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Christliche Glaubenslehre I - Das Problem des Ursp


Das Problem des Ursprungs Jesu – Hans Graß

Christliche Glaubenslehre I (Seite ab 117)

Die Frage des Ursprungs Jesu hat die Urchristenheit nicht von Anfang an und durchweg beschäftigt. Als man sich dann aber Gedanken darüber macht, ist man zu unterschiedenen Auffassungen gekommen. Die Lage ist hier anders als bei der Auferstehung bzw. Erhöhung. Das Ja Gottes zu dem hingerichteten Jesus von Nazareth, als welches wir die Auferstehung verstanden haben, ist ein Urdatum der Christenheit. Selbst wenn es einen Anhängerkreis gegeben haben sollte, der noch ohne Beziehung zum Auferstehungsglauben Stücke der Verkündigung Jesu sammelten und weitertrug, so gründetet sich die Kern- oder Urgemeinde im Zeugnis der Osterzeugen. In diesem Zeugnis wurzelt die Christusverkündigung, die ihn anfangs als Messias, dann als Sohn Gottes und Herr verkündete. Darum gehört das Ja Gottes auch zum Christusgeschehen, es kann nicht von ihm abstrahiert werden, mögen die Vorstellungen, mit denen es ausgesagt wurde, auch legendär oder mythologisch sein. Anders steht es mit dem Ursprung Jesu. Kann man den Glauben an die Auferstehung oder Erhöhung als eine Frucht unmittelbarer Christusbegegnung ansehen, so sind die Aussagen über den Ursprung Jesu das Ergebnis theologischer Reflexionen. Dabei darf der Begriff theologisch allerdings nicht streng aufgefaßt werden, doch möchte ich andererseits den Begriff mythologisch vermeiden, um nicht von vornherein unsere Überlegungen negativ zu qualifizieren. Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, daß durch bestimmte Formeln und aussagen, im NT wahrscheinlich gemacht werden kann, daß man anfangs oder in bestimmten Bereichen der Urchristenheit adoptianisch dachte, also meinte, Jesus sei mit der Auferweckung oder zu Beginn seiner Wirksamkeit (bei der Taufe) zum Sohn Gottes berufen oder ernannt worden. Die Hauptbelegstelle Rom. 1,3 f für den Adoptianismus seit der Auferstehung rührt allerdings schon an das Ursprungsproblem, wenn sie den irdischen Jesus aus dem Samen Davids stammen läßt. Das Markusevangelium, dessen Christusgestalt man mit dem Begriff des männlichen Gottes gekennzeichnet hat, zeigt kein Interesse am Ursprungsproblem, obgleich die entsprechenden Vorstellungen schon ausgebildet waren, als Markus sein Evangelium schrieb. Ob Markus seinen Taufbericht selbst noch adoptianisch verstanden hat, ist fraglich (Mk.1,9-11). Die beiden Hauptvorstellungen über den Ursprung Jesu im NT sind die der Jungfrauengeburt und die von der Präexistenz und Menschwerdung Christi.
Die Jungfrauengeburt hat bei dem naiven Glauben eine gewisse Popularität und zwar nicht nur im katholischen Bereich, in dem die Jungfrauengeburt das Fundament der ganzen Mariologie ist. (Versuche moderner katholischen Theologen, ihre dogmatische Verbindlichkeit aufzulockern, sind kaum durchführbar, es sei denn man stellt die ganze Mariologie in Frage.) Die Popularität hängt mit der Weihnachtsgeschichte zusammen, die jedem Kinde bekannt ist. Auch hat die reine jungfräuliche Mutter Maria und ihr Geburtsgeheimnis in der Kunst eine reiche, selbst das Empfinden modernen, aufgeklärter Menschen noch ansprechende Darstellung gefunden. An Popularität und Anschaulichkeit ist die Jungfrauengeburt der Präexistenzvorstellung überlegen, theologisch ist sie ihr jedoch unterlegen und zwar auch im Kontext der biblischen Botschaft.
Die Lehre von der Jungfrauengeburt ist biblisch schlecht begründet. Sie findet sich allein in den Vorgeschichten des Matthäusevangeliums (Mt. 1,18-21) und des Lukasevangeliums (Lk. 1,34 f), die in besonders starkem Maße legendären Charakter haben. Markus hat die Vorstellung offenbar nicht gekannt, 3,21 berichtet er von der verständnislosen Haltung der Familie Jesu (anders Lk. 2,19). Auch Paulus kennt die Jungfrauengeburt nicht. Das geboren von einem Weibe Gal. 4,4 meint nicht die Jungfrauengeburt, sondern die Niedrigkeit und Vergänglichkeit des Menschen, wie Hiob 14,1 (vgl. auch Mt. 11,11). Wenn man mit Sicherheit annehmen könnte, daß Johannes das Matthäus- und das Lukasevangelium kannte, dann würde das Schweigen von der Jungfrauengeburt Ablehnung bedeuten. Schon früh ist den Lesern des Johannesevangeliums dieses Schweigen aufgefallen. Das zeigten die Textvarianten zu Joh. 1,13. Während es in dem ursprünglichen Text von den Kindern Gottes, die an seinen Namen glauben, heißt: Welche nicht aus dem Geblüt noch dem Willen des Fleisches, noch dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind, machen westliche Lesarten aus dem Plural einen Singular und deuten damit die Stelle um auf die vaterlose Erzeugung Jesu. Auch daß Johannes Jesus mehrfach Josephs Sohn nennt, so 1,45; 6,42, könnte darauf hinweisen, daß er die Anschauung von der Jungfrauengeburt ignoriert oder abgelehnt hat. Auch bei den Stammbäumen des Matthäus- und des Lukasevangeliums (Mt 1,1-16 und Lk 3,23-38) hat man gefragt, ob sie nicht in Spannung zur Jungfrauengeburt stehen, denn sie lassen Jesus von Joseph herkommen. Man hat zwar darauf hingewiesen, daß nach jüdischer Anschauung das Kind der Mutter rechtlich in die Familie ihres Gatten gehört. Aber da die Geschlechtsregister möglicherweise unabhängig von den Berichten über die Jungfrauengeburt entstanden sind, kann man auch eine nachträgliche Kombination annehmen, die Lukas mit der Formel vollzieht, daß Jesus, wie man annahm, ein Sohn Josephs gewesen sei Lk 3,23 (vgl. auch Mt. 1,16 und die verschiedenen Lesarten).Ja selbst für die eigentliche Weihnachtsgeschichte Lk 2,1 ff ist es zweifelhaft, ob Maria ursprünglich als Jungfrau oder als Weib Josephs gedacht war. Die lectio difficilior, die freilich nur von wenigen Textzeugen vertreten ist, spricht vom Weibe, nicht von der Verlobten (Lk 2,5). Doch rangiert sonst in dieser Geschichte Maria vor Joseph (2,16.19 vgl. auch 48. U. 51.) Andererseits spricht Lukas auch wieder undifferenziert von den Eltern Jesu 2,27.33.41.43.48. – Wenn die Geschlechterregister im Judenchristentum ausgebildet wurden, die Anschauung von der Jungfrauengeburt im hellenistischen Judentum, dann wäre die Diskrepanz traditionsgeschichtlich bedingt; es würden dann aber nicht einmal die Vorgeschichten des Matthäus und Lukas einhellig die Jungfrauengeburt bezeugen. Sie wäre im NT nur ganz sporadisch vorhanden, da sie auch im apostolischen Kerygma weder bei Paulus noch bei Johannes noch sonstwo vorkommt. Im Hebr. 7,3 heißt es vom Priesterkönig Melchisedek, dem Typus Christi, er sei vaterlos, mutterlos, ohne Stammbaum gewesen, habe weder einen Anfang der Tage noch ein Ende seines Lebens gehabt. Man könnte in dieser Stelle eine Ablehnung der Geschlechtsregister wie der Herkunft Jesu von natürlichen Eltern finden. Letzteres wäre ein doketischer Zug, der mit der antidoketischen Tendenz des Hebräerbriefs (Hebr. 2,9-18 u. 4,15; 5,7-8) nicht recht zusammenpaßt. Aber die Jungfrauengeburt wäre dann auch abgelehnt. Im übrigen steht der Hebräerbrief ganz auf dem Boden einer Präexistenz-Christologie (1,2; 2,7.9.10) – Erst jenseits der Grenze der kanonischen Schriften des NT spielt die Jungfrauengeburt dann eine Rolle. Bei Ignatius Eph 18,2; 19,1; Smyrn 1,1 bilden die Jungfräulichkeit der Maria und ihre Niederkunft zusammen mit dem Tode des Herrn die drei großen Geheimnisse; daneben vertritt Ignatius aber durchaus die Präexistenzchristologie. Die spärliche Bezeugung der Jungfrauengeburt im NT braucht nicht ein Indiz dafür zu sein, dass sie erst spät in der Tradition aufgetreten ist. Sie kann auch relativ früh in bestimmten Kreisen als ein Lösungsversuch des Geheimnisses des Ursprungs Jesu ausgebildet worden sein, ohne sich stärker durchzusetzen.
Über die religionsgeschichtliche Herkunft der Vorstellung von der Jungfrauengeburt besteht noch keine völlige Einmütigkeit in der Forschung. Früher verwies man gern auf Jes. 7,14, wo zwar im Text von einer jungen Frau, in der Septuaginta dann aber von einer Jungfrau die Rede ist, die einen Sohn gebären werde, der Immanuel heißen soll. Dass auch im AT und Judentum die Vorstellung von der wunderbaren Geburt des Gottesmanns verbreitet ist, ist unbestreitbar. Isaaks und Josephs, Simsons und Samuel Geburt, ebenso auch die des Täufers Johannes sind Belege dafür. Beim Kindlein Mose finden wir das Motiv der wunderbaren Errettung, das sich in anderer Form im Matthäusevangelium mit der Flucht nach Ägypten wiederfindet. Das Werden des Gottesmannes ist eben von besonderen Geheimnissen, Gefahren und Errettungen umwittert. –Doch nimmt die Forschung heute an, dass die näheren religionsgeschichtlichen Parallelen nicht im AT, sondern in Vorstellungen vom Jungfrauensohn und Gotteskind liegen, die im ganzen Orient und auch in Griechenland verbreitet waren. Während Eduard Norden auf hellenistisch-ägyptische Parallelen hinwies, meint Dibelius, dass die Jungfrauengeburt nicht im hellenistischen Synkretismus, sondern im hellenistischen Judentum und somit im hellenistischen Judenchristentum zu Hause sei.
Aber wo auch immer die nächstliegenden religionsgeschichtlichen Parallelen und die Heimat der Anschauung zu finden seien, auf jeden Fall handelt es sich um ein Theologumenon oder Mythologumenon von begrenzter Bedeutung im NT, das erst durch das natus ex virgine der kirchlichen Bekenntnisse übergebührliches Gewicht bekommen hat. Man hat mit Recht darauf hingewiesen, dass bei Matthäus und Lukas nicht an eine .“Heilige Ehe“, an eine geschlechtliche Vereinigung der Gottheit mit dem menschlichen Weibe gedacht ist.. Lk 1,35 hat schwerlich einen sexuellen Sinn. Aber auch die religionsgeschichtlichen Parallelen sind nicht durchweg von grob sinnlichen Anschauungen beherrscht. Auch hier findet sich die Vorstellung, dass Gott durch Lichtglanz, durch seine göttliche Kraft oder seine göttlichen Geist, nicht aber in der Weise menschlicher Zeugung wirksam wird und es zu einer Geburt kommen läßt.

Theologisch ist gegen die Jungfrauengeburt folgendes einzuwenden. Sie steht offenkundig in Spannung mit der Präexistenz- und Menschwerdungschristologie, der wir bei Paulus und Johannes begegnen. Es handelt sich bei der Anschauung von der Jungfrauengeburt nicht um eine Näherbestimmung der Menschwerdung des präexistenten Gottessohns, sondern um eine eigene Theorie vom Ursprung Jesu. Man griff dabei zeitlich nicht über das Erdendasein Jesu hinaus, wie die Präexistenzanschauung, sondern beschränkte sich auf den gottgewirkten Anfang dieses Lebens. Man blieb damit in der Nähe des Adoptionismus, obgleich man ihn durch die Theorie über die wunderbare Geburt überschritt. Das könnte auf ein relatives Alter der Vorstellung von der Jungfrauengeburt hinweisen, doch ist auch die Präexistenzanschauung relativ alt. So muß man mit getrennter Entstehung und Entwicklung, wenn nicht gar mit Konkurrenz beider Anschauungen rechnen. Die Kirche hat den Ausgleich auf die Weise vollzogen, daß nur die menschliche Natur Christi, die der präexistente Sohn bei der Menschwerdung annahm, vom heiligen Geist in der Jungfrau gewirkt sei. Schon das Credo gliedert dem eingeborenen Sohn das empfangen vom Hl. Geist, geboren aus der Jungfrau Maria an. Aber in die ursprüngliche Anschauung von Jungfrauengeburt darf man die Zweinaturenlehre nicht hineinlesen.
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Will man der Jungfrauengeburt bei aller Kritik dennoch einen Sinn abgewinnen, so wird man sich auf die Aussage beschränken müssen, daß Gott vom Mutterleibe an Jesus zu seiner einzigartigen Aufgabe erwählt und bestimmt hat.
Will man der Jungfrauengeburt bei aller Kritik dennoch einen Sinn abgewinnen, so wird man sich auf die Aussage beschränken müssen, daß Gott vom Mutterleibe an Jesus zu seiner einzigartigen Aufgabe erwählt und bestimmt hat. Das Besondere der Erwählung und Berufung Jesu vom Mutterleibe an bestand nicht in einer besonderen Art der Zeugung oder Geburt, sondern in der Einzigartigkeit seines Auftrags, zu dem ihn Gott berufen hat. Jesus erwählte und berief Gott zu seinem Sohn, der der Herr und Heilbringer der Menschheit sein sollte.
Nun ist aber dieser schlichte Erwählungsglaube, auf den wir die Anschauung von der Jungfrauengeburt reduziert haben, noch einmal zu hinterfragen durch die Lehre von der Präexistenz und Menschwerdung Christi. Sie stellt die mit der Jungfrauengeburt konkurrierende Lösung des Ursprungsproblems im NT dar. In der kirchlichen Tradition hat sie vermocht, die Lehre von der Jungfrauengeburt sich zu integrieren. Für die kirchliche Theologie hat der präexistente Gottessohn und seine Menschwerdung zentrale Bedeutung gehabt. Auch wenn man vereinfachend sagen kann, dass die Theologie des morgenländischen Christentums in erster Linie Inkarnationstheologie gewesen ist, während die abendländische Theologie stärker Kreuzestheologie war, so ist das „der Logos wurde Fleisch“ doch allenthalben ein grundlegender christologischer Satz gewesen. Blickt man jedoch auf das neutestamentliche Zeugnis, so ist hier die Präexistenzanschauung nicht überall verbreitet. Natürlich kann sie in manchem der kleinen Briefe rein zufällig fehlen. Bemerkenswert ist dagegen, dass sie sich in den Synoptikern nicht finden, ebenso nicht in der Apostelgeschichte des Lukas. Letzteres ist insbesondere auffällig, als hier doch die Möglichkeit bestanden hätte, sie irgendwo, etwa in den Reden der Apostelgeschichte einzubringen, wenn bei den Evangelien vom Stoff her dazu Anlaß gewesen wäre. Aber sie fehlt, obgleich man mit Sicherheit sagen kann, dass die Präexistenzvorstellungen längst ausgebildet war, bevor Lukas und Matthäus und Markus ihre Schriften schrieben. Dass der Stoff der Evangelien sich nicht völlig gegen die Präexistenzvorstellungen sperrt, beweist das Johannesevangelium. Will man nicht annehmen, daß die synoptischen Evangelien dort entstanden sind, wo diese Vorstellung noch unbekannt war, will man andererseits nicht annehmen, daß das Übergehen Ablehnung bedeutet, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß es in der Urchristenheit offenbar noch Kreise oder Bereiche gegeben hat, für die die Präexistenz nicht zum unabdingbaren Glaubensgut gehört hat. Bemerkenswert ist, daß auch bei Paulus, bei dem uns die Präexistenzvorstellung begegnet, diese weder besonders betont, noch gar zentral ist. Zentral ist für Paulus Kreuz und Auferstehung Christi, sodann sein gegenwärtiges Herrsein. Auch die Erwartung des kommenden Herrn, so gewiß sie bei Paulus nicht mehr so im Mittelpunkt seiner Christologie steht wie in der Urgemeinde, bildet ein noch sehr wesentliches Element. Sie ist auf jeden Fall sehr viel stärker betont als der Gedanke an Christi Präexistenz. Man kann sogar fragen, ob es zufällig ist, wenn sich in dem ältesten Brief des Paulus, dem 1. Thessalonicherbrief noch keine Anspielung auf den präexistenten Gottessohn findet. Ausführlich ist in diesem Brief vom eschatologischen Kommen des Herrn die Rede, Kp 4,13?5,11; 5,23; 1,3.10; 2,19; 3,13; ebenso auch von seinem Sterben, seinem Auferstehen und seiner Gegenwart 2,15; 4,14; 1,10, 3,11; 4,14; 5,10; von seinem himmlischen Ursprung hören wir dagegen nichts. Ganz ähnlich steht es im 2. Thessalonicherbrief, von dem es allerdings zweifelhaft ist, ob er von Paulus stammt. Ein sicheres Zeugnis für den Präexistenzgedanken bei Paulus haben wir in 1. Kor 8,6, wo es heißt, dass ein Gott ist, der Vater, von welchem alle Dinge sind und wir zu ihm, und ein Herr Jesus Christus, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn. Hier ist Christus dann allerdings gleich als Schöpfungsmittler verstanden, während zwei andere Stellen Gal 4,4 und Röm 8,3, in denen davon die Rede ist, daß Gott seinen Sohn sandte, hier zurückhaltender sind. Im deuteropaulinischen Kolosserbrief dagegen 1,15?18 wird Christus geradezu pleophorisch als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, als der Erstgeborene der ganzen Schöpfung bezeichnet, denn in ihm ist alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, erschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Hoheiten oder Gewalten oder Mächte. Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen, und er ist vor allem und alles hat in ihm seinen Bestand. Wahrscheinlich enthalten diese Sätze einen älteren Hymnus, der möglicherweise ursprünglich oder in seinem Grundbestand nicht-christlich war. Darauf könnte auch 2,15 hinweisen wo die Gewalten und Mächte nicht als in ihm erschaffen, sondern als durch ihn entmächtigt bezeichnet werden (vgl. auch Eph 1,21 f). - Das gewichtigste Zeugnis bei Paulus für die Präexistenz ist der bekannte Christushymnus Phil 2,6 ff, den Paulus bereits vorgefunden und mit kleinen Abänderungen übernommen hat. - Neben bzw. nach Paulus ist der Hebräerbrief zu nennen, der ebenfalls den Sohn als den bezeichnet, durch welchen Gott die Äonen gemacht hat Hebr 1,2, ja der Worte des 45. und des 102. Psalms, die von Gottes Ewigkeit und Gottes Schöpfungswalten sprechen, auf den Sohn überträgt (1,10.8.12 b). Ebenso wird in der Apokalypse 3,14 Christus als der „Anfang der Gottesschöpfung“ bezeichnet. Der eigentliche Präexistenztheologe des NTs ist jedoch Johannes mit seinem Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott zwar das' Wort 1,1. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht was ist. V. 3, vgl. V. 10.
Ebenso heißt es im 1. Johannesbrief 1,1 f vom Wort des Lebens, das von Anfang an war, welches beim Vater war und uns erschienen ist. Vgl. auch 2,13 f. Das Johannesevangelium trägt die präexistente Sohnschaft dann auch in das Selbstzeugnis Jesu ein, läßt ihn zu den Juden sprechen: »Ehe dann Abraham ward, bin ich« Joh 8,58. In seinem hohenpriesterlichen Gebet bittet Jesus, daß der Vater ihn verherrliche mit der Herrlichkeit, die er hatte, als er vor der Welt bei ihm war, Joh 17,5. Erst bei Johannes ist die ewige Gottessohnschaft Jesu zu einem Hauptthema der Verkündigung geworden. An seine Anschauung vom präexistenten Logos hat dann auch die Kirchenlehre in erster Linie angeknüpft.
Dabei ist es fraglich, ob die Präexistenzvorstellungen an den genannten Stellen einheitlich sind. Bultmann spricht in seiner Theologie des Neuen Testaments von einem soteriologischen und einem kosmologischen Typus. Der erste sagt etwas aus über Herkunft und Ursprung des Offenbarers und Erretters, Phil 2,6 ff, der zweite über sein Weltschöpfertum 1. Kor 8,6; Kol 1,15 ff; Hebr 1,2 f; Joh 1,3. Bultmann vermutet, daß der zweite Typus der primäre sei. In dieselbe Richtung weist Käsemanns Meinung, daß die Allversöhnung ursprünglicher sei als ihre anthropologische Variante. Jedenfalls wird im Christushymnus Phil 2 das Sein Christi in der Gestalt Gottes gleichsam nur als Vorspiel der Selbstentäußerung und des Eingangs in die Knechtsgestalt angesehen, aus der er dann von Gott erhöht wird. Vom Sein Christi bei Gott wird nicht mehr gesagt, als daß Christus dieses Sein nicht wie einen Raub festhielt. Ober die ursprüngliche himmlische Stellung und über die Funktionen des Präexistenten wird nicht weiter spekuliert, alles zielt sofort auf die Entäußerung und Erniedrigung, auf den Gehorsam bis zum Tode, und auf die Erhöhung. In dieser liegt die eigentliche soteriologische Funktion, indem Christus hier zum Herrn über die Mächte in allen drei Bereichen proklamiert wird (Phil 2,9 f), während von der soteriologischen Funktion des Leidens und Sterbens keine Rede ist dagegen wird die kosmische Rolle des Präexistenten breit ausgemalt, so daß man sich fragt, warum der, der bereits als Schöpfungsmittler vor und über allen .Mächten und Gewalten ist, es dann durch Kreuz und Erhöhung (2,15) noch werden mußte. Sehr viel zurückhaltender sprechen die anderen Stellen 1. Kor 8,6; Joh 1,3, Ja selbst Hebr 1,2 f von der Schöpfungsmittlerschaft des Präexistenten, so daß man sich fragt, ob in Kol 1,15 ff eine spätere spekulative Auswucherung vorliegt, oder ob kosmologische Spekulationen, die ursprünglich nicht einmal christlich waren, von anderer, christlicher Seite gebändigt worden sind. Auf jeden Fall läßt das Johannesevangelium auf die Aussagen über das Sein und die schöpfungsmittlerische Funktion des Logos bei Gott das „der Logos wurde Fleisch“; folgen 1,14, Ja schon V. 4 f und 9 ff zielen sofort auf das Kommen des Logos in die Welt. Im ersten Johannesbrief verschlingt sich mit der Aussage vom Sein des Worts beim Vater die andere, daß dieses Wort uns erschienen ist 1. Joh 1,1 f; Hebr 1,2 spricht erst davon, daß Gott zu uns geredet hat durch den Sohn und dann, daß durch ihn auch die Äonen gemacht seien. Ja selbst im Kolosserbrief ist erst die Rede davon Kol 1,13 ff, daß Gott uns errettet und in das Reiches seines Sohnes versetzt hat, daß wir die Erlösung und Vergebung haben, und dann erst ist vom Schöpfungsmittler die Rede, so als solle damit eine Sorge über die Macht des Erretters zerstreut werden. Ebenso muß man wohl die Formel im 1. Kor 8,6 „durch ihn ist alles geworden und wir durch ihn“ verstehen , dass mit dem „wir durch ihn“ nicht unsere Erschaffung, sondern unsere Errettung durch Christus ausgesagt wird. So ordnet das NT selbst die kosmologischen und spekulativen Aussagen über Christus, den Schöpfungsmittler, den soteriologischen ein und unter, ja man hat den Eindruck, daß kosmologische Präexistenzspekulationen ihre Lebenskraft ziehen aus der Kosmokratie des erhöhten
Postexistenten, welche Kosmokratie als Befreiung von den Mächten ebenfalls soterlologischen Charakter tragt. Es fehlen in den Präexistenzvorstellungen des NTs noch Spekulationen über die ewige Zeugung des Sohnes aus dem Vater, man versucht auch noch nicht, die Beziehungen des Präexistenten zum Vater näher auszumalen. Die Begriffe „Bild – Ebenbild“ Kol 1,15 (ob 2. Kor 4,4 auf den Präexistenten bezogen werden darf, ist fraglich) und „Logos“ Joh 1,1 ff ermöglichen zwar je nach den religionsgeschichtlichen Zusammenhängen, in denen man sie sieht, eine gewisse Explikation. Aber die hier zu erhebenden Vorstellungen gehen auch nicht einfach konform mit den späteren trinitarischen Vorstellungen der Kirche. Selbst das „Gott gleich“ von Phil 2,6 kann man nicht mit dem „wesensgleich“ des Nizänums gleichsetzen, zumal auch die Herrschaft des Erhöhten von der „Glanz“ dessen überstrahlt wird, der ihn erhöht hat (2,9 u. 11).
Was die religionsgeschichtlichen Hintergründe der Präexistenzvorstellung und ihre traditionsgeschichtliche Einordnung anbetrifft, so ist hier vieles umstritten, es ist auch fraglich, ob alle Texte hier in gleicher Weise zugeordnet und eingeordnet werden können. Bultmann und seine Schüler, Käsemann u.a., haben auf den gnostischen Mythos vom Abstieg und Aufstieg des Erlösers hingewiesen, ohne andere Elemente der hellenistischen Religionsgeschichte auszuschließen. Für die Kolosserstelle ist der Einfluß eines gnostischen Mythos sehr wahrscheinlich. Allerdings ist von Carsten Colpe in seinem Buch über „Die religlonsgeschichtliche Schulen“ (1961) in Frage gestellt worden, ob es einen solchen klar ausgebildeten Mythos in urchristlicher Zeit bereits gegeben hat. Für Phil 2,6 ff ist in letzter Zeit der gnostische Hintergrund wieder bestritten worden. Unter Aufnahme von Anschauungen E. Schweizers Erniedrigung und Erhöhung, 1962, 93 ff will Dieter Georgi den Hymnus eher in der Vorstellungswelt des hellenistischen Judentums beheimatet wissen, als im religiösen Hellenismus im allgemeinen und in der außerchristlichen Gnosis. Er gehöre mit der Weisheitsliteratur des hellenistischen Judentums zusammen, speziell mit den Anschauung der Sapientia Salomonis von der Weisheit und dem Gerechten. Ob dieser Nachweis Georgis ganz überzeugend gelungen ist, sei dahingestellt, jedenfalls spielen auch bei anderen Forschern die vom (hellenistischen) Judentum ausgebildeten Hypostasenvorstellungen als religionsgeschichtlicher Hintergrund der Präexistenz eine maßgebende Rolle.
Aber wo auch immer die Präexistenzvorstellung religionsgeschichtlich zu verankern ist, sie erweist sich durch diese Parallelen als etwas, was nicht spezifisch christlich ist, bzw. das sein christliches Gepräge erst durch die Verbindung mit der Person Jesu Christi erhält. Daß der Präexistente Mensch wurde, daß der Logos Fleisch wurde, darauf liegt das Schwergewicht, nicht darauf, daß Jesus Christus präexistierte. Sind die ursprünglichen Präexistenzvorstellungen der christlichen Gemeinden unter dem Einfluß des Judentums oder hellenistischen Judentums ausgebildet worden, dann wird man sich die ursprünglichen Hypostasierung auch nicht zu realistisch und massiv vorstellen dürfen.
Damit erhebt sich aber die Frage, ob es überhaupt der Präexistenzvorstellung in der Christologie bedarf. Wir haben gesehen, daß hinsichtlich der Auferweckung Jesu an dem Ja Gottes zu diesem hingerichteten Jesus von Nazareth festgehalten werden muß. So muß hinsichtlich der Präexistenz an der Erwählung und Sendung Jesu durch Gott festgehalten werden. Sein Ursprung war aus Gott, wie auch immer dieses „aus Gott“ näher zu denken ist.
Im Neuen Testament begegnet immer wieder die Formel von der Sendung Christi, teils in von ihm berichteten Selbstaussagen in der Form: Ich bin gesandt, teils in Aussagen über ihn: „Er ist gesandt“. Mehrfach ist in den Synoptikern das Wort überliefert: „Wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Mk 9,37; Mt 10,40; Lk 9,48; vgl. auch Lk 10,16).Lukas läßt Jesus seine Antrittspredigt in Nazareth mit den Worten aus dem Propheten Jesaja (61,1f) beginnen: „Der Geist des Herrn ist bei mir, darum daß er mich gesalbt hat, die Frohbotschaft den Armen zu verkündigen. Er hat mich gesandt, den Gefangenen zu verkündigen, daß sie los sein sollen und den Blinden das Gericht, den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen und zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn“, (Lk 4,18 f). In der Matthäusfassung der Geschichte vom kanaäischen Weib sagt Jesus: ich bin gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. (Mt 15,24) - Paulus spricht Gal 4,4 davon, daß Gott seinen Sohn sandte, da die Zeit erfüllt war, und Röm 8,3 daß er ihn gesandt habe in die Gestalt des sündigen Fleisches. Vor allem aber kehrt bei Johannes die Formel von dem Vater, der mich gesandt hat, in den verschiedensten Variationen immer wieder.
Joh 4,34; 5,24.30.36-38; 6,29.38 f. 44.57; 7,16.18.28.29.33; 8,16.18.26.29.42; 9,4; 10,36; 11,42; 12,44.45.49; 13,20; 14,24; 15,21; 16,5; 17,3.8.18.21.23.25; 20,21; vgl. 3,17. Beinahe in jedem Kapitel finden sich solche Sendformeln. Es kommt jetzt nicht darauf an, in welchem Sinn jeweils an den einzelnen Stellen von dem Gesandtsein Jesu die Rede ist. Bei den Synoptikern liegt keine Präexistenzvorstellung zugrunde, während das bei Paulus und vollends bei Johannes der Fall ist. Gemeinsam ist diesen Stellen die Sendung Jesu durch Gott, und das ist letzen Endes der Sinn der Präexistenzvorstellung. Gott hat ihn sich erwählt und ihn zum Vollbringer seines Heilsratsschlusses gemacht. Seine besondere Aufgabe als Heilsbringer, seine besondere Funktion, nicht seine Herkunft vom Himmel oder seine Wunderbare Geburt, unterscheidet seine Sendung von der Sendung der Propheten und anderer Gottesmänner. Im Gleichnis von den bösen Weingärtnern Mk. 12,1-9 Parr. wird zuletzt der Sohn gesandt. Eindeutig ist damit Jesus gemeint, aber in allen drei Synoptikern deutet nichts darauf hin, daß dabei an die Präexistenz gedacht sei. Vom Gesandtsein eines Propheten unterscheidet sich Jesu Gesandtsein, daß es eine definitive, bleibende und universale Bedeutung hat. Die Erwählung und Sendung eines Propheten ist eine zeitlich und auftragsgemäß begrenzte Sendung. Keinen von ihnen hat Gott erwählt und gesandt, daß er der Heilbringer der Menschen sei. Von keinem Propheten gilt, daß Gott sich in seinem Tode so zu ihm bekannte, daß er ihn zum lebendigen Herrn und zum Haupt der Gemeinde einsetzte. Die Sendung eines Propheten ist überbietbar. Hat er seinen Sendungsauftrag für seine Zeit und seine Situation erfüllt, dann tritt er ab und macht einem anderen Propheten Platz. Jesu Sendung ist unüberbietbar. Er ist das endgültige Wort Gottes an uns. Man bringt diese Unüberbietbarkeit und Endgültigkeit der Sendung Jesu heute zuweilen, dadurch zum Ausdruck, daß man sagt, er sei der eschatologische Gesandte Gottes. Ich möchte diesen Begriff deshalb nicht übernehmen, weil er vieldeutig ist und erforderlich machen würde, zunächst den Begriff „eschatologisch“ zu klären und festzulegen. Dagegen scheint mir zur Verdeutlichung des Gemeinten in der Frage der Präexistenz nicht ganz ungeeignet zu sein, was man im Neuprotestantismus ideale Präexistenz genannt hat. Mit dieser ist nicht gemeint eine geschichtliche Präexistenz im Sinne heilsgeschichtlicher Vorbereitung des Kommens Jesu durch prophetische und andere Erscheinungen. Denn solche geschichtlichen Vorbereitungen sind noch keine Präexistenz. Zwar hat das Christentum schon früh Christus in den Zusammenhang des Redens Gottes zu den alttestamentlichen Vätern gestellt Hebr. 1,1 f und das Alte Testament entsprechend gedeutet; aber die Annahme, daß Christus bereits in der alttestamentlichen Heilsgeschichte präexistierte, setzt seine ewige Präexistenz voraus. Jene Vorstellung ist nicht weniger spekulativ als diese. - Ideale Präexistenz meint auch nicht die Umsetzung eines zeitlichen Prä in ein wesenhaftes Prä. So daß damit der Vorzug ausgedrückt würde, den Jesus vor allen anderen Menschen hat, etwa in der Weise, daß er in besonderer Weise im Gottesgeist beheimatet gewesen sei oder im Ewigen wurzelt. Gewiß enthält diese Deutung ein Wahrheitsmoment, aber diese braucht nicht mit dem Präexsitenzgedanken ausgedrückt zu werden. Ideale Präexistenz heißt vielmehr, daß Jesus Christus als Erlöser von Ewigkeit her im Ratschluß und Willen Gottes präexistierte. Von Ewigkeit her hat Gott diesen Jesus von Nazareth zum Offenbarer und Vollbringer seines Heilswillens bestimmt. Und als er die Zeit für gekommen hielt, hat er in ihm diesen Ratschluß ausgeführt.
Beschränkt man sich auf die ideale Präexistenz, dann ist der Gedanke einer realen Präexistenz des Sohnes beim Vater damit preisgegeben. Das hat erhebliche christologische Konsequenzen. Sehen wir von den Folgen für die Trinitätslehre ab, so läßt sich der Gedanke der Menschwerdung im traditionellen Sinn nicht aufrechterhalten. Das scheint besonders schwerwiegend zu sein, zumal sich mit dem „Gott ward Mensch“ besonderes tiefe religiöse und theologische Gedanken verbinden. Die Kondeszendenz, die Herablassung Gottes, die Gegenwart Gottes im Fleisch, mitten unter uns Menschen, das Leiden und Sterben Gottes am Kreuz, die Selbstentäußerung, die Selbsthingabe Gottes, diese Gedanken haben die Frömmigkeit, das meditative und das theologische Nachdenken aufs tiefste beeindruckt und zu binden vermocht. Doch dürfen die Grenzen dieser Gedanken nicht übersehen werden. Zunächst einmal vertritt das NT nicht durchweg den Gedanken der Menschwerdung, und vor allem es vertritt ihn nicht in der radikalen Form des „Gott ward Mensch“. Das Wort ward Fleisch, sagt Johannes, wobei er das Wort deutlich vom Vater unterscheidet; einer in göttlicher Gestalt entäußerte sich, sagt der Hymnus des Philipperbriefs 2,6, aber nicht Gott selbst, der den bis zum Tode Gehorsamen dann wieder erhöht; Gott sandte seinen Sohn, aber ward nicht selbst dem Gesetz unterworfen Gal 4,4, nahm nicht selbst die Gestalt des Sündenfleisches an Röm 8,3. - An dieser Unterscheidung des Sohnes vom Vater, die auch für die Christusreden des Johannesevangeliums konstitutiv ist, hat die Alte Kirche festgehalten. Sie hat das vorbehaltlose „Gott ward Mensch“, „Gott starb am Kreuz“ als Modalismus und Patripassianismus verworfen, auch wenn sie mit Hilfe des Homoousios der vollausgebildeten Trinitätslehre sich der Menschwerdung der ganzen Gottheit zu versichern trachtete. Die von uns genannten Formeln von der Kondeszendenz Gottes, in denen sich tiefste Inkarnations- und Passionsfrömmigkeit ausdrückte, sind aber im Grunde modalistisch und patripassianisch. Sie können als Ausdruck der Frömmigkeit hingenommen werden, lassen sich aber theologisch nicht ohne weiteres verantworten. Man kann sich das am besten klar machen an modernen Konsequenzen aus diesem Modalismus. Der Gedanke, daß Gott sich ganz in die Knechtsgestalt entäußert habe, verbunden mit einem einseitig überspitzten „Gott nur in Christo“, hat dazu geführt, daß nur noch der Erniedrigte, der im Fleisch Existierende, der Mensch Christus übrig bleibt. Bei den radikalen Gott-ist-tot-Theologen (Altizer) ist Gott gestorben, er ist im Menschen Jesu aufgegangen, untergegangen, und darf aus diesem Grab nicht mehr auferstehen. Der himmlische Ursprung und der himmlische Ausgang, die Entäußerung und die Erhöhung (Phil. 2,7 u.9) sind verschwunden, das Menschsein ist allein übrig geblieben; es wird zwar oft noch mit paradoxen Formeln beschrieben, welche die Niedrigkeit, Verlassenheit und das Scheitern dieses Menschseins hervorkehren und den Glauben zum paradoxen „dennoch“ aufrufen; oder es wird die Hingabe an die Mitmenschlichkeit unterstrichen, die zur Solidarisierung und ethischen Praxis ermuntert. Aber Gott ist aus dieser Christologie verschwunden und die Christologie selbst ist im Schwinden, da sie weder auf dem bloßen Dennoch des Glaubens noch auf dem Paradigma der Mitmenschlichkeit auf die Dauer stehen kann. Demgegenüber muß Christologie daran festhalten, daß Gott in Christus oder mit Christo war, aber sie identifiziert nicht Gott mit Christus, um schließlich nur noch Christus und von diesem dann nur noch den Menschen Jesus übrigzubehalten, wie es ihr umgekehrt auch völlig unmöglich wäre, durch eine Identifikation Gottes mit Christus die Menschheit Christi doketisch zu verflüchtigen, eine Gefahr, die heute allerdings kaum noch besteht.
Wird Christus als der Gesandte Gottes verstanden unter Absehen von der realen Präexistenz, jedoch unter Festhalten daran, daß Gott ihm sein entscheidendes und endgültiges Wort, sein heilbringendes Wort gesprochen hat, dann können auch die Spekulationen über die Schöpfungsmittlerschaft Christi nicht mehr aufrechterhalten werden. Diese erfreuen sich in der heutigen Christologie einer gewissen Beliebtheit, zwar nicht aus Interesse am Präexistenzgedanken, sondern als Ausdruck der Kosmokratie Christi. Man hebt mit Betonung hervor, daß Christus durch seine Erhöhung nicht nur zum Haupt der Gemeinde, sondern zum Kosmokrator, zum Herrn der Welt erhoben und proklamiert worden sei (Phil 2,9-11), und gewinnt von da aus auch den Übergang zu einer präexistenten Kosmokratie, wie sie Kol 1,15 f vertreten wird. So gewiß eine exegetische Basis für die Anschauung von der Schöpfungsmittlerschaft vorhanden ist, so ist doch zu prüfen, ob sie theologisch bzw. christologisch genutzt und ausgebaut werden soll. Das theologische Interesse speist sich offenkundig nicht in erster Linie aus einer exegetischen Grundlage, sondern aus dem Willen zu einem Verständnis der Herrschaft Christi, die alle weltlichen Lebensbereiche umschließt. Es sind die christokratischen Gedanken Barths die hier in besonderer Weise zum Tragen kommen, Gedanken, die u.a. in Barths Schrift: Christengemeinde und Bürgergemeinde in ihren weitreichenden Konsequenzen sichtbar werden. Die Auseinandersetzung mit dieser christokratischen Konzeption kann erst bei der Erörterung des Herrseins Christi aufgenommen werden. Hier im Zusammenhang mit dem Präexistenzproblem sei jedenfalls angemerkt, daß eine reale Schöpfungsmittlerschaft und präexistente Kosmokratie Christi nicht festgehalten werden kann. Das Theologumenon von Kol 1,15 f, das bei Paulus in 1. Kor 8,6 nur anklingt (ebenso Apk. 3,14), das in Joh 1,3 und Hebr 1,2 f etwas deutlicher konkretisiert ist, ist zwar theologisch ein Ausdruck dafür, daß Gott der Schöpfer, der der Herr der Schöpfung ist, im Lichte seiner Offenbarung in Jesus Christus gesehen werden muß. Eine Schöpfungsmittlerschaft Christi kann aber nicht vertreten werden. Sie bietet abgesehen von ihrem spekulativ-mythologischen Charakter auch zusätzliche theologische Schwierigkeiten durch die offenkundige Subordination, in der im NT der Präexistente gesehen wird.

Wir können das Ergebnis unserer Überlegungen über den Ursprung Jesu dahingehend zusammenfassen, daß weder die Anschauung von der Jungfrauengeburt noch die Präexistenzanschauung festgehalten und für dogmatisch verbindlich erklärt werden kann. Festzuhalten ist dagegen die Erwählung und Sendung Jesu von Nazareth durch Gott, welcher in ihm sein entscheidendes und endgültiges, heilbringendes Wort gesprochen hat. Diese Erwählung und Sendung kann als der Ausfluß eines ewigen, unser Heil meinenden Liebesratschlusses Gottes verstanden werden. In diesem Sinn präexistiert Jesus im Willen Gottes. Die Durchführung dieses Liebesratschlusses, als die Zeit gekommen zwar, ist konkrete Zuwendung Gottes zu uns in der Person, der Wirksamkeit und dem Geschick Jesu; sie kann als Kondeszendenz, als Herablassung Gottes, wenn auch nicht mehr als Inkarnation, als Menschwerdung Gottes, verstanden werden. In dieser Verankerung im ewigen Willen und im geschichtlichen Handeln Gottes liegt das Ursprungsproblem.
Nun müssen wir dieses Ergebnis noch einmal überprüfen, und zwar durch eine nähere Bestimmung des Herrseins und der Herrenstellung Christi. Wir hatten ja die Bezeichnung Sohn und Herr als christologische Bezeichnung akzeptiert und durch die Erörterung des Ursprungsproblems die Sohnesbezeichnung näherbestimmt, die uns möglicherweise den Vorwurf des Adoptianismus eintragen wird. Nun muß erörtert werden, in welchem Sinn Christus Herr genannt werden kann und worin sein Herrsein besteht. Da in der kirchlichen Lehrtradition das Herrsein in der Gottheit Christi liegt, soll dieses Problem zunächst behandelt werden, woran sich dann eine Näherbestimmung seines Herrseins anschließen läßt. (Weiter Seite 130)