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Die Quelle Q


Die Quelle Q
http://www.universums.eu/Kap04/Quelle.htm

Wir haben in den vorigen Kapiteln bereits erwähnt, dass beim Vergleichen der Evangelien sofort auffällt, dass nicht nur viele Texte gleichen Inhalts sind, sondern dass sogar ganze Teile wörtlich übereinstimmen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die frappierenden Übereinstimmungen zu erklären:
1. Sie haben voneinander abgeschrieben, d.h. nach der Datierung gemäss Kap.7 schrieb Matthäus von Lukas und Markus ab und Lukas schrieb von Markus ab, oder
2. Sie haben alle drei von einem inzwischen verloren gegangenen Text abgeschrieben, aber Matthäus und Lukas haben auch von Markus abgeschrieben.
Markus hat 985 Verse, Matthäus 1190 und Lukas 1138. Matthäus hat mit Lukas 240 Verse und mit Markus 600 Verse gemeinsam und Lukas hat mit Markus 350 Verse gemeinsam. Daraus folgt automatisch: Markus hat als Sondergut 35, Matthäus 350 und Lukas hat als Sondergut 548 Verse. Was ist Sondergut? Als solche werden eigenständige Verse bezeichnet. Betrachten wir die Verse, die Lukas nur mit Matthäus gemeinsam hat, dann fällt sofort auf, dass es sich hier ausschließlich um Herrenworte handelt. Hätte Matthäus von Lukas abgeschrieben, dann wären sicherlich auch Verse anderer Art dabei gewesen, z.B. die Passionsgeschichte oder die Wundergeschichten. Da dies nicht der Fall ist und die Anzahl der Verse auch nicht gering ist und damit von Zufall keine Rede sein könnte, ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass diese Texte einem heute verschollenen Text entnommen wurden. Hinzu kommt, dass zuerst die Überlieferungen mündlich weiter gegeben wurden. Als dann die erste Generation von direkten Zeugen allmählich wegstarb, sah man wohl die Notwendigkeit die Überlieferungen schriftlich festzuhalten um verlässliche Quellen zu haben. Die Passionsgeschichten und die Herrenworte gehören zu den ältesten Schichten der Überlieferung. Dies scheint eine plausibele Erklärung für die Übereinstimmungen der Texte in den verschiedenen Evangelien. Auch das apokryphe Thomas-Evangelium gilt als Sammlung von Herrenworten.
Diese sogenannte Zwei-Quellen oder Zwei-Dokumente Theorie wird heute international von vielen Exegeten angenommen und gilt auch interkonfessionell als erklärungsadäquat. Doch wie lauten die Argumente dafür? Ist eine kennzeichnende markinische Theologie und Redaktion zu erkennen? Ja, diese werden bei Mt und Lk angetroffen, umgekehrt ist das aber nicht der Fall. Diese Kennzeichen werden hauptsächlich dort angetroffen, wo Mt und Lk voneinander abweichen, eine Erklärung dafür, dass Mt und Lk unabhängig voneinander redigiert wurden.
Die Theologen nennen die verschollene Quelle die Logienquelle (Q) 1), wobei als Vorlagen für Matthäus und Lukas das Markus-Evangelium und die Logienquelle gedient haben sollen und Markus ebenfalls Q vorgelegen haben soll. Markus war ein Wegbegleiter des Petrus und nach diesem nennt man das Markus-Evangelium auch die P-Schrift, und bezeichnet die Logienquelle nach dem deutschen Wort "Quelle" bzw. als Nachfolgeschrift mit Q-Schrift. Eine rekonstruierte Logienquelle weist bei einer heutigen Rückübersetzung ins Aramäische dichterische Qualitäten auf, mit Wortspielen und poetischen Phänomenen, so ähnlich wie die Verse im Koran im Arabischen eine ganz andere Qualität bekommen als in einer anderen Sprache. Dies ist ein Indiz für den aramäischen Ursprung dieser Schrift, obwohl der Text in Griechisch verfasst wurde.
Die Zweiquellentheorie besagt, dass das Mk-Evangelium das älteste der drei synoptischen Evangelien ist und von Mt und Lk als erste Quelle benutzt wurde. Als zweite Quelle wurde die zuvor erwähnte Quelle Q benutzt. Man sieht einen weiteren Beweis darin, dass die Vorgeschichten von Mt und Lk weit auseinander gehen und sich genau dort treffen, wo Mk mit dem Bericht über Johannes den Täufer einsetzt. Dann stimmen die Aufrisse überein bis Mk 16, 8 wo Mt und Lk mit den Ostergeschichten auseinandergehen. Manchmal ist die Reihenfolge z.B. bei der Bergpredigt von Mt anders, und Lk stimmt überein. Niemals verfolgen Mt und Lk gemeinsam eine andere Reihenfolge als Mk. Man folgert daraus, dass das Mk Evangelium den beiden anderen als Vorlage gedient hat. Die Zwei-Quellen Theorie erklärt auch gut die Doubletten. Die Reden in Mt/Lk sind in einem Fall gleich, in anderem Fall finden sie keine Parallele bei Mk (Mt 10,39 = Lk 14,27) oder (Mt 16,24 = Mk 8,34 = Lk 9,23). Die Erklärung ist, dass Mt und Lk in einigen Fällen aus Mk entlehnen, in anderen Fällen aus Q. Deshalb gibt es Stellen, die bei Mk und Q gleich bzw. gleichbedeutend gewesen sein müssen.
Die Entstehung des Markus-Evangeliums datiert wahrscheinlich auf kurz vor 70 n. Chr., denn die Zerstörung Jerusalems wird nicht erwähnt. Sogar wird von Theologen gemutmaßt 2), dass Teile von Markus auf das Jahr 40 zurückgehen. Mk 13, 14: » 14 Wenn ihr aber den Greuel der Verwüstung sehen werdet, <von dem gesagt wurde,> dass er steht, wo er nicht soll - wer es liest, der vernehme es! - alsdann...« Hiermit soll das Standbild Caligulas († 41), das im Jerusalemer Tempel für eine kurze Zeit aufgestellt wurde, gemeint sein. Aber dies basiert auf einer Prophezeihung und ist natürlich unsicher. Nach der Überlieferung wurde das Markus Evangelium durch einen Mitarbeiter von Petrus nach dessen Tod in hellenistischem Umfeld fertig gestellt. Die Sprache ist volkstümlich und lässt an vielen Stellen die aramäische Sprachgrundlage erkennen. Nach einer Überlieferung wurde Markus im Jahre 67 von Ungläubigen in den Straßen Alexandriens zu Tode geschleift. Sein Grab wurde zur Andachtsstätte; bis die Venetianer seinen Leichnam - zwischen Schweinefleisch versteckt - nach Venedig brachten, wo er heute noch in dem Dom San Marko liegt.
1) Ausdruck zuerst von P. Wernle 1899 benutzt.
2) Günther Zuntz.
Man muss natürlich wissen, dass alle Evangelisten mehr oder weniger stark redigiert (= theologisch reflektiert) haben. An manchen Stellen erweiterten Mt und Lk den Text (Mk 8,29), um eine erbaulichere theologische oder genauere historische Beschreibung zu geben. Der Name des Hohenpriesters Abjatar wurde von beiden weggelassen. Matthäus korrigierte die Beschreibung der Jünger, die bei Mk unter Kritik stehen, sowie die Beschreibung der Familie Jesu. Wiederum gibt es Stellen wo der Inhalt von Mt und Lk gemeinsam aber gleichermaßen von Mk abweicht, jedoch lassen sich einige dieser Stellen, die als "kleine Übereinstimmungen" bezeichnet werden, z.B. beim Königstitel von Herodes Antipas, einfach erklären. Weitere "kleine Übereinstimmungen" haben zu der Annahme geführt, dass das älteste heute bekannte Mk-Evangelium eine andere Bearbeitung erfuhr als die Version, die Mt und Lk vorlag (Alfred Fuchs). Dies lässt sich wie folgt schematisch darstellen:

Die ältesten bekannten Mk-Evangelien enden mit dem Finden des leeren Grabes. Er schreibt: "Er ist nicht hier" und "Er geht nach Galilea voraus". Was nun genau passiert ist, sagt der Mann im weißen Gewand nicht. Dass das Grab nicht leer war, wird heute von einigen angenommen, aber dafür gibt es keinen "wissenschaftlichen" Anhaltspunkt. Man kann alles behaupten; nur ohne Gewährsmann Markus − in diesem Falle - stehen solche Annahmen auf ziemlich wackeligen Füßen. Alles Mögliche kann passiert sein; wir wissen aber nichts darüber. Wenn man Markus (und Q) nicht als zuverlässige Quelle für die geschichtlichen Ereignisse annimmt, kann man sich jegliche Bibelkritik eigentlich ersparen. Eine wissenschaftliche Kommunikation scheint dann nicht mehr möglich, da persönliche Vorstellungen die verschiedenen Bilder generieren. Gerade dass das ursprüngliche Markusevangelium beim Finden des leeren Grabes endet, spricht für eine recht zuverlässige Berichterstattung. Der sogenannte sekundäre Markusschluss (16, 9-20: der Auferstandene, Aussendung, Himmelfahrt) kann frühestens bis ins 2. Jh. zurückverfolgt werden und setzt die Kenntnis der Ostergeschichten der drei anderen Evangelien voraus. Er fehlt in den alten Codizes Sinai und Vaticanus B (ägyptisch-alexandrinisch). Auch die ursprünglichen Evangelien von Matthäus und Lukas enden beim Finden des leeren Grabes. Überhaupt ist es verwunderlich, aber doch gut möglich, dass ein Gekreuzigter damals begraben wurde, denn es war üblich, dass die Leichname zur Warnung und Abschreckung hängen blieben.
Folgende Geschichten sind übereinstimmend in Mt und Lk - aber nicht in Mk- zu finden: Predigt Johannes des Täufers, Versuchung Jesu, Feldrede, Hauptmann von Kapernaum, Sprüche über den Täufer, Aussendungsrede, Vaterunser, Jüngersprüche, Senfkorn und Sauerteig, das große Abendmahl, eschatologische Mahnworte und die anvertrauten Pfunde.
Welche Hilfsmittel stehen den modernen Synoptiker-Exegeten zur Verfügung? Man kennt z.B. die Regel der ´lectio difficilior´. In Lk 11, 50-51 und Lk 23, 35 fällt die umständliche Formulierung bei Lukas auf, während bei Matthäus der Text sich wesentlich glatter liest. Nach dieser Regel bietet nun Lukas wahrscheinlich den ursprünglichen Text 3) . Ebenfalls kann man von typischen Satzbildungen sprechen, z.B. bei Matthäus: Einleitung eines thetisch formulierten Satzes mit eschatologischem Bezug, gefolgt von zwei antithetisch konditional formulierten Sätzen.
3) ´Die Redaktion der Logienquelle´, Dieter Lührmann, Neukirchener Verlag 1969.
Seit dem ersten Rekonstruktionsversuch von Q durch Harnack (1907) 4) hat es mehrere internationale und interkonfessionelle Versuche gegeben den Text zu rekonstruieren. Das Verfahren ist im Prinzip einfach: Wenn man bei Lukas und Matthäus alle übereinstimmenden Teile nimmt, dann aber die Teile herauslässt, die bei Mk zu finden sind, entsteht ein Text, der Einzelsprüche enthält und in dem Spruchgruppen zusammengestellt sind, eben die "Redenquelle". Ein formal und inhaltlich gleiches Werk liegt in dem "Mahnredenbuch" der jüdisch-apokalyptische Sammlung 1 Henoch vor. Auch die "Didache" ist vergleichbar. Aber bei einer Rekonstruktion von Q sind noch weitere Kriterien zu beachten, wenn nämlich bei Abweichungen zwischen Markus, Lk und Mt zu entscheiden ist. Diese sind Aufbau, Sprache, Stil, Kompliziertheit der Formulierung, Vorstellung und natürlich die Reihenfolge. Seit V. Taylor (1953/ 1959) nimmt man die lukanische Reihenfolge als die weniger veränderte Form an. Die Zwei-Quellen Theorie - man findet im Internet unter dem Begriff "documenta Q" viele Informationen - steht der Zwei-Evangelien-Theorie gegenüber: Mt und Lk entstanden zuerst, daraus erst Mk, wie allgemein von den Kirchenvätern angenommen wurde. Der größte Nachteil dieser Theorie ist, dass dann die Reihenfolge der Texte in Mt und Lk nicht übereinstimmt. Eine Standard Q-Ausgabe fehlt bislang, verständlich, da keiner weiß, ob bestimmte Teile von Markus nun zur Q gehören oder von ihm selbst stammen. Ein Grund ist natürlich auch, dass man bisher keinen solchen Text gefunden hat und eine Rekonstruktion deshalb spekulativ bleibt. Vor allem die Reihenfolge in Q bleibt unsicher. Trotzdem hantieren viele namhafte Exegeten mit dem Begriff Q.

Und was sollen diese Erkenntnisse nun bringen außer in den Lehrbetrieben Professorentitel für diesbezügliche Untersuchungen? Dies kann so beantwortet werden: nimmt man Q (von Kap 1 - 53) und integriert diesen in Markus (bis zu Mk 16,8: "und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich."), dann erhält man einen, biblisch-historisch gesehen, sehr glaubwürdigen Text. Man wähnt sich am dichtesten bei den ersten Texten. Dieser Text fängt mit Johannes dem Täufer an und endet beim leeren Grab. Die Zwei-Quellen Theorie hilft dem Leser, die Synoptiker von der Beginnphase (Logien Jesu) bis zur Endphase (die Redaktion der Evangelisten) zu verstehen. Auch die spirituelle Eigenheit jedes Evangelisten stellt sich so besser dar.
Wählt man für Q noch eine Übersetzung, die dem griechischen Wortlaut so eng wie möglich folgt (F.J. Schierse z.B.), so wirkt der Text noch ursprünglicher. Die Übersetzung und Satzstellung ist dann eng an den griechischen Text angelehnt. Allerdings liefern eine wortgetreue Übersetzung (Elbersfelder) und eine solche angelehnte Satzstellung oftmals ein gekünsteltes Deutsch. Persönlich halte ich eine Übersetzung, die alle Worte möglichst wörtlich nimmt, aber in der Satzstellung ein möglichst gutes Deutsch anstrebt, für die beste Übersetzungsart. Die oftmals für unser Sprachgefühl fremden Wendungen können eine gute Nähe zu den alten Texten vermitteln. Ein Centurio bleibt ein Centurio und wird nicht zum Hauptmann von Hundert, und ein Lepton bleibt ein Lepton (kleinste griechische Münzeinheit - bis vor kurzem noch bekannt) und wird nicht zum Scherflein oder Pfennig. Ein gutes Übersetzungsbeispiel von Mk 1,10: "Und gleich aufsteigend aus dem Wasser, sah er sich spalten die Himmel und den Geist wie eine Taube herabsteigen..."
Ein Theologe hat mal gesagt: "Zwischen unserer heutigen Zeit und dem ersten Jahrhundert in Israel und den heutigen Menschen mit ihren modernen Vorstellungen und den damaligen Zeitgenossen steht eine Art Wand." Es geht darum diese Wand durchsichtig zu machen wie Glas, erst dann können wir im Kontext (= Zusammenhang) besser verstehen lernen. Es geht nicht darum, dass bestimmte doktrinäre kritische Betrachtungsweisen (wie bei Bultmann oder Schlatter) bibelkritisch die Texte in ein vorgefertigtes Raster zwingen, sondern dass durch eine kritische Hinterfragung unser Verstehensmuster fundierter geformt wird.
4) ´Synopse zur Redenquelle der Evangelien´, Wolfgang Schenk, Patmos Verlag 1981 ISBN 3-491-77330-X

Führen wir eine Rekonstruktion von Q durch: Man weiß, ob ein Vers von Q stammt, wenn dieser Vers nicht bei Markus vorkommt, aber wohl bei Mattäus und Lukas. Sind beide letztere nicht gleichlautend, muss der Schriftkundige sich für den einen oder anderen Teil entscheiden und Q zuordnen. Die Entscheidung fällt meistens nicht schwer, da Matthäus und Lukas typische Ergänzungen bzw. Änderungen vornahmen. Sind beide letztere gleichlautend, gehört der Vers auch zu Q. Es gibt Verse, die bei allen drei Synoptikern vorkommen. Sind alle drei gleichlautend, schreibt man den Vers Markus zu, ohne es aber zu wissen, ob dies früher wirklich der Fall gewesen ist. Sind Matthäus und Lukas gleichlautend und abweichend von Markus, gehört der Vers ebenfalls zu Q. Sind alle drei nicht gleichlautend, aber handelt es sich um den gleichen Inhalt, dann muss der Schriftkundige sich wiederum für den einen oder anderen Teil entscheiden. Es gibt aber Verse, die zwar über den gleichen Gegenstand handeln, aber sonst sehr unterschiedlich sind. Bei denen ist eine Entscheidung sehr schwer, ob diese nun von Q oder Markus stammen. Diese sind aber sehr wenige - der Vers Lk 13, 19 ist dafür ein Beispiel (das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn). Da man sich wegen der Unterschiedlichkeit nicht einfach für eine Versart entscheiden darf, kommt er in einem gesamten Text von Markus und Q eben zweimal vor. Das braucht auch weiter nicht zu stören, denn nach aller Wahrscheinlichkeit wurde vor einem Publikum manches Herrenwort wiederholt. Insgesamt handelt es sich hierbei um zehn solche Textstellen. Darüber hinaus gibt es gleich am Anfang zwei Stellen, wobei es sich nicht um wiederholbare Mahnworte oder Predigten handelt, sondern um eine einmalige geschichtliche Beschreibung. Das sind: Teile der Bußpredigt von Johannes und die Führung in die Wüste. Es handelt sich hier um drei Verse. Hier halten die Forscher Q für ursprünglicher.
Bei der Rekonstruktion stellt sich heraus, dass Q aus drei Blöcken plus zwei Versen besteht:
75 Verse am Anfang, 144 zusammenhängende Verse in der Mitte, 13 zusammenhängende plus zwei einzelne Verse am Ende. Insgesamt also: 234 Verse. Dass die Verse aus nur wenigen zusammenhängenden Blöcken bestehen, kann als weiteres Indiz für die Richtigkeit der Q-Theorie gelten. Ein Forscher hat mal alle Wörter gezählt 5) und fand 3861 Q-Wörter bei Matthäus und 3663 Q-Wörter bei Lukas. Da 1851 Wörter - also rund 50 % - in Reihenfolge und Form identisch waren, wurde diese Berechnung als Beweis für eine wahrscheinliche ehemalige Existenz von Q gewertet. Eine weitere Frage ist: Ist Q eine ´Sammlung´ oder eine ´Redaktion´? 6) Q gehört zur Paränese, Ermahnung der bekehrten Gemeinde durch die Lehrer und beantwortete den Bedarf an schriftlichen Überlieferungen für diejenigen, die Jesus nicht gekannt hatten 7). Eine Redaktion erscheint wahrscheinlich (Jesus und dieses Geschlecht, Gerichtsankündigung gegen Israel). Zur Q gehörte nicht die Passionsgeschichte.
Wer auf diese geschilderte Weise Markus und Q zusammenhängend liest, findet keine Stellen, die absolut unerklärlich wären, wohl einige, die Verwunderung erwecken könnten. Typischer Inhalt: Spruchüberlieferung, Weisheitsspruch, Drohwort, Gesetzesregel. Ein die Redaktion bedingendes Motiv ist die bereits vorgefundene Gerichtsankündigung und die Weiterverkündigung durch die Gemeinde. Man mag einen Trend erkennen: Zunächst viele Heilungen, Seligsprechungen und ein aus allen Richtungen herbeiströmendes Volk; dann folgen Streitgespräche, Ermahnungen, Drohungen, Reden über die schreckliche Endzeit und sogar ein Feigenbaum wird verflucht. Dann kommt das Ende: Verrat, elender Tod und das traumatische Erlebnis eines leeren Grabes.
5) Morgenthaler 1971.
6) Bultmann.