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Logosspekulation auf Jesus übertragen


Jüdische Weisheit bzw. Logosspekulation auf Jesus übertragen.

Das Buch der Weisheit entstand um 50 vor Chr. im ägyptischen Alexandrien, hier im Zentrum hellenistischer Wissenschaft wird die *Sophia* (Weisheit) mit dem Geist Gottes und auch mit dem schöpferischen *Wort Gottes*, seinem Logos, gleichgesetzt. Die Kirchenväter übernahmen die Kriterien der Philosophen indem sie die Personalität der Sophia, mit dem Logos identifizierten.

In den Weisheitsbüchern des Alten Testaments (Ijob, Sprüche, Kohelet, Sirach, Buch der Weisheit und Baruch) wird die Weisheit vorgestellt als Mitschöpferin des Alls, als Thronbeisitzerin, als Werkmeisterin und als Vertraute und Geliebte. So findet in der hellenistischen Zeit eine theologische Neuinterpretation der Weisheit statt. Der Weisheit/Logosbegriff wird nun personifiziert und schließlich zur Hypostase, zum Zwischenwesen, das schon vor der Schöpfung existierte.
(Sprüche Salomos: 8,22 Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; 8,23 in frühester Zeit wurde ich gebildet,
am Anfang, beim Ursprung der Erde).

Die Weisheit als Throngenossin Gottes
9,1 Gott meiner Väter und Herr des Erbarmens,
der du alle Dinge durch dein *Wort* geschaffen
9,2 und den Menschen durch deine Weisheit bereitet
hast, damit er herrschen soll über die Geschöpfe,
die von dir gemacht wurden,
9,3 und die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit regieren und mit
aufrichtigem Herzen Gericht halten soll:
9,4 gib mir die Weisheit, die bei dir auf deinem Thron sitzt,
und verwirf mich nicht aus der Schar deiner Kinder.

Die Weisheit herrscht über Könige, wirkt alles,
erneuert alles, und durchwaltet das All.
8,1 Kraftvoll erstreckt sie sich von einem Ende
zum andern und regiert das All vortrefflich.
7,23 scharfsinnig, ungehindert, wohltätig, menschenfreundlich,
beständig, gewiß, ohne Sorge; sie vermag alles, sieht alles,
und durchdringt selbst alle Geister, die verständig,
lauter und sehr fein sind.
7,27 Obwohl sie nur eine ist, kann sie doch alles.
Und obwohl sie bei sich selbst bleibt, erneuert sie das All.

Die Weisheit als Abglanz Gottes
7,25 Denn sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft
und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen;
darum kann nichts Unreines in sie hineinkommen.
7,26 Denn sie ist ein Abglanz des ewigen
Lichts und ein fleckenloser Spiegel des göttlichen
Wirkens und ein Bild seiner Güte.

Die Weisheit ist die Eingeweihte in Gottes Wissen,
Mitarbeiterin an Gottes Werk, Abglanz des göttlichen Lichts
und Abbild von Gottes Güte.
8,3 Sie zeigt sich ihrer edlen Herkunft würdig,
indem sie bei Gott lebt; und der Herr aller Dinge hat sie lieb.
8,4 Denn sie ist in Gottes Wissen eingeweiht und wählt aus,
was Gott tut.

Die Weisheit hat Anteil am Throne Gottes
9,10 Schick sie herab von deinem heiligen Himmel,
und sende sie von dem Thron deiner Herrlichkeit,
damit sie mir tätig zur Seite stehe, so daß ich erkenne,
was dir wohlgefällt.

Die göttliche Weisheit von Paulus auf Jesus übertragen.
Fragt man sich, wie es im urchristlich/paulinischen Umfeld zu den ersten Anzeigen der Vergottung Jesu kommen konnte, lohnt ein Abgleich bzgl. der jüdischen Vorstellungen, die man der göttlichen Weisheit andachte.
In den Paulusbriefen Hebr. Kol. und Eph. wurden eindeutig Elemente bzgl. der göttlichen Weisheit entlehnt. Was der jüdischen Weisheit zugeschrieben war, wurde nun auf Jesus übertragen, bzw. diente später dem göttlichen Logos, dem inkarnierten Sohn Gottes.

Hebr. 1,2 Gott hat in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.

1,3 Er (Jesus) ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

1,21 Durch sie (Kraft Gottes) hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt.

Kol 1,15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.

Der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien (+ ca. 45 n. Chr.) kann die Weisheit und den damit identischen Logos als Gottes präexistenten „erstgeborenen Sohn”, ja sogar als „zweiten Gott” bezeichnen. Diese jüdisch-hellenistische Weisheitstheologie und Weisheitsspekulation war der Nährboden der neutestamentlichen Präexistenzchristologie. In der hellenistischen Theologie, deren Zentrum Alexandria war, sah man in ‚Jesus’ nun die menschgewordene Weisheit, den menschgewordenen Logos, der als solcher vor aller Schöpfung war. Damit war der Grund für die Zwei-Naturen Christologie und Trinität gelegt. Jesus Christus wurde nun sowohl Mensch
als auch Gott, seine Geburt die Inkarnation des präexistenten Logos. Diese Logostheologie des Athanasius wird 325 Nizäa zum Dogma. Diese undefinierbare Lehre wird nun als der Weg zum Heil proklamiert und ist doch eine unbiblische Lehre.

Aus der spekulativen Annahme der im Johannesprolog verwendete Begriff Logos - Wort, sei ein präexistentes, göttliches Wesen, welches bei der Geburt Jesu durch Vereinigung göttlicher und menschlicher Natur in der Person Christi zu einer einzigen Hypostase inkarnierte, entstand ein folgenschwerer theologischer Streit, an dessen Ende Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch - eines Wesens mit Gott, zum Dogma wurde. Mit größtmöglicher Akribie versuchten Theologen über Jahrhunderte in die göttliche Seinsweise vorzudringen. Trotz aller Zerwürfnis ist aber leider die Erkenntnis nicht erwachsen, dass niemand die innergöttliche Seinsweise ergründen kann.

Den heute aufgeklärten Christen muß es erlaubt sein, hier einmal zurückzufragen, wie es ihm glaubhaft gemacht werden kann, dass es durch einen simplen Dreh, respektlos und in menschlicher Selbstüberschätzung möglich sein konnte, in die göttliche Seinsweise eingreifen zu dürfen, indem man die heidnischen Logos bzw. Weisheitsspekulationen einfach auf die Person Jesu übertrug. Bevor hier keine biblisch begründete Erklärung gefunden wird, wird es wohl weiter bei diesem, von Menschen geschaffenen Mysterium bleiben und zum Glaubenszweifel beitragen. Die Juden waren bereit, für ihre Überzeugung, dass der wahre Gott, der einzige Gott ist, zu sterben, niemand könnte sich eine Mehrzahl innerhalb der Gottheit, vorstellen.

Der Vergottung Jesu hätte es nicht bedurft, denn Gott hatte in seiner Freundlichkeit unsere Erlösung in Jesus Christus bereits beschlossen. Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst weil der Geist des Herrn auf ihm lag, und gesalbt hat zu verkündigen das Evangelium, die Botschaft des ewigen Lebens Jesus hat unter Verlust seines Lebens, dem Willen seines Vaters entsprochen und ist uns zur Erlösung geworden.

Der katholische Theologe Rudolf Laufen beschreibt sehr richtig, welche Folgen die Leugnung der Dogmen bezügl. der Präexistenz Jesu und der Trinität für die katholische Kirche hätte.

Es mag deutlich geworden sein, welchen Stellenwert die Präexistenzaussage
gesamtchristologisch hat, was mit ihrer Leugnung auf dem Spiel steht. Ohne Präexistenzaussage wären auch die anderen christologischen Spitzenaussagen einschließlich der Trinitätsaussage hinfällig. Die Kirche hätte dann Jahrhunderte lang zum Götzendienst aufgerufen, denn die Anbetung des Geschöpfes Jesus Christus, die eucharistische Anbetung etwa, wäre dann ein fundamentaler Verstoß gegen das erste Gebot gewesen.
Dass die Präexistenzchristologie seit dem Konzil von Nizäa zum zentralen Glaubensbekenntnis der Christen gehört, hat nicht verhindern können, dass sie sich heute mitsamt der Glaubensaussage vom wahren Gottsein Jesu und der Trinität in einer schweren Plausibilitäts- und Akzeptanzkrise befindet. Nicht nur nichtchristlichen Zeitgenossen erscheint die Aussage, Jesus Christus habe bereits „vor” seinem menschlichen Leben in der Daseinsweise Gottes personal „existiert”, als mythologische Rede, sondern auch vielen Menschen innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft fällt es immer schwerer, dies mit ihrem aufgeklärten Denken zu vereinbaren. Selbst der von den deutschen Bischöfen herausgegebene Katholische Erwachsenenkatechismus kann nicht umhin zuzugeben, dass auch viele Christen „mit diesem zentralen christlichen Glaubensartikel” Schwierigkeiten haben. Wörtlich: „Sie meinen, dieses Bekenntnis sage ihnen nichts. Sie halten es für eine weltferne Spekulation, von der sie oft auch behaupten, sie sei überdies bibelfern und bibelfremd.” Eine neue Qualität erlangt die angesprochene Krise allerdings dadurch, dass auch immer mehr (Hoch-schul-)Theologen davon erfaßt werden. Es handelt sich aufs Ganze gesehen wohl um eine Minderheit, aber mit vermutlich erheblicher Dunkelziffer. Bedeutend größer dürfte die Zahl bei den Religionspädagogen, den theologischen Multiplikatoren sein - mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft! Wer aufmerksam die theologische Szene beobachtet, stellt fest, dass sich – völlig unspektakulär und von den meisten kaum beachtet - in der Christologie erhebliche, ja den Lebensnerv des christlichen Glaubens betreffende
„Mutationen” ereignen. Zitatende.