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Logienquelle Q


Wer war Jesus von Nazareth?

Paul Hoffmann

Die Bedeutung der Spruchquelle Q für das christologische Bekenntnis

http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2004/imp040302.html

„... was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde - ... das ist im wahren und eigentlichen Sinn katholisch“. Wenn wir diese Definition des Katholischen durch Vinzenz von Lerin im 5.Jahrhundert wörtlich nehmen, erweist sich das, was heute Katholiken vom kirchlichen Lehramt als zu glauben verpflichtend vorgelegt wird, aber auch, was Christen im sog. Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, für den historisch einigermaßen Informierten als eine Fiktion. Um dem darin erhobenen Anspruch zu genügen, bedürfte es - wie bei George Orwell in seinem Roman „1984“ - eines Wahrheitsministeriums, das die Daten der Vergangenheit jeden Tag neu den „Wahrheiten der Herrschenden“ anpasst.

Die Geschichte des christlichen Glaubens ist nicht von solcher Uniformität bestimmt. Das gilt schon für die Anfangszeit des Christentums. Ernst Käsemann hat 1951 in einem vielbeachteten Vortrag „Begründet der neutestamentliche Kanon die Einheit der Kirche?“ deutlich gemacht, dass am Anfang der christlichen Lehrentwicklung nicht die Einheit, sondern die Pluralität steht. Er zog damit nur die Konsequenz aus den dogmengeschichtlichen Forschungen des 19./20. Jahrhunderts.

Wenn sich ein Haftpunkt der Entwicklung ausmachen lässt, dann ist es die Gestalt des Jesus von Nazareth, dessen geschichtliche Konturen uns freilich schon im NT nur in den Brechungen der gemeindlichen Jesusdeutungen - wie in fernen Spiegeln - sichtbar werden. Es ist nicht meine Absicht, diese Entwicklung pauschal abzuwerten. Denn nur in einem Prozess permanenter Transformation war es möglich, jenen charismatischen Aufbruch des Jesus von Nazareth unter jeweils neuen historischen Herausforderungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten Menschen zu vermitteln. Dass dieser Prozess jedoch nicht ohne Risiko war und ist, belegt seine Geschichte. In der großkirchlichen Lehrentwicklung führte er - nicht zuletzt unter dem Einfluss antiker Philosophie - zu einer einseitig metaphysischen Christologie, in der der geschichtliche Jesus und seine Botschaft von der Gottesherrschaft aus dem Blick geriet. Aus der Botschaft Jesu wurden die Botschaft von Jesus und schließlich das „Christus-Dogma“.

Mit meinem Rückblick auf die urchristliche Phase der Jesusrezeption verfolge ich eine doppelte Intention. Der Aufweis der Pluraität der neutestamentlichen Jesusdeutungen soll die historische Bedingtheit und damit auch „Relativität“ des in der späteren Lehrentwicklung vorherrschenden Deutungsmodells aufzeigen. In Gegenüberstellung zu der in den außerpalästinischen Gemeinden sich abzeichnenden Entwicklung möchte ich im zweiten Teil - durchaus als eine Art Alternativmodell - die Jesusrezeption in der sog. Spruchquelle Q vorstellen, die uns einen Zugang zur Geschichte und Theologie der galiläischen Jesusbewegung erschließt.

Zur Entwicklung der Jesusdeutung in den urchristlichen Gemeinden außerhalb Palästinas

Nach der Apostelgeschichte des Lukas ist der Ursprungsort der späteren Kirche aus Juden und Heiden die Urgemeinde in Jerusalem. Hier hatte sich, bald nach Jesu Tod ein Kreis von Jesusanhängern gesammelt, um im Zentrum Israels sein baldiges Kommen beim bevorstehenden Anbruch der Endzeit zu erwarten. Der bei Paulus noch aramäisch erhaltene Gebetsruf: MARANATHA „Unser Herr komme“ (1Kor 16,22) ist Ausdruck solcher Hoffnung. Diese durch visionäre Erlebnisse, die sog. Ostererscheinungen, ausgelöste Erwartung der Wiederkunft Jesu verbindet die unterschiedlichen Ausprägungen urchristlicher Verkündigung und gibt der Bewegung ihre Dynamik. Sie kann - mit Otto Pfleiderer - als das erste und einzige Dogma des Urchristentums angesehen werden.

Möglicherweise wurde bereits in Jerusalem jene Jesusdeutung entwickelt, die dann für die Gemeinde in Antiochien zentral wird. Denn es waren diasporajüdische Jesusanhänger aus Jerusalem, die die Jesusbotschaft über die Grenzen Palästinas hinaus nach Antiochien brachten. Hier, in einer der bedeutendsten Metropolen des römischen Imperiums, entstand eine jüdisch-heidnische Mischgemeinde. Vor allem durch die Briefe des Paulus wird uns dieser Traditionsbereich zugänglich. Er wirkte hier bis etwa 48. Von hier aus brach er zu seinen Missionsreisen in die Städte der
Ägäis auf. Hier wurden die Jesusanhänger erstmals CHRISTIANOI, d.h. Christusleute, genannt.

Zentral für ihre Verkündigung war, dass Jesus der Israel verheißene Messias, griechisch der CHRISTUS ist. Kraft seiner Auferweckung wurde er zum Sohn Gottes (in Macht) eingesetzt (Röm 1,3f). Der für Juden wie Heiden anstößige Verbrechertod Jesu am Kreuz wird zum Heilstod umgedeutet und mit der jüdischen Erwartung eines messianischen Herrschers verbunden. Christus starb stellvertretend, um die Sünden der Menschen zu sühnen (1Kor 15,3f). Diese Interpretation des Todes Jesu wird über Paulus vor allem die abendländische Theologie nachhaltig bestimmen - von der „unseligen“ Satisfaktionstheorie des Anselm von Canterbury bis hin zu Martin Luthers befreiender Wiederentdeckung der „Rechtfertigung aus Gnade allein“.

Wie die Paulus-Briefe belegen, kam es bereits in diesem Traditionsbereich zu einer weiteren Mutation des Christusglaubens. Sie wird für die Jesus-Rezeption in der hellenistischen Welt entscheidend sein. Der zum Messias avancierte galiläische Wanderprediger Jesus wird als ein göttliches Wesen angesehen (Phil 2,6). Als der präexistente Gottessohn wurde er von Gott in die Welt gesandt, um die Menschen aus ihrer Versklavung durch die kosmischen Mächte der Sünde und des Todes zu befreien (Röm 8,3; Gal 4,4f). In dem etwa 50 Jahre später, also um 100 verfassten Johannesevangelium wird der Präexistenzgedanke zur Grundlage einer Inkarnationstheologie, die die gesamte johanneische Jesusdarstellung durchdringt. Es ist der göttliche LOGOS, der in dem Menschen Jesus Fleisch wurde. Als Sohn und Offenbarer des Vaters vermittelt allein er jetzt schon den in der Taufe wiedergeborenen Menschen das wahre Leben. Mit der Divinisierung Jesu werden die Weichen zu einer Hellenisierung der zunächst jüdisch geprägten Jesusdeutung gestellt. Die Linien führen sowohl zum gnostischen Erlösermythos als auch zum spätantiken Dogma von Jesus als der zweiten Person in der Gottheit.

Das Jesusbild der drei ersten Evangelien

In den drei ersten Evangelien, die bereits zwischen 70 und 90 entstanden sind, treffen wir nochmals auf einen eigenen Strang urchristlicher Jesusdeutung. Der für Paulus und Johannes zentrale Präexistenzgedanke spielt weder bei Markus noch bei Matthäus und Lukas eine Rolle. Für alle drei ist Jesus der messianische Gottessohn. Im Markusevangelium von Gott bei der Taufe als „geliebter Sohn“ angesprochen, erweist er - als der leidende Menschensohn - seine Gottessohnschaft im Tod am Kreuz. Für Matthäus und Lukas begründet die Zeugung durch den göttlichen Geist in der Jungfrau Maria seine Messianität. Beide Evangelisten setzen jedoch in der Durchführung dieses Gedankens eigene Akzente. Im bewussten Gegensatz zu den Führern der jüdischen Aufstandsbewegung beschreibt Matthäus Jesus als den Frie-densmessias, der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe fordert und sich des von seinen Führern vernachlässigten Volkes erbarmt. Nach Lukas empfängt er die messianische Herrschaft, die ihm der Engel schon in der Verkündigungsszene verheißt, kraft der Auferweckung von den Toten und Erhöhung zur Rechten Gottes in der Himmelfahrt und übt sie in der Zwischenzeit der Kirche vom Himmel her aus.

Das NT belegt uns für die Frühzeit des Christentums eine Pluralität von Christologien. Es lassen sich verschiedene Traditionsbereiche ausmachen, in denen es im Rückgriff auf unterschiedliche Vorgaben der alttestamentlich-jüdischen Tradition zu durchaus divergierenden Jesusdeutungen kommt. Konstitutive Bedeutung für die spätere großkirchliche Lehrentwicklung gewinnt der Gedanke der „Göttlichkeit“ Jesu. Er vor allem ermöglichte es, die ur-christliche Heilsbotschaft hellenistischem Denken zu vermitteln. Wo Heil primär als Teilhabe an göttlichem Wesen verstanden wurde, musste der Vermittler dieses Heils ein Göttliches Wesen sein. Diesem Sohn-Gottes-Verständnis wurden die unterschiedlichen frühchristlichen Jesus-Deutungen zu- und untergeordnet: Gottes ewiger Sohn, der - gezeugt durch Heiligen Geist - Mensch wurde in der Jungfrau Maria, um zur Sühne der Sünden am Kreuz zu sterben, der von den Toten auferstand, in die Himmel aufgenommen zur Rechten des Vaters sitzt und am Ende der Zeiten als der Richter der Lebenden und Toten wiederkommen wird. Aus dem Jesus der Geschichte wurde - wie es schon David Friedrich Strauss formulierte - der „mythische“ Christus. Gegenstand des theologischen Nachdenkens wird die spekulative Durch-dringung des unergründlichen „Mysteriums“ der Menschwerdung Gottes. Auf der Strecke bleibt, was für den geschichtlichen Jesus das Entscheidende war: die provokative Botschaft von dem Anbruch der Gottesherrschaft als der Herrschaft der Güte. Diese dem christlichen Gedächtnis erhalten zu haben, ist das bleibende Verdienst der Tradenten der Spruchquelle Q.

Zur Spruchquelle Q und ihrer Jesusrezeption

Zuvor bedarf es einer kurzen forschungsgeschichtlichen Information über diese - den meisten kaum bekannte - „Spruchquelle Q“. Am Ende des 18. Jh. löste Lessings Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente mit der kritischen Rückfrage nach dem historischen Jesus notwendigerweise auch eine intensive Diskussion über den Geschichtswert der synoptischen Evangelien aus. In dieser Diskussion suchte man eine wissenschaftlich fundierte Erklärung des merk-würdigen Befunds, dass die ersten drei Evangelien im Aufbau und Wortlaut einerseits auffallend miteinander übereinstimmen, andererseits aber auch gravierend voneinander abweichen. Als plausibelste Erklärung setzte sich schließlich im 19. Jh. die sog. Zwei-Quellen-Theorie durch, die auch noch in der heutigen Forschung weithin akzeptiert wird. Nach ihr haben Matthäus und Lukas - unabhängig voneinander - in ihren Evangelien das Markusevangelium verarbeitet. Da beide aber über Markus hinaus noch in weiteren Texteinheiten deutliche Übereinstimmungen zeigen, lag in Analogie dazu der Schluss nahe, dass sie - neben Markus - eine zweite schriftliche Vorlage benutzt hatten, die in ihrer Originalfassung nicht erhalten geblie-ben war. Sie ließ sich nur noch hypothetisch aus dem Matthäus- und Lukasevangelium rekonstruieren. Da es sich dabei vornehmlich um Reden und Sprüche Jesu handelte, nannte man diese Sammlung die Logien- , Spruch- oder auch Redenquelle, abgekürzt „Q“.


Zunächst wurde in der Forschung Q nur als eine Materialsammlung für die ethische Belehrung der Gemeinde angesehen, die nur der Ergänzung des bei Paulus erhaltenen Kerygmas diente. Zu einer entscheidenden Neubewertung von Q kam es nach 1950 im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien. Ihre Verfasser wurden nun nicht mehr nur als Sammler und Tradenten gesehen, sondern als Autoren und Theologen, die die Jesusüberlieferung der Gemeinden in ihren Schriften einer bewussten Redaktion unterzogen hatten. Unter dem Einfluss dieser neuen Fragestellung erkannte man, dass - wie die Evangelien - auch die Spruchquelle Q einen eigenständigen theologischen Entwurf voraussetzt und uns den Zugang zu einem eigenen Strang urchristlicher Verkündigung erschließt.

Die dadurch ausgelöste intensive neuere Q-F
rschung führte zu dem Ergebnis, dass die in Q gesammelten Jesustraditionen auf die Israelpredigt von Jesusjüngern zurückgehen, die in den Jahrzehnten nach Jesu Tod bis zum jüdischen Aufstand gegen Rom - also zwischen 30 und 70 - in Galiläa wirkten. Neben der Jerusalemer Urgemeinde kam damit ein zweites bis dahin kaum wahrgenommenes palästinisches Zentrum des Urchristentums in den Blick: das Ju-denchristentum in Galiläa, dem ehemaligen Wirkbereich Jesu.
Wie wir bereits sahen, stand in der paulinisch-antiochenischen und johanneischen Theologie die Botschaft von Jesus im Zentrum. Die Q- Prediger hingegen wissen sich berufen, in radikaler Jesus-Nachfolge das einstige Wirken Jesu fortzusetzen und seine Botschaft von der Herrschaft Gottes weiterzuverkündigen. So ist es nicht verwunderlich, dass die meisten von der kritischen Forschung als „authentisch“ eingestuften Jesusworte aus diesem Traditionsbereich stammen. Indem Matthäus und Lukas die Spruchquelle Q in ihre Evangelien aufnahmen, blieben sie der späteren Großkirche erhalten.
Die schriftliche Zusammenstellung dieser Traditionen zu dem, was wir in der Forschung als Spruchquelle Q bezeichnen, setzt eine bewusste Redaktion und theologische Deutung des Überlieferten voraus. Der Überlieferungsstoff wurde zu größeren Redekompositionen zusammengefasst, erhielt durch szenische Einleitungen eine erste historisierende Rahmung und wurde in einer durchdachten Abfolge angeordnet. Diese abschließende Redaktion erfolgte wahrscheinlich gegen Ende der sechziger Jahre. Sie nimmt bereits die Zerstörung Jerusalems in den Blick und deutet sie als Folge der Ablehnung Jesu (Q 13,34f). Die in Q erhaltenen Drohworte gegen die zeitgenössische Generation spiegeln die konfliktreiche Geschichte der Jesusbewegung in Palästina wider - bis zum endgültigen Scheitern ihrer Israel-Mission in den Wirren des jüdisch-römischen Krieges.

Insofern markiert die Schlussredaktion von Q einen entscheidenden Wendepunkt der Entwicklung: Ging es jenen ersten Israelpredigern um die Bekehrung ganz Israels, so beginnen nun die Jesusanhänger sich von Israel zu lösen und als eine eigene Gruppe im Gegenüber zu Israel zu konstituieren. In dieser kritischen Phase des Übergangs - 40 Jahre nach Jesu Tod! - dient die Sammlung und Verschriftlichung des Erbes der ersten Predigergeneration der sich nun ausbildenden Jesusgemeinde dazu, sich ihrer Identität zu vergewissern. In der Erinnerung an die Botschaft Jesu wurde der eigene Standort in der Glaubensgeschichte Israels ausgemacht. Das vermag auch die verschärfte (immer noch) inner-jüdische Polemik zu erklären, die einzelne Passagen von Q bestimmt. Die vom Gros des eigenen Volkes ins Abseits gedrängte jesuanische Minderheit kehrte nun den Spieß um und stigmatisierte das eigene Volk als massa damnata. Ein Vorgang, der sich auch bei anderen Reformgruppen des zeitgenössischen Judentums - z.B. in der Qumrangemeinde - beobachten lässt und der im Matthäusevangelium weitergeführt werden wird. Es überrascht nicht, dass im Schlußlogion der Spruchsammlung denen, die Jesus nachfolgen, zugesagt wird, dass sie die zwölf Stämme Israels richten werden (Q 22,28.30).

Wie werden in Q Jesus und sein Wirken verstanden?

Wie wird angesichts der Ablehnung und des Todes Jesu der Anspruch, dass seine Botschaft heilsentscheidend ist, begründet? Anders als im paulinischen Traditionsbereich löst Q diese Aporie nicht mittels der Sühnetodvorstellung, sondern im Rückgriff auf die alttestamentliche Tradition vom gewaltsamen Geschick der Propheten. Als die prophetischen Boten der göttlichen Weisheit erleiden Jesus, aber auch der Täufer und die Q-Prediger in Israel das gleiche Geschick wie die Propheten vor ihnen. Ihre Verfolgung, selbst ihr Tod stellen ihre Sendung nicht in Frage. Im Gegenteil - ein solches Geschick bestätigt sie. Wie es schon bei den alttestamentlichen Propheten wird denen, die die Botschaft ablehnen, das Strafgericht Gottes angedroht (Q 6,22f; 10,12; 11,49-51; 13,24-35).

Q bleibt aber bei dieser prophetischen Sicht nicht stehen. Johannes ist für Q „mehr“ als ein Prophet (Q 7,26), Jesus „mehr“ als der König Salomo oder der Prophet Jona (Q 11,31f). Ihr Wirken leitet die Endzeit ein. Seit Johannes bricht Gottes Herrschaft in die Welt ein (Q 16,16). Durch Jesu Dämonenaustreibungen wird in der vom Satan beherrschten Welt Gottes Herrschaft schon präsent (Q 11,20).

Betrachten wir den Aufbau der Sammlung, dann zeigt sich ein Spannungsbogen, der die in der Spruchquelle zusammengestellte Überlieferung unter eine „christologische“ Perspektive stellt. Q beginnt mit der Gerichtspredigt des Johannes und dessen Ankündigung, dass ein Stärkerer als er kommen und alle im Gerichtsfeuer taufen wird (Q 3), und endet mit dem Kommen des Menschensohnes am Ende der Tage (Q 17). In einer geschickten redaktionellen Regie wird durch wiederholte Textsignale dem Leser deutlich gemacht, dass Jesus sowohl dieser Feuertäufer als auch der kommende Menschensohn ist, dem von Gott die eschatologische Herrschaft übertragen ist (Q 7,18-23; 10,22). In apokalyptischer Sprache wird damit ausgesagt, dass die Stellungnahme zu Jesus und seiner Botschaft endgültig über Heil oder Unheil entscheidet (Q 12,8f). Die in den Jahrhunderten der Fremdherrschaft und Unterdrückung im Judentum entstandene eschatologische Vision einer von Elend und Unrecht befreiten Welt wird an Jesus und seine Botschaft gebunden. Mit der Weitergabe seiner Botschaft wollen die Q-Prediger jene Vision in die Gegenwart hineinholen und damit eine Alternative aufzeigen, die allein menschliches Leben und Überleben ermöglicht.

Das alles geschieht nicht in einem Rückzug aus der Geschichte. Es ist die von Jesus inspirierte Reaktion auf die politische Situation in Palästina vor dem jüdisch-römischen Krieg, in der es durch die Ausweitung des Großgrundbesitzes und die Steuerlasten zu einer wachsenden Verelendung der unteren Bevölkerungsschichten kommt und in der Überfälle, Gewalt und Terror an der Tagesordnung sind. In dieser Situation ziehen die Q-Prediger durch die Dörfer, um den „Söhnen des Friedens“ die Botschaft der nahen Gottesherrschaft zu bringen. Sie wissen sich gesandt „wie Schafe unter Wölfe“. Sie verzichten auf die einfachste Reiseausrüstung, auf Proviantsack, Geld, sogar auf Sandalen und den Wanderstock, die Waffe des kleinen Mannes (Q 10). Ähnlich wie die alttestamentlichen Propheten mit ihren Symbolhandlungen zeigen sie mit ihrer Demonstration radikaler Armut und Wehrlosigkeit, wem ihre Botschaft gilt: den Armen und Friedfertigen im Lande. Zugleich zeigen sie damit aber auch, dass Leben in radikalem Gottvertrauen möglich ist (vgl. Q 12,31).

Die gesellschaftspolitische Programmatik in Q

So gesehen, enthält die Sammlung der Jesusworte auch eine gesellschaftspolitische Programmatik: Mit Jesu Seligpreisung der Armen, Hungernden, Trauernden und Verfolgten wird gerade den in der Gesellschaft an den Rand Gedrängten zugesagt, dass Gott für sie Partei ergreift. Ihnen gilt seine Zusage der Herrschaft Gottes. Er wird den Entrechteten Recht verschaffen (Q 6,20-24). Diese Zusage verlangt aber von den Sympathisanten des Menschensohnes für die Gegenwart, dass sie nicht den Weg der Gewalt gehen, sondern den Weg des Frie-dens, der Feindesliebe und des Verzichts auf Gegengewalt (Q 6,27-29). Sie fordert uneingeschränkte Solidarität mit allen, die Hilfe brauchen, und desauvriert ein nur an Gruppeninteressen orientiertes Sozialverhalten (Q 6,30-34). - „Ihr könnt euch nicht Gott und zugleich dem Mammonsdienst verschreiben.“ (Q 16,13) - Diese Zusage verbietet auch, sich zum Richter über den anderen zu machen und erinnert jeden an den Balken im eigenen Auge, der ihm die Wahrnehmung des anderen verstellt (Q 6,37f.41f). Sie will den Verfolgten die Angst vor den Mächtigen nehmen (Q 12,2-12) und die Armen aus der Lähmung durch die Sorgen des alltäglichen Überlebenskampfes befreien, um ihrem Leben jene weitere Perspektive zu geben, die Q in apokalyptischer Sprache als „Suche der Herrschaft Gottes“ beschreibt (Q 6,22-31). Konkret geht es um die durch Jesus erschlossene Chance eines von der Güte seines Gottes geleiteten menschlichen Zusammenlebens.

Das hier geforderte Ethos setzt eine bestimmte Gotteserfahrung voraus. Hinter dem Gebot der Feindesliebe steht der Gott, der Sonne und Regen allen schenkt, hinter der Forderung vorbehaltloser Barmherzigkeit der Gott, dessen Barmherzigkeit allen gilt. Die Mahnung zur Furchtlosigkeit verweist auf den Gott, der alle Haare des Hauptes gezählt hat und ohne den kein Spatz vom Himmel fällt. Sorglosigkeit wird möglich im Vertrauen auf den, der die Raben nährt und die Lilien wachsen lässt, im Wissen darum, dass wir nicht über unsere Lebenszeit verfügen können, Er aber weiß, was der Mensch braucht.

Greifen wir abschließend die eingangs gestellte Frage nach einem alternativen Christologie-Modell in Q auf. Man kann in der Identifikation Jesu mit dem (apokalyptischen) Menschensohn von Dan 7 durchaus eine weitere Sonderform des Prozesses der Christologisierung sehen, der die ur-christliche Jesus-Rezeption insgesamt bestimmt, sollte dabei aber nicht ihren spezifischen Charakter übersehen. Die „Christologie“ bleibt in Q an die Gottes-Botschaft Jesu gebunden und ist ihr untergeordnet. Er, der den Anbruch der Herrschaft Gottes angekündigt und sich in seinem Tun auf sie eingelassen hat, wird als der künftige Mandatar Gottes im endzeitlichen Geschehen schon jetzt zu ihrem Repräsentanten. So bleibt der Primat der Theologie in der Christologie gewahrt. Sich zu Jesus bekennen, heißt nichts anderes als sich zu „seiner Sache“ zu bekennen. „Christologie“ zu betreiben, kann dann nichts anderes meinen, als unter den wechselnden Herausforderungen der Geschichte dafür einzutreten, dass jener befreiende Anfang nicht verloren geht, sondern in der menschlichen Geschichte jeweils neu wirksam werden kann. Die Frage: „Was nennt ihr mich: Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (Q 6,46) bestimmt den status confessionis.


Dr. Paul Hoffmann ist Professor der Neutestamentlichen Wissenschaften an der Universität Bamberg.

(Red.) Sein Gastkommentar stellt die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags an der Universität Duisburg-Essen anlässlich des 60. Geburtstages von Professor Ulrich Busse dar. Der Vortragsstil ist beibehalten.
Wir erinnern daran, dass Anne Conrad im Heft 3/2003 (imprimatur 36, 2003, S. 133) die Textausgabe von Q in einer Rezension vorgestellt hat: "Spruchquelle Q. Studienausgabe, griechisch und deutsch", hg. von Paul Hoffmann und Christoph Heil, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002. Wer sich intensiver mit Q beschäftigen möchte, sei auf die wissenschaftlich kritische Ausgabe verwiesen, die die Ergebnisse des International Q Project - an dem 47 Wissenschaftler sieben Jahre lang mit höchster Akribie gearbeitet haben - verwiesen: The Critical Edition of Q, Leuven/ Minneapolis, MN 2000. Der Preis ist entsprechend. Sie enthält auch die in der Rezension vermissten Mt- und Lk-Paralellen.
Damit unsere Leser sich eine Vorstellung vom Text der Spruchquelle Q machen kö-nen: Sie ist u.a. in der Bergpredigt des Matthäus (und in anderer redaktioneller Bearbeitung in der Feldrede des Lukas, Lk 6,20 ff) erhalten: Beispiele sind Mt 5,3-20 (Die Seligpreisungen: Vom Salz der Erde und Vom Licht der Welt, Vom Gesetz und den Propheten); Mt 6,19-7,23 (Von der falschen und der rechten Sorge: Vom Richten, Vom vertrauensvollen Beten; Die Goldene Regel; Von den falschen Propheten).