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Notwendige Abschiede


Notwendige Abschiede
von Klaus Peter Jörns (Seite 108)

Es bedeutet nun einen gewaltigen Bruch mit dieser synoptischen Tradition, wenn der Evangelist Johannes in seinem ca. 30 Jahre später geschriebenen Evangelium weder das Vaterunser noch irgendeins der Gleichnisse aus Jesu Mund überliefert, obwohl er sie gekannt haben wird, und obwohl sie ein Zentrum der Verkündigung des historischen Jesus darstellen. Der Grund dafür ist, daß der im Johannesevangelium begegnende Jesus Christus für Johannes und seine Gemeinde selbst die Gestalt ist, in der die Christen Gott wahrnehmen: »Wer mich sieht, sieht den Vater« (14,9), sagt er, ja, »ich und der Vater sind eins« (10,30). Mit anderen Worten: »Jesus ist in seiner Person die Selbstoffenbarung Gottes« 14. Im Sohn, und nicht nur durch ihn vermittelt, soll der Vater von den Christen verherrlicht werden (14,13). Damit hat sich das Verhältnis von Jesus und dem Vater-Gott entscheidend verwandelt. Da alle Evangelien nach Ostern geschrieben worden sind und bereits die Erfahrungen mit dem Auferstandenen einschließen, halte ich es für sinnvoll, trotz des wichtigen Rückbezuges auf die Verkündigung des geschichtlichen Jesus durchgängig von Jesus Christus zu sprechen.
Zwar findet sich auch schon bei Paulus der Glaube »an den Präexistenten und Erhöhten mit gottheitlichem Status«, aber »die Vergöttlichung des irdischen Jesus« erreicht erst im Johannesevangelium ihren Höhepunkt. Ausdrücklich ausgesprochen wird der Glaube, daß Gott sich in Jesus Christus verkörpert, »inkarniert« hat, nur im Johannesevangelium, und zwar im sogenannten »Prolog«, der programmatischen Einleitung (1,1-14). Und nur in diesem Evangelium wird - der auferstandene - Christus als Gott angeredet (»Mein Herr und mein Gott«: 20,28), und zwar von demjenigen Jünger, der kurioserweise als »ungläubiger Thomas« sprichwörtlich geworden ist. Thomas führt damit das neue Credo ein, zu dem der Auferstandene selbst ihn aufgefordert hatte (20,27). Damit sind die Weichen zu einem innerreligiösen Pluralismus im Gesamt der vier Evangelien und der zu ihnen gehörenden Gemeinden gerade vom Gottesverständnis her gestellt. Denn wenn diejenigen, die Gottes Herrlichkeit sehen wollen (1,14-18), auf Jesus Christus schauen müssen, dann kann dieser nicht mehr von sich weg, sondern er muß auf sich selbst weisen. Und deshalb erzählt Jesus bei Johannes keine Gleichnisse vom Himmelreich mehr, aus denen das Angesicht Gottes herausschaut, sondern er weist auf sich selbst, sagt »ich«. Zentrum der Verkündigung und Selbstexplikation des Johanneischen Christus sind darum die »Ich-bin-Worte«, die die Gleichnisse verdrängen. Und sie sagen: Jesus selbst ist das Brot des Lebens (6,35.48), die Quelle des Lebenswassers (4,10-15), das Licht der Welt (8,12), die Tür (10,7.9), der gute Hirte (10,14), die Auferstehung und das Leben (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6), der rechte Weinstock (15,1.5). Alles also, was Menschen von Gott erwarten, um Leben in Zeit und Ewigkeit zu haben, finden sie bei ihm, nur bei ihm (14,6). Erst er, nicht der Jesus der Synoptiker, kann von sich sagen, wie der Vater »das Leben in sich selbst zu haben« (5,26), und daß ihn zu erkennen, ewiges Leben ist (17,3).
Im Evangelium nach Johannes ist also die Schwelle zum Glauben an die Gottheit Jesu Christi ausdrücklich überschritten. Damit wird das Jesusbild der Synoptiker abgelöst, das ihn dem Vater-Gott als messianischen Sohn Gottes prinzipiell unterordnete. Es ist ausgeschlossen, daß sich der historische Jesus in der Christologie des Johannesevangeliums wiedererkannt hätte. Aber in ihr ist ja auch schon theologisch zu Ende gedacht worden, was es bedeutete, daß der getötete Jesus am Ostermorgen auferstanden und nun als der »erhöhte« Christus bei Gott war. Die Feststellung, daß der historische Jesus sich nicht als Gott verstanden hat, schließt eine andere, nicht weniger weitreichende Aussage ein: Keine der urchristlichen Gemeinden, in denen die Evangelien nach Matthäus, Markus oder Lukas als die theologisch jeweils zu ihnen passende Jesus-Überlieferung regelmäßig im Gottesdienst verlesen worden sind, hätte sich mit dem Verständnis von Jesus Christus identifizieren können, wie es im Johannesevangelium vorliegt. Und umgekehrt hätten die Anhänger der Johanneischen Sicht das Jesusbild der Synoptiker zumindest als überholt, wenn nicht gar als Herabwürdigung des nun als Gott geglaubten Jesus Christus verstanden.
Religionsgeschichtlich gesehen, wird mit der Johanneischen Theologie ein neues Gottesbild neben das alte, jüdisch geprägte gestellt. Außerdem hat Johannes bereits reflektiert, wie diese neue göttliche Einheit von Vatergott und Jesus Christus bei den Menschen präsent ist: im Geist (Joh 15,26). Diese Gedanken werden später im kirchlichen Dogma vom dreifaltigen Gott in den Gestalten von Vater, Sohn und Heiligem Geist besiegelt. Damit hat die Kirche versucht, die Gottesfrage vom Gesamt der in unserem Alten Testament enthaltenen jüdischen (»Gott, der Vater«) und in unserem Neuen Testament enthaltenen christlichen (»Gott, der Sohn«) Überlieferungen her zu beantworten und dabei den im Geist gegenwärtigen Gott mit einzubeziehen. Der sogenannte Taufbefehl (Mt 28,19: »Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«) ist dazu nur eine Vorstufe gewesen, weil Jesus Christus bei Matthäus noch keinesfalls Gott ist. Was sich da insgesamt entwickelt hat, kann ich auch so beschreiben: Im Dogma der Dreifaltigkeit (Trinität) spiegeln sich die Erfahrungen, die Menschen über Jahrhunderte hin im Mittelmeerraum mit Gott gemacht haben: daß er sich auf die Menschen zu bewegt hat und dabei in unterschiedlichen Gestalten wahrgenommen worden ist. Die Trinität sagt, so besehen, daß Gott in der Begegnung mit den Menschen seine Gestalt ändern kann.
Die wechselseitigen Verwerfungen von Juden und Christen haben seit dem ersten Jahrhundert ihren Grund in diesem christlichen Bekenntnis zur Gottessohnschaft: und vor allem zur Gottheit Jesu Christi, und andererseits in deren radikaler Bestreitung durch traditionsgebundene Juden und Judenchristen gehabt. Daß im christlichen Kanon vier sehr unterschiedliche Evangelien nebeneinander gestellt worden sind, lehrt aber, daß der christliche Glaube am Anfang noch in der Lage gewesen ist, ein großes Spektrum von Gottesvorstellungen auszuhalten. Das Christentum ist auf der Basis eines religionsinternen Pluralismus gewachsen. Es hat allerdings durch das Bekenntnis, daß der auferstandene Jesus Christus Gott ist, einen unversöhnlichen Kampf mit römisch-hellenisti-schen Religionen und mit den Juden um die Wahrheit ausgelöst. Daß sich das Christentum seinerseits in unterschiedlichen Kirchentümern und Theologien weiterentwickelt hat, ist eine natürliche Folge aus seinem schon im Anfang begründeten Pluralismus. Ihm verdanken sich aber auch noch andere Evangelien und Christusbilder, die über den Rahmen der biblischen Evangelien hinausgehen und nicht mehr in den Kanon aufgenommen worden sind. Die frühkirchliche Frömmigkeit und Kunst haben sie trotzdem stark beeinflußt - wie besonders die sogenannten »Kindheitsevangelien« zeigen.
Fest steht aber auch, daß sich unter dem Dach des Neuen Testamentes mit dem Nebeneinander einer traditionell jüdischen Gottesvorstellung, wie sie bei den Synoptikern prinzipiell noch gewahrt wird, und jener eben beschriebenen Grenzüberschreitung hin zum Glauben an die Gottheit Jesu Christi im Johannesevangelium dem Grunde nach auch schon ein interreligiöser Pluralismus etabliert hat. Ihn - und mehr noch das Dogma vom trinitarischen Gott, in dessen Mitte der Gott-Mensch Jesus Christus steht - können Juden und Muslime nicht akzeptieren. Denn im Zentrum ihrer Gottesvorstellung steht der Monotheismus eines ganz und gar jenseitigen Gottes. Daß die Christen am Nebeneinander der vier Evangelien und der beiden Teile des biblischen Kanons festhalten, bedeutet deshalb heute wie in der frühen Christenheit ein ausdrückliches »Bekenntnis zur Pluralität«. Dafür, daß dies auch heute theologisch sinnvoll und zu verantworten ist, müssen wir allerdings eine eigene Begründung geben. In ihr geht es dann nicht mehr allein um Typenreinheit im Sinne klassischer Religionstypologien. Sondern in ihr müssen dann auch diejenigen Erfahrungen mit Gott vorkommen, die nach dem Abschluß des Kanons haben gemacht werden können.