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Die Opferkritik in der Theologie Eugen Bisers


Klaus-Peter Jörns
Die Opferkritik in der Theologie Eugen Bisers
http://epub.ub.uni-muenchen.de/7747/1/OpferbeiEugenBiser20-11-2008.pdf

1. Beschreibung des im Thema steckenden Problems – und ein großer Dank

Dass der Kreuzestod Jesu als Opfer, ja, als Sühne wirkendes Opfer, verstanden werden müsse, gehört zu den über zwei Jahrtausende hin selbstverständlich gewordenen und auch im Laufe der Theologiegeschichte kaum hinterfragten Glaubensaussagen des Christentums. Der jetzige Papst, Joseph Ratzinger, hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation alles dafür getan, dass der Opfercharakter der römischen Messe nicht durch die Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils verwässert werde Aber auch die Reformation hatte an der Deutung des .Todes Jesu als Sühnopfer im Grundsatz nichts geändert, und zumindest zwei der gegenwärtigen geistlichen Leiter von evangelischen Landeskirchen haben sich mit Nachdruck dafür ausgesprochen, dass das so bleibt Im Gespräch mit Richard .Heinzmann hat Eugen Biser von der Opfertheologie gesagt, sie durchziehe „die ganze Geschichte des Christentums…, sie steht an fast allen Ecken und Enden des Neuen Testamentes“.
In vielfacher Variation hat Biser in Vorträgen, Büchern und Predigten allerdings diese Feststellung mit einem großen Aber verknüpft und von der Opfertodtheologie gesagt, dass sie trotz der vielen Belegstellen „im stärksten Kontrast zu der von Jesus erzielten Gottesentdeckung“ stehe. Seine Begründung für diese Entgegensetzung ist einfach und einleuchtend und an Glaubwürdigkeit kaum zu übertreffen: Ein „Gott der bedingungslosen Liebe wird durch Opfer nicht versöhnt, ganz davon zu schweigen, dass er gar keine Opfer will.“
Für diese Aussage beruft sich Biser auf den Propheten Hosea und den bei diesem zu findenden Gottesspruch „Liebe will ich, und nicht Opfer“ (Hosea 6,6) - und auf Jesus, der sich diesen Satz – jedenfalls nach der Überlieferung bei Matthäus (9,13; 12,7) – zu eigen gemacht und damit die so genannte „prophetische Kritik“ am Opferkult in Israel aufgenommen und bestätigt hatte. Die Opferkritik gehört also zum Evangelium Jesu.
Und entsprechend gibt es keine einzige Überlieferung, die Jesus als Teilnehmer an einer Opferhandlung bzw. einem Opferfest im Jerusalemer Tempel zeigte. Im Gegenteil: Die unter dem Titel „Tempelreinigung“ bekannte Geschichte (Markus 11,15-19 und Parallelen) berichtet, dass es im Tempelvorhof zu einer schweren Auseinandersetzung gekommen war, weil er die Geldwechsler und Verkäufer von Opfertieren aus dem Tempel getrieben hatte. Es geht in dieser Geschichte nicht um ein paar Turteltäubchen mehr oder weniger, sondern um einen Frontalangriff Jesu auf den Tempelbetrieb, insofern dort mittelbar – nämlich über den Verkauf der von den Priestern zu opfernden Tiere – die Heilsgaben (stellvertretender) Sühne und Vergebung gegen Geld verkauft wurden. Mich erinnert diese Geschichte immer wieder an den Widerstand Martin Luthers gegen den Ablasshandel Tetzels, durch den die Reformation letztlich ausgelöst worden war. Jesuswollte, wie das überlieferte Zitat zeigt, den Tempel als „Bethaus“ und urteilte, dass der Opferbetrieb, an dem zu seinen Lebzeiten ca. 8000 Priester in Jerusalem in mehreren Schichten beteiligt waren, mit der dazu gehörigen Massentierhaltung eher einer „Räuberhöhle“ glich. Die nur von Matthäus überlieferte Rede Jesu, er habe täglich im Tempel gesessen und dort gelehrt, unterstreicht sein eigenes Interesse: Es galt ganz offenbar der Synagoge im Tempelbezirk und der revolutionären Auslegung der jüdischen Schriften, nicht dem Opferkult. Die Konfrontation der trotzdem innerhalb und außerhalb des Neuen Testaments vielfach bezeugten christlichen Opfertheologie mit der Verkündigung Jesu bei Eugen Biser zeigt eine Argumentation, die näher zu betrachten sein wird, um ihre Eigenheiten und Nebenzüge, aber auch daraus ableitbare Konsequenzen benennen zu können. Ehe ich dazu komme, möchte ich aber Eugen Biser von Herzen dafür danken, dass er sich auf diese Konfrontation eingelassen und sie durchgestanden hat und durchsteht – aller kirchlichen und theologischen Frontstellung zum Trotz, die die Verteidiger der Opfertheologie bis heute gegen ihre Kritiker aufbieten. Mir ist Eugen Bisers Klarheit zu einer starken und stärkenden Begleitung meines eigenen Kampfes gegen Verzerrungen des Evangeliums Jesu durch (früh)kirchliche Rückfälle in die von Jesus überwundenen Glaubensstrukturen geworden.

2. Christliche opfertheologische Aussagen und Liturgien

Um das Gewicht und die einzelnen Elemente der Biser’schen Argumentation in der Opferfrage auch im Detail würdigen zu können, ist es nötig, einige Partien aus neutestamentlichen Schriften und aus christlichen Liturgien zu erinnern.
Beispielhaft für eine Deutung des Todes Jesu als einer Sühne wirkenden Opferhandlung ist, was Paulus Römer 3,25 geschrieben hat – ich übersetze frei: „Für den Glauben hat Gott ihn (Jesus) als ein Opfer hingestellt, das durch sein Blut Sühne wirkt; dadurch hat Gott die Gültigkeit seiner in der Tora verankerten Rechtsordnung erwiesen; denn die vorher geschehenen Sünden waren wegen der Langmut Gottes ungesühnt geblieben.“
Das heißt zugleich: Sie haben gesühnt werden müssen. In diesem Sinn sei „Christus für uns gestorben“ (Römer 5,6) und habe Gott in Jesu Opfertod „seine Liebe zu uns bewiesen“ (Römer 5,8). Der darin steckende Gedanke hebt letztlich auf das bei Jesu Sterben vergossene Blut ab. Denn Blut, das beim Opfer von makellosen („unschuldigen“) Tieren vergossen wurde, hatte nach antiker Vorstellung eine reinigende, sühnewirkende Kraft, weil das geflossene Blut Zeichen des stellvertretend erlittenen Todesurteils über Sünder und Frevler war. Zugleich hatte Blut in der Antike magische Qualitäten. Deshalb konnte der Hebräerbrief den Grundsatz jüdischer Kulttheologie so nachformulieren: „Sündenvergebung ist ohne Blutvergießen nicht möglich“ (9,22). Weil dieser Grundsatz unbestritten für ihn galt, deutete auch der Hebräerbrief den Tod Jesu als Sühnopfer für die Sünden der Menschen. Als Sünde galt der Ungehorsam gegen Gottes Rechtsordnung, die Tora. Weil dieser Ungehorsam Gott und sein Recht und damit die Grundfesten der Weltordnung verletzte, war der Sünder prinzipiell des Todes würdig. Und da niemand ohne Sünde ist, hatten alle Menschen – modern gesprochen – ihr Lebensrecht verloren, also die Todesstrafe verdient. Einen Ausweg bot nach jüdischer Auffassung nur die an den Opferkult gebundene Sühne: Indem in frühgeschichtlicher Zeit ein Mensch und später ein unschuldiges Tier getötet und sein Blut vergossen wurde, konnten alle am Kult beteiligten sündigen Menschen aus der drohenden Folge ihres Ungehorsams befreit bzw. losgekauft werden. Da die Sünden durch den Opferkult aber nicht abgeschafft wurden, war für die Gläubigen eine immer neue Teilnahme am entsühnenden Opferkult notwendig, um Zugang zur Sündenvergebung und Frieden mit Gott zu haben. „Der Opferdienst“ im Jerusalemer Tempelkult „war und blieb der Garant für den Schalom zwischen Gott und dem Volk.“
Die Logik der Opfertheologie hat auch die reformatorische Rechtfertigungs- und Versöhnungslehre im Grundsatz anerkannt.
Denn sie hat nachformuliert, was Paulus Römer 5,9 als seine erlösungstheologische Summe geschrieben hatte: „Durch sein (Jesu) Blut sind wir gerecht gesprochen, durch Jesus vor dem Zorn Gottes gerettet worden.“ Denn „er ist für unsere Sünden in den Tod gegeben worden.“ (Römer 4,25) Ja, weil seit Adam und Eva alle Menschen ungehorsam gewesen sind, hat Paulus einer verbreiteten Meinung zustimmen können, Gott vollstrecke seinen Zorn über die ungehorsame, sündige Menschheit zwar nicht mehr durch eine Sintflut wie jene frühgeschichtliche, in der er alle Lebewesen – bis auf einen regenerierungsfähigen Rest – ersäuft hatte. Aber sein Zorn regiere trotzdem unser Leben, dadurch dass wir nachparadiesischen Menschen sterblich sind. Zitat: „Der Sünde Sold ist der Tod“ (Römer 6,23). Nur wegen des Kreuzestodes Jesu und der dadurch geschehenen Errettung vor dem Zorn Gottes können wir nach dem Tod „ewiges Leben“ als „Gottes Gnadengabe“ erhalten (Römer 6,23) Das sind die Grundzüge der Theologie vom stellvertretend erbrachten Sühnopfer. Die Sünder bleiben Sünder; aber durch die in Jesu Blut bzw. Tod geschehene stellvertretende Sühne ist der Sünder nun in Gottes Augen zugleich das, was jeder Jude – und seit Paulus auch jeder Christ – sein soll: ein Gerechter. Dass der gläubige Mensch Sünder und Gerechtgesprochener zugleich ist – ist zur zentralen Aussage reformatorischer Kreuzes- und Gnadentheologie und damit auch der Rechtfertigungslehre geworden. Das Größte, was es demnach von Gott zu sagen gibt, ist seine Gnade. Aber wir müssen festhalten: Diese Gnade Gottes ist ganz und gar gebunden an das Leiden und Sterben Jesu, das er als stellvertretende Vorleistung erbracht hat. Und darin unterscheidet sie sich kategorial von einer Liebe, die aus sich selbst kommt. Aufgrund neuerer Forschungen will ich diesen Überblick noch um ein weiteres Element der Sühnetheologie ergänzen, das uns dann auch zu den ersten christlichen Opfermahlliturgien für die Eucharistie, die lobpreisende Danksagung also, führt. Peter Wick hat herausgestellt, dass in der Fassung der Abendmahlsworte bei Matthäus die Sühne wirkenden Elemente etwas anders als bei Paulus betont und begründet werden. Denn nur bei Matthäus finden wir im Kelchwort die Aussage, Jesu Blut sei „für viele“ vergossen worden „zur Vergebung der Sünden“ (Matthäus 26,28).
Wick kann nachweisen, dass hier ein Zug jüdischer Märtyrertheologie erscheint, der seit den jüdischen Freiheitsbestrebungen unter den Makkabäern im 2. Jahrhundert vor Christus belegt ist. Danach hat der Tod von Menschen, die wegen ihres unbeugsamen Toragehorsams getötet worden waren, sühnende Wirkung für das Volk. Auch Paulus kannte diesen Gedanken, wenn er geschrieben hat, Jesus sei „von Gott erhöht worden“, weil „er gehorsam gewesen ist, ja, gehorsam bis zum Tod am Kreuz“ (Philipperbrief 2,8f.). In den Abendmahlsworten ist diese Märtyrertheologie, die dem Tod toratreuer Juden sühnende Wirkung für das (sündige) Volk zugeschrieben hatte, von Matthäus auf Jesu Tod übertragen worden. Sie wurde dabei verbunden mit der anderen Deutung seines Todes, die das Vergießen seines Blutes in Analogie zum Mosebund (2. Buch Mose 24,3-8) als Besiegelung eines neuen Bundes Gottes mit den Judenchristen verstanden hat: „Dies ist das Blut des Bundes, das für viele vergossen worden ist zur Vergebung der Sünden“, lautet deshalb das ganze Kelchwort bei Matthäus. Bei Paulus und Lukas heißt es ähnlich: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut / durch mein Blut (1. Korintherbrief 11,25; Lukas 22,20) – und Lukas fügt hinzu „das für euch vergossen wurde“. In dem „für euch“ wird die Sühnewirkung mittelbar ausgesprochen. Das von den Christen (bei Paulus und Lukas) mit der Mahlfeier verbundene Gedächtnis des Todes Christi ist darum letztlich die Fortführung jenes Bundesopfers und zugleich des Märtyrergedächtnisses, mit dem sich für die Feiernden Sühne und Sündenvergebung verbinden. Wieder wird, wie bei der Sühnopferdeutung, die Sühnewirkung, ja, die Gnade Gottes, ganz und gar abhängig gemacht von dem Leiden und Sterben Jesu


3. Die Begründung der opferkritischen Theologie Eugen Bisers

Ich habe diese Zusammenhänge so ausführlich angesprochen, weil die kritische Sicht der christlichen Opfertheologie bei Eugen Biser um so besser hervorkommt, desto deutlicher uns diese Zusammenhänge vor Augen sind – und je mehr wir begreifen, dass die Opfer- und Sühnetheologie allgegenwärtig in der Bibel und - noch jedenfalls – in den Liturgien christlicher Kirchen ist. Denn erst dann kann uns auch in der nötigen Schärfe klar
werden, wie stark diese allgegenwärtige Gnaden- und Sühnetheologie die Mitte der Verkündigung Jesu verdeckt hat und bis heute verdeckt. Und dann wird auch klar, welche Arbeit und welche innerkirchlichen Auseinandersetzungen denen, die den Weg Eugen Bisers in dieser theologischen Grundentscheidung weitergehen wollen, bevorsteht. Ich knüpfe, um das auszuführen, an das eingangs gebrachte Zitat von Eugen Biser noch einmal an: Ein „Gott der bedingungslosen Liebe wird durch Opfer nicht versöhnt, ganz davon zu schweigen, dass er gar keine Opfer will.“

• Das ist das erste und zentrale Argument gegen die Theorie vom Sühnopfertod Jesu, das seinerseits in Bisers Schriften allgegenwärtig zu finden ist: Das Gottesbild, das Jesus wahrgenommen und uns vermittelt hat. Denn nach Biser bildet „zweifellos die Gottesverkündigung Jesu“ die Mitte der neutestamentlichen Schriften. Durch sie verfüge Jesu Werk „über eine eigene religiöse Identität“.
Das Verhältnis des Gottes, den Jesus im .Unser-Vater mit der „Zärtlichkeitsanrufung ‚Abba – Vater’“ angeredet hat, zu uns Menschen wird im Tiefsten und Äußersten nicht mehr aus einem Gemisch von Zorn und Gnade bestimmt, sondern allein von Liebe. Damit das ganz klar herauskommt, betont Biser immer zugleich, dass diese Liebe Gottes bedingungs-los, un-bedingt, also an keine sie bedingende Ursache gebunden ist, die außerhalb ihrer selbst läge. Ich habe durch Eugen Biser sehen gelernt, was mir anfangs gar nicht leicht gefallen ist: dass die Liebe Gottes, wie sie Jesus verkündet und gelebt hat, ganz aus Gott selbst kommt. Sie ist Ausdruck der höchsten Freiheit Gottes und bedarf keiner Vorleistung. Ja, würde sich Gottes Liebe auf irgendeine Vorleistung wie ein stellvertretend gebrachtes Opfer, gar ein Menschenopfer, berufen, wäre sie keine un-bedingte Liebe, sondern wieder eine bedingte, abhängige, und das heißt in religionsgeschichtlicher Perspektive: eine gewöhnliche Liebe gewesen, die Sühnezeichen als Bedingung verlangt. Darum ist es für Biser ausgeschlossen, dass dieser Gott seinen Sohn als Opfer ans Kreuz gezwungen habe, um die Sündenlast der Menschheit zu sühnen. „Er (scil. Jesu Tod) hat nichts zu tun mit einer Ableistung der Sündenschuld der Welt“. Zwar habe Jesus die ganze „Sündenlast der Welt“ auf sich genommen und aushalten müssen – aber „nicht blutig am Kreuz, sondern in seiner gesamten Lebensleistung“ Dieser Gott weiß, dass niemand von uns leben kann, ohne Gott und Menschen etwas schuldig zu bleiben, was wir ihnen – um der Liebe Gottes willen – schuldig sind. Weil Gott seine Geschöpfe von sich aus liebt, muss er nicht durch Opferleistungen oder andere stellvertretende Sühne zur Gnade überredet werden. E
vergibt Menschen, die sich von seiner Liebe anstecken und zur Änderung ihres Lebens bewegen lassen, ihre Sünden. Das Gottesverhältnis bedarf keines Dritten, der zwischen Menschen und Gott tritt. Jesus hat mit seinem ganzen Leben – das ist der Akzent Bisers – und nicht erst und schon gar nicht ausschließlich mit seinem Tod, Menschen in die Gotteskindschaft und in die Nachfolge auf dem Christusweg gerufen. Sündenvergebung hat er zu Lebzeiten und ohne Berufung auf einen sühnenden Tod praktiziert, ja, er hat Vergebung im Unser-Vater zum Auftrag aller Christen gemacht. Gotteskindschaft und Vergebungsauftrag gehören zusammen. Haben sie die Gotteskindschaft angenommen, sind sie frei von Angst vor dem Gott, der ihnen ehemals als zürnend und rächend vorgestellt worden war. In seinen Reden gibt es .betont Biser, keine vorausblickende Äußerung, mit der er seinen Tod als Sühneleistung bezeichnet hätte. Auch deswegen „fehlt .der Opfer- und Sühnetheorie jede Basis“ Jesus hat im .Gegenteil vorgelebt, dass Sündenvergebung sehr wohl ohne Blutvergießen, Märtyrertode und kultische Sühne möglich ist. Und das bedeutete religionsgeschichtlich wahrlich einen Quantensprung.
Alle weiteren Argumente hängen von diesem ersten, im strengen Sinn theologischen, ab. Ich nenne sie daher jetzt sehr viel kürzer: • Zweites Argument: Diese un-bedingte Liebe Gottes umgeht nicht das Leiden in der Welt, sondern sie ist leidensfähig. So zweckfrei der Tod Jesu auch ist und so wenig er im Sinne der Sühneidee funktionalisiert werden darf, so sehr besteht Eugen Biser darauf, dass Jesu Tod ein Akt der liebenden Hingabe an Gott und die Seinen gewesen ist. „Deshalb verschmolz in seiner Todeshingabe das, was er war, mit dem, wofür er lebte.“ Diesen knappen Satz Bisers kann ein anderer erläutern, der das Sterbens- und das Auferstehungsgeschehen als mystischen Akt zusammen deutet: „In seinem Tod gibt sich Jesus als Individuum auf, um als Gegenwärtiger in den Seinen auf- und fortzuleben.“
Hier meint Hingabe die „Liebe bis zum Äußersten“, von der Jesus Johannes 13,1 spricht
Und noch deutlicher: „Das individuelle .Dasein (scil. Jesu) in Raum und Zeit nimmt … mit dem Tod ein Ende. Dann aber beginnt das pneumatische Dasein: Als lebendigmachender Geist beseelt Christus die Welt und jeden Einzelnen von uns. Das ist die frohe Botschaft von Ostern“, die nach Biser aber schon auf der Rückseite des karfreitäglichen Sterbens beginnt: „Demnach ereignete sich die Auferstehung nicht erst, wie die symbolische Zählung der … Ostergeschichten will, am ‚dritten Tag’, … , sondern … bereits am Kreuz“. In dem letzten der Worte Jesu vom Kreuz herab, „Es ist vollendet / vollbracht“ (Johannes 19,30), findet Biser in seinem neuesten Jesus-Buch diese aufregende Sicht belegt

• Drittes Argument: Die Satisfaktionstheorie Anselms von Canterbury wird durch die neue Deutung des Kreuzes Jesu zusammen mit dem Auferstehungsgeschehen widerlegt. Denn an Jesu Sterben ist nicht abzulesen, dass Gott durch das, was Menschen Gott und sich untereinander schuldig geblieben waren, beleidigt worden wäre und mit einer für menschliche Verhältnisse überdimensionalen Sühneleistung, wie sie der Tod des Gottessohnes darstellt, hätte versöhnt werden müssen. Die Satisfaktionslehre instrumentalisierte den Tod Jesu als Sühne für einen Gott, den Jesus durch seine Botschaft von Gottes unbedingter Liebe schon hinter sich gelassen hatte. Und das bedeutet – wie Biser schön formuliert hat – dass „die Deutung des Kreuzestodes als Sühnopfer (sich) über die göttliche Interpretation hinwegsetzt, die dieser Tod durch die Auferstehung Jesu erfuhr.“ Sie gießt, um ein Wort Jesu zu zitieren, seinen „neuen Wein in alte Schläuche“ (Markus 2,22), sie stellt also seine Botschaft von der un-bedingten Liebe Gottes auf den Kopf. Denn an dem liebenden Gott muß und kann nichts versöhnt werden, und von ihm aus ist an den Menschen nach ihrem Tod nichts zu rächen. Gottes Liebe braucht keine Sühnopfer, ja, widerspricht ihnen. Mehrfach hat Biser betont, dass Jesus, als er die Heilsverheißung aus Jesaja 35 zitierte, den „Tag der Rache“ ersatzlos aus dem Verheißenen getilgt hat (Matthäus 11,4-6) Ein Heil, das mit Rache verbunden ist, kann Biser mit Gott, wie er sich für ihn in Jesus selbst offenbart hat, nicht verbinden.

• Viertes Argument: Die Sühnopferlehre widerspricht nicht nur dem Gottesbild, das wir von Jesus lernen, sondern auch seinem Bild vom Menschen. Da, wo heute mit Erbitterung trotz aller Gegenargumente an der Sühnopfertheologie festgehalten wird, wird mit derselben Energie an dem negativen Menschenbild festgehalten, das zur Sühnopfertheologie gehört. Dieses Menschenbild kann sich zwar auf den Satz des Paulus berufen, wonach unser Tod, besser: unsere Sterblichkeit und Endlichkeit, eine Folge der Sünde seit Adam und Eva seien (Römerbrief 6,23), also eine Strafe. Aber auch in dieser theologischen Konzeption
ist der Tod verzweckt, zum Mittel der Strafe für Sünde gemacht. Und damit ist der Tod, ist unsere Sterblichkeit, diskriminiert, zum „letzten Feind“ gemacht worden (1. Korintherbrief 15,26). Die Wohltat, dass die Sterblichkeit alles Geschaffenen uns vor Vergreisung und davor bewahrt, dass das Leben an sich selbst ersticken, sich zu Tode wachsen würde, kann deshalb nicht gesehen werden. Auch nicht, dass er ein Tor zum Leben ist, wie Jesus im Johannevangelium mit dem Bildwort sagt, dass das Weizenkorn in die Erde fallen und sterben muß, um neue Frucht zu tragen (Johannes 12,24). Im Gegenteil. Der Tod ist total negativ besetzt worden. Bis heute, betont Eugen Biser immer wieder, wird vor allem von Schwerkranken und Sterbenden deshalb die quälende Frage gestellt, womit ein Mensch dieses oder jenes Leiden oder Unglück „verdient“ habe. Und dies, obwohl Jesus einen Zusammenhang von Sünde und Leiden ausdrücklich zurückgewiesen hat (Johannes 9,1-7). Nicht die Frage, wer da gesündigt habe, sei zu stellen, wenn ein Mensch krank wird.
Sondern jedes Leiden sei zu begreifen als eine Herausforderung, es zu heilen und so – durch Linderung oder Heilung – die Werke Gottes offenbar zu machen- Das ist Jesu Botschaft.
Biser sieht in der Diskriminierung des Todes als „der Sünde Sold“ zu Recht den Grund dafür, „dass unsere Zivilisation eine geradezu perfekte Kunst der Todesverdrängung entwickelt hat.“
Und er hat darauf hingewiesen, dass Paulus an anderer Stelle, im 1. Korintherbrief, eine genau gegenteilige Position vertreten und geschrieben hat: „Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde“ (15,56). Da ist also die Sünde eine Folge unseres Wissens um unsere Sterblichkeit und Endlichkeit. Und das ist etwas ganz anderes und leuchtet denn auch ein: Weil wir nur begrenzte Zeit haben und die begehrten Güter nicht beliebig zur Verfügung stehen, sind wir ständig versucht, die Rechte der Mitmenschen und anderen Mitgeschöpfe zu unseren Gunsten einzuschränken oder ganz zu missachten. Das hat nichts damit zu tun, dass „das Trachten des menschlichen Herzens böse von Jugend auf“ (1. Buch Mose 8,21 vgl. 6,5) und Menschen unfähig zur Liebe und zum Dienst aneinander wären. Dass unsere bösen Werke mit dem Wissen um unser kurzes Leben zusammenhängen, entspricht – jenseits einer „Sündekultur“ (Jan Assmann) – der Erfahrung, dass wir zur Grenzüberschreitung neigen, und der schweren Aufgabe, beständig zwischen gut und böse unterscheiden zu müssen.

Weil das so ist, hat uns Gott mit .seinen Geboten Lebenshilfen gegeben, wie Jesus es in den Sabbatstreitigkeiten mit den Schriftgelehrten ausdrücklich betont hat: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht worden und nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Markus 2,27) Das gilt für alle Gesetze, sofern sie nicht an Gottes Stelle treten und ohne Liebe praktiziert werden.
4. Die Leistung der Opferkritik Eugen Bisers und mit ihr verbundene Probleme und Konsequenzen für die Gestalt kirchlicher Lehre und Liturgie Fragen wir nach der Leistung der Opferkritik Eugen Bisers, so beschränke ich mich heute auf zwei Punkte. Erstens: Biser hat dadurch, dass er das Leben und die darin Gestalt annehmende Gottesbeziehung Jesu als die Mitte des Neuen Testaments herausgestellt hat, nicht nur eine Kritik an der Sühnopfertheologie vorlegen können, die sich auf Jesus berufen kann und in sich schlüssig ist. Sondern er hat dadurch auch den Zugang zu einer neuen Sicht des Todes Jesu eröffnet. Denn wenn der Gedanke des Opfertodes und damit die Verzweckung des Sterbens und Todes Jesu für den Glauben wegfallen, kann Jesu Tod in der Tat in dem Sinn als Hingabe und Liebestat“verstanden werden, dass Jesus gestorben ist, um in den Seinen „als ihr Identitätsgrund und ihre wahre Ich-Mitte“ aufzuleben .Die „Einwohnung Christi im Herzen der Seinen“ ist der mystische Sinn des Sterbens und Auferstehens Jesu. Und das ist ein Angebot für den Glauben, das uns nicht nur von der jahrtausendelangen unseligen Verknüpfung von Gott und Gewalt befreit, sondern auch von allen Problemen mit den sich wandelnden Weltbildern der Physik Aber weil der Glaube wieder glauben .kann, dass Christus in uns lebt und wir in ihm leben, können wir uns nun auch von Menschenbildern verabschieden, die den Menschen, das Geschöpf Gottes, zu einem Wesen verunstaltet haben, der als Geschöpf – wegen seines Ungehorsams gegen Gottes Gebote – kein Lebensrecht habe. Ist Christus durch die Liebe Gottes in uns und sind wir in ihm, sind wir vor dieser negativen Sicht geschützt. Außerdem setzt Gottes Liebe einen therapeutischen Prozess in unserer Seele in Gang, den man früher „Heiligung“ nannte. Kein Theologe hat so entschieden wie Eugen Biser darauf gesetzt, dass die bedingungslose Liebe Gottes, wenn wir sie in uns einwohnen lassen, die einzige Kraft ist, auf die wir bei der erhofften und notwendigen „Erziehung des Menschengeschlechts“ zum Frieden wirklich hoffen können. Was nun die Konsequenzen aus der Opferkritik Bisers angeht, so muß ich mich auch hier auf wenige Gedanken beschränken. Ich nenne zuerst eine innertheologische Konsequenz: Es ist Eugen Biser ersichtlich schwer gefallen, seine sühnopferkritischen Einsichten mit seiner genau so deutlich erkennbaren Liebe zu Paulus zu verbinden. Schon ein Blick in die Bibelstellenregister in seinen großen Arbeiten zeigt, wie er etwa diejenigen Stellen im Römerbrief, die die Sühnopfertheologie entfalten, eher meidet,
und diejenigen ausführlich behandelt, die seine Kritik mittragen. Biser hat sich bemüht zu verstehen, warum Paulus und andere in ihrer Missionsarbeit an die in der Antike allgegenwärtigen Opfer- und Sühnevorstellungen angeknüpft haben, um den Verbrechertod, den Jesus hatte sterben müssen, in einem anderen Lichte zu sehen. Was dem Sühnopfergedanken folgt, erklärt er damit, dass Paulus in seiner Missionspredigt Kompromisse eingegangen sei, „die seinen Grundgedanken verdunkelten.“ Aber Biser unterstreicht darüber hinaus, das Menschenbild des Paulus sei „düster“, weil Paulus unterstellt, der Mensch sei seit Adam und Eva „der Sünde verfallen“ Als schwerster Fremdkörper der„ .paulinischen Verkündigung“ habe deshalb seine Rechtfertigungslehre insgesamt zu gelten Ich denke allerdings, dass das Menschenbild, von dem Paulus ausgeht, und die Rechtfertigungslehre .nicht auf dem Weg eines Kompromisses mit seinen Adressaten in seine Briefe hineingekommen sind, sondern dass Paulus dahinter stand. Ich vermute, dass Paulus zum Leben und zur Verkündigung Jesu – aus welchen Gründen auch immer – keine wirkliche Beziehung hat aufbauen können. Denn es bliebe für mich sonst unverständlich, warum Paulus nur an einer einzigen Stelle auf ein überliefertes Jesuswort eingegangen ist. Für mich ist sein Menschenbild Indiz dafür, dass er Menschenbild und Sühnopfertheologie aus seiner Tradition genommen hat. Und beide stellen im Rahmen der Verkündigung der unbedingten Liebe Gottes durch Jesus einen schweren Fremdkörper dar. Das weist für mich darauf hin, dass eine der dringlichsten Aufgaben, die vor uns liegen, sein wird, das so genannte biblische Menschenbild daraufhin zu untersuchen, wie weit es mit der Verkündigung Jesu zu verbinden ist. Denn es zeichnet sich ja auch bei Eugen Biser schon ab, dass es unlösbar – ich denke: ursächlich – mit der Sühnopfertheologie verknüpft ist.
Auf eine andere Konsequenz aus der Opferkritik Eugen Bisers will ich zum Schluss noch eingehen, obwohl sie für Biser ein besonderes Problem darzustellen scheint. Das sage ich, weil es von ihm selbst nur minimale Andeutungen dazu gibt. Ich meine die .Rolle, die die Sühnopfertheologie in der Liturgie der Römischen Messe und im evangelischen Abendmahl spielt. In Anknüpfung an frühere Gedanken hat er im Gespräch mit Richard Heinzmann
hat zwar das Brotwort vor der Fehldeutung in Schutz genommen, das Wort „mein Leib“ sei auf den Körper des Gekreuzigten im konkretistischen Sinn zu beziehen. Und er schlägt vor zu übersetzen: „Nehmt (das Brot) hin und esst, das bin ich für euch“ Und seine Sympathie für das Johannesevangelium, das .das Abendmahl durch die Fußwaschung ersetzt hat (Kap. 13), ist vielen Hörern seiner Vorlesungen bekannt. Aber er hat nicht die Konsequenz gezogen, eine Änderung des so genannten „Einsetzungsberichtes“ in Messe und Abendmahl zu fordern – zumal das Kelchwort ja noch viel deutlicher in die Sühnopfertheologie verwickelt ist, wie ich bereits gezeigt habe. Denn nur da geht es um das Sühne wirkende Blut. Ich kann verstehen, dass Eugen Biser an diesem Punkt zögert. Nicht etwa, weil er kein Liturgiewissenschaftler ist, sondern weil er weiss, dass ein ernsthafter Eingriff in den Inhalt der Abendmahlsworte auch eine Änderung des Charakters von Messe und Abendmahl zur Folge haben muß – und einen gewaltigen Streit mit den Kirchen. Ich habe diesen Schritt inzwischen getan und mich dabei auf die außerkanonische frühchristliche Schrift der Zwölfapostellehre oder Didaché berufen können, die in meinen Augen die Urform der Eucharistie darstellt In ihr gibt es keine Beziehung von .Brot und Wein zum Leib und Blut Christi und keine Sühnopfertheologie. Diese Liturgie steht derjenigen nahe, wie Jesus sie wahrscheinlich mit den Seinen gefeiert hat. Im Zentrum des großen Eucharistiegebetes dort steht als Grund des Dankes, dass Jesus das Leben offenbart hat. Aber genau darum geht es ja auch in der Theologie Eugen Bisers und seiner Kritik an der Sühnopfertheologie. Darum ist er mir auch bei der Arbeit an dieser neuen Liturgie eine große Hilfe gewesen.