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Das Johannesevangelium - Kommentare


Das Johannesevangelium

Neues Testament - Einführungen Texte Kommentare.
Herausgegeben von Gerhard Iber in Verbindung mit Hermann Timm
(Piperverlag Seite 383)

Zu diesem Buch.
Die Schriften des Neuen Testamentes, der wichtigsten Quelle des
Christentums, werden in dieser zum Standardwerk gewordenen Ausgabe des "Buches der Bücher" neu erschlossen. Für die Auswahl der neutestamentlichen Schriften war nicht die Überlieferung, sondern die Sicht der heutigen Forschung maßgebend. Den Verfassern gelingt es auf diese Weise, die vielen zum Verständnis des Neuen Testamentes notwendigen Informationen in größere Orientierungseinheiten zu bündeln, die dem Leser helfen können, den Ursprung und die Kriterien des christlichen Glaubens besser zu durchschauen.

Evangelium und Briefe des Johannes bilden eine Schriftengruppe für sich.
Sie sind Dokumente eines theologischen Denkens mit ausgeprägter Eigenart und von eindrucksvoller Geschlossenheit der Konzeption. Johannes, wie die altkirchliche Überlieferung den anonymen Verfasser nennt, zählt zu den großen Theologen des Neuen Testamentes. (Mit Johannes ist der Jünger Jesu gemeint, Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus. Durch diesen Namen sollten die Schriften mit apostolischer Autorität versehen werden.
Historisch ist diese nachträgliche Verfasserangabe wertlos. Wie kein anderer hat er die theologische Begriffsbildung gesprächsfähig gemacht,
insbesondere dadurch, daß er Jesus in dem berühmten Prolog seines
Evangeliums Logos nannte und damit einen Begriff an ihn herantrug, der für das philosophische Denken von zentraler Bedeutung war.

Am ursprünglichsten kommt das johanneische Denken im Johannesevangelium zur Sprache. Der äußeren Form nach enthält es wie die synoptischen Evangelien einen Bericht von den Taten und der Verkündigung Jesu. Das Besondere an ihm ist jedoch, daß es die Erzählebene immer wieder bewußt überschreitet und auf das Feld abstrakter theologischer Erörterungen führt. So gewinnt die
Evangelienerzählung eine tiefe Hintergründigkeit und eigentümliche
Transparenz. Die Kehrseite ist, daß sich die historischen Konturen des
Wirkens Jesu verwischen. Vielfach verlieren sich die Erzählungen in langen Reden; in einigen Fällen werden sie nicht einmal zu Ende erzählt. Johannes kann nicht mehr naiv darstellen, was sich "unter uns" zugetragen hat, wie das Lukas tat; er sieht seine Aufgabe vor allem darin, den theologischen Bedeutungshorizont des Werkes Jesu sichtbar zu machen. So ist es zu verstehen, daß er in seinem Buch nicht erst bei Johannes dem Täufer oder der Geburt Jesu einsetzt, sondern bis an den Uranfang, in die Ewigkeit Gottes zurückgeht und die Geschichte Jesu hier ihren Ursprung und Ausgangspunkt nehmen läßt: Er ist der göttliche Logos, der "im Anfang" war, die Welt schuf und alles, was ist, mit Leben erfüllte. In ihm ist der Logos Mensch geworden und in ein irdisches Lebensschicksal hineingetreten. Die "Herrlichkeit" dieses göttlichen Logos, die hinter der irdischen Geschichte Jesu für das Auge des Glaubens sichtbar geworden ist - das ist es, worum es Johannes geht.

Das Johannesevangelium ist unabhängig von den Synoptikern entstanden. Unter anderem beweist das der andere Aufriß; in dem es das Wirken Jesu beschreibt. Meist sind es aus andere Traditionen, die in ihm verarbeitet sind. Die Berührungen und Übereinstimmungen beschränken sich auf wenige Erzählungen und Aussprüche. Lediglich in der Passions- und Ostergeschichte laufen die synoptische und die johanneische Darstellung weitgehend parallel. Ebenso große Unterschieden bestehen im Verhältnis des Evangelisten zur vorgegebenen Tradition. Die Synoptiker haben die ursprüngliche Form der Überlieferungen weitgehend unangetastet gelassen und sich bemüht, ihre eigenen Gedanken im Medium der Überlieferung zur Geltung zu bringen. Anders Johannes. Bei ihm
steht die eigene theologische Aussage beherrschend im Vordergrund. Er
bedient sich der Überlieferung in weitgehender Freiheit, was sich an dem
Umfang der Veränderungen und kommentierenden Zusätze zeigt und paßt sie nahezu völlig in seine Konzeption ein.

Am Johannesevangelium fällt zunächst auf, daß es hauptsächlich von Wundern Jesu berichtet. Das hängt mit seiner Überlieferungsgrundlage zusammen. Deutliche Spuren weisen darauf hin, daß Johannes eine Sammlung von Wundererzählungen benutzte, die sogenannte Zeichen-Quelle. Hier wurde Jesus als "göttlicher Mensch" geschildert, der seine Machtfülle in unvorstellbaren Taten vorführt - ähnlich wie in den synoptischen Wundergeschichten. Die Johanneische Zeichen-Quelle betont jedoch ungleich stärker das Wunderhafte; sie erzählt weithin einfach bestürzende Mirakel. Typisch für sie sind Geschichten wie das Weinwunder in Kana oder die Auferweckung des Lazarus, wo Jesus nicht einen gerade Verstorbenen ins Leben zurückruft, sondern einen Mann, der schon vier Tage im Grabe liegt.

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, daß Johannes ihnen gegenüber ein
theologisches Unbehagen empfunden hätte. Im Gegenteil. Gerade Erzählungen dieser Art konnten die Herrlichkeit Jesu anschaulich machen. Sie sind für ihn nicht mitgeschleppte Tradition, sondern wesentlicher Bestandteil seines Evangeliums. Das heißt jedoch nicht, daß auch er in Jesus vor allem den großen Wundermann sah. Er setzt sich von der Christologie der Wunder-Quelle bewußt ab. Anders als sie sieht er in den Wundern nicht eindeutige und beweiskräftige Manifestationen göttlicher Kraft, sondern Zeichen, die als Hinweis auf das Eigentliche verstanden werden wollen - dem Mißverständnis ausgesetzte Zeichen: Nur die Glaubenden erfahren hier etwas von der Herrlichkeit Jesu; die anderen sind lediglich Zeugen eines Mirakels. Deshalb erzählt Johannes nicht nur, sondern reflektiert zugleich darüber, was sie bedeuten; und er tut das in einer geradezu modern anmutenden Weise. Er deutet sie symbolisch, als anschauliche Darstellungen einer Glaubenswahrheit. Daß die berichteten Vorgänge sich wirklich zugetragen haben, daran zweifelt er freilich nicht.

Die Wunder gehören bei Johannes in den Rahmen einer viel weiter
ausgreifenden christologischen Konzeption hinein. Jesus erscheint in seinem Evangelium als der vom Himmel herabgestiegene Gesandte, der in seinen Worten und Taten Gott "offenbar" macht und die Wirklichkeit Gottes im Raum der Welt zur Geltung bringt. Er tut, was ihm Gott gezeigt, und redet, was er von Gott gehört hat, wie es in typisch johanneischer Formulierung heißt. In seiner Person begegnet Gott selbst, ist Gott gegenwärtig unerfahrbar geworden. Wer an Jesus glaubt, hat Gott. Wer ihn bestreitet, weil er sich Gott anders denkt oder etwas anderes von ihm will als dies, was Jesus bringt, dem wird entgegengehalten, daß Gott und Jesus im Wesen und Handeln eine Einheit darstellen. Johannes bringt diese Einheit vor allem dadurch zum Ausdruck, daß er Jesus nicht nur den geläufigen Würdenamen "Sohn Gottes" beilegt, sondern das Verhältnis Gottes zu Jesus als die Wesenseinheit von "Vater" und "Sohn" beschreibt.

Hinter dieser christologischen Anschauung ist die Offenbarer- und
Erlösergestalt zu erkennen, die im Mittelpunkt der Gnosis steht und
religionsgeschichtlich gesehen hier auch ihren Ursprung hat. In vielen
Wendungen und Motiven scheint dieser Hintergrund noch durch. Insbesondere ist aufschlußreich, daß Johannes Aufstieg und Rückkehr Jesu in die himmlische Welt neben seinem Kommen in die Welt zu einem wesentlichen Bestandteil des Heilsgeschehens macht. Im Gnostischen Mythos ist der Aufstieg des himmlischen Gesandten neben der Offenbarungsmitteilung das entscheidende Ergebnis. Aufsteigend erkämpft er den Sieg über den "Fürsten dieser Welt" und die gottwidrigen Mächte, die den Menschen gefangen halten, und bahnt so den Weg in die himmlische Licht-Welt. Ähnlich spricht auch Johannes von Jesu sieghafter" Erhöhung" und "Verherrlichung" und von dem darin sich vollziehenden Gericht über die Welt und ihren Herren. Der Abschluß des Heilswerks besteht darin, daß der Erhöhte die Seinen nach sich zieht und ihnen bei Gott Wohnung macht.

Das Entscheidende ist bei alledem, daß Johannes "Erhöhung" und
"Verherrlichung" Jesu an das Kreuzigungsgeschehen bindet. Für ihn bedeutet Erhöhung eigentümlich doppelsinnig: Erhöhung ans Kreuz, wie er umgekehrt das Kreuz als den Ort begreift, an dem Jesu Herrlichkeit eindeutig und sieghaft zur Geltung kommt.

Der gnostische Hintergrund zeigt sich auch in der Sprache des
Johannesevangeliums. Insbesondere beweist das die dualistische
Begrifflichkeit, die das Evangelium weithin prägt. Immer wieder stößt man
auf Gegensatzpaare wie Licht-Finsternis, Wahrheit-Lüge, Leben-Gericht oder Freiheit-Sündenknechtschaft. In der Gnosis bezeichnen solche Dualismen seinsmäßig gegebene gegensätzliche Sphären, das heißt: die himmlische Welt Gottes im Gegensatz zu der irdisch-materiellen, diesseitigen Welt. Der Evangelist teilt diese Anschauung jedoch nicht. Trotz seiner gnostischen Sprache ist er kein Gnostiker. Ganz ungnostisch sieht er in dieser irdischen Welt Gottes Schöpfung. Der göttliche Logos, der sich in die Welt begibt, kommt in sein Eigentum. Die Welt ist für ihn nicht "an sich" , von "Natur" aus Finsternis, Lüge, Todeswelt und böse, sondern erst dadurch, daß sie Gottes Gesandten abweist und seinem Anruf gegenüber sich auf sich selbst versteift.

Das Geschehen, in dem Gott in der Welt offenbar wird, sind die Taten und
Reden Jesu. Im Rahmen der johanneischen Konzeption haben die Reden freilich ein deutliches Übergewicht; sie erst enthüllen den Sinn der Taten als Gottesoffenbarung. Das eigentliche Werk Jesu ist nach Johannes also sein Offenbarungswort.

Die Reden des Johannesevangeliums sind im Gegensatz zu denen der
synoptischen Evangelien wirkliche Reden. Sie behandeln ein Thema, entwickeln einen Gedankengang, diskutieren Einwände und zeigen Konsequenzen auf.
Rhetorisch sind sie von unverkennbarer Eigenart. Diese besteht darin, daß
sie nicht auf einem Gedankenweg von Punkt zu Punkt fortschreiten, sondern reflektierend eine thematische Mitte umkreisen. Von daher eignet ihnen eine gewisse Unbewegtheit.


Die Reden des johanneischen Jesus behandeln eine Fülle verschiedener Themen: Wiedergeburt, Lebensbrot, Licht der Welt, freimachende Wahrheit, der gute Hirte, der wahre Weinstock. Hinter diese Mannigfaltigkeit verbirgt sich im Grunde nur eine Aussage. Vielfach variirt und dennoch mit geradezu monotoner Eindringlichkeit verkündet sie immer wieder das eine: daß Jesus der Offenbarer Gottes ist, in die Welt gesandt, um den Menschen Rettung und Leben zu bringen. Die Höhepunkte der Reden sind häufig die für Johannes typischen "Ich-bin-Worte", in denen sich Jesus das Licht der Welt, das Brot des Lebens, die Wahrheit oder das Leben nennt. Damit ist nicht nur ausgesprochen, wer Jesus "an sich" ist, sondern zugleich, was er für die Menschen ist, was er bedeutet. Licht, Wahrheit, Brot, Leben bezeichnen das worauf die Menschen in ihrem Leben grundlegend angewiesen sind und wonach sie suchen. All das ist er! Die prägnanten "Ich-bin-Worte" sind so die Fixpunkte johanneischer Christologie. Die herkömmliche christologischen Titel Jesu sind zwar im Johannesevangelium auch zu finden; sie spielen aber keine beherrschende Rolle.

Das "Ich-bin", in das Johannes die Christusbotschaft zusammenfaßt, ist auf dem Hintergrund einer Welt zu sehen, die angefüllt war von den
verschiedensten Offenbarungen und religiösen Angeboten. Er will damit den Blick auf den Zimmermannssohn aus Nazareth lenken, der allein das ist, was da versprochen wird. Er erhebt für ihn einen absoluten Anspruch. Zu beweisen gibt es nichts. Es gilt vielmehr: Wer Jesu hört, jetzt in dem Augenblick, in dem er ihm begegnet, ist vom Tod ins Leben hinübergeschritten, lebt im "Licht" und in der "Wahrheit". Aber ebenso entschieden heißt es über den, der nicht glaubt: Er ist noch in seinen Sünden, ist in Finsternis in die Stunde der Begegnung mit Jesus und seinem Offenbarungswort. Der Glaubende empfängt "jetzt" Leben, wie umgekehrt über den Nichtglaubenden in der Glaubensverweigerung das endgültige Urteil gefallen ist. Der Schritt, den Johannes mit dieser Deutung tat, ist von außerordentlicher Tragweite. Er hat als erster Theologe die eschatologische Erwartung ihrer mythischen Gestalt entkleidet und ihren zeitlos gültigen Gehalt durchsichtig gemacht.

Das Johannesevangelium hat es schwer gehabt, in der alten Kirche allgemeine Anerkennung zu erlangen. Der Boden, auf dem es entstand, war nicht die offizielle Kirche, sondern eine konventikelhafte, in sich geschlossene Gemeinde, vermutlich in Syrien um die Wende zum 2. Jahrhundert. Das Johannesevangelium war kein gnostisches Evangelium, aber es stand der gnostischen Theologie verdächtig nahe. So konnte man das jedenfalls sehen.
Die Bedenken wurden später dadurch bekräftigt, daß die christlich-häretischen Gnostiker im 2. Jahrhundert sich mit Vorliebe auf das Johannesevangelium beriefen. Trotz aller theologischen Bedenken jedoch hat man auf dieses auch von seiten der rechtgläubigen Kirche nicht verzichten wollen. Um es kirchlich annehmbar zu machen, hat man es allerdings schon bald nach seiner Abfassung einer Redaktion unterworfen und, gewissermaßen mit dem Stempel der Rechtgläubigkeit versehen, neu herausgegeben. In dieser Fassung liegt es heute vor.

Die Spuren des Herausgebers lassen sich deutlich erkennen. So ist dem Buch offensichtlich ein Nachtrag (Kap. 21) angefügt worden. Vieles spricht dafür; daß der Herausgeber auch in den Text des Evangeliums selbst eingegriffen hat. Die Stellen sind leicht auszumachen, weil sie den Gedankengang stören, andererseits aber Gedanken eintragen, die zum Grundbestand urchristlicher Theologie gehörten, nämlich die Zukunftserwartung und Sakramente. So hat das Johannesevangelium seine ursprüngliche Geschlossenheit eingebüßt; es ist jedoch als Ganzes erhalten geblieben.