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Die Einführung des fremden Evangeliums

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Die Einführung des fremden Evangeliums
in den kirchlichen Gebrauch Kleinasiens.

Textauszüge ab Seite 183 aus Studien zum vierten Evangelium
von Emanuel Hirsch
Verlag von J.C.B. Mohr (Paul Siebeck, Tübingen 1936

Nunmehr stehen wir vor der abschließenden Aufgabe, die Brücke zu schlagen zwischen dem ursprünglichen vierten Evangeliums das in Syrien auftaucht, und dem kirchlichen Johannesevangelium, das in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts von Kleinasien her die Kirche erobert. Wir bringen dazu Kenntnis der kirchlichen Redaktion als solcher nach Art, Verfahren und Absicht mit. Wir haben ferner Dokumente dieses Brückenschlags auch außerhalb der Arbeit von Redaktion kennengelernt und insofern Momente des Hergangs schon sicher gepackt. Es kommt allein darauf an, uns auf Grund aller in der vorhergehenden Kapitel erarbeiteten Einzeltatsachen ein möglichst genaues Bild von dem geschichtlichen Hergang, der in dieser Redaktion, sich manifestiert, und danach auch von der Persönlichkeit des Redaktors zu machen.

Die Überlieferungsgeschichte führt zu dem Ergebnis:
Nicht allzulange vor 140 n.Chr. ist in Kleinasien das vierte Evangelium in seiner kirchlich bearbeiteten Gestalt als ein vorher unbekanntes neues Buch aufgetaucht hat zunächst Zurückhaltung, ja stillen Widerwillen bei den Theologen gefunden, sich dann aber trotz einiger durch Montanismus bedingten offenen Anfeindungen im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts bei den führenden Theologen und Kirchenmännern durchgesetzt.

(Der Montanismus war eine christliche prophetische Bewegung seit etwa 160 n.Chr. in Kleinasien. Die Mitglieder glaubten, Offenbarungen des Heiligen Geistes zu besitzen, die ihrem Gründer Montanus angesichts des nahen Weltendes eingegeben worden seien. Ihre strenge Ethik war auf eine Erneuerung und Vervollkommnung der kirchlichen Lebensordnung (Martyrium, Ehe, Fasten, Buße) ausgerichtet. Die Bewegung wurde später als Häresie verurteilt. Wikipedia).

Dieser Tatbestend fügt sich mit dem Ergebnis der literarkritischen Analyse des Evangeliums und der des ersten Johannesbriefes leicht zu einem geschichtlichen Bilde zusammen. Man hat Folgendes anzunehmen. Durch irgendeinen Zufall bekam ein kirchlicher Theologe einer der größten griechisch redenden Städte Kleinasiens das ursprüngliche vierte Evangelium (vor 140 n.Chr.) als Werk eines unbekannten, schon verstorbenen Jüngers (Menschen die Jesus nachfolgten) Jesu Christi in die Hand. Das Werk ergriff ihn durch seinen Inhalt. Es überzeugte ihn davon, dass dieser Unbekannte ein vertrauter Jünger Jesu Christi gewesen sein müsse, und er kam auf den Gedanken des Lieblingsjüngers. In seiner Phantasie schmolz ihm dieser Lieblingsjünger mit dem verstorbenen großen Herrenjünger Johannes zusammen, den die kleinasiatische Gemeinde als wahren Gründer der Kirche ihres Landes ansahen. Das wurde ihm dann – was durch beginnendes allgemeines Mißverständnis des Namens „Herrenjünger“ für den ephesinischen Johannes sehr erleichter war – der Beweis, dass dieser Johannes der Johannes aus dem Zwölferkreis gewesen sei. Kein Zweifel, in dieser Lage war es seine heilige Pflicht, das unbekannte Werk dieses Großen in den Gebrauch seiner Kirche einzuführen. Damit stand er vor einer doppelten Notwendigkeit. Einmal, er mußte die innere Evidenz in die äußere Authentie umsetzen. Dazu wählte er den Weg, durch redaktionelle Zusätze im Evangelium und ein Nachtragskapitel welches das Evangelium in die Tradition vom Zwölferkreis her fest einzufügen. D.h. also den Weg, die Hypothese vom Lieblingsjünger in das Evangelium selbst hineinzutragen und in einem Nachtragskapitel diesen Lieblingsjünger außerdem ausdrücklich mit dem gleichzusetzen, der in Ephesus als letzter Zeuge der alten Zeit gestorben war und von dem man in Kleinasien noch wußte, er habe eigentlich eine Verheißung oder Offenbarung besessen, daß er bleiben solle, bis Jesus wiederkomme. Er unterstützte diese Arbeit gleichzeitig durch die Fingierung eines Briefes dieses Augenzeugen an die Kleinasiaten, in dem dieser kleinasiatische Kirchlichkeit mit den Worten des Evangeliums vortrug und so das Evangelium mittelbar selbst bestätigte.
Sodann aber mußte er das Evangelium durch weitere redaktionelle Zusätze und Richtigstellungen ganz auf die kleinasiatische kirchliche Linie bringen und dafür Sorge tragen, dass es nicht im gnostischen Sinne und nicht im Sinne eines Kampfes gegen die kirchliche Autoritäten mißbraucht werden konnte. In dieser Hinsicht empfahl sich dann auch ein vorsichtiger Ausgleich mit dem Jesusbild des Matthäus und der Matthäus verwandten Evangelien. Das war, abgesehen von einer kleinen Liebhaberei für chronologische Genauigkeit, aber auch so ziemlich alles, was er tat.
Aus dem Ganzen dieser Bemühungen entstand das, was ich die kirchliche Ausgabe des Johannesevangeliums genannt habe, sowie der erste Johannesbrief. Ein Mitarbeiter und Vertrauter dieses „Redaktors“, wie wir jenen ersten Kleinasiaten einseitig auch ein Fortsetzer, vollendete seine Arbeit, indem er den ersten Johannesbrief erweiterte und zwei weitere hinzufügte. Am Evangelium hat er wahrscheinlich nichts mehr getan. Und damit war denn nicht nur das Johannesevangelium in seiner heutigen Gestalt fertig, sondern auch die begleitenden drei Briefe. Mit diesen Ergänzungen erst kam das Werk des Redaktors an die Öffentlichkeit. Trotz einiger Kämpfe und Schwierigkeiten setzte sich das Werk des Redaktors und seines Mitarbeiters oder Fortsetzers durch. Allein der zweite und dritte Brief hatten wegen des verdächtigen „Presbyters“ nun einen begrenzten Erfolg, aber das störte die Hauptrichtung nicht. Dieser ganze Vorgang aber geschah zwischen 130 n. Chr und 140 n.Chr.

Der Redaktor sieht die eine Heidenkirche, die er kennt, als einzige Kirche Jesu Christi an und erkennt also keine von ihr abgesonderte judenchristliche Gemeinschaft (Joh. 10.16). Nur die Christen jüdischen Blutes, die mit der großen Kirche in Verbindung stehen, können ihm Christen sein. Die Ungültigkeit des Gesetzes des Moses für Christen steht ihm fest (sonst wäre er nie dem Wort des ursprünglichen vierten Evangeliums erschlossen gewesen). Er ist aber vielleicht ein Christ jüdischer Herkunft (Joh. 4.22), denn seine Betonung der Gemeinsamkeit jüdischer und christlicher Anbetung im Gegensatz nicht nur zum heidnischen, sondern zum samaritischen Dienst ist kaum anders als aus jüdischer Herkunft zu erklären. Mag man immerhin daraus erinnern, dass die Samariter den kirchlichen Christen ganz allgemein als Urheber der Gnosis verhaßt worden waren, - außer bei Hegesipp, der aus den palästinischen Verhältnissen herkommt, wird man solche Abwertung der Samariter gegen die Juden im 2. Jahrhundert kaum finden.

Der Redaktor hat alles in allem das Evangelium, das er für den kirchlichen Gebrauch rettete, nicht in seiner eigentlichen Tiefe verstanden. Was ihn an dem Evangelium angezogen hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach das reichentfaltete christologische Selbstzeugnis Jesu gewesen. Das entspricht wenigstens ganz der seit Irenäus einsetzenden Wirkung des vierten Evangeliums. Er hat die Grundbegriffe und die Grundlinien für die werdende kirchliche Christologie geliefert.
Bis auf den heutigen Tag liegt in dem dogmatischen Interesse, die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu mit Worten Jesu selber zu begründen und zu entwickeln, die Hauptanziehungskraft des vierten Evangeliums für Kichenchristen.

Und so endet die Untersuchung des vierten Evangeliums mit dem Ausblick auf eine durch sie notwendig gewordene neue Darstellung der Geschichte des ältesten Christusglaubens.