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Ein Leben Jesu in Kurzfassung



RÜCKBLICK: EIN LEBEN JESU IN KURZFASSUNG

(Seite 493 – 496)
Historische Wissenschaft erzählt nicht, was geschehen ist, sondern reflektiert über Quellen, Forschungslagen, Methoden und Probleme. Und doch handelt Geschichtswissenschaft letztlich von Ereignissen, die sich erzählen lassen — auch wenn jede Erzählung verkürzt. Daher sei am Ende eine kurze Erzählung gewagt: ein Leben Jesu in Kurzfassung, zu dem man das ganze vorhergehende Buch als Einleitung mit Fragezeichen, Vorbehalten und Alternativen betrachten kann. Wir geben diese Zusammenfassung mit großem Zögern. Wichtiger als die hier angedeuteten Ergebnisse sind uns die Probleme, die hinter ihnen stehen; wichtiger als die Antworten der Jesusforschung die Fragen, die zu ihnen führen. Unsere Antwort auf die Frage: Wer war Jesus? würde als Kurzerzählung zur Zeit so lauten:
Jesus wurde kurz vor Ende der Regierungszeit Herodes I. (37-4 v.Chr.) als Sohn des Holz- und Steinarbeiters Joseph und seiner Frau Maria in Nazareth geboren. Er hatte mehrere Brüder und Schwestern. Die Namen der Brüder sind teilweise bekannt. Er muß eine elementare jüdische Bildung besessen haben, war mit den großen religiösen Traditionen seines Volkes vertraut, lehrte in Synagogen und wurde in der Zeit seines öffentlichen Wirkens „Rabbi" genannt.
In den 20er Jahren des 1. Jh. n.Chr. schloß er sich der Bewegung Johannes des Täufers an, der alle Israeliten zur Umkehr aufrief und durch eine Taufe im Jordan Rettung im unmittelbar bevorstehenden Gericht Gottes versprach. Der Täufer bot dadurch in ritueller Form Sündenvergebung — unabhängig von den Sühnemöglichkeiten des Tempels — an. Das war ein Mißtrauensvotum gegen die zentrale religiöse Institution des Judentums. Sie war ineffektiv geworden. Auch Jesus ließ sich von Johannes taufen. Wie alle anderen hat auch er seine Sünden bekannt. Wie alle anderen hat auch er mit dem nahen Gericht Gottes gerechnet.
Jesus trat bald unabhängig vom Täufer auf — mit einer verwandten Botschaft, betonte aber stärker die Gnade Gottes, die allen Menschen noch eine Chance und Zeit läßt. Vielleicht verarbeitete Jesus so die Erfahrung, daß das vom Täufer angekündigte Gericht nicht unmittelbar hereinbrach. Die Welt existierte weiter; schon das war ein Zeichen der Gnade Gottes. Jesu Grundgewißheit war in der Tat, daß eine endgültige Wende zum Guten geschehen war. Der Satan war besiegt, das Böse grundsätzlich überwunden. Man konnte es in Exorzismen erleben, bei denen die Dämonen fliehen mußten.
Mit dieser Botschaft zog Jesus als heimatloser Wanderprediger durch Palästina mit Schwerpunkt in kleinen Orten am Nordwesten des galiläischen Sees. Aus dem einfachen Volk, aus Fischern und Bauern, wählte er zwölf Jünger mit Petrus an der Spitze aus, Repräsentanten der zwölf Stämme Israels, mit denen er das bald wiederhergestellte Israel „regieren" wollte. Was ihm vorschwebte, war eine Art "repräsentative Volksherrschaft". Außerdem begleiteten ihn andere aus dem Volk, darunter auch Frauen, was für einen jüdischen Lehrer ungewöhnlich war. Maria Magdalena hatte unter ihnen eine besondere Stellung. Seine Familie hielt ihn zeitweilig für verrückt, auch wenn sie später, nach seinem Tode, zu seinen Anhängern gehörte.
Im Zentrum der Botschaft Jesu stand der jüdische Gottesglaube! Gott war für ihn eine ungeheure ethische Energie, die bald zur Rettung der Armen, Schwachen und Kranken die Welt verwandeln werde, die aber für alle, die sich nicht von ihr ergreifen ließen, zum „Höllenfeuer" des Gerichts werden konnte. Jeder hatte die Wahl. Jeder hatte eine Chance, gerade die, die nach religiösen Maßstäben Versager und Verlierer waren. Jesus suchte die Gemeinschaft mit ihnen, den „Zöllnern und Sündern". Prostituierten traute er mehr Offenheit für seine Botschaft zu als den Frommen. Er vertraute auf seine Macht, Menschen zur Umkehr zu bewegen. Einen Nachweis der Umkehr verlangte er nicht, auch keine Taufe. Gottes Güte war ihm ohne solche Riten gewiß.
In seinem Gottesbild verband er zwei traditionelle Bilder in neuer Weise. Gott war ihm Vater und König. Aber er sprach nie von ihm als König, sondern immer nur von seinem „Königtum". Er vertraute darauf, daß sich die Güte des Vaters in seiner Königsherrschaft durchsetzen würde und daß dieser Prozeß in der Gegenwart begann. Das verkündigte er durch Worte und Taten.
Unter seinen Worten beeindruckten vor allem die Gleichnisse, Meine poetische Erzählungen, die auch einfachen Menschen zugänglich waren, in denen er ihnen jedoch ein „aristokratisches" Selbstbewußtsein einschärfte: Alle hatten eine unendliche Verantwortung vor Gott, alle durften im Blick darauf ihr ganzes Leben riskieren. Heil und Unheil waren jetzt nahe.
Gleichzeitig wirkte er als charismatischer Heiler. Menschen strömten zu ihm, um von seiner Heilgabe zu profitieren. Er sah in diesen Heilungen Zeichen der schon beginnenden Gottesherrschaft und zugleich Ausdruck der Kraft menschlichen Glaubens. Schon früh traute man ihm unglaubliche Sachen zu: Die Fama vom Wundertäter Jesus machte sich schon zu seinen Lebzeiten gegenüber der Realität selbständig, wenn man z.B. von wunderbaren Brotvermehrungen erzählte.
Die große Verwandlung der Welt durch Gott sollte auch den menschlichen Willen verändern: Jesu ethische Lehre war der Entwurf eines ganz vom göttlichen Willen bestimmten Menschen. Er verschärfte die universalen Aspekte der jüdischen Thora und ging „liberal" mit jenen rituellen Aspekten um, die Juden von Heiden unterschieden. Aber er blieb in all seinen Lehren auf dem Boden der Thora. Ins Zentrum seiner Ethik rückte er das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, radikalisierte es jedoch zur Verpflichtung, auch die Feinde, die Fremden und die religiös Deklassierten zu lieben. Bei rituellen Fragen war er demonstrativ nicht-fundamentalistisch; Beim Sabbat dehnte er die anerkannten Ausnahmeregelungen vom Fall der Lebensrettung auf Fälle von Lebensförderung aus. Seine Skepsis gegenüber der Unterscheidung von reinen und unreinen Dingen, die von Gott trennen können, hat er zum Ausdruck gebracht, ohne daraus konkrete Verhaltenskonsequenzen für die Gegen-
wart zu ziehen. Seine Vision von der zukünftigen Gottesherrschaft bestand auf jeden Fall in einem großen gemeinsamen Mahl, bei dem Juden und Heiden nicht mehr durch Speise- und Reinheitsgebote getrennt wurden.
Was er für alle lehrte, ist zu unterscheiden von Anforderungen an seine Nachfolger und Nachfolgerinnen: Hier konnte er im Einzelfall Verstöße gegen die Thora fordern, auch die Mißachtung des Elterngebots und (wahrscheinlich) der Reinheitsgebote. Hier verlangte er eine radikale Ethik der Freiheit von Familie, Besitz, Heimat und Sicherheit. Als Wanderprediger konnte er sich mit seinen Anhängern der domestizierenden Macht alltäglicher Pflichten entziehen.
Durch Lehre und Leben erregte er Aufmerksamkeit und Widerspruch. Mit den Pharisäern diskutierte er über sein Verhalten — gerade deshalb, weil er ihnen in Vielem nahestand. Beide wollten vom Willen Gottes her das ganze Leben durchdringen, stritten aber über den Weg. Solch ein Streit schuf keine Todfeindschaft. Zum Verhängnis wurde Jesus erst seine Kritik am Tempel, als er zum Passa nach Jerusalem zog. Schon der Täufer hatte dem Tempel indirekt Legitimation entzogen. Jesus aber griff ihn direkt an: Er weissagte, daß Gott einen neuen Tempel an die Stelle des alten setzen werde. Durch eine symbolische Handlung, die sog. Tempelreinigung, störte er den Tempelkult und provozierte bewußt die mit dem Tempel verbundene Aristokratie. Für seine Jünger setzte er (als Ersatz für die Opferriten im Tempel?) beim letzten gemeinsamen Mahl einen neuen Ritus ein: ein schlichtes Essen, das er einen Tag vor dem Beginn des Passafestes in Erwartung einer dramatischen Zuspitzung des Konfliktes mit der Jerusalemer Aristokratie mit ihnen zusammen einnahm. Wahrscheinlich schwankte er (wie im Gethsemanegebet in einer poetisch verdichteten Szene zum Ausdruck kommt) zwischen Todeserwartung und der Hoffnung, daß Gott doch noch vor seinem Tode eingreifen und seine Herrschaft verwirklichen werde. Judas, einer aus dem engsten Jüngerkreis, verriet seinen Aufenthaltsort, so daß er nachts ohne Aufsehen verhaftet werden konnte. Die Aristokratie, die ihn inhaftierte, schritt gegen ihn wegen seiner Tempelkritik ein, klagte ihn aber vor Pilatus wegen des politischen Verbrechens an, als Königsprätendent nach der Macht gegriffen zu haben. In der Tat erwarteten viele im Volk und unter seinen Anhängern, daß er der königliche Messias sein werde, der Israel zu neuer Macht führen werde. Jesus hat sich vor Pilatus von dieser Erwartung nicht distanziert. Er konnte es auch nicht. Denn er war überzeugt, daß Gott durch ihn die große Wende zugunsten Israels und der Welt durchführen werde. Als politischer Unruhestifter wurde er verurteilt und zusammen mit zwei Banditen (sehr wahrscheinlich im April 30 n.Chr.) gekreuzigt. Seine Jünger waren geflohen. Einige Jüngerinnen aber waren mutiger und erlebten die Kreuzigung von fern.
Nach seinem Tod erschien er zunächst entweder Petrus oder Maria Magdalena, dann mehreren Jüngern zusammen. Sie kamen zu der Überzeugung, daß er lebendig war. Ihre Erwartung, daß Gott endgültig zugunsten des Heils eingreifen werde, war anders in Erfüllung gegangen, als sie erhofft hatten. Sie mußten das ganze Geschick Jesu und seine Person neu deuten. Sie erkannten: Er war der Messias, aber er war, womit sie nicht gerechnet hatten, ein leidender Messias. Sie erinnerten sich: Jesus hatte von sich als „dem Menschen" gesprochen — gerade dann, wenn er mit allzu hohen Erwartungen an sich konfrontiert war. Er hatte dem allgemeinen Begriff des „Menschen" eine messianische Würde gegeben und gehofft, in die Rolle dieses „Menschen" hineinzuwachsen und sie in naher Zukunft auszufüllen. Jetzt sahen sie; Er war „der Mensch", dem Gott nach einer Weissagung in Dan 7 alle Macht im Himmel und auf Erden geben wird. Für sie rückte Jesus an die Seite Gottes. Der christliche Glaube war als eine Variante des Judentums geboren: ein messianisches Judentum, das sich erst im Laufe des 1. Jh. nach und nach von seiner Mutterreligion trennte.

So weit unser Versuch einer kurzen Erzählung von Jesus. Erzählungen begründen Identität. Die Erzählung von Jesus ist die Grundlage christlicher Identität. Wenn unsere Erzählung zutrifft, dann muß sich das Selbstverständnis des Christentums in einem Punkte verändern. Jesus gehört geschichtlich und theologisch ins Judentum.
Durch Juden, die an ihn glaubten, wurde er gleichzeitig zum Grund des Christentums. Er gehört somit heute zwei Religionen an, die sich erst nach seinem Tode auseinander entwickelten. Ihr gemeinsames Thema ist das Leben im Dialog mit dem einen und einzigen Gott und die ethische Verantwortung für Welt und Gesellschaft. Ein Christentum, das sich in der Nachfolge Jesu um beides bemüht, kann sich selbst nur treu bleiben, wenn es seinen jüdischen Wurzeln treu bleibt, wenn es seine soziale Verantwortung wahrnimmt und wenn es die Jesusüberlieferung als Chance begreift, den Dialog mit Gott immer wieder neu zu beginnen.