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Ursprung und Ziel der Theologie


Ursprung und Ziel der Theologie

Eugen Biser/Richard Heinzmann
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/mainframe.html

I.
Dass Eugen Biser zu den herausragenden Gestalten in der Reihe der Theologen und Religionsphilosophen der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts zählt, steht außer Frage. Mit weit über hundert Büchern – das Neueste ist jüngst erschienen – hat er ein ebenso weit ausgreifendes wie in die Tiefe gehendes wissenschaftliches Werk auf hohem spekulativem Niveau vorgelegt. Ohne Nebenabsichten, ohne Rücksicht auf Beifall oder Missfallen entwickelte er beharrlich und mit eher leiser Stimme, allein der Sache des Christentums verpflichtet, konsequent seine Theologie.

Im Rückblick auf den Gang der abendländischen Theologiegeschichte kann man das Werk von Eugen Biser mit gutem Recht als „Theologie der Zukunft“ bezeichnen. Diese Behauptung erhebt keinen geringen Anspruch und bedarf – in der gebotenen Kürze – einer Begründung.

Was ist das Besondere der Theologie von Eugen Biser, wodurch eine solche Qualifikation gerechtfertigt werden kann? In der Regel ist es ja vielmehr so, dass am 90. Geburtstag das Lebenswerk eines Jubilars zum größeren Teil bereits der Vergangenheit zuzurechnen ist.

Das Unterscheidende und in die Zukunft Weisende der Theologie von Eugen Biser ist nicht darin zu sehen, dass er dieses oder jenes theologische Spezialgebiet vorangetrieben hätte – solches kann natürlich wissenschaftlich außerordentlich wertvoll sein -, er präsentiert mit seinem Werk vielmehr einen Neuansatz, der den Ursprung, und damit das Fundament, von Theologie und Christentum überhaupt betrifft und der sich deshalb auf Theorie und Praxis gleichermaßen auswirkt.

Dass ein solcher Neuansatz, ein solches Zurückgreifen auf den Ursprung, erforderlich geworden war, weist darauf hin, dass sich Theologie und Kirche im Laufe der Jahrhunderte durch heterogene philosophische Einflüsse ebenso wie durch innertheologische Kontroversen, nicht zuletzt durch die Übernahme profaner Herrschaftsstrukturen, zunehmend von dem alleinigen und normativen Maßstab ihres Ursprungs wegbewegt haben. Dadurch kam es zu einem ständig wachsenden Glaubens- und Glaubwürdigkeitsverlust, der heute Gegenstand allgemeiner Irritation ist.

Nach der Einschätzung von Eugen Biser erklärt sich „die gegenwärtige Glaubens- und Kirchenkrise“ aus der mangelnden Konzentration auf die Mitte des Christentums und muss deshalb als „Identitätskrise“ verstanden werden (Einweisung, S. 11).

In einer vergleichbaren Lage befindet sich der einzelne Mensch in seiner konkreten, geschichtlich bedingten Situation. Den sicheren Tod vor Augen, von der unausweichlichen Frage nach dem Sinn seines Daseins bedrängt und der Angst vor einem ambivalenten Gott ausgesetzt, steht er ständig in der Gefahr zu verzweifeln. Der Glaube, verstanden als ein Fürwahrhalten von Sätzen, bietet ihm keine Hilfe. In der Gestalt einer zu akzeptierenden Lehre ist das Christentum nicht imstande, auf existentielle Probleme eine Antwort zu geben, im Gegenteil, es wird als eine zusätzliche Fremdbestimmung und Belastung empfunden, durch die nun seinerseits der Mensch in eine ausweglose Identitätsnot gerät.

Die Theologie von Eugen Biser verfolgt das Ziel, die Offenbarung, die Selbstmitteilung Gottes, als Antwort auf die Sinnfrage des Menschen zu interpretieren, eine Brücke zu schlagen zwischen der Heilsbotschaft Jesu und der existentiellen Aporie des Menschen.

In kenntnisreichen Analysen und sorgfältigen Diagnosen erarbeitet Biser die Voraussetzungen dafür, die wechselseitige Verwiesenheit beider Problemfelder einsichtig zu machen, um sie dann in seiner theologischen Konzeption zu einer Einheit zusammenzuführen. Im Hinblick auf das Christentum besteht die Hauptaufgabe darin, dessen ursprüngliche Identität wiederzuentdecken. Was den Menschen betrifft, geht es darum, die Heteronomie zu überwinden, ein Prozess, in dem Eugen Biser den „großen Imperativ der Stunde“ (Entdeckung, 303) sieht.

Wenn man bedenkt, dass dadurch überkommene, stabilisierende Ordnungsstrukturen in Frage gestellt, und dass autoritäre Systemzwänge als obsolet entlarvt werden, dann tritt ins Bewusstsein, welche Probleme es zu bewältigen gilt.

In diesem Zusammenhang sieht die Eugen-Biser-Stiftung eine ihrer vornehmlichsten Aufgaben hinsichtlich der Erschließung und Weiterführung des theologischen Neuansatzes von Eugen Biser.

In dem Insistieren auf der Suche nach Identität zeigt sich eine die Philosophie und Theologie Eugen Bisers prägende Vorentscheidung. Er denkt nicht im Horizont griechischer Metaphysik, die von der alles dominierenden Frage nach dem Allgemeinen und den unveränderlichen Strukturen beherrscht wird. Er fragt nicht nach dem Wesen des Christentums und nicht nach dem Wesen des Menschen, sondern danach, was für authentisches Christsein wesentlich ist. Damit kommen die genuin jüdisch-christlichen Grundkategorien der Subjektivität und der Personalität in den Blick, die allein geeignet sind, dem Stifter des Christentums und dem einzelnen Menschen in den Schwierigkeiten seiner konkreten Existenz gerecht zu werden.

So ist Eugen Biser in doppeltem Sinne ein Denker des Christentums. Er tritt nicht mit heterogenen Kategorien an das Christentum heran. Er entnimmt vielmehr die heilsgeschichtlich existentielle Denkform, in der der Rang und die Würde der Person maßgebend sind, aus der Offenbarung selbst, um dann in diesem Denkhorizont über die Selbsterschließung Gottes als Antwort auf die Probleme des Menschen zu reflektieren. Die verhängnisvolle Diastase zwischen Denkform und Denkinhalt – auf weite Strecken war dieser Sachverhalt das Kennzeichen und das Dilemma der abendländischen Theologie – ist damit von vornherein und grundsätzlich vermieden.

II.

Die Anfänge der heutigen Glaubens- und Kirchenkrise reichen weit zurück. Sie haben ihre Wurzeln in der Begegnung der christlichen Heilsbotschaft mit der spätantiken Philosophie. Unter den formalen Vorgaben griechischer Metaphysik, die nicht providentiell verstanden werden darf, wurde die Offenbarung, die Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus, als Lehre verstanden. Sie wurde von einer Lebenswirklichkeit zu einem System von Wahrheiten umgestaltet, das im Mittelalter seine volle wissenschaftliche Gestalt erhielt.

Ohne dass man sich dessen bewusst gewesen wäre, kam es dadurch zu einem folgenschweren Bruch mit dem Ursprung. Das Christentum als eine Existenzform lässt sich nicht auf eine satzhaft umschreibbare Lehre reduzieren. Die Lehre, die Dogmen eingeschlossen, ist deshalb nicht die Primärquelle der Wahrheit. In diesem Kontext unterscheidet Eugen Biser ausdrücklich zwischen der „Wahrheit des Christentums“, die in der Lehre ihren Niederschlag findet, und der „Wahrheit Christi“, die in der Lebenswirklichkeit gründet und durch personale Erfahrung dialogisch vermittelt wird (Dialog, 366f). Das Wesen des Christentums ist also nicht eine formulierbare Wahrheit, sondern eine Person, nämlich der Offenbarer selbst. Der Dialog ist deshalb im Rückgriff auf den Ursprung ebenso wie in der Vermittlung und der Verkündigung die allein adäquate Methode.

Aus diesen Überlegungen heraus wird es unmittelbar einsichtig, warum Eugen Biser immer wieder und mit großem Nachdruck betont, dass das Christentum keine primäre Schriftreligion ist. Das Neue Testament ist nicht die Offenbarung. Es kommt nicht auf die Worte an, noch nicht einmal – so Eugen Biser – auf die wenigen authentischen Jesus-Worte, sondern auf die Person selbst, die hinter diesen Worten steht, und von der das Neue Testament spricht. Die Irrtumslosigkeit der Schrift wird davon nicht tangiert, denn diese bezieht sich nicht auf den Modus der Bezeugung, sondern auf die bezeugte Wirklichkeit (Erweckung, 137).

Die Mitte und die Norm des Evangeliums ist Jesus Christus selbst mit seiner „revolutionären“ Botschaft von Gott als dem bedingungslos liebenden Vater.

Diese Gotteserfahrung Jesu wieder entdeckt und ins Bewusstsein gerufen zu haben, zählt zu den bahnbrechenden Einsichten von Eugen Biser. Er korrigiert damit den anderen gravierenden Bruch der Christentumsgeschichte mit der Grundbotschaft des Neuen Testamentes: die Pervertierung des Gottesbildes. Nicht zuletzt unter dem Einfluss des späten Augustinus war aus dem Gott der Liebe ein Angst und Schrecken verbreitender Willkürgott geworden, der die Mehrheit der Menschen verdammt und nur wenige rettet. Die verheerenden und den Menschen traumatisierenden Folgen dieses Gottesbildes wirken bis in die Gegenwart nach.

Die in Christus bleibend präsente Botschaft von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes ist das allein verbindliche Auslegungsprinzip des Neuen Testamentes und aller normativen Texte des Christentums.

Die Gerichts- und Drohworte der Evangelien können dagegen nicht geltend gemacht werden; diese müssen nach Biser als „Übertextungen“ der Jesus-Botschaft durch Konflikte in der Urgemeinde verstanden werden (Erweckung, 286).

An dieser Stelle der seine Gedanken nachvollziehenden Würdigung des Lebenswerkes von Eugen Biser erhebt sich eine Frage von außerordentlichem Gewicht. Mit ihrer Beantwortung steht und fällt das Ganze nicht nur seiner Theologie, sondern auch des Christentums.

Was ist der letzte Grund dafür, dass es die Schriften des Neuen Testamentes, dass es das Christentum und die Kirche überhaupt gibt? Der alleinige Grund ist die Auferstehung Jesu von den Toten. Gegen die Zuschreibung einer derart fundamentalen Bedeutung der Auferstehung könnte man einwenden, dass die Auferstehungsberichte zu widersprüchlich sind, um eine sichere Basis für diese zentrale Funktion des Auferstehungsglaubens abzugeben. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Widersprüche im Bereich der Darstellung liegen, die nicht beschreibend, sondern bildlich zu verstehen ist. Das zugrunde liegende Zeugnis wird davon nicht betroffen.

Die Botschaft von der Auferstehung Jesu impliziert die Frage, wohin er auferstanden ist. Die gängige Antwort lautet: in den Himmel. Dabei bleibt offen, welche Vorstellungen damit verbunden sind. Nach dem einmütigen Zeugnis der Schrift – so betont Eugen Biser mit großem Nachdruck – kann die Antwort jedoch nur lauten: in die Mitte der in seinem Namen Versammelten (Mt 18,20), und damit in die Herzen der Seinen.


Mit diesem Gedanken setzt Eugen Biser die von ihm vollzogene Wende zurück zum Zentrum des Christentums mit der Wende von der Vergegenständlichung zur Innerlichkeit fort. Ostern, so Biser wörtlich, „ist unverkennbar die Wende von der Lebens- zur Wirkungsgeschichte Jesu, der Umschlag von seiner historischen zu seiner mystischen Biographie, das Ende seines Wirkens für die Seinen und der Anfang seiner Einwohnung in ihnen“ (Antlitz, 254).

In dieser überzeugenden Erkenntnis kulminiert die Theologie von Eugen Biser, zugleich ist sie der Ausgang für seine „neue Theologie“, die er als „Theologie der Zukunft“ versteht und zu der er keine Alternative sieht.

In dieser Sicht der Auferstehung findet nicht nur das Christentum wieder zu seiner Identität zurück, durch die Einwohnung Christi wird auch die Heteronomie des Menschen überwunden.

Dem Motiv der Einwohnung kommt ein besonderer Stellenwert zu. Er führt in den Innenraum des Christseins und öffnet damit den Blick auf das Phänomen der christlichen Mystik. Nach dem Urteil von Biser hat die Mystik bei der Lösung der anstehenden Probleme des Christentums „höchste Priorität“ (Erweckung, 191). Alle Verobjektivierungen und Vergegenständlichungen wie sie in der Lehre, den Dogmen, im Ethos, im Kult und in der Institution Kirche selbst begegnen, werden auf das in ihnen anwesende Mysterium hin durchbrochen und überstiegen. Die „gegenständlich-satzhafte Außensicht des Glaubens“, ich zitiere wörtlich, „bei der das kirchlich verfasste Christentum noch weithin verharrt“ (Erweckung, 214), wird von seiner mystischen Innensicht überboten.

Aus dieser Reflexion auf die Auferstehung resultiert mit zwingender Notwendigkeit eine „Glaubenswende“ (1986), die nach Biser in unseren Tagen bereits zu erkennen ist. In der Tradition wurde christlicher Glaube primär unter dem Gesichtspunkt der Autorität und des Gehorsams entfaltet. Mit der Einwohnung Christi tritt dieses Verständnis in den Hintergrund. Der Akzent liegt jetzt auf dem Erfahren und Verstehen. In der Beziehung zwischen Mensch und Gott fungiert Christus als der „inwendige Lehrer“ (1994), der dem Menschen in einem dialogischen Geschehen sich selbst und damit die Wahrheit des Glaubens mitteilt. Seine Bewährung findet solcher Glaube in der Tat der Nächstenliebe. Damit wendet sich der Glaubende wieder der konkreten Wirklichkeit zu.

In dieser Selbstmitteilung Jesu werden der Lehrer zur Lehre, der Botschafter zur Botschaft und der Helfer zur Hilfe (Kierkegaard) – und das nicht nur in individuellem Verständnis.

Die Erörterungen über die Einwohnung Christi münden unmittelbar in die christliche Anthropologie. Die personale, dialogisch zu verstehende Wirklichkeit der Einwohnung des Geistes erhebt den Menschen zur Gotteskindschaft und führt ihn dadurch zu seiner eigenen Identität. Die mit Zeit und Raum gegebenen Differenzen werden dabei gegenstandslos.

III.

Mit diesen Ausführungen wird die normative Grundstruktur christlicher Wirklichkeit – verstanden als Antwort auf die in Jesus Christus geschehene Selbstmitteilung Gottes – gedanklich nachvollzogen. Die darin realisierte Zentrierung auf die weitgehend verlorengegangene Mitte des Evangeliums hat Konsequenzen, die in vielfachen Brechungen alle Bereiche des Christentums betreffen, angefangen bei der Lehrgestalt bis hin zur Struktur der Kirche.

Vorrangig ist das System des Lehrgebäudes zu nennen. Unter dem Anspruch des Wissenschaftsbegriffs griechischer Philosophie entfaltete sich ein idealistisches Lehrsystem. Die damit verbundenen absoluten Geltungsansprüche und Zwangsmechanismen gegenüber der geschichtlichen Wirklichkeit (vgl. hierzu das I. Vatikanum) können nicht weiter aufrechterhalten werden. Der wissenschaftstheoretische Bruch mit einer langen und ehrwürdigen Tradition wird in seiner Auswirkung nicht auf den Bereich der Fachtheologie beschränkt bleiben. Diese Tatsache muss unumgänglich in breiteren Kreisen zu Irritationen führen. Wer gewohnt ist, die Glaubenssätze für den Gegenstand des Glaubens zu halten, wird sich zumindest anfänglich schwer tun, die Differenz zwischen der Wirklichkeit und der Rede von der Wirklichkeit zu realisieren. Es ist der Schritt, so formuliert es Eugen Biser, von der Fassade am Dom des Glaubens in den Innenraum dieses Domes selbst. Dabei geht nichts verloren, aber es erscheint alles in einem völlig neuen Licht, weil das Ganze auf Gott zentriert ist (Einweisung, 421f).

So wird sich zeigen, dass manche theologische Kontroverse mehr ein Streit um vorausgesetzte philosophische Konzeptionen als ein Ringen um die Sache selbst war.

Insbesondere im ökumenischen Gespräch wird diese Innenperspektive der Mysterien des Glaubens über strittige Formulierungen und Vergegenständlichungen hinaus zur Sache selbst und dadurch leichter zu einem Konsens führen. Eugen Biser denkt nicht von der Differenz dogmatischer Formulierungen, sondern vom Einheitsgrund christlicher Wirklichkeit her.

An vorderster Stelle notwendiger Selbstkorrekturen nennt Biser die sogenannte Satisfaktionstheorie, da sie geradezu sadistische Züge in das christliche Gottesbild einzeichne. Die Vorstellung, dass Gott, der vorbehaltlos liebende Vater, als Sühne den grausamen Tod des eigenen Sohnes fordere, damit ihm selbst Genugtuung für die Schuld der Menschen geschehe, ist in sich widersprüchlich und muss mit aller Entschiedenheit als unchristlich, wenn nicht gar als antichristlich zurückgewiesen werden. Damit ist zugleich gesagt, dass der Tod Jesu in keinem Fall als Sühneopfer interpretiert werden darf, er muss vielmehr als letzte Liebeshingabe erkannt werden.

Diese Deutung des Kreuzestodes muss sich unmittelbar in der Interpretation der Eucharistie fortsetzen. Ausgehend von dieser Interpretation des Kreuzes als Liebeshingabe erscheint dieses Sakrament in einem völlig neuen Licht. Daraus werden sich Folgerungen ergeben, die bis in die Gestaltung der liturgischen Texte hineinreichen.

Von dem Motiv der Einwohnung her muss bei allen Sakramenten der personal-dialogische Aspekt mit Nachdruck herausgearbeitet werden. Dabei ist immer zu bedenken: Das Heil Gottes ist weder an Institutionen noch an Kulthandlungen gebunden. Alle magischen Assoziationen sind sorgfältig zu vermeiden.

Schließlich muss auch die traditionelle Sichtweise der Strukturen der Kirche hinterfragt und einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Die Erhebung des Menschen zur Gotteskindschaft impliziert eine fundamentale Gleichheit, die tiefgreifende Korrekturen des tradierten Kirchenverständnisses erforderlich macht.

Auch wenn diese kurz angesprochenen Konsequenzen auf den ersten Blick befremdlich wirken mögen: Eugen Biser steht mit seiner Theologie auf der Höhe der aktuellen theologischen Forschung, in der Tradition der christlichen Überlieferung und somit nicht zuletzt auf dem Fundament des II. Vatikanischen Konzils.

IV.

Die „Reduktion der Theologie auf Christus ins Werk zu setzen“ (Erweckung, 292) und die Konsequenzen für Christentum und Kirche daraus zu ziehen, waren und sind Absicht und Ziel der wissenschaftlichen und pastoralen Tätigkeit von Eugen Biser. Die dabei gewonnenen Einsichten verweisen nicht nur auf erforderliche Selbstkorrekturen der kirchlichen Lehre und Praxis. Sie eröffnen zugleich – und das ist das Entscheidende – Perspektiven, die geeignet sind, die derzeitigen Verwerfungen in Kirche und Gesellschaft zu überwinden und solchermaßen den Weg in die Zukunft freizumachen.

Ich greife noch einmal zurück auf das Bild vom Dom:

Eugen Biser hat nicht an der Fassade der Kathedrale weitergebaut, er hat nicht mit Theorien und Sätzen Konklusionstheologie betrieben. Ohne die Glaubensinformation zu vernachlässigen (Erweckung, 282), zeigt seine existentielle Theologie den Weg nach innen, und damit in die Zukunft. Um den Titel eines seiner Hauptwerke zu zitieren: Er weist den Menschen ins Christentum ein.

Mit großem Respekt vor Ihrer Lebensleistung und mit tiefem Dank beglückwünsche ich Sie und uns zu Ihrem 90. Geburtstag.

Professor Dr. Richard Heinzmann ist Professor emeritus für „Christliche Philosophie und Theologische Propädeutik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorstand des Martin-Grabmann-Forschungsinstituts.

© imprimatur April 2008