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Johannesevangelium Geschichte der urchr. Literatur


Johannesevangelium
Geschichte der urchristlichen Literatur

Berlin/New York 1975
Vielhauer, P.: § 28

1. Aus der Geschichte der Forschung
Das Rätsel des Urchristentums, kein Konsens in der Forschung über Joh.
Deswegen nur Darstellung der wichtigsten Themen:
a) Echtheitsfrage
b) Literarkritik (s. Lindemann)
c) Religionsgeschichtliche Einordnung und Herkunft (s.u.)

ad a) Frage danach, ob Johannes der Zebedaie der Verfasser des Joh ist oder nicht.
Joh ist im 2. Jh. in den Kanon aufgenommen worden unter der Voraussetzung, dass es ein Werk des Zebedaien Johannes, also eines „Apostels“. Das Buch erhebt in keiner Zeile diesen Anspruch. Die Behauptung apostolischer Verfasserschaft begegnet zuerst bei Irenäus (ca. 180).
Schon zur Zeit des IRENÄUS und am Anfang des 3. Jh. wurde apostolische Verfasserschaft von der Kirche bestritten, vor allem wegen des Ansehens, dass das Ev. bei Montanisten und Gnostikern genoss.
Trotzdem setzte sich These von der apostolischen Verfasserschaft durch und wurde lange nicht mehr bestritten (bis 18./19. Jh.). Besonderheit des Joh gegenüber der 3 anderen Ev. wurde positiv gewertet ORIGENES = „pneumatisches Evangelium“, LUTHER = „einiges und rechtes Hauptevangelium“.
HISTORISCHE LEBEN-JESU-FORSCHUNG 19. Jh.: Welches Ev. besitzt den höchsten Quellenwert? Faszination des Joh sicherte ihm eine Präponderanz vor den Synoptikern (trotz numerischer Überlegenheit) sowohl bei SCHLEIERMACHER als bei konservativen Theologen. Autorenschaft des Zebedaien wurde leidenschaftlich verteidigt.
Bestreitung der Autorenschaft zunächst durch K. BRETTSCHNEIDER (1820) = starke Unvereinbarkeit der johanneischen und der synoptischen Darstellung der Lehre Jesu, Fehlen jüdischer Elemente in Joh.  F.C. BAUR: Joh ist kein historisches Evangelium, ordnet den geschichtlichen Inhalt einer über das ganze gestellten Idee unter. Historisch gehört es in die Endphase des Ausgleichs zw. Juden- und Heidenchristentum (zweite Hälfte des 2. Jh.). Baur hat damit eine historische Erforschung des 4. Evangeliums in die Wege geleitet, positive Alternative zur „Echtheitsfrage“.
2 Quellen-Theorie und Mk-Priorität ermöglichten dann endgültig eine Erforschung des Joh abseits der Verteidigung der apostolischen Herkunft.

5. Schriftstellerischer und theologischer Charakter
a) Schriftstellerische Eigenart
Rahmung: Buch wird durch den Prolog (1,1-18) und die Bemerkung über den Zweck des Ev. (20,30) gerahmt. Zeigt die schriftstellerische Reflexion und Absicht des Autors: Er will Jesus verkündigen und Glauben wecken (anders als Lukas).
Johannes betont des Auswahlcharakter seines Buches. Es kommt ihm nicht auf die Masse und Vollständigkeit der Überlieferung an, sondern die Auswahl genügt seinem Zweck. Prolog macht von vornherein klar, dass in Jesus, dem fleischgewordenen Logos, Gott selbst begegnet.
Thema = Joh 1,14, „Wir sahen seine Herrlichkeit“. Kap. 2-12 = „Buch der Zeichen“, Kap. 13-20 = Buch der Passion, oder nach BULTMANN: Offenbarung der Herrlichkeit in der Welt und Offenbarung der Herrlichkeit vor der Gemeinde. Verfasser hat die Deutung der Tradition radikaler durchgeführt als seine synoptischen Kollegen. Er hat Traditionsstoff stärker bearbeitet. Er geht souverän mit der Überlieferung um.
Er korrigiert die Überlieferung aus programmatischen Gründen (Weglassung der Stiftung der Eucharistie = Fußwaschung, Vorverlegung der Tempelreinigung), ist darum bemüht, das Einzelne zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verbinden. Benutzt eine weiterentwickelte Technik der Verbindung und Bearbeitung als die Synoptiker (Rückverweise, chronologische Gliederung nach Festkalender, Angaben über Tage, Stunden und viele geographische Angaben). Verfasser will das Wirken Jesu als ein zusammenhängendes geographisch und chronologisch gegliedertes und klar überschaubares Geschehen darstellen.
Einzelerzählungen: Hat Johannes aus (Semeia?) Quellen tlw. ohne größere Eingriffe übernommen (2,1-11; 4,46-53; 5,1-9) oder stark bearbeitet (4,1-43; 9; 11,1-44). Manche Erzählungen haben einen szenischen Abschluss (Heilung eines Blindgeborenen), manche nicht (Heilung am Teich Betesda). Dem Evangelisten kommt es auf die Deutung, nicht auf den Ablauf des Geschehens oder die Steigerung an. Unabgeschlossene Szene gehört zum Erzählstil des Joh, wie die abgeschlossene. Eigentliches Ziel des Evangelisten war nicht die historisch zusammenhängende folgerichtige Darstellung.
Dazu passt auch das schematisierte Bild, das er von Jesu jüdischer Umwelt, zumal seinen Gegnern zeichnet: Werden pauschal als „die Juden“ bezeichnet. Sehr distanziert. Passah, Laubhüttenfest = alle pauschal „Fest der Juden“. „Juden“ sind ein Symbol für die Ungläubigen überhaupt, Repräsentanten der ungläubigen Welt. Pharisäer, die traditionellen Gegner Jesu, rücken in eine offiziellere Position als die, die sie historisch innehatten, werden zu Behörde. Verfasser bemüht sich nicht um historische Differenzierung.
Reden Jesu: Werden häufig an Erzählungen angefügt. Schema = Handlung, Dialog, Monolog (Bsp. Speisung der 5000 = geht in Brotrede über, Auferweckung des Lazarus = Auferstehung und Leben). Wunder werden zu Zeichen, die von sich weg und auf Jesus hinzeigen, um seine Bedeutung klarzumachen  Aufgabe der Reden: Sie sind Selbstoffenbarung im Ich-Stil.
„egw eimi“- Sätze: Bilden häufig den Höhepunkt der Reden. Gebrauch der Wendung „ich bin“ in religiöser und profaner Sprache vgl. BULTMANN = 4 Grundformen: a) Präsentationsformel, auf die Frage: Wer bist du?, b) Qualifikationsformel auf die Frage: Was bist du?, c) Identifikationsformel, mit der sich der Redende mit jmd. anderem identifiziert, d) Rekognitionsformel auf die Frage: Wer ist der Erwartete, Erfragte, Besprochene?
Bei Johannes dominiert die Rekognitionsformel. „Ich“ wird betont. „Ich bin das Brot des Lebens“. „Das Brot des Lebens“ ist die besprochene Größe, das „Ich“ ist Prädikatsnomen. Die „Ich-bin-Worte“ statuieren, dass alles, was der Mensch an eigentlichem Leben ersehnt und immer wieder verfehlt, in Jesus und ausschließlich in ihm da ist (er allein ist der Heilsbringer  Ruf zur Entscheidung!).
Verwendung doppeldeutiger Begriffe und der Technik des Missverständnisses in den Reden („lebendiges Wasser“, „Erhöht werden“ = Erhöhung in die Herrlichkeit und Erhöhung ans Kreuz). Missverständnisse sind der Ausdruck des joh. Offenbarungsverständnisses: der natürliche Mensch muss Jesus missverstehen, ihn verstehen kann nur derjenige, der den Geist empfangen hat, vom Geist belehrt ist (vgl. 2,22; 7,29; 14,26).
Worte der Gegner Jesu: es sprechen die Gegner die Heilsbedeutung unfreiwillig aus (vgl. Kreuzesinschrift 19,19; Sühnetod 11,50)

b) Theologische Eigenart
Aus genannten schriftstellerischen Mitteln (Missverständnis, Symbole…) geht hervor, dass der Evangelist die Jesustradition nicht einfach weitergeben, sondern (mehr als die Synoptiker) deuten will. Er betont mehrmals, dass auch die Jünger die Worte und Taten Jesu damals nicht verstanden hätten, dieses Erkennen ist erst nach Tod und Auferstehung möglich (vgl. 2,22; 12,10). Erst der Paraklet wird alles erklären (14,25f.). Verfasser will ein geistgewirktes Buch schreiben, d.h. die Geschichte Jesu so schildern, wie sie sich nach Jesu Erhöhung in die Herrlichkeit und nach dem Geistempfang der Jünger dem erschlossenen Auge des Glaubens darstellt, nur so kann es die „wahre Erkenntnis“ Jesu vermitteln und verbindlicher „Zeugnis“ sein.
Joh zeichnet die Züge des Erhöhten (mehr als Synoptiker) so stark in das Bild des irdischen ein, dass dieses einigermaßen unirdisch, bzw. unhistorisch wird: 2 Tendenzen = a) Zeit Jesu und die eigene Gegenwart wird – ungleich stärker als bei den Synopitkern – in eins gesehen, b) Kombination der „“ und der Präexistenzchristologie
ad a) Führt zu seltsamen Anachronismen, zwischen Abschiedsreden (13-17) und Teil davor (1-12) besteht eine seltsame zeitliche Spannung. Bsp. Synagogenausschluss der Jünger wird in 16,2 als zukünftig vorausgesagt, in 9,22; 12,42 als gegenwärtig vorausgesetzt. Es handelt sich bei den Anachronismen nicht um zwei Perspektive in dem Sinne, dass die Zeit Jesu durch die Zeit des Evangelisten (Kirche) abgelöst wäre, sondern um die Perspektive einer Sachdialektik: beides gilt gleichzeitig, wie es nach Jesu Weggang Gläubige und Ungläubige gibt, so ist auch die Stunde des Heils nie abgeschlossen; der Evangelist will mit dem Kommen herausstellen, dass die Stunde die da ist, die eschatologische Stunde ist.
ad b) Kombination von „“ und Präexistenzchristologie ist wohl das erste Mal von Joh vollzogen worden. „“ kommt in Wundergeschichten zum Ausdruck, Zeichen sind Manifestationen seiner göttlichen Macht. Hoheit Jesu wird in der Passion noch mehr gesteigert als bei Mt, auch das Zeichen seiner göttlichen Macht. In den Reden kommt das neue Element der Präexistenzchristologie zum tragen. Jesus ist ein präexistentes Gottwesen (1,1; 8,58 u.a.), vom Vater in die Welt gesandt (3,17; 5,36) und in sie gekommen (1,10; 3,19), er ist Fleisch geworden (1,14) und kehrt wieder dorthin zurück, woher er gekommen ist (3,13; 6,62; 20,17).
Schema Abstieg in die Welt und Aufstieg in den Himmel ist aus der Briefliteratur bekannt (klarstes Beispiel = Phil 2,6-11). Abstieg bedeutet reale Menschwerdung des präexistenten Gottwesens bis in ihre letzte Konsequenz. Pure Menschlichkeit Jesu ist Voraussetzung seines Heilswerkes (Röm 8,3f, u.a.). In dieser Präexistenzchristologie haben göttliche Machterweise, Wunder des irdischen Jesus keinen Raum, das ganz Interesse liegt auf Tod und Auferstehung. „“- und Präexistenzchristologie sind also von entgegengesetzten Auffassungen vom Leben des irdischen Jesus beherrscht. Spannungen lassen sich im Joh sehen bei Aussprüchen „Das Wort ward Fleisch“ und „Wir sahen seine Herrlichkeit“ (1,14).
Was bezweckte der Evangelist mit dieser Kombination? Eine Steigerung der „“- Vorstellungen mit Hilfe der Präexistenzvorstellung zu einer kompakten Herrlichkeitschristologie (KÄSEMANN, Joh = Doketismus (Jesus nur scheinbar Mensch); mit altkirchlichen Joh-Gegnern) oder eine Unterordnung der „“ - Vorstellungen unter den Gedanken der Inkarnation (BULTMANN, mit altkirchlichen Joh-Verteidigern, Irenäus, Clemens Alexandrinus und Tertullian)?
VIELHAUER: Joh hat die Wundertradition und damit die Vorstellung des „“ nur kritisch übernommen. „Selig sind die nicht sehen und doch glauben“ als Schlusspunkt des Ev. Wunder sind doppelsinnig und können deshalb nichts beweisen. Als Symbole weisen sie über sich hinaus. Wunder symbolisieren die Bedeutung Jesu, die Reden sprechen sie aus. Fazit: Die „“- Vorstellung hat im Joh keine selbständige Bedeutung, sondern ist jener anderen christologischen Konzeption dienstbar gemacht, die in den Reden vorkommt.
Reden-Christologie = 3 Motive, a) Jesus ist von Gott gesandt, b) steht in der Einheit mit dem Vater und c) bringt als solcher die Offenbarung.
a) Dass Jesus von Gott gesandt ist, ist einer der Hauptgedanken in Joh, taucht 37mal auf. Jesus ist präexistentes Gottwesen (1,1; 17,5), wurde aus der jenseitigen Sphäre in die Welt gesandt, ward Fleisch (1,14) und ist als irdischer Jesus der beauftragte und bevollmächtigte Stellvertreter Gottes.
b) Einheit von Vater und Sohn (10,30): Jesu Worte sind nicht seine, sondern die des Vaters (3,34; 7,16; 8,26). Seine Werke sind auch die des Vaters (5,17.19ff), tut nicht den eigenen Willen, sondern den des Vaters (4,34; 5,30; 6,38). Vater hat ihm gottgleiche Vollmacht gegeben. „Ich bin der Vater, und der Vater ist in mir.“ (14,10).
c) Aufgabe des Gesandten ist es die Offenbarung zu bringen, d.h. die rettende „Erkenntnis“ zu erschließen (17,3). Denn niemand hat Gott je gesehen außer dem Sohn. Menschenwelt befindet sich im Gegensatz zu Gott. Dualismus Gott-Welt charakterisiert Joh durch Gegensatzpaare Licht-Finsternis, Wahrheit-Lüge, Leben-Tod. Im Gegensatz zur Gnosis ist die Welt aber nicht des Teufels, sondern immer noch Gottes Schöpfung (1,3.10.11). Überwindung des Gegensatzes ist nur von Gott her möglich durch Offenbarung, sie geschieht in der Sendung des Sohnes (=primär in den Reden).
Inhalt der Offenbarung: seltsames Phänomen, Jesus enthüllt nie etwas von Gottes Lehren, Geheimnissen. Er redet immer nur von sich selbst und dass in ihm Gott begegne. Das ist der Sinn seines Redens von seiner Sendung und der seiner „egw eimi“- Worte.  BULTMANN: Jesus als der Offenbarer offenbart nichts anderes als das er der Offenbarer ist. Offenbarung ist der Ruf zum Glauben an Jesus als den Offenbarer. Offenbarung bringt Scheidung unter den Menschen, weil sie sich dem fordernden Ruf gegenüber entscheiden müssen. Offenbarung ist nicht Wissensmitteilung, sondern Heilsgeschehen.
Eigentümlichkeit der Christologie: Hat ganze Eschatologie in sich aufgenommen. Diese hat keine Selbständige Bedeutung mehr. Joh = Paulus = Sendung des Sohnes ist das eschatologische Heilsereignis. Für Paulus steht noch Parusie, Auferstehung der Toten, Endgericht und ewiges Leben aus. Für Johannes sind diese eschatologischen Ereignisse nicht zukünftig, sondern vollziehen sich gegenwärtig (Gericht = 3,17f.36; Auferstehung und ewiges Leben = 5,24-27; 11,25f.; Parusie 14,18-24). Radikal gegenwärtige Eschatologie hat wohl befremdet und Redaktor hat schon früh futurische wieder eingeführt (5,28; 6,39.40.44). Der präsentischen Eschatologie entspricht die Tatsache, dass Jesu eigentliche Bedeutung nicht mit den traditionellen eschatologischen Titeln, bzw. nicht mit ihnen in ihrem traditionellen Sinn ausgesprochen wird, sondern mit „egw eimi“ - Worten. Eschatologisches Heil ist im Glauben an Jesus gegenwärtig.

6. Religionsgeschichtliche Stellung
Joh setzt sich mit einem gnostischen Erlösungsverständnis auseinander und er bringt seine Verkündigung in gnostischer Sprache und Vorstellungsweise zum Ausdruck. Gerade der Dualismus und die göttliche Erlösergestalt müssen also im Zusammenhang mit der Umwelt des Joh untersucht werden.
Parallelen zu mandäischen (Iran/Irak) Texten, v.a. BULTMANN = Verwandtschaft der johanneischen Bildreden mit mandäischen Texten. Hinter joh. Christologie (Jesus von Gott gesandt, Einheit mit dem Vater, Offenbarer) steht der Erlöser-Mythos der Gnosis, der in den mandäischen Texten am deutlichsten wird (Herabsteigen und Wideraufsteigen des Erlösers, Verbundenheit mit den Seinen, Gegensatz zur „Welt“, dualistische Terminologie Licht-Finsternis, Leben-Tod, Wahrheit-Lüge). Bultmann belegt die Parallelität in 28 Motiven: Wichtigstes Belegmaterial sind mandäische Texte, aber auch manichäische (200 n. Chr. durch Mani) und christlich-gnostische. Besonders wichtig: Logosspekulation des Joh-Prologs = jüdische Spekulation über die personifizierte „Weisheit“. Sophiaspekulation ist ein Teil des Erlösermythos.
Erlösermythos = vorchristlich und als verbindendes Glied zwischen voneinander unabhängigen Texten = mandäische, manichäische, christlich-gnostische, philonische und jüdische Weisheitsschriften. Mandäer = heute noch existierende Taufsekte im südlichen Mesopotamien, Schrifttum ist erst in islamischer Zeit kodifiziert worden, aber älter. M. LIDZBARSKI hat folgende zugänglich gemacht (erst kürzlich entdeckt): „Mandäische Liturgien“, „Johannesbuch“, „Ginza“. „Mandäerfrage“ = Frage nach Alter und Herkunft der Mandäer (evtl. aus Jordangebiet Täufersekte des Johannes) wurde viel diskutiert, mit wenig Erfolg. Verbindung mit „Jüngern des Johannes“ lässt sich nicht erweisen. Der gnostische Erlösermythos der Mandäer ist vorchristlichen Ursprungs. Eine literarische Abhängigkeit des Joh von mandäischen Texten besteht nicht. Verwandtschaft (v.a. Bildreden und „Ich bin“ - Worte, Stileigentümlichkeiten und Terminologie) beruht auf einer dritten Größe: einer gemeinsamen religiösen Kunstsprache. Kunstsprache wurde durch G. WIDENGREN als dem Manichäismus, Mandäismus und der syrischen Gnosis gemeinsam nachgewiesen.
Joh hat nicht nur den allgemein-gnostischen Erlösermythos rezipiert (findet sich auch sonst im NT), sondern teilt Sprachformen mit den Urmandäern, d.h. gehört in das Milieu dieser synkretistisch-jüdischen Gnosis. Dorthin passen auch Berührungen mit Qumran-Texten. V.a. im Dualismus, er ist hier wie dort (und anders als in der Gnosis) nicht absolut aufgefasst, sondern von Schöpferglauben begrenzt. Qumran ist aber nicht der „Mutterboden“ für Joh, dafür sind Parallelen zu gering.
Alte These BULTMANNS hat sich bewahrheitet: Zur Zeitenwende gab es in Palästina neben dem offiziellen Judentum ein synkretistisches, d.h. ein vom orientalisch-hellenistischen Synkretismus beeinflusstes Judentum  so gab es im palästinischen Urchristentum zwei entsprechende Schichten: die „synoptische“ und die „johanneische“ (das vielleicht sogar ältere Ursprünge hat und Tendenz zum Hellenismus beinhaltet).
Joh hat den gnostischen Mythos nicht unverändert übernommen. Er hat ihn an die geschichtliche Gestalt Jesu gebunden. Mandäer kennen zahlreiche Gesandtengestalten, jüdische Weisheitsspekulation und manche gnostische Richtungen zahlreiche aufeinanderfolgende Erscheinungen derselben göttlichen Gestalt. Joh = Jesus als einmalige geschichtliche Gestalt. Auch Wesensidentität der Menschen mit dem Erlöser hat Joh nicht übernommen. Jesus ist mit Gott identisch. Joh verwendet den gnostischen Mythos zur Entfaltung seiner Christologie und Soteriologie. Dagegen nicht der absolute Dualismus, den Welt bleibt Schöpfung Gottes.

7. Abfassungsverhältnisse. Theologiegeschichtliche Situation
Joh ist keine Missionsschrift, sondern ein Schrift für die Gemeinde, „damit sie in Wahrheit bleibe“. Diesem Ziel dient auch die Polemik
a) gegen die „Juden“ als Repräsentanten der Welt, als Symbol des Unglaubens aus Religiosität
b) antitäuferische Polemik (1,6ff.15.20-27; 3,23-30 u.a.), reflektiert Rivalität mit den Jüngern des Täufers Johannes. Täufer wird Jesus energisch subordiniert und für ihn beansprucht (1,15 u.a.). Grund der Polemik: Verehrung des Täufers als des eschatologischen Heilsbringers (1,8 = „Er war nicht das Licht“ setzt voraus, dass ihn manche für das Licht gehalten haben). Joh kennzeichnet den Täufer nicht als Vorläufer Jesu (wie Synoptiker), sondern als Zeugen für dem Präexistenten und Fleischgewordenen. Rivalität mit den Täuferjüngern = einige der späteren Jesusjüngern sind sogar Täuferjünger gewesen. Theologisch geht es bei der Auseinandersetzung um die Antithese Glaube/Falschglaube.
c) grundsätzliche Polemik gegen die Gnosis. Joh bekämpft deren Offenbarergestalten und Offenbarungsanspruch. Todverfallenheit des Menschen, die die Gnosis klar erkannt hat, wird ausschließlich durch die Offenbarung in Jesus gelöst.
d) kritische Auseinandersetzung mit der Kirche seiner Zeit. Stillschweigen über Einsetzung des Herrenmahls, Abweichung in der Darstellung der Jünger deuten auf Reserviertheit gegenüber Sakramenten und kirchlicher Institution. Für Johannes ist das Bleiben des Einzelnen in Jesus (15,1ff) und die Liebe des Einzelnen zu den Brüdern der Modus der glaubenden Existenz, das Wesen der Kirche. Jünger werden von Jesus zu seinen „Freunden“ ernannt. „Freunde“ auch Selbstbezeichnung der Glieder des johanneischen Kreises (3.Joh 15). Nonkonformismus des Verfassers: Buch soll geistgewirkte, d.h. verbindliche Darstellung Jesu sein.

8. Verfasserfrage, Abfassungszeit und -ort
a) Verfasserfrage
1) Innere Zeugnisse:
21,24 (Schluss des Nachtragskapitels): „Das ist der Jünger, der für diese Dinge Zeugnis ablegt und dies geschrieben hat.“ Lieblingsjünger hat wohl lange gelebt (20-23), war aber zur Abfassungszeit des Nachtragskapitels höchstwahrscheinlich aber trotzdem schon tot. 21,24 kann man also nur auf Kap 1-20 beziehen. Redaktor gibt als Verfassern, „den Jünger den Jesus liebte“ an. Nennt seinen Namen nicht.
Joh 1-20 gibt keine Hinweise auf den Verfasser. Mehrfach wird vom Lieblingsjünger berichtet (13,23-25; 19,26f.; 20,2-8), aber der Verfasser deutet nicht an, das er mit ihm identisch ist. Erst das Nachtragskapitel macht den Lieblingsjünger zum Verfasser des Ev.
Wer ist der Lieblingsjünger? Traditionelle Antwort: Johannes Zebedäi! Begründung u.a., er muss einer der drei Säulen sein, Petrus scheidet aus, Jakobus auch wg. seines frühen Todes. ABER 4. Evangelium wirft ein anderes Bild auf die Jünger als Synoptiker, 3 Säulen gibt es bei Joh nicht, Zebedaien werden erst im Nachtragskapitel (21,2) erwähnt. Auch aus 21 geht nicht hervor, dass der Lieblingsjünger der Zebedaie Johannes sei, denn neben den Zebedaien werden „2 andere“ – anonyme – aus den Jüngern erwähnt. Identifizierung des Lieblingsjüngers mit den Zebedaien hat im Evangelium keinen Anhalt und im Nachtrag kein Stütze.
Lässt sich der Lieblingsjünger näher bestimmen? Tritt beim letzten Mahl das erste Mal auf (Kap. 13). Hat den Ehrenplatz an Jesu Brust. Steht in unmittelbarem Konkurrenzverhältnis zu Petrus: Wettlauf zum Grab, im Nachtragskapitel wird Petrus zwar mit der Leitung der Kirche beauftragt, aber auch dreimal gefragt ob er Jesus liebt. Stellung des L. wird vom Primat des Petrus nicht berührt, ist inkommensurabel, Jesus vertraut L. seine Mutter an.  Aus der Geschichte des Urchristentums ist kein Person bekannt, die in einem solchen Verhältnis zu Petrus steht. Evangelist und Redaktor haben sie evtl. absichtlich im Halbdunkel gelassen. Evtl. vom Evangelisten erdachte Idealgestalt? „Liebe“ bedeutet bei Joh Wesensgemeinschaft, d.h. dem Jünger hat Jesus sein Wesen zugeteilt. Jünger ist mit Jesus eins, also der „ideale“ Jünger.  eventuell Kombination individuelles und ideales Element = Evangelist hat individuelle Gestalt vor Augen gehabt, sie aber zu einer idealen umgearbeitet. Redaktor hat den Lieblingsjünger zum Verfasser des Buches gemacht. In beiden Fällen war eine gewisse Antithese gg. Petrus leitend. Seine Autorität wird zwar nicht bestritten, aber durch den L. relativiert. Hier spiegeln sich theologische und kirchliche Rivalitäten.
Fazit: Lieblingsjünger und Evangelist sind nicht identisch, weder der eine, noch der andere ist der Zebedaie Johannes, beide bleiben anonym.

2) Äußere Zeugnisse:
IRENÄUS (180): Joh ist von dem „Herrenjünger“ und Apostel Johannes verfasst worden in Ephesus, wo er bis in die Tage Trajans gelebt hat.
BISCHOF POLYKRATES VON EPHESUS (CA 190): Bezeugt ebenfalls die Existenz eines Johannes in Ephesus und identifiziert ihn mit dem Lieblingsjünger. Er bezeichnet ihn aber nicht als Apostel. Also kein Zeuge für Verfasser = Zebedaie Johannes
Irenäus beruft sich auch auf POLYKARP: Aus den Berichten des Polykarp („Verkehr mit Johannes und den übrigen, die den Herrn gesehen haben“) geht aber auch nicht hervor, ob er Johannes aus Kleinasien gesehen und ihn für den Autor des 4. Ev. gehalten hat.
Irenäus beruft sich auch noch auf die kleinasiatischen „Alten“: Haben nur etwas von einem Johannes dem „Herrenjünger“, nicht aber von dem Verfasser des 4. Evangeliums verlauten lassen.
PAPIAS: Hat sich bei den „Alten“ über Autoritäten und deren Aussagen über Jesus erkundigt. Nennt 2 Männer namens Johannes, einer gehört zum 12er Kreis, ist also der Zebedaie, der andere „Alte“ Johannes gehört nicht zu den 12en, ist aber auch Herrenjünger und lebt noch. „Alter Johannes“ lebt wohl zu Zeit des Papias noch (kleinasiatische Größe = Polykrates)
KANON MURATORI (ca 200): Johannes wird mir Abfassung eines Evangeliums beauftragt, Johannes ist ein Glied des 12er Kreises, nicht aber Apostel. Wird auch nicht mit Ephesus und Kleinasien in Verbindung gebracht.
2 Größen, die Irenäus in eins gesetzt hat, müssen unterschieden werden: a) Ephesinischer Johannes (= Polykarp), der evtl. mit dem „Herrenjünger“ und „Alten Johannes“ des Papias und der Presbytertradition identische ist und b) den Verfasser des 4. Evangeliums, den der Kanon Muratori „Johannes“ nennt. Ephesinischer Johannes war wohl eine apokalyptische Persönlichkeit, könnte eher Apk geschrieben haben.
Grund für die Bemühungen um die Apostolizität des Joh bei IRENÄUS ist die Ablehnung des Buches in kirchlichen Kreisen. Gebrauch des Buches bei Monanisten und Gnosis. V.a. römischer Presbyter Gaius und die Aloger ( = Logosbestreiter und Unvernünftige). Zentrum des Widerstandes war wohl das „rechtgläubige“ Rom. Geben Joh tlw. als Werk des Gnostikers und Doketen Kerinthos aus. In kirchlichen Kreisen war die apostolische Herkunft des Joh im 2./3. Jh. noch keineswegs gefestigt.
Zebedaie Johannes ist außerdem wahrscheinlich früh Märtyrer geworden, vgl. Mk 10,35-40,u.a. Martyrium fand wahrscheinlich unter Herodes Agrippa (44 n.) statt.
Verfasserschaft des Joh mit dem „Alten Johannes“ in Verbindung zu bringen ist mühselige Spekulation.

b) Abfassungsort/Zeit
wahrscheinlich Ephesus oder allg. westliches Kleinasien, oder Entstehung in Syrien (Berührung mit mandäischen Schriften) und Redaktion in Kleinasien.
Terminus ad quem = Papyrus 52 ( = Joh 18) lässt sich in das erste Viertel des 2. Jh. datieren (in Ägypten gefunden), d.h. um die Wende 1. zu 2. Jh.