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Die Wahrheit als Hypostase oder Jesus Christus, de


Die Wahrheit als "Hypostase" oder Jesus Christus,
der verloren gegangene "Logos".
http://www.glauben-und-wissen.de/M18.htm

Textauszug:

Man kann Jesus von Nazareth in seiner Funktion als Christus und Erlöser religionsgeschichtlich und religionsphilosophisch nicht verstehen, ohne dem Aspekt des "Logos" Beachtung zu schenken, der, aus der griechischen Philosophie stammend, nach und nach zu einer Logos-Theologie umgeformt und auf Jesus Christus angewandt wurde. Doch auch die Logos-Theologie verlor nach Augustinus mehr und mehr an Bedeutung und wird, obwohl in den Kirchen jährlich im Prolog des Johannesevangeliums zitiert, heutzutage kaum noch in der ursprünglichen Bedeutung verstanden. Anders als bei der Entstehung der Vorstellung vom "Sohn" als "Logos" und später vom "Geist", beide einst als handelnde Boten Gottes im Schöpfungsprozess und der Heilsgeschichte verstanden, werden Sohn und Geist heute zum innergöttlichen Mysterium, weil niemand mehr sagen kann, wozu sie neben Gott tatsächlich noch nötig sind.

Der "Logos" als Grundbegriff der griechischen Philosophie bedeutet zunächst Wort, Satz, Sprache oder Rede. Oft ist jedoch eine sich im Bewusstsein vollziehende Begebenheit gemeint, auf welche die Sprache verweist, wie Gedanke, Sinn, Bedeutung. Logos (griech. Λόγος) bezieht sich auf alle durch die Sprache dargestellten Äußerungen der Vernunft. Logos hat ein weites Bedeutungsspektrum, das bis hin zu Beweis oder Lehrsatz und Lehre reicht (vgl. ...logie, z.B. Theologie = Lehre von Gott, Psychologie = Lehre von der Seele). Die Wissenschaft der Logik leitet sich davon ab.

Heraklit (550-480 v. Chr.) wie die Stoiker (ca. 300 v. – 70 n. Chr.) führen alle Vielfalt des Kosmos auf eine letzte, innere, unveränderliche Ursache, das Urprinzip, das immanente Prinzip kosmischen Werdens und die alles Weltgeschehen durchwirkende Gesetzmäßigkeit und Norm zurück. Durch das Handeln (aktiv werden, z.B. bei der Weltschöpfung) ging die Unveränderlichkeit des Urprinzips verloren, deswegen wurde ein zweites Prinzip postuliert, selbst göttlich, aber niedrigeren Ranges, das aus dem ersten Prinzip für die Aufgabe der Weltschöpfung hervorging: der Logos [siehe oben] und noch später als drittes Prinzip der "Noûs" [Geist] als die das Weltall durchwaltende göttliche Vernunft. Hier deutet sich bereits die spätere christliche Weiterentwicklung über den Neuplatonismus zur Dreifaltigkeit an.

Bei Sokrates (470 – 395 v. Chr.) und Platon (427 – 347 v. Chr.) ist Logos an das Sein gebunden, Logos ist das Vermögen, das die Wahrheit zutage fördert, als "Licht des Logos" erhellt es die Erleuchteten, für Platon die höchste Stufe der Erkenntnis. Doch auch die Wahrheit selbst sowie die Form ihrer Äußerung wird Logos genannt, die als "Idee" in den Gesetzen des Kosmos verankert ist.

Das heißt für Platon: das Wahrhaft-Wirkliche, die Ur-Realität, die Transzendenz der Ideen und Formen existieren als "Universalien" unabhängig und vor den irdischen Gegenständen und Ideen in den Gesetzen des Universums. (Universalia sunt realia ergo ante rem). Diese philosophische Hypothese war die Voraussetzung für die Entwicklung des christlichen Gottes. Der Logos im menschlichen Geist wird als die philosophische Diskursform (Erörterung) der begründeten Rede verstanden, bzw. als rationales Verfahren der Konsensfindung. Platon konstatiert, "dass ja ein alter Streit ist zwischen Philosophie und Dichtkunst" und wir finden einerseits bei Platon eine dezidierte, sowohl ethisch wie auch erkenntnistheoretisch begründete inhaltliche und formale Kritik der tradierten Mythen. Andererseits enthalten die meisten platonischen Dialoge, die ja selbst auch Meisterwerke der Poesie sind, mythische Erzählungen, wobei aber der Mythos als ein Produkt der Einbildungskraft, als die Sageweise der Dichtung gilt. Beide Sprechweisen müssen bei ihm auseinander gehalten werden.

Für Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) sind die platonischen "Ideen" unnötige Verdopplungen der Gegenstände, die behauptete Transzendenz eine überflüssige Hypothese (Universalia sunt in re, die Universalien sind in den Gegenständen). Für ihn entspringt aus dem Logos die Tugend und damit die Glückseligkeit des Menschen. In der klassischen Rhetorik nach Aristoteles bezeichnet Logos eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die Folgerichtigkeit der Beweisführung (Logik). (Die anderen beiden sind Ethos (Autorität und Glaubwürdigkeit des Sprechers) und Pathos (rednerische Gewalt und emotionaler Appell).

Das Frühjudentum kannte zwei unterschiedliche religionsphilosophische Ausformungen. In Palästina selbst waren (trotz der Zugehörigkeit zum hellenistischen Großraum) die eigenen, vor allem apokalyptischen Traditionen bestimmend und Gott wird aufgefasst als Anfang und Ende der Geschichte und stets präsenter Herr und König, der willentlich in die menschlichen Handlungsabläufe eingreift. Jahwe ist "Geschichtsgott".
Das Diasporajudentum war stärker hellenisiert und der hellenistische Gottesbegriff war, wie wir oben sahen, ein völlig anderer: hier ist Gott innerster, letzter Grund des Kosmos und allen kosmischen Seins, selbst aber handlungsunfähig.

(Die Anfänge der jüdischen Diaspora reichen in Ägypten bis zum Beginn des 6. Jh. v. Chr. zurück; vor allem in Unterägypten, aber auch am Oberlauf des Nil und darüber hinaus in weiten Teilen des östlichen Mittelmeerraumes entstanden jüdische Gemeinden, die nach den Eroberungszügen Alexander des Großen im hellenistischen Einflussbereich lagen. Hier war Griechisch die Umgangssprache der Juden, sie schufen die griechische Übersetzung der Heiligen Schrift (Septuaginta) und eigneten sich andere Elemente der griechischen Kultur, z. B. in Philosophie und Literatur an).

Um die Zeitenwende gebrauchte der jüdisch-hellenistische Denker Philon von Alexandria den Begriff Logos, um, wie wir im Kapitel "Glauben oder Ideologie?" hörten, die jüdische Tradition mit dem platonischen Gedankengut der Ideen- und Formen des "Wahrhaft-Wirklichen" zu verbinden. Nach Philons Auffassung vermittelt der transzendente, kosmische Logos zwischen Gott und der Welt. Er bezeichnet ihn mit "Gottes Sohn", "Wort Gottes", "Weisheit Gottes" oder "göttliche Vernunft", welche der Welt innewohnt. Die Erzväter und Moses seien Inkarnationen des Logos gewesen.

Als hypostasierte (substantialisierte, personifizierte) Gestalt, wurde er zum Prinzip der Schöpfung. Dieses Schema ist bei Philon, im vorchristlichen Teil des Johannesprologs (siehe unten) und bei den frühchristlichen Apologeten greifbar und wird dann auf Christus übertragen.

Die hellenistische Welt-Transzendenz steht der jüdischen Geschichts-Transzendenz gegenüber und führt nach und nach zur Synthese. D.h. die Hypostasierung (Personifizierung) der Funktionen und Attribute Gottes (Schöpfung, Erlösung, Wahrheit, Weisheit) ermöglichte es den Diasporajuden, dem Gott ihrer Väter, Jahwe, dem von außen handelnden Geschichtsgott, denjenigen Gott, den sie als Griechen kannten, der die Welt von innen, von der Mitte des Seins her konstituiert, hinzuzufügen. Diese Vorstellungen brachten sie zunehmend in den "Weisheitsbegriff" ein, den sie mit dem Logos identifizierten.

(Nun ist es angebracht, den Begriff der Hypostase zu erklären: (griech. hypostasis, hypokeimenon, ousia, lat. substantia, dt. Substanz). Nach dem Scholastiker ALBERTUS MAGNUS ist eine Hypostase eine Substanz mit Eigenschaften: »Hypostasis est substantia cum proprietate,« oder auch die Substantialisierung, Verwirklichung eines Abstraktums, eines Begriffs, durch Hinzufügen von Eigenschaften (Attributen); zusammengefasst: eine Methode, abstrakte Begriffe in etwas zu verwandeln, das selbständig, als "Person" (von lateinisch persona: Maske, Rolle) vorkommt.

In der Mythologie insbesondere nennt man Hypostase eine Figur, welche sich von einer anderen abgelöst hat (indem irgend eine besondere Eigenschaft oder ein Beiname einer Gottheit von dieser getrennt und zu einer selbständigen Persönlichkeit umgeschaffen wurde, z. B. Gott Vater - Gott Sohn - Gott Geist), sowie den Akt dieser Ablösung selbst.

Davon abgeleitet bedeutet hypostasieren, etwas als gegenständlich existierend denken, zur Substanz machen; hypostatisch, gegenständlich, substantiell, wesentlich.

Boëthius Anicius Manlius Severinus(480 - 524) römischer Staatsmann, Philosoph und Logiker hatte in christologischen Auseinandersetzungen versucht, den Begriff Person, dessen Verständnis bei Augustinus noch nicht eindeutig ist, zu definieren als "individua substantia rationa(bi)lis naturae", als "individuelle Substanz geistiger Natur". "Person" wäre also geistige Individualität, in unserem Falle eben die Verwandlung der "Wahrheit" oder "Weisheit" in die Individualität des Logos.

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Der Logos löste die mehr weiblich und umfassender geprägte "Sophia" (Philo-Sophia) ab, wurde auf "Männlichkeit" reduziert (Männlichkeit Gottes) und überlagerte schließlich die Sophia. Im Hellenismus wurde der Logos zum führenden Begriff der Philosophie. Später stellt der Logos in Gestalt Christi die Sophia in den Schatten und eignet sich in Form von Attributen ihre Fähigkeiten an.

Und noch eines muss beachtet werden: Schon vor der Zeitenwende entstand im Mittelmeerraum eine neue religiöse Strömung, die sich parallel zum Christentum ausbreitete und sowohl mit, als auch in diesem existierte: die Gnosis. Ihr zufolge geschieht Erlösung durch "Erkennen" (Gnosis), durch die aus der Weisheit geborenen Erkenntnis, "wo wir waren, wohin wir geworfen sind, wohin wir eilen, wovon wir erlöst worden sind, was Geburt ist und was Wiedergeburt." (Clemens von Alexandrien). Es handelt sich bei der Gnosis, was die Funde bei Nag Hammadi 1945/46 bestätigten, um eine eigen-ständige spätantike Religion, die in unterschiedlichen Organisationsformen auftrat und sich, wie dann das Christentum auch, fremder religiöser Traditionen bediente indem sie sich deren Mythen aneignete, aber dennoch daraus eine eigene Einheit formt. (Eine Leseprobe aus den Schriften von Nag Hammadi, das Gebet des Apostels Paulus, ist weiter unten dokumentiert). Durchgehend ist ein Weltpessimismus erkennbar, der Mensch erlebt sich als fremd in dieser Welt und er leidet an ihr. Das aber zeigt, dass er auf eine bessere Wirklichkeit angelegt ist, welche er in sich trägt. Er ist in sich gespalten und schwankt zwischen Gut und Böse, wobei "Gut" den Geist und "Böse" das Materielle verkörpern. So entsteht ein dualistisches Gottesbild mit dem oberen, jenseitigen geistigen und guten Gott der sich im "Pleroma" (vergleichbar dem biblischen Himmel) mit dessen Einwohnern, den Äonen, aufhält und auf der anderen Seite dem unfähigen, unwissenden, materiellen Weltschöpfer, dem Demiurg mit seinem Anhang, den Archonten und Planetengeistern und deren Ausfluss: die Materie, der Kosmos, die Menschen. Einer der Äonen des guten Gottes übernimmt die Aufgabe, die dem Irrtum verfallenen Seelen in den Menschenleibern die "wahre" Erkenntnis zu übermitteln und sie zu "erlösen". Dieser Erlöser ist dann im Christentum, das sich oftmals den Lehren der Gnosis bediente, Jesus Christus. Wer das Neue Testament der Bibel aufmerksam liest, dem wird die Gnosis sowohl in den Evangelien (besonders Johannes), wie auch in den Briefen (besonders Paulus) offenbar und auch beim Weltbild des Augustinus wird sie erkennbar. Wie wir noch bei Justin sehen werden, schälte sich bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert das Schema heraus, dessen sich die Kirche noch heute bedient: sie eignet sich die ins eigene System passenden Teile des Gedankengutes aus fremden Kulturen und Fachrichtungen an und erklärt sie für die eigene Wahrheit, brandmarkt dann die fremden Schriften als Ketzerei und versucht deren Urheber kalt zu stellen, wobei sich, je nach Zeit und Umfeld, nur die Wahl der Mittel hierfür änderte. Damit wurde allerdings die Gnosis nicht überwunden, sondern lediglich dem Christentum reduktionistisch einverleibt: Der eine gute Gott allein konnte das Zustandekommen von Schöpfung und Erlösung nicht erklären: mindestens der Logos/Sohn/Christus und der Geist (der Erkenntnis) waren zur Lösung dieser Frage unverzichtbar und aus christologischen Motiven waren es nur diese beiden.


In der jüdisch-alexandrinischen Religionsphilosophie (Philon von Alexandria (25 v. – 50 n. Chr.) ist Logos das Schöpferwort, durch das Gott die Welt erschaffen hat (1.Mose 1), als Schöpfungsmittler (»Weisheit Gottes«) das sie ordnende und gestaltende göttliche Prinzip; und später in der christlichen theologischen Adaption (auf Johannes 1,14 zurückgehend) das präexistente »Wort« Gottes, das in Jesus Christus »Fleisch« (Mensch) geworden ist, um den Menschen das Heil zu vermitteln.

Seinem Selbstverständnis nach ganz Jude, strebte Philon von Alexandria, (Philo Judaeus), danach, die griechisch- hellenistische Philosophie (besonders Platon, Pythagoras und Stoa) mit dem jüdischen Denken zu vereinen. In seinem philosophischen Eklektizismus bemühte er sich, mithilfe allegorischer Mittel nachzuweisen, dass die zentralen Inhalte der griechischen Philosophie bereits in den alttestamentlichen Schriften vorhanden seien und nur noch freigelegt werden müssten. Seine Theologie ist von einem starken Dualismus geprägt: Gott erschafft und erhält die Welt, ist aber absolut jenseits und für menschliches Erkennen unerreichbar. Die Kluft zwischen Gott und Welt muss daher durch Vermittlungsgestalten überbrückt werden. Neben der Weisheit (Sophia) wird der Logos bei Philon zum Zentralbegriff.

"..dies Allgemeinste aber ist Gott, und nach ihm kommt die göttliche Vernunft. Das eine ist der göttliche Logos, das andere aber der dem Logos übergeordnete Gott; letzterer ist aller menschlichen Erkenntnis entzogen, und Gott selbst hält es für unter seiner Würde, zur Sinnlichkeit zu kommen, und schickt seine Logoi den Tugendliebenden zu Hilfe. In der Sinnlichkeit begegnet man also Gottes Logos. Der Logos, das Wort ist Vermittler aller Gaben..., durch das er auch die Welt erschuf. Er ist das erste "Werk" Gottes, aber allen anderen Dingen vorausgehend."

Er hat aber bei Philon zwei Naturen: eine körperliche und eine geistige. Als Körper ist er die sinnlich wahrnehmbare Welt, als Geist der diese Welt nach stoischer Lehre von innen her durchdringende und zusammenhaltende Logos, der den äußerlich sichtbaren Kosmos »angezogen hat wie ein Gewand«. Philon schreibt: "Dieser Kosmos jedoch ist der jüngere Sohn Gottes, da er sinnlich wahrnehmbar ist; denn den älteren, den er eine Idee nannte — er ist nämlich geistig — (siehe Platon), würdigte er des Erstgeburtsrechts und beschloss, dass er bei ihm bleibe." Dementsprechend heißt es auch im Prolog des Johannesevangeliums (auf den weiter unten ausführlicher eingegangen wird): "Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und ein Gott war der Logos. Dieser war im Anfang bei Gott. Alles ist durch ihn gemacht, und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist".

Als Archetypus und Mittler des Schöpfungsplanes, dessen sich Gott zur Welterschaffung bedient, wird er zum Vorbild des gottesbildlich geschaffenen Menschen; durch ihn wird die Transzendenz des Monotheismus mit göttlicher Immanenz verbunden. In der Anthropologie bildet die Ebenbildlichkeit die Grundlage des freien Willens des Menschen und befähigt ihn zu unmittelbarer Schau Gottes. Trotz einer pessimistischen Sicht der Leiblichkeit hält Philon an der grundsätzlichen Möglichkeit einer Überwindung der Sünde durch Änderung des Lebenswandels fest. Philon verfasste historische und apologetische Schriften und trat vornehmlich als Kommentator des Pentateuch (5 Bücher Mose) hervor. In seiner Verbindung von Heiliger Schrift und platonischer Philosophie wurde er wegweisend für frühchristliche Theologen wie Clemens von Alexandria und Origenes, über die sein Denken auch Eingang in die christliche Mystik fand, wie für den christlichen Neuplatonismus insgesamt.

Philon von Alexandrien setzt die Begriffe "Logos" und "Weisheit" gleich. Er nennt die Weisheit Gottes "Logos", aber den Logos auch die "Quelle der Weisheit" und die Weisheit die "Quelle des Logos". Die Erzväter und Mose sind Inkarnationen des Logos gewesen . Er kommt als erster nach Gott und heißt, (wie später Christus im Hebräerbrief, Hebr 5ff.) der Hohepriester der sündlos ist und Gott zum Vater, die Weisheit zur Mutter hat. Er ist eikôn, Bild des Seienden. Ein bekannter hellenistischer Begriff und in den göttlichen Attributen Weisheit, bzw. Wahrheit in der allegorischen Dichtung poetisch und in der Kunst als Gemälde, bzw. Statue bildlich dargestellt! Er heißt ferner Gottes Erstgeborener, der Erzengel mit vielen Namen, Schöpfer. Er steht an der Grenze zwischen Gott und Mensch als Fürsprecher der allzeit hilfebedürftigen Sterblichen vor dem Unvergänglichen; andererseits ist er der Abgesandte des Herrschers bei den Untertanen. Er ist die oberste Idee und erster Sohn Gottes. Nicht ungeschaffen wie Gott ist er, nicht geschaffen wie der Mensch, aber er steht zwischen den beiden als der von Gott ausgehende Strom der göttlichen Vernunft und der Projektion der Vernunft, als Naturgesetz aber auch im mystischen Sinne, als höchste Wirklichkeit, die der Eingeweihte empfängt. Als Stellvertreter des großen Königs ist der Logos Hirte der heiligen Herde. Priester, Prophet, König sind seine Ämter, auch Paraklet = Fürsprecher, sowohl um Sünden zu vergeben als auch um des unerschöpflichen Glückes zu versichern. Er hat keinen Anfang und kein Ende in der Zeit. Er dient dem Schöpfer zum Unterpfand dafür, dass die Schöpfung nicht gänzlich von ihm abfalle, und er gibt der Schöpfung das frohgemute Vertrauen ein, dass der gnädige Gott sein eigenes Werk niemals vergessen wird . Diesen göttlichen Logos hat der Mensch als Führer auf seinem Weg nötig, solange er noch nicht zur geistlichen Reife gelangt ist.

Das heißt: hier wurde in einem induktiven Vorgang, oftmals berauscht von den schönen Worten, aus dem "Wort" über den philosophischen Logosbegriff, der metaphysische, Gott immanente Logos (Lógos endiátheos) sowie der Weltschöpfer, der "im Anfang" aus Gott heraus trat (Lógos proforikós), geschaffen.

Deswegen ist die folgende deduktive Reduktion ein legitimer, erkenntnistheoretischer Vorgang.

Das vierte Evangelium, das Evangelium des Johannes, so erkannte Calvin, ist der Schlüssel für die vorangehenden drei. Der Verfasser des vierten Evangeliums lebte noch in der alten theosophischen Sphäre des ursprünglichen Christentums: in der Diktion war er gemäßigter Gnostiker, der als Kirchenmann gnostischen Stoff in katholischem Geist bearbeitete. ("Theosophisch" hier in der ursprünglich griechischen Sammelbezeichnung gedeutet, als "Gottesweisheit", die in mystisch-religiöser und spekulativ-naturphilosophischer Schau die Welt als Entwicklung Gottes erfasst, was nur Auserwählten vorbehalten war ).

Das Johannesevangelium weist Übereinstimmung mit Marcions Richtung auf: beide legen den Nachdruck auf das vollständig Neue der Erscheinung und Botschaft Christi, auf seine überirdische Art und Gottheit; bei beiden erweckt sich Jesus selber 'von den Toten', bei beiden ist Gott Geist, kein Richter, sondern Erlöser; ihr Urteil über die Juden lautet gleichermaßen ungünstig. (Marcion, ca. 85-160 n. Chr. wurde 144 wegen Häresie exkommuniziert. Aus dem Gegensatz zwischen Altem Testament und Neuem Testament schloss er auf zwei Offenbarungsgottheiten, die er als unversöhnlich gegenüberstellte: den »bekannten« Gott der alttestamentlichen Schriften, der die Welt geschaffen habe und als strafender Gott (ohne Liebe) durch Gesetz und Vergeltung regiere, und den »fremden« Gott der Liebe und des Erbarmens, welcher Jesus, den Christus zur Erlösung der Menschen aus der von dem alttestamentlichen Schöpfergott (Demiurgen) geschaffenen unvollkommenen Welt gesandt hat. Die gnostische Lehre ist bei ihm gut erkennbar. Marcion verwarf das Alte Testament und die »judaistisch verfälschten« Teile des Neuen Testaments).

Der Prolog zum Johannesevangelium war ursprünglich ein vorchristlicher Hymnus, der in Gottesdiensten jüdisch-hellenistischer Gemeinden gebetet wurde. Er zeigt, dass die Vorstellung von einem Logos als immanentem Weltschöpfungs-Prinzip neben Gott in der jüdischen Diaspora weiter verbreitet war. Alle Schriften des Neuen Testamentes sind von Diasporajudenchristen (auch Johannes ist zu ihnen zu zählen) verfasst worden. Dies war ein Glücksfall für die spätere Inkulturation des Christentums im Imperium Romanum, weil diese Schriften eine Brücke von seinen palästinensischen, unbekannten Anfängen zu seinem neuen Adressaten, der hellenistischen Kultur, bildeten.

Schöpfungswerkzeug Gottes und Offenbarungsträger sind im Prolog des Johannesevangeliums genau die Funktionen des Logos aus Philons Gedankenwelt und er macht dort nichts anderes, als sich selber zu verkündigen. Christus ist der Logos und verkündet den Logos, und der Logos offenbart sich nicht nur als hypostasierte Person in ihm, sondern er offenbart sich ebenso als das durch ihn gesprochene Wort. "Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und der Logos war Gott (göttlich). Im Anfang war er bei Gott. Alles ist durch den Logos geworden, und ohne den Logos wurde nichts, was geworden ist. (Joh.1,1 – 1,3). Und der Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh.1,14).

Nicht also der Mensch ist ein Geschöpf Gottes, sondern Gott ist ein Geschöpf aus der Vorstellungswelt des Menschen und so musste er notwendigerweise (auch wieder in der Gedankenwelt seiner Zeit) über die Hypostase inkarnieren = Mensch werden.

Kehren wir die Mensch gewordene Hypostase um zur mythisch philosophischen Version, so erhalten wir den (deutschen) Wortlaut der heutigen Bibel: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott (göttlich). Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist". Dabei muss allerdings festgestellt werden, dass die Bedeutungen und der Inhalt der Begriffe "Logos" und "Wort" und die Wortspielerei zwischen diesen Begriffen in der deutschen Übersetzung nur höchst unvollständig wiedergegeben werden können. Doch in der Vielschichtigkeit des Logos-Begriffes liegt zugleich der Schlüssel zum kirchlichen Wahrheitsverständnis. Wort, Lehre (Evangelium), Wahrheit, Sinn, hypostatische Person, das alles ist im "Logos" enthalten und ist austauschbar, sowohl grammatikalisch, als auch hypostatisch. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hebräerbrief.


Der Jesus-Logos als inkarnierter (fleischgewordener) Gott des Neuen Testamentes wird aufgrund seines geschichtlichen Handelns nach seinem Tode in göttliche Würden eingesetzt (Konzil von Nicäa 325 und folgende). Ein Vorgang, der sich widerspricht, denn zunächst einmal ist Christus als Logos ja schon Gott von Anfang an gewesen, danach wird ihm diese Würde aber erst nach seinem (menschlichen) Tode zuteil, ohne dass er dann natürlich wirklich Gott ist, denn Gott kann man nicht werden, allenfalls Götze. Diese Inkonsequenz zeigt, wie neuartig und fremd die hellenistische Inkarnations-Christologie, die Jesus Christus eine zweite, göttliche Natur zuspricht, zunächst noch empfunden wurde.


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Liest man das Neue Testament der Bibel nicht mit unseren heutigen Augen, sondern mit den Augen der Menschen aus der Entstehungszeit, unter dem Nachwirken der griechisch / römischen mythologischen Götterwelt, die damals ja noch parallel existierte und unter dem Einfluss der Gnosis, dann ist Jesus nicht Mensch, sondern er gleicht dem Götterboten der griechischen Mythologie, und dem Äon des guten Gottes aus der Gnosis, der als Logos auslegt, unterweist und den Menschen Dinge von Gott mitteilt. Dieser "Christus-Logos", von Philon auch "Sohn Gottes" genannt, wurde von Gott aus dem Himmel zu uns gesandt, und zwar um uns zu erlösen (sôzein). Als Mittler und Offenbarer der verborgenen und kosmisch schaffenden Macht steht er als Paraklet (Fürsprecher) zwischen Gott und Materie, bzw. Mensch (spätere christliche Zweinaturenlehre). Er ist das Bild (eikôn) Gottes, so wie der Mensch seinerseits ein Bild des Logos ist (Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott).

Dabei begegnen wir wieder der typisch hellenistischen Personifizierung von abstrakten Begriffen: der Logos wird mit einer mythischen und/oder menschlichen Gestalt, in der griechischen Mythologie erst mit Hermes, von den Christen dann mit Jesus Christus identifiziert und dargestellt; der Mythos erhält philosophische Bedeutung und umgekehrt die Philosophie eine mythische Einkleidung. Die heilige Geschichte, Geheimlehre, Schrift oder Offenbarung selbst, heißt als geschriebenes oder gesprochenes Wort der Bibel ebenfalls "Logos". (hier: Lehre).

"Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden." (Hebr 4, 12-13).

Der durch Gott gesandte (hypostatische und inkarnierte) Logos, ist sowohl "Christus" als auch das "Wort", die "Lehre" (das Evangelium), die "Wahrheit". Wenn Jesus selbst zu Gott sagt: „dein Wort ist die Wahrheit", dann deckt sich das mit seiner Selbstprädikation: „Ich bin die Wahrheit" (als Logos), oder "dein Evangelium ist die Wahrheit". Das "Wort" der Erlösung oder der Gnade kann sowohl "Christus" als auch das "Evangelium" sein. Typisch ist noch die Kombination; "Wort des Evangeliums", "Wort des lebendigen Gottes", die (Genitivus epexegeticus) aufgefasst werden können als: "Logos des Evangeliums" = der Logos, der das Evangelium ist; der "Logos, welcher der lebendige, der Fleisch gewordene Gott ist", aber auch "Wahrheit des Evangeliums", "Wahrheit des lebendigen Gottes", usw. Wir haben es also hier mit einem Wahrheitsbegriff zu tun, der subjektiv und per definitionem von der Kirche absolut gesetzt wird (Logos = Jesus Christus = Weisheit = Wahrheit = Wort Gottes = Evangelium), in realitas aber viel- und mehrdeutig ist und nie die ganze Wahrheit erfasst; eine manipulativ einseitige Subsummierung von Teilwahrheiten. (Realitas (Wirklichkeit) bezeichnet das, was unabhängig vom Subjektiven, also unabhängig von Offenbarung, Lehre, Wahrnehmung, Gefühl und Wunsch objektiv der Fall ist und existiert, die Dinge an sich).

Logos und Wahrheit, Logos und Evangelium finden wir auch dort miteinander identifiziert, wo gesagt wird, dass Gott in uns „das Wort der Versöhnung" aufgerichtet hat, was sowohl das Evangelium bedeuten kann wie den „Christus in uns". Gott soll seinen Logos geoffenbart haben in der Verkündigung (Predigt) des Apostels (Tit 1,3). Und wenn Hebr 6,1 über den Anfangslogos Christi (Lehre vom Anfang christlichen Lebens) spricht im Gegensatz zur Christusgnosis (Erleuchtung, Erkenntnis, 6,4-5) dann ist Logos somit dasselbe wie „Lehre". Das Wort der Wahrheit, wodurch Gott uns geboren hat, der Logos mit anderen Worten, der nach dem vierten Evangelium die Wahrheit ist und der uns nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit zu Erstlingen von Gottes Schöpfung macht (Jak.1,18), bedeutet sicher auch die Verkündigung des Evangeliums (vgl. 1 Petr 1,22f ..."die wiedergeboren sind... aus dem lebendigen Wort Gottes... Das aber ist das Wort, welches unter euch verkündigt ist.") Der johanneische Logos ist in den Gläubigen (1Joh 1,10; 2,14); da er das Leben ist (Joh 14,6), müssen sie an ihm festhalten (Phil 2,16; vgl. 1 Joh 1,1). Christus heißt in der Offenbarung des Johannes der Logos Gottes (19,13); er hat seine Märtyrer, die um des Logos Gottes willen geschlachtet werden, und es gibt das Blutzeugnis, nämlich von dem fleischgewordenen Logos Jesus (6,9). Das jüdische religiöse Denken zur Zeit Jesu und im Urchristentum war (auch bei den Diasporajudenchristen) mit apokalyptischen, endzeitlichen Vorstellungen verknüpft und dieser Überzeugung zufolge setzte das Reich Gottes das Blut der Heiligen und Märtyrer voraus zur Sühne und Erlösung. (Siehe auch M27 ).

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Das heißt abschließend: der Logos als göttliches Himmelswesen, welches, wie zuvor die Sophia, die Weisheit verkörpert, der Logos als (Wort und Weisheit des) Evangelium, der Logos als "Wahrheit" (des Glaubens) werden von ihrem Wesen her als Eines gedacht. Das "Wort Gottes" in der Bibel ist stets auch mit dem "Logos Gottes" und als inkarnierte Hypostase im Christentum mit "Jesus Christus" gleichzusetzen. Bereits im Alten Testament sind Anspielungen auf eine Hypostasierung auszumachen: (1.Chr 17, 3; 2.Chr 11, 2; Ps 56, 5; 56, 11; 147, 15-18; Sir 1, 5; 42, 15; 43, 26; Weish 18, 15). Origenes beschreibt im nächsten Kapitel diesen Vorgang im Rahmen der Allegorisierung eines Mythos. Ein ähnliches Phänomen finden wir auch bei der "Weisheit", die in der Weisheitsliteratur der Bibel personifiziert wird und in Spr. 8, 1-8, bereits bei der Weltschöpfung als wirksam gedacht wurde und in Spr. 8, 30-31 als Gottes Liebling vor ihm spielt. Sie tritt als umherziehender Prediger auf (Spr. 1; 9, 18), und bei Jesus Sirach (24) gehören Schöpfung und Erlösung des Menschen zu ihrer Aufgabe. Ebenso wie der Logos der Stoa erscheint hier die Weisheit als Geist (Spr.1, 6); mystische Vereinigung mit ihr ist das höchste Ziel allen irdischen Strebens (Spr. 8, 9-18).

Die Kirche allerdings verformte die antike, im damaligen Welt-Verständnis bereits hell leuchtende philosophisch-mythologische (modellhafte) Logos - Allegorie, zum Eia Popeia - Kindelein im Stall, zum Hokus-Pokus-Wunderwirker, Sündenbock - Erlöser für die Menschheit, Natur- und Todes - Überwinder und Himmels-fahrer, indem sie die Allegorie vergegenständlichte, sogar verabsolutierte, die Hypostase umkehrte und den Menschen Jesus von Nazareth in einem vulgären theologischen Abstimmungsprozess zum Götzen, und als dieser sich nicht mehr halten ließ dann zum göttlichen Mysterium rückverwandelte (Platon und Origenes hätten sich über einen solchen Vorgang totgelacht). Ein Faktotum namens Paulus musste dann herhalten als Übermittler und Verbreiter des abstrakten Logos-Gottes, zur Konkretisierung des Symbols, als Subjekt der Rechtfertigung für die Kirche und ihre Amtsträger, als quasi göttliche Zwischeninstanz für die selbsternannten Heilsbringer in der angeblichen "Nachfolge" für Kultus, Ritus Sündenvergebung, Mittlerdienst und narzisstischer Selbsterhöhung. Es ist dieser Prozess der Fundamentalisierung, Utilitarisierung, Verabsolutierung und wörtlichen Auslegung eines ehemals philosophisch-mythologischen Modells, der das "finstere", weil abergläubische Mittelalter ausmacht, ein Prozess, der bis heute andauert und nur noch durch ständige Anpassung an gesellschaftliche Zeitströmungen quälend mühsam und oftmals "an den Haaren herbeigezogen" fortgesetzt werden kann. (Wer von sich behauptet, "ewige Wahrheiten" zu verkünden wird natürlich unglaubwürdig, wenn er sie über Bord wirft!)

Merke: "Die katholische Kirche ist ein Phantom, die kirchliche Lehre ist von Anfang an auf parteipolitische Zwecke ausgerichtet. Ihre politischen Tugenden sind mit den evangelischen Grundsätzen nicht vereinbar. Niemals würde Jesus ein Reich gegründet haben, dessen Fundamente auf Mord, Betrug, Habgier und Totschlag ausgerichtet sind. Es ist absurd, den Armen das Evangelium zu predigen, wenn man vielfacher Milliardär ist und Beteiligungen an Rüstungsfabriken hält".

(Alighiero Tondi, Jesuit, Professor und ehemaliger Theologe an der päpstlichen
Elite - Universität "Gregoriana")