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Worum es eigentlich geht


Worum es eigentlich geht -
Protokoll einer Verurteilung (Seite 9 bis 22)
Von Eugen Drewermann

Aus dem Klappentext:
Verstehen Sie, Herr Erzbischof, das »Bedenkliche« meiner Theologie liegt nicht in einem Widerspruch zu bestimmten Lehrinhalten, die Sache steht weit schlimmer oder besser: Was ich möchte, ist nicht mehr und nicht weniger als eine grundlegende Veränderung der gesamten Art und Weise, wie heute Theologie betrieben wird; ich möchte dies aber aus Glauben, nicht aus Glaubenslosigkeit.
(Eugen Drewermann, in einem Brief an Erzbischoff Degenhardt)

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Dokumentation der Auseinandersetzung bis zur Verurteilung Drewermanns. In ihr erhält der Leser eine Antwort auf die Frage, worum es in diesem Streit eigentlich geht, von seiten der Amtskirche, von seiten Eugen Drewermanns und in der Öffentlichkeit. Eugen Drewermann gibt Zeugnis vom unbeirrbaren Festhalten an seiner Vision der christlichen Existenz heute. Peter Eicher erläutert im abschließenden Beitrag den großen Zusammenhang dieses öffentlichen Konflikts.
Seit langem hat keine religiöse Debatte die Öffentlichkeit so beschäftigt. Ein unverzichtbares Buch zum Verständnis dieser Auseinandersetzung.

Nachsicht und Aussicht oder: Wie es kam und wie es weitergeht

Am 8. Oktober 1991 hat der Erzbischof von Paderborn, sekundiert von der Glaubenskommission der Deutschen Bischöfe, mir per Dekret die Lehrerlaubnis als Privatdozent an der Theologischen Fakultät zu Paderborn entzogen und zugleich in Aussicht gestellt, er werde, wie in drei Briefen vom September 1991 bereits angekündigt, mir auch das Priesteramt entziehen, falls ich nicht »die Gemeinschaft mit der Kirche ... bereitwilliger ... bekunden« sollte (S. 378). Am 10.1.1992 hat er mir die Predigterlaubnis entzogen und durch seinen Generalvikar meine Stellung als Hilfsgeistlicher an der Gemeinde St. Georg nach 17jähriger Tätigkeit beendet. Der Katalog seiner Maßnahmen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht beendet, doch erscheint die Suspension vom Priesteramt und der Ausschluß aus der Kirche inzwischen bereits als beabsichtigt und folgerichtig. Es ist für mich selbst nicht ganz einfach zu verstehen, was sich da abspielt, und es ist noch weniger einfach, es anderen verständlich zu machen. Doch ich will es versuchen, um so mehr, als es um die vielleicht letzte Chance geht, meinen Standpunkt innerhalb der katholischen Kirche zu erläutern.

Glaube ist persönliche Entscheidung, oder: Was ist eine prophetische Existenz?

Die erste Schwierigkeit liegt bereits darin, überhaupt zu erklären, wieso es möglich oder sogar nötig sein kann, als Priester, als Theologe, als Gläubiger mit der Kirche im Amt, gelinde gesagt, in Schwierigkeiten zu geraten. »Wer nicht mit den Statuten eines Vereins übereinstimmt, der muß eben die Konsequenzen tragen und gehen.« So einfach erscheint die Angelegenheit in den Augen vieler innerhalb wie außerhalb der Kirche. Aber so einfach ist sie nicht. »In der Kirche ist doch jeder freiwillig; die Kirche aber hat das Recht festzustellen, wer mit ihr übereinstimmt oder nicht.« Das ist richtig und falsch zugleich. Es ist richtig, weil es christlich gesehen keinen Glauben gibt, der nicht auf persönliche Entscheidung gründen würde; aber es ist falsch, weil die Institution, die sich heute von Amts wegen Kirche nennt, das größte Interesse daran trägt, autoritär vorwegzuentscheiden, was Glauben ist, und das Persönliche damit gerade zum Unwesentlichen, ja Gefährlichen zu machen. Am Ende ist die christliche Kirche womöglich gar nicht so christlich? Einen solchen Gedanken auch nur für möglich zu halten, ist in den Augen der kirchlichen Lehre bereits wortwörtlich eine schwere Sünde gegen den Glauben, ja, gegen den Heiligen Geist, ein solcher Gedanke ist für sie Anarchie, »billige Polemik« und aufrührerische Hetze, auf so etwas steht das Interdikt (bei Klerikern) bzw. die Exkommunikation (bei Laien) (S. 364f.). Aber die Botschaft Jesu enthält eine Menge solcher Gedanken und Möglichkeiten, und unterhalb dieses Niveaus an Beunruhigung, Unsicherheit und Riskiertheit ist eine wirkliche Gemeinschaft mit der Person des Mannes aus Nazaret offenbar nicht möglich. Die »Kirche« aber sollte eine solche Gemeinsamkeit vermitteln, nicht verhindern; und gerade hier liegt das Problem.
Der Paderborner »Oberhirte« (ein Wort, christlich gesehen, so grotesk wie die Titel Eminenz und Exzellenz, doch so nennt man auch heute noch Bischöfe und Kardinäle im Amte), Herr Degenhardt also, hat im November 1991 im Nachtrag zu meiner Verurteilung, um die Mitglieder seines Priesterrates hinter sich zu bringen und für die nächste Stufe seines Maßnahmenkataloges schon einmal freie Hand zu bekommen, in aller Form erklärt, er habe mit seinem Dekret eigentlich nichts anderes getan, als es in jedem Verein üblich sei, wo der Vorsitzende einzelne Mitglieder, die den Statuten entgegenhandelten, feuern könne, ja, notfalls müsse. Doch eben: die Kirche ist kein Verein, oder sie hört auf, eine Gemeinschaft von Glaubenden (»Kirche Christi« in Theologendeutsch) zu sein.
Der Grund für diese Tatsache ist einfach. Wie auch immer man die Botschaft Jesu auslegen will, eines ist ganz klar: Was der Jude Jesus gewollt hat, war keine neue institutionell verfaßte Religionsform gegen oder über Israel hinaus; was er wollte, war einzig und allein die Ernstnahme der kostbarsten Verheißungen der Propheten seines Volkes: daß Gott »am Ende der Tage«, d.h. endlich und endgültig heute und jetzt, sein »Gesetz« »in das Herz« der Menschen schreiben werde, so daß er ihr Gott sein und sie (wieder!) sein Volk sein würden. »Da wird keiner mehr den anderen, keiner seinen Bruder (seine Schwester) belehren und sprechen: >Erkennet den Herrn!<, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und groß, ... denn ich werde ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünden nimmer gedenken« (Jer 31,34). Jesus glaubte von Herzen, es sei möglich, von Gott her eine solche Gemeinschaft von Menschen zu begründen, in der keiner mehr den anderen moralisch oder religiös ausgrenze, sondern in der alle einander wie Gerettete nach einem Schiffbruch die Hand reichten in dem Bewußtsein, einzig zu leben aus einem Geschenk unverdienter Gnade. So viele Gleichnisse Jesu, seine Macht, in der Energie einer vergebenden, aufrichtenden Güte Kranke: Blinde, Gelähmte, von Dämonen Verwüstete, anzurühren und zu heilen, die Mitte vor allem der gesamten Bergpredigt, ergibt sich einzig aus diesem Zentrum einer inneren Evidenz: Wir alle sind in Schuld und Vergebung miteinander untrennbar verflochten, und allesamt bedürfen wir einer unbedingten Akzeptation, die unsere Angst beruhigt und unsere Verstellungen öffnet. Heilen statt Strafen, Annehmen statt Verurteilen, Hineinholen statt Ausgrenzen, persönliches Vertrauen statt beamteter Versicherungen, ein Leben heute statt ein Dahinvegetieren in toten Traditionen oder leeren Vertröstungen, die Wahrheit jetzt in der Herausforderung einer absoluten Entscheidung — das war die Glut, die in dem Manne aus Nazaret loderte und mit der er eine ganze Welt in Brand stecken wollte und sollte. Kein Programm oder Richtlinienkodex einer bestimmten Menschengruppe gegen eine andere Menschengruppe ist damit vereinbar. Krieg dem Kriege, ja; Kampf der Intoleranz, ja; Sturz der Machthaber, die auf dem Thron Gottes selber zu sitzen glauben, ja, ja! Aber Ausgrenzung von Menschen? Ein Lehrsystem der Orthodoxie? Eine Jesus-Kunde und Kirchenkunde (»Christologie« und »Ekklesiologie« in Theologendeutsch), die Menschen kündigt, weil sie in den fertigen Sprachspielen einer bestimmten Sorte beamteter Kirchenleute nicht kundig genug sind, das alles nein und abermals nein.
Der Grundfehler ist so alt wie das, was heute »Kirche« heißt. Jesus lehrte, auf Gott zu vertrauen und von Gott her auch auf sich selbst und den Menschen an unserer Seite; er lud uns ein, in seiner Nähe mit ihm ein solches Vertrauen zu gewinnen, und seine Person war so sehr bestimmt durch diese Haltung einer vertrauensvollen Güte und Offenheit, daß er selbst den Zerbrochenen Mut und Hoffnung zurück-schenkte. Es ist nicht zu viel behauptet: Seinetwegen, einzig seinetwegen bzw., genauer gesagt, der Menschen wegen, die durch ihre Liebe und durch ihr Dasein mir helfen, die Botschaft Jesu zu verstehen, glaube ich an einen persönlichen Gott. Wer aber ist dann er, der in seiner Person die Persönlichkeit -Gottes uns nahebringt und uns die Möglichkeit gibt, in diesem Glauben zu einer eigenen Persönlichkeit zu reifen? Seine Person ist selber von Gott, sagen wir; er ist Gottes Sohn, sagt die Sprache des Neuen Testamentes, wenn sie Jesus als die Verkörperung des göttlichen Willens, als den »König« oder den »Diener« oder den »Wesir« bzw. als den personifizierten Sachwalter Gottes darstellen will. Das alles sind Bilder, die ein Zentrum erneuerter Existenz und vermenschlichter Erfahrung beschreiben möchten; sie alle sollen uns mit hineinnehmen in ein Vertrauen, wie Jesus es vorgelebt hat: ergriffen mit dem ganzen Dasein, fähig, die Angst zu vergessen, und stark genug, um ungeschützt durch den Wind und die Wellen auf ihn hin über das Wasser zu gehen. Diese Welt trägt, wenn wir uns tragen lassen von den unsichtbaren Händen einer Macht, die wir im Vertrauen trotz allem als väterlich entdecken können. Und wir selber, wären wie »S Söhne. (Schwestern) Gottes«, wirkten und hielten wir in diesem Glauben Frieden untereinander (Mt 5,9). So einfach ist das alles, und so einfach könnte es sein. Doch es ist alles sehr kompliziert. Durch die Kirche merkwürdigerweise. Durch die kirchliche Lehre über Jesus Christus vor allem.

Eine kleine Geschichte hilft hier wohl weiter; Graham Greene beschreibt sie in seinem Roman »Das Herz aller Dinge«. Major Scobie hat seine Frau vor Jahren geheiratet in der festen Absicht, wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen, und er hat in den Jahren seiner Ehe in dieses Bemühen alles investiert, was er an gutem Willen, an Treue, an Verantwortungsgefühl, an Zuverlässigkeit, an Pflicht und Fleiß aufzubringen vermochte. Mehr zu tun, war ihm nicht möglich. Doch um so schmerzlicher muß er spüren, daß er sich mehr und mehr von seiner Frau entfernt. Es gibt kein wirklich verbindendes Gefühl zwischen ihnen, ja, es hat, bei Lichte besehen, im Grunde niemals eines gegeben. Was es gibt und all die Zeit über gegeben hat, war ein Austausch von Nettigkeiten und Artigkeiten, von ritualisierten Formeln des versicherten Wohlwollens, die irgendwann einmal entstanden waren, um einen Augenblick gemeinsamen Glücks zu bewahren und zu vergegenwärtigen, die bald aber das Leben zuerst ersetzt, dann zersetzt, schließlich in einen Fäulniszustand uneingestandenen Widerwillens verwandelt hatten. Es genügt, daß Scobie, im unteren Zimmer ihres Hauses allabendlich die Stunden einer verlorenen Gemeinsamkeit mit Alkohol betäubend, mitanhören muß, wie seine Frau ihm vom Schlafzimmer aus zuruft: »Tiki, wann kommst du«, und es stellt sich unmittelbar diese Mischung aus Langeweile und Überdruß, d.h. aus Selbstüberwindung und disziplinierter Rücksichtnahme ein, die eine Ehe äußerlich stabilisieren soll, während sie in Wahrheit längst zerfallen ist. Es bedarf nur noch eines bestimmten Anlasses, um bestimmtenAnlasses,um diesen Zustand offen zutage treten zu lassen.

um diesen Zustand offen zutage treten zu lassen.

Schaut man sich den Zustand der katholischen Kirche in unseren Tagen an, so gleicht er auf verzweifelte Weise einer solchen Scobie Ehe. Nicht daß es an gutem Willen mangeln würde, — davon gibt es eher zu viel als zu wenig; woran es aber entscheidend gebricht, ist die Echtheit eines persönlich geführten Lebens mit stimmigen Gefühlen und eigenen Gedanken, mithin in der Kraft einer wirklichen Subjektivität leidenschaftlicher Ergriffenheit und Entschiedenheit; was man statt dessen vor sich sieht, ist die Umwandlung des gesamten religiösen Lebens in ein Ritual orthodoxer Richtigkeiten und sakramentaler Wichtigkeiten; die Zeichen, die das Bedeutende anzeigen sollten sind selber das Bedeutende geworden. Aus der persönlichen Beziehung gelebten Vertrauens ist ein Formelspiel kirchlich verwalteter sakraler Vermittlungen geworden, aus denen das Leben längst ausgewandert ist. An die Stelle der Liebe ist die leere Gebärde getreten, an die Stelle des glaubenden Subjekts die tradierte Lehre, an die Stelle lebendiger Erfahrung die dogmatische Verlautbarung des Lehramtes. In all diesen Formeln könnte sich ein wirkliches Gefühl, eine wahre Beziehung aussagen, doch wie die Dinge jetzt Hegen, bedürfte es dazu erst einmal der Zerstörung all der ritualisierten Formeln garantierter Richtigkeiten, um einer Neubildung wirklichen Lebens Raum zu geben. Zweitausend Jahre nach der Geburt Jesu stehen wir heute vor der gleichen Aufgabe, der Jesus selber sich gegenübersah: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um eine Regeneration des gesamten religiösen Lebens aus dem Zentrum gelebter Persönlichkeit. Es geht um eine zutiefst prophetische Reformation des zu Tode erkrankten kirchlichen Organismus. Wie denn ist Jesus in seinen Tagen aufgetreten? Wie magisch gezogen ist er den Spuren seines Lehrers Johannes des Täufers hinaus an den Jordan gefolgt, um diesem Mann zu begegnen, der dem offiziellen Tempelkult, der verfaßten Priesterschaft im Heiligtum und der etablierten Zunft der Theologen und autorisierten Schrifterklärer die Leviten las; hier endlich, muß Jesus gedacht haben, nach Jahrhunderten der Abwesenheit des göttlichen Geistes, regt sich ein Ursprüngliches an religiöser Botschaft wieder neu, und der Mann aus Nazaret hat es aufgegriffen und sich zu eigen gemacht, verwandelt und verändert zwar im Maß seiner Menschlichkeit, doch nicht weniger innig und innerlich. Gott spricht wesentlich aus dem Inneren des Menschen, und wer von Gott wahrhaft reden will, der muß zum Herzen der Menschen reden — Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden: Alles hat Jesus in diese Erfahrung gesetzt. Sie war für ihn die Rahmenbedingung einer erneuerten Religiosität. Sie ist die Grundvoraussetzung aller Prophetie. Sie ist — man kann es nicht anders sehen —heutigen Tags das Ekrasit der bestehenden Kirche(nordnung). Denn schauen wir uns um, was aus der Botschaft Jesu in den Händen und im Munde der Kirche geworden ist. Eine prophetische Erneuerung —es kann sie nicht, es braucht sie nicht, es darf sie nicht mehr geben. Der Grund: Wir alle, die wir getaufte Christen sind, haben teil an der Prophetengabe des Heiligen Geistes, der uns in dem Sakramente der Taufe verliehen wurde, das uns mit hineinnimmt in das Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi. Der Kontrast, die Diskrepanz zwischen dem, was Jesus war und wollte, und dem, was wir heute sind und im Namen der Kirche zu sein haben, könnte nicht schreiender sein. Jesus lebte eine prophetische Existenz, nicht minder radikal als sein Lehrer Johannes der Täufer; beiden kostete die Kompromißlosigkeit für die Wahrheit, ihr Kampf gegen die bestehende religiöse und gesellschaftliche Ordnung nach wenigen Jahren öffentlichen Wirkens das Leben; insbesondere Jesus zog sich sehr bald den Vorwurf der Theologen seiner Zeit zu, er sei ein Wahnsinniger oder ein vom Satan Besessener, er sei, m.a.W., entweder psychisch krank oder ein teuflischer Verführer, vermutlich beides; und doch glaubte er, durch diese Maschinerie des Todes hindurchgehen zu müssen, um jenseits des Zusammenbruchs der bestehenden Strukturen und Reglements ein wahres Leben neu errichten zu können.
Ich selber sehe Tag für Tag im Gespräch mit Menschen, die seelisch sehr leiden, wie tödlich, wie kränkend, wie irrsinnig und widergöttlich der ganz alltägliche Umgang in Kirche und Gesellschaft wirken kann, und ich lerne von ihnen, was es heißt, im Vertrauen ein Stück gemeinsam an der Seite Jesu sich durch die Mauern versteinerter Ängste hinübertragen zu lassen in ein anderes gütigeres, freieres, persönlich glaubwürdigeres Leben. Aber nun zu hören, das alles sei ja »nur Psychologie«, das »Eigentliche« sei darin zu sehen, daß »die Kirche« über ein Sakrament verfüge, vermittels dessen wir bereits als drei Wochen alte Kinder durch die Taufgnade mit dem unauslöschlichen Merkmal der Kirchenzugehörigkeit hineingenommen seien in den Liebesbund der Erlösung des dreifaltigen Gottes — das ist erkennbar die Travestie des Prophetischen zur Posse. Doch gerade diese Travestie ist beabsichtigt. Nicht die Entschiedenheit persönlich geführter Existenz, sondern die Vorwegentschiedenheit der Volkskirche ist jetzt das Ziel der kirchlichen Ordnung. Da soll nicht länger mehr jemand zu einem Christen werden, indem er am eigenen Leibe erfährt, was es heißt, vom Tode hinüberzugehen ins Leben, da soll ihm dies allzu Gefährliche seines Lebens von den Schultern genommen werden durch die Entscheidung der »Gemeinde« in Gestalt der Eltern, die ihm das Leben geschenkt haben. Da feiert die Kirche vom ersten Lebenstage an den Sieg des Allgemeinen vor dem Individuellen. Da beginnt vom ersten Atemholen an das Einüben der richtigen Redensarten, und eine christliche »Erziehung« — das ist jetzt so viel wie die deutsche Sprache zu lernen oder das kleine Einmaleins.

Über alles nämlich jetzt die christliche Erziehung! Im Sinne Jesu sollte man meinen, alles liege daran, die Menschen ein besänftigendes, ihre Ängste hinderndes, ihre Krankheiten linderndes Vertrauen zu Gott zu lehren, und ein solches Unterfangen sei ähnlich schwer, ja im Grunde dasselbe, wie einen Menschen das Lieben zu lehren und mit dem Lieben das Träumen und mit dem Träumen das Dichten und mit dem Dichten das Singen und mit dem Singen die Freude und mit der Freude die Hoffnung und mit der Hoffnung ein Stück vom Himmel auf Erden schon heute zu leben ... Nichts von all dem läßt sich vermitteln außerhalb einer intensiven persönlichen Begegnung, Zuwendung und Begleitung; es mag Regeln des Dichtens geben, es wird Schemata des Gesangs geben, gewiß existiert irgendwo ein kulturell aufgehäuftes Sammelsurium von Anstandsregeln und Konventionen im Umgang miteinander, und all das hat sein Recht und seine Berechtigung; doch es ist niemals das Wesentliche, es ist stets nur das Mittelbare, um sich leichter mitzuteilen, es geht prinzipiell alles auch noch ganz anders, wenn nötig. Anders hingegen in der kirchlichen Praxis und Lehre. Das Persönliche —das wäre ja das Gefühlsaufwendige, das geistig Riskante, das Nichtfestgestellte, das Abenteuerliche des Lebens; der Person eines Menschen, der wirklich frei ist, kann man niemals endgültig sicher sein. Weit nützlicher daher, man schafft das gesamte persönliche Verhältnis zwischen dem einzelnen und seinem Gott, wie Jesus es lebte, als etwas der Menge nicht Zumutbares ganz einfach ab und ersetzt es durch ein Pensum fertiger Lerninhalte; man ersetzt, anders gesprochen, den Glauben als eine Lebensform des Vertrauens durch eine Glaubenslehre beaufsichtigter Kontrolle.
Es stehe an dieser Stelle dahin, welche Gründe im einzelnen schon auf dem Boden des Neuen Testamentes in den Auseinandersetzungen mit der jüdischen Synagoge sowie mit den Bestrebungen der »Gnosis« und später dann in der Zeit des Übergangs der Kirche von dem Bekenntnischristentum der Märtyrer zur Staatsreligion des Römischen Reiches bestanden haben, um den Glauben an der Seite des Juden Jesus von Nazaret in den Glauben an den Gottessohn Christus ,zu verwandeln. Entscheidend ist einzig dies, daß aus dem Glauben als einem Existenzverhältnis im Sinne Jesu eine intellektuelle Einstellung zu bestimmten lehrbaren Inhalten gläubigen Wissens gemacht wurde. Der Unterschied ist deutlich: Im Glauben — wie in der Liebe — kann es keine andere Steigerung geben als die Intensivierung von Gefühl, Gedanken und Empfindung, als eine Vertiefung und Verdichtung also der persönlichen Existenz; im Wissen um die Richtigkeit einer Glaubenslehre hingegen ist eine Steigerung ganz anderer Art vorgesehen, die darin liegt, das Existieren zu überwinden durch das Dozieren. Fortan gibt es eine Fülle von Inhalten zu wissen, zu analysieren, zu systematisieren, zu applizieren, zu demonstrieren, und während jeder Zweifel in der Liebe nur zu überwinden ist durch eine Vertiefung des Vertrauens, kann jetzt jedes Jota und Häkchen über alles entscheiden, — wenn man es nicht erforscht und überprüft bis zu Beweis und Gewißheit. Freilich liegt es in der Natur der Sache, daß es auf dem Wege argumentativer Absicherung niemals eine Sicherheit für Fragen der Existenz geben kann, ja, daß es selbst rein wissenschaftstheoretisch im Rahmen reflektierter Erkenntnis nie etwas anderes geben wird als Hypothesen über wahrscheinliche Annäherungen an eine Wirklichkeit, die lange schon nicht mehr das religiöse Leben selber ist. Also muß, um den ausfallenden Halt zu ersetzen, den das Vertrauen persönlich trotz aller Zweifel doch schenken kann, von außen her in den Zementbrei der religiösen Lehre ein neues Bindemittel gegossen werden, das da heißt: das kirchliche Lehramt. Nachdem man die lebendige Beziehung des Glaubens an der Seite Jesu als erstes in eine objektiv gültige Doktrin über das Wesen des Christus gemacht hat, gilt es jetzt, die objektive Gültigkeit dieser Doktrin dem Strom der Lehrmeinungen zu entziehen und sie mit einer unumstößlichen Gewißheit von Amts wegen auszustatten. »Geist« — das ist jetzt keine persönliche Erfahrung mehr, sondern das objektive Attribut bestimmter Auserwählter, die durch eine besondere sakramentale Weihe in den Besitz spezieller Pflichten, Befähigungen und Vollmachten gelangt sind. Nur ein Bischof z.B., dem durch die Handauflegung eines andern Bischofs in der historischen »Nachfolge« der »Apostel« die Weihegnade des Apostelamtes zuteil wurde, kann letztlich wissen und entscheiden, was katholische Wahrheit ist, und mehr noch: Nur ein Priester, den ein solcher in historischer »Sukzession« geweihter Bischof durch Handauflegung geweiht hat, ist imstande, etwa in der Eucharistiefeier die Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi zu wandeln; so etwas kann beispielsweise nicht ein evangelischer Pfarrer oder ein anglikanischer Geistlicher, der von einem reformierten Bischof ordiniert worden ist. Zwar gilt nach wie vor der Satz: Wir alle sind Kirche, aber es zeigt sich doch, daß »wir alle« nur solange »Kirche« sind, als wir vereinigt sind mit dem Bischof als dem Haupt der Kirche, in welchem der Geist des auf mystische Weise fortlebenden Christus »in besonderer Weise«, d.h. weisungsmächtig und garantiert Wahrheit sprechend wirksam ist. Die Hierarchisierung der Wahrheit im Rahmen einer objektiven Lehre, mithin die Beamtung der Existenz und die Ideologisierung der lebendigen religiösen Erfahrung — sie beide bilden heute erkennbar den Hauptcharakter der katholischen Kirche, und sie zeigen nicht allein die Schwäche der gegenwärtigen Form des Katholizismus, sondern überführen ihn zugleich seiner menschlichen wie religiösen Unwahrheit.

Religiös unwahr ist ein solches System der beamteten Wahrheit, weil es dem Beispiel Jesu zu folgen vorgibt, während es in Wirklichkeit auf dessen vollständige Verformung hinausläuft. Wenn es möglich ist, ein Christ zu werden durch die zufälligen Umstände eines christlichen Elternhauses, so wird das Existenzverhältnis des Glaubens in eine Frage der »natürlichen« Gruppenzugehörigkeit verwandelt, dann ist es möglich, ja, unvermeidbar, Christ zu werden wie man Deutscher wird oder Franzose, dann wird, mit dem dänischen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard gesprochen, die Gnade »naturalisiert«, und man sollte, wie er vorschlug, zur Verbesserung der Ausbreitungserfolge dieser Art von Christenheit am besten eine ständige Kommission von Pfarrern und Tierärzten einsetzen. In einer solchen Kirche ist es geradezu furchterregend, wenn sich je etwas von prophetischem Geiste regen sollte.
Wer z.B. ernsthaft glauben sollte, er dürfte, er müßte »die Kirche Christi« im Namen Jesu mit prophetischer Kraft am Maßstab des Neuen Testamentes messen und kritisieren, der wird unfehlbar für maßlos selbstverliebt, für wahnsinnig überheblich oder für einen dreisten Psychopathen und Masochisten erklärt, der sich nur aus persönlichen Gründen wichtig machen möchte bzw. sich mit Macht in die Rolle eines Märtyrers drängen wolle. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Er besteht darin, daß es im Sinne Jesu nur möglich ist, durch persönliche Entscheidung zum Glauben zu kommen, während es im Interesse der verwalteten Glaubenslehre einer Volkskirche liegen muß, die Institution an die Stelle der Person, das Amt an die Stelle der Individualität und die äußere Autorität an die Stelle der Freiheit zu setzen. Gewiß, zum Leben gehört die Selbstorganisation in hierarchischen Mustern, jede Gruppe bedarf bestimmter Formen von Institution und Leitung; aber es ist ein großer Unterschied, ob die Strukturen des Zusammenlebens unter Menschen sich durch das Zusammenleben selber, von innen her, gestalten können oder ob eine solche selbständige Eigenorganisation (und Korrektur) durch eine Lenkung von außen geradezu verhindert wird. »An der Himmelstür steht ... natürlich kein Küng und kein Drewermann«, versicherte der Fuldaer Bischof Dyba am 7. Oktober 1991 in einer Predigt in Bad Honnef seinen Gläubigen, doch wer der Kirche treu bleibe, der sei am Jüngsten Tage des Himmels sicher. Wirklich? Die »treue« Mitgliedschaft in der allein seligmachenden Kirche — und alle Fragen im Himmel und auf Erden wären »erledigt«? So einfach wäre das? Wäre es das, so müßte man das Buch Hiob aus der Bibel streichen, ebenso die Texte der Propheten, ebenso die gesamte Botschaft Jesu selber. Die kirchliche Christologie und Gotteslehre wären in jedem Falle richtiger, zuverlässiger und weniger mißverständlich.
Und so erfahren wir denn auch, daß die Bibel wesentlich das Buch der Kirche selber sei und ihr allein die Auslegung der heiligen Texte zustehe; mehr noch, daß auch zu Jesus selber niemand in ein wahres Verhältnis treten könne, der nicht durch die Kirche belehrt und angeleitet werde, und weil auch zu Gott niemand außerhalb der Gemeinschaft mit Jesus Christus in eine wahre Beziehung treten kann, gilt
der Satz eines alten Kirchenvaters bis heute, wonach niemand Gott zum Vater haben könne, der die Kirche nicht zur Mutter habe. Die Kirche als die unumgängliche Vermittlungsinstanz zu dem Mittler Christus — mit dieser Vorstellung wird die Kirche wirklich zu dem mystischen Leib Christi, mit diesem Dogma ist sie Christus, und die Amtsträger dieser Kirche stehen selber an der Stelle Gottes. Durch sie allein erreicht den Menschen die Wahrheit, die Gnade und Vergebung Gottes. Was einmal eine Erfahrung der Existenzumwandlung von Tod zu Leben war, erweist sich jetzt als eine Totalumwandlung des Lebens ins Lehren, des Existierens in das Dozieren, der Botschaft Jesu in den kirchlichen Dogmatismus, des Lebens in den Tod.

Denn auch menschlich ist der Schaden unübersehbar, den das kirchliche System erzeugt. Selbst jemanden, dem der offenbare Irrweg der kirchlichen Selbstauslegung und Selbstdarstellung, am Beispiel Jesu gemessen, noch kein ausreichendes Argument für eine dringend notwendige Änderung der Kirche bilden sollte — z.B. weil es nach kirchlicher Lehre gar nicht möglich ist, von der Person Jesu her die Kirche zu kritisieren —, den muß dennoch die Sprache der Tatsachen inzwischen überaus nachdenklich stimmen Der Prozeß, dem wir in unseren Tagen in der Kirche beiwohnen, trägt die fatalen Züge eines rapiden Verfalls an sich. Gerade diejenigen Strukturen, die bis in die Mitte des 20. Jh. hinein die Stärke und Geschlossenheit des Katholizismus zu gewährleisten schienen: Zentralismus, Autoritarismus und ein hierarchisch verwalteter Traditionalismus bzw. Antimodernismus, erweisen sich heute als die Krankheitssymptome der Kirche. Den Eltern vor allem will es heute nicht mehr gelingen, ihren eigenen Glauben in dem offiziösen Formeldeutsch der kirchlichen Theologensprache an ihre Kinder weiterzugeben, die Lehrer fühlen sich außerstande, »Religion« so zu lehren, wie es in dem Kasper-Katechismus vorgesagt wird, die Pfarrer auf den Kanzeln haben es vermocht, in den letzten 15 Jahren 50% ihrer Sonntagsmeßbesucher aus den Kirchen wegzupredigen. Ein Generationenbruch geschieht hier, indem immer wieder Mütter und Väter sich vor die Frage gestellt sehen, woraufhin sie ihre Kinder denn nun erziehen wollen. Der Geist, die politische Kultur des Zusammenlebens in den westlichen Industrienationen ist freiheitlich, offen, demokratisch, genußfreudig, diskussionsbereit — kurz, das gerade Widerspiel der kirchlichen Einstellung; für »Glauben« aber kann nicht gelten, was unter Zwang und Strafandrohung mit neurotisierenden Schuldgefühlen und entfremdenden Anpassungsleistungen gegen den Willen eines 14jährigen Mädchens oder Jungen »durchgesetzt« wird. Allein schon der Graben zwischen Freiheit und Außenlenkung, zwischen innerer Überzeugung und autoritärer Weisung läßt sich ein für allemal nicht mehr schließen, und das gesamte Fundament des Petersdomes droht darin zu versinken. Denn die heranwachsende Generation hat recht: sie hat ein Recht darauf, daß man ihr Gott oder die Botschaft Jesu nicht all ein ästhetisch verfeierlichtes Barocktheater anbietet, dessen Bestes daran vielleicht einmal im Jahr der Klang aus Mozarts »Krönungsmesse« bzw. aus seinem »Requiem« ist; sie hat einen Anspruch, daß ihr die Entscheidung der eigenen Existenz zwischen einem Leben aus Angst und Enge oder einem Leben aus Offenheit und Vertrauen im Sinne Jesu als Schlüssel der Grundfragen des menschlichen Daseins vermittelt und zugemutet wird; also darf ihr nicht länger die Realität mit theologischen Redensarten und Begriffsarabesken verstellt und ihr Gewissen mit den Gebärden eines pompösen Rituals betäubt werden. Was die katholische Kirche seit den Tagen der Reformation, seit dem Konzil von Trient und dem Programm der Gegenreformation, am meisten fürchtet, genau das erweist sich heute als ihre unumgängliche Therapie in allen Punkten: die Wende zum Subjekt, die Verinnerlichung des Glaubens, die Zerstörung der äußerlich beamteten Absicherungen zugunsten einer riskierten Existenz des Vertrauens und der Liebe.
»Warum sind Sie denn überhaupt noch in der katholischen Kirche? Warum wollen Sie noch Priester sein?« Diese Frage wird mir seit der römisch befohlenen Verurteilung durch Herrn Degenhardt und die Deutschen Bischöfe (S. 394ff.) immer wieder gestellt, teils als wohl-gemeinte Aufforderung zum Kirchenaustritt, teils als haßerfüllter Wunsch wie im Munde von Herrn Dyba, ich sollte doch endlich selbst die Konsequenzen ziehen. In meinen Augen gibt es indessen nur eine einzige Konsequenz: so weiterzumachen. Es ist wohl am meisten bedauerlich, mitansehen zu müssen, daß in der Kirche selber im Grunde nur noch die Alternative zwischen bedingungsloser »Loyalität« oder der Haltung: »dann verschwinde doch«, zu existieren scheint. Gerade das Schwierigste: der Mittelweg eines »prophetischen« Widerspruchs aus Liebe zu der Sache Jesu, wird auf diese Weise von vornherein eliminiert. Und man versteht, warum. Wenn die Bibel selbst das Buch der Kirche ist, wenn der Kirche selbst das Auslegungsmonopol über die Bibel zukommt, wenn die Kirche selber der fortlebende Christus, der mystische Leib des Herrn ist, wenn sie durch den Geist Christi selber in ihren Lehramtsträgern, den von Gott durch Christus eingesetzten Päpsten und Bischöfen als den Nachfolgern Petri und der Apostel, »teilhaftig göttlichen Wissens« ist, wie Kardinal Ratzinger im Sommer 1990 alle Theologen der Kirche wissen ließ, — dann verfügt die katholische Kirche über eine ideologische Panzerung, an der jedweder Impuls der Botschaft Jesu zur Selbsterneuerung abprallen muß. Dann aber ist es um so nötiger, schon um ihrer selbst willen, mehr noch aber um der Menschen willen, die mit ihr zu tun haben, den prophetischen Protest Jesu an den versteinerten Strukturen der Priester-und Theologenschaft seiner Zeit in unserer Zeit zu erneuern, und das mit allem Nachdruck.
»Warum trittst Du nicht aus der Kirche aus?«
Die einfachste Antwort wäre, weil ich in ihr die gesamte Phase der Sozialisation meiner Kindheit durchlaufen habe. Doch das wäre zwar ein starkes psychologisches, aber kein religiöses Argument. Selbst jemand, der, in Deutschland aufgewachsen, bis an sein Lebensende keine andere Sprache besser sprechen wird als Deutsch, kann doch spätestens 1942 aus Deutschland emigrieren, weil er in der Sprache der braunen und schwarzen Horden die Sprache Goethes und Büchners nicht mehr wiedererkennt. Aber es gibt Situationen, in denen es nicht möglich ist, zu emigrieren. Nehmen wir an, daß ein Offizier der Großdeutschen Wehrmacht um 1942 sehr gut begreift, daß für das deutsche Volk nichts Besseres passieren kann, als daß der ganze wahnsinnige Krieg nur möglichst bald verlorengeht; ein solcher Offizier darf an der Stelle, an welcher er steht, nicht emigrieren noch desertieren; er ist es sich selbst und den Menschen, für die er Verantwortung übernommen hat, schuldig, in den Widerstand zu gehen; gerade weil er begreift, daß das System des Faschismus von innen her nicht reformierbar ist, muß er versuchen, es von innen her zum Einsturz zu bringen bzw. seinen Zusammenbruch durch den Druck von außen vorzubereiten. Anders, ins Religiöse gewendet: Um 600 v.Chr. lebte in Jerusalem der Prophet Jeremia. Er war ein Priestersohn aus Anatot, und es hatte lange gedauert, bis er, gequält und vereinsamt durch schreckliche Visionen, der Einsicht nicht länger sich verschließen durfte, daß die Priester im Tempel nichts als bestellte Lügner, die Propheten am Hofe nichts als eitle Ohrenbläser und die Schrifterklärer machtlüsterne Wichtigtuer waren, die Gottes Wort solange verbogen und verlogen, bis es zu den Wünschen ihrer Auftraggeber und zur Ideologie des »Gott hat uns erwählt« und »Gott ist treu seinem Bunde, den er mit David geschlossen hat« passend wurde. Es war eine unerhörte Tat, ein todwürdiges Verbrechen, als Jeremia im Tempel mitten im Gottesdienst das Volk aufforderte, für den babylonischen König Nebukadnezzar zu beten, daß er nur möglichst rasch die Mauern der heiligen Stadt vernichten und allen Außenhalt der Religion des Volkes der Offenbarung wegreißen möge. Als sich die Zeitgenossen Jesu fragten, wer der Mann aus Nazaret sei, sahen manche in ihm einen zurückgekehrten Jeremia. Wenn die Botschaft Jesu in unseren Tagen inmitten der Kirche gehört werden soll, so kann sie nur klingen so herb und so hart, so hoffnungslos hoffend wie die Worte des Priestersohnes aus Anatot.

Vielleicht verliere ich bald schon mein Amt als Priester durch ein neues Dekret des Paderborner Oberhirten, der damit lediglich sein schon ergangenes Dekret zu Ende führen würde (S. 453ff.); doch eben: Eine Kirche, in welcher das Sprechen von Gott zur Amts- und Dekretensprache verkommen ist (S. 334f.), muß in all ihren äußeren Strukturen 2000 Jahre nach Christus zusammenbrechen, ehe Gott noch einmal das sagen kann, was er sagen wollte, als er seinen Sohn Jesus von Nazaret den Jüngern sagen ließ: »Heilt ihre Kranken.« »Vertreibt die Dämonen.« »Verkündet: das Gottesreich ist nahe.« Wer irgend nach der Weise Jesu betet: »Dein Reich komme«, sagt der nicht auch zugleich: »Vergehen möge diese Kirche«? Sie ist nicht das Reich Gottes. Doch wenn sie so tut, als sei über sie hinaus auf dieser Erde nichts zu hoffen, dann nutzt sie das Licht Gottes nur, um mit ihrem eigenen Buckel einen riesigen Schatten über die Welt und die Menschen zu werfen. Die katholische Kirche muß sich erneuern. Doch die Voraussetzung dafür ist: Sie muß die Umwandlung der Haltung des Vertrauens Jesu in eine Glaubenslehre über die Geheimnisse der Christologie (und Ekklesiologie) revidieren und, ineins damit, ihren gewaltigen Beamtenapparat zur Garantie der Wahrheit und zur rechten Applizierung der Heilsgeheimnisse Gottes an die Menschen bis auf einen Rest pragmatisch begründbarer Funktionen mit auswechselbaren Funktionsträgern zusammenschleifen. Erst wenn die Mauern Jerusalems fallen, wird Gott wieder beginnen, freundlich zu reden zum Herzen Jerusalems.