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Die Spruchquelle Q


Die Spruchquelle Q

Herausgegeben von Prof. Paul Hoffmann
und Christoph Heil

Textauszüge:

Die Entwicklung der Q-Hypothese

Die durch die Kritik der Aufklärung am kirchlichen Christentum ausgeloste Diskussion über die Entstehung der synoptischen Evangelien fand in der Zweiquellentheorie eine die weitere Forschung bestimmende Lösung. 1835 legte der Philologe K. Lachmann das Fundament mit der Begründung der Markus-Priontät: Das Markusevangelium stehe der vorausgehenden Überlieferung noch am nächsten und habe sie relativ rein bewahrt. Der Philosoph C.H. Weiße erkannte dann 1838 als erster, dass Matthäus und Lukas in den Abschnitten, in denen sie unabhängig von Markus miteinander übereinstimmen, neben Markus eine zweite Quelle verarbeiteten.

Q als eigenständiger Strang frühchristlicher Verkündigung

Dieser Konsens änderte sich radikal seit der bei G. Bornkamm - einem der Begründer der redaktionsgeschichtlichen Methode - entstandenen Dissertation von H.E. Tödt: Der Menschensohn in der synoptischen Überlieferung. Mit dieser 1959 erschienenen Arbeit setzte sich die Einsicht durch, dass Q einen eigenen kerygmatischen Entwurf voraussetzt. Die in Q weitergegebene Jesus-Überlieferung unterscheidet sich charakteristisch von der des antiochenisch-paulinisehen Traditionsbereichs und ermöglicht den Zugang zu Geschichte und Theologie der frühen palästinischen Jesus-Bewegung. Der Quellenwert dieses Juden christlichen Dokuments erklärt auch das wachsende Interesse an Q in der internationalen Forschung.
Ausgehend von der Beobachtung, dass Q ein eigenes Kerygma und eine eigene Theologie enthielt, war der Weg auch frei für eine Analyse von Tradition und Redaktion In Q selbst.

(Die Zitation erfolgt nach Lk mit dem Kürzel Q)

Struktur von Q

Q kann wie folgt gegliedert werden:
A. Johannes, der Täufer, und Jesus von Nazara (Q 3,2-7,35)
Die Botschaft des Johannes (Q 3,2b-17)
Taufe und Bewährung Jesu (Q 3,2lf; 4,1-13)
Jesu programmatische Rede (Q 4,16; 6,20-49)
Der Glaube eines Heiden an Jesu Wort (Q 7,1-10)
Johannes, Jesus und die Kinder der Weisheit (Q 7,18-35)

B. Die Boten des Menschensohnes (Q 9,57-11,13)
Radikale Nachfolge (Q 9,57-60)
Missionsinstruktion (Q 10,2-16)
Das Geheimnis des Sohnes (Q 10,21-24)
Das Gebet der Jünger (Q ll,2b-4.9-13)

C Jesus im Konflikt mit dieser Generation (Q 11,14-52)
Zurückweisung des Beelzebul-Vorwurfs (Q 11,14-26)
Die Ablehnung der Zeichenforderung (Q 11,16.29-35)
Androhung des Gerichts (Q 11,39-52)

D. Die Jünger in Erwartung des Menschensohnes (Q 12,2-13,21)
Bekenntnis zu Jesus ohne Furcht (Q 12,2-12)
Sucht die Königsherrschaft Gottes (Q 12,33f.22b-31)
Das unerwartete Kommen des Menschensohnes (Q 12,39-46.49-59)
Zwei Gleichnisse von der Königsherrschaft Gottes (Q 13,18-21)

E. Die Krisis Israels (Q 13,24-14,23)

F. Die Jünger in der Nachfolge Jesu (Q 14,26-17,21)

G. Das Ende {Q 17,23-22,30)
Der Tag des Menschensohnes (Q 17,23-37)
Das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Q 19,12-26)
Ihr werdet die zwölf Stämme Israels richten (Q 22,28.30)

Auf einer ziemlich späten, dritten Redaktionsstufe seien
biographisierend die Versuchungsgeschichte Q 16,17 eingefügt worden.

Literarische Entstehung von Q

Die Unterscheidung von Tradition und Redaktion in Q (vgl. oben Abschnitt 3) führte zu verschiedenen Versuchen, die literarische Entstehung von Q zu beschreiben: Nach S. Schulz" stand am Anfang der Entstehung von Q die Verkündigung der Q-Gemeinde des palästinisch-syrischen Grenzraumes. Sie sei gekennzeichnet gewesen von nachösterlichem Enthusiasmus, charismatisch-eschatologischer Toraverschärfung und der prophetischen Botschaft vom nahen Schöpfergott. Diese Q-Traditionen seien neu interpretiert und ergänzt worden vom stärker hellenistischen Kerygma der jüngeren Q-Gemeinde Syriens, das durch folgende Schwerpunkte gekennzeichnet gewesen sei: der irdische Jesus, die Parusieverzögerung, das Gericht über Israel, die Heimholung von Zöllnern und Sündern sowie Jesusnachfolge und Gemeinde.

Verfasser bzw. Bearbeiter und Adressaten von Q

Die Q zugrunde liegende Überlieferung wurde zuerst von Wanderpredigern in Galiläa weitergetragen (vgl. bes. Q 10,2-12).36 G. Theißen bezeichnete sie als „charismatische Wanderradikale", ähnlich P. Hoffmann als charismatische Wanderprediger mit einem pazifistischen, antizelotischen Programm." Das Spezifische ihrer Botschaft ist die Nähe der Herrschaft Gottes (Q 10,9; vgl. Q 6,20; 11,20; 13,18-21; 16,16). Sie konnten glaubhaft das radikale Ethos Jesu vertreten: Heimatlosigkeit (Q 9,58), Familiendistanz (Q 9,60f; 14,26; 12,5L53), Besitzkritik (Q 6,20f; 12,22b-31; 16,13) und Gewaltlosigkeit. Diese wird vor allem in der Feindesliebe deutlich (Q 6,27f.35c-d), die eine auf Gott vertrauende Wehrlosigkeit und Friedensbereitschaft zeigt, die sicher nicht ohne politische Aussage waren.
Eine planvolle Heidenmission ist in Q nicht zu erkennen, Q richtete sich also an Juden (vgl. unten Abschnitt 9.2). An sie verkündeten die „Q-Boten" die Worte Jesu weiter. „Da Jesus selbst ein Wanderprediger gewesen ist, bilden die urchristlichen Wandercharismatiker eine gewisse Garantie dafür, dass uns seine Worte in seinem Geist erhalten sind."

Zeit, Ort und Zweck der Endredaktion von Q

Q enthält zwar alte Traditionen der galiläischen Jesusanhänger, wurde aber wahrscheinlich erst während des Jüdischen Krieges endgültig zusammengestellt. Q 13,35 fügt sich nämlich in die durch Josephus (Bell, 2,539; 5,412; 6,299), Tacitus (Bist. V 13,1) und der syrischen Baruchapokalypse (8,lf) bezeugte Tradition ein, dass bei der Zerstörung des Tempels Gott sein Haus verlassen hat. Q 13,35 ist also entweder eine echte Prophetie kurz vor 70 n. Chr., oder das Logion blickt wie Josephus, Tacitus und der Autor der syrischen Baruchapokalypse auf dieses Ereignis zurück.

Die Deutung Jesu in Q

Q beginnt mit der Botschaft des Johannes (Q 3,2b-17) und dessen Ankündigung des „Kommenden" (Q 3,16b-17).Während Johannes wahrscheinlich Gottes Kommen erwartete, wird diese Ankündigung in Q auf Jesus bezogen, insofern er der kommende Menschensohn ist (Q 7,18-35). Johannes wird zum Wegbereiter Jesu (Q 7,27). , Fragt man nach der „Christologie" von Q, so muss zunächst konstatiert werden, dass die besondere Bedeutung Jesu in Q ohne Passions- und Auferstehungserzählung ausgedrückt wird; Kreuzestod und Auferstehung werden nicht - wie etwa bei Paulus und Markus - in ihrer Bedeutung für das Hell der Menschen gewürdigt und reflektiert. In Q entspricht der Tod Jesu dem Propheten-Schicksal (Q 11,49-51; 13,34f).
Es ist weiterhin auffällig, dass der Titel „Messias/Christus" in Q nicht vorkommt. Der Titel „Sohn Gottes" erscheint nur in den von der Q-Redaktion hinzugefügten Berichten über die Taufe und die Versuchungen Jesu (Q 3,22; 4,3.9); an diesen Stellen verstand die Q-Redaktion „Sohn Gottes" wohl als messianischen Titel.
Die Konzentration auf christologische Titel in der älteren Forschung schöpft jedoch die christologische Deutung Jesu in Q nicht aus. Sie drückt sich vor allem auch in seinen Funktionen aus; so wirkt Jesus z.B. in Q besonders als Wortverkündiger, während er im Markusevangelium stärker als Wundertäter in Erscheinung tritt. Diese Akzentuierung macht gerade Q 7,22 zu einer faszinierenden Ausnahme in Q: Demnach vollbringt Jesus die messianischen Taten von Jes 61,1 (vgl. Q 6,20). Als letzter, endzeitlicher Bote Gottes erfüllt Jesus mit seiner Verkündigung und seinem Werk die prophetischen Weissagungen (vgl. Q 10,24; 11,311).
Einem christologische Titel kommt in Q allerdings größere Bedeutung zu: dem Menschensohn. In Q 6,22; 7,34; 9,58 wird vom „gekommenen" Menschensohn gesprochen; die darauf folgenden Menschensohn-Worte in Q 11,30; 12,8.10.40 und Q 17,24.26.30 reden dagegen vom „kommenden" Menschensohn, nämlich Jesus, der - wie man aus frühjüdischen Texten und dem Matthäusevangelium erschließen kann - vor allem seiner Kompetenz als Richter wiederkommt; er wird das göttliche Urteil vollziehen. Nach H. Köster, J.M. Robinson und J.S. Kloppenborg wurde in einer frühen literarischen Q-Schicht „Menschensohn" nicht-titular verwendet; so zeige EvThom 86 den ursprünglich nicht-titularen Gebrauch für die Parallele Q 9,58 an.Erst in der redaktionellen Endform von Q werde „Menschensohn" immer als hochchristologischer Titel verstanden. Hier wird dann Jesus als der gekommene, irdische mit dem kommenden „Menschensohn" - und dem kommenden Feuerrichter (Q 3,7-9.16b-17)! identifiziert. Somit wird die Wortverkündigung Jesu eschatologisch relevant (vgl. Q 6,46).
P. Hoffmann wies darauf hin, dass die Vorstellung von Jesus als dem Menschensohn/Weltenrichter zur Zeit des Jüdischen Krieges, als die Krise apokalyptische Erwartungen hervorbrachte, ein wichtiges Interpretament für die Q-Gruppe wurde. Daher sei diese Vorstellung erst bei der Endredaktion von Q um 70 n. Chr. zur entscheidenden christologischen Deutungskategorie der Jesustradition geworden. Dementsprechend ist in der Sicht der Q-Redaktion die Lösung für die verzweifelte politisch-religiöse Lage nicht eine gewaltsame, messianische Revolte, sondern die plötzliche, wunderbare Wiederkunft Jesu als Menschensohn (Q 17,23f).

In Q wird Jesus auch mit der Weisheit in Beziehung gesetzt. Als „Kinder der Weisheit" (Q 7,35) werden die Boten der Weisheit bezeichnet, vor allem Johannes und Jesus, aber auch die Q-Gruppe. Jesus übertrifft Salomo und dessen Weisheit (Q 11,31). Die Weisheit sendet „Propheten und Weise" (Q 11,49). Insgesamt wird Jesus in Q jedoch nicht mit der Weisheit identifiziert.

Heilsgeschichte und Eschatologie

Für die Sicht der Heilsgeschichte in Q spielen „das Gesetz und die Propheten" keine zentrale Rolle. Wichtig ist vielmehr der Anbruch, die Nähe der Gottesherrschaft. Diese Zeit der Erfüllung beginnt für Q mit dem Auftreten des Johannes, vor allem mit dessen Predigt (vgl. Q 16,16). Johannes ist im Reich Gottes, auch wenn er „kleiner" als Jesus und seine Nachfolger ist (vgl. Q 7,28).
Deren Botschaft richtet sich an Israel. Da sich das jüdische Volk ganz mehrheitlich nicht der Q-Gruppe anschloss, kommt es in Q zu heftiger Polemik gegen „diese Generation" (Q 7,31-35; 11,29-32.49-51). Diese Polemik bestimmt Q 3,7-9; 10,10-15; 11,14-52; 13,24-35 und gipfelt in Q 22,28.30: „Ihr .., die ihr mir nachgefolgt seid, werdet .. auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten."

Heiden waren zwar nicht die Adressaten von Q, gläubige Heiden werden aber mehrfach dem ungläubigen Israel gegenübergestellt (Q 7,9; 10,13-15; 11,30-32).
In der Eschatologie von Q ist eine durch den Jüdischen Krieg revitalisierte Naherwartung erkennbar. Der Tag des Gerichts ist zwar rein zukünftig und hat keinen präsentischen Aspekt, steht aber unmittelbar bevor (Q 17,23-37; vgl. Q 3,7-9.16b-17; 10,12-15). Dabei ist zu beachten, dass sich das Gericht sowohl gegen „dieses Geschlecht" wie gegen die Gemeinde richtet (letzteres in Q 6,47-49; 12,8f; 12,42-46; 19,12-26).

Q und der historische Jesus

Q hat viele wertvolle Traditionen aufbewahrt, die auf den historischen Jesus zurückgehen. Daher zählt Q neben dem Markusevangelium zu den wichtigsten Quellen für die Rückfrage nach Jesus.
Man darf jedoch nicht übersehen, dass diese Traditionen im Überlieferungsprozess und durch die Endredaktion von Q überarbeitet und ergänzt wurden.66 So hat etwa J-M. Robinson darauf hingewiesen, dass die jesuanische, Verkündigung eines sorgenden, barmherzigen Vatergottes (vgl. u.a. Q 6,27f.35c-d.36; 12,22b.24-30) von der Q-Redaktion - offenbar unter dem Eindruck des seit 66 n. Chr. geführten grausamen Jüdischen Krieges - stärker auf das Bild eines richtenden und strafenden Gottes hin akzentuiert wurde (vgl. Q ll,39b-52 [bes. 11,49-51]; 13,24-35 [bes. 13,34f]; 19.12-26).67 Hier ist immer wieder daran zu erinnern, dass zum Kern der Botschaft Jesu die Aufforderung zur Feindesliebe gehört, in Nachahmung der universalen Fürsorge Gottes (Q 6,27f.35c-d.36) - auch wenn man die Gerichtsbotschaft Jesu nicht ignorieren darf.

Q in der Geschichte des frühen Christentums

Nimmt man die Bedeutung von Q und dessen Trägerkreis ernst, hat das Konsequenzen für die Darstellung der Geschichte des frühen Christentums. In den Jahrzehnten nach Ostern bildet neben den drei verschiedenen Entwicklungslinien des paulinischen, synoptischen und johanneischen Christentums Q mit seiner Trägergruppe eine vierte Entwicklungslinie. Diese ermöglicht den Zugang zu Geschichte und Theologie der frühen palästinischen Jesus-Bewegung.
Entgegen einer einlinigen romantisch-harmonischen Entfaltung des christlichen Glaubens wird man auf plurale „Entwicklungslinien" aufmerksam. Die Eigenart und Eigenständigkeit von Q entlarvt die These von einer im ersten Jahrhunden n. Chr. allgemein anerkannten „Dogmatik als anachronistisch und apologetisch.
In Q liegt ein sehr frühes Zeugnis des Judenchristentums vor. Dieser Aspekt gewinnt zunehmende Bedeutung, da das Judenchristentum wachsendes wissenschaftliches Interesse genießt, ohne dass Q dafür bisher ausreichend ausgewertet wurde. Auch die Bedeutung des an Judenchristen und Juden adressierten Q-Dokuments für den heutigen christlich-jüdischen Dialog wurde bisher kaum untersucht.