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Eugen Biser im Gespräch mit Hubert Schöne


Eugen Biser im Gespräch mit Hubert Schöne

Prof. Dr. theol. Dr. phil. Eugen Biser
Theologe und Religionsphilosoph
Sendetag: 02.11.1998, 20.15 Uhr

http://www.br-online.de/alpha/forum/vor9811/19981102_i.shtml

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Herr Schöne: Grüß Gott, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, beim Alpha-Forum. Gast ist heute Herr Professor Eugen Biser, katholischer Theologe und Religionsphilosoph in München. Professor Biser ist einer der bedeutendsten christlichen Denker unseres Jahrhunderts und viele seiner bisherigen Äußerungen hatten eine nahezu prophetische Wirkung. Herr Professor Biser, eines Ihrer letzten Bücher hat den Titel: "Hat der Glaube eine Zukunft?". Ich darf Sie etwas zugespitzter fragen, überlebt das Christentum?
Prof. Biser: Eindeutig ja. Ich hätte diese Frage als Titel für ein Buch nicht gewählt, wenn ich sie nicht eindeutig bejahen würde. Selbstverständlich wird das Christentum überleben. Die Frage ist nur, wie und unter welchen Voraussetzungen. Darauf konzentriert sich meine theologische Gesinnung, meine theologische Arbeit, auch meine Bücher. Ich möchte dazu beitragen, dem Christentum einen Weg ins dritte Jahrtausend zu ebnen, das ist meine eigentliche Zielsetzung.
Herr Schöne: Aber dann muß doch bald etwas passieren, denn wir erleben ja im Augenblick den Glauben und die Kirche in einer gewissen Krise.
Prof. Biser: Die Krise ist evident und unglücklicherweise wird sie leider auch durch kontraproduktive Aktivitäten der Kirchenspitze noch verschärft und erhöht und deswegen ist es aus meiner Perspektive umso wichtiger, die Wegweisungen zu geben, die erforderlich sind, damit diese Krise überwunden werden kann. Die Krise hat selbstverständlich viele Ursachen. Die Ursachen kommen von außen, und das sind vor allen Dingen die an den Bestand des Christentums nagenden Tendenzkräfte unserer Zeit, die nachwirkende Aufklärung, der nachwirkende Säkularismus, der große ozeanische Atheismus. Diese Kräfte schlagen durch bis ins Innere der Kirche und unterminieren die Glaubenskraft vieler. Deswegen ist mein Hauptinteresse die Motivierung und die kreative Erneuerung des Glaubens. Das sind wie gesagt die äußeren Erscheinungen der Krise. Es gibt leider auch eine innere Komponente der Krise, als Folge der genannten Tendenzkräfte. Verantwortlich für die innere Krise der Kirche ist vor allen Dingen das, was ich den in der Kirche herrschenden Geist der Schwere zu nennen pflege, diese depressive, resignative Stimmung. Dagegen etwas zu tun ist eigentlich mein zentrales Anliegen.
Herr Schöne: Sie konzentrieren sich auf die Nöte der Menschen, ihre Situation, ihre Fragen und gehen nicht aus von irgendeinem dogmatischen System. Dieser Ansatz wird auch deutlich in ihrem jüngsten von über 50 Büchern, das jetzt gerade erschienen ist, mit dem Titel: "Einweisung ins Christentum". Was ist heute die große Not der Menschen, von denen Sie immer wieder ausgehen.
Prof. Biser: Heute ist die große Not eindeutig die Identitätskrise. Der heutige Mensch hat natürlich noch viele Interessen und es liegt ihm auch noch viel an Prestige, an Erfolg, an Besitz, an Geld - die aktuelle Rentendiskussion bestätigt es ja bis zum Exzess. Aber dem modernen Menschen liegt nicht mehr viel an sich selbst. Die Kultivierung der eigenen Persönlichkeit, das Wissen um den eigenen Sinn des Lebens, der ist ins Arge geraten ist, deswegen leidet auch besonders die heutige Jugend an einer ganz ausgesprochenen Sinnkrise. Das ist in meinen Augen das zentrale Problem. Aber die Sinn-Not, die kommt natürlich nicht unmittelbar ins Bewußtsein. Sie wird aber erlebt in jenem deprimierenden Lebensgefühl, von dem Carl Jaspers vor Jahrzehnten schon gesagt hat, dass es zum "unheimlichen Begleiter" des modernen Menschen geworden sei - heute ist das die so vielfältig grassierende Lebensangst. Gegen diese Angst muß etwas unternommen werden, denn die ist das eigentlich zersetzende Element in der heutigen Lebenswelt. Wer Angst hat, hat keine Ideen, wer Angst hat, hat keine Initiative, er fühlt sich gelähmt, er ist nicht einmal mehr in der Lage, seine Angst wirklich zu artikulieren. Die Kontakte zur Umwelt brechen ab, also all diese Vereinsamungen des heutigen Menschen, seine vielfältige Existenznot, läßt sich zurückführen auf diesen eigentlich zentralen Motivationsgrund, die Angst. Und hier versuche ich anzusetzen.
Herr Schöne: Sie haben auf der einen Seite den Menschen in seiner Angst, auf der anderen Seite den Glauben. Aber zwischen dem Menschen und dem Glauben und dem Menschen und seinem Gott spielt sich ja etwas ab, da ist ja ein Geschehen, und wenn ich es recht sehe, geht es Ihnen eigentlich um dieses dialogische Geschehen zwischen dem Menschen und seinem Gott.
Prof. Biser: Das ist genau der Punkt. Das Konzil hat ja das dialogische Prinzip als das eigentliche Lebensprinzip der Kirche ausgemacht. Aber dieser Dialog ist nicht nur ein neues Verhältnis zwischen Papst und Bischöfen, Bischöfen und Priestern, Priestern und Pfarrgemeinderäten und auch nicht nur ein neues Verhältnis zwischen den einzelnen Konfessionen und Weltreligionen. Dieser Dialog bezieht sich nach meinem Verständnis in aller erster Linie auf das Verhältnis des Menschen zu Gott und jenes von Gott zu den Menschen. Und wenn ich noch einmal auf die von mir artikulierte Problematik zurückblenden darf, wonach der Mensch vor allen Dingen an einer Sinnkrise leidet, so sehe ich hier eine Art Schicksalsgemeinschaft zwischen dem Menschen und der Kirche. Und diese Schicksalsgemeinschaft wird dann zum Positiven gelöst, wenn sich herausstellen sollte, was ich zu beweisen suche, dass Christentum und Kirche den Menschen die entscheidende Antwort auf seine Sinnfrage zu geben haben. Aber dazwischen steht das von mir vorhin angesprochene Identitätsproblem. Denn nach meiner Analyse leiden beide an einer Identitätskrise, nicht nur der Mensch, sondern auch das Christentum und die Kirche und deswegen sind beide bei der Lösung dieses Problems aufeinander angewiesen. Daraus resultiert meine Vorstellung von der zwischen Kirche und Mensch bestehenden Schicksalsgemeinschaft.
Herr Schöne: Stellt der Mensch die richtigen Fragen und gibt die Kirche die richtigen Antworten?
Prof. Biser: Das ist die Frage. Ich habe mich manchmal exponiert mit dem Satz, dass die Kirche auf Fragen antwortet, die niemand stellt, dass sie aber die Antwort schuldig bleibt auf jene Frage, die der Mensch nicht so sehr stellt, als vielmehr ist. In der Schlußdeklaration des 2. Vatikanischen Konzils "Gaudium et spes" steht ja der Satz, dass der Mensch ein Fragender ist und dass er nicht so sehr Fragen stellt, als dass er vielmehr mit seiner ganzen Existenz eine Frage ist und auf diese Frage antwortet das wirklich zu sich selbst gekommene Christentum und der Mensch weiß instinktiv, dass er nur von dort die erfüllende Antwort bekommen kann. Das hat übrigens ein großer Theoretiker unserer Zeit mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Es ist der unvergessene österreichische Theologe bzw. Therapeut Viktor E. Frankl. Er hat eine eigene Wissenschaft ersonnen, um der Sinnkrise des Menschen beizukommen. Er hat aber jeden seiner Patienten, der noch irgendeine Beziehung zu seiner Kirche hatte, zu eben dieser Kirche zurückgeschickt, weil sie auch seiner Meinung nach in der Frage der Sinnlösung die größere Kompetenz hat, als er mit seiner ganzen Logotherapie.
Herr Schöne: Sie drängen darauf, dass die Kirche zu sich selber und zu ihren eigentlichen Aufgaben zurückfinden und zu ihrer - wie Sie es nennen - "Mitte" kommen muß. Und Sie sind der Ansicht, dass auch der Mensch erst zu sich selber kommen kann, wenn er zu dieser "Mitte" kommt. Alle halten sich - um im Bild zu bleiben - noch etwas am Rand auf und damit auch bei den Randproblemen. Müssen aber nicht die Randprobleme zunächst einmal erledigt werden, bevor wir zu dieser Mitte kommen können, anders formuliert, versperren die Randprobleme nicht den Weg zu dieser Mitte?
Prof. Biser: Ja, richtig. Die Randprobleme sind natürlich groß. Der heutige Mensch hat finanzielle Sorgen, er hat ökologische Sorgen, er hat vor allen Dingen auch Sorgen um seine Gesundheit, um sein persönliches und familiäres Wohlergehen und die Sicherung seiner Existenz. Auch da möchte ich der Kirche durchaus eine Kompetenz zuschreiben. Sie soll ruhig auch in die politische Diskussion hineinreden, auch das ist ihre Aufgabe. Aber ich habe auf der anderen Seite den Eindruck, dass die christlichen Konfessionen seit Jahrhunderten. Man könnte das zurückführen auf jene, die mit Immanuel Kant der Meinung sind, dass der wahre Gottesdienst in der Befolgung der Moralität bestehe und dass also das Christentum im Grunde eine moralische Religion sei. Es gibt durchaus namhafte Theologen unseres Jahrhunderts, die den Standpunkt vertreten haben, dass das Christentum definitiv in sein ethisches Stadium eingetreten sei und dass es deswegen dem heutigen Menschen eigentlich nur noch als Ethik vermittelt werden kann. Wenn ich die Deklarationen des kirchlichen Lehramts ins Visier nehme, sehe ich eigentlich dieselbe Meinung vertreten, denn die sind hauptsächlich sozial und auch individual- und sexualethischer Art, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, dass auch die Kirche sich in allererster Linie als eine moralische Anstalt versteht. Aber nach Schiller ist die moralische Anstalt das Theater und nicht die Kirche, diese Auffassung würde ich mir in diesem Fall durchaus zu eigen machen. Es fragt sich, ob nicht von dieser kopflastigen Selbstdarstellung der Kirche, mit dieser Überbetonung der Moralität, zurückgeblendet werden muß auf das eigentliche Zentrum der Kirche, auf das, was sie den Menschen eigentlich zu sagen hat und das sie nur sagen kann, wenn sie zu ihrer eigenen Identität zurückgefunden hat.
Herr Schöne: Sie haben vorhin gesagt, ich hätte die Frage "Hat der Glaube noch eine Zukunft" gar nicht gestellt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass der Glaube eine Zukunft hat. Sie selber registrieren ja im Augenblick so eine Art von glaubensgeschichtlicher Wende. Auf der einen Seite die Krise, auf der anderen Seite unterhalb der Oberfläche schon einen Umbruch hin zu den ganz großen Fragen von denen Sie sprechen.

Prof. Biser: Die Oberfläche, das wird keiner bestreiten wollen, ist im Augenblick nicht erfreulich, sie ist von einer Fülle von Krisenerscheinungen geprägt. Aber der von mir vertretene theologische Ansatz macht seit Jahrzehnten den Versuch, unter die Oberfläche hinabzublenden und in die unterschwelligen Strömungen und Bewegungen der Glaubensgeschichte hineinzuleuchten, und ich sehe da eine sehr zum Positiven tendierende Bewegung. Ich könnte diese Bewegung auf drei Punkte zurückführen:
Erstens erleben wir im Augenblick eine Wende vom Gehorsams- zum Verstehensglauben,
zweitens erleben wir gleichzeitig eine Wende vom Bekenntnis- zum Erfahrungsglauben und drittens erleben wir eine Wende vom Leistungs- zum Verantwortungsglauben.
Wenn ich das ein bißchen erläutern darf, würde ich sagen, in der Glaubenskonzeption der Gegenwart hat sich das alte Modell zum Teil überlebt. Ein Christ der vorkonziliaren Zeit hätte auf die Frage "Warum glaubst du und was tust du im Glauben" antworten müssen: Ich leiste einen Akt des Gehorsams. Das was Gott mir offenbart hat und was die Kirche uns zu glauben vorlebt, das nehme ich gehorsam und dankbar an. Da hat sich zweifellos eine Wende vollzogen, die nicht zuletzt auch mit der Infragestellung der Autoritäten in unserem Jahrhundert zu tun hat. Aber das heißt keineswegs, dass der Glaube etwa seinen Boden verloren hätte, sondern er ist erst auf den wahren Boden zurückgekommen. Der wahre Boden ist der, den wir gerade eben miteinander angesprochen haben, der Boden des Dialogs zwischen Gott und den Menschen. Das Christentum ist ja eine Offenbarungsreligion, deswegen geht es im Christentum darum, dass Gott den Menschen etwas sagt, was der Mensch aus eigener Anstrengung so nie hätte finden können. Wenn also Gott spricht, dann will er als Redender ganz selbstverständlich das, was auch wir jetzt voneinander wollen, wir wollen uns gegenseitig verständigen und verstehen. Jeder Redende erwartet von seinem Partner, verstanden zu werden, und wenn Gott redet, wenn er sein ewiges Schweigen bricht, um uns das zu sagen, was der Mensch nie aus eigener Kompetenz hätte gewinnen können, dann will er verstanden werden und deswegen die Wende vom Gehorsams- zum Verstehensglauben. Die zweite Wende, die hat zu tun mit dem, was immer mehr ins Zentrum rückt. Karl Rahner, den ich als einen der großen Wegweiser in die Zukunft hinein erachte, hatte sich einmal mit einem Wort in das heutige Bewußtsein eingeschrieben, das man allenthalben wiederhören kann. Der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein, oder er werde überhaupt nicht sein. Er hat natürlich damit ein recht mißverständliches Wort in die Debatte geworfen, denn so ohne weiteres weiß man nicht, was Mystik ist, aber er hat es erklärt und er hat gesagt: "Unter Mystik verstehe ich einen Menschen, der Gott zu erfahren sucht". Genau das ist es, was ich als Ziel der zweiten Wende anvisiert habe, eine Wende vom Bekenntnisglauben, der sich vor allen Dingen an Sätzen festgemacht hat und geglaubt hat, alles liege am Festhalten der formulierten Dogmen zum Erfahrungsglauben. Die dritte Wende, die sehe ich zwischen dem Leistungs- und dem Verantwortungsglauben. Der Glaube wurde eben früher hauptsächlich als eine religiöse Leistung verstanden, und man erhoffte von Gott eine entsprechende Gegenleistung zu erhalten, ganz zu schweigen davon, dass diese Gesinnung eigentlich von Jesus in dem herrlichen Gleichnis von den Weinbergarbeitern ad absurdum geführt worden ist. Er wollte in diesem Gleichnis zeigen, dass zwischen Gott und den Menschen kein Handelsgesetz besteht, und er wollte diesen Handelsgeist aus unserer Gottesbeziehung austreiben. Aber ungeachtet all dessen ginge es halt im Glauben um eine vermeintliche Leistung Gott gegenüber. Heute ist ganz gewiß etwas anderes an die Stelle getreten. Das hat der Begründer meines einstigen Lehrstuhls, Romano Guardini, auf den Punkt gebracht als er sagte: "Keiner von uns weiß, wieweit sein Glaube mitgetragen wird vom Glauben anderer, die er vielleicht nie gekannt hat, die vielleicht sogar längst schon gestorben sind. Aber keiner von uns weiß auch, wieweit er mit seinem Glauben den anderer mitträgt". Das sage ich oft an die Adresse verzweifelter Mütter gewandt, die sich gar nicht damit abfinden können, dass ihre Kinder dem Christentum und der Kirche den Rücken gekehrt haben. Denen sage ich dieses Guardini-Wort, "keiner von uns weiß, wieweit er mit seinem Glauben den Glauben anderer mitträgt". Wenn aber das stimmt, was ich jetzt gesagt habe, dann gibt es unter der Oberfläche voller Mißlichkeiten, voller Rückschläge und voller Enttäuschungen eine äußerst positive Gegenbewegung im Untergrund, und darauf konzentriert sich meine Hoffnung, dass die Kirche wirklich eine Zukunft im dritten Jahrtausend haben wird.
Herr Schöne: Sie selbst haben die Kirche ja lange erlebt. Sie sind jetzt 80 Jahre alt, am Dreikönigstag 1918 geboren. Sie können also auf ein langes Leben, ein langes Glaubensleben zurückblicken. Als sSie am Kaiserstuhl aufgewachsen sind, war es da einfacher zu glauben?
Prof. Biser: Ganz gewiß nicht. Ich habe das nie als einfach empfunden. Es herrschte da eine - wenn ich so sagen darf - depressive Grundstimmung. Sie war nur anders motiviert als die heutige. Die heutige kommt aus einer stillen Verzweiflung, die damalige kam aus dem Gefühl zum religiösen Leben gezwungen und genötigt zu sein. Man mußte glauben. Wenn man das nicht tat, verscherzte man sein zeitliches und sein ewiges Heil. Aber schon damals habe ich instinktiv gefühlt, ohne es aussprechen zu können, ohne es theoretisch festmachen zu können, dass der Glaube keine Pflicht ist, sondern ein Glück, eine Vergünstigung, ein Privileg, und das sage ich auch heute. Es war also damals, um Ihre Frage noch einmal zu beantworten, keineswegs einfacher, man war nur in Glaubensdingen stärker reglementiert, man hatte ganz eindeutige Vorgaben, an die man sich zu halte
hatte. Das Ganze stand eben unter dem Zeichen des Gehorsams, wie vorhin schon angesprochen.
Herr Schöne: Waren es die Vorgaben oder war es schon das erwachende freie Bewußtsein von diesem Glauben, der sie dann zum Priesteramt hingeführt hat? 1938 haben Sie mit dem Ziel, Priester zu werden, ein Theologiestudium begonnen?
Prof. Biser: Da kamen sehr viele Motive zusammen. Selbstverständlich spielte das eine Rolle. Ich konnte mir nicht vorstellen, was man erfolgreicher, interessanter, auch persönlich wichtiger anstreben könnte, als ein Theologiestudium, und das hat mich sicher motiviert. Aber es kamen natürlich auch die politischen Verhältnisse hinzu, denn Theologie war fast das einzige Fach, das man ohne in die Zwänge der Partei hineinzugeraten, ergreifen konnte. Alles andere war von der Partei reglementiert und mit Beschlag belegt, und das wollte ich unter gar keinen Umständen.
Herr Schöne: Ein Jahr nach Kriegsende - Sie waren ja auch Soldat und sind schwer verwundet worden - im Jahre 1946, sind Sie dann zum Priester geweiht worden. Das Volk schien 1946 nach dem Glauben zu dürsten. Auf der anderen Seite hat sich dann bald in der Theologie die Frage gestellt, wie können wir von diesem Glauben noch reden nach Auschwitz?
Prof. Biser: Also das sind natürlich zwei sehr weit auseinanderliegende, aber absolut prägende Tatbestände. Es war so, wie Sie sagen. 1946 war das Jahr, in dem die Menschen in Massen in die Kirche hineindrängten. Sie hatten irgendwie das Gefühl, dort allein in dieser Notzeit des Hungers und der Unsicherheit eine Geborgenheit zu finden. Die Kirche hat in jenen Jahren ihre Chance nach meinem Verständnis nicht zu nutzen gewußt. Es war einer meiner tiefen Enttäuschungen, dass man diesen Menschen nicht mit der von ihnen erwarteten Offenheit entgegengekommen ist. Man hatte natürlich Zweifel, ob diese Heimkehr auch eindeutig motiviert sei, ob man nicht auf diese Weise sich reinwaschen wollte von politischer Belastung und von der Vergangenheit. Aber das alles hätte eigentlich die Kirche nicht davon abhalten sollen, den Menschen mit offenen Armen entgegenzugehen. Das hat man leider nicht getan. Das andere Problem, das Sie angesprochen haben, das war die ungeheuere Hypothek, deren Größenordnung sich ja erst im Lauf der nächsten Jahre herausgestellt hat, wie entsetzlich der Völkermord tatsächlich war. Das hat man dann erst erfahren, als die Schreckensbilder von Auschwitz und anderen KZs durch die Lande gegangen sind und als das deutsche Volk merkte, dass es einem verbrecherischen System aufgesessen war und von diesem System mit in die Schuldverhaftung hineingerissen worden war. Selbstverständlich hat dieses Schuldgefühl dann auch den Glauben in Anspruch genommen, und für mich ist die Frage, wie kann geglaubt werden nach Auschwitz, eine mich ständig bewegende und bedrängende Frage.
Herr Schöne: Was war es, das Sie dann in die Wissenschaft gebracht hat? Sie waren zunächst einmal in der Seelsorge, dann waren Sie Religionslehrer und daneben haben Sie sich bereits schon wissenschaftlich betätigt, haben zwei Dissertationen geschrieben, eine in der Theologie, eine in der Philosophie, waren dann bald schon an Lehrstühlen, zunächst nur vertretungsweise und dann ordentlich in Passau und in Würzburg, als Nebenstationen darf ich Saarbrücken und Bochum nennen. Was hat Sie in die Wissenschaft gebracht und was hat Sie so gereizt an der akademischen Disziplin Theologie?
Prof. Biser: Ja, also zunächst muß ich sagen, es erzählt sich so leicht, wie Sie die Stationen meiner akademischen Laufbahn aufgezählt haben, aber diese Auflistung sollte nicht den Eindruck erwecken, dass der Weg einfach und glatt gewesen wäre. Es war eine Straße voller Stolpersteine und voller Schlaglöcher, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf, es gab auf diesem Weg gewaltige Rückschläge und tiefe Enttäuschungen und vor allen Dingen ungeheuere Mühen. Ich kann das überhaupt nicht in zwei Sätzen sagen, wie strapaziös dieser Weg sich konkret gestaltet hat. Dass ich trotzdem dabei geblieben bin, dass ich nachts zwischen 22.00 Uhr und 2.00 Uhr zwei Promotionen geschrieben habe, das hängt mit einer inneren Zwangslage zusammen. Der Apostel Paulus sagte einmal: "Ein Zwang liegt auf mir, wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde" - das könnte ich in einer stark abgeminderten Form auch auf mich beziehen und sagen: Ich mußte eben. Es gab keine Erklärung dafür, keine greifbare Motivation. Aber für mich war die wissenschaftliche Theologie die eigentliche Leidenschaft meines Denkens. Deswegen bin ich dabei geblieben, und es hat sich dann am Schluß herausgestellt, dass nach langen, langen Jahren des Zuwartens und der Unsicherheit dieser Weg eben doch von Erfolg gekrönt war. Ich war ja nicht weniger als 20 Jahre lang in der Seelsorge tätig und als Religionslehrer und bin erst viel zu spät in die akademische Laufbahn eingetreten.


Herr Schöne: Sie haben eine unverwechselbare Sprache gefunden, denn Sie sind nicht abstrakt geblieben, sondern Sie waren immer ganz nah an den konkreten Fragen der Menschen. Fühlt man sich da manchmal als Außenseiter?
Prof. Biser: Ich fühle mich bis auf den heutigen Tag als Außenseiter. Allein dadurch, dass ich von außen her in die Theologie eingestiegen bin - ein Seiteneinsteiger, wie man das zu nennen pflegt -, habe ich auch eine gewisse Isolation erlebt, denn ich paßte in keine Schule, ich hatte keine Fakultät, in der ich wirklich beheimatet war, und so ist es geblieben bis an das Ende meiner akademischen Tätigkeit. Aber das war auf der anderen Seite auch ein Freiraum, der es mir ermöglicht hat, Dinge in Angriff zu nehmen, die vielleicht in der Gebundenheit einer engen wissenschaftlichen Fakultät in dieser Form gar nicht machbar gewesen wäre. Die Art meiner Ausdrucksweise, die Sie angesprochen haben, hängt zweifellos damit zusammen, dass ich immer eine Synthese zwischen Theologie und Verkündigung angestrebt habe, ohne deswegen eine Theologie der Verkündigung betrieben zu haben. Für mich gab es immer, und das ist so geblieben bis auf den heutigen Tag, eine Synthese zwischen Lehrstuhl und Kanzel. Von der Kanzel habe ich gelernt, wie man reden kann, um die Menschen zu erreichen.
Herr Schöne: Sie hatten und haben einen Freund, die Zentralgestalt unseres Glaubens, nämlich Jesus. Sie sind ganz streng und voller Liebe auf diese Gestalt zugegangen und haben versucht, diese Gestalt, diese Person Jesu zu vermitteln.
Prof. Biser: Ich habe tatsächlich vier Jesusbücher geschrieben. Das erste, das hat sich mir regelrecht aufgedrängt. In diesem Zusammenhang darf ich vielleicht daran erinnern, dass es eine Spätfrucht des 2. Vatikanischen Konzils gibt, die bis zur Stunde zu meinem Bedauern als solche nicht richtig wahrgenommen worden ist, und das ist die Jesusliteratur, die 5 Jahre nach Konzilsende plötzlich aus dem Boden schoß, wie wenn sie auf geheime Verabredung zustande gekommen wäre, aber diese Verabredung gab es ja gar nicht. An dieser Jesusliteratur beteiligten sich nämlich nicht nur Katholiken und Protestanten, nicht nur Theologen und Philosophen, sondern zum ersten Mal auch Juden und Atheisten. Dass Atheisten positive Jesusbücher schreiben, hat es in der ganzen Kirchengeschichte noch nie gegeben, aber das war 1972 der Fall, als der tschechische Sozialphilosoph Milan Machowez mit seinem Jesus für Atheisten herausgekommen ist und die ganze religiöse Welt damit zutiefst überraschte und verblüffte. Das war, wie gesagt, im Geist jener Zeit eine Spätfrucht des Konzils - und plötzlich fühlte ich mich ebenfalls veranlaßt, ein solches Buch mit in die Waagschale zu werfen, das war mein Buch "Der Helfer".
Herr Schöne: Sie haben also dem bestehenden Jesusbild noch eine neue Farbe hinzugefügt. Das ist Jesus, der Freund, und das ist Jesus, der Helfer. Dies führt mich zu einer Frage, die auch Sie bewegt haben muß. Sie sprechen oft von der therapeutischen Funktion des Glaubens. Glaube muß helfen und kann heilen, ist das so?
Prof. Biser: Es gibt eine interessante Diskussion über die sogenannten Hoheitstitel Jesu. Mein Freund Ferdinand Hahn hat ein großes Werk darüber geschrieben und dadurch geradezu Weltruf erlangt. Aber ich denke, in dieser Diskussion ist eine Tatsache unbeachtet geblieben, nämlich dass Jesus von diesen ihm dann später zugelegten Titel zwar keinen in Anspruch genommen hat, dafür aber auf einen anderen den allergrößten Wert legte, der leider bei uns als solcher gar nicht wahrgenommen worden ist, er nannte sich selbst "Arzt". Nicht die Gesunden, die Kranken brauchen den Arzt. Aber dieser Satz muß natürlich gegen Mißverständnisse abgesichert werden. Er soll nicht heißen, dass es zwei Kategorien von Menschen gibt, die einen, die sich selber helfen können, die sozusagen aus eigener Initiative ihr Heil wirken können, und dann die anderen, die ihn, den "Arzt" von Gottes Gnaden brauchen. Nein, die Bezeichnung "Arzt" will sagen, ihr alle seid krank, es gibt nur eine besondere Kategorie von besonders schlimmen Kranken, die ihre Krankheit nicht wahrhaben wollen, die nicht zugeben wollen, dass sie krank sind und sich für gesund halten - und die brauchen mich am nötigsten. Er hat sich wirklich als den Arzt der Menschen empfunden und er hat demgemäß auch seine Reich-Gottes-Predigt immer mit entsprechenden Wundern unterstützt und unterstrichen. Man könnte diese Wunder geradezu als die Tatkommentare seiner Predigt bezeichnen. Und von daher ist mir aufgegangen, dass der Christenglaube von Haus aus eine therapeutische Funktion hat und dass es dem Glauben nicht nur darum zu tun ist, das jenseitige Heil zu sichern, sondern den Menschen schon im Diesseits zu helfen bis hinein in seine Leiblichkeit, bis hinein in seine Anfälligkeit für Krankheiten. Ich möchte ganz betont hinzufügen, dass die therapeutische Funktion des Glaubens ja in der Zwischenzeit aufgrund einer Diastase zwischen Theologie und Medizin in die Hände der wissenschaftlichen Mediziner übergegangen ist. Ja, ich habe mich sogar mit dem Satz schon exponiert, dass die Wunder Jesu heutzutage in die Hand der Ärzte gefallen seien. Aber das heißt keineswegs, dass die therapeutische Aufgabe des Glaubens gegenstandslos geworden ist, denn es gibt in unserer Zeit eine Fülle von Krankheitsbildern, besonders von chronisch Kranken, bei denen die wissenschaftliche Medizin nicht wirklich helfen kann. Und die chronisch Kranken sind dadurch besonders belastet, dass sich ihnen ja der Sinn der Krankheit als Problem stellt. Sie müssen sich fragen, ob sie überhaupt noch als nützliches Glied der Gesellschaft in Betracht kommen, weil sie weder etwas leisten noch etwas konsumieren können. Zu leisten sind sie außerstande, weil sie krank sind und behindert sind. Zu konsumieren sind sie außerstande, weil sie längstens ihr ganzes Geld an die Ärzte vergeben haben, und sie müssen sich dann als sinnlos und zur Sinnlosigkeit verurteilt vorkommen. Da hat natürlich die therapeutische Theologie eine ganz elementare Mission. Sie muß diesen Kranken zeigen und vor Augen führen, dass gerade das Leiden Sinn hat. Dass der leidende Mensch nicht zur Sinnlosigkeit verurteilt ist, sondern dass im Leiden eine Dimension der Sinnfindung besteht, die den Nichtleidenden so gar nicht zugänglich ist. Nicht umsonst hat Matthias Grünewald das Kreuz Christi so dargestellt, wie ich es jetzt mit meiner Begrifflichkeit bereits beschrieben habe, er hat es nur viel großartiger gestaltet, als er Johannes den Täufer im blutig roten Gewand unter das Kreuz gestellt hat und ihn mit groß ausgestreckter Rechten auf den Gekreuzigten hindeuten ließ, um deutlich zu machen, Leiden hat Sinn. Das muß heute vermittelt werden.
Herr Schöne: Es heißt auch, dass die Angst des Menschen auf diese Weise überwunden werden kann. Andererseits hat man auch wieder den Eindruck, dass die Theologie und die Kirche den Menschen Angst macht.
Prof. Biser: Das ist ein ganz böses Kapitel, das ist ein Kapitel mit dem ich mich schon lange herumschlage. Es gibt ein Werk, das Alterswerk von Oskar Pfister - der Freund, und als evangelischer Pfarrer der Weggefährte von Sigmund Freud - mit dem Titel "Das Christentum und die Angst". Und er hat in diesem Alterswerk von 1944 den Nachweis erbracht, dass sämtliche christliche Konfessionen in dieser Häresie, ich scheue mich nicht, diesen harten Ausdruck zu gebrauchen, befangen sind. Sie glauben, die Menschen durch die Suggestion von Ängsten zur Akzeptanz ihres Angebotes bewegen zu können und sie an der Kandare halten zu können. Glücklicherweise erleben wir im Augenblick eine Art Revision dieses Modells. Die Angsteinflösung funktioniert nicht mehr. Die Menschen lassen sich durch die Suggestion von Ängsten nicht mehr in die Kirche treiben, im Gegenteil, eine Kirche, die Angst macht, ist für sie eher Anlaß, ihr den Rücken zu kehren. Die dogmatische Suggestion von Ängsten hängt selbstverständlich mit einem elementaren Mißverständnis des Christentums zusammen. Deswegen laboriere ich ja auch an der Frage nach der Identität des Christentums. Ein Christentum, das um seine Mitte wüßte, das käme gar nie auf den Gedanken, dass man mit der Suggestion von Ängsten nachhelfen könnte, die Menschen zur Akzeptanz ihres Angebotes zu bewegen. Vielmehr müßten die Verkünder wissen und vermitteln, dass das Christentum die große Religion der Angstüberwindung ist. Wir haben auch heuer wieder Ostern und dann wieder Weihnachten und sowohl über Ostern wie auch über Weihnachten steht das Wort "Fürchtet Euch nicht". Das erste Wort des Auferstandenen war: "Fürchtet Euch nicht, ich bin es". Deutlicher kann eigentlich kaum gesagt werden, dass das Christentum von seiner innersten Mitte her eine Religion der Angstüberwindung ist.
Herr Schöne: Sie haben auch über Paulus einige Werke geschrieben. Was bedeutet er Ihnen?
Prof. Biser: Paulus ist für mich die große geniale Ursprungsgestalt des Christentums. Das heißt ganz gewiß nicht, dass er, wie man des öfteren nachzuweisen versuchte, der Schöpfer des Christentums ist. Das ist er ganz gewiß nicht und das wollte er auch nie sein. Alles, was er hat, hat er von Jesus, verdankt er Jesus. Aber er ist derjenige, der die Botschaft Jesu auf die für die damaligen Verhältnisse - und erstaunlicherweise auch für die ganze Folgezeit - maßgebliche Weise interpretiert hat. Er hat die Botschaft Jesu in eine Sprache und in eine Gedankenwelt umgesetzt, die ihm dann die Möglichkeit eröffnete, dieses Christentum hineinzutragen in die heidnische Umwelt. Wir gehen ja manchmal von der falschen Vorstellung aus, dass diese heidnische Umwelt nur auf die Botschaft des Christentums gewartet habe. Das war aber in keiner Weise der Fall. Das war eine religiös saturierte Welt. Dass Paulus ungeachtet dieser Tatsache innerhalb von zwei Jahrzehnten trotzdem die enorme Leistung vollbrachte, das Christentum, wie er sich am Ende seines Römerbriefes ausdrückt, von Jerusalem bis Illyrien - dem heutigen Gebiet des ehemaligen Jugoslawien - zu tragen, das war zweifellos die Folge dieser Tatsache, dass es ihm gelungen ist, die christliche Botschaft, die Botschaft Jesu, in eine Denkwelt und Sprache zu übersetzen, die den Menschen verstehbar gewesen ist. Im Zentrum steht ganz gewiß der Gedanke der Freiheit. Der steht ja dann auch zentral in seiner eigenen Verkündigung "Zur Freiheit hat uns Christus befreit". Mit diesem pleonastischen Satz des Galater-Briefes bringt er eigentlich sein ganzes theologisches System auf den Punkt, und das hat den Menschen damals gefehlt. Sie fühlten sich in astrale Zwänge eingebunden, ganz zu schweigen von den politischen Zwängen, die im Imperium Romanum geherrscht haben, und Paulus hat in diese Welt den Gedanken der von Christus gebrachten Freiheit hineingetragen, daher sein großer Erfolg. Und wenn wir heute dasselbe Panorama in den Blick nehmen, wäre die Freiheitsbotschaft des Paulus von derselben Aktualität. Wir leben zwar nicht mehr in einer Welt jener massiven Zwänge, aber in einer Welt vieler subkultaner Zwänge, und deswegen ist die Freiheitsbotschaft des Paulus von einer eigentlich nicht zu überbietenden Aktualität.

Herr Schöne: Aber wir haben niemanden weit und breit, der die Sprache des Paulus spricht, sie beherrscht und weiterträgt. Sie selbst sprechen manchmal von einer Art "religiöser Sprachbarriere". Wir sind irgendwie sprachlos geworden, wenn es um die letzten Geheimnisse unserer Religion geht, um die eigentliche Botschaft.
Prof. Biser: Das ist zweifellos ein Tatbestand, der allerdings erklärungsbedürftig ist. Warum sind wir sprachlos? Warum bauen wir mit unserer Sprache oft eher Barrieren auf, als dass wir Barrieren niederlegen und den Menschen zu Herzen reden. Der Apostel Paulus würde sagen: "Es gibt einen Grund, euer Glaube ist zu schwach." Für ihn gibt es durch seine ganze Predigt ein einziges tragendes Prinzip und das heißt, "Ich glaube, darum rede ich". Dass er auf diese Weise zu reden und zu schreiben vermag, mit der er dann die ganze damalige Welt für die Sache Christi erobert hat, das verdankt sich ausschließlich seinem Glauben. Er würde uns den Vorwurf machen, dass unser Glaube zu formal, zu leistungsbezogen, aber auf der anderen Seite auch zu timide, zu schwächlich und rezeptiv ist. Er würde für einen kreativen Glauben einstehen, er würde zu dieser Kreativität des Glaubens dadurch ermutigen, dass er uns klarmachen würde, dass wir ja in unserem Glauben nicht nur auf uns gestellt sind, auch nicht nur - wie ich vorher gesagt habe - auf die, die mit uns glauben, die unseren Glauben mittragen, sondern dass wir in unserem Glauben vor allen Dingen die Hilfe dessen besitzen, der geglaubt wird, nämlich der in uns wohnende Christus. Das war für ihn der eigentliche Pfeiler des Glaubens, die eigentliche Inspirationsmitte, aus diesem Wurzelgrund konnte er sagen, "Ich glaube, darum rede ich".
Herr Schöne: Ich möchte nochmals auf Ihre Biographie zurückkommen. Sie hatten den einst von Romano Guardini getragenen Lehrstuhl inne. Sie waren Ordinarius für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie in München, und wie Guardini stoßen Sie immer wieder zu diesem ganz großen Glaubensgeheimnis vor. Haben Sie selber eine ganz kurze Antwort, wie man dieses Geheimnis beschreiben könnte?
Prof. Biser: Das Geheimnis läßt sich als solches nicht beschreiben. Aber es teilt sich mit. Ich habe gerade eben, ohne den Ausdruck verwendet zu haben, Paulus als Mystiker angesprochen. Mystik heißt Schweigen, Mystik heißt Verdorbenheit, Mystik heißt aber auch Verbundenheit. Und für Paulus ist das tragende Prinzip die Gegenwart Christi im Glauben. Das ist auf einen ganz einfachen Punkt zurückgebracht. Was ihn inspiriert, das was ihn motiviert, was ihm Kraft gibt. Ich vermag alles, so sagt er, in dem, der mir die Kraft und die Stärke verleiht: Christus. Das ist es wohl, was Paulus auch uns ins Stammbuch schreiben würde. Wir sehen im Glauben immer noch eine Leistung, die sich bezieht auf die in Jahrhunderten entwickelten Glaubenssätze. Das ist selbstverständlich wichtig. Der Glaube würde zerrinnen, wenn er dieses Gefäß der Sätze nicht hätte. Aber für den heutigen Christen ist es im Sinne des Apostels Paulus viel wichtiger, in das Innere dieser Sätze einzudringen, weil dort der eigentliche Lebensinhalt auf uns wartet. Für Paulus geht es letztlich um eine Art Identifikation mit dem Geglaubten. Aus dieser Identifikation strömt seine Kraft, strömt sein Enthusiasmus, strömt seine Energie und strömt nicht zuletzt das, was uns so sehr fehlt, seine Freude. Er ruft nicht umsonst am Schluß seines vielleicht intimsten Briefs an die Gemeinde von Philippi zur Freude auf. Wenn ich heute in die Glaubensszene hineinschaue, sehe ich alles mögliche an Positivem, aber ich vermisse das eine, den Enthusiasmus, die Freude. Wenn aber der Glaube ein Geschenk ist, wie ich einleitend einmal gesagt habe, dann müßte doch dieses Geschenk mit Dankbarkeit und Freude entgegengenommen werden, müßte den Menschen mit innerer Beglückung erfüllen. Das tut es offensichtlich noch längst nicht in zureichendem Maß und darauf muß sich selbstverständlich die Energie der Theologen konzentrieren.
Herr Schöne: Sie führen auch in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, bei der Sie als Dekan die Klasse Weltreligionen leiten, den Dialog mit den anderen Religionen. Welche Hoffnung setzen Sie auf diesen Dialog mit den Juden und mit den Vertretern des Islams? Was ist da die gemeinsame Aufgabe?
Prof. Biser: Also zunächst muß ich die gemeinsame Basis ansprechen, auf der überhaupt ein Dialog möglich ist. Diese Basis ist der Offenbarungsbegriff. Juden, Christen und Muslime gehen im Unterschied zu der säkularistischen Denkwelt davon aus, dass Gott den Menschen sich zugewendet hat, dass Gott die Menschen nicht ihrem Irrweg überließ, sondern dass er, wie es einmal in einem altchristlichen Schreiben heißt, sein ewiges Schweigen brach, um zu den Menschen zu reden. Das bedeutet für den gläubigen Juden, dass er gesprochen hat durch die Propheten, das bedeutet für den gläubigen Muslim, dass er dem Prophet Mohammed den Koran diktiert hat. Eine wunderbare Szene, wie der Erzengel Gabriel kommt und Mohammed den Koran förmlich oktroyiert, aufs Gesicht preßt, in Gestalt eines mit den Gedanken Allahs beschriebenen seidenen Tuchs. Für das Christentum allerdings ist Offenbarung noch etwas ganz anderes. Nämlich die Tatsache, dass Gott auf unsere Seite getreten ist, dass Gott die Lust und Last eines Menschseins auf sich genommen hat, dass Gott unser Bruder geworden ist in Jesus Christus. Das ist die christliche Konzeption von Offenbarung, die wir wiederum den Männern des 2. Vatikanischen Konzils in dieser Klarheit verdanken können. Das ist nun die gemeinsame Basis, aufgrund deren ein Dialog möglich ist. Dass dieser Dialog, wie Sie angedeutet haben, aber auch schwierig ist, das ergibt sich aus zwei Tatbeständen, die uns immer wieder ins Bewußtsein treten. Das ist der islamische Fundamentalismus mit all seinen schrecklichen Erscheinungen und das ist nicht zuletzt das Auschwitz-Problem, auf das wir ja vorhin schon einmal ganz kurz eingegangen sind. Ungeachtet dieser Tatsache ist aber festzustellen, dass alle drei Religionen einen gemeinsamen Gegner haben, den es niederzuzwingen gilt. Und das ist der ozeanische Atheismus, von dessen Größenordnung uns erst der Fall der Eisernen Mauer einen Begriff vermittelt hat. Denn solange dieser Eiserne Vorhang bestand, solange konnte man sich noch einigermaßen abgeschottet fühlen von dem, was im sowjetischen Machtbereich geschehen ist. Jetzt, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, ist uns der Blick offen geworden für die ungeheuere Verheerung, die die atheistische Propaganda in den sieben Jahrzehnten dort erzielt hat. Und selbstverständlich ist uns auch klar geworden, dass diese atheistische Welt längstens auf uns durchgeschlagen hat und dass sie uns auf vielfältige Weise in Mitleidenschaft gezogen hat. Das ist nach meinem Verständnis die ungeheuere Herausforderung. Und ich gehe davon aus, dass keine einzelne Konfession oder Religion in der Lage ist, mit diesem Problem fertig zu werden. Und deswegen plädiere ich für eine Bündelung der Kräfte, für ein gegenseitiges Einvernehmen all derer, die noch an Gott glauben, und das sind ebenso wir Christen wie die gläubigen Juden und gläubigen Muslime, und jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie hier eine Verständigung möglich ist, was wir voneinander lernen können. In meiner Arbeit ist mir klargeworden, dass es jüdische Leser des Neuen Testamentes gibt, die Dinge des Neuen Testamentes entdecken, die den christlichen Theologen so gar nie sichtbar geworden sind. Für mich ist insbesondere Martin Buber ein solcher Leser des Neuen Testaments, und in meinen vier Jesusbüchern, die Sie vorhin freundlicherweise angesprochen haben, kommen nicht selten, sondern immer wieder Gedanken zum Tragen, die ich Martin Buber verdanke. Er ist wirklich als Jude in einer Weise eingedrungen in das Neue Testament, in die Lebens- und Bewußtseinsgeschichte Jesu, die von der christlichen Theologie in dieser Tiefe kaum erreicht worden ist. Das lernen wir von den Juden. Von den Muslimen können wir auch etwas lernen. Denn wie die Fernsehdarstellungen von muslimischen Gottesdiensten immer wieder zeigen, besitzt der Islam einen Zugriff auf seine Gläubigen, über den wir Christen nur neidvoll erblassen können. So etwas könnte keine Kirche von ihren Gläubigen verlangen, was der Islam als eine selbstverständliche Leistung seiner Gläubigen in Anspruch nimmt. Und deswegen die Frage, wie hat der Islam dieses geschafft, dass er den Gläubigen eine derartig gewaltige, religiöse Identifikation mit auf den Weg gibt. Ich denke, es ist der Begriff der Einzigkeit Gottes, der ja im Islam in einer Weise zugespitzt ist, dass er fast die Funktion eines Gottesbeweises hat. Das und was noch sich davon herleitet, wäre vom Islam nach meinem Verständnis zu lernen, und ich denke auf diese Weise könnten die religiösen Kräfte gebündelt werden, und dann könnte gemeinsam überlegt werden, was getan werden kann, um dem Atheismus entgegenzutreten. Ich sage das nicht abstrakt, sondern ein Mitglied meiner Gruppe, die um das jüdisch-christliche Gespräch bemüht ist, hat die Initiative ergriffen und den Vorschlag gemacht, wir müßten eine kurz gefaßte Zusammenfassung unserer religiösen Überzeugungen erarbeiten, um auf dieser Basis effektiv werden zu können. Ich denke, das wäre eine Perspektive, die weiter verfolgt werden muß.
Herr Schöne: Wie wir merken, Herr Professor Biser, Ruheständler sind Sie noch nicht, auch nicht mit 80. Sie haben sogar vor zehn Jahren noch das Seniorenstudium der Universität München mitbegründet und leiten es noch. Was bewegt Sie dazu und was bewegen Sie damit?
Prof. Biser: Dazu hat mich die Beobachtung bewogen, dass es eine Menge von älteren Hörern gibt und gab, die ein Heimatrecht an der Universität suchen. Es sind vor allen Dingen jene Jahrgänge, die durch die Not der von Ihnen angesprochenen Nachkriegsjahre geprägt sind. Sie hätten sehr gerne ein akademisches Studium ergriffen, aber die Notlage hat sie daran gehindert. Jetzt, nachdem sie aus einem mehr oder weniger erfolgreichen Berufsleben ausgeschieden sind, hoffen sie, dass dieser Wunsch erfüllbar ist, und ich wollte ihnen diesen Wunsch tatsächlich und konkret erfüllen, und so ist das Seniorenstudium entstanden. Was es leistet, das kann man mit einem einzigen Satz sagen: Es hilft, die Sinnkrise der Alten zu überwinden. Viele, die unser Studium wahrnehmen, haben das Gefühl, dass ihr Leben einen neuen Inhalt bekommen hat. Dazu kommt auch, dass sie mit Schicksalsgenossen zusammenkommen in unseren Vorlesungen, dass sie Kontakte anknüpfen, die ihnen helfen, die wachsende Vereinsamung der späten Lebensjahre zu überwinden. Das sind so einige wenige Hinweise auf die Bedeutung des von mir vor zehn Jahren ins Leben gerufenen Seniorenstudiums.

Herr Schöne: Professor Biser, besonders im Alter stellt sich ja der Mensch die Frage, was nach diesem Leben, was nach dem Sterben kommt. Was meint der Theologe und Religionsphilosoph, was dürfen wir uns da vorstellen.
Prof. Biser: Wir dürfen uns das vorstellen, was ich meinen Hörern immer wieder sage. Wenn das Christentum etwas taugt, dann muß es mich angstfrei sterben lassen. Und es läßt mich angstfrei sterben, wenn ich im Tod wissen darf, dass der bedingungslos liebende Gott mit ausgebreiteten Armen auf mich wartet, um mich an sein Herz zu ziehen. Das ist meine Antwort auf Ihre Frage.
Herr Schöne: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wir sind jetzt am Ende der Sendung, an einer Grenze, die uns die Zeit setzt, die uns auch die Erfahrung und das Wissen setzt. Wir wissen aber, dass nach dieser Grenze noch etwas kommt, da kommt die ganz große Hoffnung. Herr Professor Biser, Sie haben uns in unserem heutigen Gespräch ein wenig von dieser Hoffnung auf unseren Weg mitgegeben. Dafür bedanke ich mich sehr bei Ihnen.