen möchten. Christus wird als der Pantokrator oder Kosmokrator verstanden, dem alle Mächte unterworfen sind, gerade auch im weltlichen, staatlichen, politschen und gesellschaftlichen Bereich. Besonders durch Karl Barth sind diese Anschauungen wirksam verbreitet worden.
Es kann auch nicht bestritten werden, daß es im NT Belege für diese Kosmokrator-Anschauung gibt, auch wenn man von den Stellen absieht, in denen Christus bereits als präexistenter Schöpfungsmittler hingestellt wird, wie in Kol 1,15-17; 1. Kor 8,6; Hebr 1,2; Joh 1,3.10. Das Matthäusevangelium schließt bekanntlich mit den Worten des Auferstandenen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden und dem daran anschließenden Missionsbefehl (Mt 28,18 ff). Im Hymnus des Philipperbriefes sollen sich alle Kniee beugen, derer die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind Phil 2,10; im Epheserbrief wird der Erhöhte über jede Gewalt, Macht, Hoheit und jeden Namen in dieser und der zukünftigen Welt gesetzt (Eph 1,20), während Apk 12,10 diese Machtergreifung erst im Eschaton anzunehmen scheint, wobei die Machtergreifung Gottes noch der Macht seines Gesalbten vorgeordnet wird. Aber auch an der anderen Stellen wird das regnum potentiae nicht ohne Einschränkung proklamiert. Wenn auf die Selbstproklamation des Kosmokrator in Mt 28,18 der Missionsbefehl folgt, dann zeigt das, worauf auch hier die Herrschaft Christi zielt, nämlich daß alle Völker zu Jüngern gemacht werden, d.h. daß seine Gemeinde sich ausbreite in der Welt. Im Philipper-Hymnus sollen sich nicht nur die Knie beugen, sondern alle Zungen sollen bekennen, daß Jesus Christus der Herr sei. Dieses Bekenntnis geschieht aber zunächst auch in seiner Gemeinde und durch seine Gemeinde. Und ebenso lenkt der Epheserbrief von der plerophoren Kosmokrator-Aussage zum Haupt der Gemeinde über, Eph 1,22. Gewiß bekunden die Kosmokratorstellen den Glauben, daß die widergöttlichen Mächte und Gewalten grundsätzlich überwunden sind. Aber das ist auch mehr soteriologisch als spekulativ-kosmologisch gemeint; wer an ihn glaubt, der ist von diesen Mächten befreit, der steht nicht mehr unter ihrer Knechtschaft (vgl. Gal 4,8 f; 5,1; Röm 8,15) Am deutlichsten kommt dieser Glaube wohl Röm 8,38 f zum Ausdruck, wo Paulus schreibt: Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Mächte, weder Hohes noch Tiefes noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. Wäre das Kosmokrator-Sein spekulativ gemeint, im Sinne einer Reflexion über seinen universalen Herrschaftsbereich und eine universale Herrschaftsübung, dann würde das in erheblicher Spannung stehen zur Theologia crucis, die gerade für Paulus kennzeichnend ist. Denn in der Wirklichkeit herrscht oder droht noch Trübsal und Angst, Verfolgung und Hunger, Blöße, Gefahr und Schwert Röm 8,35 f; 1.Kor 4,9 ff;15,30.32; 2 Kor 4,11; 12,9 f. Und von seiner Verkündigung kann Paulus sagen, daß sie nichts anderes haben bringen wollen als Christus den Gekreuzigten, der den Weisen und Mächtigen weithin verborgen, den Törichten und Schwachen dagegen eher offenbar ist 1. Kor 1,17-2,2. – So ist auch im NT Christi Herrschaft ein tief verborgene Herrschaft, sie eignet sich schlecht dazu, um christokratische Herrschaftsansprüche in allen Bereichen der Welt anzumelden und geltend zu machen. Von da aus ist es dann nur noch ein Schritt, auf eine Lehre vom regnum potentiae Christi überhaupt zu verzichten und sich auf das regnum gratiae zu beschränken; d.h. die Herrschaft Christi geschieht durch die Botschaft des Evangeliums, durch die er bei denen, die an ihn glauben, das Reich der Gnade baut inmitten dieser Welt, mit der er sie sendet in die Welt als Glaubensboten und Boten dienender Liebe. So wie wir uns von der Präexistenz jeglicher Spekulation über Christus als Schöpfungsmittler enthalten haben, so verzichten wir auch hinsichtlich seiner Postexistenz darauf, etwas über seine Beteiligung am Weltregiment auszusagen. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, diesbezügliche Vorstellungen zu entmythologisieren. Vielmehr meinen wir, daß Gott dieses Weltregiment sich selbst vorbehalten hat. Christi Reich ist ein Reich der Gnade; es ist, was das Angebot der Gnade durch die Botschaft des Evangeliums anbetrifft, ein universelles Reich, denn allen Menschen gilt diese Botschaft. Was aber den Erfolg anbetrifft, so ist es ein begrenztes Reich, denn nicht von allen wird die Botschaft angenommen (Röm 10,16) Gottes Reich ist dagegen ein Reich ohne Grenzen, es ist regnum potentiae. Die ganze Schöpfung ist in seiner Hand und wird von ihm regiert. Sein Walten ist nicht nur gnadenreich, sondern auch voller dunkler, rätselhafter Macht. Er schenkt das Leben und verhängt den Tod, er baut auf und zerstört, er läßt Menschen Gemeinschaften, Völker kommen und vergehen, er schickt die Fülle der Güter und läßt zu, daß es Hunger und Elend und Katastrophen gibt. In all diesem Tun und Walten ist er oft der verborgene Gott, dessen Ratschluß und Wege wir nicht verstehen können. Aber zum regnum potentiae gehört auch das mit hinzu. Dieses regnum potentiae, das Gott auf diese Weise als Herr der Welt übt, gehört jedoch nicht zur Funktion Christi. Er ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, die Mühseligen und Beladenen zu sich zu ziehen, um sie zu erquicken (Lk. 19.10; Mt. 11.28). Wer ihm ein regnum potentiae zuschreibt, muß ihm auch die dunkle Seite des göttlichen Waltens zuschreiben, die Luther als Äußerung des Zornes Gottes verstand. Dadurch aber wird Christus, der dem dunklen, rätselhaften, verborgenen Gott den Gott der Barmherzigkeit und Liebe entgegenstellt, der Gottes Liebe als das eigentliche Wesen Gottes offenbart, selbsteigentümlich zwiegesichtig. Er gehört nicht mehr nur mit dem Evangelium zusammen, sondern auch mit dem Gesetz, nicht nur mit der Errettung, sondern auch mit der Verwerfung. Er wird hineinverflochten in die irdischen Geschäfte, in denen ebenfalls nicht nur die Liebe regiert, sondern auch Kampf und Härte und das Gesetz der gegenseitigen Verdrängung. Denn die Gesetze dieser Welt sind ja dadurch nicht aufgehoben, daß man Christus zum Herrn der Welt erklärt und dann schwärmerisch meint, man könne sie ignorieren oder überspringen. Vielmehr ist es so, daß er dann mit diesen Gesetzen belastet wird, daß sein Reich dann ein Reich von dieser Welt wird (Joh. 18.36; vgl. auch 18.11; Mt. 26.52). Er ist dann nicht mehr eindeutig die befreiende, rettende Kraft inmitten der harten Gesetze dieser Welt. Nicht zufällig hat Paulus die Obrigkeit, die das Schwert nicht umsonst trägt, zwar mit Gott, aber nicht mit Christus in Verbindung gebracht, Röm. 13.1 ff. Sehr klar erklärt Schleiermacher, daß auf der einen Seite die königliche Macht Christi gesondert werden muß, von der Macht welche der Vater sich vorbehalten hat, auf der anderen Seite vom bürgerlichen Regiment, das unstreitig eine Anstalt sei, die zur allgemeinen göttlichen Weltregierung gehöre. Schleiermacher verweist in diesem Zusammenhang auch auf Luthers Zweireichelehre.

Ist Christi Herrschaftsbereich und Herrschaftsweise das regnum gratiae, während das regnum potentiae Gott vorbehalten bleibt, dann hat das natürlich auch Folgen für das Verständnis des regnum gloriae, für die Eschatologie. Die traditionelle Vorstellung ist ja die, daß Christus, dem jetzt schon grundsätzlich, wenn auch in verborgener Weise alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, sie dann öffentlich ergreifen und ausüben wird als Weltenrichter. Diese Vorstellung, welche ihre Grundlagen in der spätjüdischen Eschatologie hat und im Urchristentum eine bedeutende Rolle spielt ohne allerdings das ganze Neue Testament zu beherrschen, ist in einem Verständnis der Herrschaft Christi als regnum gratiae nicht angelegt. Es ist auch nicht möglich zu sagen, weil Christus wiederkommen wird zum Gericht und offenbar für alle die Herrschaft ergreifen und alle seine Feinde niederwerfen wird, darum muß er auch jetzt schon vor dieser öffentlichen Machtergreifung, das regnum potentiae innehaben. Wer so argumentiert, hat bereits eine Vorentscheidung in der Eschatologie getroffen. Viel mehr muß umgekehrt, vom Verständnis der Funktion, die Christus nach Gottes Willen in seinem Erdendasein hatte und die sich fortsetzt im regnum gratiae des Erhöhten, der durch sein Evangelium unter uns herrscht, die Eschatologie gestaltet werden. Wie das im einzelnen zu geschehen hat, kann erst im späteren Zusammenhang erörtert werden. Jedenfalls kann die Neutestamentliche Eschatologie, die weder einheitlich noch durchweg genuin christlich, sondern weitgehend spätjüdisch apokalyptisch ist, nicht so ohne weiteres übernommen werden.
Der Gedanke, daß der erhöhte Herr ein Fürsprecher für die Seinen beim Vater ist (Hebr 7,25; 9,24; Röm 8,34; 1 Joh 2,1; vgl auch Joh 17,9-26), reiht sich gut in seine Herrschaft der Gnade ein, denn er bringt zum Ausdruck, daß unsere ständige Sünde der ständig sich erneuernden Gnade teilhaftig wird. Wenn man Christi Herrschaft über die Mächte so versteht, daß der Christ im Glauben an Christus der Gewalt dieser Mächte entnommen ist, so daß er sie nicht mehr zu fürchten braucht, dann reiht sich das ebenfalls in seine Herrschaft der Gnade ein, denn es ist eine Befreiung, die durch den Glauben an das Evangelium geschieht. Über diesen soteriologischen Aspekt hinaus zu gehen und kosmologisch-spekulativ Christus am Weltregiment Gottes zu beteiligen, empfiehlt sich nicht. Und zwar vor allem deshalb nicht, weil er als Künder der Gnade und Liebe Gottes gerade dazu berufen und gesandt ist, die dunkle Zweigesichtigkeit des Weltregiments Gottes zu überwinden.