Homepage Roland Sinsel

Das Christusverständnis im Wandel der Zeiten


Jesus Christus
Das Christusverständnis im Wandel der Zeiten

Von Hans Graß und Werner Georg Kümmel. (Seite 8,9,10)

V.
Was ist mit diesem Anspruch nun aber inhaltlich gemeint? Ganz gewiß ist dieser persönliche Anspruch Jesu nur der Rahmen, der seiner Predigt und seinem Wirken die unbedingte göttliche Bedeutung gibt, die sie beanspruchen können. Und wir müßten die gesamte Verkündigung Jesu, seine Verheißung der Gottesherrschaft, seinen Zuspruch der Vergebungsbereitschaft Gottes an die Verachteten, seine neue Erklärung und Radikalisierung der alttestamentlich-jüdischen Gesetzesforderung, seine Auseinandersetzung mit den jüdischen Richtungen seiner Zeit und seine Berufung von Jüngern aus allen Kreisen des Volkes - wir müßten all dies heranziehen, um den eigentlichen Sinn der Verkündigung Jesu und damit auch die volle Begründung für den von ihm erhobenen Anspruch zu begreifen. Aber eines läßt sich auch erkennen, ohne daß wir der ganzen Breite der Predigt Jesu nachgehen: hier begegnet uns ein Mensch, der streng in der Heilserwartung und dem Gottesglauben seines jüdischen Volkes wurzelt, der aber diese Erwartung und diesen Glauben in vielen Punkten durchbricht und auf diese Weise ein völlig neues, endgültiges Händeln Gottes für alle Menschen proklamiert und zur Wirklichkeit werden läßt. Und dieser Mensch begründet die Endgültigkeit und darum auch die drängende Aktualität dieses Handelns Gottes mit der einzigartigen und endgültigen Bedeutung seiner Person nach dem Heilsplan Gottes. Vor die Entscheidung, ob sie diesen Anspruch anerkennen und darum in seinem Handeln und Reden Gottes endgültiges Heilshandeln ergreifen wollten oder nicht, hat Jesus seine Hörer gestellt. Und obwohl Jesus offensichtlich viele Anhänger im Volke hatte, haben die Führer seines Volkes seinen Anspruch abgelehnt, Jesus als Gotteslästerer bezeichnet und als politischen Verbrecher den Landesfeinden zur Aburteilung übergeben. Wer hatte recht? Jesus oder die Führer seines Volkes?

VI.
Nach menschlichem Ermessen war die Rolle Jesu ausgespielt, als er den Verbrechertod am Kreuz gestorben war, selbst wenn seine Botschaft wie die anderer Menschen, die als Märtyrer für ihre Gesinnung starben, um der ihr innewohnenden Wahrheit willen später trotzdem zu neuer Bedeutung gekommen wäre. Aber so ist die Geschichte nicht verlaufen, und die Nachrichten des Neuen Testaments ergeben eindeutig, daß sich die zerstreuten und verzweifelten Jünger nach kurzer Zeit wieder gesammelt haben in der festen Überzeugung, daß ihr gekreuzigter Lehrer nicht im Tode geblieben, sondern von Gott aus dem Tode wieder auferweckt worden sei und nun bei Gott lebe. Und die Nachrichten ergeben ebenso deutlich, daß die sich in diesem Glauben zusammenschließenden Juden, ob sie zu den Jüngern des irdischen Jesus gehört hatten oder, wie Jesu Bruder Jakobus, erst nach seinem Tode zu den Jüngern Jesu gestoßen waren, die Erfahrung machten, daß dieser auferstandene Jesus ihr Leben von Gott her leite und auf ihre Gebete höre. Gott hatte wider alle Erwartung den Gekreuzigten nicht verworfen, sondern zu sich erhöht, und damit konnte nicht mehr bezweifelt werden, daß er der Messias, der Gesalbte Gottes, gewesen war, ja, daß er noch mehr sei als ein irdischer Herrscher, daß er der Sohn Gottes, der Herr sei. Es kann hier nicht, mehr davon geredet werden, wie es in der ältesten Gemeinde zu diesen neuen Würdenamen „Sohn Gottes" und „Herr" gekommen ist; auch davon kann nicht die Rede sein, wie sich der Glaube an den erhöhten und gegenwärtigen Herrn mit der Erwartung seiner herrlichen Erscheinung in der nahen Zukunft verband und welchen Sinn man dem Kreuzestod des Auferstandenen gab, so wichtig diese Gedanken der ersten Gemeinde auch für die Entwicklung der späteren urchristlichen Botschaft waren. Aber e i n Tatbestand und eine Frage müssen hier noch zur Sprache kommen.

a) Zunächst der Tatbestand: Die Christusbotschaft der Urgemeinde: „Das ganze Haus Israel soll sicher erkennen, daß diesen Jesus zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, den ihr gekreuzigt habt" (Apg. 2, 36) ist gewiß aus der Auferstehungserfahrung der ersten Christen erwachsen, die sie zu Glaubenden gemacht hatte und für sie weiterhin Grund ihres Zeugnisses war. Aber diese Christusbotschaft hatte doch auch, wie die Weitergabe und Umformung der synoptischen Tradition beweist, die Überzeugung zum Inhalt, daß der persönliche Anspruch des irdischen Jesus sich trotz des Kreuzestodes als richtig, als Gottes Willen entsprechend erwiesen hatte, weil dieser Anspruch durch die Auferweckung Jesu von Gott selbst bestätigt worden war (Apg. 10, 36-41). Die Erinnerung an Jesu Verkündigung, Jesu Handeln, Jesu persönlichen Anspruch bedeutete für die älteste Christenheit die Gewißheit, daß sie sich in ihrem Glauben nicht an eine bloße Einbildung, ein Hirngespinst hielten, sondern daß sie es wirklich mit dem Gesandten Gottes zu tun gehabt hatten und jetzt erst recht zu tun hatten. Die Erinnerung an Jesu persönlichen Anspruch und die Weitergabe der Worte des irdischen Jesus dienten darum ursprünglich nicht der Weckung und nicht der Sicherung, wohl aber der Bestätigung des Christusglaubens, und so hat das Wissen um den persönlichen Anspruch Jesu seine theologische Bedeutung für den Christen von Anfang an darin gehabt, daß es ihn zu einer Antwort auf die Frage zwang, ob dieser Jesus von Nazareth mit Recht oder Unrecht so übermäßig Hohes, so Einmaliges für sich in Anspruch nahm. Und so führt die Rückschau auf die uns erkennbare geschichtliche Wirklichkeit des Messiasanspruchs Jesu auch heute den Christen vor die Entscheidung, ob sein Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten mit Recht oder Unrecht davon überzeugt ist, in dem Auferstandenen dem von Gott gesandten Menschen Jesus zu begegnen.
b) Und dann die Frage: Haben sich die ersten Christen getäuscht, als sie die Erfahrung der Auferstehung Jesu dahin deuteten, daß Gott an dem gekreuzigten Jesus gehandelt habe, und als sie darin eine Bestätigung für den persönlichen Anspruch Jesu fanden? Darauf kann der Historiker, der in den bisherigen Ausführungen die Entstehung des Christusglaubens der Urgemeinde zu erkennen versuchte, keine Antwort mehr geben. Aber eines steht fest: Niemand wird der Einzigartigkeit der Predigt Jesu wirklich ansichtig werden können, ohne sich zugleich dem persönlichen Anspruch Jesu gegenübergestellt zu sehen; und niemand wird dieser persönlichen Forderung Jesu gegenüber eine Entscheidung fällen können, ohne sich zugleich vor die Botschaft der ersten Christen gestellt zu sehen: „Der Herr ist wirklich auferweckt und den Seinen erschienen" (Luk. 24, 34). Nur wenn Jesu Behauptung, der von Gott gesandte endzeitliche Heilsbringer zu sein, durch die Aufweckung von Gott bestätigt worden ist, begegnen wir ja darin nicht mehr frevlerischer Anmaßung, sondern göttlicher Wahrheit. Vor diese Entscheidung wird jeder gestellt, der der Botschaft von Jesus begegnet, und sie muß von jedem persönlich gefällt werden. Wer freilich als Glaubender den Anspruch Jesu als von Gott bestätigt erkannt und darum als für sich geltende Wahrheit bejaht hat, der wird mit den ersten Christen sagen: „Es ist in keinem ändern Rettung, es ist ja auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg. 4,12).