Homepage Roland Sinsel

Das im Glauben begründete neue Weltverhältnis



Das im Glauben begründete neue Weltverhältnis

Christliche Glaubenslehre II (Ab Seite 64)

Glaube ist nicht nur rechtfertigender Glaube, auch wenn der Rechtfertigungsglaube ein Kernstück oder das Kernstück des Glaubens ist. Man würde kaum dem Neuen Testament, nicht einmal Paulus gerecht werden, wenn man den Glauben nur als rechtfertigenden Glauben verstehen wollte. Und rechtfertigender Glaube ist nicht nur Sündenvergebung. Wenn in der Rechtfertigung die Versöhnung mit Gott geschieht, dann besagt das nicht nur, daß Gott uns die Sünde, dir zwischen ihm und uns steht, aus Gnaden erläßt und vergibt, sondern dann heißt das auch, daß wir in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen, in sie hineingenommen werden und in ihr mannigfache Gaben und Aufgaben empfangen. Christologisch könnte dasselbe auch so gesagt werden: Die Rechtfertigung darf zwar nicht vom Christusgeschehen abgelöst werden, sie ist in ihm begründet; man kann die Mitte' des Christusgeschehens zwar als das Evangelium ansehen. Aber das Christusgeschehen beschränkt sich in seiner Auswirkung nicht auf die Rechtfertigung, und das Evangelium ist nicht nur Zusage der Vergebung der Sünde. Theozentrisch ausgedrückt: Gott liebt nicht nur den Sünder, sondern auch den Menschen; anthropozentrisch ausgedrückt: der Mensch versteht sich nicht nur als Sünder, nicht allein die Sünde ist das ihn bedrängende Problem, sondern ihn bedrängen auch andere Probleme. Sie bedrängen ihn heutzutage oft mehr als die Sünde. Wir haben im 19. Abschn. dargelegt, daß es vor allem das eigene und fremde Schicksal und die Übel in dieser Welt sind, welche den Menschen bedrücken, und daß für ihn deshalb Gott weithin ein verborgener, dunkler, rätselhafter, furchtbarer Gott ist, von dem er sich geschieden weiß. Es gilt jetzt zu bedenken, was die Überwindung dieser Schranke bedeutet.
Diese Überwindung geschieht, wenn Gott uns in seine Gemeinschaft aufnimmt. Das kann, wie gesagt, durch die Rechtfertigung in Christus geschehen, das geschieht aber nicht nur in ihr, ja es kann geschehen, auch ohne daß der Rechtfertigungsglaube uns bestimmt. Die christliche Gemeinde im weitesten Sinn des Wortes ist der Raum, in dem wir Gott kennenlernen, und in diesem Raum ist es nicht nur das Wort, sondern auch die Tat, das Leben der Gemeinde, durch die wir Gott kennenlernen. In der Gemeinde wird Gott bejaht, weil sie sich von ihm bejaht weiß, wird er geliebt, weil sie sich von ihm geliebt weiß, in ihr hält man sich trotz allem zu ihm, weil man sich von ihm gehalten weiß, beugt man sich unter seine Hand, weil man um die Kleinheit des Menschen und um die Größe Gottes weiß. In der Gemeinde sind es aber besonders die Menschen, die lebendigen Glauben haben, die nicht nur mit Worten von Gott Zeugnis ablegen, sondern auch in ihrem Leben etwas widerspiegeln von der Liebe Gottes, der haltenden und tragenden Kraft Gottes, die auf Gott hören und zu ihm reden im Gebet, die in seinem Dienst stehen und in seinem Namen und im Aufblick zu ihm handeln. Die Gemeinschaft der Glaubenden erstreckt sich auch durch die Geschichte der Kirche. Wir haben nicht nur Brüder, sondern auch Väter im Glauben, Zeugen des Glaubens von den Urzeiten der Kirche - ja bereits im Alten Testament -bis in die Gegenwart. Solche Zeugen fehlen selbst in dunklen und dürftigen Zeiten der Christenheit nicht. Im Leben der Kirche und in diesen mannigfachen Zeugen spiegelt sich die Wirklichkeit Gottes, mit dem sich der Christ in Demut und Liebe verbunden weiß. Zutiefst aber hat sie sich offenbart in der Gestalt Jesu Christi. Sein Wirken und Geschick hat uns Gott eigentlich als den Gott bekannt gemacht, der uns Menschen sucht und liebt, uns trägt und erhält. Im Namen und Auftrag Gottes nahm Jesus sich der Mühseligen und Beladenen an, zog die Sünder zu sich, vergab den Feinden, gab sein Leben gehorsam hin und empfing das Ja Gottes zu dem, was er gesagt und getan, gelebt und gelitten hat. Er verweist nicht nur auf den Gott, der den verlorenen Sohn mit Freuden empfängt (Lk 15,20), der den Zöllner vor dem Gerechten annimmt (Lk 18,9-14), der für seine Geschöpfe sorgt (Mt 6,26 ff) und nicht will, daß einer der Kleinen verloren gehe (Mt 8,18), sondern Jesus repräsentiert auch in seinem Wort und seinem Verhalten diesen Gott, so daß die christliche Gemeinde sich von Anfang an zu Gott als dem allmächtigen Schöpfer und dem barmherzigen Vater bekannte, der als Vater Jesu Christi auch unser Vater ist.
Dieses Bild Gottes, das in Christus, seinem Leben und seinem Geschick seine größte Klarheit gewonnen hat, das aber abgeschattet und auf mancherlei Weise gebrochen sich auch in der Geschichte der Kirche, ihren Gebeten und Liedern, ihren Glaubenszeugnissen und in ihrer Theologie niedergeschlagen hat, hat den christlichen Glauben und das christliche Denken so geprägt, daß sie weder von einem unbekannten, noch von einem unmenschlichen Gott sprechen können. Dieses Bild ist auch heute in der christlichen Gemeinde nicht ausgelöscht, es ist vielmehr in ihr lebendig durch die Schriftauslegung und durch das Hören auf das Zeugnis der Väter, durch das eigene Glauben, Beten, Lobpreisen und Handeln in der Gemeinde und mit der Gemeinde. Dieses Bild läßt sich nicht systematisieren, in ein Netz von theologischen Definitionen einfangen, in einer Lehre von den Eigen-rauften Gottes beschreiben. Aber es tritt deutlich hervor aus dem biblischen Zeugnis und dem Zeugnis, das die christliche Gemeinde im Laufe der Jahrhunderte von ihm gibt, wie im Lebenszeugnis der Christen einst und jetzt. Es wird auch in Zukunft nicht verblassen oder verschwinden.
Dieses Bild Gottes tritt vor das dunkle Bild des verborgenen Gottes, es überstrahlt seine rätselhaften, erschreckenden Züge und läßt sie in den Hintergrund treten. Es zeigt einen Gott, dem man vertrauen, mit dem man es glaubend und hoffend wagen kann. Es zeigt einen Gott, der nicht stumm ist und schweigt, der nicht kalt ist wie das Schicksal und Verhängnis, sondern der ein Herz hat für seine Geschöpfe und sich ihrer erbarmt. Man muß sich allerdings mit diesem Gott einlassen, muß in die Gemeinschaft mit ihm treten, muß auf ihn blicken lernen und nicht auf das Dunkle starren. Aber wenn man das tut, wenn man an ihn glaubt, dann erfährt man auch die Macht seiner Liebe. Liebe ist nicht eine seiner Eigenschaften; sie ist auch nicht in dem Sinn sein Wesen, daß sie mit ihm austauschbar wäre. Das dunkle Geheimnis, das sein Walten umgibt, ist nicht völlig verschwunden. Aber sie ist sein eigentlicher, auf uns gerichteter Wille, ein einladender, ein zu sich ziehender Wille, dem wir dankbar folgen können. Wir dürfen auch hier bei Luther in die Schule gehen. Man kann bei ihm von einer doppelten Bewegung des Glaubens sprechen. In der einen wendet sich der Mensch von sich selbst weg hin zum barmherzigen Gott; in der anderen wendet er sich weg vom verborgenen Gott hin zum offenbaren Gott. Das Ziel dieser Wendung ist beidemal dasselbe, es ist der barmherzige, gnädige Gott. In gewisser Weise ist auch der Ausgangspunkt der Bewegung derselbe; es ist der Mensch. Jedoch das eine Mal ist es der Mensch, der unter der Macht der Sünde leidet und nach dem Freispruch verlangt. Das andere Mal ist es der Mensch, der sich von den dunklen Mächten des Lebens, von Unglück, Not und Tod, bedroht weiß und von ihnen befreit werden möchte. Die zweite Bedrohung wird heute weithin stärker empfunden als die erste. Aber in der Bewegung des Glaubens ist nicht der Ausgangspunkt entscheidend, sondern das Ziel, in dem der Glaube Zuversicht und Halt gewinnt.
Wie aber sieht das Leben aus, das an diesen Gott sich hält? Einmal, es stellt sich rin Bewußtsein des Angenommenseins, des Getragen- und Gehaltenseins, des Nicht-Verlassenseins ein, das es nun auch ermöglicht, bei schwerem Geschick nicht zu resignieren oder zu verzweifeln. Sorge und Lebensangst werden aufgefangen, indem man sich Gott anbefiehlt. Der Sinn des Lebens wird bejaht; auch wenn man ihn keineswegs immer durchschaut, ist er doch bei einer höheren Instanz aufgehoben, die jedoch nicht jeden Einblick in diesen Sinn verwehrt. Um dieser höheren Instanz willen, die nicht mehr unbekannt und verborgen ist, kann auch der Gang der Geschichte und der Welt nicht ganz sinnlos sein. Auch über ihnen waltet Gottes Vorsehung, ohne völlig einsehbar und durchschaubar zu sein. Es ist nicht so, daß die übel dieser Welt verschwinden, auch nicht in dem Sinn, daß der Christ geistig mit ihnen fertig wird, so daß sie ihn nicht mehr erschüttern. Der Glaubende ist kein Stoiker. Er sieht sie, er leidet unter ihnen, er klagt über sie bis hin zur Anklage. Aber er bekennt dann doch: »Dennoch bleibe ich stets an Dir.« Und wenn nicht »stets«, dann gibt es doch ein immer wieder sich Zurückfinden zu dem Gott, dessen harte Hand heilende Hand ist. Wer an Gott glaubt, für den haben das Leben und die Welt ein anderes Gesicht bekommen. Die Dunkelheiten sind nicht verschwunden, das Leben ist nicht angenehmer, die Welt ist nicht freundlicher geworden, aber es liegt über dem Ganzen doch ein heller Schein, der Mut und Zuversicht zum Leben gibt, der Schweres tragen, Dunkles aushalten läßt. Wo andere resigniert »Schicksal« sagen, da sagt der Glaubende »Gott« und spricht von seinem Willen und seiner Fügung, auch wenn er sie nicht immer versteht. Die Warumfragen werden nicht aufgehoben, sie können sogar erst recht dringend und bedrängend werden; aber sie kommen dann doch zur Ruhe angesichts des Herrn, der allein Ziel und Ende weiß. Sie werden nicht oder nicht immer beantwortet und finden doch Antwort, indem wie sie ihm anvertrauen. Dabei lernt der Christ immer mehr, Gott zu vertrauen, je besser und tiefer er ihn kennenlernt. Darum muß er die Gemeinschaft mit ihm halten, mit ihm »pflegen«. Wer das nur sporadisch tut oder ihm den Rücken zukehrt, kann ihn nicht recht kennen und ihm vertrauen. Es ist hier ähnlich wie bei der Rechtfertigung, wo es gilt: Sünder im Blick auf sich selbst, gerecht im Blick auf Gott. Der Blick auf das Leben und die Welt kann das Zwielicht nicht zerstreuen, das über ihnen liegt, erst im Blick auf Gott wird es dennoch licht in unserem Leben. Paulus hat mit seinem: »Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein« (Röm 8,31) diesem Glauben einen überschwenglichen Ausdruck gegeben. Wenn er dabei ausruft: »Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?« (V 35), dann darf nicht übersehen werden, daß all diese Leiden um Christi willen erduldet werden, daß also das Dennoch dieses Glaubens noch eine Stufe höher liegt als das Dennoch angesichts der Übel, die sonst im Leben und in der Welt uns zustoßen können. Sind es doch gleichsam »selbstbereitete« Übel, denen man durch Verleugnung Christi entgehen könnte. Dennoch gilt: ich bin gewiß, daß nichts uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (vgl. V 38 f). Bei Paulus findet sich auch eine Art simul-Formel, in der unsere Schwachheit und die überragende Kraft Gottes in einem Atemzug genannt werden; dabei wird auch gesagt, was uns aus dieser Kraft zuteil wird, 2. Kor 4,7 ff: »In Allem bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet«, Sterben und Leben Jesu wird an unserem Leibe offenbar (vgl. auch 2. Kor 6,4-10; 1. Kor 4,9-13). Auch wenn wir uns zur Höhe dieses paulinischen Dennoch nicht erheben können, so muß es doch als ein Zeichen aufgerichtet bleiben für das, was dem Glauben in der Gemeinschaft mit Gott und Christus möglich ist. Auch Paul Gerhardts Lied: »Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich« wäre hier zu bedenken, einschließlich des Verses 11, der vom »Brennen, Hauen, Stechen« spricht und damit den dunklen Hintergrund der Zeit mit wenigen Strichen malt.

Stichen malt.
Nachdem wir bedacht haben, wie in der Gemeinschaft mit Gott, die im Glauben geschieht, Leben und Welt in einem anderen Licht sich zeigen, muß nun auch das zweite gesagt werden. Der Glaube drängt und ermächtigt zum Handeln in der Welt. Er ist nicht nur Empfangen, hinnehmen, Dulden, sondern führt zum Wirken. Das haben auch die Reformatoren, welche die guten Werke als Bedingung für die Rechtfertigung verwarfen, immer wieder zum Ausdruck gebracht. Sie nannten einen Glauben ohne Werke einen falschen oder toten Glauben (WA 39 I 46,18 These 29 u. 30; 39 I 106,23 ff; Schmalk. Art. III 13, Bek.Schr. 461; weitere Stellen bei Althaus: Theol. Luthers, 214 Anm. 103, 105; CA VI; Apol. IV § 248.250.275 und öfter). Sie waren der Meinung, daß die guten Werke nicht nur dem Glauben folgen müssen, sondern aus innerem Antrieb folgen (sponte sequi) wie die Frucht aus dem Baum (WA 39 I 46 These 34). Ja sie konnten sogar die Werke als Zeichen werten, an denen der Glaube sich vergewissern kann, ob er recht sei. (Lutherstellen bei Althaus: Theol. Luthers, 215 Anm. 108.109; Apol. IV § 275 f; Conc. Formel SD XI 73; Calvin: Inst. III 14,18 f, eine Stelle, die noch nicht den Syllogismus practicus lehrt, weil nicht die Erwählungsgewißheit, sondern der Glaube durch Betrachtung der Werke gestärkt werden soll. Anders schon III 24,2.8, wo die interior vocatio oder illuminatio, der spiritus regenerationis, die fiducia cordis 24,7 zur Begründung der Erwählungsgewißheit mit herangezogen werden.)
Aber so großartig die Art ist, wie Luther aus dem Glauben die Werke erwachsen läßt, sponte, aus innerem Antrieb, wodurch seine ganze Ethik einen autonomen, freiheitlichen Charakter erhält im Unterschied zu einer gesetzlichen Ethik, die mit Forderungen und Vorschriften arbeitet, so gibt es in dieser Begründung des Tuns doch einen schwachen Punkt. Das Ethos ist vor allem orientiert an seiner Motivation, dagegen nicht so sehr an dem, was zu tun ist. Gewiß, der Glaube an die Liebe Gottes, der das Ethos motiviert, ist findig im Entdecken der Situation, in der er gefordert ist, Liebe zu üben. Aber diese Situation ist nicht nur meine Situation, sie gehört meist auch in größere Zusammenhänge hinein; und es geht dabei nicht nur darum, daß der Glaube sich durch Tun als rechter Glaube bewährt, sondern auch darum, daß durch das Tun in den Verhältnissen dieser Welt etwas bewirkt wird. Hier sind nun eben die übel dieser Welt zu bedenken, und es ist zu fragen, was wir hier, Christen und Nichtchristen, angesichts dieser übel tun können. Die Antwort kann zunächst nur lauten, daß wir mit allen Kräften versuchen müssen, diese übel zu verringern. Wir dürfen dem Vorwurf keine Nahrung geben, der Glaube sei an dem Fortbestand der übel interessiert, denn nur so bestehe Bedarf für den in Not und Elend tröstenden Gott. Dabei richtet sich die Aufgabe in erster Linie auf das, was wir verbessern können, auf Verhältnisse, für die wir verantwortlich sind und an denen wir vielfach auch schuld sind. Hier hat der einzelne, je nach seiner Stellung im öffentlichen Leben, größere oder geringere Verantwortung. Je größer und mächtiger eine Gruppe, eine Partei, ein Volk ist, um so mehr Verantwortung haben sie auch für das größere, allgemeinere Wohl. Sie dürfen nicht nur ihre Interessen verfolgen und ihren Sieg wollen. Welche Verhältnisse es sind, in welcher Weise sie verbessert werden können und sollen, das ist ein weites Feld, das hier in der Dogmatik nicht behandelt werden kann. Die konkreten Vorstellungen und Vorschläge der Ethik, der Sozialethik, der Politik und Gesellschaftswissenschaften sind vielfach heute heftig umstritten, sowohl was die Zielsetzungen wie was die Mittel und Wege anbetrifft. Eins jedenfalls ist gewiß: der Glaube ist nicht dazu ermächtigt, die übel dieser Welt einfach hinzunehmen, sondern er ist aufgerufen, sie zu bekämpfen, nicht nur die sogenannten geselligen übel, die aus gesellschaftlichen Fehlentwicklungen oder unglücklichen geschichtlichen Verkettungen entstanden sind, sondern auch die sogenannten natürlichen übel; auch die Bekämpfung der Krankheiten, das Hinauszögern des Alterns, die Erleichterung des Sterbens gehören hierher. Das sorgende Planen und Handeln erstreckt sich dabei sowohl auf den eigenen Lebensbereich, wie auf die Gesellschaft und das Volk, in die dieser Lebensbereich eingebettet ist, wie schließlich auch auf das Zusammenleben der Völker und der Menschheit mit ihren oft widerstreitenden Interessen. Natürlich kann der einzelne Christ in größeren Zusammenhängen wenig ausrichten, auch der Einfluß der Glaubensgemeinschaften, der Kirchen, ist begrenzt. Aber beide können doch das Ja zum umfassenden Kampf gegen die Übel sprechen, können übel, die vordringlich und erfolgversprechend zu bekämpfen sind, benennen und oft auch einen aktiven Beitrag zu ihrer Bekämpfung leisten. Sie brauchen sich dabei auch nicht allein auf sich selbst zu verlassen, so gewiß das viele Weltverbesserer heutzutage tun. Sie dürfen vielmehr gewiß sein, daß Gott selbst weiter an seiner Schöpfung arbeitet, daß auch er die Welt verbessern will; sie dürfen sich hier als Mitarbeiter Gottes verstehen, ohne zu vergessen, wie gefährlich auch die Parole: »Gott mit uns« werden kann, besonders dann, wenn sie zur Bestätigung der eigenen Meinung und des eigenen Vorhabens und Unternehmens dient.
Man wird von der Aktivität, die hier gegenüber der Welt und ihren Verhältnissen gefordert wird, allerdings sagen müssen, daß sie nüchterne Aktivität sein muß. Es gibt schwärmerische, utopische Weltverbesserungsprogamme, die, wollte man sie durchsetzen, mehr Unheil als Heil anrichten würden. Wahrscheinlich wird mit weitreichenden, umfassenden Programmen hier überhaupt nichts zu gewinnen sein. Aller Fortschritt hängt von dem ab, was die Wirklichkeit zuläßt. Es ist zudem nicht alles ein Fortschritt, was die Wirklichkeit zuläßt. Große Schritte vorwärts sind nicht auszuschließen, aber kleine Schritte nicht zu verachten, sofern sie nur zur Verbesserung des menschlichen Lebens und Zusammenlebens, zur Minderung von Not und Elend in der Welt beitragen.
Nachdem wir die Notwendigkeit des aktiven Kampfes gegen die übel in dieser Welt, der Arbeit an einer besseren Welt betont haben, muß freilich auch gesagt werden, daß es dem Menschen nicht gegeben ist, hier auf Erden ein Paradies oder das Reich Gottes zu schaffen. Es gibt bleibende übel, die durch menschliche Bemühungen nicht überwunden werden können. Wenn auch Alter und Tod noch weiter hinausgeschoben werden können, zuletzt bleiben sie uns doch nicht erspart; Krankheiten werden bekämpft und besiegt, manche, namentlich epidemische Krankheiten sind fast ausgerottet, aber daß es unserer ärztlichen Kunst einmal gelingen wird, alle Krankheiten zu besiegen, ist nicht anzunehmen. Neue Zivilisationsschäden tauchen auf, die Unfallziffern sind im Steigen. Leid wird den Menschen auch in Zukunft nicht erspart werden, und sie werden nicht aufhören, einander Leid zuzufügen, im persönlichen wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Gegensätze, die an der einen Stelle abgebaut werden, tauchen an anderen Stellen und in anderer Form wieder auf. Macht reizt immer wieder zum Mißbrauch. Gewaltige wissenschaftliche und technische Erfolge eröffnen auch furchtbare Möglichkeiten. Freiheit kann mißbraucht werden, Gleichheit auch zur Ungerechtigkeit führen, Brüderlichkeit als Gruppensolidarität aufgefaßt werden, aus der heraus andere Gruppen um so heftiger bekämpft werden. Schlagartige Veränderungen können das Übel vermehren, statt vermindern, weil die Verhältnisse nicht reif waren. Angeblich so vernünftige Konstruktionen können an der Geschichte vorbeigehen und das Leben ideologisch überfremden oder vergewaltigen; aber auch das Gewordene kann zur drückenden Last werden. Wir wissen noch nicht einmal mit Sicherheit, ob wir uns mit unserem Tun und Lassen allenthalben auf der Bahn des Fortschritts befinden, wir können ihn wohl an vielen Stellen erkennen und feiern mit Recht die Erfolge. Aber ob das Ganze fortschreitet in allgemeinen Fortschritt wirklich Gewinn hat, ist nicht zu entscheiden. Auch die Formel vom größtmöglichen Glück der größtmöglichen Menge übersieht leicht, daß die Bedürfnisse verschieden sind und daß dabei das Glück der Minderheiten auf dem Spiel stehen kann. Gewiß helfen Interessenausgleich und Kompromiß, Toleranz, Liberalität und Pluralität ein Stück weiter, aber auch sie führen nicht zum ewigen Frieden, zumal der Interessenausgleich immer neu errungen werden muß.
Nüchterne Betrachtung der Welt und des Menschen läßt einen hohen Fortschritts-Optimismus nicht zu. Der Glaube darf sich solcher nüchternen Betrachtung nicht entziehen. Er hat bei allem Ja zur Weltverbesserung die Verbesserungsmöglichkeiten fest im Auge zu behalten und zwar die der jeweiligen geschichtlichen Lage entsprechenden Möglichkeiten. Er muß den Menschen nehmen, wie er ist, der eben nicht nur Schmied seines Glücks, sondern auch seines Unglücks ist, der auch falsche Wege einschlägt, der sich selbst und seinen Erfolgen immer wieder im Wege steht, dem der andere immer wieder im Wege steht wie er dem anderen. Eine optimistische Anthropologie, die optimistischen Zukunftserwartungen meist zugrunde liegt, ist theologisch nicht vertretbar.
Andererseits darf der Glaube auch nicht den Pessimismus und die Resignation auf seine Fahne schreiben. Er weiß, daß die Zukunft offen ist, und glaubt, daß sie doch in Gottes Hand ist. Er sieht, was im eigenen Leben auf ihn zukommt, letztlich das Altern und der Tod, und glaubt, daß das doch nicht das Letzte ist. Er nimmt die Aufgabe ernst, an seinem Platz zur Verbesserung der Verhältnisse, zur Bildung eines besseren Menschen beizutragen; er weiß, daß Gott dieses Tun von ihm will; aber er weiß zugleich, daß Gott den Segen zum Gelingen geben muß. Er nimmt nicht nur die Bosheit des Menschen ernst, sondern auch seine Not und sein Elend, sein Verlangen nach einem besseren, erfüllteren Leben, und versucht zu helfen, wo er kann, so wie auch Gott seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 5, 45). So ist der Glaube entfernt von jenem stolzen Selbstbewußtsein, das da meint, wir Menschen könnten das Leben, die Geschichte, die Zukunft schon meistern, etwa gar in der Weise, daß wir nur das richtige Programm mit den richtigen Methoden durchführen müßten. Er ist aber auch entfernt von jener Sorge und Lebensangst, die überall Ohnmacht sieht, Unglück, Mißlingen, Triumph des Bösen, für die die Zukunft in den Abgrund führt, für die das Leben, die Geschichte, die Welt ein Meer von Sinnlosigkeit ist. Gott läßt nicht zu, daß alles sinnlos ist; er läßt seine Schöpfung nicht aus der Hand. Auch unser Tun hat Sinn, wenn wir das Rechte, das, was hilft und bessert, tun. Aber wir können im Glauben nun Gott auch etwas anbefehlen, brauchen nicht so zu tun, als hätten wir allein die Welt und ihre Zukunft zu verantworten. Das bedeutet eine große Entspannung gegenüber dem heute so verbreiteten Leistungsdenken. Gewiß, wir sollen etwas tun, etwas leisten, wir dürfen nicht müßig stehen, vor allem wenn es um die Verbesserung unserer Lebensbedingungen geht. Aber wir dürfen das Leben, die Zukunft, die Welt auch einer höheren Macht und ihrer Fürsorge anvertrauen, wir brauchen nicht ständig im Einsatz zu sein, brauchen vor allem nicht ständig so zu tun, als wären wir im Einsatz und als hinge alles von uns ab, was vielfach gar nicht der Fall ist. Wir können Verfehlungen, Versagen eingestehen und Vergebung in Anspruch nehmen, nicht nur dann, wenn besser machen nicht mehr hilft.
So ist das Weltverhältnis des Christen getragen von seinem Verhältnis zu Gott. Es gibt ihm Vertrauen und Trost auch
in schweren Zeiten, er ruft ihn zur Tat gerade auch gegen die Übel dieser Welt, er gibt ihm nüchternen Wirklichkeitssinn, der die Grenzen menschlicher Möglichkeiten erkannt, er nimmt von ihm die falsche Sicherheit
und die falsche Sorge, die beide das Leistungsdenken prägen.
Im Wissen darum, daß wir Menschen selbst das Paradies hier auf Erden nicht schaffen können, halten wir Ausschau nach etwas, was jenseits unserer Möglichkeiten liegt, nach einer gottgewirkten Vollendung. Wie dem peccator in re nicht nur das iustus ex imputatione Dei und das initium novae creaturae zugeordnet sind, sondern auch das iustus in spe, so ist das Weltverhältnis nicht nur vom Vertrauen zu Gott, nicht nur vom tätigen Gehorsam, sondern auch von der Hoffnung geprägt, daß Gott die bestehende Welt überwinden wird. Diese Fragen können jedoch erst in der Eschatologie behandelt werden.