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Gottes ewiges Leben


Was heißt das: Gottes ewiger Sohn?

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1998/imp980209.html

Rudolf Laufen (Hg.):
Gottes ewiger Sohn, Die Präexistenz Christi, 300 Seiten, Paderborn (Schöningh) 1997

Edward Schillebeeckx definiert den Präexistenzbegriff folgendermaßen: "Präexistenz (von prae existentia) ist in der klassischen Christologie von alters her der technische Terminus, der `das Dasein Christi als des Sohnes Gottes von Ewigkeit her' aussagt: Seinem Gottsein nach existierte Christus schon vor seiner Empfängnis und Geburt als Sohn Gottes. Die Zweite Person der Dreieinigkeit wurde in der Zeit Mensch." (Jesus, die Geschichte eines Lebenden, 1975, S. 653)

"Gottes ewiger Sohn" - "darüber wollen wir dich ein andermal hören" (Apg 17,32). Die moderne Gesellschaft hat offensichtlich andere Fragen als die nach der Präexistenz Jesus Christi. In einer Zeit, in der die christliche Verkündigung sich weithin auf Ethos reduziert, um die Zeitgenossenschaft mit dem modernen Menschen nicht zu verlieren, deutet es sich an: solche Fragen stellt man "an diesem Ort" nicht. Das Thema "Gottes ewiger Sohn", präexistent wie der Heilige Geist in der Ewigkeit, scheint heute kein Thema zu sein, das sich so leicht aus seinem dogmatischen Schlummer aufwecken läßt. Die Thematisierung der Person Jesu vollzieht sich unter zeitgenössischem Paradigma eher in der exemplarischen Funktion eines humanen Menschseins des Menschen in der einen Welt. Dabei rückt, bei allem "Erwachen des Religiösen" in seinen unterschiedlichen, häufig diffusen Ausprägungen, die Sinnproblematik als religiöse Basisfrage in den Hintergrund.

Auch aus diesen Gründen ist das theologische Gespräch in der Trinitätslehre und der Christologie in seiner ganzen Breite erforderlich. Hinzu kommt, daß die klassische Christologie und Trinitätslehre vor allem aufgrund der Ergebnisse der modernen Exegese, der historischen und systematischen Untersuchungen in eine bedrängende Plausibilität- und Akzeptanzkrise geraten ist. Gefragt ist eine neue Interpretation, in unserem Falle der Präexistenz Christi, die die kulturelle Bedingtheit der alten Lehrformeln berücksichtigt, gefragt ist die Entmythisierung ihrer Sprache und die Entideologisierung ihrer philosophisch-theologischen Tendenzen. Vor diesem Hintergrund ist das Bemühen dieses Buches zu sehen: die dogamtische Lehre von der Präexistenz Christi soll in ihrem biblischen Rekurs und ihrem historischen Prozeß der begrifflichen Fixierung kritisch befragt werden. Darüber hinaus suchen einzelne Autoren mit unterschiedlicher Intensität nach einer neuen Sprache, in der das ursprüngliche Anliegen der biblischen Texte zur Geltung kommt.

Dieser methodische Ansatz in der Präexistenzchristologie impliziert den Verweis auf die Trinitätsfrage, mit unterschiedlicher Zielsetzung expliziert in den Beiträgen von Wilhelm Breuning und in Karl-Heinz Ohlig. Eine dogmatisch etablierte Trinitätslehre allerdings ist als Auslegungsprinzip der christlichen Theologie, das zudem die biblischen Stellen zum Beweismaterial seiner selbst degradiert abzulehnen. (Vgl. Karl-Josef Kuschels Kritik an Wolfhard Pannenberg, S. 157-159). Und schließlich zeigt der biblische Rekurs in der Präexistenzfrage, "daß es schon im Neuen Testament eine erstaunliche Vielfalt christologischer Denkmodelle und Konzepte gibt" (S. 10. Anm. 8), was gewiß auch als Hinweis darauf zu sehen ist, daß einzelne dogmatische fixierte Termini auf ihre kulturhistorische Relativität hin zu befragen sind.

"Der Diskussionsband" - so nennt er sich - "Gottes ewiger Sohn" berücksichtigt historische und zeitgenössische Präexistenzreflexionen, u.a. grundlegende Publikationen seiner Autoren zur Christologie wie die von Karl-Heinz Ohlig, Fundamentalchristologie, München 1986 und Karl-Josef Kuschel, Geboren vor aller Zeit? Der Streit um Christi Ursprung, München 1990. In zwölf Beiträgen wird nach dem theologischen Ort der Präexistenzlehre in exegetischer, systematischer und religionsgeschichtlicher Perspektive gefragt. Gesucht wird nach einer Deutung der Präexistenztheologie jenseits mythologischer und dogmatisch-ontologisierender Sprache und unter Vermeidung eines vorschnellen Rückzugs, ausprägt in der Trinitätstheologie, auf das "mysterium stricte dictum".

(Vgl. Karl-Josef Kuschel, Exegese und Dogmatik - Harmonie und Konflikt. Die Frage nach einer Präexistenztheologie bei Paulus als Testfall; Wilhelm Breuning, Die trinitarische Christologie der frühen Konzilien. Plädoyer für ihre Verwurzelung im Christusereignis selbst; Karl-Heinz Ohlig, Ein Gott in drei Personen; Gotthold Hasenhüttl, Von der Menschlichkeit Gottes).

Biblische Präexistenzaussagen als Chiffren Die heute verbreitete Erkenntnis, daß die Wurzeln der Präexistenzchristologie vor allem im frühjüdischen Denken zu suchen sind, wird im ersten Beitrag von Gottfried Schimanowski bestätigt. Die sich anschließenden exegetischen Untersuchungen stimmen im wesentlichen darin überein, daß sie die neutestamentliche Rede von der Präexistenz Christi soteriologisch und offenbarungstheologisch auslegen. Weder in den paulinischen Briefen, noch in den Deuteropaulinen, noch im Hebräerbrief, noch im 4. Evangelium geht es um eine Präexistenz Christi als göttliche Person vor seiner Zeugung und Geburt. Wenn die neutestamentlichen Präexistenzaussagen ihre Wurzeln im Alten Testament haben, müssen sie im Rahmen des "monotheistischen" Jahweglaubens interpretiert werden. Sie stellen Auslegungen des Gottes dar, der allein "da ist" und der seinen ureigensten Heilswillen im geschichtlichen Jesus adäquat realisiert. Gottes "Huld", seine wesenhafte Liebe und Menschenfreundlichkeit, wird in Jesus in gültiger Weise historisch offenkundig. Biblische Präexistenz-aussagen sind Chiffren für die erlösende Selbstmitteilung Gottes. Jürgen Habermann formuliert es exemplarisch als Ergebnis der Exegese der präexistenzchristologischen Aussagen des 4. Evangeliums:

"Der Logoshymnus bringt in mythischer Form die große Bewegung Gottes zu den Menschen zum Ausdruck" (S. 121).

Im Resümee seiner Untersuchungen schreibt er: "Präexistenzaussagen werden bei Johannes nicht um ihrer selbst willen gemacht, wollen das Geheimnis des ewigen Gottes nicht erforschen, sondern das Extra nos, das Unvordenkliche des Offenbarers zum Ausdruck bringen" (S. 141).

Innerhalb der systematischen Beiträge macht sich Karl-Josef Kuschel über seinen biblischen Befund hinaus die exegetischen Ergebnisse von Jürgen Habermann zu eigen und zitiert ihn hinsichtlich der Konsequenzen für das Verhältnis von Exegese und Dogmatik in der Präexistenzfrage:

"Die urchristliche Christologie widersetzt sich den Kategorien, die eine philosophische oder dogmatische Betrachtungsweise an sie anlegt. Es ist auch zu bedenken, daß die Präexistenzaussagen, die wir untersuchten, in den Bereich des gottesdienstlichen Lebens gehören. Es handelt sich weithin um Hymnen, die noch nicht mit einer geschliffenen Terminologie geschaffen wurden. Der Lobpreis stellt sich nicht einfach den Anforderungen des Lehrsaals"(S. 159).

Karl-Heinz Ohlig sieht in der Trinitätslehre, deren Entwicklung er von ihren frühjüdischen "Wurzeln" über die biblischen "Anklänge" bis ins Mittelalter darstellt, eine Komplizierung des jüdischen Monotheismus. Die von ihm "erzählte" Entwicklungsgeschichte der trinitarischen Terminologie "relativiert dabei den Stellenwert der Präexistenzvorstellung, die er als Teilaspekt eines umfassenderen, nämlich alle Zeitdimensionen umschließenden Hypostasierungsvorgangs verstanden wissen will" (S. 27). Die dogmatischen Formeln stellen kulturgeschichtlich bedingte Hypostasierungen im jüdisch-christlichen Kontext dar, vor dem Hintergrund der Frage nach Sinn und Wert menschlicher Existenz. Für Gotthold Hasenhüttl ist der "präexistente Sohn", der in mythologischer Sprache seinshaft in der ewigen Existenz Gottes zum Heil der Menschen begründet wird, "das übliche Mißverständnis Gottes in der herkömmlichen Theologie. Gott wird als Seiender vorausgesetzt, der, wenn es ihm beliebt, sich mit jemandem identifiziert" (S. 228). Jesus ist vielmehr als Paradigma zu verstehen, als "Hinweis auf menschliche Möglichkeiten, auf ein humaneres Leben" (S. 231). Insofern ist es "sinnvoll Jesus Christus als das "Prae" vor unserer Existenz zu bezeichnen" (ebd.).

"Gottes ewiger Sohn" erweist sich schließlich als ein Buch, das primär zwar die Präexistenzfrage auf ihren historischen Kontext zurückführt, relativiert und interpretiert, darüber hinaus aber zur umfassenderen Frage nach dem bleibenden verkünderischen Stellenwert geschichtlich bedingter Glaubensformeln vordringt. Dies impliziert die Suche nach einer neuen theologischen Sprache, die die ursprünglichen biblischen Aussageabsichten adäquat weiterzugeben sich bemüht. Die Präexistenzfrage erweist sich als ein Versuch, die Frage nach Gott jenseits einer ontologisierenden Trinitätslehre zu verstehen. Die Beiträge des Bandes, so unterschiedlich sie auch sind, gewinnen so gesehen höchste Aktualität.

Paul M. Müller
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