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Die Auferstehungsbotschaft des Neuen Testaments


Die Ostergeschichten Hans Graß

(Textauszüge ab Seite 113 bis 141)

a) Das formelhafte Zeugnis von Auferstehung und Erhöhung
Die Ostergeschichten, wie wir sie am Schluß der vier Evangelien und am Anfang der Apostelgeschichte lesen, stellen nicht die ganze Auferstehungsbotschaft des Neuen Testaments dar. Diese findet sich in anderer Form auch in den neutestamentlichen Briefen. Wir müssen uns zunächst einen Überblick über das ganze neutestamentliche Osterzeugnis verschaffen, weil erst dann die Ostergeschichten der Evangelien richtig gewürdigt werden können.
Während in den Evangelien das Osterzeugnis in der Form erzählender Berichte gegeben wird, wird in den Briefen die Auferstehung Christi in bestimmten Formeln bezeugt. Eine sehr alte, wahrscheinlich schon aus der ältesten Urgemeinde stammende Formel überliefert uns Paulus im 1. Korintherbrief (I5,3-5): »Denn ich habe euch in erster Linie überliefert, was ich auch empfangen habe, daß Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften und daß er begraben und daß er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften.« Dann folgt eine Aufzählung von Auferstehungszeugen mit Kephas-Petrus und den Zwölfen an der Spitze. In der Formel wird nur die Tatsache der Auferstehung bekundet, verbunden mit einer Zeitangabe. Über die Bedeutung der Auferweckung wird nichts gesagt, während der Tod als Tod für unsere Sünden verstanden ist. Mit dem Hinweis auf die Schriften ist bezeugt, daß der Tod wie die Auferweckung Christi dem im Alten Testament sich bekundenden Heilswillen Gottes entsprechen. Eine ähnliche deutungslose Bekundung der Auferstehung findet sich in den Formeln der sogenannten Leidensweissagungen im Markusevangelium. Ich zitiere nur die zweite Leidensweissagung, welche von den dreien die knappste Formulierung bietet: »Der Menschensohn wird in die Hände der Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten, und nachdem er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen (Mark. 9,3I vgl. 8,3I; IO,33.34). Hier wird auch der Tod nicht als Tod für die Sünden gedeutet.
Das österliche Geschehen wird mit dem Wort »auferstehen« bezeichnet, während die von Paulus überlieferte Formel von Auferweckt werden spricht. Mit dem Begriff Auferweckung, den das Neue Testament auch sonst bevorzugt, wird die Tat Gottes in diesem Geschehen besonders hervorgehoben. In der Apostelgeschichte begegnen wir Formeln, die nach dem Schema aufgebaut sind: Ihr habt ihn getötet, Gott hat ihn auferweckt (Apg. 3,I,; 4,IO; S'30; 2,23 f.). Auch hier sind Tod und Auferweckung mit keiner heilsmäßigen Deutung verbunden.
Neben deutungslosen Formeln stehen solche, in denen die Auferweckungsaussage mit einer heilsmäßigen Deutung verbunden ist. So heißt es Röm. 4,29: »Der dahingegeben wurde um unserer Übertretungen willen und auferweckt wurde um unserer Gerechtigkeit willen. In Röm. IO,9 wird die Errettung, das Heil, mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn und dem Glauben an seine Auferweckung von den Toten verbunden. Paulus ist es dann auch gewesen, der in Auseinandersetzung mit Leugnern der Auferstehung in der korinthischen Gemeinde erklären konnte: »Ist Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Predigt nichtig, nichtig auch euer Glaube«
(I. Kor. I5,14), so seid ihr noch in euren Sünden, auch eure Hoffnung ist vergeblich
(V. I7-I9). Den Zusammenhang der christlichen Hoffnung mit der Auferweckung Christi bringt Paulus in vielen Wendungen zum Ausdruck (Röm. 8,I I; I. Kor. 6,I4; 2. Kor. 4,I4; I. Thess. 4,I4; Phil. 3,IO f.). Vor allem sind die Ausführungen im Auferstehungskapitel des I. Korintherbriefs dem Aufweis dieses Zusammenhangs gewidmet: »Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als Erstling der Entschlafenen«
(I. Kor. I5,20). Auch die Taufe und das neue Leben hat Paulus in Röm. 6 mit Tod und Auferweckung Christi verbunden (Röm. 6,3 ff.). Schließlich ist für Paulus das Herrsein Christi in der Auferweckung, wenn auch nicht nur in der Auferweckung begründet. Im Eingang des Römerbriefs steht jene inhaltsreiche Formel von Gottes Sohn, der aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen ist nach dem Fleisch, der eingesetzt ist zum Sohn Gottes voll Macht nach dem Geiste der Heiligkeit kraft der Auferstehung von den Toten: Jesus Christus, unser Herr, durch den wir Gnade und Apostelamt empfangen haben, um für seinen Namen Gehorsam des Glaubens zu bewirken unter allen Heiden« (Röm. I,3-5). Paulus weiß sich durch den auferstandenen lebendigen Herrn zum Apostel berufen. Zu diesem Herrn bekennt sich auch die Gemeinde (Röm. I4,7-9; vgl. auch Röm. 4,24; 8,34; IO,9; 2. Kor. 4,I4).
Die erwähnten Formeln, die Paulus teils übernommen, teils weiter ausgebildet oder selbst geprägt hat, zeigen sein theologisches Interesse an der Auferweckung Christi. Es liegt ihm daran, ihre heilsmäßige Bedeutung für den christlichen Glauben und die christliche Hoffnung herauszustellen. Ausführlich wird die Auferweckung allerdings nur an einer Stelle zum Thema, in dem schon erwähnten Auferstehungskapitel des
I. Korintherbriefs (I. Kor. I5). Hier geht Paulus in dreifacher Hinsicht auf sie ein: er teilt einen Katalog von Auferstehungszeugen mit, in dem er sich selbst an letzter Stelle nennt. Er erörtert die Bedeutung der Auferstehung für Glauben und Hoffnung der Christen, und er erwägt auch, wie die Auferstehung näher zu denken sei. Offenbar hatten seine Gegner an der Leiblichkeit der Auferstehung Anstoß genommen. Seine Erwägungen laufen darauf hinaus, daß diese Auferstehungsleiblichkeit ganz anderer Art sei als die irdische vergängliche Leiblichkeit, ein geistiger Leib, kein natürlicher Leib, denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben (I Kor. I5,35 ff 44 50).
Nun begegnet uns aber in dem formelhaften Zeugnis des Neuen Testaments noch eine andere Auffassung des Ausgangs Jesu, in der nicht von der Auferstehung bzw. der Auferweckung die Rede ist, sondern von seiner Erhöhung. Sie findet sich im Christushymnus des Philipperbriefs (Phil. 2,5-II), den Paulus nicht selbst verfaßt, sondern übernommen und nur leicht überarbeitet hat. Dort heißt es von dem zur Knechtsgestalt Erniedrigten, der gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, daher hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen geschenkt, der über alle Namen ist, nämlich den Namen Kyrios, das heißt Herr, vor dem alle Knie sich beugen sollen. Der Hymnus leitet ohne Erwähnung der Auferweckung vom Tod gleich zur Erhöhung über. Paulus, für den sich die Erhöhung mit der Vorstellung der Auferweckung verbindet, hat diese doch nicht in den Hymnus eingefügt, während die Erwähnung des Kreuzes wahrscheinlich auf ihn zurückgeht. - Ebenso haben wir im Hebräerbrief, dem Schreiben eines unbekannten Autors aus der Zeit nach Paulus, nahezu ausschließlich den Gedanken der Erhöhung. Nur an einer Stelle wird beiläufig die Wiederbringung Jesu von den Toten erwähnt (Hehr. I3,20).Sonst ist die Vorstellung durchweg die, daß Christus, der vornehmlich als Sohn Gottes und Hoherpriester bezeichnet wird, nach Leiden und Sterben erhöht und in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, wo er
sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hat (Hehr.I,3; 2,9; 4,I4; 5,5—IO; 8,I; 9,24; IO,I2f.; I2,2). — Auch ein im I. Timotheus Brief zitierter frühchristlicher Hymnus erwähnt die Auferweckung nicht - übrigens auch nicht das Kreuz -, sondern begnügt sich mit der Aussage geoffenbart im Fleisch, hinaufgenommen in Herrlichkeit (I. Tim. 3,I6). - Eigenartig ist das Zeugnis der Apokalypse, der Offenbarung Johannes. Einerseits bezeichnet sie Jesus Christus als den Erstgeborenen aus den Toten (Offbg. I,5; vgl. auch I,I8; 2,8); ja sie kennt für die Endereignisse eine doppelte Auferstehung der Toten vor und nach einem tausendjährigen Zwischenreich (Offbg. 20,5 f. I2 ff.) Andererseits erwähnt sie in dem grundlegenden christologischen Kapitel 5 die Auferstehung Christi nicht, sondern beschreibt seine Erhöhung als Inthronisation des geschlachteten Lammes. Der Seher hört einen Chor von vielen Engeln, welche rufen: »Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Ruhm und Lob.« Schließlich muß in diesem Zusammenhang auch das Johannesevangelium, das von einem anderen Verfasser als die Offenbarung Johannes stammt, erwähnt werden. Das Johannesevangelium hat wie die anderen Evangelien am Schluß eine Reihe von Ostergeschichten. Aber in den Reden des Evangeliums, besonders in den sogenannten Abschiedsreden Jesu, ist der Hingang zum Vater der zentrale Begriff für den Ausgang Jesu. Nur eine Stelle sei hier für viele zitiert: »Da sprach Jesus: Noch eine kurze Zeit bin ich bei euch und gehe dann hin zu dem, der mich gesandt hat« (Joh. 7,33 - vgl. auch Joh.8,I4.2Iff.;I2,35; I3,3.33.36; l4,4.I2.28; I6,5.Io.I6—I9).
Außerdem spricht der johanneische Christus mehrfach in doppeldeutiger Weise von der Erhöhung des Menschensohnes, doppeldeutig, denn es ist damit die Erhöhung am Kreuz wie zur Herrlichkeit gemeint (Joh. 3,I3 f.; 8,28; I2,32-34). Von der Auferstehung sagt der johanneische Christus in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt« (Joh. II,25). Anstelle der Leidens-und Auferstehungsweissagungen der drei ersten Evangelien hat das Johannesevangelium nur jenes Rätselwort von dem Tempel, den Jesus drei Tage nach seiner Auflösung wieder aufrichten werde (Joh. 2,I9-22). Außerdem verheißt der zum Vater Hingehende, daß er wiederkommen und die Seinen nicht allein lassen werde (Joh. I4,3.I8.28; I6,I6-I9). Aber dabei ist weniger an eine Begegnung mit dem Auferstandenen als an den Beistand des Heiligen Geistes gedacht, den er ihnen senden wird (Joh. I4,I6.I8.23; I6,7.I3).
Fassen wir das was wir uns bisher über die Auferstehungsbotschaft des Neuen Testaments vergegenwärtigt haben, zusammen, so ergibt sich Folgendes. Wir haben neben den Ostergeschichten der Evangelien sehr unterschiedliche Aussagen, die nicht in der Form des erzählenden Berichtes niedergelegt sind. In knappen Formeln, die wenigstens zum Teil aus dem gottesdienstlichen, missionarischen oder unterrichtlichen Gebrauch der Urchristenheit stammen werden, zum Teil auch theologische Bildungen sind, wird meist in Zusammenhang mit dem Tod oder Kreuz Christi entweder seine Auferstehung oder Auferweckung einfach bezeugt oder dieses Zeugnis wird ausdrücklich mit einer Heilsbedeutung für die Gläubigen verbunden. Daneben gibt es auch Zeugnisse, die nicht den Begriff der Auferweckung, sondern den der Erhöhung bevorzugen. In ihm tritt der Gedanke der gegenwärtigen und zukünftigen Herrschaft Christi in den Vordergrund, so besonders im Christushymnus des Philipperbriefs, im Hebräerbrief und in der Inthronisationsvision der Offenbarung Johannes.

Blickt man von diesen Aussagen hinüber zu den Ostergeschichten der Evangelien, dann ist die andere Art des Zeugnisses offenkundig. Hier wird erzählt, was in den Tagen nach der Hinrichtung Jesu geschehen ist oder geschehen sein soll, was den Jüngern widerfuhr und was diese Widerfahrnisse bei ihnen bewirkten. Gewiß, auch im formelhaften apostolischen Zeugnis und in Verbindung mit ihm finden sich einige Anspielungen auf die Ereignisse nach Jesu Tod. Die von Paulus zitierte urchristliche Formel erwähnt den dritten Tag und wahrscheinlich auch schon einige Osterzeugen. Paulus hat die Reihe der Zeugen dann ergänzt. Die in Verbindung mit diesen Osterzeugen immer wieder gebrauchte Wendung er erschien läßt, so schwierig ihre Deutung ist, erkennen, daß Ostererscheinungen erlebt wurden. Es wird in späterem Zusammenhang noch zu zeigen sein, welche Bedeutung diese und einige andere Angaben des Paulus für die Erkenntnis des Ostergeschehens haben. Aber aufs Ganze gesehen sind die Angaben über das Geschehene im apostolischen Zeugnis spärlich. Nicht einmal darüber erfahren wir etwas, wo die Erscheinungen stattgefunden haben. Alles Interesse ist darauf gerichtet, was Jesu Auferweckung bzw. seine Erhöhung bedeutet. Natürlich sind auch die Ostergeschichten der Evangelien durchsetzt von Motiven, welche die Bedeutung des Ostergeschehens hervorheben. Sie sollen keineswegs nur für ein vergangenes wunderbares Geschehen interessieren. Vielmehr soll der Gemeinde mit diesen Berichten für ihren Glauben und ihr Leben etwas gesagt werden. Dennoch erzählen diese Berichte zunächst einmal eine wundersame Geschichte oder, genauer gesagt, wundersame Geschichten von dem, was sich nach der Hinrichtung Jesu abgespielt haben soll am Grabe Jesu, in und bei Jerusalem oder in Galiläa, auf einem Berge oder am See Genezareth, was Frauen und Jünger, darunter auch solche, deren Namen sonst in der Evangelienüberlieferung keine Rolle spielen, erlebt haben sollen. Es ist, als wenn noch einmal ein neues, ein letztes Kapitel des Lebens Jesu abliefe, das allerdings durch die wundersame Rolle, welche der Auferstandene in diesen Szenen spielt, seine besondere Note erhält. Er wandert, er redet, er hält das Mahl mit seinen Jüngern fast wie in den Tagen seines Erdenlebens, aber er kommt auch geheimnisvoll und entschwindet, bei größter Nähe bleibt er eigentümlich fremd und unverfügbar.
Bevor wir fragen, was von diesen wundersamen Geschichten zu halten ist, stellen wir eine vorläufige Überlegung an über die Frage, warum die Evangelien auf diese Weise schließen. Offenbar hängt das mit der Art ihrer Verkündigung zusammen. Die Evangelien erzählen aus Jesu Leben und Wirken. Sie überliefern Worte und Gleichnisse von ihm, in ihnen begegnen wir der Verkündigung Jesu. Bei Paulus hören wir kaum etwas von diesem Leben und Wirken. Sein Interesse am irdischen Jesus richtet sich nahezu ausschließlich auf das Kreuz Christi, das zusammen mit der Auferweckung das entscheidende Heilsgeschehen bildet. Nur ganz selten bezieht sich Paulus auf ein Wort des Herrn. Dabei ist nicht einmal sicher, ob er immer an ein Wort des irdischen Jesus denkt. Im übrigen ist für Paulus Christus der Gekreuzigte und zugleich der lebendige Herr, den die Gemeinde als gegenwärtigen und zukünftigen Herrn verehrt. - Ähnlich steht es mit den anderen apostolischen Briefen des Neuen Testaments.
Wir wollen hier auf die Frage, warum die Evangelien an Jesu Wirken und Wort so stark interessiert sind, während die apostolischen Briefe vor allem den erhöhten Christus im Blick haben, nicht näher eingehen. Sie wird gegenwärtig in der neutestamentlichen Wissenschaft lebhaft erörtert und ist noch nicht in jeder Hinsicht befriedigend gelöst. Im Blick auf den Schluß der Evangelien genügt es, folgendes zu bedenken. Es waren allgemein urchristliche Überzeugungen, daß Jesus nicht im Tode geblieben sei, sondern daß Gott ihn dem Tode entnommen und so die Schande des als Verbrecher Hingerichteten gewendet habe. Gott hat den, den die Menschen verurteilten und richteten, nicht gerichtet und preisgegeben, sondern hat sich zu ihm bekannt. Ohne diese Überzeugung hätte es keine urchristliche Gemeinde gegeben. Von diesem Glauben an Gottes Tat zeugen die ältesten urchristlichen Formeln: Christus starb und wurde begraben und wurde am dritten Tage auferweckt. Diese allgemeine urchristliche Überzeugung teilen selbstverständlich auch die Evangelisten. Auch wenn die sogenannte Spruchquelle, die Matthäus und Lukas neben Markus als Vorlage für ihre Evangelien benutzt haben, keine Passions und Auferstehungsbotschaft enthielt, weil sie vor allem an den Worten Jesu interessiert war, so wollten die Evangelisten doch gerade auch vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Zeugnis ablegen. Und da sie vom Wirken, Leiden und Sterben Jesu erzählend berichteten, so taten sie es mit einer gewissen Folgerichtigkeit auch von der Auferweckung. Die urchristliche Überlieferung bot dafür auch bereits mancherlei Ostergeschichten, deren sie sich bedienten. Sie waren wahrscheinlich ebenda beheimatet und ausgebildet worden, wo man sich von Jesus erzählte. Ein erzählendes Evangelium dagegen mit einem formelhaften Zeugnis über die Auferstehung Jesu abzuschließen, war offenbar nicht möglich.
Man kann sich die soeben erörterte Frage noch etwas am Johannesevangelium verdeutlichen. Es wurde vorhin darauf hingewiesen, daß Johannes im Grunde ein zweifaches Osterzeugnis hat; einmal die Reden, in denen Christus von seinem Hingang zum Vater und seiner Erhöhung spricht, und dann die Auferstehungsgeschichten am Schluß. Das Evangelium beginnt bekanntlich nicht mit einer Weihnachtsgeschichte wie Matthäus und Lukas, sondern mit einem hochtheologischen Prolog: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns« (Joh. 1,1.I4). Man fragt sich: Hätte das Evangelium nicht auch mit einem solchen theologischen Epilog schließen können, einem Epilog von dem Sohn, der zum Vater zurückkehrt, der ihn gesandt hat? Es schließt jedoch wie die anderen Evangelien mit Ostergeschichten. Offenbar kam für ein Evangelium, auch wenn es stärker die Brücke zum apostolischen Zeugnis schlägt als die drei älteren Evangelien, eine andere Form des Abschlusses nicht in Frage.
Ich meine nicht, daß mit dem zuletzt über die Evangelien Ausgeführten die Form des erzählenden Osterzeugnisses schon ganz erklärt ist. Doch wird man diese Gesichtspunkte nicht außer acht lassen dürfen, wenn man die Ostergeschichten verstehen will. Mit diesen Ostergeschichten der Evangelien werden wir uns im nächsten Vortrag beschäftigen.
Die Ostergeschichten der Evangelien
Widerspruchsvolle und legendäre Berichte
Die Ostergeschichten der Evangelien, von deren Stellung im Auferstehungszeugnis des Neuen Testaments wir im vorigen Vortrag hörten, sind von einer großen Mannigfaltigkeit. Selbst die drei ersten Evangelien, Markus, Matthäus und Lukas, die man in der neutestamentlichen Wissenschaft als Synoptiker bezeichnet, weil sie viele Paralleltexte haben, die in einer Zusammenschau (Synopsis) miteinander verglichen werden können, weichen in den Ostergeschichten stark voneinander ab. Gemeinsam haben sie die Geschichte von der Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen am Ostermorgen. Aber auch hier schon haben Matthäus und Lukas ihre Vorlage Markus geändert. Markus läßt zum Beispiel den Frauen am leeren Grab nur eine Engelsbotschaft zuteil werden, die besagt, daß Jesus auferstanden sei und daß seine Jünger den Auferstandenen in Galiläa sehen werden. Die Frauen fliehen erschreckt und sagen niemandem etwas. Daß der Auferstandene ihnen erschienen sei, wird nicht erzählt. Nach Matthäus dagegen erscheint der Auferstandene den Frauen, als sie vom Grabe wegeilen, und bestätigt die Weisung des Engels, daß die Jünger ihn in Galiläa sehen werden. Auch hat Matthäus eine Schilderung von der wunderbaren Herabkunft des Engels, der den Stein abwälzt und die Grabeswächter wie tot umfallen läßt, in die Markusszene eingefügt. Bei Lukas wird den Frauen wie bei Markus nur eine Engelserscheinung zuteil. Es sind diesmal aber zwei Engel. Von einer Erscheinung des Auferstandenen erzählt auch Lukas nichts. Die Engel verheißen aber auch keine Erscheinung vor den Jüngern in Galiläa, da nach Lukas diese Erscheinungen in und um Jerusalem stattgefunden haben. Die Frauen unterrichten die Jünger, aber diese glauben ihnen nicht.
Weichen schon die Geschichten vom leeren Grabe voneinander ab, so geht in den eigentlichen Erscheinungsgeschichten jedes Evangelium seinen eigenen Weg. Markus hat überhaupt keine Erscheinungsgeschichten. Der zusammenfassende Bericht, der in unseren deutschen Bibeln Mark. I6,9-20 steht, fehlt in den alten Handschriften des Urtextes und erweist sich auch inhaltlich als spätere Komposition. Ob Markus ursprünglich anstelle dieses unechten Markusschlusses eine andere Erscheinungsgeschichte hatte und zwar eine solche, die in Galiläa spielte, oder ob das Evangelium mit der Geschichte vom leeren Grab schloß, vielleicht sogar mit einer Geschichte, der die Deutung des Grabes durch den Engel ursprünglich noch fehlte, ist umstritten.
Matthäus schließt sein Evangelium mit einer Szene von der Offenbarung des Auferstandenen vor den elf Jüngern auf einem Berge in Galiläa. Jesus bezeugt sich als der, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, er gibt den Missions- und Taufbefehl und verheißt, bei den Seinen zu sein bis an das Ende der Welt. Vorher erzählt Matthäus noch, die jüdische Obrigkeit hätte die Grabeswächter bestochen, das Gerücht von einem Leichendiebstahl durch die Jünger zu verbreiten und den tatsächlichen Hergang zu verschweigen. Die Grabeswächterszenen, welche Matthäus mit den Osterberichten verflochten hat, finden sich nur bei ihm. Offenbar soll mit ihnen Zweifeln und Verleumdungen hinsichtlich des leeren Grabes und der Auferstehung entgegengetreten werden. Ihr legendärer Charakter ist auch in der konservativen Forschung fast durchweg anerkannt.
Lukas bringt nach der Geschichte vom leeren Grab zunächst die Emmausgeschichte. Jesus gesellt sich unerkannt zu zwei Jüngern auf dem Wege von Jerusalem nach Emmaus und redet mit ihnen über den sie bewegenden Ausgang Jesu, der das Ende ihrer Hoffnungen bedeutete. Als sie nach ihrer Wanderung mit ihm in Emmaus zu Tisch sitzen, erkennen sie ihn beim Brotbrechen. Da verschwindet er vor ihnen. Als sie nach Jerusalem zu den elf Jüngern zurückeilen, hören sie dort, daß der Herr auch Simon Petrus erschienen sei. Lukas bringt dann eine Erscheinung vor dem Jüngerkreis in Jerusalem, bei der der Auferstandene drastisch seine Leiblichkeit demonstriert, indem er die Jünger zur Berührung auffordert und vor ihren Augen ißt. Mit einer Abschiedsszene bei Bethanien, die mit der Himmelfahrt endet, schließt das Lukasevangelium. Die Himmelfahrtsszene wird zu Beginn der Apostelgeschichte in erweiterter und etwas abgewandelter Form wiederholt. Dort, und zwar nur dort hören wir auch, daß die Himmelfahrt vierzig Tage nach Ostern geschah.

Vergegenwärtigen wir uns abschließend noch kurz die Ostergeschichten des Johannesevangeliums. Johannes hat die ausführlichsten Grabes- und Erscheinungsgeschichten. Maria Magdalena kommt am Ostermorgen zum Grab, findet den Stein abgewälzt, verständigt Petrus und den Lieblingsjünger, diese eilen in einer Art Wettlauf zum Grabe und finden es leer. Dadurch entsteht bei ihnen bereits Glaube. Nach ihrem Weggang kehrt Maria zurück. Sie sieht im Grab zwei Engel, aber nicht diese offenbaren ihr, was geschehen ist. Vielmehr begegnet ihr am Grabe ein Gärtner, den sie nach dem Verbleib des Leichnams fragt. Aber dann zeigt sich, daß dieser Gärtner der auferstandene Jesus selbst ist. Am Abend erscheint der Auferstandene den Jüngern ohne Thomas, eine Woche später wird auch der ungläubige Thomas überzeugt. Während diese Erscheinungen in Jerusalem stattfinden, berichtet das 2I. Kapitel des Johannesevangeliums, ein Nachtrag, von einer Erscheinung vor sieben Jüngern mit Petrus an der Spitze am galiläischen See, wo die Jünger dem Fischfang nachgingen. Es handelt sich dabei ursprünglich um die Erzählung einer Ersterscheinung, die erst nachträglich zu einer dritten Erscheinung vor den Jüngern umgeformt worden ist. An diese Szene am See, die in einem Mahl endet, ist ein Gespräch des Auferstandenen mit Petrus und dem Lieblingsjünger angefügt. Der Auferstandene setzt Petrus zum Hirten seiner Herde ein und deutet ihm und dem Lieblingsjünger ihr Ende an. Nur in diesem johanneischen Nachtragskapitel spielt Petrus die dominierende Rolle, die ihm nach der von Paulus in I. Kor. I5,3-5 überlieferten urgemeindlichen Formel in den Ostergeschichten eigentlich zukommen müßte.
Vergleicht man die Ostergeschichten der vier Evangelien, so zeigt sich, daß sie nicht miteinander in Einklang gebracht werden können. Gescheitert sind alle Harmonisierungsversuche, die man seit zweihundert Jahren reichlich unternommen hat, nachdem Reimarus in den von Lessing herausgegebenen Wolfenbütteler Fragmenten die Widersprüche aufgezeigt hatte. Es läßt sich weder durch eine Kombination der Berichte noch durch eine Auswahl und Verbindung einzelner Stücke ein Ablauf der Osterereignisse rekonstruieren. Wohl kann man durch traditionsgeschichtliche Untersuchungen ältere und jüngere Traditionselemente unterscheiden. Man kann wahrscheinlich machen, daß den Frauen, die anfangs nicht Empfänger einer Christuserscheinung waren (Markus und Lukas), später eine solche zugeschrieben wurde (Matth. 28,9f.; Joh. 20,1I-I8) oder daß die Ostererfahrungen der Jünger immer stärker mit dem Grabe verknüpft wurden, während sie ursprünglich wohl nach Galiläa gehörten, wohin die Jünger nach Jesu Hinrichtung geflohen waren. Doch ist letzteres auch in der kritischen Forschung noch umstritten. Eine Reihe von Forschern meint, daß die Ersterscheinungen in Jerusalem und nicht in Galiläa stattfanden.
Aber selbst wenn die Berichte nicht so verschieden und widerspruchsvoll wären, wenn wir nur einen, nach Zeit, Ort und Personen einigermaßen einheitlichen Bericht hätten oder herstellen könnten, so wären die Bedenken gegen das Berichtete nicht behoben. Denn allzu deutlich trägt es den Charakter der Glaubenslegende. Ein Jesus, der nach seiner Auferstehung in dieser Weise mit deren Umgang hat, daß er mit ihnen wandert, vor und mit ihnen ißt und trinkt, sich berühren läßt, ist eine Gestalt der Legende, einer Legende von der man fragen muß, ob sie dem Geheimnis dessen, was Auferstehung Jesu Christi heißt, gerecht wird. Denn sie schildert den Auferstandenen, als sei er in so etwas wie eine irdische Existenz zurückgekehrt, um mit seinen Jüngern leibhaftigen Umgang zu haben, bevor er sich endgültig in die Himmelswelt zurückzieht.
Daß das Neue Testament nicht durchweg dieser Auffassung ist, wurde in unserem ersten Vortrag dargelegt. Folgerungen daraus müssen im späteren Zusammenhang noch gezogen werden.
Was geschah zu Ostern?
Trotz des widerspruchsvollen und legendären Charakters der Ostergeschichten der Evangelien gilt es aber, die historische Frage noch nicht loszulassen. Kann sie auch hinsichtlich der Auferweckung selbst nichts ausmachen, da Auferweckung als Gottes Tat sich überhaupt dem Zugriff der historischen Erkenntnis entzieht, so kann doch kritisch nach Orten, Zeiten und Personen gefragt werden, die für die Ostererfahrungen in Betracht kommen. Ich sagte schon, daß eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, daß die ersten Erscheinungen nach Galiläa gehören. Alle vier Evangelien sind sich darin einig, daß der engere Jüngerkreis, die Zwölf oder Elf, einer Erscheinung teilhaftig wurden. Das wird auch durch die bei Paulus überlieferte urgemeindliche Formel bestätigt. Die Erscheinungen können, wenn sie zuerst in Galiläa geschehen sind, noch nicht am dritten Tag erfolgt sein. Die Zeitangabe will in diesem Fall zwar etwas über den Abstand von Tod und Auferstehung, aber nicht über den von Tod und Erscheinung aus sagen. Doch sind viele Forscher auch der Meinung, daß der dritte Tag nicht ein dogmatisches, sondern ein historisches Datum sei, das entstanden sei, entweder weil am dritten Tag das leere Grab entdeckt wurde oder die ersten Erscheinungen, dann eben in Jerusalem, stattfanden. - Wie alt die Überlieferung von der Entdeckung des leeren Grabes ist, ist umstritten. Daß alle vier Evangelien sie berichten, sichert noch nicht ihr Alter, denn schon der älteste der überlieferten Berichte, der des Markus, trägt stark legendäre Züge. Das zeigt nicht nur die Engelserscheinung, sondern auch die Salbungsabsicht der Frauen, mit der ihr Besuch beim Grab motiviert wird. Doch gibt es Forscher, welche einen Kern der Geschichte für historisch halten. Sie meinen: die Frauen fanden am Ostermorgen das Grab leer, flohen vor Entsetzen und sagten niemand etwas, auch ein Auferstehungsglaube sei bei ihnen noch nicht entstanden. Erst als die Jünger auf Grund der Erscheinungen zum Osterglauben gekommen waren, teilten auch die Frauen ihr Erlebnis mit.
Das stärkste Gegenargument gegen die Überlieferung vom leeren Grab ist, daß Paulus es nicht erwähnt und gegen die korinthischen Auferstehungsleugner nicht mit ihm argumentiert. Das gestorben und begraben der von Paulus überlieferten urgemeindlichen Formel I. Kor. I5,3 f. bezeugt nicht das leere Grab, sondern unterstreicht nur die Realität des Todes Jesu. So muß es zum mindesten zweifelhaft bleiben, ob der Osterglaube und die Osterbotschaft von Anfang an auf zwei Pfeilern ruhten, den Erscheinungen und dem Leerfinden des Grabes. Man sollte auch vermeiden, das leere Grab zu einem Beweis- oder einem Verteidigungsmittel im Streit um das Ostergeschehen zu machen. Daß ein leeres Grab als solches mehrdeutig ist, ist schon den Erzählungen der Evangelien bekannt.
Hinsichtlich der Osterereignisse kommt man historisch am ehesten auf sicheren Boden, wenn man sich an Paulus und seinen Zeugenkatalog in I. Kor. I5,5-8 hält. Danach erschien Jesus zuerst dem Petrus, dann den Zwölfen, dann mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, dann dem Herrenbruder Jakobus, dann allen Aposteln und zuletzt dem Paulus selbst. Zwar hat man auch hier gefragt, ob Paulus die Ostererscheinungen der Reihe nach aufzählen wollte oder ob er etwa mehrere Zeugenkataloge oder Legitimationsformeln kombiniert habe. Die einen, welche in Petrus das Haupt der Gemeinde sahen, hätten die Formel Petrus und die Zwölf vertreten, die anderen, welche dem Herrenbruder Jakobus den ersten Rang zuschrieben, hätten statt dessen Jakobus und alle Apostel als maßgebende Zeugen genannt. Aber allzu einleuchtend ist diese Hypothese von der Kombination rivalisierender Formeln nicht. So etwas macht ein Mann der zweiten oder dritten Generation, aber nicht jemand, der Petrus und Jakobus kannte und besucht hatte und der sich selbst am Ende der Aufzählung als Auferstehungszeugen nennt. Auch sind die genannten fünfhundert Brüder keine apostolischen Autoritäten, die durch eine Begegnung mit dem Auferstandenen als solche legitimiert werden sollen, sondern schlichte Erscheinungszeugen. So wird man annehmen dürfen, daß in der von Paulus genannten Reihenfolge Erscheinungen erlebt wurden; sie dürften sich über einen längeren Zeitraum erstreckt haben, zumal der Herrenbruder Jakobus nicht vom ersten Anfang an zur Gemeinde gehört zu haben scheint. Wenigstens passen diese Erscheinungen schwerlich in einen Zeitraum von vierzig Tagen. Wo sie stattfanden, verrät uns Paulus nicht; es besteht kein Anlaß, sie alle an einem Ort zu lokalisieren. Paulus deutet nicht an, daß die ihm zuteil gewordene Erscheinung von anderer Art gewesen sei als die der übrigen Apostel. Ausgeschlossen ist m. E., daß ihm Jesus in der Weise begegnet ist, wie die Evangelien das von den Emmausjüngern, von den Zwölfen oder von Thomas schildern. Das würde dem widersprechen, was Paulus in I. Kor. I5 von der Auferstehungsleiblichkeit sagt. Er bezeichnet sie als geistige Leiblichkeit, nicht als solche von Fleisch und Blut. Vielleicht liegt die Art, wie Paulus seine Ostererscheinung erlebte, nicht so weit ab von dem, was die Apostelgeschichte von seiner Bekehrung vor Damaskus berichtet. Gewiß, auch dieser Bericht, der in drei voneinander leicht abweichenden Fassungen vorliegt, im 9., im 22. und im 26. Kapitel der Apostelgeschichte, trägt stark legendäre Züge. Das Motiv, daß Verfolger der Gottheit von dieser zu Boden geworfen und mit Blindheit gestraft werden, kommt auch sonst in der Religionsgeschichte vor. Gesichert ist durch Äußerungen, die Paulus selbst in seinen Briefen gemacht hat, daß er die christlichen Gemeinden verfolgt hat, daß die Verfolgungstätigkeit ein plötzliches Ende fand durch eine Erscheinung Christi, daß er dadurch zum Apostel, Verkündiger und Missionar wurde und daß die Gemeinden Gott priesen für diese Wendung (Gal. I,I3-I7.23 f.; I. Kor. 9,I; I5,8 f.; Phil. 3,5-7). Wenn die Apostelgeschichte die Bekehrung des Paulus so schildert, daß sie durch eine blendende Erscheinung vom Himmel her geschah, dann dürfte das jedenfalls der Christusbegegnung, die Paulus erfuhr, näher kommen als die realistischen Darstellungen, welche die Schlußabschnitte der Evangelien von der Begegnung mit dem auferstandenen Christus geben.

Solche Erfahrungen gehören religionsgeschichtlich und religionswissenschaftlich gesehen in den Bereich der Visionen. Ob die Ostererfahrungen der Jünger einfach diesem Bereich zugeordnet werden können, ist eine viel diskutierte Frage. Man hat versucht, sie durch eine Begriffsanalyse des griechischen Wortes oophtee, deutsch er erschiene, zu lösen, das Paulus bei seiner Aufzählung der Auferstehungszeugen wie einen feststehenden Begriff viermal gebraucht. Doch hat das zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt, da der Begriff zwar nicht spezifisch für Visionen ist, Visionen aber auch nicht ausschließt. Man wird Folgendes jedoch sagen können. Die Wendung <erschien> meint jedenfalls nicht eine Erscheinungsweise, die der in den Ostergeschichten geschilderten entspricht, in denen der auferstandene Jesus als berührbar dargestellt wird. Sie meint, wie auch andere Worte, die für dieses Erlebnis bevorzugt gebraucht werden, etwas, das in den Bereich des Sehens oder Sichtbarwerdens gehört. Dieses Sehen bzw. Sichtbarwerden ist nicht als allgemeine Sichtbarkeit verstanden, die von neutralen Beobachtern registriere werden könnte. Es war vorerwählten Zeugen vorbehalten, freilich nicht nur einzelnen, sondern auch Gruppen. Der Gedanke, daß eine Vision stets eine Halluzination sein müsse, lag nicht nur dem antiken Menschen fern, sondern sollte auch von uns nicht so ohne weiteres angenommen werden. Man verbaut sich mit einer solchen Annahme auch sonst einiges im Verständnis religiöser Phänomene und prophetischer Gestalten. Den von der Begegnung mit Jesus überwältigten Aposteln lag es selbstverständlich völlig fern, ihre Visionen als Einbildungen zu verstehen. Sie erfuhren hier nicht nur, daß der Tod Jesu nicht Gottes letztes Wort über ihn war, sondern sie wußten sich nun auch selbst beauftragt und gesandt, im Namen Jesu Gemeinden zu sammeln und Mission zu treiben. Wenn für eine historisch-kritische Betrachtung das Ostergeschehen sich auf eine Reihe von Christusvisionen beschränkt, welche die Jünger Jesu bald nach seiner Hinrichtung erfuhren, so ist damit allerdings noch nicht das letzte Wort über das Ostergeschehen und das Osterzeugnis gesagt.
Auch dieses Ergebnis muß noch hinterfragt werden, sowohl hinsichtlich dieser Erfahrung wie hinsichtlich des damit verbundenen Bekenntnisses Auferstanden von den Toten. Sodann muß erwogen werden, ob auch die legendären Ostergeschichten einen Sinn für den Glauben und die Verkündigung der Kirche haben können. Mit diesen Fragen müssen wir uns im dritten Vortrag beschäftigen.
Der Sinn der Auferstehungsbotschaft des Neuen Testaments
Auferweckung: Ereignis oder Interpretament?
Für eine historisch-kritische Untersuchung der Osterüberlieferung beschränkt sich das Ostergeschehen auf eine Reihe von Christusvisionen der Jünger Jesu. Die Personen und Personengruppen, welche diese Visionen bald nach Jesu Hinrichtung erfuhren, sind im Zeugenkatalog des Paulus I. Kor. I5,5-8 genannt. Während es fraglich ist, ob die Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen zur ältesten (Überlieferung gehört, ist das <Sehen> der Ostererscheinungen fest in ihr verankert. Für Paulus, der uns in erster Linie dieses Sehen bezeugt und der selbst zu denen gehört, die den Herrn gesehen haben (I. Kor. 9,I; I5,8), umschließt dieses Sehen selbstverständlich das Bekenntnis: Er ist auferweckt worden. Das war auch für die Urgemeinde so, von der Paulus das Osterzeugnis und die Nachricht von den Zeugen, die vor ihm den Herrn gesehen hatten, übernahm. Die von Paulus zitierte urgemeindliche Formel sagt unmißverständlich, daß der für unsere Sünden gestorbene Christus >auferweckt worden ist nach den Schriften< und daß er einer Reihe von Zeugen erschienen sei. Für Paulus ist nicht nur im Blick auf Christus, sondern auch im Blick auf die Hoffnung der Christen <Auferweckung> der leitende Begriff.
Die Frage ist nun aber - und sie ist in der kritischen Forschung gestellt worden -, ob denn die Ostererfahrungen, das Sehen, notwendig mit der Vorstellung der Auferstehung verbunden sein müssen. Anders ausgedrückt: handelt es sich bei der Auferweckung um ein Ereignis oder bereits um ein Interpretament, also um eine Denk- und Vorstellungsform, in der die urchristlichen Zeugen das zum Ausdruck brachten, was ihnen widerfahren war. Ist letzteres der Fall, dann waren ihnen diese Vorstellungsformen durch die Auferstehungshoffnungen des Spätjudentums oder bestimmter Richtungen des Spätjudentums, in dem sie lebten, vorgegeben. Sie bediente sich ihrer zwar mit einer gewissen Notwendigkeit, aber damit hören sie nicht auf, Vorstellungsformen zu sein, welche nicht bleibend verbindlich sind.
Angesichts dieser radikalen Fragestellung ist Folgendes zu bedenken. Einmal: eine Schilderung der Auferstehung selbst gibt das Neue Testament nirgends; es bezeugt sie, beschränkt sich im übrigen aber auf Erzählungen von Begegnungen mit dem Auferstandenen und von der Entdeckung des leeren Grabes. Ob letztere ursprünglich ist, ist zweifelhaft. Sodann: das Neue Testament hat, wie wir in unserem ersten Vortrag gezeigt haben, seinen Glauben an den lebendigen Christus zwar bevorzugt mit dem Begriff der Auferstehung oder Auferweckung zum Ausdruck gebracht, aber nicht durchweg. Neben den Auferweckungsaussagen finden sich auch Erhöhungsaussagen. Man hat vermutet, daß hinter den Erhöhungsaussagen ein anderes Denkschema steht, das dem gnostischen verwandt ist, welches die Herabkunft des Gottgesandten und seine Rückkehr in die himmlische Welt beschreibt, während die urchristliche Auferstehungstheologie vom Spätjudentum geprägt ist. Auch die Auffassung der Auferstehung im Neuen Testament ist nicht einheitlich, denn zweifellos hat Paulus eine viel geistigere Auffassung der Auferstehung und Auferstehungsleiblichkeit als die Ostergeschichten der Evangelien, die am stärksten einem spätjüdischen Auferstehungsrealismus verhaftet sind. So ist also auch vom Neuen Testament her die Frage nicht abwegig, ob »Auferweckung« nicht eher ein Interpretament als ein Ereignis sei. Nur darf man bei dieser Frage nicht haltmachen, darf nicht meinen, weil das Neue Testament teils sagen kann >den hat Gott auferweckt<, teils, ohne der Auferweckung zu gedenken, darum hat ihn auch Gott erhöht, deswegen löse sich hier alles in bloße Deutung und Ausdrucksformen auf. Es soll mit diesen Formen ja auch etwas zum Ausdruck gebracht werden, und darauf gilt es, sich zu besinnen.
Auferweckung meint das Ja Gottes zum Gekreuzigten
Worauf kam es den ersten Zeugen eigentlich an, wenn sie Christus als auferweckt oder als erhöht bezeugten? Offenbar doch darauf, daß Gott sich zu diesem hingerichteten Jesus von Nazareth bekannt hat, daß er zu seiner Sache, obgleich sie äußerlich gesehen am Kreuz gescheitert war, ja gesagt hat, daß er ihn zum Herrn und Christus gemacht hat, so daß er nun nicht bloß Jesus heißt, an dessen Wirksamkeit und Schicksal man zurückdenkt, sondern Christus und Herr, an dessen gegenwärtiges Herrsein man glaubt, in dessen Dienst man sich gerufen weiß. Wenn Paulus den Auferstehungsleugnern in Korinth entgegenhält: »Ist Christus nicht auferstanden dann ist unsere Predigt vergeblich und euer Glaube umsonst« (I. Kor. I5,I4), dann mag der Begriff >auferstanden< wohl ein durch spätjüdische Auferweckungsterminologie geprägtes Interpretament sein. Aber der sachliche Gehalt der Aussage ist damit noch nicht ungültig. Er könnte etwa so formuliert werden: >Hat Gott sein Ja zu Jesus nicht gesprochen, ist er nicht trotz Kreuz und Tod nach Gottes Willen Herr und Christus, dann ist unsere Predigt und euer Glaube umsonst.< Dieses Ja Gottes, auf das es letztlich ankommt, ist natürlich nicht etwas, das mit Mitteln historischer Untersuchung festgestellt werden kann, da Gottes Handeln sich auch sonst; seinem Wesen nach, dieser Art Feststellung entzieht. Ist doch Gott nicht ein Gegenstand wie andere Gegenstände und sein Handeln nicht einfach abzulesen von den Ereignissen unserer Wirklichkeit. Vielmehr, wie auch sonst Gott und Glaube zusammengehören, wie man Gottes und seines Handelns nicht außerhalb und abgesehen vom Glauben gewiß werden kann, so ist es auch hier der Glaube, der Gottes Ja ergreift. Auch das heimliche Ja Gottes, das bereits über Christi Kreuz liegt, konnte nur der Glaube ergreifen. Für eine rein historische Betrachtung gehört das Kreuz in eine Reihe mit tragischen Schicksalen anderer Menschen.
Wenn das Ja Gottes also nur im Glauben erkannt und begriffen werden kann, so befreit das allerdings noch nicht von der Frage, wie es zur Erkenntnis dieses Ja gekommen ist; und zwar geht es zunächst um die grundlegende Erkenntnis der Jünger, der sie Ausdruck gaben mit dem Zeugnis »auferweckt«, »erhöht« oder mit den Würdebezeichnungen »Christus, Sohn Gottes und Herr«. Die Antwort, die hier zu geben ist und die auch durch das kritisch gesichtete Zeugnis gefordert wird, lautet zunächst: Sie haben den Herrn gesehen. Aber nun ist natürlich auch dieses Sehen kritisch hinterfragt worden. War dieses Sehen, waren die österlichen Christusvisionen Anlaß des Glaubens oder waren sie bereits Folge, Ausdruck, Produkt eines vorher gefaßten Glaubens? Die Antwort wird hier nicht einfach so oder so lauten können. Die Erscheinungen waren schwerlich die einzige Ursache des Glaubens. Die, welche sie empfingen, waren ja, wenn man von Paulus absieht, die Jünger, welche Jesus in seinem Wort und Werk gekannt und einen starken Eindruck von ihm bekommen hatten. Nicht nur die Ostererscheinungen, sondern auch Jesus ist die Ursache ihres Glaubens. Andererseits war schwerlich Jesus allein die Ursache. Denn der Eindruck, den Jesus auf sie gemacht hatte, war in Frage gestellt durch sein Ende, mit dem auch ihre Hoffnungen und ihr anfänglicher Glaube zusammenbrachen. Es bedurfte eines neuen Anstoßes. Dieser stand nicht in der Macht der Jünger, sondern mußte ihnen widerfahren. Das gesamte Osterzeugnis ist sich darin , einig daß dieser neue Anstoß von Gott und von Christus ausging. Das entspricht der Erfahrung, die die Jünger damals gemacht hatten.
Man kommt übrigens um das Ja, um die Tat Gottes, auch dann nicht herum, wenn man die Ostererfahrungen der Jünger - was m. E. nicht möglich ist - als unwesentlich ansieht als Folge eines durchgehaltenen oder neu erwachten Glaubens, und alles auf Jesus und seine irdische Wirksamkeit gründen will. Auch Jesus, seine Wirksamkeit und sein Sterben müssen in das Ja Gottes gefaßt sein. Das tut man im Grunde auch, wenn man Jesus als Wortgeschehen verstehen will, denn das soll doch wohl besagen, daß Gott in ihm und durch ihn etwas zu sagen hat. Es genügt dabei nicht einfach, Jesus und das Ja des Glaubens miteinander zu verbinden. Das Ja des Glaubens kann Gottes Ja nicht ersetzen, so gewiß Gottes Ja nur im Ja des Glaubens erkannt und anerkannt werden kann.

Daß man die österlichen Visionen der Jünger nicht zum Angelpunkt des Ganzen machen kann, ergibt sich daraus, daß diese nur einem ausgewählten Kreis von Jüngern zuteil wurden. Auch diese Zeugen haben nicht diese ihre Erfahrungen zum Gegenstand ihrer Verkündigung gemacht, sondern das, was ihnen auf Grund dieser Erfahrungen über den Willen und Weg Gottes mit Jesus offenbar wurde. Nicht erst die späteren Generationen, nicht erst wir, sondern schon die Zeitgenossen der Apostel glaubten nicht an den auferstandenen lebendigen Herrn auf Grund österlicher Erscheinungen, die ihnen, den nicht vorerwählten Zeugen, gar nicht zuteil geworden waren. Vielmehr glaubten sie, weil oder sofern ihnen das Zeugnis vom lebendigen Herrn, zu dem Gott sich bekannt hat, Glauben abgewann, so daß auch sie bekennen konnten: »Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selber.« Im Wort seiner Zeugen, als Haupt der Gemeinde erweist er sich als der lebendige Herr und ist für sie im Geist gegenwärtig. So gehören sie zu dem großen Kreis, der mit Ausnahme der Jünger die ganze Kirche umfaßt, dem Kreis derer, welche den Herrn nicht gesehen haben und doch liebhaben (I. Petr. I,8; vgl. Joh. 20,29).
Die Osterlegenden in der Verkündigung heute
Aber nun müssen wir noch fragen, welchen Sinn angesichts einer so auf das Ja Gottes zu Jesus Christus konzentrierten Botschaft noch die legendären Ostergeschichten der Evangelien haben können. Wir haben ja nicht nur das dort Erzählte hinterfragt und uns in der historischen Analyse auf die Annahme einer Reihe von Christusvisionen beschränkt, sondern wir haben schließlich auch diese Visionen, ja den Begriff der Auferstehung selbst hinterfragt und alles auf das Ja Gottes zu Christus, das Handeln Gottes an Christus, in Christus und durch Christus abgestellt. Sind die Ostergeschichten der Evangelien damit erledigt, kann über sie nicht mehr gepredigt werden? Oder gibt es auch jetzt noch einen Zugang zu ihnen, ja noch mehr, eröffnen sie uns noch einen Zugang zum Glauben oder stehen sie wie eine Sperre vor dem Glauben können ? Sie dürften in der Tat heute für viele Menschen den Zugang zum Glauben sperren sobald man den Glauben an das in ihnen Erzählte fordert. Anders sieht es aus, wenn man die Aussagekraft der Geschichten oder doch bestimmter Züge der Geschichten bedenkt. Sie ist so wenig verstummt wie die anschauliche Sprache der Dichtung, die nicht abstrakt formuliert, die auch in dichterischen Gestalten und Handlungen Wahrheit zu künden vermag.
Die Aussagekraft der erzählenden Geschichte, auch wenn sie als Glaubenslegende bezeichnet werden muß, hat ihr Daseinsrecht neben den formelhaft theologischen Aussagen. Das gilt sowohl gegenüber den Formeln des apostolischen Zeugnisses wie gegenüber modernen Formulierungen, die in ihrem Bemühen um das Wesentliche, das Entscheidende, in der theologischen Abstraktion noch weiter gehen. Gerade unsere Zeit, die stärker als das wesentlich historisch orientierte I9. Jahrhundert einen Sinn für Symbole, Chiffren, für hindeutende und expressive Formen der Sprache und der Bilder gewonnen hat, sollte hier Möglichkeiten des Verstehens auch legendärer Erzählungen finden.
Doch nehmen wir zunächst die Begriffe der Auferweckung und der Erhöhung. Der zweite scheint der angemessenere oder doch verständlichere zu sein, da er das Herrsein Christi unmittelbar zum Ausdruck bringt. Auch hier darf man freilich Erhöhung nicht als Aufstieg in himmlische Sphären verstehen. Schon Luther hat sich entschieden gegen solche örtlichen Himmelsvorstellungen gewandt. Erhöhung meint Einsetzung in ein Herrscheramt.
Aber auch der Begriff der Auferweckung ist nicht ungeeignet. Er bringt noch stärker als der der Erhöhung die schöpferische Tat Gottes zum Ausdruck. Vor allem ist dieser Begriff enger verbunden mit dem, was Jesu letztes Schicksal auf Erden war, mit Tod und Kreuz. Erhöhung könnte auch einfach als, Überhöhung einer Position verstanden werden. Auferweckung ist göttliche Überwindung einer Negation, in die Jesus, der Gottgesandte, nach Gottes Ratschluß hinein mußte. Wenn bei Paulus Kreuz und Auferweckung aufs engste verbunden sind, wenn bei ihm auch das Leben der Gläubigen unter den Aspekt des Mitsterbens und Mitauferstehens mit Christus gerückt wird, dann sind das nicht überholte Ausdrucksformen, die man so schnell wie möglich aufgeben sollte. Vielmehr kommt in ihnen etwas sehr Wesenetliches zum Ausdruck: Gott ist ein Gott, der in die Tiefe führt und wieder heraus, der den Tod bewirkt und vom Tod errettet, der auch seinen Gesandten Jesus von Nazareth diesen Weg hat gehen lassen. Nicht nur Paulus, sondern auch Luther hat in seiner Theologie des Kreuzes gezeigt, welcher tiefe Sinn in dem >Der Herr tötet und macht lebendig< für den Glauben an Gott und Christus, für das Verständnis des Menschen und der Kirche liegt. Die Auferweckungsvorstellung weist auch darauf hin, daß es um die Errettung des ganzen Menschen geht, nicht bloß um das Heil seiner Seele. Auferweckung Jesu Christi zeigt an, daß dieser Jesus von Nazareth gemeint ist, der in Palästina gewirkt hatte und hingerichtet worden war. Zu ihm hat Gott sein Ja gesprochen und ihn zum Herrn und Christus gemacht.
Vielleicht läßt sich von daher auch ein Zugang zu den realistischen Schilderungen der Ostergeschichten gewinnen. Die Rückkehr des Auferstandenen in so etwas wie eine irdische Existenz, in der er mit den Jüngern wandert, ißt und redet, ist gewiß auf der einen Seite eine Verkennung dessen, was Existenz jenseits der Todesgrenze, himmlische Existenz, Leben und Regieren in Herrlichkeit sein mag. Auf der anderen Seite aber verweist sie zurück auf Jesus und seine irdische Existenz und bringt zum Ausdruck, daß es um die Erhöhung dieses Jesus, um sein Herrsein geht.
Man hat neuerdings gefragt, ob unsere Evangelien mit ihren Schilderungen der Wirksamkeit Jesu nicht überhaupt ausgebildet worden sind, um einer einseitigen Geisttheologie entgegenzuwirken, für die Christus zu einem bloßen Geistwesen zu werden drohte; ob sie nicht einem schwärmerischen Christentum, das sich auf seine gegenwärtigen Geisteserfahrungen berief, bewußt die historisierenden Berichte von Jesus in all seiner Menschlichkeit entgegenstellten. Diese Sicht der Dinge ist insofern einseitig, als ein Interesse an Jesus von Anfang an im Urchristentum dagewesen ist, wenn auch nicht in all seinen Bereichen und überall gleich stark. Aber bei der Ausbildung der realistischen Ostergeschichten dürfte in der Tat der Gegensatz gegen eine solche Geisttheologie, welche sich über die wahre Menschheit Jesu hinwegsetzte, am Werk gewesen sein.
Wenn uns heute der Realismus der Ostergeschichten befremdlich und unangemessen erscheint, so sprechen uns andere Züge doch unmittelbar an. Es sind vor allem solche, in denen die Sendung Christi und die Sendung seiner Jünger zum Ausdruck gebracht werden. Die Ostergeschichten haben dafür meist die Form der Worte des Auferstandenen gewählt. Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden«, heißt es in der Schlußszene des Matthäusevangeliums (Matth. 28,I8 ff.). Das Bekenntnis des Christushymnus des Philipperbriefs >daher hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen über alle Namen gegeben< ist hier bei Matthäus in die Form einer Selbstaussage Christi gekleidet. Dann folgt der Missions- und Taufbefehl und zum Schluß das trostreiche Wort: >Siehe ich bin bei euch alle Tagen< Auch in den Osterberichten der anderen Evangelien wird der Auftrag zur Mission hervorgehoben (Luk. 24,47 f.; Apg. I,8). Johannes hat ihn in die knappe Formel gefaßt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh. 20,2I). Ebenso wird die Vollmacht zur Sündenvergebung und zur Leitung der Gemeinde auf den auferstandenen Herrn zurückgeführt (Joh. 20,23; 2I,I, ff.). Es wäre abwegig zu fragen: Hat der Herr diese Worte wirklich so gesprochen? Diese Worte legen das aus, was die Jünger Jesu zu Ostern erfuhren, Auftrag und Sendung durch den Herrn, wobei sie sich auch mit der Kraft des Herrn zu diesem Dienst ausgerüstet wußten. Paulus hat es selbst von sich bekannt, daß Gott seinen Sohn an ihm offenbarte, damit er ihn unter den Heiden verkündigen sollte (Gal. I,I6).
Dieser Sendungsauftrag, den die Apostel zu Ostern erfuhren, ist nicht auf sie beschränkt, sondern gilt der ganzen Gemeinde. Um ihn der Gemeinde einzuprägen, wird er in den Ostergeschichten berichtet. Sie erzählen und wollen doch nicht nur erzählen, sondern wollen Zeugnis ablegen und in Anspruch nehmen. Zeugnis ablegen vom lebendigen erhöhten Herrn, der nicht der Vergangenheit und dem Tode angehört, sondern lebt und regiert in Ewigkeit, und in Anspruch nehmen für diesen Herrn, der auch heute Menschen und Gemeinden in seinen Dienst stellt. Die Ostergeschichten erzählen auch von mutlosen und verzagten Jüngern, von ihrem Unglauben und Zweifel, und wie der Herr ihren Unglauben überwindet. Sie wollen auch hier nicht bloß erzählen, sondern Mut machen und Glauben wecken an den Herrn, der die Seinen nicht verläßt, sondern bei ihnen ist bis an das Ende der Welt.
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