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Die Stiftung des Abendmahls


Der Weg Jesu - von Ernst Haenchen, ein deutscher evangelischer Theologe.
Geb. 10.12.1894 in Czamikau, Provinz Posen, gest 30. 04.1975 in Münster
Textauszug ab Seite 478
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Haenchen

Die Stiftung des Abendmahls

Mk 14,22-25; Mt 26,26-29; Lk 22,15-20

Und als sie aßen, nahm er das Brot, sprach den Segen, zerbrach es, gab es ihnen und sprach: »Nehmt! Das ist mein Leib!". (23) Und er nahm den Becher, sprach das Dankgebet, gab ihn ihnen, und sie tranken alle daraus. (24) Und er sprach zu ihnen: »Das ist mein Blut des Bundes, vergossen für ziele. (25) Wahrlich, ich sage euch: Ich werde nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis zu dem Tage, da ich es neu trinke im Gottesreich".

Die Fragen, vor die uns diese Perikope samt ihren Parallelen bei Mt, Lk und Paulus stellt, sind zahlreich, verwickelt und zähe. Trotz der langen Mühe, die man daran gewendet hat, lassen sie sich nicht alle mit gleicher Sicherheit beantworten. Die wichtigste Frage — die nach dem Mahl Jesu, das alle diese Berichte entstehen ließ — muß in der Reihenfolge der Forschung die letzte sein. Die erste dagegen ist die: Wie verhalten sich die verschiedenen Texte zueinander? Und die nächste: Wie haben jene Gemeinden das Abendmahl aufgefaßt, aus denen diese Texte kommen?
Bevor wir aber darauf eingehen, sind einige Vorbemerkungen am Platze. Einmal: So selbstverständlich es an sich auch ist, so muß doch ausdrücklich gesagt werden: Wir dürfen nicht mit den Voraussetzungen der späteren christlichen Abendmahlslehre an diese Texte herangehen. Sie liegen noch sehr weit vor Nizäa und Chalzedon, geschweige denn vor der Reformation. Die späteren Gesichtspunkte können allenfalls keimhaft darin enthalten sein.
Zweitens: Wir dürfen nicht vergessen, daß sich die Denkformen und Anschauungsweisen des ersten Jahrhunderts weit von denen der Gegenwart unterscheiden. Das wird vielleicht am schnellsten deutlich, wenn wir uns an das Wort des Paulus in 1. Kor 10,4 erinnern, nach dem Christus jener Fels war, der den Israeliten beim Zug durch die Wüste nachfolgte, ein Wort, das eine dem Abendmahl analoge Geschichte betrifft. Wer mit modernen Fragestellungen und Begriffen an diese Worte herantritt, wird notwendig enttäuscht werden, falls er sich nicht mit einem billigen Kurzschluß zufriedengibt.
Endlich ein Drittes! Auch der Abendmahlsbericht, den wir bei Mk lesen, ist nicht notwendig eine ursprüngliche Einheit, wie wir das ja auch von andern Reden Jesu in den Evangelien wissen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen daß auch hier sich nicht bloß die Erzählung im Lauf der — zunächst mündlichen — Überlieferung änderte, sondern auch verschiedene Bestandteile zu einer literarischen Einheit verbanden.
Was dem Leser zuerst an diesen Texten auffällt oder doch auffallen sollte, ist die Tatsache, daß das „Brotwort" Jesu in der kurzen Mk-Form überall unverändert wiederkehrt, wenn auch bei Mt, Lk und Paulus in verschiedener Weise vermehrt durch Zusätze. Dagegen hat das »Weinwort" keinen solchen sich überall gleichbleibenden Grundbestandteil. Das läßt vermuten, daß diese beiden Worte keine gleichartige Grundlage in der Tradition besitzen.
Zweitens fällt die Tatsache auf, daß das Wort vom Gewächs des Weinstocks von Paulus überhaupt nicht erwähnt wird und im lukanischen Text an anderer Stelle steht als bei Mk. Das führt — entsprechend dem, was wir bei ähnlichen Fällen beobachten — zu der Vermutung: Dieses Wort bildete ursprünglich eine Einheit für sich. Die Evangelisten (oder schon die mündliche Überlieferung?) haben sie in verschiedener Weise mit den eigentlichen Abendmahlsworten verbunden.
Eine dritte Tatsache liegt nicht ganz so offen am Tage. Jede Tradition läßt bestimmte »Tendenzen" oder ein Gefälle in einer bestimmten Richtung erkennen, das ihren Verlauf beeinflußte. Mit »Tendenz" meinen wir hier nicht eine bewußte Absicht, sondern eine unbewußte Neigung, die Überlieferung in der einen oder anderen Richtung weiterzuführen. Unsere Tradition hier läßt drei solche Neigungen erkennen, die nicht notwendig alle gleichzeitig am Werk waren.
Wenn wir die Form des Brotwortes vergleichen, so sehen wir: Bei Mk stehen die Worte »Das ist mein Leib!" für sich allein, ohne nähere Bestimmung oder Erklärung. Sie werden nicht weiter erläutert oder kommentiert. Der paulinische Bericht fügt erklärend hinzu: »der für euch". Diese paulinische Erläuterung erweitert der (längere) Lk Text noch durch das Wort »gegebene" oder »zerbrochene". Wir haben keinen Grund zu der Annahme, daß Mk eine solche Erläuterung bereits vorfand, aber fortließ. Denn dann wäre er beim Weinwort entsprechend verfahren, und das ist nicht der Fall. Darum dürfen wir sagen: In der nachmarcinischen Tradition des Brotwortes (wie auch an anderen Stellen des Abendmahlsberichts) wird eine Neigung erkennbar, den Sinn des kurzen und geheimnisvollen Jesuswortes zu verdeutlichen. Ein Ansatz dazu findet sich schon bei Paulus. Deshalb dürfen wir damit rechnen, daß diese Neigung frühzeitig eingesetzt y hat: die Gemeinde suchte sich klarzumachen, was jenes kurze Jesus-wort eigentlich besagte.
Aber diese Neigung wirkt nicht allein. Wenn wir das „Becherwort" bei Paulus und im längeren Lk-Text (,,Dieser Becher ist ...") mit dem entsprechenden Wort bei Mk und Mt vergleichen, wird deutlich: Bei diesen beiden Evangelisten hat sich das „Becherwort" in der Form dem Brotwort" angeglichen: „Das ist mein Blut ...". Es ist unwahrscheinlich, daß man eine ursprüngliche Übereinstimmung beider Worte später zerstört hat. Vielmehr liegt das Umgekehrte nahe: Die beiden Worte wurden im Lauf der Überlieferung einander angeglichen, wobei die prägnante Form des Brotwortes (dessen entscheidender Teil in allen Texten übereinstimmt: „Das ist mein Leib!"), das Muster hergab, nach dem das Becherwort abgewandelt wurde. Damit sind wir auf eine zweite Neigung gestoßen: die zur Angleichung beider Abendmahlsworte. Sie wirkte aber nicht nur an dieser einen Stelle: Das zweimalige „Das tut zu meiner Erinnerung!" bei Paulus zeugt ebenso davon wie der Wortlaut bei Justin: ,Das ist mein Leib. Das ist mein Blut", auf den wir in anderem Zusammenhang sogleich zurückkommen werden. Aber noch eine weitere Stelle zeigt diese" Neigung zur Angleichung: Im Beginn des lukanischen Textes weisen V. 15 f. und 17 f. eine auffallende Parallelität auf. Von diesen Worten werden wir noch genauer sprechen, wenn wir das Problem des lukanischen Textes behandeln.
Die dritte Neigung endlich, die wir wahrzunehmen meinen, wird am deutlichsten bei Justin in der soeben angeführten Formulierung: »Das ist mein Leib!" „Das ist mein Blut!" Diese klassisch wirkende Form der Abendmahlsworte offenbart die Neigung zur Vereinfachung. Sie konnte sich erst in dem Augenblick auswirken, wo man eine Erklärung nicht mehr so dringend brauchte, weil die christliche Gemeinde über den Sinn der Abendmahles nun durch die Evangelien Bescheid wußte — Justin schrieb in der Mitte des 2. Jh. Diese dritte Neigung, die sich in gewissem Grade mit der zweiten berührt, läuft äußerlich der ersten und zeitlich wohl ältesten entgegen. Sie schaff die monumentale Form, die klassische. So stark sie auch in der späteren Auffassung des Abendmahls nachwirkt, durchgesetzt hat sie sich dennoch nicht — sie stand nun einmal nicht in den kanonischen Schriften.
Diese Betrachtungsweise, die wir hier geübt haben, unterscheidet sich von einer früher gern geübten. Früher fragte man etwa: Welcher Text ist älter und ursprünglicher — der des Mk oder der des Paulus? Das heißt, man nahm diese Texte jeweils als ganze und fragte, wie diese Ganzheiten zu werten seien, was Alter und historische Zuverlässigkeit betrifft. Wir meinen Anzeichen dafür aufgewiesen zu haben, daß der eine Text an dieser, der andere an jener Stelle literarisch ursprünglicher sein kann. Wenn jemand fragt: „Ist der Mk-Text älter und getreuer als der paulinische?" dann scheint uns das eine unerlaubte Vereinfachung zu sein, bei der zu Unrecht vorausgesetzt wird, alle Bestandteile des einen oder des anderen Textes seien gleich alt und literarisch gleich ursprünglich.
Gehen wir nun zur Sonderfrage des lukanischen Textes. Wir erwähnten schon: es gibt einen längeren Lk-Text des Abendmahlsberichts (ihn bietet die Masse der Unzialen) und einen kürzeren (er liegt bei der Handschrift D und Altlateinern vor). In Wirklichkeit ist aber die lukanische Textüberlieferung noch bunter: Tatian, Altsyrer und Altlateiner haben je einen besonderen Text. Dieses viel diskutierte Problem löst am wahrscheinlichsten folgende Annahme:
Der ursprüngliche Lk-Text ist der „kürzere", den D usw. überliefern. Ihm fehlen die Verse 19b und 20. Dieser Text ist keine Erfindung oder Komposition des Lk, sondern geht auf eine von ihm benutzte Überlieferung zurück. In ihr hat das Wort vom „Gewächs des Weinstocks" (V. 18) das „Weinwort" verdrängt und dazu geführt, daß ein auf das Passa bezügliches Wort (das nur am Anfang der Rede stehen konnte) entsprechend der Neigung zum Angleichen mit einer dem V. 18 parallelen Neubildung — V.16 — versehen wurde. So kam es zu der Parallelität von V.15 f. und V.17 f. Es hätte nahegelegen, daß das Passawort nun seinerseits an die Stelle des Brotwortes trat. Aber dieses war schon zu fest in der Überlieferung verwurzelt, als daß es noch beseitigt werden konnte.
Dieser Lk-Text hatte nun den Fehler, daß vom Becher vor dem Brot die Rede war, und vor allem, daß das allgemein bekannte Becherwort hier nicht vorkam (»Dieser Becher ist ..."). So darf es uns nicht verwundern, daß dieses Becherwort in der Mehrzahl der Lk-Handschriften (wahrscheinlich sehr früh) nach einer der paulinischen ähnlichen Form hinzukam. So entstand der »längere Lk-Text".
Aber er führte zu einer großen Schwierigkeit. Die christliche Gemeinde kannte — vgl. Mk und besonders Paulus — nur einen einzigen Becher beim Abendmahl. Damit stellte sich die Aufgabe, die beiden Becher des längeren Lk-Textes auf einen zu reduzieren. Die von den Handschriften b e sy bezeugte t) Überlieferungsform löste diese Schwierigkeit damit, daß sie V. 17 f. an die Stelle von V. 20 setzte. Dagegen hat sy' nichts fortgelassen, sondern alles erhalten, aber umgestellt: auf V.19 und 20a folgt V.17 und dann erscheinen 20 b und 18. Das ist vielleicht die harmonischste Verbindung, die zwischen all diesen Textelementen überhaupt möglich ist.

Hat sich die Abendmahlsüberlieferung so entwickelt, wie wir vermutet haben, dann ist keiner der verschiedenen Berichte „der ursprüngliche". Alle zeigen bereits Veränderungen. Sehr deutlich ist z.B. die Verwandlung der Aussage „sie tranken alle daraus" (Mk) in den Befehl „trinket alle dar aus" (Mt), oder der Zusatz des Mt zum Mk-Wortlaut: zur Vergebung der Sünden" und der weitere Zusatz des Mt »esset" beim Brotwort. Andererseits ist — wie oben schon angedeutet — der Wortlaut »Dies ist mein Blut ..." bei Mk und Mt jünger als die Formulierung bei Paulus »Dieser Becher ist...".
Aus alledem scheint uns nun zu folgen: die älteste Abendmahlsüberlieferung kannte nur ein einziges Jesuswort: „Dies ist mein Leib". Dieses Wort gab ursprünglich — darin folgen wir
R. Otto und E. Käsemann — mit dem griechischen Wort für »Leib" ein aramäisches Wort wieder, das soviel wie „Gestalt" oder „Person" bedeutete.
Dann meinte „mein Laib" nichts anderes als „ich".

Sehr bald aber ist es nicht mehr in diesem Sinne verstanden worden, sondern man faßte »Leib" nun wirklich im Sinne von Leib. An das so gedeutete Brotwort hat sich nun die theologische Erklärung durch die Gemeinde angeschlossen. Wir finden sie noch nicht bei Mk, wohl aber bei Paulus und im (längeren) Lk-Text: mein Leib, „der für euch" — so Paulus — „der für euch gegebene" oder „zerbrochene" — so Lk. Hat man aber einmal die Bedeutung des Brotes im Abendmahl in dieser Weise bestimmt, dann lag es auch nahe, ebenso die Gabe des Bechers oder Weines aufzufassen. Dies ihr Verständnis hat die Gemeinde unbefangen Jesus selbst schon aussprechen lassen: „Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut". Dazu tritt im längeren Lk-Text noch die weitere Erläuterung: „das für euch vergossen ist".
Dieses erklärende Becherwort ist dann so umgeändert worden, wie wir es bei Mk und Mt finden: dem Brotwort angeglichen. Dabei verdeckt der griechische Wortlaut eine Schwierigkeit, die erst sichtbar wird, wenn man den Text ins Aramäische zurückübersetzt. Im Aramäischen gilt nämlich die Regel: Wenn ein Hauptwort — wie hier: »Leib" — durch ein Personalpronomen — hier: »mein" — näher bestimmt ist, kann davon nicht ein anderes Hauptwort im Genitiv — hier: »des Bundes" — abhängen. Im Aramäischen wäre höchstens die Wendung „Blut meines Bundes" möglich. Aber das würde die offensichtlich angestrebte Entsprechung von »mein Leib" und „mein Blut" zerstören. Auch dieser Umstand macht deutlich, daß der Mk-Wortlaut hier gegenüber dem bei Paulus sekundär ist.
Der sogenannte »Wiederholungsbefehl", der sich schon bei Paulus findet, ist eigentlich gar kein solcher — die Wiederholung wird ja im Vordersatz bereits vorausgesetzt („sooft ihr trinkt"). Dieser „Befehl" gibt vielmehr an, was eigentlich in dieser Wiederholung getan wird: „zu meinem Gedächtnis". Das so übersetzte griechische Wort ist hier nicht reflexiv gemeint, d. h. es will nicht sagen, daß sich die Jünger daran erinnern sollen, was einst geschah — in diesem Sinne ist das christliche Abendmahl nach der alten Überlieferung kein Gedächtnismahl! — , sondern »Erinnerung" ist aktiv gemeint: es bezeichnet eine Bekanntmachung, eine Verkündigung. Das zeigt die Fortsetzung bei Paulus deutlich.
Hat das Wort vom »Gewächs des Weinstocks" zur ältesten Abendmahlsüberlieferung gehört? Das ist keineswegs völlig sicher. Es könnte eine jener Leidensverkündigungen sein, die wir im Evangelium in so reicher Fülle finden, verbunden mit der eschatologischen Naherwartung der Gemeinde. Auf Grund dieses Wortes anzunehmen, das Abendmahl Jesu sei ein eschatologisches Freudenmahl gewesen, ist also ziemlich gewagt.
Damit haben wir in großer Kürze die Fragen der Textform und -entwicklung zu beantworten versucht. Das führt uns zum zweiten Teil unserer Aufgabe: wir wollen versuchen, jene Anschauungen der frühen Gemeinde vom Abendmahl festzustellen, die sich in diesen Abendmahlstexten widerspiegelt.
In den Abendmahlsstreitigkeiten der Reformation haben Zwingli und seine Freunde schon darauf hingewiesen, daß das »ist" (in dem Satz: »Das ist mein Leib!") kein mathematisches Gleichheitszeichen sein muß. Zum Beweis dafür läßt sich nicht nur anführen, daß im Aramäischen wahrscheinlich hier gar kein solches „ist" gestanden hat, sondern vor allem der von Paulus 1 Kor 11,20 gebotene Wortlaut: „Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut". Der Becher ist nicht identisch mit dem Bund; das „ist" drückt nur eine — nicht näher erläuterte — enge Beziehung zwischen den beiden Größen aus, die es verbindet.
Es sind zwei Gedanken, mit denen sich (soweit wir das erkennen können) die frühe Gemeinde die Bedeutung des Abendmahls verständlich gemacht hat, das sie feierte. Einmal griff sie zu dem — Juden und Griechen gleich vertrauten — Gedanken des Opfers. Er wird angedeutet im „(Leib), der euch" bei Paulus, im" (Leib), der für euch gegebene" (oder: »zerbrochene") im längeren Lukastext. Dieser Gedanke ist auch beim Weinwort noch mit vorausgesetzt. Aber hier steht ein zweiter Gedanke im Vordergrund: der des „neuen Bundes". Jer 31,31 war verheißen. Gott werde mit den Menschen einen neuen Bund schließen. Diese Verheißung sahen die Christen in Jesu Tod erfüllt. Bei jedem Bundesschluß muß nach antikem Denken (vgl. Ex 24,8 und. Sach 9,11) Blut vergossen werden. Ohne sühnendes Opferblut gibt es keine Gemeinschaft der sündigen Menschen mit Gott (vgl. Hebr 9,22 b). Dieses Verständnis des Weinwortes wurde freilich erst in dem Augenblick möglich, da man das „mein Leib" (bzw. sein aramäisches Äquivalent) nicht mehr im Sinne von „ich" verstand, sondern es auf den Körper, den Leib bezog.
Die christlichen Gemeinden der apostolischen Zeit haben nie von einem Essen des Leibes und Trinken des Blutes gesprochen; für einen Juden oder Judenchristen war Blutgenuß etwas Grauenhaftes und von Gott Verfluchtes! Darum finden wir hier keine Spur von einer Transsubstantions- oder Konsubstantionstheorie, wie sie die spätere Kirche entwickelt hat. Wenn man dagegen fragt: Wie anders konnte sich die christliche Gemeinde das Opfer des Leibes Christi mit dem Brotgenuß verbunden gedacht haben?, so lautet die Antwort: die urchristliche Gemeinde war (wie übrigens auch schon vor ihr die jüdische) mit der Feststellung einer engen Beziehung zwischen zwei Größen zufrieden, wenn sie einen Satz von der Form „a = b" bildete, und verlangte dabei nicht eine Identität. Der Morgenländer denkt hier nicht nach mathematischer Logik: „die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre, und die sieben, schönen Ähren sind sieben Jahre", heißt es z.B. Gen 41,26. Wir dürfen nicht die auf Grund des spätgriechischen Substanzbegriffes und einer subtilen Reflexion entwickelte mittelalterliche Abendmahlslehre bei der Urgemeinde voraus: setzen. Jesus hatte mit seinem Worte den Genuß von Brot und Wein mit dem Opfer seines Leibes und der Herstellung des neuen Bundes in Verbindung gebracht — das genügte der Gemeinde vollständig. Der Begriff, der noch am ehesten der urchristlichen Abendmahlsanschauung entsprochen haben dürfte, ist der Begriff der „repraesentatio" — ein Gesandter repräsentiert seinen König, ohne doch mit ihm identisch zu sein.
Noch eins müssen wir über die urchristliche Abendmahlsfeier, das „Brotbrechen", sagen: diese Feier kann nicht aus der jüdischen Passamahlzeit hervorgegangen sein, ganz gleich, ob Jesus als letzte Mahlzeit mit seinen Jüngern ein Passamahl gefeiert hat oder nicht. Denn das Passa wurde nur einmal im Jahre gefeiert; die Christen aber haben das Herrenmahl täglich begangen. Der sog. Wiederholungsbefehl trägt für die Frage der Herkunft des Herrenmahls nicht das Geringste aus. Denn er sagt nichts darüber, wie oft dieses Mahl begangen werden soll. Unter diesen Umständen liegt es am nächsten anzunehmen: die tägliche Mahlgemeinschaft Jesu und seiner Jünger hat zur täglichen Abendmahlsfeier geführt.
Bei Paulus ist — wir müssen uns hier auf Andeutungen beschränken — die allgemeinchristliche Abendmahlsanschauung mit seinen eigenen Sonderanschauungen verbunden. Wenn er vom „Blut des Herrn" spricht, so meint er damit nicht ein „verklärtes Blut" — der Auferstandene hat für ihn ebensowenig „Fleisch und Blut" wie die auferweckten Christen dergleichen haben werden —, sondern er meint das am Kreuz vergossene Blut des Opfers, durch das der Neue Bund hergestellt wird. Ganz anders steht es (trotz der Parallelität im Wortlaut!) mit dem „Leib Christi". Denn hier kann Paulus das Wort „mein Leib" im Abendmahlsbericht mit seinem eigenen, besonderen Begriff von „Leib" verbinden: Die christliche Gemeinde ist der „Leib Christi" (und d.h. nicht der Rumpf, zu dem Christus als das Haupt tritt, wie das der nachpaulinische Epheserbrief voraussetzt), jeder einzelne Christ aber ist ein Glied an diesem gewaltigen Christusleibe, an diesem Ganzen, das als solches mit dem Herrn eins ist. Für Paulus ist Christus eben nicht bloß ein dem einzelnen Christen gegenüberstehendes Einzelwesen, das im Gebet angeredet wird, sondern Christus ist — als der Geist! — das Gesamt-Ich, das über alle einzelnen Christen übergreift, indem er das eigentliche Wesen des neuen Menschen ist („Ich lebe nicht mehr, Christus lebt in mir": Gal 2,20).
Auf das Abendmahlsproblem des vierten Evangeliums können wir hier nicht eingehen: es würde zu weit führen.
So kommen wir nun zu der letzten Frage, die zu beantworten wir hier versuchen wollen: auf die Frage nach dem letzten Mahl Jesu und nach dem, was er dabei gesprochen hat.
Daß dieses letzte Mahl eine Passamahlzeit war, scheint uns auch durch Jeremias noch nicht erwiesen zu sein; er weist nur auf Züge hin, die zeigen, daß die Synoptiker es als Passamahl auffaßten. Aber die Unsicherheit über den Charakter des Mahls ist nicht so schlimm, wie es zunächst erscheinen könnte. Denn das Wichtige ist, was Jesus bei diesem Mahl gesagt hat. Wie oben ausgeführt, dürfte nur das Wort „Dies ist mein Leib" bzw. dessen aramäisches Äquivalent historisch gesichert sein, und dieses Wort dürfte den Sinn gehabt haben: „Das bin ich!"
Wir würden diesem Worte nicht gerecht werden, wenn wir darin nur so etwas wie „eine trübe Vorahnung des kommenden Todes" ausgesprochen finden wollten. Wir wissen nicht, ob Jesus seine Kreuzigung erwartet hat oder eine Steinigung. Aber auch das ist für das Verständnis des Wortes „Das bin ich" nicht von entscheidendem Belang. Bedenken wir vielmehr die Situation, in der dieses Wort wahrscheinlich fiel. Jesus hat als der Hausvater der Tischgemeinschaft das Brot (das damals eine etwa tellergroße flache Scheibe war) in einzelne Stücke gebrochen und an die Jünger verteilt. Wenn er dabei diese Worte sprach, dann hat mehr darin gelegen als ein „So geht es mir auch!", nämlich: Jesus gibt sich selbst hin für und an die Jünger.


(Als kurze Anmerkung sei wenigstens darauf hingewiesen, daß nach Joh Jesus zu eben der Stunde stirbt, in der man im Tempel die Passalämmer schlachtete. Also ist jene Mahlzeit, die Jesus am Abend zuvor mit seinen Jüngern einnahm, bei Joh kein Passamahl gewesen. Alle Versuche, Jesus hier ein besonderes, vorweggenommenes oder auf einem anderen Kalender beruhendes Passa zuzuschreiben, sind unseres Erachtens verfehlte Versuche, die synoptische Tradition vom Abendmahl als Passa mit Joh zu versöhnen. Ob die Fußwaschung, die Joh 13,4 ff. beschreibt, auf einen in einer bestimmten christlichen Gemeinde bestehenden Sonderritus hindeutet, ist eine Frage für sich.
Bei einer Steinigung wurde der Verurteilte von einem Hang hinuntergestoßen. überlebte er den Sturz, ergriff der erste Zeuge einen schweren Steinbrocken und ließ ihn auf den unten Liegenden herabfallen. Wenn dabei Rippen zerbrachen und in Lungen oder Herz drangen, konnte schon der erste Stein zum Tod führen. Im anderen Fall trat nun der zweite Zeuge in Aktion mit einem weiteren schweren Stein.)

Nicht um einen zornigen Gott gnädig zu stimmen — hat Jesus doch gerade den vergebenden Gott, der sich des Sünders erbarmt, verkündet und dadurch den Haß des streng gesetzlichen Judentums auf sich herabbeschworen —, sondern indem er diesem vergebenden Gott bis in den Tod die Treue hält, erweist sich Gott als der dem Sünder in Gnaden zugewandte. So liegt in dem den Tod vorausnehmenden Abendmahlswort Jesu die Zusammenfassung seines Werkes und damit der ganzen Liebestat Gottes: das Abendmahl ist wirklich eine »summa Evangelii".r