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Von der Nachfolge Jesu zur Verehrung des Kyrios


Von der Nachfolge Jesu zur Verehrung des Kyrios

Aus „Der historische Jesus“ von Gerd Theissen/Annette Merz Seite 484 bis 489

Von der Nachfolge Jesu zur Verehrung des Kyrios
Der irdische Jesus hat einen engeren Kreis von Jüngern und Jüngerinnen in seine Nachfolge gerufen, einen weiteren Kreis von Anhängern als seine familia dei betrachtet. Verehrung für sich hat er nicht erwartet. Im Gegenteil. Er wurde zwar als Respektsperson angeredet – als Rabbi (Mk 10,51; 11,21), Lehrer (Mt 8,19; Mk 4,38; 10,17; 12,14 u.ö.) oder als "Herr" (Mt 8,2; Mk 7,28 u.ö.) - aber er lehnte es sogar ab auch nur als "guter Lehrer" angesprochen zu werden, da nach seiner Überzeugung nur Gott allein gut ist (Mk 10,17). Diese Zurückweisung seiner Überschätzung ist sicher historisch. Zu ihr paßt die Aufwertung des Begriffs "Mensch" zum messianischen Titel durch den historischen Jesus. Sie entspringt der Überzeugung, daß Gott seinen Willen in Heil und Gericht nicht durch eine übermenschliche Gestalt, sondern durch einen Menschen (konkret: durch Jesus) durchführen wird.
Diese Zurückhaltung Jesu wird nach Ostern von seinen Anhängern aufgegeben. Am deutlichsten zeigt das der christologische Titel "Kyrios" (Herr). Er signalisiert ein qualitativ neues Verhältnis der Jesus-Anhänger zum erhöhten Herrn, denn er dient als Anrede eines göttlichen Wesens, dem kultische Ehrung zuteil wird. Alle anderen Titel sind im Judentum kein grundsätzliches Problem. Sogar Spekulationen über ein zweites göttliches Wesen neben Gott waren im Judentum denkbar. Philo konnte im Logos einen „zweiten Gott“ sehen (QuaestGen 2,62). Der jüdische Tragiker Ezekil konnte schildern, wie Mose am Traum den Platz Gottes einnimmt (Frgm. 28ff). Der entscheidende Schritt, mit dem sich die spätere Trennung von Juden und Christen anbahnt, ist nicht die theoretische Spekulation über ein zweites Wesen neben Gott, sondern dessen kultische Verehrung. Anstößig sind seine Anbetung und Verehrung, die als Abfall vom strengen Monotheismus kritisiert werden mußten - eine Kritik, die erst im JohEv bezeugt ist (vgl. Joh 10,30ff).
Dieser Schritt zu einer Verehrung Jesu ist eng mit dem Kyrios-Titel verbunden. Er wurzelt im Osterglauben. Aus einer vorpaulinischen Formel geht hervor, daß die Auferstehung Jesu von den Toten der Grund für seine Verehrung als "Kyrios" war: "Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet" (Röm 10,9). Das Kyrios-Bekenntnis ist äußerlich hörbar, der Glaube an die Auferstehung ist sein innerer Grund. Der Titel Kyrios ist insgesamt in drei (vorpaulinischen) Formen und Formeln belegt:

Der Maranatha-Ruf: Unabhänig voneinander begegnen in I Kor 16,22 und in Did 10,6 (im Rahmen einer Abendmahlsfeier) der Ruf nach dem Kommen des "Herrn" (aram. = mare'), der in Apk 22,20 als "Herr, komm!" ins Griechische übersetzt wurde. Die Erhaltung einer aramäischen Formel in griechischen Texten weist auf das hohe Alter dieses Rufs. Er geht auf das frühe palästinische Urchristentum zurück und bringt dessen Naherwartung zum Ausdruck: Er ersehnt und ruft den Herrschaftsantritt des Herrn herbei.
Die Kyrios-Aktlamation wird mehrfach von Paulus zitiert: in Röm 10,9 (s.o.), I Kor 12,3 und innerhalb des Philipperhymnus Phil 2,11. Besonders aus Phil 2,11 geht die mit diesem Titel verbundene kultische Verehrung des Kyrios hervor: Alle Knie derer, die im Himmel, auf Erden und unter der Erde sind, sollen sich vor diesem Kyrios beugen und seine Hoheit bekennen. Umstritten ist, ob dabei auch an dämonische Mächte in der Unterwelt gedacht ist, die sich schon in der Gegenwart dem Kyrios unterwerfen, oder nur an die verstorbenen Menschen in der Unterwelt, die zusammen mit den Engeln in naher Zukunft Jesus als Herrn anerkennen werden (so O. Hofius).
Die Akklamation "es ist ein Gott" gilt ursprünglich ausschließlich Gott selbst. Sie wird in l Kor 8,6 auch auf Jesus übertragen. Paulus betont dort: "Obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herrn gibt, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."
(I Kor 8,5-6)

Hatte der historische Jesus noch ausdrücklich die Formel "es ist ein Gott" streng auf Gott bezogen und sich dezidiert auf die Seite der Menschen gestellt (Mk 10,17f), so wurde eben diese Formel jetzt auf Jesus selbst übertragen.

Mit dieser Übertragung des Kyrios-Titels wird Jesus in der Tat in die Nähe Gottes gerückt: Das zeigt nicht nur die parallele Formulierung in I Kor 8,6, sondern auch die Versicherung des Philipperhymnus, Gott habe dem Erhöhten den Namen gegeben, der über alle Namen ist (Phil 2,9). Damit ist der Gottesname gemeint, zumal sich die unmittelbar darauf verarbeitete alttestamentliebe Schriftstelle eindeutig auf Gott bezieht (Jes 45,23 LXX), hier jedoch auf den erhöhten Jesus bezogen wird: "... daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind" (Phil 2,10). Der Jesus verliehene Name ist der "Kyrios Titel". Da Paulus Jes 45,23 LXX in Röm 14,11 auch als Aussage von Gott zitiert, wird ihm bewußt sein, daß im Philipperhymnus Jesus mit Aussagen gepriesen wird, die eigentlich Gott gelten. Der zweite Teil des Philipperhymnus zeigt ferner, dass den ersten Christen bewußt war: Erst mit seiner Erhöhung hatte Jesus seine göttliche Würde definitiv erhalten.
Dennoch ist die Annahme, daß der Kyrios-Titel die Übertragung eines alttestamentlichen Gottesprädikats ist, nicht unbestritten. Die religionsgeschichtliche Schule leitete ihn von Mysteriengottheiten ab (so die klassische These von W. Bousset). Dagegen kann man einwenden (M. Hengel, Sohn Gottes,120ff A. 135):

Kyrios ist kein für hellenistische Mysteriengottheiten charakteristischer Name - mit Ausnahme des Isiskultes in Ägypten. Hier wird lsis oft als Kyria angesprochen.

Kyrios entspricht „baal“, einem Titel, der vor allem in den in den Volksreligionen Syriens und Mesopotamiens beheimatet ist.

Kyrios war darüber hinaus Anrede für Respektspersonen, z B den Kaiser. Als Agripa in Alexandrien als jüdischer König verspottet wurde, wurde der ihn darstellende Mann als „Marin“ (Herr) angeredet (Philo Flacc 39)! Auch Paulus spricht von „Kyrioi“ im Himmel und auf Erden, denkt also auch an Autoritätspersonen auf Erden – dann aber konnte er nur den Kaiserkult vor Augen haben. Nur hier wurden irdische „Kyrioi“ vergöttert.

Eine Alternative zur religionsgeschichtlichen Abteilung aus Mysterienkulten wäre die von den neutestamentlichen Texten her näherliegende Abteilung aus der jüdischen Gottesverehrung. Aber auch bei dieser These einer Übertragung des alttestamentlichen Gottesprädikats auf Jesus gibt es Schwierigkeiten:
Jesus wurde nachweislich „märe“ gerufen (vgl. Maranatha). Die Frage ist: wurde auch JHWH „märe“ genannt? Der Jahwename selbst wurde ja nie ausgesprochen. Beim Verlesen der Schrift ersetzt man das Tetragramm durch einen äquivalenten Begriff, im Hebräischen durch adonaj (als Kere, d.h. gesprochene Fassung zum geschriebenen Wortlaut, dem Ketib jhwh). Gab es ein analoges aramäisches Kere (märe’)? Immerhin ist märeh/märjä’ jetzt als Gottesname in den Qumranschriften bezeugt. (11QTgJobXXIV,6f; 1QGenAp XX,12f).
Dieselbe Frage stellt sich für die LXX. In den alten LXX-Handschriften wird das Tetragramm nicht durch Kyrios wiedergegeben, sondern durch eine griechische Wiedergabe des Tetragramms. Möglich ist, dass man im Griechischen „Kyrios“ las. Sicher bezeugt ist das nicht. Nur ganz allgemein kann man nachweisen, dass „Herr“ bei Griechisch sprechenden Juden ein Gottesprädikat war (vgl. Jos Ant 10,90: Gott ist hier „der Herr aller“
Fazit: Die Akklamation Jesu als „Kyrios“ war wohl die entscheidenste Neuerung nach Ostern. Der Auferstandene wurde neben Gott verehrt. Er saß zu seiner Rechten (PS 110,1 vgl. Mk 12,36, Apg 2,34f; 1. Kor 15,25 usw.). Er partizipiert an göttlicher Macht. Vor allem aber wurde er nun als ein göttliches Wesen angerufen und verehrt, allerdings als ein göttliches Wesen, das wie der Philipperhymnus zeigt, vor seiner Erhöhung das menschliche Leben in extremer Niedrigkeit – bis hin zum entehrenden Kreuzestod – erlebt und erlitten hatte.

Zusammenfassung und hermeneutische Reflexion

Wer war Jesus? Die erste Antwort ist: Er war ein jüdischer Charismatiker, der unabhängig von allen messianischen Rollenerwartungen eine außernormale Ausstrahlungs-und Irritationsmacht ausübte. Sein Charisma zeigte sich darin, daß er sich implizit eine besondere Gottesnähe zuschrieb: Er bekräftigte seine Worte durch vorangestelltes Amen selber, als habe er sie von Gott empfangen Seine Antithesen transzendierten bewusst die Thora, ohne ihr zu widersprechen. Er reaktivierte die traditionelle Vatermetaphorik in einer Weise, die eine besondere Beziehung zu Gott anzeigt. Er sprach Sündenvergebung zu, die in der Regel von Gott selbst erhofft wurde. Und er wirkte im Bewußtsein, daß Gott durch ihn Wunder tat. So wenig er eine Lehre über sich entwickelte, so klar äußerte er sich über den Täufer, den er aus allen Menschen hervorhob. Sich selbst aber wußte er als den vom Täufer angekündigten "Kommenden", nur daß er ganz anders war, als der Täufer angekündigt hatte. Er überbot den Propheten, der in seinen Augen mehr war als alle anderen Propheten. Sein Selbstbewußtsein ist kaum zu unterschätzen.
Dies Vollmachtsbewußtsein transzendierte die Rollenerwartungen, mit denen er konfrontiert wurde - vor allem die Messiaserwartung, die neben anderen eschatologischen Erwartungen in vielen Varianten im Volk lebendig war. Es war keineswegs klar, in welchem Sinne jemand seine Messianität verstand, wenn er in ihm den "Messias" sah. Daher konnte Jesus ein Messiasbekenntnis zurückweisen, ohne damit den Messiastitel generell für sich abzulehnen; was er ablehnte, war die in einer spezifischen Messiaserwartung zum Ausdruck kommende Gesinnung (vgl. Mk 8,29 zusammen mit 8,33). Wahrscheinlich hatte Jesus ein messianisches Selbstverständnis im weitesten Sinne. Aber er wollte die Rolle des Messias nicht exklusiv, sondern zusammen mit seinen Jüngern ausüben, in denen er ein messianisches Kollektiv zur Regierung Israels sah. Er aktivierte ihre messianischen Hoffnungen. Eben diese Aktivierung von Messiaserwartungen wurde ihm zum Verhängnis: Er wurde wegen der vom Volk an ihn herangetragenen Messianität von den Römern gekreuzigt. Diesen ging es weniger darum, ihn und seine Lehre zu treffen. Sie wollten in ihm die messianischen Erwartungen des Volkes Israel "kreuzigen".


Da der Täufer seine messianische Erwartung nicht mit einem Titel verbunden hatte, konnte Jesus auf jeden vorgeprägten Hoheitstitel verzichten. Der einzige Begriff, den er explizit auf sich bezog, war der Ausdruck "Menschensohn" - und der war kein Titel, sondern ein alltäglicher Ausdruck, der erst durch Jesus messianisch aufgeladen wurde - freilich indem er an Visionen eines Himmelswesens anknüpfte, das einem Menschensohn glich. Es ist kein moderner Anachronismus, wenn man feststellt: Jesus hat den Ausdruck "Mensch" zum entscheidenden Hoheitstitel gemacht. Er hat dem Menschen schlechthin eine Würde gegeben, die alle anderen Hoheitstitel transzendierte: Messias, Sohn Gottes und Kyrios. Er vertrat eine Human-Christologie. Die in Dan 7 enthaltene Vision sagte: Israels Bestimmung war es, die tierischen Weltreiche durch ein humanes Reich abzulösen. Jesus erwartete das nicht von jemandem, der nur "wie ein Mensch" war, sondern von einem wirklichen Menschen. Er war überzeugt, selbst dieser Mensch zu sein - und in naher Zukunft zu werden. ln einer mythischen Symbolwelt wird mit solchen Bildern eine Art "Humanismus" zum Ausdruck gebracht. Diese Human-Christologie ging im Geschick Jesu in anderer Weise in Erfüllung als erwartet. Als Jesus in Galiläa das Reich Gottes verkündigte und nach Jerusalem hinaufzog, erhoffte er das baldige Hereinbrechen des Gottesreiches. Aber er wurde hingerichtet. Es kam nicht das Gottesreich. Es ereignete sich nicht das endgültige Eingreifen Gottes, um Israel und die Welt zum Heil zu führen. Gott griff in anderer Weise ein: Er erweckte nach dem Glauben der Jünger den Gekreuzigten vom Tode. Nur durch Leiden und Tod hindurch war der "Menschensohn" zu seiner Hoheit gelangt. Alles, was Jesus vorher implizit und explizit über sich gesagt hatte, alles, was andere von ihm erhofft oder befürchtet hatten, mußte im Lichte von Kreuz und Ostern neu formuliert werden.

Für das weitere Verständnis Jesu wurde entscheidend, was vom Bild Jesu diesen "Osterbruch" überstand. Denn mit Jesus wurden alle impliziten, evozierten oder expliziten Erwartungen gekreuzigt, um Ostern im Glauben der ersten Christen zu neuem Leben auferweckt zu werden. Die drei Titel, die nachösterlich in neuer Weise zur Geltung kamen, waren "Messias", "Sohn Gottes" und "Menschensohn" - ergänzt durch die Verehrung Jesu als Kyrios, die keinen vorösterlichen Vorläufer hatte. Von der alltäglichen Anrede "Herr" führt kein Weg zur Verehrung des Erhöhten als des "Herrn", der zur Rechten Gottes sitzt.

Der Messiastitel wurde aus nachösterlicher Perspektive noch enger mit Jesus verbunden als zuvor. Jesus war jetzt nicht nur mit Messiaserwartungen konfrontiert. Er wurde der Messias. In ihm waren die messianischen Erwartungen in Erfüllung gegangen, freilich in paradoxer Weise durch Leiden und Tod. Das Leiden des Messias wurde als Übernahme von Sünde und Schuld gedeutet. Dadurch wurde der Weg zu den Heiden geöffnet. Denn diese lebten in den Augen der Juden in der schrecklichen Schuld der Abwendung von dem einen und einzigen Gott. Jesus bestätigte somit als Messias Israels die alten Verheißungen - er bestätigte, daß sie mitten in einer vom Leiden bestimmten Welt gelten und an alle Völker gerichtet sind. Er schuf so die Voraussetzung für ein Christentum, das heute wieder das Judentum als seine Mutterreligion entdeckt und sich nicht mehr über das Judentum stellt, sondern zusammen mit ihm die Erfüllung der gemeinsamen Verheißungen mitten in der unerlösten Welt erwartet.

Der Sohn-Gottes-Titel knüpfte an messianische Erwartungen an, betonte jedoch in einzigartiger Weise Jesu Verbindung mit Gott. Nicht menschliche Erwartungen gingen hier in Erfüllung. Sohn Gottes war Jesus, weil eine göttliche Stimme ihn dazu machte. Schon im Neuen Testament bezeichnet der Sohnestitel Jesus als den Offenbarer, der die Stimme Gottes in der Welt repräsentiert. Das JohEv, das Jesus ganz als Gesandten Gottes versteht, dessen Kommen und Gegenwart in der Welt die entscheidende Botschaft enthält, ist nicht zufällig von einer "Sohn"-Christologie bestimmt. Als "Sohn" ist Jesus der Vertreter Gottes in dieser Welt - eine Chance, über ihn den Dialog mit dem verborgenen Gott aufzunehmen.

Im Zentrum christologischer Reflexion sollte aber der Menschensohn-Titel stehen, den Jesus selbst geprägt hat und den er erst zu einem messianischen Titel machte. Durch seine Human-Christologie verlieh er dem Menschen selbst messianische Würde. Der Osterglaube führte zum Glauben an einen verwandelten "Menschen", der auch jenseits der Todesgrenze nicht aufhört, Gottes Geschöpf zu sein. Diese neuen Perspektiven setzten eine utopische Kraft frei, daß durch Angleichung aller an diesen "neuen Menschen" traditionelle Unterschiede zwischen Völkern, Klassen und Geschlechtern überwunden werden könnten: Unterschiede zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen (Gal 3,28). Heutige Reflexion über Jesus darf in ihm eine Art Metamorphose des Menschlichen sehen. Schon im Urchristentum wurde die Vision Daniels auf Jesus bezogen: Das vom "Menschenähnlichen" herbeigeführte Gottesreich sollte die tierischen Reiche ablösen. In einer großartigen Vision wurde die menschliche Geschichte als Übergang von Tieren zu einem noch nicht erschienenen "Menschenartigen" gedeutet. Jesus wurde in die Rolle des Menschenähnlichen gerückt. Und die Frage ist immer wieder: Ob sich Menschen finden, die sich von der von Jesus verkörperten Verwandlung ergreifen lassen und trotz des Scheiterns aller Hoffnungen an Tod und Gewalt mitten in einer unerlösten Welt darauf vertrauen, daß im Bündnis mit Gott ein menschliches Leben möglich ist.
Alle bisher besprochenen Titel werden überboten von der Verehrung Jesu als Kyrios. Durch sie wird Jesus für die verehrenden Menschen in die Nähe Gottes gerückt. Um so entscheidender ist, daß diese Verehrung nie die Bindung an den irdische Jesus verliert - und an die Inhalte, welche durch die anderen christologischen Titel zum Ausdruck gebracht werden: Als Messias ist Jesus Sohn Israels; jede Beziehung zu ihm ist eine Beziehung zu Israel. Als Sohn Gottes ist Jesus Repräsentant der Stimme Gottes in dieser Welt; jede Beziehung zu ihm ist eine Beziehung zu Gott. Als Menschensohn ist Jesus eine neue Gestalt des Menschlichen. Glaube an ihn ist Teilnahme am unvollendeten Projekt Gottes in dieser Welt: am Menschen, dessen Geschichte und Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Das Problematische des Kyriostitels ist, daß Jesus durch ihn auch zu einer formalen Autorität erhoben werden kann. Der Mensch hat ein unausrottbares Bedürfnis, sich absoluten Autoritäten hinzugeben. Die Religions- und Christentumsgeschichte zeigt, daß die Hingabe an verabsolutierte "Herren" gefährliche Energie aktivieren kann. Das Herrsein Jesu – oder anders ausgedrückt: seine Autorität - muß daher immer an den Galiläer und Juden Jesus gebunden bleiben, an den Freund der Zöllner und Sünder, den Kritiker der Selbstgerechten, den Verkünder der Gnade Gottes, an das Opfer priesterlicher Feind - Seligkeit und staatlicher Macht. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts stand die christliche Theologie in der Gefahr- nicht ohne Berührung mit einer verbreiteten autoritären Mentalität -, eine Kyrios-Christologie mit minimaler Rückbindung an den irdischen Jesus zu entwerfen. Der kerygmatische Christus, d.h. der nachösterlich als Kyrios verehrte, wurde als absolute Macht gepredigt, die fordert und begnadigt. Das menschliche Antlitz des irdischen Jesus ging verloren. Seine jüdischen Züge verblaßten. Der von ihm offenbarte Gott drohte, zu einem autoritären Gott zu wer den. Die Suche nach dem historischen Jesus galt als gescheitertes Unternehmen liberaler Theologie. Dies Buch zieht eine Zwischenbilanz in einer Neuorientierung der Theologie, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah. Es möchte informieren, darüber, wer Jesus war. Aber es möchte auch einen Zugang zu ihm ermöglichen, der nicht durch autoritäre Zumutungen verstellt wird.