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Auf den Spuren der Weisheit



Auf den Spuren der Weisheit - Weisheitstheologisches Urgestein.
Schüssler-Fiorenza, Elisabeth:

http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/lit-schuessler91.htm

Jesus Sophia

Die In-eins-Setzung von Jesus und Sophia geschieht in der Evangelientradition aus ganz anderen Interessen als in der vorpaulinischen missionarischen Bewegung. Es ist umstritten, ob bereits auf einer letzten Stufe von Q eine Identifikation Jesu mit der göttlichen Sophia vorgenommen worden ist oder erst später. Im sogenannten Jubelruf Jesu (QMt 11, 25-27) scheint Jesus mit Sophia identisch zu sein, da sich jeder einzelne Gedanke des exklusiven Jesuswortes in V. 27 scheinbar auf die Weisheitstradition zurückführen läßt. So wie die Weisheit alles von Gott empfing, so wird auch Jesus alles von Gott übergeben (V.27a). So wie die Weisheit nur von Gott erkannt wird und als einzige Gott kennt, so besitzt auch Jesus alle Weisheit, ja, er ist die Weisheit selbst (V.27bc). So wie die göttliche Sophia ihre Weisheit schenkt, so offenbart sich auch Jesus allen, denen er sich offenbaren will (V.27d)./13/ <35:>

Doch hat Kloppenborg zu Recht darauf hingewiesen, daß nirgendwo in der Weisheitstradition gesagt wird, daß Sophia Wissen oder Macht von Gott erhalten hat. »In der Tat hat Sophia das Wissen von allen Dingen (Weish 7,1821; 8,8) und exousia in Jerusalem (Sir 24,11b), aber diese sind von der Tatsache abgeleitet, daß sie bei der Schöpfung Gottes Werkzeug war.« /14/ Kloppenborg folgert daher, daß die Philonische Logostradition, in der der Logos der erstgeborene Sohn Gottes genannt wird, die theologische Reflexion von QMt 11, 25-27 bestimmt hat. Wir haben es also nicht nur mit einer sprachlichen, sondern auch mit einer theologischen Verschiebung in der Jesustradition zu tun. Die Gemeinde, die dieses Wort formulierte, hat die inklusive Sophialogie der ältesten Jesustraditionen durch ein exklusives Offenbarungsverständnis ersetzt, das eng mit einer »Vater-Sohn-Sprache« verknüpft ist.

Die Identifikation von Jesus und Sophia findet sich im Matthäusevangelium, das die Tendenz von Q weiterentwickelt hat. QLK 7,37: »Die Weisheit wird gerechtfertigt durch ihre Kinder,< wird in der Redaktion Mt 11,19c mit: »Die Weisheit ist gerechtfertigt durch ihre Werke« wiedergegeben. Damit wird die Antwort Jesu direkt auf die Frage des Johannes, der im Gefängnis von den Werken des Messias (Christi) hörte, bezogen. Das messianische Wirken Jesu und das der göttlichen Sophia sind identisch. Darüber hinaus legt Mt das Sophia-Wort QLK 11,49 Jesus selbst in den Mund (23, 34). Es spricht nun nicht mehr Sophia, sondern Jesus. Dadurch daß Mt das Sophia-Orakel, das von einer zukünftigen Sendung spricht, Jesus in den Mund legt, charakterisiert er »ihn« als die Sophia, die jetzt ihre NachfolgerInnen zu Israel sendet.

Indem Mt dieses Orakel in die Strafrede gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten einbindet und eng mit dem Weheruf über Jerusalem verbindet (23,37-39), verschärft er das exklusive, antijüdische Potential dieser Evangelientradition. Er identifiziert Jesus mit der göttlichen Weisheit, um Jesu Zurückweisung durch das eigene Volk theologisch zu verarbeiten. Die Eroberung und Zerstörung Jerusalems wird hier als Folge der Hinrichtung von Jesus-Sophia gesehen. Wie Sophia hat auch Jesus ein Zuhause in Israel, ihrem/seinem Volke gesucht, ist zurück-<36:>gewiesen worden und hat sich von ihm zurückgezogen, bis sie/er in Herrlichkeit wiederkehren wird (Mt 23,39).

Während die missionarische sophialogische Reflexion aus universalen, religiösen Interessen heraus Jesus mit der göttlichen Weltherrin Isis in eins setzt, verdankt sich die matthäische Interpretation Jesu als inkarnierte Sophia dem bitteren Konflikt zwischen der wohl weitgehend judenchristlichen Gemeinde des Matthäus und der jüdischen Gemeinde der Schriftgelehrten und Pharisäer. Die Ineinssetzung von JesusSophia, die die Mühseligen und Beladenen zur Nachfolge ruft, und dem zum Gericht wiederkehrenden Menschensohn hat in diesem Konflikt ihre Wurzeln.`

Die Christologie des Johannesevangeliums scheint beide urchristlichen Traditionen, die Jesus mit der göttlichen Weisheit identifizieren, zu integrieren, indem sie kosmische Aspekte der hymnischen Christologie mit der sich von der jüdischen Gemeinde abgrenzenden Tendenz der im Matthäusevangelium artikulierten Weisheitsreflexion verbindet. Nach dem Johannesevangelium ist Jesus die personifizierte Weisheit.", Wie Sophia-Isis spricht Jesus im »Ich-Stil« und lädt Menschen mit der Symbolik von Brot, Wein und lebendigem Wasser zum Essen und Trinken ein. Wie Sophia so verkündet Jesus seine Botschaft laut auf öffentlichen Plätzen. Wie Sophia ist er Licht und Leben der Welt. Denen, die ihn/sie suchen und finden, verspricht Sophia-Jesus, daß sie leben und nicht sterben werden. Wie Sophia ruft Jesus Menschen zu sich und macht sie zu seinen/ihren Kindern und FreundInnen.

Das Geschick der göttlichen Weisheit ist das Erzählmuster des Johannesevangeliums für das Leben und die Sendung Jesu. Wie Sophia kam Jesus in sein Eigentum, wurde nicht von den Seinen/Ihren aufgenommen und ist in seiner/ihrer Erhöhung in die Welt Gottes zurückgekehrt. Doch ist diese weisheitliche Matrix des Lebens Jesu insofern verschüttet, als der Prolog nicht die weibliche Gestalt der Sophia, sondern den alternativen maskulinen Begriff des Logos einführt. Indem die Maskulinität des grammatischen Geschlechts, der mythologischen Personifikation und des historischen Menschen Jesus begrifflich in Übereinstimmung gebracht wird, wird die grammatische <37:> Spannung in der christologischen Sicht des Evangeliums aufgelöst. Damit eröffnet sich theologisch die Tür, das biologisch männliche Geschlecht Jesu und das grammatisch männliche Geschlecht des Logos ontologisch zu verknüpfen.

Dazu kommt, daß das Evangelium als explizites Interpretament der in Jesus geschehenen Offenbarung die intime, ebenfalls aus der Weisheitsliteratur stammende »Vater-Sohn-Sprache« bevorzugt. Diese »Vater-Sohn-Sprache« ist wie auf der letzten Stufe von Q mit einem exklusiven Offenbarungsverständnis verknüpft und dient wie im Matthäusevangelium zu einer defensiven Abgrenzung von der jüdischen Muttergemeinde. Beide Formen der christologischen Identifikation des Wirkens und Lebens Jesu mit der göttlichen Sophia in den Evangelien scheinen damit ihre Formulierung einer Situation zu verdanken, in der sich die christliche Gemeinde nicht mehr als eine in Kontinuität mit Israel stehende Größe verstand, sondern ihre Identität christologisch im Gegensatz zu ihrer jüdischen Muttergemeinde artikulierte. Der urchristliche Versuch, sich weisheitschristologisch von jüdischen Gemeinden abzugrenzen, ist durch den christlichen Kanon jahrhundertelang und vielerorts bis heute - als Antijudaismus und Antisemitismus fortgeschrieben worden.